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Gesicherte Erkenntnisse über Kuba

Das ist konsequent: Die NZZ setzt ihre Quatsch-Berichterstattung über die letzte Insel des Surrealismus fort.

Die erste Bresche in die Glaubwürdigkeit der Kuba-Berichterstattung hat Sandra Weiss geschlagen. Als Ferndiagnostikerin aus Mexiko Stadt behauptete, sie, dass kubanische Ärzte versklavt seien und das Regime Multimilliarden durch ihre Vermietung im Ausland einnehme.

Beides völliger und belegbarer Unsinn. Aber die Leitung der NZZ-Auslandredaktion ist zu arrogant, um auf einen schüchternen Hinweis ihres ehemaligen NZZ-Korrespondenten mit Wohnsitz Havanna auch nur zu antworten.

Die Strafe folgt auf dem Fuss. Der freie Journalist Knut Henkel aus Hamburg rührt im Ressort Reisen die Werbetrommel für die Feriendestination Kuba. Ziemlich faktenfrei, und bei der Lektüre fragt man sich, ob es vielleicht noch eine andere Insel gibt, die zufällig auch Kuba heisst.

Vielleicht gibt es noch ein zweites Kuba

Denn die letzte Insel des Surrealismus kann Henkel eigentlich nicht meinen. «Seit Mitte Oktober ist Kuba wieder für internationale Touristen offen», behauptet er kühn. In der Tradition von Radio Eriwan: im Prinzip ja. Ab und an. Mehr oder weniger. Je nachdem.

Erst Mitte November öffnete der Flughafen von Havanna wieder, obwohl die Öffnung auf 1. November fest versprochen war. Das liess ein paar tausend Reisende auf ihren wertlosen Tickets sitzenbleiben. Und weil das die Attraktivität der Feriendestination ungemein steigert, reduziert Kuba die Anzahl Flüge nach Lust und Laune.

Der reale kubanische Traum.

Was dazu führt, dass zeitweise Tausende von Kubanern aus dem Exil, deren Rückflüge in die USA gestrichen wurden, auf Kuba festsassen. Genau gleich ging es auch Kubanern über ganz Zentral- und Lateinamerika verteilt. Hin kamen sie, aber der Rückflug war dann nix.

Als weitere Abschreckungsmassnahme hat Kuba nicht nur einen gültigen und negativen Corona-Test für obligatorisch erklärt. Sicher ist sicher, also muss zusätzlich jeder Tourist zunächst mal in Quarantäne in ein Staatshotel. Freie Wahl für freie Touristen? Aber nein, er wird zugeteilt, den Zimmerpreis plus Verpflegung und medizinische Betreuung hat er natürlich auch zu zahlen.

Testen, testen, testen. Aber die Resultate?

Eigentlich war ein Aufenthalt bei einer kubanischen Familie geplant? Aber nein, das wäre ja gesundheitsgefährdend. Früher gab es noch die Möglichkeit des Hausarrests. Also die ersten sieben Tage mussten ohne Freigang innerhalb einer Wohnung verbracht werden. Alles nur zur Sicherheit. Dazu dient auch ein gleich am Flughafen durchgeführter (und zu bezahlender) Test. Dessen Resultat sollte dann dem im Hotel oder früher in vier Wänden eingesperrten Touristen innerhalb der Quarantänezeit bekannt gegeben werden.

Im Prinzip ja. Es gibt aber Fälle, die fröhlich wieder aus Kuba ausreisten, ohne das Resultat erhalten zu haben. Wobei auch für Touristen die Rückreise nicht ganz hindernisfrei ist, da auch die wenigen europäischen Airlines, die Flüge nach Kuba anbieten, diese zwar grossartig in ihren Flugplänen ankündigen, gerne auch die Kohle für eine definitive Buchung kassieren – sie dann aber auch nach Lust und Laune wieder absagen.

Nur zufällige Übereinstimmung von Statistik und Realität

Von all diesen kleinen und grösseren Hindernissen schreibt Henkel nur sehr, sehr wenig. Dafür zitiert er ausführlich offizielle Statistiken über die Anzahl von Corona-Fällen oder von Toten. Sicher, es gibt keine andere Quelle dafür, aber bei solchen staatlichen Angaben kann man sicher sein: jede Ähnlichkeit mit der Realität wäre rein zufällig. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die wirkliche Anzahl viel höher. Das sowieso schon verlotterte Gesundheitssystem ist vor allem im Südosten der Insel nahe am Zusammenbruch.

Denn in Wirklichkeit ist Kuba von einem perfekten Sturm getroffen. Mangels Transport- und Überweisungsmöglichkeiten ist die Devisenquelle Nummer eins, die rund 4 Milliarden Dollar von Exilkubanern, die dann in den Monopolstaatsläden abgeschöpft werden, vom Strom zum Getröpfel vermindert. Deviseneinnahmequelle Nummer zwei, der Tourismus, war von Mitte März bis Ende Oktober völlig lahmgelegt. Was unter anderem dazu führte, dass eine der wenigen florierenden Wirtschaftszweige für Privatunternehmer abgewürgt wurde.

Auch das ist real in Havanna.

Privathotels, Restaurants, Transportdienste und alles, was mit Tourismus zu tun hat, da hatte sich eine ernsthafte Konkurrenz zu den oftmals sehr realsozialistischen und im Vergleich schweineteuren Staatsinstallationen entwickelt. Abgeräumt, bankrott, weg.

Einnahmequelle Nummer drei, die Vermietung von Fachpersonal ins Ausland, lief auch schon mal besser. Inzwischen sind in vielen vormals verbündeten Staaten wie Bolivien oder Brasilien rechtskonservative Regierungen am Gerät. Und der grosse Bruder Venezuela pfeift selber aus dem letzten Loch.

Der überlebensgrosse, charismatische Fidel Castro ist tot, sein Bruder und die letzten überlebenden Guerilla-Führer sind 90 oder älter, der neue Präsident hat ausser einem provokativ dicken Bauch keine nennenswerten Eigenschaften. Gleichzeitig zwang der Devisenmangel das Regime, etwas zu tun, was es mit heiligen Eiden versprochen hatte, niemals zu machen.

Schon wieder ein revolutionäres Versprechen gebrochen

Es wurden wieder Devisen-Shops eingeführt, in denen man ausschliesslich in MLC, moneda libremente convertible, bezahlen kann. In den Peso-Läden oder in den Bodegas, wo sich der Kubaner bis heute die ärmlichen Reste auf seiner Rationierungskarte abholt, gähnen leere Regale, das gilt auch für viele Staatsapotheken. Ein Rezept bekommen, ist der einfachere Teil. Schlimmer noch, auch in den Devisenshops gibt es immer weniger Angebot, aber immer mehr Nachfrage.

Resultat: unübersehbare Schlangen, kilometerlang, oftmals beginnt das Warten am Vortag, und endet nicht immer glücklich am Folgetag vor Ladenschluss. Statt sich um eine bessere Belieferung zu kümmern, erfand das Regime eine Massnahme nach der anderen, um diese hässlichen Bilder, die nur zur feindlichen Propaganda dienen, zu vermeiden.

Aktuelle Lösung: Es werden pro Laden Tickets ausgegeben. Maximal 50 am Tag. Nun gibt es zwar lange Schlangen vor den Ausgabestellen, aber nicht mehr vor den Läden. Kleine Nebenwirkung: der Schwarzmarktpreis für so ein Ticket beträgt von 10 Dollar aufwärts. Nach Schwarzmarktkurs 500 Pesos. Ein kleines Vermögen nur für den Eintritt. Und wenn’s das gewünschte Produkt nicht hat: Pech gehabt.

An 60 Jahren landwirtschaftlichem und wirtschaftlichem Totalversagen gestählt, nimmt der Kubaner auch diese Herausforderung an, was bleibt ihm auch anders übrig. Und dass er wieder mindestens den halben Tag, jeden Tag, in einer Schlange verbingt, stört auch nicht weiter. Die einheimische Produktion ist sowieso schon lange im Keller, so muss die tropische und fruchtbare Insel über 80 Prozent ihrer Nahrungsmittel importieren.

Macht ein Impfstoff Hoffnung?

Aber, so endet Henkel hoffnungsfroh, Kuba entwickle Soberana 2, Souverän 2. Das könnte die Impfung gegen Covid19 werden, behauptet das Regime. Vorherige Ankündigungen, ein Mittel gegen HIV und Krebs und überhaupt fast alles entwickelt zu haben, lassen daran zweifeln.

Vorsichtshalber soll es klinisch an Iranern ausprobiert werden. Da kann man nur hoffen, dass die ayatollen Führer als erste drankommen.

Natürlich ist Kuba trotz alledem eine mögliche Feriendestination. Land und Leute, Mojito und Puro, Sonne und Strand, Musik, unzerstörbare Fröhlichkeit. All das gibt’s weiterhin, als geballte Ladung nur für Touristen. Die nicht enttäuscht werden, wenn sie all das wissen. Aber sicher sind, dass Henkel ein Paralleluniversum beschrieben hat, wenn sie einen persönlichen Augenschein nehmen.

Einen Fehler machen kann jeder. Aber beratungsresistent einfach den nächsten zum gleichen Thema machen, das ist sehr beunruhigend.

 

Sklaven der Schwarzweiss-Sicht

Immer wieder für Fake News gut: Alfred Escher, Zürich und die Sklaven auf Kuba und anderswo.

Wenn sich Autoren mit eher leichtem Rucksack an schwere Themen wagen, kommt aus der dadurch entstehenden Kollision meistens beschädigte Ware zum Vorschein.

Der «Tages-Anzeiger» (Artikel hinter Bezahlschranke) bietet gerade eine volle Dröhnung, was herauskommt, wenn Gesinnung über Sinn oder Unsinn triumphiert.

Da wäre mal die Kolumne von Babara Bleisch. Die Philosophin greift darin weit nach oben und will abrechnen: «Kant, Voltaire oder Hegel seien eben «Kinder ihrer Zeit» gewesen, heisst es, um ihre rassistischen und frauenfeindlichen Aussagen zu entschuldigen.» Aber so leicht entkommen die Denker Rächerin Bleisch nicht: «Das Argument verfängt nicht.»

Angstfreies Denken führt nicht immer zu überzeugenden Resultaten

Denn, so gründelt sie, «Kind seiner Zeit», «so dachte man damals halt», das stünde ja nur für «die Angst davor, frei zu denken», sei gar «selbstverschuldete Unmündigkeit», um mal Kant gegen Kant in Stellung zu bringen. Womit Bleisch mal kurz rund 200 Jahre Erkenntnistheorie in die Tonne haut.

Überhaupt seien die Schriften von Kant, Voltaire, Hegel «teilweise gespickt mit sexistischem, rassistischem oder antisemitischem Gedankengut», weiss Bleisch, verzichtet aber auf jeden Beleg dafür. Also wenn ohne Angst frei gedacht wird und dabei solcher Unsinn herauskommt, kann davon nur dringlich abgeraten werden.

Jetzt ist das dunkle Geheimnis gelüftet: Zürich im Sklavenhandel

Ebenfalls auf Treibsand, vermeintlich historisch abgestütztem Gefilde wandelt der «Tages-Anzeiger», und mit ihm eigentlich die gesamten Deutschschweizer Medien, bei der Berichterstattung über die «Verwicklung Zürichs in den Sklavenhandel» (Artikel hinter Bezahlschranke).

Nachdem das «Magazin» vor drei Jahren die Fake News in die Welt setzte, Alfred Escher habe von Sklaverei profitiert, steht natürlich auch sein Denkmal vor dem Zürcher Bahnhof nicht mehr ganz sicher auf seinem Sockel.

Für den Hobby-Historiker David Sarasin von der Lokalredaktion des Tagi steht fest, dass «für viele hundert Jahre die Verknüpfungen der Stadt Zürich mit dem Sklavenhandel und der Sklaverei weitgehend im Dunkeln» gelegen seien. Aber seitdem man wisse, dass «der Vater von Alfred Escher in Kuba eine Plantage mit 80 Sklaven besass», habe sich das geändert.

Historische Tatsachen ändern sich nicht, nur ihre Interpretation

Was sich allerdings nicht ändert, ist die historische Tatsache, dass der Vater von Alfred Escher keine Plantage mit 80 Sklaven auf Kuba betrieb. Was sich auch nicht ändert, ist die historische Tatsache, dass sich sowohl sein Vater wie Alfred Escher schon erfolgreich vor Gericht gegen entsprechende Verleumdungen zur Wehr setzten.

Was sich schliesslich nicht ändert, ist die weitere Tatsache, dass beide schon ziemlich lange tot sind und sich gegen diesen Unsinn nicht mehr wehren können. Aber diese Fake News nahm – Überraschung – die Zürcher Stadtpräsidentin Corinne Mauch zum Anlass, das Historische Seminar der Uni Zürich damit zu beauftragen, der Sache mal auf den Grund zu gehen. Der Bericht liegt nun vor, und er zeige, «wie mannigfach die Stadt mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte verbunden war».

Muss die Geschichte Zürichs umgeschrieben werden?

Es rauschte mal wieder gewaltig im Blätterwald; «Wie Zürich von der Sklaverei profitierte», empört sich srf.ch, «Zürich hatte «vielfältige und relevante Verbindungen» zur Sklaverei», übernimmt «watson» der Einfachheit halber den Titel der SDA-Meldung. «Zürich profitierte vom Sklavenhandel», weiss selbst «zentralplus».

Das ist ja furchtbar; muss nun die Geschichte Zürichs umgeschrieben werden? Haben die Zürcher, schon lange bevor in ihren Banken an der Bahnhofstrasse Blutgelder afrikanischer Potentaten gelagert wurden, die deren Vorfahren durch Sklavenhandel angehäuft hatten, auch selber von Sklaverei und Menschenhandel profitiert? Gab es denn sogar Handelsplätze in Zürich, wo schwarze Sklaven wie Tiere vorgeführt und verkauft wurden?

Lachhafte Erkenntnisse von Gesinnungshistorikern

Gemach, so schlimm war’s dann nicht. Denn bei aller Mühe der Historiker, das grelle Licht der Anklage ins Dunkel leuchten zu lassen, haben sie nur geradezu lachhafte «Verknüpfungen» zu Tage gefördert. So habe die Stadt Zürich 1727 Anteile an der South Sea Company erworben. Gemeinhin ist dem Historiker dieser Name wegen der South Sea Bubble geläufig, einer der ersten Wirtschaftsblasen, deren Platzen viele Investoren ruinierte.

Diesem Schicksal entging Zürich immerhin, aber mit dieser Geldanlage sei Zürich «an der Verschleppung von 36’494 Afrikanerinnen und Afrikanern finanziell beteiligt» gewesen. Noch schlimmer trieb es die halbstaatliche Bank Leu, denn sie investierte in die Compagnie des Indes. Die verschleppte von 1720 bis 1750 insgesamt 42’467 Sklaven nach Amerika, haben die Historiker ausgerechnet. Allerdings räumen sie ein, dass Bank Leu erst «einige Jahre später bei der Firma einstieg». Aber das ist sich gleich, Sklavenhandel ist Sklavenhandel, basta.

Noch kühner ist die nächste Verknüpfung, nämlich in Form des Ankaufs dänischer Staatsanleihen. Denn, was Bank Leu natürlich hätte verhindern müssen, mit diesem Geld kaufte die dänische Krone dann zwei karibische Inseln, auf denen Sklaven arbeiteten.

Bunte Tücher aus Zürich im Sklavenhandel

Geht’s noch absurder? Aber immer. Zürich war ein bedeutender Hersteller von sogenannten Indienne-Stoffen. Diese bunten Tücher wurden nach Frankreich und in andere Länder exportiert. Wo ist da die Verknüpfung? Geduld, hier kommt sie: diese Tücher wurden dann nach Afrika verschifft und dort gegen Sklaven eingetauscht.

Muss man noch erwähnen, dass die Baumwollspinnerei Escher, Wyss & Cie. von Alfred Eschers Vater gegründet wurde? Na und? Also bitte, wie urteilt der Tagi: «Es ist ein Nachweis dafür, dass die hiesige Industrie mit der atlantischen Wirtschaft und damit mit der Skalverei verbunden war.» Vor lauter Erregung verwechselt der Autor hier Sklaverei mit skalpieren, wobei das die Ureinwohner der USA mit den Weissen, aber das ist wieder eine andere dunkle Geschichte.

Auf jeden Fall entstand aus der Spinnerei die Maschinenindustrie, und die trug ja bekanntlich «massgeblich zum Schweizer Wohlstand bei», weiss der Tagi. Interessant, da muss der Historiker und ehemalige Leiter der Alfred-Escher-Stiftung, Joseph Jung, in seinem gerade erschienenen Standardwerk «Das Laboratorium des Fortschritts. Die Schweiz im 19. Jahrhundert», zu völlig falschen Schlussfolgerungen, Einsichten und Herleitungen gekommen sein.

900 Zürcher waren Helfershelfer bei irgendwas

Gut, dass das nun zurechtgerückt wird. Und mit anklagenden Gesten auf «900 Zürcher» gezeigt wird, die zwischen 1638 und 1794 «bei der Unterwerfung, Kolonialisierung und Verwaltung von Gebieten Afrikas und Asiens mithalfen». Pfuibäh, sie «halfen bei der Unterwerfung von Sklaven», ist sich der Tagi mit den Historikern einig. Man fragt sich allerdings, wie viele der tapferen Ankläger in den Medien tatsächlich die 56 Seiten dieses Berichts gelesen haben.

In solchen Fällen ist es üblich, sich zu schämen. Daher schäme ich mich dafür, an diesem Historischen Seminar der Uni Zürich Geschichte studiert zu haben. Sagenhaft, wie das inzwischen runtergewirtschaftet wurde. Denn dieser «Bericht», so gelehrt mit umfangreichen Fussnoten und ausführlicher Bibliographie er auch daherkommt, müsste wegen methodologischen, strukturellen, ahistorischen und argumentativen Fehlern selbst als Seminararbeit zurückgewiesen werden.

Wir müssen einen Ausflug in die Psyche machen

Diese «Beweise», diese hergewürgte «Verknüpfung» Eschers, Zürichs in Sklaverei und Sklavenhandel ist dermassen absurd, dass man sie eigentlich nur psychopathologisch erklären kann.

Offensichtlich leiden diese Forscher – und die Berichterstatter in den Medien – unter dem Diktum, dass die Schweiz für grosse Verbrechen einfach zu klein sei. Also möchte man wenigstens einen Grund haben, wieso sich die Schweiz, Zürich, die Nachfahren Eschers, die SKA, der Gotthardtunnel sich schuldig fühlen und schämen müssen.

80 Sklaven auf einer Plantage auf Kuba, über deren Lebensumstände nichts bekannt ist. Angeblich 900 Zürcher, die irgendwelche Funktionen in Afrika und Asien ausübten. Investitionen in Firmen, die wie eigentlich alle Handelsgesellschaften damals auch in Sklavenhandel verwickelt waren.

Nullsummenspiel: Was man in die Geschichte trägt, holt man aus ihr heraus

Wie es der damaligen Mentalität und Auffassung entsprach. Der es auch entsprach, Tiere so zu halten, dass ein heutiger Tierschutz Amok laufen würde. Der es auch entsprach, Frauen als unmündige, zu keiner eigenen Entscheidung fähige Wesen anzusehen. Der es auch entsprach, Blaublüter als durch Geburt und Herkunft über dem Pleps stehende Menschen zu sehen. Der es auch entsprach, Hexen zu verbrennen, Folter als probates Mittel zur Erlangung von Geständnissen anzuwenden.

Alles aus heutiger Sicht gesehen Abscheulichkeiten. Aber die Geschichte der Sklaverei wäre unvollständig ohne die Erwähnung, dass es weisse Männer waren, die ihr Ende forderten, durchsetzten und dafür sogar einen Bürgerkrieg führten. Während die schwarzen Sklavenhändler in Afrika diesem Geschäft schon lange vor der Kolonialisierung nachgingen und auch dazu gezwungen werden mussten, es aufzugeben.

Angesichts all dieser Barbareien ist es schichtweg lächerlich, ja geradezu unverschämt gegenüber den Tätern und Opfern, mit diesen dünnen Beispielen eine Verwicklung Zürichs in Sklavenhandel und Sklaverei und daraus eine bis heute auf uns lastende Schuld herbeizufantasieren.

Völlig verrutschte Perspektiven

Was ist von «Historikern» zu halten, die einen solchen Stuss schreiben: «Sein 200. Geburtstag im Jahr 2019 wurde durch neue Forschungen des Historikers Michael Zeuske überschattet, die belegen, dass der Onkel Alfred Eschers, Friedrich Ludwig Escher, über knapp drei Jahrzehnte die Kaffeeplantage Buen Retiro auf Kuba mit über 80 Sklavinnen und Sklaven betrieb.» Bei der Bedeutung Eschers für die moderne Schweiz ist das ungefähr so absurd, wie wenn man schreiben würde, Gedenkfeiern für den US-Revolutionär Thomas Jefferson, der in der Unabhängigkeitserklärung der englischen Kolonien unsterbliche Worte über unveräusserbare Rechte des Menschen fand, seien überschattet worden von der Tatsache, dass er nicht nur Sklaven hielt, sondern sich auch mit Sklavinnen fortpflanzte.