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Endlich: Tamedia packt die wichtigsten Probleme an

Es ist gut, dass wenigstens der zweitgrösste Medienkonzern der Schweiz weiss, wo aktuell der Schuh drückt.

Weniger Recherche, weniger Nachrichten, weniger Analyse und Einordnung. Dafür mehr Meinung. Keiner zu klein, Kommentator zu sein. Das ist der neue Spielplatz, das Frustablassbecken für Redaktoren.

Die Meinung gibt wenigstens einen Hauch alter Bedeutung zurück. Der Redaktor (mit Foto!) darf mal wieder allen Bescheid sagen. Probleme und Themen aufgreifen, die ihm am Herzen liegen. Auch wenn es ein einsames Herz ist, weil das sonst keinen interessiert.

Aktuell haben wir auf Newsnet einen seltenen Höhepunkt. Neuer Lockdown, komatöse Wirtschaft, drohende Ausgangssperre, Impf-Apartheit, wird der Abschaum bei der Inauguration des neuen US-Präsidenten wieder für Krawall sorgen? Wie geht Russland mit Oppositionellen um?

Was das Publikum beschäftigt, ist Pipifax für den Kommentator

Es mag ja sein, dass das Publikum diese Fragen beschäftigt. Aber wenn sich der Redaktor aus seiner Käfigtierhaltung im Newsroom in die Sphären der Gedankenfreiheit aufschwingt, lässt er solchen Pipifax weit hinter und unter sich:

 

Corona? Mutationen? Ach was, Salome Müller hat eine «neue Seuche» entdeckt. Auch das noch, was droht uns denn nun noch? «Sexistische Kommentare von Männern in der Öffentlichkeit». Jessas, echt jetzt? Ganz neu? Liebe Bauarbeiter, die Zeiten, als italienische Fremdarbeiter etwas südländische Lockerheit in die Schweiz brachten, indem sie ungeniert ihrer Bewunderung für vorbeilaufende Frauen zum Ausdruck brachten, sind vorbei.

Das war wohl auch vor der Geburt von Salome Müller, denn sie beklagt: «Wenn Frauen sich im öffentlichen Raum bewegen, müssen sie damit rechnen, sexistische Kommentare von Männern zu hören. Aggressive Zurufe. Beleidigungen.»

Gibt es Abhilfe?

Ich als Mann kann mich da für meine testosterongetriebenen Geschlechtsgenossen nur schämen. Und versichern, dass ich das noch nie getan habe. Aber wenn wir von Seuchen sprechen: Was ist dann mit der Genderisierung und Vergewaltigung der Sprache durch Sternchen aller Orten und weitere absurde Monstrositäten? Gut, nicht ablenken, zeigt Müller wenigstens Lösungswege auf?

Aber ja: «Erst wenn Männer von anderen Männern gemassregelt werden, wird sich etwas ändern.» Ach was. Also ich finde diese Position beinhaltet eine typische, postkoloniale Arroganz einer weissen Frau. Warum? Nun, in meinem zweiten Heimatland Kuba würde es eine Frau als Beleidigung empfinden, wenn ihre Attraktivität nicht Männer in der Öffentlichkeit würdigten. Würden andere Männer die massregeln, würden sie auf völliges Unverständnis und bösartige Vermutungen stossen.

Zurufe, Beleidigungen, und dann noch von der Arbeit abgehalten werden

Sozusagen in die gleiche Kerbe haut auch der nächste Kommentar: «Wir halten Frauen bewusst vom Arbeiten ab.» Ach was, also ich habe das noch nie getan. Ach so, Raphaela Birrer macht auch nicht mich verantwortlich, sondern «unser Steuersystem». Das setze «aus ideologischen Gründen einen Anreiz für verheiratete Frauen, möglichst wenig zu arbeiten». Das sehen viele Ehemänner auch so, allerdings nicht aus ideologischen Gründen.

Aber Scherz beiseite, würde diese steuerliche Bestrafung für Zweitverdiener abgeschafft, gäbe es bis zu «60’000 zusätzliche Vollzeitstellen», «300’000 Frauen würden ihr Pensum um jeweils 20 Prozent erhöhen», weiss die Autorin. Woher? Nun, natürlich aus «Studien». Zwei Dinge weiss sie aber nicht: Was für einen Sinn würden tausende von neuen Vollzeitstellen machen, wo dank Lockdown die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen werden, sobald Kurzarbeitsunterstützung ausgelaufen ist?

Und ob Birrer wohl schon mal vom Hausmann-Modell gehört hat, von Männern, die ihrer Frau den Vortritt in der Karriere lassen? Offenbar ist ihr dieses Modell zu emanzipiert und modern.

Der mächtigste Mann der Welt und der mächtigste Stellvertreter

Michael Meier ist ein Mann. Sehen wir grosszügig über diesen Makel hinweg, denn auch er äussert sich zu einem Thema, das uns alle umtreibt. «Eine neue Allianz zwischen Washington und Rom». Ach was, haben wir da etwas verpasst? Eigentlich nicht, Meier folgt nur den Spuren des «US-Publizisten Andy Roman». Nomen est omen, der sieht eine Vereinigung «politischer und religiöser Macht zu einer gemeinsamen Vision und Mission». In Sachen Klimaschutz, Armutsbekämpfung und Integration von Flüchtlingen. Nur: Andy Roman hat für einen Publizisten erschreckend wenig publiziert.

Aber wunderbar, der zweite Katholik nach Kennedy im Weissen Haus darf nun auch mit höherer Hilfe rechnen. Die Kirche wird ihre tiefen Schatullen öffnen, ihr Milliardenvermögen zur Armutsbekämpfung ausgeben. Klimaschutz spielt sich sowieso in höheren Sphären ab, wo die Kirche die Lufthoheit beansprucht. Und über so Kleinigkeiten wie das Abtreibungsverbot, die Anwendung von Verhütungsmitteln oder sexuelle Aufklärung, da wird man sich schon einigen. Aber eins ist sicher: Die Welt wird eine bessere werden. Gott vergelt’s.

Auch der lebenslange Kämpfer Ziegler darf nicht fehlen

Fehlt da noch etwas? Doch, ja, da fehlt noch Jean Ziegler. Der unermüdliche Kämpfer gegen das Unrecht auf der Welt, der damit trotz aller Kritik an ihm unsere Hochachtung verdient, wendet sich in einem Gastbeitrag an die Tamedia-Leser.

Wortgewaltig wie immer: «Wir müssen helfen, dem Martyrium der Gefangenen der Lager auf den griechischen Inseln ein sofortiges Ende zu bereiten.» Dabei muss Bundesrätin Keller-Sutter an die Tradition der Schweiz erinnert werden: «Ihre Hartherzigkeit ist der humanitären Tradition unseres Landes unwürdig.»

Gut gebrüllt, alter Löwe, dass er damit auch etwas Werbung für sein jüngstes Buch «Die Schande Europas» macht, sei ihm nachgesehen. Nur: auch dieses Schicksal interessiert zur Zeit in Europa kaum jemanden. Leider, lieber Jean.

Wird die Welt nun besser? Leider nein

Sind nun alle wichtigen Themen der Zeit kommentiert, Lösungen aufgezeigt, Forderungen gestellt, kann man sich zurücklehnen und hoffen, dass die Welt sich das zu Herzen nimmt und besser wird? Nun, es muss leider gesagt werden: nein. Denn selbst im gleichen Organ werden all diese wohllöblichen Ansichten konterkariert.

Erst noch von einer Frau. Wäre sie ein Mann, würde sie von Müller mindestens mit Gender-Sternchen beworfen werden. Eher noch mit Binnen-I gepiesackt. Denn Bettina Weber tut etwas, was in jeder anständigen Partnerschaft – ob binär oder non-binär – dazu führen muss, dass der Übeltäter auf dem Sofa schläft: Sie beurteilt eine Frau ausschliesslich nach Äusserlichkeiten!

Geht’s noch, geht’s noch schlimmer? Aber immer: «schlecht angezogene Männer mit Bärten und merkwürdigen Kopfbedeckungen» seien durchs Kapitol gezogen.

Politik ist in erster Linie eine Sache der richtigen Bekleidung

Da hat sie recht, wenn man das Kapitol stürmt, sollte man sich wenigstens anständig kleiden. Trost sucht Weber bei der First Lady. Die sei wenigstens «vermutlich» immer in eine Parfumwolke gehüllt; Thierry Mugler meint Weber zu erschnuppern, an den Füssen der First Lady will sie Louboutins mit «Killer-Absätzen» erspäht haben: «So viel Stiletto im Weissen Haus war noch nie, so viel Designermode auch nicht.»

Da spricht vielleicht der Neid, denn Louboutins, Parfum von Mugler und Designermode ist etwas oberhalb der Gehaltsklasse von Weber. Die zudem hoffentlich Birkenstock und keine Killer-Absätze in der Redaktion trägt.

Melania Trump als Gipfel

Am Schluss versucht Weber, mit einer feministischen Volte wieder Boden gut zu machen: Das Grossartige an Melania Trump sei «ihre trotzige Wenn-ihr-mich-nicht-mögt-ist mir-das-egal-ich-sehe-dafür-besser-aus-Attitüde.» Wie ihre Co-Unterchefredaktorin bei Kamala Harris schwärmt Weber wie ein Backfisch: «das war der Gipfel weiblichen Selbstbewusstseins.»

Man sieht; bevor der ganzen Welt gute Ratschläge gegeben werden: Es gibt zunächst noch viel zu tun bei Tamedia. Sehr viel. Ich bin bekanntlich kein Feminist, aber niemals würde ich eine Frau auf ihr Äusseres reduzieren. Selbst wenn sie eine so merkwürdige Frisur wie Müller hat.

 

 

 

 

 

Die grosse Hoffnung der Journalisten

Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Und schneller vergessen. Gut für Journis.

Arthur Rutishauser, Oberchefredaktor bei Tamedia, servierte der staunenden Leserschaft unermüdlich und Jahr für Jahr die gleiche News: Die Strafuntersuchung im Fall Vincenz stehe kurz vor dem Abschluss, demnächst werde die Anklageschrift eingereicht.

Das tat er im Frühling, im Herbst, wenig variantenreich und unbekümmert darum, dass es nie eintraf. Aber wie eine stehengebliebene Uhr, die auch zweimal am Tag die richtige Zeit anzeigt: Endlich hat’s dann, nach drei Jahren, doch mal geklappt.

Es war zwar nicht demnächst, auch nicht im August, aber Ende Oktober 2020. Uff. Wieso kam er damit durch? Ganz einfach: Er setzte auf das Kurzeitgedächtnis der Öffentlichkeit. Auf ihre Fähigkeit zum schnellen Vergessen. Darauf, dass sich doch niemand mehr daran erinnert, was Rutishauser vor einem halben Jahr angekündigt hat. Wohl nicht mal er selbst.

Keiner zu klein, Rutishauser zu sein

Wie der Herr, so’s Gescherr. Seitdem Mario Stäuble zum Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» aufgestiegen ist, erblüht er als Kommentator. Innert kürzester Zeit hat er sich dabei das Rüstzeug angeeignet, um im Chor mit vielen anderen Ratschläge zu geben, Kritiken anzubringen und zu zeigen, wo’s langgeht:

«So funktioniert das mit der Quarantäne nicht»,

«wir müssen verschärfen», selten sieht er Anlass zu Lob: «Endlich klemmt der Bundesrat das «Gstürm» ab».

Trost zu spenden ist seine Sache nicht: «Was für die betroffenen Branchen brutal klingt, ist in Wirklichkeit ein Schritt vorwärts», behauptet der Angestellte Stäuble. In Wirklichkeit ein brutaler Schritt über die Klippe für Tausende von KMU, aber was soll’s. Auch Stäuble profitiert davon, dass sich doch einen Tag später keiner mehr an sein dummes Geschwätz erinnert.

Das gilt auch für seine Kollegin Priska Amstutz. «I am speaking», dieser kleine Satz der zukünftigen Vizepräsidentin der USA hat für Amstutz «globale Strahlkraft», wie sie backfischartig schwärmte. Aber auch das, zusammen mit ihrem Betty-Bossi-Rezept, das sie als von «Grossmüetti Amstutz» ausgab, ist längst vergessen.

Auch das Fussvolk spielt mit

Wie das Gescherr, so das Fussvolk. Im Newsletter wird der männerdominierten Sprache Saures gegeben, bis sie nur noch Sternchen sieht. Ein anderer Amok twittert, dass die Uni Luzern ein Interview mit zwei renommierten Wissenschaftler von ihrer Webseite nehmen sollte. Oder wie er zu formulieren beliebt: «Hey, Uni Luzern, nehmt den Dreck runter, entschuldigt euch bei C. Althaus und publiziert eine Richtigstellung.»

Aber was ist vom einem «Leiter digitales Storytelling» zu erwarten, der auch schon mal dem gesamten Bundesrat attestiert:

«Jetzt sind sie komplett übergeschnappt.»

Auch er rüpelt so vor sich hin, weil er auf das schnelle Vergessen hofft. Und auf die eigene Belanglosigkeit, obwohl er das natürlich nie zugeben würde.

Auch die übrigen Chefkommentatoren zählen auf Vergesslichkeit

Selbstverständlich ist Tamedia nicht alleine. Auch Christian Dorer, der Amtskollege von Rutishauser bei Ringier, hofft auf schnelles Vergessen: «Ski fahren, snowboarden, langlaufen, Schneeschuhtouren machen oder ausgedehnte Winterspaziergänge – es wäre falsch, ausgerechnet das zu verbieten, was Geist und Körper in dieser Jahreszeit am besten stärkt.»

So jauchzte er noch Ende November letzten Jahres. Schon Ende Februar 2020 wusste Dorer: «Klarmachen sollten wir uns aber auch:

In ein paar Monaten ist der Spuk vorbei.»

Nein, damit meinte er nicht die Amtszeit von Präsident Trump, dem er mit seinem Schwiergmutterschwarm-Charme eine Unterschrift auf sein Blatt abgenötigt hatte. Er meinte Corona.

Im April sah Dorer dann eine originelle Chance, dem drohenden Wirtschaftsabschwung zu begegnen: «Feiern Sie das Ende des Lockdowns im Restaurant! Decken Sie sich mit der aktuellen Frühlingsmode ein! Richten Sie Ihr Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer neu ein! Holen Sie sich den neuen Computer! Kaufen Sie das Auto, von dem Sie schon lange träumen!» Aber schon im September tönte er fast resigniert: «Lernen wir, mit dem Virus zu leben.»

«Historisch einmalig, nie dagewesen»

Auch CH Media ist auf das schnelle Vergessen angewiesen. So positionierte sich der dortige Überchefredaktor Patrik Müller bereits am Anfang von 2020 leicht gereizt: «Jeden Tag Weltuntergang – es nervt». Denn nun sei neben dem Klimawandel auch noch im fernen China ein Virus ausgebrochen. Mitte April 2020 verfällt er dann in einen tiefen Pessimismus:  «Um Massenarbeitslosigkeit abzuwenden, muss die Wirtschaft behutsam, schrittweise wieder geöffnet werden. Sonst drohen wirtschaftliche und auch gesundheitliche Schäden, die beispiellos, historisch einmalig, nie da gewesen sind.»

Ende Juli redete er den Eidgenossen ins Gewissen:

«Ferien im eigenen Land! Die Schweiz bietet fast alles.»

Gegen Ende Jahr können dann die Politiker aufatmen: Der Präsenzunterricht beginnt in der Regel am Montag wieder. Das ist richtig.» Genauso richtig wie, dass von seinen immerhin über 200 Kommentaren wohl die meisten überflüssig waren.

Selbst, um nichts auszulassen, selbst der NZZ passieren manchmal kleinere Flops, die man dann gerne ebenfalls im Archiv von «schnell vergessen» versorgt. So wollte sie, nach einigen Erfolgen bei der Credit Suisse, auch im Fall Vincenz mal vorne mitspielen. Also setzte sie, natürlich wie immer «von informierten Kreisen nahe am Verfahren» angefüttert, das Gerücht in Umlauf, dass es noch vor der Einreichung der Anklageschrift zu einem Deal kommen werde. Strafbefehl gegen Schuldeingeständnis. War dann nix.

 

Keiner zu klein, Chefkommentator zu sein

Mario who? Also bitte, Mario Stäuble ist Tagi-Co-Chefredaktor. Aber leider nicht Bundesrat.

Mario who Stäuble darf endlich seine Leidenschaft ausleben. Denn dank seiner neuen Position traut sich keiner, ihn vor sich selbst zu schützen. Also kommentiert er wie wild vor sich hin. Kein Thema zu klein, um nicht seiner Ratschläge, Zurechtweisungen, Kritiken zu bedürfen.

Alleine in den letzten sechs Monaten gehen sie in die vielen Dutzende. Da kennt er kein Pardon: «Eine kapitale Peinlichkeit» sei die Entstehungsgeschichte des Forscher-Campus in Dübendorf. «So geht man nicht mit Genossenschaftern um», rügt er streng die Genossenschaft Sunnige Hof.

Aber sein Lieblingskommentarthema ist natürlich, Überraschung, die Pandemie. Da erweckt er den Eindruck, dass er gar nicht weiss, wo und bei wem er mit seinen Ratschlägen, Anweisungen, Urteilen, Forderungen anfangen soll.

Stäuble kann auch nicht gleichzeitig überall sein

Schon Ende Juni wusste Stäuble: «Die Clubs sollen schliessen und nachbessern.» Bereits eine Woche später war er sicher: «So funktioniert das mit der Quarantäne nicht.» Am 24. September warnte er streng: «Zürich darf nicht nachlassen» bei der Corona-Abwehr. Am 15. Oktober war er bereits leicht verzweifelt: «Zürcher Regierung verschläft die zweite Welle.»

Am 19. Oktober musste dann der Bundesrat gerüffelt werden. Seine Massnahmen seien ungenügend, «um die Corona-Kurve zum Abflachen zu bringen». Lassen wir das mal sprachlich durchgehen, denn wir sind ja nicht Stäuble, der nassforsch fortfährt, dass der Bundesrat dann schnell zugeben müsse: «Der Spagat funktioniert nicht. Wir müssen verschärfen.» Man beachte den Pluralis Majestatis (kann man googeln). Oder aber, Stäuble sieht sich schon insgeheim als achter Bundesrat.

Hinter den Kommentaren versteckt sich ein grosses Leid

Aber das grosse Leid von Stäuble ist, dass einfach keiner auf ihn hören will. Obwohl er doch unablässig mahnt, warnt, mit dem Zeigefinger wackelt. «Zürich macht viel zu wenig, viel zu spät», wechselt er schon am 23. Oktober wieder das Angriffsziel. Dann muss er erschöpft eine Pause eingelegt haben, aber am 4. Dezember ist er wieder voll auf der Höhe der Rechthaberei: «So schwindet das Vertrauen in den Schweizer Weg.»

Aber nicht das Vertrauen Stäubles in seine Fähigkeiten als Weg- und Zurechtweiser. Am 8. Dezember schliesslich übertrifft er sich selbst. Er haut gleich zwei Kommentare raus. Um 17 Uhr eine erste Watsche für die Zürcher Regierung: «Die Standpauke aus Bern war nötig.» Das hat Seltenheitswert; der Co-Chef des Tagi lobt Bern und brät Zürich eine über. Aber er hat nachgeladen; um 21.13 greift er nochmals ins Weltgeschehen ein: «Endlich klemmt der Bundesrat das «Gstürm» ab.»

Was für ein «Gstürm»? Nun, damit meint Stäuble den Föderalismus, den man wohl zusammen mit dem Ständemehr auch gleich abschaffen sollte. Denn endlich soll das «föderalistische Corona-Wirrwarr» mit einem Machtwort aus Bern beendet werden. Allerdings: obwohl der Bund nun die Kontrolle übernehme, sei «der Schaden längst angerichtet».

Ein brutal klingender Schritt vorwärts

Aber jetzt endlich: Sperrstunde für Läden und Gastro ab 19 Uhr, Kulturleben noch mehr lahmlegen. Restaurants ganz schliessen, wenn die Fallzahlen nicht sinken. Da kann Stäuble keine Rücksichten nehmen: «Was für die betroffenen Branchen brutal klingt, ist in Wirklichkeit ein Schritt vorwärts», behauptet der Angestellte Stäuble. Für den brutal wäre, wenn er keine Geschäftsspesen mehr machen dürfte. «Jetzt müssen landesweite Entscheide her», weiss er.

Die Welt, zumindest die Schweiz, wäre eine viel bessere. Wenn sie nur endlich ein Einsehen hätte und auf Stäuble hören würde. Statt sich bei dieser Kommentarflut zu fragen, was ein Tagi-Co-Chefredaktor eigentlich sonst zu tun hat.

Eine neue Kassandra ist unter uns

Man muss sich dieses tragische Schicksal vor Augen führen: eine moderne und männliche Kassandra, sieht das Unheil voraus, warnt, zeigt sogar Lösungen auf, weiss immer, wer was falsch macht – und wie man’s besser machen könnte.

Aber wie Kassandra, der Gott Apollon die Gabe der Weissagung gab, dann aber auf sie sauer wurde, als sie sich nicht verführen liess, und sie damit bestrafte, dass niemand ihren richtigen Vorhersagen glauben werde, ist auch Stäuble mit diesem Schicksal geschlagen. Er weiss es, er weiss es besser, er sieht’s kommen – aber nichts, keine Reaktion, kein Innehalten, keine Umkehr der Regierenden auf ihren Irrwegen.

Wir wissen Trost

Das schlaucht ganz schön. Aber voller Mitgefühl können wir Trost spenden: Weil keiner auf ihn hört, kann er völlig haftungs- und verantwortungsfrei seine Weisheiten verkünden, seine Forderungen raustrompeten. Er wird nie in der peinlichen Situation sein, sich rechtfertigen zu müssen, wenn man auf sein Gequatsche gehört hätte. So gesehen sind doch alle besser dran.

Gesinnung statt Meinung

Zum Trio Infernal des Elendsjournalismus gehört der Kommentar.

Die Verarbeitung von Listen, die Erstellung von Rankings und der Faktencheck sind schon mal zwei Elendsgebiete des aktuell auf der Intensivstation liegenden Journalismus.

Zusammen mit Agenturmeldungen, zusammen mit Einheitssauce aus Zentralredaktionen, zusammen mit der Übernahme ausländischer Korrespondentennetzen, zusammen mit der Einsparung des Lokaljournalismus sind das deutlich sichtbare Krankheitssymptome.

Auch die schöne, alte Tradition, dass der Journalist die Käfighaltung in seinem Grossraumbüro, Pardon, im «Newsroom», verlässt, um seiner Aufgabe nachzugehen, wozu, es gibt doch Google, Videokonferenzen und auch das gute alte Telefon.

Von nichts eine Ahnung, zu allem eine Meinung

Zudem: Rausgehen kostet, vernichtet viel kostbare Zeit, die der Redaktor besser verwendet, indem er mindestens drei Online-News und noch Beigemüse rauspustet. Reportage ist sowieso so was von gestern. Heute ist: übernehmen, schütteln, anreichern und kürzen, und rein damit, ein neues Stück Qualitätsjournalismus.

Aber neben all dem, und etwas Aufmunterung muss ja sein, wuchern auf einem Gebiet die Erzeugnisse, als gäbe es keine Medienkrise. Dieses Gefäss kommt auch der Grundeinstellung jedes Journalisten entgegen. Denn er hat ja eigentlich von nichts eine Ahnung, weiss aber dennoch alles besser.

Stellen wir uns nur einmal vor, in welch paradiesischer Welt wir leben würden – wenn die Welt nur auf die Meinungen und Kommentare der Journalisten hören würde. Wir lebten dann in der beste aller Welten, von der schon Leibniz träumte. Wer war das schon wieder? Egal, viel wichtiger ist:

Würde die Welt nur auf die Journalisten hören

Trump? Hätte es nie gegeben. Flüchtlingskrise? Das Wort wäre nie geboren worden. Pandemie? Die wäre schon längst und eigentlich geräuschlos verschwunden. Entscheidungen von Politikern, Unternehmensführern, überhaupt von mächtigen Menschen? Selten gut, selten richtig.

Meistens «hätte man», «müsste man endlich», wäre es «höchste Zeit», ist es geradezu «uverständlich», ja «fahrlässig», schlichtweg «falsch», mindestens «kurzsichtig». Aber das ist ja längst nicht alles. Hier geigt der Journalist unermüdlich allen und der Welt, was alles falsch gemacht wird, was dringend anders gemacht werden müsste.

Soweit, so schlecht. Jeder darf haftungsfrei und verantwortungslos was reinbellen. Wenn er ein Megaphon dafür hat, umso besser. Aber in den letzten Jahren, seit die Welt immer unübersichtlicher geworden ist, multipolarer, wie man das akademisch nennt, Philosophen sprechen sogar von einer überkomplexen Wirklichkeit, steigt gleichzeitig das starke Bedürfnis nach Orientierung. Nach Koordinatensystemen beim Kartographieren dieses chaotischen Haufens namens Erde.

Nur eine Meinung? Nein, eine Gesinnung

Und, so ist der Mensch, umso einfacher, desto lieber. Also ja nicht zu kompliziert; die Welt ist es schon genug. Es muss einfach und klar sein. Wie macht man das? Na, einfach: indem man in dem Kommentar nicht einfach zwischen richtig und falsch unterscheidet. Sondern dahinter Gesinnungen denunziert.

Jemand, der zum Beispiel auch gute Eigenschaften bei Trump sieht, der liegt nicht einfach damit falsch. Ist nicht einfach ein Depp. Also einer von 70 Millionen Deppen, die ihn doch tatsächlich wiederwählen wollten. Nein, wer das sagt, zeigt damit seine Gesinnung. Er meint nicht einfach etwas – ob richtig oder falsch –, er ist etwas.

Und zwar nichts Angenehmes. Er hat noch Schwein, wenn er mit der Qualifizierung «Populist» davonkommt. Schreckt er nicht vor weiteren Dummheiten zurück, entwickelt er sich zu einem Rassisten, Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretiker, Neo- oder Altnazi, Fremdenfeind, kurz: zum Unmenschen.

Die Sicherheit des unfehlbaren Urteils

Woher nimmt denn der Kommentator die Sicherheit seines unfehlbaren Urteils? Nun, er speist es aus zwei Quellen. Dem tiefsitzenden Frust, dass er (und seine Meinung) immer unwichtiger werden. Dass es selbst dem «Spiegel» nicht gelingt, Trump «wegzuschreiben», wie es seine erklärte Absicht war. Das ist natürlich bitter, wenn der weltverändernde Kommentar nicht mal mehr von Kollegen gelesen wird.

Die zweite Quelle ist die unfehlbare Sicherheit aus moralischer Überlegenheit. Wer weiss, was gut und böse ist, weiss auch, wo das Böse lauert und dass man dem im Kampf fürs Gute sofort und streng Einhalt gebieten muss. Wobei klar ist: Böses sagt man nicht einfach so. Böses sagen nur böse Menschen. Schlechte Menschen. Unbelehrbare Menschen. Deshalb muss man sich auch gar nicht inhaltlich mit ihnen auseinandersetzen. Kategorisieren reicht, dann kann es nur noch darum gehen, diese Gesinnungslumpen aus dem öffentlichen Diskurs auszuschliessen.

Rein in die Framing-Kiste

Erkenntnis durch Debatte, Streitgespräche, das Aufeinanderprallen angeschärfter Argumente? Ach was, das ist so old school wie eine Reportage. Und überhaupt, wie soll man sich denn in 15 Minuten mit einer anderen Meinung auseinandersetzen können? Dann muss der Kommentar nämlich fertig sein. Also rein in die Framing-Kiste: Wer das sagt, der ist das. Und mit dieser Gesinnung sollte er möglichst schnell einfach die Schnauze halten. Der Böse.

Tiefergelegtes Niveau beim Tagi

Nachdem die Chefredaktorin schwärmen durfte, holzt nun die nächste Journalistin.

Das kommt halt davon, wenn man sowohl stilistisch wie inhaltlich versucht, eine neuen Tiefenrekord aufzustellen. Das ist der Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers zweifellos mit ihrem Schmachtfetzen über die designierte US-Vizepräsidentin gelungen.

Aber die Konkurrenz im Hause schläft nicht. Da geht doch noch was, dachte sich die Wirtschaftsredaktorin Isabell Strassheim. Sie wechselte vor einem Jahr von «20 Minuten» zur Zentralredaktion von Tamedia; Standort Basel, Thema Pharma.

Wenn es keine Kommentarmöglichkeit gäbe …

Inzwischen ist auch klar, was sie bei «20 Minuten» vermisste. Die Möglichkeit, allen Bescheid zu geigen. Zu kommentieren. Zu fordern und zu verbieten. Das darf sie nun endlich wieder, und als Pharma- sowie Wirtschaftsspezialistin mit langem Track-Record wird sie gleich apodiktisch im Titel:

«Gigantische Gewinne mit Covid-Impfstoffen sind ethisch unzulässig». Zack. Und falls da noch ein Auge trocken geblieben sein sollte, wofür gibt es einen Lead: «Die Pharmabranche muss in der Pandemie von ihrem Geschäftsmodell abrücken. Alles andere wäre Erpressung.»

Eigentlich wäre damit der Inhalt des Kommentars vollumfänglich beschrieben. Lediglich ergänzt durch einen Schuss Planwirtschaft: «Der Markt darf genau jetzt aber nicht spielen.» An der holprigen Formulierung kann man erahnen, dass es Strassberg selbst nicht ganz wohl ist bei dieser Forderung.

Tatsächlich üble Gesellen, aber …

Natürlich dürfen auch die «armen Staaten» nicht fehlen, die auf der Strecke blieben, wenn es richtig teuer wird. Und wie sage Boston Consulting so richtig: «In einer globalisierten Welt kann die Wirtschaft nur wiederhergestellt werden, wenn in allen Staaten die Pandemie besiegt wird.»

Das ist allerdings an Trivialität nicht zu überbieten, und hat eigentlich auch nichts mit der Preisgestaltung der Pharma-Konzerne zu tun. Das sind tatsächlich üble Gesellen, ohne Zweifel. Besser als der Altmeister John Le Carré in seinem Thriller «Der ewige Gärtner» hat das kaum einer beschrieben.

Und le Carré fügte hinzu, dass er nur eine sanfte Version seiner Recherchen veröffentlicht hätte, die eigentliche Wahrheit hätte ihm niemand geglaubt.

Es gibt also durchaus einige Gründe, Big Pharma ans Bein und in die Profite zu pinkeln. Auch hier könnte man bei einer Jungredaktorin mildernde Umstände walten lassen. Das geht aber bei einer erfahrenen Journalistin nicht.

Populistische Effekthascherei mit Stuss

Denn sie stellt radikal drei Forderungen und eine Behauptung auf. Gewinne sind okay, aber «gigantische Gewinne» wären unethisch. Wenn Big Pharma nicht von ihrem Geschäftsmodell abrücke, Produkte herzustellen und sie zu Marktpreisen zu verkaufen, dann wäre das sogar Erpressung. Also müsse der Markt ausser Kraft gesetzt werden.

Das ist nun, mit Verlaub, von A bis Z Stuss. Unsinn. Schönes Gelaber. Realitätsfern. Billige Effekthascherei. Denn mit diesem Thema beschäftigt sich Pharma schon seit Anbeginn: Wie kann man nur mit der Behandlung oder Rettung von Menschen Profit machen? Pfuibäh. Und wie kann man Medikamente nur so teuer machen, dass sie für die Armen dieser Welt unerschwinglich werden. Sie dazu noch mit Patenten schützen, damit nicht einmal ein Generikum erlaubt ist. Wir schütteln uns vor Abscheu.

Was passierte, befolgte jemand den Forderungen von Strassberg?

Nur, wenn man diese populistische Erregungsbewirtschaftung an der Realität zerschellen lässt: that’s the name oft he game. Pharmakonzerne sind überraschenderweise profitorientiert. Würde der CEO oder der VR-Präsident fröhlich ankündigen, dass man zwar wieder mal ein paar Milliarden für die Entwicklung eines neuen Medikaments ausgegeben habe, aber um nicht unethisch oder erpresserisch zu werden, habe er beschlossen, die Pille unter Selbstkosten abzugeben.

Oder einfacher gefragt: Was würde mit einem Pharmamanager passieren, wenn er die wohlfeilen Ratschläge von Strassheim befolgen würde? Richtig, er würde entweder zum Arzt geschickt oder gleich gefeuert. Letzte Frage: Und was passiert mit Strassheim?

 

 

Expertokratie in den Medien

Experten warnen, drängeln und fordern. Journalisten ebenso.

Die Medien transportieren zu ihrem Lieblingsthema aktuell eine ganze Ladung von professoralem Geschimpfe.

«Sinnloses Zuwarten», sagt Christian Althaus zum Entscheid des Bundesrats, mit drakonischen Massnahmen noch bis nächsten Mittwoch zuzuwarten. Althaus ist Mitglied der Scientific Covid-19 Taskforce, direkt dem Bundesrat unterstellt.

Was Althaus nicht sagt: Er prognostizierte am Anfang der Epidemie bis zu 100’000 Tote in der Schweiz.«Could this situation have been prevented», twittert ein ehemaliges Taskforce-Mitglied in der Schweizer Umgangssprache Englisch. Matthias Egger verweist dabei im Gestus der beleidigten Leberwurst auf frühere «recommendations». Nach der Devise: nicht auf uns gehört, selber schuld.

Der Berner Epidemiologe ist «frustiert», weil man auf ihn nicht gehört habe. Dass er erschöpft nach wenigen Monaten das Handtuch als Chef dieser Taskforce warf, das sagt er nicht.

Fachidioten finden ungefiltert Eingang in die Qualitätsmedien

Althaus, der es wohl immer noch nicht verwunden hat, den Zweikampf um den am häufigsten auftretenden Wissenschaftler gegen Marcel Salathé verloren zu haben, legt noch einen drauf. Da will doch tatsächlich Bundesrätin Keller-Sutter wissen, welche Kosten die einzelnen Lockdown-Varianten verursachen würden. «Ähm, hätte der Bundesrat nicht sechs Monate Zeit, um diese Rechnungen anzustellen», fragt Althaus spitz.

All dieses Gewäffel findet ungefiltert Eingang in die heiligen Hallen der Qualitätsmedien, also von Tamedia und CH Media. Fachidioten ohne die geringste Ahnung von Ökonomie haben den Nerv, weiter strenge Massnahmen gegen Wirtschaft und Gesellschaft zu fordern. Was sie stattdessen in den vergangenen sechs Monaten alles hätten tun sollen, aber nicht wollten oder konnten, geht dabei auf keine Kuhhaut. Geht da noch einer? Aber immer.

Wenn ein Chefredaktor die Regierung in den Senkel stellt

Schliesslich möchte der neue Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeiger» mittels eines Kommentars (hinter Bezahlschranke) der Zürcher Regierung mal so richtig den Marsch blasen, diesen Pfeifen.

Mario Stäuble tritt fulminant den Beweis dafür an, dass ein bösartiger Spruch über Journalisten weiterhin gültig ist: zu allem eine Meinung, von nichts eine Ahnung. «Zürich macht viel zu wenig, viel zu spät», poltert er schon im Titel. «Fatales Signal», die Zürcher Regierung nehme «ihre Führungsrolle nicht wahr», «nicht im Stande», «andere Kantone machen vor, was zu tun wäre».

Am Schluss steigert er sich zum Crescendo und entlarvt noch den wahren Grund für die Lahmarschigkeit der Kantonsregierung: «Sollte die Zürcher Regierung aus Rücksicht auf die Wirtschaft darauf verzichten, das zu tun, was für die Spitäler, die besonders gefährdeten Menschen und für uns alle nötig ist, dann irrt er.»

Geballte Fachkompetenz, getragen von Verantwortungsethik

Wer sich fragt, wen er mit dem «er» meint: Habt Nachsicht, seit es faktisch kein Korrektorat mehr gibt … Stäuble meint damit leider nicht sich selbst, sondern die Regierung. Denn es sei doch völlig klar, «dass die ökonomischen Schäden dann am geringsten sind, wenn die Politik früh, entschieden, klar und für alle nachvollziehbar die Corona-Bremse zieht».

Wir sind beeindruckt von so viel geballter Fachkompetenz. Hier spricht ein Epidemiologe, ein Ökonom und auch ein Ethiker. Allerdings kein Verantwortungsethiker, denn für sein dummes Gequatsche und seine untauglichen Forderungen muss Stäuble im Gegensatz zur Kantonsregierung keinerlei Verantwortung übernehmen.

Aber nachdem er sie nach Strich und Faden niedergemacht hat, was soll denn nun mit dieser Ansammlung von verantwortungslosen Zauderern geschehen? Kollektiver Rücktritt? Öffentliche Entschuldigung an Stäuble? Wird er da Gnade vor Recht ergehen lassen, bekommen sie vielleicht wenigstens eine zweite Chance?

Zürcher «Tages-Anzeiger» fordert: Bern muss übernehmen

Nein, da ist der ehemalige Jus-Student gnadenlos: «Die Kantonsregierung ist nicht fähig, in Eigenregie den Anstieg der Infektionen zu brechen. Bern muss übernehmen.» Hier betritt der Naseweiss mutig absolutes Neuland. Es dürfte das erste Mal sein, dass eine Führungskraft des «Tages-Anzeiger» fordert, dass die Bundesregierung zu Bern gefälligst die Vormundschaft über den Kanton Zürich übernehmen soll.

Ob mit oder ohne Waffengewalt, dass lässt Stäuble offen. Um mit seinen Massstäben zu messen: Wie lange sich Stäuble so noch zuoberst bei der Schrumpf-Redaktion des Tagi halten kann, ist die naheliegende Frage. Die Prognose sei gewagt: weniger lang als die Zürcher Kantonsregierung föderalistisch so weiterregiert, wie sie es für richtig hält.

Die grosse Chance für Stäuble könnte allerdings darin bestehen, dass man ihn weder als Chefredaktor noch als Kommentator wirklich ernst nimmt, und daher seine Einsparung nicht als dringlich auf die Agenda gesetzt wird. Denn wen kümmert’s schon, was er kommentiert, kritisiert oder fordert. Da zuckt sogar das Virus gleichgültig mit den Schultern.