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Schweiz, Sklaverei, Kirche

In den Medien wird die Rolle eines der wichtigsten Beteiligten in der Schweiz und anderswo unterschlagen.

Haben Sie’s gewusst? Walenstadt und Bellinzona waren zwei Umschlagplätze für Sklavenhandel. Leider erinnert (noch) kein Denkmal an diese Schande. Gut, das war im 9. und 10. Jahrhundert, aber verjährt ist es deswegen noch lange nicht.

Die Liste der Schweizer, die in irgendeiner Form in Sklavenhandel, in Sklaverei verwickelt waren, wird von der Stiftung cooperaxion geführt. Leider zwang Geldmangel unlängst dazu, dass langjährige Mitarbeiter entlassen werden mussten. Den Stiftungsrat präsidiert übrigens der Kommunikationsfachmann Johannes Rechsteiner.

Wer unter K sucht, wird nicht fündig

Der betreut auch die Kommunikationsstelle der katholischen Kirche Bern. Ganze 262 Einträge verzeichnet die Datenbank der Stiftung. Vom «1. Bataillon der 3. Helvetischen Halbbrigade», das auf Befehl Napoleons 1803 einen Sklavenaufstand auf Hispaniola (dem späteren Haiti und Santo Domingo) bekämpfen sollte. Das überlebten allerdings nur 11 der 635 ausgesandten Schweizer. Bis hin zu «Zürich (Stadt)», deren Untaten schon in einem Bericht zuhanden des «Präsidialdepartements der Stadt Zürich» festgehalten wurden. Im Jahre 2007.

Wer allerdings unter K sucht, sucht die wohl bedeutendste und wichtigste Kraft hinter Sklaverei und Sklavenhandel vergeblich: die Kirche. Das ist ungefähr so absurd, wie wenn man die moderne Schweiz ohne den Sonderbundkrieg historisch herleiten würde.

Am Rande wird gelegentlich die Basler Mission erwähnt, wobei immer fleissig betont wird, dass das «Basler Mutterhaus» gegen Sklaverei gewesen sei, sie aber bedauerlicherweise doch in Afrika in Sklavenhaltung verwickelt war.

Sklaverei wird schon in der Bibel gerechtfertigt

Wer aber auch in der aufbrandenden Aufarbeitung der Verwicklung der Schweiz in Sklaverei und Sklavenhaltung nach der Rolle der Kirche sucht, sucht weitgehend vergeblich. Dabei begleitet Sklaverei, ihre Rechtfertigung, die Kirche seit der Bibel.

Wie heisst es schon im Alten Testament:

«Die Sklaven und Sklavinnen, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen; von ihnen könnt ihr Sklaven und Sklavinnen erwerben.»

Wer meint, im geoffenbarten Wort von Jesus komme das nicht vor, täuscht sich ebenfalls:

«Ihr Sklaven, gehorcht den irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus.»

Sklaverei mit päpstlichem Segen

Lassen wir die Kreuzzüge beiseite und konzentrieren uns auf die Sklaverei und den Sklavenhandel nach der Entdeckung der Neuen Welt. Papst Nikolaus V. und dann nochmal Rodrigo Borgia 1493 gaben den päpstlichen Segen, alle Einwohner von Kolonien zu Sklaven zu machen. Dieser Borgia war zudem für sein zügelloses Sexualleben bekannt, seine Orgien waren legendär. Auch sein Nepotismus, so machte er einen seiner zahlreichen Söhne zum Kardinal.

Paul III., ebenfalls mehrfacher Vater, der sogar für seine Enkel kirchliche Pfründe besorgte, verbot dann – wohl unter dem Eindruck der Reformation – immerhin 1537 die Versklavung der indianischen Urbevölkerung in Amerika. Allerdings war die schon durch das Wüten der Konquistadoren dezimiert oder bereits ausgerottet. Und gegen Sklavenhandel aus Afrika wendete er sich ausdrücklich nicht.

Die Kriminalgeschichte des Christentums

Wer die üble und verbrecherische Rolle der Kirche bei der Ausrottung der Ureinwohner in Amerika und den Sklavenhandel genauer nachschlagen will, dem sei das monumentale Werk von Karlheinz Deschner empfohlen. In seinem Lebenswerk, der zehnbändigen «Kriminalgeschichte des Christentums», zeigt Deschner akkurat diese dunkle Seite des Christentums seit seinen Anfängen bis heute auf.

Seine Faktendarstellung ist übrigens weitgehend unbestritten. Einzig der Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas begehrte gegen die unvorstellbaren Grausamkeiten der Eroberer auf, abgesegnet von sie begleitenden Kirchenmännern. Ihm verdanken wir den heute noch erschütternden «Bericht über die Verwüstung der westindischen Länder». Als Augenzeuge hatte er das miterlebt, als er im Gefolge von Kolumbus nach Mittelamerika kam, das damals noch als östlicher Teil Indiens galt.

Natürlich durfte dieser Bericht in Spanien nicht veröffentlicht werden; er erschien erst 1822 auf Spanisch – in Paris. De Las Casas war eine tragische Figur; denn in seinem Kampf für das Überleben der Ureinwohner Amerikas befürwortete er den Import von afrikanischen Sklaven. Ein schreiender Widerspruch zwischen guten Absichten und bösen Folgen.

Wer nach der Rolle der Schweizer Kirchen im Zeitalter der Sklaverei sucht, wird nicht fündig

Wer nach Werken sucht, die die Rolle der Schweizer Kirchen und Missionen bei der Sklavenhaltung, dem Sklavenhandel, dem Absegnen solcher Tätigkeiten als gottgefällig sucht, wird nicht fündig. Auch im «Historischen Lexikon der Schweiz» ist die Beteiligung von Kirchen nur eine Randnotiz, wobei eilfertig ergänzt wird, dass sich Teile der Kirche schon früh gegen Sklaverei ausgesprochen hätten.

Da die in der ersten Etappe der Kolonisation und der Eroberung der Neuen Welt dominierenden Königshäuser von Spanien und Portugal tiefreligiös waren, sahen sie sich natürlich von der zustimmenden Haltung der katholischen Kirche bestätigt, dass es sich bei den Ureinwohnern in Amerika nicht um menschliche Wesen handle, auch wenn sie eine verblüffende Ähnlichkeit aufwiesen.

Kirchenmänner sorgten für geistlichen Beistand beim Gemetzel in der Neuen Welt

Seit den ersten Entdeckungsreisen nahmen Kirchenmänner an den Eroberungs- und Vernichtungsfeldzügen teil und sorgten für geistlichen und moralischen Rückhalt und Beistand, wenn die Konquistadoren ihre gottgefälligen Blutbäder anrichteten. Nur gelegentlich sahen es die Priester als ihre Aufgabe, eine allenfalls unsterbliche Seele durch Bekehrung zu retten.

Am liebsten aber kurz vor der Hinrichtung dieses Menschen, damit ihm anschliessend wenigstens der Zugang zum Himmelreich möglich war. Und selbstverständlich hielten Kirchenmänner, auch de Las Casas, auf ihnen übereigneten Ländereien Sklaven.

Von ihm sind die letzten Worte des kubanischen Indianerführers Hatuey überliefert, bevor er auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, nachdem Kubas Ureinwohner fast vollständig ausgerottet worden waren. Er erkundigte sich beim Priester, der noch im letzten Moment seine Seele retten wollte, ob er dann in den Himmel komme. Als der Priester das bejahte, fragte Hatuey, ob er dort auch auf Christen treffen werde. Als ihm auch das bestätigt wurde, sagte Hatuey, dass er in diesem Fall liebend gerne in die Hölle fahren würde, das sei immer noch besser, als mit solch grausamen Menschen das ewige Leben zu teilen.

Die Kirche war damals der einzige moralische Kompass

All das soll selbstverständlich allfällige Beteiligungen von weltlichen Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel nicht relativieren oder entschuldigen. Man muss aber, vor allem, wenn man diese Handlungen aus heutiger Sicht völlig ahistorisch auch moralisch und ethisch verurteilt, dabei bedenken, dass vor der Aufklärung die Kirche der einzige moralische Kompass war, die mit Autorität unterscheiden durfte, was gut und richtig, was böse und falsch ist.

Wie soll nun ein Mensch im 15. oder 17. Jahrhundert Sklaverei, Sklavenhandel als etwas moralisch Verwerfliches empfunden haben, durch seine Beteiligung daran ein besonders verachtenswertes, unethisches Verhalten an den Tag gelegt haben, wenn er sich durch die damalig höchste Instanz in Fragen der richtigen, gottgefälligen Lebensführung bestätigt und legitimiert sah?

Im bedenklichen, oberflächlichen Gejapse, zu dem mediale Berichterstattung über kompliziertere Themen verkommen ist, fallen solche Widersprüchlichkeiten niemandem mehr auf. Das ist bedauerlich, ärmlich und elend.