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Der geheime Aufschrei der Ringier-Frauen

Vergeblich versuchten die Bosse, dieses Dokument zu unterdrücken. Aber nach Tamedia melden sich nun Ringier-Frauen zum Protest.

Die ganze Branche wunderte sich. Im Streichelzoo Tamedia beschweren sich Dutzende von Mitarbeiterinnen über «strukturellen Sexismus», legen Zeugnis ab von unerträglichen Arbeitsbedingungen, von Unterdrückung, Missachtung, Übergriffen, Diskriminierung.

Aber bei Ringier, wo immer noch der Boulevard-Journalismus zu Hause ist? Lautstark erzählte Zoten, Blondinen- und andere Herrenwitze, anzügliche Blicke, Gesten, dumme Sprüche wie «der Rock könnte kürzer sein, aber der Artikel länger» oder gar «willst du mal mit was anderem als einem Bleistift spielen», das ist doch weiter an der Tagesordnung.

Zudem wird die Atmosphäre täglich durch Crime- und Sex-Storys aufgeheizt, über unvorstellbare Perversionen und als Ratgeber verkleidet über hemmungsloses Ausleben der Sexualität geschrieben. Doch mehr als drei Wochen nach dem Protestbrief aus dem Hause Tamedia herrschte an der Dufourstrasse (und an den anderen Standorten des Konzerns) Grabesstille unter den Frauen.

Werden bei Ringier die Frauen wirklich besser behandelt als bei Tamedia?

Könnte es wirklich sein, dass an der Werdstrasse ein testosteronbefeuerter Sündenpfuhl herrscht, während bei Ringier Frauen ausschliesslich mit Respekt, Anstand und Höflichkeit begegnet wird? Frauen zudem die gleichen Aufstiegschancen wie Männer bekommen? Als Gender-Vorbild gilt hier Ladina Heimgartner.

Raketengleich ihr Aufstieg. 2020 an Bord gekommen, als Leiterin Corporate Services. Kaum hatte sie die Kommandobrücke betreten, wurde sie schon nach oben weiterbefördert, CEO der Blick-Gruppe. Dann auch noch «Head of Global Media und Mitglied des Group Executive Board von Ringier». Davon könnten sich die protestierenden Tagi-Frauen eine Scheibe abschneiden.

Umso irritierender, was ZACKBUM hier enthüllt. Es gibt nämlich das Pendant zur Protestnote bei Tamedia. Wie es zum Stil des Hauses passt, ist das Schreiben der Ringier-Frauen durchaus knalliger abgefasst. Hier der Ausriss des Anfangs.

Der Anfang des Protestschreibens bei Ringier. Es folgt eine weitere Seite.

Die Vorwürfe gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Sexistische Sprüche, Machogehabe, Gelächter und Naserümpfen bei sogenannten Frauenthemen, unsägliche Abqualifizierungen wie «geh doch menstruieren, du hysterische Kampflesbe» oder «deine einzige Chance hier wäre, dich hochzuschlafen. Aber dafür bist du viel zu hässlich». Oder: «Dein Artikel liest sich, als hätte ihn ein Hamster geschrieben. Dreht sich und dreht sich, kommt aber nicht voran.»

Laut Briefkopf ist das Schreiben am 8. März verfasst worden, also passend zum internationalen «Tag der Frau». Aber wieso ist es bis heute nicht in Umlauf oder an die Öffentlichkeit gekommen? Auch da offenbaren sich Unterschiede zu Tamedia. Denn bei Ringier gibt es keine Liste von Unterzeichneten. Nur eine einzige Frau wagt es, sich hinzustellen; sie unterzeichnet mit «Im Namen der Mehrheit der Ringier-Mitarbeiterinnen». Und Ihr Name ist –Ladina Heimgartner.

Mutige Frau: Ladina Heimgartner (Foto: Ringier) 

Wir konnten ein kurzes Gespräch mit ihr führen, um mehr über die Hintergründe zu erfahren.

ZACKBUM: Sie haben im Namen von weiteren Frauen bei Ringier unterzeichnet. Wie viele sind es?

Heimgartner: Wie ich schreibe, es ist die Mehrheit der weiblichen Ringier-Angestellten. Die Zahl können Sie aus dem Geschäftsbericht entnehmen.

Befürchten Sie keine Repressionen, keinen Unterbruch Ihrer beeindruckenden Karriere?

Kurz geantwortet: nein. Die längere Version: Natürlich habe ich es mir lange und sorgfältig überlegt, ob ich mich so exponieren will. Aber: wenn nicht ich, wer dann? Ich bin ja sozusagen die ranghöchste Frau im Haus, mal abgesehen von Ellen Ringier natürlich.

Sind denn die Zustände bei Ringier so schlimm?

Sie sind noch schlimmer. Ich wollte es längere Zeit gar nicht glauben, da ich mir vom SRF her einen ganz anderen Umgang gewohnt war. Aber nachdem hier im Hause immer mehr Mitarbeiterinnen Vertrauen fassten und mir unfassbare Geschichten erzählten, teilweise mit identischen Inhalt und mit den gleichen Tätern, musste ich umdenken.

Beschreiben Sie, nennen Sie doch Namen.

Auf keinen Fall. Ich finde es sehr bedauerlich, dass dieses Schreiben nun auch den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Denn es ist völlig klar: ein solcher Protest ist am wirkungsvollsten, wenn er intern erfolgt. So muss niemand das Gesicht verlieren, man kann sich ernsthaft zusammensetzen, um Lösungen zu suchen.

Die Vorwürfe sind deutlich massiver als bei den Kollegen von Tamedia.

Das mag daran liegen, dass wir hier im Hause vielleicht eine andere Art von Journalismus betreiben. Vielleicht sind wir direkter, schneller unterwegs zum Ziel, müssen angesichts der Textlängen möglichst ohne Umwege zum Kern vorstossen. Das beeinflusst sicherlich das verbale Klima.

Reden wir noch über die Forderungen. Was erwarten Sie von der Geschäftsleitung, von der Besitzerfamilie?

Unser Ansprechpartner ist Marc Walder, CEO, Mitbesitzer und Vertrauter der Familie Ringier. Wir können es gut miteinander, er hat sofort Hand zum Dialog geboten.

Leider war es aus Zeitgründen nicht möglich, dieses Interview von Heimgartner autorisieren zu lassen. Aber wir sind uns sicher, dass sie damit einverstanden ist.

 

 

Auf den ersten und zweiten «Blick»

Die E-ID und die unabhängige Berichterstattung: auf klarem Kollisionskurs.

Wenn die Nachfrage nachlässt, gibt’s Rabatt. Ein altbekanntes Prinzip, angewendet im ältesten Gewerbe der Welt – wie auch von Medien. Leider gibt es eine weitere Gemeinsamkeit.

So wie jede käufliche Dame auf Wunsch oder zur Kundenbindung behauptet, dass der jeweilige Benutzer der tollste Hengst sei, dem sie jemals begegnete, gibt jedes Medienhaus markige Geräusche von sich, dass bezahlter Inhalt und redaktionelle Leistung nichts miteinander zu tun hätten, deutlich getrennt seien, das eine niemals das andere beeinflusse.

Gleichzeitig wurde ein ganzer Zoo von Werbeauftritten erfunden, der nichts anderes im Sinn hat, als diese Grenze zu verwischen.

In den guten alten Zeiten war klar: Wenn links das Inserat des Detailhändlers steht, dass Schweinefleisch diese Woche besonders günstig sei, und rechts ein redaktioneller Beitrag, dass wissenschaftliche Studien erwiesen hätten, dass der regelmässige Verzehr von Schweinefleisch gegen Herzinfarkt, Inkontinenz und Krebs wirke, sahen da nur sehr naive Leser keinen Zusammenhang.

Dass das meiste, was über Kosmetika, Reisen, Autos oder Shoppingtipps erscheint, weder selber bezahlt, noch ausgewählt wurde, ist altbekannt. Unsichtbar, aber auch sehr wirksam sind sogenannte Partnerschaften. Also Bank XY zahlt einen grossen Batzen an das Folkfestival, ausgerichtet von Zeitung YZ. Da versteht es sich von selbst, dass spätestens der Chefredaktor einem unverständigen Journalisten klarmacht, dass es überhaupt keine gute Idee sei, etwas Kritisches über Bank XY zu schreiben.

Die Publireportage in immer neuen Kleidern

Von der anderen Richtung her arbeitet all das, was früher schamvoll Publireportage genannt wurde. Also eine Werbung, die so nahe wie möglich an den redaktionellen Inhalt heranrückt. Aufmachung, Typo, Layout, Look and Feel, alles möglichst ähnlich.

Weiterhin ist das Prinzip das gleiche, Reportage ist nix, und Publi bedeutet schlichtweg: da hat einer dafür bezahlt, aber auch hier gibt es immer wieder neue Wortschöpfungen. Native Ad ist so eine, wenn der bezahlte Inhalt in ein möglichst werbefreundliches Umfeld gestellt wird.

Das machen inzwischen alle, von der NZZ abwärts. Aber der «Blick» legt schon noch einen Zacken zu, wie es sich für den Boulevard gehört. Denn zufälligerweise ist der CEO und Mitbesitzer Marc Walder der Gründer und Präsident von «digitalswitzerland».

Das ist ein Zusammenschluss von rund 140 Firmen, die die Schweiz zum «digitalen Hub» machen wollen.

Der digitale Hub und die digitale ID

Trotz Lockdown und damit der Unmöglichkeit, gross Abstimmungskampf zu betreiben, nähert sich der nächste Abstimmungssonntag mit grossen Schritten. Da steht im Schatten der Debatte über das Burkaverbot auch die Frage, ob die Schweiz eine E-ID haben will oder nicht.

Jetzt wird es einen Moment typisch schweizerisch filzig. «digitalswitzerland» hat sich zu einem Who’s who der Schweizer IT-Branche, Banken, Versicherungen und Grossfirmen gemausert. Hier sind fast alle dabei, die CS, die UBS, Swiss Re, die Post, unvermeidlich Ruedi Noser, dazu der CEO der NZZ – und der CEO der «Swiss Sign Group», Markus Naef.

Dann muss man nur noch wissen, dass Swiss Sign mit der Swiss ID schon einen Riesenflop gelandet hat. Und natürlich dabei wäre, wenn wie vom Bundesrat gewünscht die Ausstellung der neuen E-ID von Privatfirmen übernommen wird. Obwohl die E-ID kein Pass sein soll und zur zweifelsfreien Identifikation im Internet dienen, ist das Misstrauen in der Bevölkerung gross, was die Datensicherheit betrifft, bzw. was mit den Daten passiert, die der Hersteller lagern muss, um allfälligen Missbrauch nachvollziehen zu können.

Die Abstimmung steht auf der Kippe

Die Abstimmung steht auf der Kippe, leichte Vorteile für die Gegner. Höchste Zeit, dass der Ringier-Verlag richtig Gas gibt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: In jedem Medienorgan (ausser ZACKBUM.ch) gibt es natürlich inhaltliche Vorgaben. Der Chefredaktor der NZZ, wenn er nicht gerade am Fasten ist, würde einen Arzt rufen, sollte ein Redaktor auf die Idee kommen, in der alten Tante eine Lanze für die Abschaffung des Privateigentums zu brechen.

So ist das natürlich auch bei Ringier und im «Blick». Ein nettes Wort über Christoph Blocher oder die SVP? Ausgeschlossen. Soweit business as usual. Aber nun ein exemplarisches Beispiel, was passiert, wenn man zu viel Gas gibt.

Zunächst betrachten wir diesen «Artikel», übrigens der jüngste in einer ganzen Serie. «E-ID-Gesetz: Ein Modell für die Zukunft». Kommt täuschend ähnlich wie ein redaktioneller Beitrag daher, aber rechts unten steht «Präsentiert von digital switzerland». Erst, wer draufklickt, könnte die Autorenzeile überlesen: «Das ist ein bezahlter Inhalt, präsentiert von digitalswitzerland». Und, immerhin, als Artikelanfang: «Bei diesem Beitrag handelt es sich um politische Werbung.»

Rollenteilung von Medien und Wirtschaft.

Auf Deutsch: ein bezahltes Inserat, das so ähnlich wie möglich als redaktioneller Beitrag daherkommt. Allerdings muss Ringier happige Preise verlangen. Denn für eine anständige Illustration war offensichtlich kein Geld mehr vorhanden. Anders ist das hier nicht zu erklären:

So sähe es vielleicht nach einem Anschluss an die EU aus.

Die ewige deutsche Erika Mustermann auf einer deutschen ID, ob das in der Schweiz mehr Vertrauen schafft? Aber rein schweizerisch und echt redaktionell ist gleich darunter ein «grosses Interview mit Bundesrätin Karin Keller-Suter». Wobei Interview hier ein grosses Wort ist, näher an der Realität wäre wohl: Wir liefern die Stichworte, Sie dürfen ausholen. Allerdings, auch der «Blick» ist nicht mehr in Höchstform, ein eher merkwürdiges Titelzitat.

Befürchtet Doppelklatsche: Karin Keller-Suter

Wenn irgendwas, was die Gegner angeblich wollten, gescheitert sei, wieso soll das dann ein Grund sein, mit Ja zu stimmen? Wie auch immer, wir freuen uns schon auf die kritischen Beiträge, die sicherlich im «Blick» noch folgen werden.

Ringier: «Schlechtestes Jahr seit 177 Jahren»

Leider selber schuld.

Dreimal im Jahr spricht das Orakel von Zofingen. In der Mitarbeiterzeitung «Domo» richtet sich der Verleger Michael Ringier an sein Fussvolk. Wegen Corona befinden sich zwischen Ausgaben 2 und 3 nur ein paar Wochen. Wer die beiden Ausgaben nebeneinander legt, lernt viel von den Qualen eines Verlegers im Jahre 2020.

In der Oktoberausgabe sang Ringier noch in dulci jubilo: «Grosser Applaus und grosses Schulterklopfen für die Medienschaffenden.» Der Senior zeigte sich tief beeindruckt, wie seine Journalisten Geschichten nur so aus dem Ärmel schüttelten. Ein paar Wochen später hörten sich seine Worte dann eher wie ein Requiem an: «2020 wird als das schlechteste Jahr seit 177 Jahren in die Geschichte eingehen.»

Diese Aussage steht im krassen Gegensatz zu den Daueroptimisten Jonas Projer und Christian Dorer. Blick TV? Einschaltquoten schiessen durch beide Studiodecken. Blick? Läuft immer noch so gut, dass man die halbe Bevölkerung mit Echinaforce verarschen kann. Aber vielleicht mag der Pensionär einfach nicht mehr. «Ich will meine alte Welt wieder zurück.» Oj, das hört sich wirklich nicht gut an.

Stichwort Aktienkauf

Vor zwei Jahren war alles noch anders. Michael Ringier und Marc Walder dinierten mehrgängig in den feinsten Restaurants von Silicon Valley. Sie entdeckten dort «eines der begehrtesten Unternehmen der Welt». Nicht Google, Apple oder Amazon. Nein: Palantir war es.

Das Unternehmen habe in Zusammenarbeit mit Ringier eine Analysesoftware für den Newsroom entwickelt, schreibt der Verlag auf Anfrage von Zackbum. «Die Mitarbeitenden des Newsrooms der BLICK-Gruppe erhalten damit Datensets, die ihnen helfen, die Gestaltung der digitalen Angebote zu optimieren.»

Was immer das bedeuten soll. Spannend an Palantir ist vor allem sein Going Public vom 30. September 2020. Der Wert der Aktie hat sich in wenigen Wochen mehr als verdoppelt. Und das im Corona-Jahr. Palantir zählt zu den grössten Überfliegern 2020. Ringier arbeitet seit zwei Jahren mit dem Unternehmen zusammen. Da hat es sicher ein paar Aktien geordert, oder? «Nein», lautet die traurige Antwort.

Dafür hätte es früher die Eselsmütze gegeben. Darum hat Michael Ringier recht: 2020 ist für das Unternehmen so richtig in die Hosen gegangen. Zum Glück ist es an der Insenio GmbH beteiligt. Die Bude verkauft Männerwindeln.

Blickgruppe nur mit 12 Prozent tieferen Werbeeinnahmen als 2019

Christian Dorer nennt im Schawinski-Interview Zahlen.

«Wir wollen kein Krawallblatt mehr sein», betont Blick-Gruppen-Chefredaktor Christian Dorer beim Schawinski-Interview auf Radio 1. Dass der Blick die Reichen und die Prominenten schützt und dafür die Kleinen fertigmacht, findet Dorer Quatsch. Die Boulevardgeschichte, wo Pierin Vinzenz kaputtes Hotelmobiliar für mehrere Tausend Franken auf Spesen nehmen liess, brachte der Blick zwar genüsslich. Laut Schawinski nicht aber, dass es sich Vinzenz mit Ringier-Chef Marc Walder auf Raiffeisenspesen für Tausende von Franken gut gehen liessen. Kurzum: Das einstündige Interview im Rahmen der Sendung «Doppelpunkt» von gestern Sonntag ist hörenswert. Man erfährt zudem, dass die Werbeeinnahmen vom Blick, vom Sonntagsblick und von blick.ch aufs Jahr hochgerechnet bisher lediglich 12 Prozent tiefer sind als 2019. Schon 70 Prozent der Werbeeinnahmen des Blicks werden aktuell generiert mit Onlinewerbung, der Printblick (Auflage nur 100’000) schreibt (noch) schwarze Zahlen, während Blick-TV (noch) defizitär ist. Weil laut Dorer zuwenig Leute auf Blick-TV klicken, erscheint seit letzter Woche direkt ein Fenster, wenn man auf www.blick.ch geht.

 

Ex-Press XII

Blasen aus dem Mediensumpf.

Die NZZ hat genau nachgerechnet: «Ein 138 Milliarden Franken teures Virus: Soviel kostet die Corona-Krise die Schweiz.» Wie dankbar ist man, dass es endlich mal wieder eine fundierte, analysierte, berechnete Zahl gibt.

Denn ansonsten, aber dann lassen wir es auch mit Corona, herrscht ein Wirrwar wie zu Zeiten von Fukushima. Man erinnert sich? Da explodierte in Japan ein Atomreaktor. Und nachher passierte nichts Weltbewegendes. Aber für die Tausenden angereisten Journalisten vor Ort, für all die Sondersendungen, Expertenrunden, Prognostiker-Stars musste so getan werden, als überschlügen sich die Ereignisse Minute für Minute.

Eine weitere Ähnlichkeit mit der Aktualität: Es wurden halbe bis ganze Weltuntergangsszenarien an die Wand gemalt. Gegend für Tausende von Jahren verstrahlt. Meer verstrahlt. AKW für Jahrhunderte eine Gefahr, schlimmer als Tschernobyl.

Fukushima und der Ausstieg aus der Atomenergie

Daraufhin entschloss sich Deutschland, aus der Atomenergie aussteigen zu wollen, und die ehemalige AKW-Befürworterin Doris Leuthard wandelte sich in bester CVP-Tradition zur entschiedenen Befürworterin des Schweizer Ausstiegs.

Das alles kostet in Deutschland bereits Multimilliarden, immerhin hat in der Schweiz die eiserne Absicht – AKW pfui – wieder etwas an Kraft verloren. Ach, und natürlich war von vielen, vielen Todesopfern die Rede. Sofort-Schäden durch Verstrahlung, Langzeitschäden durch die Ablagerung radioaktiver Stoffe im Körper. Hunderte, Tausende, eher Zehntausende.

Alle offiziellen Untersuchungen kamen dann aber zum gleichen Schluss. Todesfälle mit kausalem Zusammenhang mit dem Reaktorunglück: null.

 

Wichtigkeit

Um die wirklich wichtigen Themen – nach Corona natürlich – kümmert sich, wer sonst, der «Blick». Dabei setzt er auf das Mittel der rhetorischen Frage. Was ist das, mag sich mancher Kindersoldat im Newsroom fragen. Macht nix, das hier ist eine: «Hätte Maradonas Tod verhindert werden können?» Nun, die kann man einfach beantworten: Würde er noch leben: ja.

Und wenn wir schon dabei sind: «Stürzt Pfisters «Mitte» im letzten Moment noch ab?» Da ist die Antwort: Das werden wir in wenigen Stunden genauer wissen. Aber man traut sich, eine Frage zu stellen, die beim «Blick»-Leser einiges voraussetzt. Wer ist Pfister? Was ist die «Mitte»? Wo fliegt die denn? Okay, sind auch nur rhetorische Fragen.

Noch eine letzte, denn natürlich ist auch Ringier nachtragend. Nachdem Sepp Blatter einen persönlichen Brief an ihn von Ringier-CEO Marc Walder an die Öffentlichkeit tropfen liess, ist Feuer im Dach. Also fragt «Blick» auch: «Hat Blatter mit 2 Mio Fr Platini bestochen?» Bei allem Verständnis für kurz und knackig: echt jetzt, auch bei der Interpunktion sparen?

 

Sehr saure Gurkenzeit

Gut, Corona bleibt ein sicherer Wert, Trump hingegen lässt langsam nach, Black Friday war auch nicht so der Heuler, was tun? Richtig, wenn eine Nonsense-Meldung in wenigen Tagen fast 100 Treffer im SMD erzielt, dann ist schwer Sauregurkenzeit.

«Beamte finden Metall-Monolith in abgelegenem Gebiet», rätselt nau.ch. «Es geht weiter: Internet-Detektive spüren mysteriösen Utah-Monolith auf», zeigt watson.ch, was man knallhart kopieren, Pardon, recherchieren kann. Ein Wort ist nun bereits fester Bestandteil des Narrativs: «Mysteriöser Monolith», vermeldet Tamedia. «Ungewöhnlicher Metall-Monolith» gibt sich CH Media noch etwas zurückhaltend.

«Unbekanntes Kunstobjekt», legt sich die «Süddeutsche Zeitung» fest, «Stell’s auf, eck an», witzelt hingegen CH Media. Erfahrene (oder googelnde) Journalisten können sich natürlich nicht zurückhalten, an Stanley Kubricks Monolith zu erinnern, in seinem Science-Fiction-Meisterwerk.

Wer, warum, Künstler oder Aliens, oder gar was Militärisches? Bis zum nächsten Kracher wird das Werweissen der Qualitätsmedien weitergehen.

Aufklärung böte ein Blick in die Lokalpresse, aber wer kennt sich in der Schweiz schon in Utah aus? Okay, Salt Lake City, Mormonen, aber die Wüste im Süden? Dabei leistet die Lokalpresse bereits rundum Aufklärungsarbeit.

Endlich was los im Süden Utahs.

Der Ort, längst bekannt. Bereits Touristenattraktion, wenn auch etwas abgelegen. Und vor allem: Der Monolith wird bereits mit modernster Technologie untersucht:

Zuerst Mass nehmen, ob man auch durchs Portal passt.

Ach, und zu guter Letzt, also wenn es Aliens waren, muss man an ihrer handwerklichen Fähigkeit zweifeln. Wie sie mit so lausiger Verarbeitung aus den Tiefen des Weltalls auf die Erde gekommen sind? Oder aber, vielleicht leben sie eben doch schon seit Langem unter uns.

Sind die Aliens Nieten?

Entweder rausgefummeltes Souvenir oder lausige Verarbeitung.

 

Die Welt spinnt

Und weil alles so furchtbar traurig ist zurzeit, noch ein Spaziergang durch Dinge, die tatsächlich von Newsorganen für berichtenswert gehalten werden. Dafür kann es keinen anderen Titel geben als den, den die WoZ vor vielen Jahren erfand, aber fahrlässigerweise irgendwann wieder einstampfte.

Echten Grusel will das sonst so zurückhaltende Gratis-Blatt «20 Minuten» verbreiten: «Getötete Corona-Nerze kommen aus ihren Gräbern». Um als Zombie-Nerzmäntel weiterzuleben? Nein, ihr Schicksal teilen sie mit schlecht begrabenen menschlichen Leichen: Die Verwesungsgase sorgen für Auftrieb …

Ich weiss, dass watson.ch auch idiotische Listicals zu Corona macht, ist unangenehm bekannt. Aber hier übertrifft sich das Millionengrab doch selbst: «40 der besten Tweets, die unsere Gesellschaft in der Corona-Krise auf den Punkt bringen». Da hat sich aber der Redaktor mit 40 die Latte hoch gelegt, zu hoch. 39 sind mässig witzig oder auf den Punkt gebracht, und das hier ist, wie watson.ch selbst einräumt, ein Fake:

Manche kommen nie aus der analen Phase.

Auch die frisch umbenannten «Blue news», eine trafficstärksten Webseiten der Schweiz, setzt glasklare Prioritäten:

Die 5 Headlines des Tages: Corona-Schwab, Corona-Weihnachtsmann, Boxen, Michelle Hunziker und Wahlquiz.

Aber wir wollen diese Tour d’Horizon nicht beenden, ohne in einem Buchstabenmeer zu baden. Genau, womit überrascht die «Republik» am Samstag die Schweiz, die Welt? Die gute Nachricht ist: Mit einer um fünf Uhr morgens losgetretenen, bzw. auf diesen Zeitpunkt programmierten Welle von fast 38’000 Buchstaben, darunter unvermeidlich «Ladies, Gentlemen and everybody beyond». Also ich spüre hier eine diskriminierende Verachtung gegen alle diesem Zwei-Geschlechter-Raster nicht entsprechenden Menschen. Denn wieso ist «everybody» klein geschrieben, he?

Aber immerhin; bis mittags stehen schon 4 Stücke im Netz. Gut, eine Bildbetrachtung, ein Editorial, da bleiben noch zwei. Gut, eine Buchrezension, da bleibt eigentlich nur eins. Aber hallo, die 50 Nasen bei der «Republik» sollen sich doch für ihren selbstausbeuterischen Lohn nicht überarbeiten.

Abgesehen von diesem Lapsus, der sicherlich an der nächsten Redaktionsversammlung zu reden geben wird; auf mehr als 18’000 Anschlägen vermittelt uns die «Republik» die Erkenntnis: «Unsere Art zu wohnen trägt zur Klimaerwärmung bei.» Wo der Klimawandel ist, ist die wandelnde und schreibende Schmachtlocke Daniel Binswanger nicht weit. «Advent, Advent, die Erde brennt», so benennt er seine fast 9000 Anschläge, mit denen er zwei Bücher anpreist.

Der Originalspruch hiess zwar mal: «Advent, Advent, ein Bulle brennt», aber aus so gewaltbereiten Slogans gegen das Schweinesystem sind wir natürlich herausgewachsen. Wobei weiterhin gilt: halb geklaut ist immer besser als selber ganz schlecht getitelt.

Wer hat Angst vor Jolanda Spiess-Hegglin?

Der Blick.

4. September: Das Zuger Kantonsgericht verbietet Michèle Binswanger, ein Buch über die Landammannfeier (aus der Sicht von Hürlimann) zu schreiben.
13. September: Markus Hürlimann nimmt nach langem Schweigen Stellung zu Jolanda Spiess-Hegglin.

Von der Aargauer Zeitung bis zur NZZ: Die Medien schreiben darüber. Jeder nach seiner Fasson. Alle? Nein, die stärkste Zeitung der Schweiz, der Blick, schweigt eisern. Auch nicht SoBli oder Blick.ch.

Keine Kurznachricht, keine Analyse, nichts. Das hat es so wohl noch nie gegeben. Seit der Entschuldigung von Ringier-CEO Marc Walder an Jolanda Spiess-Hegglin herrscht Funkstille in der Dufourstrasse. Walder schrieb damals im Stil eines Messdieners:

Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Wir können aber Tag für Tag dazulernen und immer und immer wieder versuchen, es besser zu machen.

So heule ich zur Frau, wenn etwas wirklich, wirklich Schlimmes vorgefallen ist (falsches Waschpulver gekauft, Socken nicht umgestülpt, Seitensprung). Der Fall erinnert an Erwin Kessler. Auch über ihn zu schreiben, lehnen viele Schweizer Medien ab. Zu heikel, zu gefährlich, zu eklig. Aber, Blick? Die Boulevardzeitung hat Schiss? Ringier beschreibt sein Flaggschiff «Blick» so:

Als Boulevard-Zeitung der Schweiz setzt Blick Massstäbe und berichtet täglich über Themen, die die Menschen in unserem Land bewegen. Blick ist unabhängig, schaut da hin, wo andere wegschauen – und hat eine Meinung.

Keine Meinung ist keine Meinung. Ringier antwortet allerdings auf Nachfrage: «Herr Hürlimann hat sich in der SonntagsZeitung geäussert. Die Blick-Gruppe sah keine Veranlassung, diese aufzunehmen. Ebenso verhält es sich mit der Analyse der Verfügung zum Buchprojekt von Michèle Binswanger.»

Ringier entschuldigt sich!

«Wir wollen uns trotzdem entschuldigen bei Jolanda Spiess-Hegglin.»

In einer Medienmitteilung nimmt es der CEO der Ringier AG selbst auf sich, sich im Namen der gesamten Ringier AG, der «Blick»-Redaktion und auch im Namen des Chefredaktors Christian Dorer, zu entschuldigen.

Marc Walder schreibt weiter, dass es zwar nicht die Absicht gewesen sei, aber Spiess-Hegglin durch die Berichterstattung «verletzt wurde». Und obwohl das Gericht in beiden Instanzen ihre Forderung nach einer Entschuldigung ablehnte, tue das nun der Verlag freiwillig.

Walder ist sich im Klaren: «Jolanda Spiess-Hegglin wird die Klagen gegen Ringier weiterführen und aufgrund dieser Zeilen nicht fallen lassen. Das ist auch nicht die Absicht, die wir mit dieser Entschuldigung verfolgen.»

Natürlich könne Ringier das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, sagt Walder abschliessend: «Wir können aber Tag für Tag dazuzulernen und immer und immer wieder versuchen, es besser zu machen.»

Eine aufrichtige Entschuldigung

Diese «aufrichtige Entschuldigung» kontrastiert deutlich mit den Kommentaren, die Spiess-Hegglin gegenüber ihrem Sprachrohr Pascal Hollenstein, dem publizistischen Leiter der CH Media, abgegeben hat.

Sie sind schon vor Ablauf der Sperrfrist bekannt geworden, weil sich das journalistische Aushängeschild Peter Wanners nicht daran gehalten hat. So flackert sein Artikel «Jolanda Spiess-Hegglin gewinnt gegen den «Blick» seit Sonntagmorgen immer wieder durch die vielen Kopfblätter von CH Media. Um dann wieder gelöscht zu werden und anderswo aufzutauchen.

So steht beispielsweise in der «Luzerner Zeitung» seit Montagmorgen, 5 Uhr, der Verweis auf diesen Artikel online. Der Artikel selbst aber nicht. Zum zumindest unanständigen Brechen einer gerichtlich festgelegten Sperrfrist kommt also noch Unfähigkeit hinzu:

In diesem an Parteilichkeit nicht zu überbietenden Machwerk darf sich Spiess-Hegglin natürlich, im Gegensatz zu Ringier, zum Urteil äussern:

«Das Urteil zur Persönlichkeitsverletzung könnte nicht deutlicher sein», sagt Spiess-Hegglin. «Ich bin so froh, dass ich das durchgezogen habe. Wir haben nun eine perfekte Grundlage für alles, was noch kommen wird.» Sie bedauere lediglich, dass sich Ringier, die Herausgeberin des «Blick», nicht «freiwillig und ohne Bedingung bei mir und meiner Familie entschuldigen kann», fügt Spiess-Hegglin an.»

Das kommt davon …

Das kommt halt davon, wenn man sich mit einer Partei in einem Rechtsstreit gemein macht. Eine Todsünde für jeden seriösen Journalisten. Vor allem dann, wenn er auf der Jagd nach einem Primeur schon 24 Stunden vor Ablauf der Sperrfrist damit herausplatzt.

Dann gesellt sich zu fehlendem Anstand, zu Inkompetenz auch noch die Peinlichkeit, dass Hollenstein das Bedauern kolportiert, dass sich Ringier nicht entschuldigen könne. Das nennt man noch eine Bauchlandung zu allem zu.

Peinlich, bis der Arzt kommt

Das ist von einer Peinlichkeit, dass es weh tut. Nobel hingegen muss man die Entschuldigung des Hauses Ringier nennen. Auch deswegen, weil CEO Walder klarstellt, dass er mit weiteren Klagen von Spiess-Hegglin rechne und diese mit seiner Entschuldigung auch gar nicht verhindern wolle.

Da liegt nun der Ball bei Spiess-Hegglin, ob sie trotz erfolgter Entschuldigung weiterhin glaubt, eine «perfekte Grundlage» für alles zu haben, was noch komme. Der mehrfach gescheiterte Online-Guru Hansi Voigt will für Spiess-Hegglin ausgerechnet haben, dass Ringier mit allen Klicks auf Online-Artikel zum Thema «mehr als eine Million Franken Gewinn» gemacht habe.

Geht es ums Geld oder nicht?

Darauf will Spiess-Hegglin offenbar zukünftige Forderungen auf Gewinnherausgabe stützen. Andererseits hat sie immer betont, dass es ihr nicht um Geld gehe, sondern darum, dass Ringier sein Fehlverhalten eingestehe und bereue. Nachdem das der Verlag getan hat, ist nun die Frage, ob Spiess-Hegglin auch einlenkt. Oder ob sie die Honorarforderungen ihrer Anwältin dazu zwingen, weiterzuprozessieren.