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Sonnen im Lichtblick

Hier sei immer alles so negativ und kritisch. Kritisieren immer wieder Leser. Bitte, wir können auch anders.

Das letzte Mal, als wir positiv waren (trotz Corona!), interessierte das eigentlich niemanden. Aber wir geben ja nicht so schnell auf.

Auch auf die Gefahr hin, parteiisch zu erscheinen: Nach dem heutigen Leidensweg durch die Medien mit ihrer Kakophonie über die Lockerungsbeschlüsse, bei der eigentlich niemand den Puck gesehen hat, braucht es Erholung, Labsal, ein Licht der Hoffnung, dass es auch anders geht.

Da hilft nur eins: die NZZ. Sicher, da ist auch nicht mehr alles Gold, was blättert – zum Beispiel fehlen die Beiträge eines Kuba-Korrespondenten –, aber dennoch. Es geht doch (noch).

Der Balken der Vernunft.

Es ist in der gestrigen Ausgabe, und nur darauf beziehen wir uns, ein bunter Strauss an Anregungen, Einordnungen, bedenkenswerten und kaum bedenklichen Artikeln. Was will Putin mit seinem Säbelrasseln an der ukrainischen Grenze? «Die Unentschlossenheit des Westens entlarven». Besser kann man das nicht auf den Punkt bringen.

Leichtes Schwächeln bei Corona

Der Kommentar zu den Lockerungsbeschlüssen vermisst einen «Fahrplan» des Bundesrats. Nachdem bislang alle mittelfristigen Ankündigungen im Gestrüpp endeten. Nun, es kann nicht alles gelingen, selbst in der NZZ.

Wie steht es nun genau mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson? Wie und warum wagt das deutsche Saarland den Ausstieg aus dem Lockdown? Immer gut, wenn man eigene Korrespondenten vor Ort hat. Die auch noch wissen, worüber sie schreiben. Und nicht als Kindersoldaten bei der Inauguration des US-Präsidenten schon am äussersten Sicherheitscordon steckenbleiben.

«Das Huhn töten, um den Affen zu erschrecken», endlich mal ein China-Artikel, bei dem der Autor chinesische Sprichwörter kennt. Denn genau das passiere Jack Ma, dem leicht in Ungnade gefallenen Besitzer von Alibaba. Zuerst das Verbot des Börsenganges, jetzt eine Busse von 2,8 Milliarden US-Dollar, weitere Massnahmen sind geplant. Da werden sogar einige Hühner geschlachtet, damit Ma wieder weiss, wo der Hammer hängt.

Auch der Nachruf auf den «Betrüger Ihres Vertrauens», den grössten Anlageschwindler aller Zeiten Bernie Madoff, zeugt von Sachkenntnis. Gut auch, dass sich die NZZ in ihrem ausgebauten Berliner Büro einen Wirtschafskorrespondenten leistet. So muss René Höltschi nicht anderswo abschreiben, wenn er über die Fortsetzung des Wirecard-Skandals berichtet.

Wirecard-Skandal aus erster Hand berichtet

Die neuste Wendung ist, dass es offensichtlich genügend Belege für eine Zusammenarbeit des deutschen Nachrichtendiensts BND mit Wirecard gibt, speziell mit dem immer noch flüchtigen Vorstand Jan Marsalek. Höltschi kann aus dem ihm vorliegenden Untersuchungsbericht zitieren, der diese Verbindungen durchforstet. Das nennt man den Bock zum Gärtner machen, kommentiert ein Beteiligter, der BND wollte internationale Geldwäscherei bekämpfen und spannte dafür ausgerechnet mit dem wegen Millionenbetrugs gesuchten Marsalek zusammen, der seinerseits Datensätze von Geschäftspartnern einforderte – angeblich, um sie dem BND zu übergeben. Aber der erhielt niemals solche Daten.

Das wäre sozusagen das Standbein, aber die NZZ hat auch noch ein Spielbein. Und nimmt in einer Breite Ereignisse wahr, die sie meilenweit vom copy/paste, Ein-Informationsfitzel,-ein-Artikel-Journalismus, abhebt. Sahra Wagenknecht von der deutschen «Linke» hat ein Buch geschrieben. Die Autorin und der Inhalt müsste eigentlich jedem stramm-liberalen NZZ-Redaktor den Angstschweiss auf die zornig gerötete Stirne treiben. Weit gefehlt, sie wird zu diesem Buch befragt. Ist schliesslich interessant.

Der abtretende Feuilleton-Chef René Scheu hat sich mit dem Virologen Hendrik Streeck unterhalten. Ein seltener Vertreter seiner Zunft, der die Welt nicht nur durchs Mikroskop betrachtet. Dietrich Schotte setzt sich intelligent mit dem Begriff «Gewalt» auseinander. Eine dieser Worthohlkörper, die mit vermeintlich beliebigem Inhalt abgefüllt werden können. Das ändert Schotte mit einem Buch, das rezensiert die NZZ.

100 Jahre «Schweizer Monat» – hier wird’s gewürdigt

Sie zieht – als einziges Schweizer Medium – Bilanz nach 100 Jahren «Schweizer Monat». Die Zeitschrift mit der wohl beeindruckendsten Liste von Mitarbeitern über die Zeiten hinweg. Und auch heute ist der Monat, trotz beengten finanziellen Verhältnissen, immer wieder für einen Denkanstoss oder zwei gut. Allerdings nur für die happy few, die auch vor mehrseitigen Texten nicht zurückschrecken, wenn sie interessant sind. Ansonsten wird der Monat im Schwarzweiss-Raster des Mainstreams als Unterstützer der dunklen Seite der Macht denunziert – und ignoriert.

Schliesslich noch mein Liebling unter den Artikeln: «Wie Epidemien enden». Ja, über den Ausbruch, die Ursachen, die Bekämpfung gibt es Legionen von Untersuchungen. Aber ein Blick auf das Ende, wie findet es statt, wie wird es bewirkt, all das wurde bislang stiefmütterlich behandelt. Die NZZ ändert auch das. Bloss nicht nachlassen!

2021: Das Geschäftsmodell für Journalisten

Dreifach am Stuhl festschnallen. Auf die Frühpensionierung hoffen. Mit PR liebäugeln. Kann das alles sein?

Der Journalist als solcher neigt gerne dazu, allen anderen grossmäulig Ratschläge zu erteilen. Da sollte man sofort, es ist unverständlich, dass, unbedingt müsste man, fahrlässig und unverantwortlich, wenn man nicht.

Das gilt nicht nur für Corona, sondern ziemlich allgemein im Leben. Und weltweit. Wie konnten die Amis nur so dämlich sein, Trump zu wählen. Was haben sich die Brasilianer dabei gedacht, Bolsonaro zum Präsidenten zu machen. Wieso haben die Venezolaner nicht schon längst Maduro zum Teufel gejagt. Wieso lassen sich die Chinesen eine Diktatur gefallen.

Vom Corona-Bier zum Corona-Spezialisten

Wie schön und wohlgeordnet wäre die Welt, wenn man nur auf Journalisten hören würde. Wie frustrierend muss es sein, eigentlich alles besser zu wissen, die Lösungen zu kennen, Abhilfe schaffen zu wollen. Aber leider, leider, man hört kaum auf sie. Das schafft ganz schön Frustrationspotenzial.

Selten sind Journalisten häufiger öffentlich ausgeflippt als 2020. Aber es hilft ja nichts. Wer will, dass seinen Ratschlägen Gehör geschenkt wird, sollte eine gewisse Kompetenz ausstrahlen. Nicht einfach vom Corona-Trinker zum Corona-Spezialisten ungesattelt haben.

Schlimmer noch: wenn Journalisten eigentlich alles in Wirtschaft und Gesellschaft regeln könnten, wieso schaffen sie das im eigenen Leben nicht? Wieso hört man immer wieder bittere Klagelieder, weil sie es nicht mal vorhersehen konnten, dass nach dem grossen Rausschmeissen vor dem grossen Rausschmeissen ist?

Wer will schon abgehalfterte Journalisten?

Dass das Renommee, die Reputation eines Journalisten, seine Glaubwürdigkeit, ungefähr auf gleicher Flughöhe mit Politikern liegt, schon zur Kenntnis genommen? Dass eigentlich niemand Bedauern hat, wenn eines dieser Grossmäuler, das gestern noch von für einzelne Branchen brutalen, aber insgesamt unumgänglichen Massnahmen schrieb, heute selbst Opfer davon wird?

Wenn’s nicht mit Hängen und Würgen bis zur Frühpensionierung gereicht hat, was nun? Das RAV, sicher. Aber wer will schon einen abgehalfterten Journalisten, der sein Leben lang nicht viel mehr getan hat als Rechthaberei zu betreiben, unterbrochen von gelegentlichen Recherchen mit Google, skype und copy/paste in den Weiten des Internets?

Einige liebäugeln dann damit, auf die andere Seite des Ufers zu schwimmen. Also sich in die weite Welt der PR, der Mediensprecher, der Kommunikationsfuzzis im Dienste von Firmen zu begeben. Da habe man doch gerade auf so einen gewartet, meinen viele. Kontakte, kennt die Handy-Nummern von Chefredaktoren und Ressortleitern, weiss, wie man Propaganda und Werbung in journalistische Form bringt. Hat er ja auch vorher bei Autos, Reisen, Kosmetika und allen Grossinserenten schon getan.

Krisenkommunikation will gelernt und gekonnt sein

Nur: Was nützt es, die Handynummern zum Beispiel der beiden Co-Chefredaktoren vom Tagi zu haben? Kennt keiner, haben keinen Einfluss. Was nützt es, Werbesprache in Redaktionssprache umzumünzen? Kann heutzutage eigentlich jeder, denn überraschenderweise sind schon sehr viele Journis hierher geflüchtet. Ach, da bliebe aber noch Krisenkommunikation. Grosses Problem, grosse Kunst, grosse Lösung.

Dummerweise gibt es allerdings fast nur Beispiele, wie das von ehemaligen und gut vernetzten Journalisten mit grosser Klappe und kleiner Kompetenz grauenhaft gegen die Wand gefahren wird. Wer sich auf solche Cracks verlässt, gerne würden wir hier Namen nennen, der kann sich nur bei einem sicher sein: Er wird einen Riesenhaufen Geld los.

Was bleibt also? Mal ein Buch schreiben? Meine schönsten Reportagen? Meine meinungsstärksten Kommentare der letzten 20 Jahre? Interessiert doch auch nicht wirklich. Also ist der Weg nach unten vorgezeichnet.

Wieso nicht aktiv in eigener Sache?

Verblüffend ist nur, dass allzu wenige auf die naheliegende Idee kommen. Wieso mache ich nicht mein eigenes Ding? Einen Blog kann heute jeder Depp mit Bordmitteln basteln. Hosting, AGB, Verlinkungen, alles kein Problem, alles da. Dann muss nur noch Traffic kommen, und bald einmal kann man Werbung schalten, ein Bezahlmodell einführen, sich finanziell über Wasser halten.

Schafft doch eigentlich jeder, zumindest zum Beispiel Lukas Hässig. Es gibt allerdings einen Grund, wieso das in der Schweiz nur sehr zaghaft versucht wird. Lieber werden Mäzene angebaggert, die mit ein paar Millionen für ein Sicherheitsnetz sorgen. In das die meisten solcher Versuche früher oder später auch reinfallen.

Leute, die ihren Beruf verfehlt haben

Der eigentliche Grund ist: Trotz aller Rechthaberei, trotz allen schnell erteilten Ratschlägen, trotz Expertentum auf eigentlich allen Gebieten: einige, vielleicht sogar viele Journalisten sind zur Selbsterkenntnis fähig, dass auf sie die Feststellung von Karl Kraus zutrifft: Journalisten sind Leute, die ihren Beruf verfehlt haben. In besseren Zeiten in dieses Metier hineinrutschten, aber in Wirklichkeit immer Lücken hinterlassen, die sie völlig ausfüllen.

Weil ihre Kompetenz nicht weiter reicht als bis zum Ende des Schreibtischs, dessen Fläche in der modernen Käfigtierhaltung im Newsroom auch deutlich geschrumpft ist. Aber während bei so gehaltenen Schweinen sofort der Tierschutz auf der Matte stünde und Zeter und Mordio toben würde, interessiert das bei Journalisten eigentlich keinen. Denn das Mitleid mit ihnen hält sich in sehr überschaubaren Grenzen.