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Vorsicht! Der Mann hört Stimmen

Lukas Bärfuss muss seine Medikamente abgesetzt haben. Seither flüstert es um ihn herum.

Diese Fehleinschätzung könnte von Nora Zukker sein: «Er ist der wichtigste zeitgenössische Schweizer Schriftsteller», trötet der «SonntagsBlick». Und erweist sich damit einmal mehr als das Blatt der Armen im Geiste; der Ungebildeten, Unfähigen und Möchtegerns.

Letzthin hat der SoBli eine unselige Vorliebe für letztklassige Schriftsteller entwickelt. Da wäre mal der «Zürcher Schriftsteller Thomas Meyer». Der nimmt angeblich «Stellung zu Lebensfragen». Duftnote:

«Mein neuer Freund furzt ständig. Nicht vor anderen Leuten, aber wenn wir zu zweit zu Hause sind. Ich finde das eklig. Er meint, das sei doch natürlich. Und er fühle sich halt wohl mit mir. Was soll ich tun?»

Der nötige Beweis, dass das nicht rabenschwarze Satire ist …

Das wollen wir eigentlich nicht wissen und eilen mit zugehaltener Nase zum nächsten Weltenlenker im SoBli. Richtig, da kann es nur einen geben:

«Wie im Strassenverkehr: Wer verkehrt fährt, ist auf die Vernunft der anderen angewiesen. Wer ist hier Geisterfahrer – die Schweiz oder die 27 EU-Nationen?» Mit diesem schiefen Bild fordert auch Frank. A. Meyer die Dichterkrone in der aktuellen Ausgabe des SoBli. Aber, leider, leider, sie bleibt ihm – genau wie die Anerkennung in intellektuellen Kreisen – verwehrt.

Quadriga, Lächeln, unmögliche Jacketfarbe: der Geisterfahrer im Bild. Ähm, im «Blick».

Denn unschlagbar meldet sich mal wieder der wichtigste Schriftsteller der Schweiz mit «einem Essay» zu Wort. Hier verlassen wir allerdings schnell den Bereich von Spass und Tollerei. Betreten stattdessen den dunklen Grenzbezirk zwischen fehlendem Genie und dräuendem Wahnsinn.

Offenbar ist es dem SoBli noch nicht aufgefallen, dass der Titel Schriftsteller nicht durch das Verfassen von sortierten Buchstaben verdient wird. Auch nicht dadurch, dass der wirkliche Schriftsteller Georg Büchner Opfer einer Massenvergewaltigung durch eine Jury wird, die in völliger Umnachtung nicht die Fähigkeiten, sondern die Gesinnung von Lukas Bärfuss mit dem gleichnamigen Preis entwürdigt hat.

Nichts. Ausser der hier Abgebildete ist der Nachbar …

Seither arbeitet Bärfuss daran, mit weiteren Sprachverbrechen die Jury inständig zu bitten, sich diese Fehlentscheidung doch nochmal zu überlegen. Der neuste Versuch: Der Essay «Das Flüstern». Schon der erste Satz beinhaltet eigentlich alles, was es braucht, um den Autor als Dumpfschwätzer zu entlarven:

«Ein Flüstern geht durch dieses Land, die Schweiz, und es wird lauter mit jedem Tag.»

Dürfen wir vorstellen: der gehende Flüsterer. Wer ihm begegnet, neige sein Haupt – oder wende sich mit Grausen ab. «Durch dieses Land, die Schweiz», dieses nachgeschobene, nachgestellte, verstellte Substantiv soll Dichterschwere und tiefes Grübeln simulieren. Löst allerdings nur den ersten Lachreflex aus. Der dann in immer lauteres Kichern übergeht. Denn erstens probiert Bärfuss diesen Manierismus (Nora Zukker, das ist eine Stilart im, ach nö, forget it) nochmal aus «wird lauter mit jedem Tag». Zweitens; wenn ein Geflüster immer lauter wird, was wird es dann?

Psychogene Taubheit? Schwerhörigkeit? Oder Schlimmeres?

«Anschwellender Bocksgesang» nannte das mal Botho Strauss (Nora Z..., aber wozu). Das war immerhin mal ein Dichterwort, hier ist es nur das Wort eines Leichtmatrosen des Gedankens, der nicht mal ein Sprachbild hinkriegt, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Aber er ist so stolz auf diesen Einfall, diesen Durchfall, so verliebt darin, in dieses Wort, das nachgestellte, das bedeutungsschwangere, das aber in ständiger Fehlgeburt durch das Essay geistert, dass er davon nicht lassen kann. «Das Flüstern geht auch durch die Umweltverbände», «wir hören dieses Flüstern, wenn es um unsere Gesundheit geht». Nein, Lukas Bärfuss, nein, wer dieses Flüstern hört, ist nicht gesund, hat zumindest einen Gehörschaden. Ist es F44.6 (psychogene Taubheit), ist es F80.2 (Worttaubheit), ist es Schwerhörigkeit, autistisches Verhalten? Das müsste einer Differenzialdiagnose überlassen werden, aber ich bin zwar promoviert, ein Doktor, aber Mediziner, das bin ich nicht.

Grimmig, so schaut der Dichter auch hier, in diesem Foto.

Aber, wie weiter, geht es, mit dem Dichter, mit Bärfuss? «Selbst in den Gewerkschaften setzt langsam das Flüstern ein». Oh, liebe Gewerkschafter, stellt endlich die Megaphone ab, lauscht stattdessen auf das einsetzende, umhergehende, anschwellende Flüstern in euch. Denn «das Flüstern» wird eigentlich überall «lauter». Aber was flüstert es denn? Nun, zum Beispiel: «Migration ist nicht zuerst ein Schaden, nicht zuerst ein Problem.» Stimmt; das unterscheidet Migration vom Dichterwort eines Bärfuss.

«Bei jenen, die sich an die Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erinnern, wird das Flüstern bisweilen zum lauten Rufen»; meiner Treu, das wird ja nun eine Apotheose, Aristophanes lässt grüssen (Lukas Bärfuss, das war ein griechischer, aber lassen Sie sich das vielleicht von Nora Zukker erklären).

Achtung, Durchzug! Fenster schliessen

Denn nun legt Bärfuss auf den Tisch die Karten, als hätte er umzustellen gelernt die Worte vom alten Jedi-Meister Yoda, dieser Muppetshow-Puppe aus War Stars: «Sollten wir nicht einmal erfahren, was mit unseren Volksrechten, was mit unseren Sozialwerken, was mit unseren Institutionen, mit unserer Wirtschaft, Bildung und mit unserer Kultur geschehen würde, wenn die Schweiz – ja, wenn die Schweiz Mitglied würde in der Europäischen Union? Wäre es nicht an der Zeit, sich von allen Ängsten zu befreien, die stereotypen Vorwürfe des Landesverrats zu ignorieren»?

Die Zeit ist jetzt, der Ort ist hier: «Es öffnet sich gerade ein Fenster, es wird sich wieder schliessen, wenn ihr nicht dafür sorgt, dass dieses Flüstern eine Stimme bekommt, eine laute, in den Betrieben, den Schulen, den Wohngemeinschaften und den Einfamilienhäusern, in den Universitäten und den Hochschulen, eine Stimme ganz angstfrei und mutig:

die Schweiz als 27. Mitglied der Europäischen Union!»

Kommet herbei, ihr Menschen in diesem Land, der Schweiz, findet zum gemeinsamen Flüstern, zur Stimme, besinnt euch auf Mut und Angstfreiheit, «verpasst nicht noch einmal die Chance».

Ich aber erhebe die Stimme, die meine, vom Flüstern zum lauten ängstlichen, todesmutigen Ruf: wer kann Bärfuss heilen? Wer kann ihm vorher verbieten, die deutsche Sprache weiter zu schänden? Ist denn der SoBli nicht schon mit zwei anderen Schriftsetzern geschlagen, braucht es da wirklich noch einen dritten im Bunde? Ich weiss, den beigestellten Fotos von Bärfuss muss man entnehmen, dass er sich dagegen wehren würde, gegen das, mit diesen Metzgerhänden, den seinen, diesem grimmigen Blick im Antlitz, dem unrasierten. Aber um unser aller geistiger Gesundheit willen: stellt den Mann endlich ab! Bitte. Er soll doch einen zweiten Dichterwohnsitz in Paris haben. Die Franzosen halten das aus, bestimmt. Wir aber, wir nicht.

Es darf gelacht werden: Der Sonntag war zäh

Man spürt das Aufatmen, dass wenigstens die Beerdigung von Prinz Philipp Platz füllt.

 

Bilderblatt SoBli

«Sonntags

Blick |»

hat’s nicht leicht. Logo, so nennt das der Designer, Pardon, verkackt, Cover langweilig aufgeräumt, kein Wunder, dass die Titelgeschichte streng nach Mundgeruch unter der Maske riecht:

Wie verzweifelt muss man sein, um das zur Titelstory zu machen?

Auch der SoBli, wir machen doch eine Fotoromanza draus, muss natürlich noch etwas zu Tschanun sagen. Der kann sich ja nicht mehr wehren:

Dafür hätte er natürlich nochmal in den Knast gemusst.

Prinz Philipp, Beerdigung, Trauer, Königshaus, kriegen die beiden Enkelkinder Krach, bricht die Queen zusammen?

 

Allein, aber ungebrochen: die Queen.

Da hätte man was draus machen können. Aber «Die gebrochene Queen»? Sieht so diese tapfere, zähe, niemals die Contenance verlierende Dame aus? Und dann schlechtes Geschwurbel: «Niemand hält ihr die Hand, niemand tröstet sie.» Der Queen die Hand halten? In der Öffentlichkeit? Sie gar trösten? Ach, Helmut-Maria Glogger, wie du fehlst.

Inhalt? Jemand fragt nach Inhalt? Aber bitte sehr:

Mit so was verdient er seit vielen Jahren sein Auskommen.

Ein kleiner Kalauer im Titel, aber dann reitet Frank A. Meyer eines seiner Steckenpferde zu Tode. Kein Rahmenabkommen, heul. Schweiz wird’s dreckig gehen, schluchz. «Miteinander statt Gegeneinander» in Europa, tagträumt Meyer. Und die Schweiz, das kleine Stachelschwein, will wieder ganz alleine sein. Wäre doch auch ein hübscher Titel gewesen.

Noch mehr Inhalt? Nun ja, das ist hier so eine Sache:

Der Peter Maffay der Literatur.

Noch wichtiger als der Büchnerpreis – seither rotiert der arme Büchner im Grab – ist bei modernen Gesinnungsdichtern – das Foto. Darin hat sich Lukas Bärfuss von Anfang an ausgezeichnet. Lächeln, Weinglas auf dem Kopf, Grimassen? Himmels willen, das wäre ja Friedrich Dürrenmatt, niemals.

Der Dichter muss so schauen wie Bärfuss. Grimmig, leidend, misstrauisch, kritisch. Aber wehrhaft, mit den Fäusten die Brecht-Lederjacke umklammert. Brecht? Ach, lassen wir das. Haare streng zurückgekämmt, graumeliert, das Leiden an der Welt hinterlässt Spuren. Dazu der sorgfältig unterhaltene Dreitagebart, Symbol für: kam nicht mal zum Rasieren, musste schreiben.

Kleider machen keine Schriftsteller

Was das alles mit dem Inhalt vom «Essay» zu tun hat? Nichts, aber im Essay gähnt ja auch das Nichts. Bärfuss fordert den Rücktritt der Bundesräte Berset und Cassis. Das zeugt von überparteilicher Strenge. Auch Didaktik ist dem Dichter nicht fremd. So raunt er verdichtet schon am Anfang: «Die Schweizer Regierung besteht aus sieben Bundesräten, und jeder dieser sieben Bundesräte steht am Kopf einer Behörde, deren Aufgabe …»

So mäandert er sich durch Staatskunde für Anfänger und Zurückgebliebene. Viel zu viele Worte später erklärt der Nationalschreiber noch, was die Schweiz zusammenhalte: der «nationale Finanzausgleich». Darauf ist noch niemand gekommen, das ist originell. Allerdings nur deshalb, weil es bescheuert ist und deshalb von niemandem behauptet wurde. Bis Bärfuss kam.

Weiter stolpert Bärfuss durch die deutsche Sprache, die wie immer bei ihm nicht unbeschädigt davonkommt: «Leider gibt es hin und wieder Herausforderungen, die sich nicht in die Marktlogik übersetzen und deshalb nicht mit Geld lösen lassen.» Unübersetzbare Herausforderungen, die sprechende Marktlogik, die deshalb nicht angenommen oder bestanden werden, sondern gelöst? Oder eben nicht?

Müsste auch Bärfuss zurücktreten?

Der Sprache ist es schon ganz übel, und auch mir wird’s schummerig. Wollen wir’s nochmal probieren: «Die helvetische Normalität kennt nur die Verteilung des Gewinns. Einen gemeinsamen Verlust zu tragen, das vermögen wir hingegen nicht.» Hm, also allgemeine Gewinnverteilung, das wüsste ich aber. Und das gemeinsame Tragen von Velusten? Keine Ahnung, wo Bärfuss seine Steuern zahlt; sollte das in der Schweiz der Fall sein, trägt sogar er mit.

Aber wieso sollen denn nun ausgerechnet Cassis und Berset zurücktreten? Nun, wenn man dem Dichter folgen will: «Berset wollte keine Lockerungen, und Cassis wollte gar nie wirklich fürs Rahmenabkommen kämpfen.» Aha.

Bärfuss will doch auch nicht der deutschen Sprache ständig ans Mieder gehen und schlecht formulierte Absurditäten furzen. Aber obwohl er es tut, fordert niemand ein Schreibverbot für ihn. Das ist zwar bedauerlich, muss aber ertragen werden.

 

CH Media ist überall daheim

Das zweite Kopfblattmonster bemüht sich um Lokalkolorit. Manchmal gar nicht schlecht, um für unsere Ostschweizer Leser mal aus dem «Tagblatt» zu zitieren:

«Mit dem Slogan «So schmöckt’s Dihei» versucht ein Werbespot, Gemüsebouillon mit Heimatgefühlen zu verknüpfen. Nur: Der Sprecher sagt auf eine Art Zürichdeutsch «bi öis z Schaffuuse», die Herstellerfirma gehört einem britischen Grosskonzern, und als Hintergrund präsentiert sich ein Schneeberg aus Oberbayern – wo sind wir nun eigentlich dihei?»

Nicht schlecht die Katastrophe beschrieben, wenn Grosskonzerne Grossagenturen mit Werbung beauftragen, aber unbedingt authentic, you know. Heidi snow mountains, perhaps chocolate, okay?

Immerhin, auf zwei Seiten hat CH Media eine Antwort auf die Frage gefunden, die am Wochenende alle Redaktionen umtrieb: okay, Beerdigung, was machen wir dazu? Also neben dem, was alle anderen auch machen? Beerdigung, Leichenzug, was ist das Faszinosum daran? Das kann eine fürchterlich langweilige Story werden. Aber nicht, wenn sie von Daniele Muscionico geschrieben wird.

Das Lesevergnügen vor dem Tod.

Der persönliche Einsteig sei ihr verziehen, denn er ist gut. Und wer relativ rasch Helmut Qualtinger zitiert, kann anschliessend sowieso kaum mehr etwas falsch machen. Denn Qualtinger war einfach herausragend genial, und seine Sentenzen funktionieren auch, wenn nicht er selbst sie vorträgt:

«In Wien musst’ erst sterben, damit sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst’ lang.»

Weiter vorne beisst sich die «Schweiz am Wochenende» an etwas fest, was Journalisten ungemein, 90 Prozent der Leser eher am Rande interessiert: Wie war das nun genau beim Westschweizer TV? Aufmacher auf Seite eins, Doppelseite dahinter, grosser Kommentar im Anschluss.

Erschwerend kommt noch hinzu: weil sich Journis so extrem für sich selbst interessieren, basteln sie sogar eine Doppelseite über ihre (kleine) Welt, wenn es eigentlich nichts Neues zu berichten gibt.

Die Berichterstattung ist gar nicht knapp.

Letztlich ist diese Riesenstory so aussagekräftig wie der Minikommentar und Artikel zu Kuba, wo ein Fernrohrbeobachter aus Mexiko seine Erkenntnisse rieseln lässt. Jetzt müsse ökonomisch etwas geschehen, aber das sei gar nicht so einfach. Das hätte man auch unter dem Schreibtisch in Aarau herausfinden können.

Aber, das muss man Patrik Müller lassen, ein Interview mit Bradley Birkenfeld, der den ersten, bereits tödlichen Schuss auf das Schweizer Bankgeheimnis abfeuerte, keine schlechte Idee. Er musste dafür in den Knast, bekam aber rund 100 Millionen Dollar «Finderlohn», weil er dazu beitrug, die Schweizer Banken abzumelken.

Macht was her: der neue Maybach.

Viel Neues hat auch er nicht zu sagen, aber er ist ein unterhaltsamer Ami, und wir freuen uns, dass es ihm gutgeht: «Demnächst wird mein neuer Mercedes-Maybach ausgeliefert. Ich habe mir auch einen Ferrari F8-Spider gegönnt.» Für Sozialneidige: So ein Maybach kostet von 200’000 Franken aufwärts.

Etwas zu barock in der Innenausstattung: so mag’s der Scheich.

Ex-Press XXII

Blasen aus dem Mediensumpf.

 

NZZ, quo vadis?

Man muss sich auch sprachlich dem Niveau der Zeitung von Denkern für Denker anpassen. Denn die Frage «wohin des Weges?» drängt sich langsam auf.

Da fantasiert einer über Sansibar, da werden drei Zeitungsseiten darauf verschwendet, den Fall Vincenz nochmal durchzukauen.  Worum geht’s, wer ist woran beteiligt, was wird genau vorgeworfen, wie leicht wird’s für die Staatsanwaltschaft vor Gericht?

Sicher, die NZZ wollte ein Zeichen setzen, dass sie die Affäre auf einem anderen Niveau als Tamedia abhandelt, bei der man sogar unappetitliche Details über den Zustand der Hyatt-Suite nach einer Auseinandersetzung zwischen Vincenz und einem nicht erwarteten Gast erfährt.

Allerdings, zurück zum Niveau der NZZ: «Die Argumente der Beschuldigten auf die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft werden in der Anklage faktisch nicht abgebildet.» Das überrascht natürlich ungemein. Genau wie die Tatsache, dass die NZZ zum zweiten Mal darauf hinweist, dass sie im Besitz der vollständigen Anklageschrift sei. Was ja eigentlich sofortige staatliche Massnahmen zur Folge haben sollte; Amtsgeheimnisverletzung, Verwendung illegal behändigter Dokumente, usw.

Zwei Seiten nichts Neues, ausser: Das Bezirksgericht Zürich brüte unter anderem über der Frage, ob es sich der Mühe, diese Monsteranklage samt meterweise Beilagen durchackern zu müssen, nicht elegant entledigen will, indem es St. Gallen als viel geeigneteren Gerichtsort vorschlägt.

 

Tages-Anzeiger tiefergelegt

Wenn sich der ehemals angesehene Medienkonzern nicht gerade hingebungsvoll der Gendersprache, dem Sternchen, der vielfältigen Diskriminierung der Frau (plus aller non-binären Geschlechter) widmet, der Farbe der Unterhosen von Pierin Vincenz, dann findet er andere Möglichkeiten, das Niveau tieferzulegen.

Ein Interview mit Lukas Bärfuss ist dafür eine gute Methode mit Erfolgsgarantie. Er ist immer für Sottisen gut, angelegt zwischen brunzdummer Banalität und hochgestochen raunender Orakelhaftigkeit eines Möchtegern-Dichters. Der Versuch, den Leser vom Weiterlesen abzuhalten, beginnt schon beim Titelzitat:

«Die Toten sind eine Folge des Mangels an Demut».

Was will uns der Dichter damit sagen? Dieser Mangel äussere sich in einer «verbreiteten nationalistischen Arroganz». Und diese wiederum liesse sich an der Aussage «eines Politologen» festmachen, dass sich in der Krise das «Genie der Schweiz» gezeigt habe.

Versteht keiner? Macht nix, ich auch nicht, und ich habe Germanistik studiert. Und einen Doktor. Aber diesen Schwüngen eines Dichters kann ich leider nicht folgen. Wir sind wahrscheinlich zu blöd.

Kann’s der Dichter in Worte fassen?

Aber Dichter sind natürlich auch sensibel; auf sein Holperstück «Das Kapital hat nichts zu befürchten, der Mensch schon», in dem er unter anderem italienisches Chaos in der Schweiz vorhersagte, sei er wie nur selten «mit einer Aggression konfrontiert worden». Aber das kann er ertragen, weil die ja nur beweise, dass er die Wahrheit gesagt habe: «In der Schweiz kommt an erster Stelle das Geld.» Ist zwar Blödsinn und mit nichts belegt, aber wenn der Dichter dichtet, hat er immer recht, logo.

Bei Bärfuss, inzwischen mit Wohnsitz in Paris und der Schweiz, spielt Geld glücklicherweise nur eine untergeordnete Rolle. Aber ein Worteschmied ist doch sicher geeignet, in feine Sentenzen zu fassen, wie’s denn so in Paris steht. Nun ja; es habe im Sommer kaum Pariser gehabt, was natürlich unglaublich ist, weil die doch traditionell sonst immer in Paris bleiben. Aber noch schlimmer: «es gab keine asiatischen Touristen». Statt sich darüber zu freuen, dass nicht überall ein Asiate mit Selfie-Stick rumsteht, meint der Literat: «Es war ein ungemütlicher Anblick.»

Aber sicher weiss der Seher auch, wie man denn nun das Problem der Pandemie lösen könnte. Natürlich, das ist für Bärfuss völlig klar: «Grosse Probleme kann man nur gemeinsam lösen. Als Weltgemeinschaft.» Da die Weltgemeinschaft allerdings bislang noch kein einziges Problem gelöst hat, sind das düstere Aussichten. Aber nehmen wir’s eine Nummer kleiner, wie geht’s denn der geldgierigen Schweiz?

Schlimmer Geiz herrscht, schlimm

«Grosszügigkeit wäre das Gebot der Stunde. Aber es überwiegt der Geiz.» Interessanter Blickwinkel, wo der Schweizer Staat auf einen Schlag so viel Geld raushaut wie noch nie zuvor in der Geschichte. Aber das ist halt auch ein Problem der ausgehungerten Medien. Da kennt sich Bärfuss aus: «Die SRG ist kein Staatsmedium, sondern eine öffentlich rechtliche Medienanstalt», weist er streng die beiden Interviewer zurecht. Nun, die SRG ist ein Verein, aber was kümmert das einen Dichter. Der dann auf ein Riesenproblem aufmerksam macht: «Zwischen 2015 und 2019 hat die SRG 74 Millionen Franken an Werbegeldern verloren.»

Das ist ja grauenhaft, sicher mehr, als Bärfuss bisher verdient hat. Und treibt die SRG mit ihrem Jahresbudget von satten 1,5 Milliarden Franken an den Bettelstab. Denn, so der Ökonom Bärfuss: «Mit Journalismus konnte man noch nie Geld verdienen.» Das wird alle Medientycoons seit Randolph Hearst, Alfred Hugenberg oder Willi Münzenberg schwer wundern. Aber wer nichts von Ökonomie versteht, kennt auch die Geschichte nicht.

Dass der kulturlose Tagi es am Schluss noch wagt, Bärfuss mit Dürrenmatt zu vergleichen, hat Letzterer an seinem 100. Geburtstag wirklich nicht verdient. Aber er steht in einer Reihe mit Georg Büchner, der diese Verzwergung durch Preisverleihung auch nicht verdiente. Immerhin, bei seiner Schlussschwurbelei wird man wenigstens wieder hellwach: «Kunst ist der Versuch, Schmerz in Schönheit zu verwandeln.» Der Spruch ist allerdings schon so ausgeleiert, dass man nicht mal mehr sagen kann, wo Bärfuss ihn abgekupfert hat.

Wenn man seine Kunst liest, muss man ihn aber abwandeln:

Bärfuss ist der Versuch, Schmerz in noch mehr Schmerz zu verwandeln.

 

Die NZZaS ist voll von …

Es ist schmerzlich. Wirklich wahr. Ich wurde meinem finsteren Versprechen untreu. Alte Gewohnheiten sterben langsam. Ich kaufte mir eine NZZamSonntag. Aber ich schwöre heilige Eide: das war das letzte Mal. Bei Marx, Engels und allen Engeln.

Denn so voller, nun ja, mildern wir das Wort, das mir auf der Tastatur liegt und mit dem gleichen Laut anfängt, auf Schwachsinn ab, war sie selten. Ein von falschen Behauptungen nur so strotzender Bericht über Kuba (der strotzt dermassen, dass er hier das Gefäss sprengen würde und separat erscheint), ein Interview mit einem Alt-Bundesrat in Plauderlaune, der nicht mal vor sich selbst geschützt wird, wenn er einräumt, dass die Behauptung, die Schweiz zahle niemals bei Entführungen, eine Lüge sei.

Dafür dann ein «historisches Bild» aus New York, wo sich zwei leicht bis kaum bekleidete Menschen höchstwahrscheinlich mit Rasierschaum anspritzen, als Beleg, dass der Wille zu Ausschweifung und Amüsement «unsterblich» sei. «Das ist tröstlich. Gerade heute.» So etwas von gaga.

Gutes Geld von gesunden Mutterkühen

Geht’s noch? Aber immer geht’s noch mehr nach unten. Auf der Rückseite des renommierten Bundes «Hintergrund» steht eine ganzseitige Reportage: «Gutes Fleisch von gesunden Tieren». Aufmachung, Schriften, Bild, Bildgende, Lead, springende Spalte, Kasten: alles wie echt. Halt, Oben steht immerhin «Werbung». Eher klein und links. Gross in der Mitte, ebenfalls in redaktioneller Aufmachung:

«Sponsored Content für Mutterkuh Schweiz».

Wer würde da etwas Böses ahnen, auch die Mutterkühe brauchen eine Plattform. Immerhin, unten rechts ein gelb unterlegtes Kästchen: «Dieser Inhalt wurde von NZZ Content Creation im Auftrag von Mutterkuh Schweiz erstellt.» Ein QR-Code führt zu den «Richtlinien».

Mal ehrlich, wie hoch schätzt die werte Blattleitung den Prozentsatz der Leser, die das für einen redaktionellen Beitrag halten? Mindestens zweistellig? Da sind wir uns einig, die erste Zahl ist bei mir aber sicher einiges höher.

Aber die Rache folgt auf dem Fuss. Das «Magazin» hat immer weniger mit Content Creation zu tun. Denn worüber schreibt man wie, wenn einem wirklich nichts mehr einfällt? Genau, man macht eine Riesenstrecke, nennt das «Reisespecial» und gibt Hinz und Kunz Gelegenheit, von Sehnsuchtsorten zu schwärmen, die dann unbedingt besucht werden müssen, wenn das wieder geht.

Seither lege ich mir vorsichtshalber ein Kissen auf den Schreibtisch, bevor ich mit der Lektüre beginne. Dann landet der Kopf wenigstens sanft, wenn ich wegschnarche. Ach, stimmt ja, wird nicht mehr passieren. Uff, da fängt eine gute Woche an.

War da noch was?

Und «SonntagsZeitung», SoBli? Echt jetzt? Sind die auch erschienen? Muss mir entgangen sein. Doch, uns wurde zugetragen, dass die SoZ eine Lobeshymne auf Roger Schawinski veröffentlicht hat. Wir könnten da leicht als voreingenommen beschimpft werden, daher nur das: Ja, am 23. Dezember 2020 überreichten wir Roger Schawinski unseren Preis des «Journalist des Jahres». Nachdem das Original schlichtweg seinen Ruf ruiniert hatte. Für Rogers Lebenswerk und für sein Talk Radio. Das wir grossartig fanden und finden.

Schön, dass die SoZ anderthalb Monate später auch nicht an sich halten kann. «Wenn Schawinski etwas macht, dann immer mit einer Intensität, als handle es sich um das Wichtigste der Welt.» Ein spätes, aber schönes Kompliment. Aber wer hat’s erfunden? Sorry, Roger, wir waren zuerst mit dem Lob.