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Die Corona-Kreische

Schade, dass «Spitting Image» nicht auf Emma Hodcroft aufmerksam geworden ist. Nur solch rabenschwarzer Humor könnte ihr gerecht werden.

Von 1984 bis 1996 führten die Puppen der Satiresendung vor, was eigentlich nur die Engländer können: Denk dir das Bösartigste aus, was du über einen Politiker sagen kannst. Dann trinke eine Tasse Tee und sage: guter Anfang, aber auch nicht mehr.

Die Serie ist seit Oktober wieder auferstanden, einer der wenigen Lichtblicke des abgelaufenen Jahres. Ins Panoptikum würde allerdings unbedingt das Trio Infernal aus der Schweizer Corona-Forschung passen.

Margaret Thatcher war das Lieblingsobjekt der ersten Auflage, aber auch aktuell gehen die Figuren natürlich nicht aus:

Schlimmer geht immer: Splitting Image, Part I

Schlimmer und schlimmer: Splitting Image, Part II

Wir hätten einen Beitrag dazu und schwören alle heiligen Eide, dass wir hier nicht nachgeholfen haben:

Fasnacht schon das ganze Jahr: Dr. Emma Hodcroft

Genau, so stellt man sich eine verantwortungsbewusste, seriöse Wissenschaftlerin vor, die unermüdlich die Stimme erhebt, um ihre Mitbürger vor dem Schlimmsten zu bewahren. Und da leider viel zu wenige auf sie hören, wird sie immer kreischiger in ihren Kommentaren zur Lage.

Erbitterter Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit

Das liegt auch daran, dass sie in einem erbitterten Konkurrenzkampf mit Kollegin Isabella Eckerle im fernen Genf steht und mit Kollegin Tanja Stadler, als offizielle R-Wert-Berechnerin in leichter Vorlage. Hodcroft und Eckerle haben noch keinen Sitz und Stimme in der sich furchtbar wichtig nehmenden Taskforce to the Bundesrat, also müssen sie das – unterstützt von willigen Medien – mit brachialer Präsenz ersetzen.

Wie es sich für sich differenziert ausdrückende Wissenschaftler üblich ist, ist vor allem Twitter das Medium der Wahl. Wobei inzwischen nicht einmal mehr die Beschränkung auf wenige Buchstaben ganz ausgenützt werden muss:

Im Zweierpack noch kreischiger: Hodcroft und Eckerle.

Auf der anderen Seite reicht Twitter völlig aus, um die ewig gleichen zwei Botschaften unters Volk zu bringen: Lockdown sofort, sofort Lockdown, totaler Lockdown. Und wenn nicht, ich warne, es wird grauenhaft.

Möglichst sanfter Fall zurück in die Bedeutungslosigkeit

Aber auch hier ist die Konkurrenz mörderisch; die Nase vorne hat der Berner Kollege von Hodcroft, Christian Neuhaus. Er ist unbestritten der Twitter-King unter den Virologen, und dann hat er auch noch Einsitz in der Taskforce.

Irgendwie verständlich, dass Hodcroft da mit Schminke, weiblicher Attraktivität und Selbstdarstellung bis zum Gekreische dagegen halten muss. Was das alles allerdings mit verantwortungsbewusst betriebener Forschung zu tun haben könnte, das fragt man die Postdoktorantin vergeblich.

Man wünscht ihr auf jeden Fall, wie ihren Kolleginnen und Kollegen, einen möglichst sanften Fall in die Bedeutungslosigkeit, aus der sie kamen und in die sie wieder verschwinden werden, wenn die Pandemie vorbei ist.

Rudern mit Wissenschaftlern an Bord

Totkranke sind diesen Monat schon dreimal vor vollen Intensivstationen gestorben. Nicht mitgekriegt?

Eigentlich hätte es Anfang November so sein sollen. Oder am 4 November. Oder am 13. November. Oder am 14. Oder dann halt nächste Woche.

Das sind nur schon die Alarmrufe der hochwissenschaftlichen Task Force für November. Sie versammelt die bedeutendsten Schweizer Forscher. Sie wurde extra für Corona ins Leben gerufen, um den Bundesrat mit allen nötigen Fachkenntnissen ausgestattet zu beraten.

Denn wie soll denn der Berufspolitiker und Gesundheitsminister Alain Berset sonst etwas Sinnvolles zu einer Pandemie sagen? Sinnvolle Massnahmen umsetzen? Geht doch nicht.

Bis an die Zähne mit Wissenschaft bewaffnet

Es gibt zwar schon ein ganzes Gitterwerk von Stäben, in den Kantonen, in den Departementen, für Pandemien und andere Katastrophen. Aber das war wohl gleichzeitig das Problem. Viele Stäbe, kein Durchblick. Also ein neuer Stab, und weil das Wort Stab schon irgendwie verbraucht war, nun also Eingreiftruppe. Lauter Navy-Seals, Special Forces, durchtrainiert und bis an die Zähne mit Wissen bewaffnet.

Da auch diese Eingreiftruppen normalerweise im Geheimen operieren, allenfalls erst nach erfolgreicher Mission sich öffentlich brüsten dürfen, beschloss der Bundesrat in weiser Voraussicht, dass sich alle Mitglieder der Task Force nur nach Rücksprache mit dem BAG öffentlich äussern sollen. Und im Wesentlichen über den Präsidenten, Prof. Markus Ackermann.

Beschliessen darf man ja, aber Task-Force-Mitglied Christian Althaus hat sicherlich nicht vor jedem seiner über 2000 Tweets dieses Jahr um Erlaubnis gefragt. Das BAG hätte es vielleicht nicht so gut gefunden, dass er ständig mit Kassandra-Rufen, Noten für die Regierenden und massiver Kritik an ihnen auffällt.

Allen steigt ihre Position zu Kopf

Auch Prof. Ackermann scheint seine Position zu Kopf gestiegen zu sein. Anstatt zu koordinieren und zu beraten, nimmt der huldvoll in der «Tagesschau» Stellung zu Beschlüssen des Bundesrats. Lobt und tadelt, leicht genervt, dass diese ungezogenen Politiker nie richtig auf ihn hören.

Bundesrat Berset sah sich schon zu der überfälligen Klarstellung veranlasst, dass er durchaus Wert auf die Meinung von Wissenschaftlern lege. Aber regieren, das täten immer noch der Bundesrat und die Kantonsregierungen. Die tragen auch die Verantwortung, im Gegensatz zur Task Force.

Vorauseilender Gehorsam in der Hoffnung auf Belohnung

Die meisten Medien in der Schweiz, also vor allem Tamedia und CH Media, überboten sich lange Zeit in Bravorufen für das Wirken der Task Force, überboten sich mit noch strengeren Forderungen nach Isolation, Lokdown, erneute Zusperrung von Gesellschaft und Wirtschaft.

In der wohl vergeblichen Hoffnung, dass das die Entscheider im Parlament milder stimme, wenn es darum geht, auch der verlumpenden Vierten Gewalt finanziell unter die Arme zu greifen.

Aber das funktioniert alles nicht. Die Medienkonzerne legen zusammen, schrumpfen ein und schmeissen raus. Die Task Force stösst in regelmässigen Abständen schrille Warnrufe aus und fordert drakonische Massnahmen. Sonst sind wir dann mal alle tot.

Spitäler voll, dringender neuer Lockdown

Offenbar etwas erschöpft von den ständigen falschen Warnungen, dass das Gesundheitssystem demnächst an seine Grenzen komme, schwenkte Prof. Ackermann auf sein zweites Lieblingsthema um. Lockdown, sofort. Nehmt Euch ein Beispiel an Österreich. Dieser Kunz hat wenigstens Eier in der Hose.

Gut, das sagte Prof. Ackermann natürlich nicht. Dafür forderte er am Samstag, dass man wieder Bars, Restaurants, aber auch Museen schliessen solle, Konzerte seien ebenfalls zu streichen. Sonst käme die Zahl der neuen Fälle niemals schnell genug wieder runter. Und was dann passiert, das weiss man ja …

Aber neben ständigem Aufheulen der Alarmsirene und anschliessendes Abschalten kann die Task Force noch mehr. Sie fängt an, sich gegenseitig zu kritisieren. Denn kaum hatte Ackermann diese Forderung nach Schliessung vom hohen Katheder verkündet, meldeten sich offenbar einige Task-Force-Mitglieder bei der SoZ, um mitzuteilen, dass das so im Fall intern nicht besprochen worden sei.

Interner Krach und eine genialische Formulierung

Echt wahr, der Präsident ändert eigenmächtig den Text? Aber nein, der Präsident weiss, wie man elegant zurückrudert. Das seien ja nur Forderungen unter der Voraussetzung gewesen, dass die Zahl der Neuinfizierten ungebrochen steigt. Falls das nicht der Fall sei, dann könne man darauf selbstverständlich auch verzichten.

Wenn das so eine schaumgummiartige Forderung gewesen sein soll, wieso hat er sie dann überhaupt aufgestellt? Vielleicht noch wichtiger: Wieso kündigt die Task Force ständig die demnächst eintreffende Überfüllung der Spitäler an?

Darauf hat Ackermann eine Antwort, mit der er sich für mich den Professorentitel definitiv verdient hat: diese Prognosen würden ja nur dazu dienen, dafür zu sorgen, dass sie nicht eintreffen.

Prognosen machen, damit sie nicht eintreffen

Also, ich warne Mal für Mal vor einem unmittelbar bevorstehenden Lawinenabgang. Der Mal für Mal nicht stattfindet. Werde ich dafür kritisiert, zeige ich völliges Unverständnis und fetze arrogant zurück: Was soll das, ich prognostiziere das doch nur, damit es nicht stattfindet, kann doch nicht zu schwer zum Kapieren sein. Oder braucht man da wirklich einen Professorentitel?

«Die Schweiz braucht einen Lockdown»

Fordert eine mediengierige Virologin, macht der «Blick» zum Aufmacher.

Wenn man aus fernerer Zukunft auf die Pandemie und das Jahr 2020 zurückblickt, wird man unabhängig von allen Meinungen, Positionen, Analysen in einem Punkt übereinstimmen: Die Unfähigkeit der Massenmedien wurde nur durch die Unfähigkeit der Wissenschaftler übertroffen. Die Regierenden können sich irgendwo dazwischen einreihen.

Schreiten wir zur Beweisführung. Isabella Eckerle leitet seit 2018 die Abteilung Infektionskrankheiten an den Universitätskliniken in Genf. Sie habe zuvor mit dem «deutschen Virologen-Star» Christian Drosten zusammengearbeitet.

Dadurch über alle Massen qualifiziert, findet es Eckerle dem Ausmass ihrer Forderung angemessen, sie als Tweet abzusetzen. Das limitiert sie nun ein wenig in der Ausführlichkeit von Forderung und Begründung.

Schauen wir uns doch diese geballte, konzentrierte Fachkompetenz im Original an:

Falls nicht dringlich ein erneuter Lockdown ausgerufen wird, kämen wir nicht durch den Winter, ohne «eine enorme Anzahl von Todesopfern und ohne gewaltigen wirtschaftlichen Schaden».

Kleine Widersprüche in der Kakophonie

Das widerspricht ein kleines bisschen der Einschätzung des Schweizer Star-Virologen Marcel Salathé, der noch vor Monatsfrist die Lage als sehr, sehr gut bezeichnete. Diese Forderung, der Schweiz zumindest nochmals gewaltigen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen, widerspricht auch ein wenig dem Chemie-Nobelpreisträger Michael Levitt, der die Wirkung von Lockdowns schon von Anfang an bezweifelte.

Ein zweiter Lockdown widerspricht auch ein wenig der fundamentalen Kritik am «gescheiterten» schwedischen Sonderweg, wo aktuell nichts für einen zweiten Lockdown spricht. Der auch eigentlich der erste wäre.

Öffentliche Erregungsbewirtschaftung von ansonsten Unbekannten

Damit sind auch interessante Fragen wie die, dass drakonische Massnahmen in Spanien genau nichts nützten, während vergleichbare Einschränkungen in Südkorea erfolgreich waren, weiterhin unbeantwortet. Aber wir wollen hier keinesfalls noch unser Urteil darüber abgeben. Wir halten nur fest: Sobald man zwei Virologen oder Epidemiologen für länger als 30 Minuten in einen Raum sperrt, kommen sie mit drei verschiedenen Meinungen wieder heraus.

Gut, dass es da die vierte Gewalt gibt, die als Filter zwischen dieser wissenschaftlichen Kakophonie dienen muss, zudem alle weiteren Informationen zur Verfügung stellen, damit sich der Leser eine eigene Meinung bilden kann. Soweit die Theorie. In der Praxis haben die beiden grossen Medienkonzerne Tamedia und CH Media, ergänzt durch den «Blick», bereits klar Position bezogen.

Die Warnungen der Wissenschaftler sind todernst zu nehmen, wer dem widerspricht, ist ein Corona-Leugner oder sonstwie krank, und die Regierung zu Bern soll endlich mal den Finger aus einem dafür nicht vorgesehenen Körperteil nehmen und handeln.

Solche Warnungen brauchen wir so dringend wie einen Tritt in den Unterleib

Diese ganze Haltung, daran kommt nicht vorbei, hat etwas zutiefst Masochistisches. Man möchte gequält werden und dafür sogar noch Geld ausgeben. Natürlich nicht sofort und aus dem eigenen Sack, sonst wäre die Zustimmung vielleicht nicht so gross. Aber wenn der erste Lockdown mit allen Folgewirkungen bislang so rund 100 Milliarden gekostet hat, wie viel wird dann ein zweiter kosten? Wenn man berücksichtigt, dass es viele KMU, viele Kurzarbeiter gibt, die sich bislang nur noch knapp über die Runden schleppen konnten, hat man eine ungefähre Ahnung, wie dringend die Schweiz einen neuen Lockdown braucht.

Ungefähr so dringend wie eine weitere Meinung in der Kakophonie der Expertensprüche. So dringend wie eine Wiederholung des Alarmismus, dass es unerträglich viele Todesopfer geben wird, sollte Wirtschaft und Gesellschaft nicht sofort wieder ins Wachkoma geschickt werden.

Lockdown per Tweet? Das würde sich nicht mal Trump trauen

Oder sagen wir so: Eine Wissenschaftlerin, die diese Bezeichnung verdient, stellt ganz sicher nicht per Twitter eine dermassen einschneidende Forderung auf. Es reicht schon, wenn selbsternannte Wissenschaftler in den Medien in Regierungsverantwortung Stehende mit ungebetenen Ratschlägen belästigen. In der wohligen Gewissheit, dass diese Journalisten noch nie auch nur den Hauch einer Verantwortung für ihre Werke übernehmen mussten.

Lololo, Lockdown

Wie ein Begriff seinen zweiten Frühling im Herbst erlebt.

Im Kampf um die Lufthoheit in der öffentlichen Debatte sind Begrifflichkeiten entscheidend. «Coronaleugner» als Sammelbegriff für alle, die auch nur eine kritische Frage wagen: grossartig stigmatisierend, ein sicherer Blattschuss.

Ergänzen wir noch mit «Experten warnen», «Wissenschaftler fordern», «zweite Welle», «immer mehr Infizierte»; irgendwas oder irgendwer ist dann auch schon «am Anschlag». Was hilft?

Logisch, ein Lockdown. Beziehungsweise: «Wie reagiert die Baubranche auf die zweite Welle?» – oder Restaurants und Hotels? All diese Fragen beantwortet eine einzige Ausgabe des «Blick», und es bleibt erst noch genügend Platz übrig, um ein Thema anzuschneiden, das schon die alten Griechen beschäftigte: «Bin ich ungeeignet für Analsex?»

Lockdown ist lieblich für Massenquarantäne

Ein Lockdown ist nichts anderes als eine Massenquarantäne, aber hört sich viel lieblicher an. Erst recht, wenn es nur ein «Teil-Lockdown» ist, oder gar bloss ein «Mini-Lockdown». Die NZZ versucht’s mal wieder mit einem ordnungspolitischen Zwischenruf: «Zweite Corona-Welle: jetzt wird es für die Wirtschaft brenzlig – Augenmass ist gefragt».

Normalerweise riecht es brenzlig, aber wenn man Chefökonom der NZZ geworden ist, kann man auch mit schiefen Bildern den richtigen Riecher haben. Oder so.

«BAG prüft ein- bis zweiwöchige Lockdowns», weiss CH Media. Man fragt sich, wie diese Prüfung aussieht: «Äxgüsi, wir prüfen hier mal einen einwöchigen Lockdown, bleiben Sie gefälligst in Ihrer Wohnung.»

Bericht von der Spitalfront in Basel-Land

Aber Scherz beiseite, beide Basel gehören ja auch zum Einzugsgebiet der Wanner-Presse: «Im Kanton Basel-Landschaft befinden sich 12 Menschen im Spital, 2 müssen beatmet werden.» Das ist furchtbar und wird sicherlich nicht dadurch relativiert, dass es im Halbkanton 2019 ingesamt knapp 35’000 Spitalaufenthalte gab, plus 6300 im mit Basel betriebenen Uni-Kinderspital.

Das bedeutet, dass es jeden Tag im Schnitt 113 Spitalaufenthalte gibt. Und wenn man die Ticker-Meldung genauer liest, kann man aufatmend feststellen, dass am Stichtag lediglich 2 neue Patienten wegen Corona ins Spital mussten, was die Gesamtzahl auf 12 heraufsetzt.

Aufatmen kann man ebenfalls in der Ostschweiz: «Kanton St. Gallen lässt weiterhin Grossveranstaltungen zu», vermeldet das St. Galler «Tagblatt». In den letzten sieben Tagen hat sich der Begriff Lockdown wie ein Virus in den Medien vervielfältigt, die Datenbank SMD verzeichnet knapp 3600 Treffer dafür. Sozusagen auch dagegen; die «Handelszeitung» titelt tapfer: «Fünf Gründe gegen einen Lockdown».

Häppchenweise serviert, wird’s geschluckt

Der Unternehmer Marcel Dobler, unter anderem Besitzer des alteingesessenen Spielwarenhändlers Franz Carl Weber, in der Vorweihnachtszeit normalerweise der Sehnsuchtsort für Kinder, warnt: «Bei einem zweiten Lockdown geht auch Franz Carl Weber in Konkurs», so zitiert ihn «20 Minuten».

Es ist eine alte Erkenntnis aus der Propagandalehre, dass man einen ungeliebten Begriff zuerst häppchenweise wieder aus der Versenkung holen muss. Das kann ganz am Anfang durchaus auch verneinend sein, «ein zweiter Lockdown ist ausgeschlossen». Als Nächstes wird ein angetäuschter Ausfallschritt beliebt gemacht: «Mir müssen alles tun, um einen zweiten Lockdown zu vermeiden.»

Schon fast auf der Zielgeraden ist man dann mit Stufe 3: «Wir können einen Lockdown nicht mehr ganz ausschliessen.» Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Sieg in der Lufthoheit heimzutragen.

Leider kein Diminutiv

Der Begriff ist wieder platziert, nun kann  man entweder den Überraschungs- und Überrumpelungsangriff wagen: «Ab morgen 12 Uhr gilt der Lockdown.» Oder man tänzelt etwas um den Begriff herum, «Teil-Lockdown», «Mini-Lockdown», «Versuchs-Lockdown».

Indem man sich des hässlichen Begriffs Massenquarantäne entledigte, verbaute man sich allerdings die Möglichkeit des Diminutivs, der immer etwas Beruhigendes hat, automatisch einen Jö-Effekt auslöst. Aber ein «Lockdäunchen», das geht nun schlecht.

Die in den Medien breit geführte Debatte, ob, wann, wie, wo, flächendeckend oder teilweise, wie beim ersten Mal oder anders, deckt zudem eine weitere, unangenehme Wahrheit zu. Deshalb bekommt der FDP-Nationalrat und erfolgreiche Unternehmer (Digitech) Dobler, der einem neuen Lockdown kritisch gegenübersteht, viel Gegenwind.

Es gibt auch unangenehme Wahrheiten

Denn er weist darauf hin, dass zumindest Teile der Volkswirtschaft in der Schweiz einen zweiten Stillstand nicht überleben werden. Die zweite Welle damit in eine Pleitewelle übergehen würde, in der Arbeitslosenheere schwömmen. Und ihn kann man schlecht als verkappten Aluhut-Träger oder Rechtsradikalen beiseite räumen.

Eine Debatte über das Wie und Wann, befeuert durch zwar nicht signifikante, aber geeignete absolute Zahlen von positiv Getesteten, soll von einer Tatsache ablenken, die noch beunruhigender als das Virus ist: Bislang hat der erste Lockdown mit allen Folgewirkungen einen Schaden von rund 100 Milliarden Franken angerichtet.

Selbst die wohlhabende Schweiz kann sich das nicht nochmal leisten. Aber davon liest man eigentlich im Medienchor, der Lololo Lockdown singt, kaum etwas.

Leitartikeln ins Leid und Elend

Wenn der Journalist im roten Bereich dreht.

Der Leitartikel war auch mal so eine Bastion des Qualitätsjournalismus. Jahrzehntelang frönte die NZZ dem schönen Brauch, jeweils am Samstag es der ganzen Welt mal wieder zu geigen.

Markus Somm übernahm dann diese Tradition in der «Basler Zeitung», wurde aber dennoch nicht Chefredaktor bei der NZZ. Auch der «Tages-Anzeiger», und somit flächendeckend seine Kopfblätter, pflegt den Leitartikel.

Ein Leitartikel voller Fehler

Ein besonders blödes Exemplar erblickte am Samstag das Licht der Welt. Schon der Titel (Artikel hinter Bezahlschranke) gibt zu denken: «Einen Lockdown auszuschliessen, ist ein Fehler».

Zunächst verteilt der Leitartikel Betragensnoten und tadelt, «dass viele Menschen wieder bedenkenlos feiern, singen und tanzen gingen». Statt zuhause Trübsal zu blasen und sich zu überlegen, ob sie die steigende Suizidrate in der Schweiz unterstützen wollen.

Solches Tun ist insbesondere deswegen verwerflich, weil bekanntlich Mitbürger über 80, die 70 Prozent aller Coronatoten ausmachen, dafür berüchtigt sind, dass sie bedenkenlos bis in die Morgenstunden feiern, singen und tanzen, sich dabei noch die Kante geben.

Der «Tages-Anzeiger» muss ganz streng mit uns werden

Aber, so urteilt der Leitartikler streng, wir seien «immer noch gefährlich entspannt in Bezug auf einen zweiten Lockdown». Das muss sich aber radikal ändern, und dafür setzt der Autor zu einem eingesprungenen Rittberger mit doppelter Schraube an: «Paradoxerweise wird aber ein Lockdown umso wahrscheinlicher, je mehr sich die Botschaft, dass es ihn nicht geben wird, in den Köpfen festsetzt.»

Es ist verblüffend, mit welcher Geschwindigkeit sich das Narrativ geändert hat. Von einem allgemeinen «zweiter Lockdown: niemals», über «alles tun, damit es keinen zweiten Lockdown gibt» zu «Lockdown, warum nicht?»

Schlimmer noch, «wer einen Lockdown kategorisch ausschliesst, macht sich schlicht der Irreführung schuldig», behauptet der «Tages-Anzeiger», das Organ der weisen Menschenführung.

Koste es, was es wolle, ist doch egal

Dann tritt er noch dem Bundesrat Maurer ans Schienenbein, der festhielt, dass sich die Schweiz einen zweiten Lockdown schlichtweg nicht leisten könne. «So teuer diese Maximalmassnahme auch würde», was sei das schon im Vergleich zu vielen Menschenleben, entscheidet der Autor forsch.

Ist er damit am Ende angelangt? Aber nein, «die Verharmlosungen» müssten «endlich ein Ende» nehmen, fordert er. Auch auf die Gefahr hin, als Verharmloser denunziert zu werden: Das ist natürlich Schwachsinn. Unsinn, Brandgefährlich. Wirklichkeitsfern. Schlicht verantwortungslos.

Tadel aus dem sich leerenden Grossraumbüro

Man stelle sich vor, da sitzt ein Tagi-Redaktor im sich immer mehr leerenden Grossraumbüro, während auch sein Medium darüber jammert, wie sehr die Massnahmen gegen die Pandemie an die Substanz gehen. Und bevor er auch eingespart wird, fordert er geradezu seine Entlassung.

Damit hat er allerdings nicht ganz Unrecht; die Lücke, die er hinterliesse, würde ihn vollständig ersetzen. Aber es ist schon nassforsch, nachdem der erste Lockdown alleine in der Schweiz Schäden von geschätzt 100 Milliarden Franken anrichtete, locker vom Hocker die Möglichkeit eines zweiten in den Raum zu stellen.

Schon mal was von Verhältnismässigkeit gehört?

Was hier der fachfremde Bundesrat und Gesundheitsminister angerichtet hat, ist schlichtweg die grösste wirtschaftliche Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber es kann doch nichts zu teuer sein, wenn es um Menschenleben geht. Wer das bestreitet, ist ein materialistischer Unmensch.

Ich bestreite das, bin kein Unmensch und zudem in fachkundiger Gesellschaft. Alle Krankenkassen in der Schweiz sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Verhältnismässigkeit einer Therapie zu prüfen, bevor sie die Kosten übernehmen. Ja, und zu dieser Prüfung gehört selbstverständlich auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung.

Denn sonst wären die Krankenkassenprämien nicht mehr länger schwer zu bezahlen, sondern unbezahlbar. Wer jeden Mitbürger als unverantwortlichen Hallodri darstellt, der es wagt, auf die eine oder andere Art das Leben etwas geniessen zu wollen, ist schlimmer als jeder Calvinist. Wer behauptet, nichts könne zu teuer sein, um Menschenleben zu retten, ist zudem ein verantwortungsloser Dummschwätzer.

Wo der Lohn herkommt, kümmert den Redaktor nicht

In Wirklichkeit verhält es sich natürlich umgekehrt als im Titel dieses Ergusses. Wer einen zweiten Lockdown herbeischreibt oder legitimiert, begeht einen verantwortungslosen Fehler.

Übersieht dabei die fatalen Schäden, das Absterben ganzer Branchen, Pleitewellen und Massenarbeitslosigkeit als mögliche Konsequenzen. Ist offensichtlich zu sehr daran gewöhnt, dass es ein Naturgesetz sei, dass er jedes Monatsende bis ans Lebensende seinen Lohn und dann seine Rente bekommt. Wo das herkommt, kümmert ihn nicht.