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Der Realität wird’s blümerant Teil 1

Wie Claudia Blumer sich von einem Mann einseifen liess und eine Mutter in die Pfanne haute. Aus nicht ganz uneigennützigen Motiven.

«Tobender Mann beisst Polizisten ins Bein». So titelte der «Tages-Anzeiger» am 26. Dezember 2013. Eine Polizeipatrouille war wegen eines Ehestreits gerufen worden. Während die «gewaltbetroffene Ehefrau»* vor der Wohnungstüre wartete, griff der Ehemann* drinnen die Polizisten zuerst mit einem Besenstiel an, dann biss er einen in den Oberschenkel. Das alles vor den Augen seiner beiden Kinder.

Ausriss aus dem Tagi vom 26. Dezember 2013.

Resultat: zwei Polizisten in ärztlicher Behandlung, ein Ehemann 24 Stunden im Knast. Später wurde er wegen Gewalt gegen Beamte verurteilt. Wegen häuslicher Gewalt nur deswegen nicht, weil seine Frau ihre Anzeige zurückzog.

Der Vorfall schaffte es sogar bis zur Agentur SDA.

«Ein Leben ohne die eigenen Kinder», so sülzte am 1. Juli 2019 die Tagi-Journalistin Claudia Blumer. Sie beschreibt das tragische Schicksal eines Vaters, dem seine Kinder durch ihre Mutter entfremdet wurden – bis er sie nicht mehr sehen durfte. Der liebende Vater ist verzweifelt und untröstlich.

Seiner Ehe entsprossen zwei Kinder, «doch nach sieben Jahren trennen sich William und seine Frau, er zieht aus», weiss Blumer, die die Namen der Beteiligten oberflächlich verfremdete. Drei Jahre sei es soweit gut gegangen, Besuchsrecht und alles. Doch nach der Scheidung und der Bereinigung finanzieller Fragen hätten «die Probleme angefangen. Plötzlich hätten sich die Kinder bei ihm unwohl gefühlt, sagt der Vater».

Ausriss aus dem Verleumdungsartikel** von Claudia Blumer. Hinter Bezahlschranke.

Journalistin Blumer sagt später, ihre «Motivation» für diesen Artikel sei der Umstand gewesen, «dass die Kinder ihren Vater nicht mehr sehen wollen und die Behörden kapitulieren müssen». Sie habe Gründe und Handlungsmöglichkeiten untersuchen wollen. Dann fügt sie hinzu: «Dieser Kern der Geschichte stimmt.»

Es muss sich dabei aber um einen Kirschkern gehandelt haben. Denn der so leidende und verzweifelte Vater ist der gleiche, der vor den Augen seiner Kinder einen Polizisten gebissen hatte. Das hätte Blumer wissen können, wollte sie aber nicht**. Auch sonst stimmt an ihrer Schilderung bis hierher – nichts.

Die wirklichen Ereignisse spielten sich sehr, sehr anders ab

Es gab nach sieben Jahren nicht einfach eine Trennung. Diesen Gewaltausbruch ihres Mannes gegen sie und gegen die Polizei nahm die Mutter zum Anlass, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Er blieb. Die «Probleme» fingen auch keineswegs nach der späteren Scheidung an, seine Kinder fühlten sich nicht erst dann «plötzlich bei ihm unwohl».

Blumer beging so ziemlich alle Anfängerfehler, die man nur machen kann. Sie baute ausschliesslich auf die Aussagen des Mannes, liess sich nur von ihm mit Unterlagen versorgen, glaubte ihm, dass diese vollständig seien. Sie versuchte zwar, die Mutter zu einer Stellungnahme zu bewegen, aber in einer Art, die diese als unverschämt und übergriffig empfand.

Verständlich, wenn man die Fragestellung von Blumer anschaut: «Was sagen Sie zum Vorwurf (des Vaters, teilweise auch der Fachleute), Sie hätten durch Ihr Verhalten zum Loyalitätskonflikt der Kinder beigetragen, die schliesslich zur Entfremdung vom Vater geführt hat?» Alle weiteren in diesen Fall involvierten Personen, Behörden und Fachkräfte belästigte Blumer mit keiner einzigen Frage**.

Verengung des Recherchewegs.

Stattdessen wandte sich die Tagi-Redaktorin an Auskunftspersonen allerorten, von Basel bis Zürich, die mit dem geschilderten Fall nicht vertraut waren, lustigerweise aber genau die Ratschläge gaben, die von den zuständigen Behörden auch angewandt wurden.

Die Entrüstung der Mutter wird umso verständlicher, wenn man Einsicht in alle Gutachten und psychologischen Untersuchungen und die Gesprächsprotokolle mit dem Vater hat; nichts deutet darauf hin, dass die Mutter die Kinder gegen ihren Vater aufgehetzt haben könnte, was auch der den Kindern zur Seite gestellte Anwalt bestätigt.

Blind durch ein hochemotionales Minenfeld gerannt

Blumer sollte wissen, dass es im menschlichen Leben kaum eine extremere emotionale Situation gibt als eine nicht friedliche Scheidung, in der auch Kinder involviert sind. Schon alleine das würde äusserste Vorsicht verlangen, würde es absolut unmöglich machen, nur einseitig auf die Aussagen einer beteiligten Partei zu vertrauen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Blumer sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, sich über den Hintergrund, den Charakter, die Glaubwürdigkeit ihres Kronzeugen zu informieren**. Dann wäre ihr nämlich nicht nur der Beissvorfall im eigenen Organ aufgefallen, sondern auch die Unzahl von Eingaben, Prozessen und die gerichtsnotorische Auffälligkeit ihres Leidensvaters.

Beidseitige Verengung.

Dazu nur ein Auszug aus einem Urteil des Bundesgerichts (!), bis zu dem der Vater hinaufprozessiert hatte: «Die Beschwerde besteht zu grossen Teilen aus polemischen Ausführungen und Unterstellungen», nerven sich die obersten Richter und lehnen sie natürlich ab – wie alle Vorinstanzen.

Das hindert den Vater nicht, noch vor Erscheinen des Artikels folgende Mail an seine Ex-Frau – Kopie an die Präsidentin der Schaffhauser Kesb und das Obergericht – zu schicken:

«The story how you and your SP Sauband temporaly stole (die gemeinsamen Kinder) from their father will be published tomorrow in Tages-Anzeiger

Später werde dann noch die «Tagesschau» darüber berichten, wie korrupt die Kesb Schaffhausen sei und welche kriminellen Methoden ihre Präsidentin* anwende. Darüber werde auch jeder Kantonsrat informiert, bis alle «kriminellen SP-Freunde» seiner Ex-Frau ihren Job verlören.

Hätte Blumer etwas recherchiert**,  wäre ihr auch aufgefallen, dass in diversen Gesprächsprotokollen* immer wieder darauf hingewiesen wird, dass es schwierig bis unmöglich sei, mit dem Vater über sein Verhalten oder dessen Auswirkungen auf die Kinder zu sprechen*. Stattdessen habe er immer wieder zu Monologen über seine Ex-Frau angesetzt, der er nicht nur die Manipulation der gemeinsamen Kinder, sondern weitere, wilde Untaten vorwirft.

Ein gelinde gesagt problematischer Kronzeuge

Es wäre ihr aufgefallen, dass der Vater deutliche Anzeichen von Realitätsverlust zeigt. So fantasiert er von einer Verschwörung seiner Frau mit der Kindswohlbehörde und sogar einer Richterin gegen ihn, die darauf basiere, dass alle drei der gleichen Partei angehörten. Mit einem einzigen Telefonat hätte Blumer herausfinden können, dass das frei erfunden ist.

Schliesslich bestritt der Mann, der von der Schaffhauser AZ die Möglichkeit zur Stellungnahme erhielt, dass es häusliche Gewalt gegeben habe. Das sei alles Bestandteil einer «Verleumdungskampagne» seiner Ex-Frau. «Erst die Kohle, dann die Kinder», das sei ihr Plan gewesen. Unbeschadet von vorliegenden Gerichtsurteilen und Strafbefehlen und Strafuntersuchungen der Schaffhauser Staatsanwaltschaft.

Indirekter Versuch der Richtigstellung.

Den Redaktor der Schaffhauser AZ, der schon kurz nach Erscheinen des Blumer-Machwerks dieses nach Strich und Faden öffentlich demontierte, bedrohte der Ex-Ehemann. Weshalb er wegen Drohung, Beschimpfung und übler Nachrede neuerlich vor Gericht steht. Dazu sagt der Co-Redaktionsleiter Mattias Greuter: «Am Tag, an dem mein Artikel erschien (25.7. 2019), rief mich der Ex-Ehemann an. Er bezeichnete mich als «verleumderisches Arschloch» und sagte: «Pass bloss auf, wenn ich dich auf der Strasse sehe.» Auf Grund meiner Recherche wusste ich, dass er Kampfsport betreibt und bei anderer Gelegenheit schon Gewalt angewendet hatte.»

Eine Gegenklage des Ex-Ehemannes wurde hingegen abgeschmettert, was für ihn ein weiterer Beweise der Verschwörung gegen ihn ist.

Zwecks Illustration ihres Rechercheansatzes, wie zur Entfremdung von Kindern von einem Elternteil kommen könne, und was die Behörden dagegen unternehmen könnten, hat Blumer also so sehr danebengegriffen, wie es nur möglich ist.

Blumer haut nicht nur die Mutter der Kinder in die Pfanne

Unangekränkelt von jeglichem Zweifel an ihrer journalistischen Fähigkeit der Wahrheitserkenntnis, damit diesem Mann nicht unähnlich, behauptete Blumer in einem Kästchen zum Entstehen des Artikels, dass sich der Vater «an diese Zeitung gewandt habe» und dass er «uns alle Unterlagen betreffend Elternkonflikt und Kinderbelange» inklusive Mails und Prozessunterlagen, «überlassen» habe. Das ist falsch.

Die Entstehungsgeschichte liegt nicht im Streubereich der Wahrheit.

Blumer fährt fort: «Die zuständige Kinderpsychologin* des Kantons wollte zunächst mit dieser Zeitung über den Fall reden, da es sich um ein Paradebeispiel einer forcierten Entfremdung handle. Sie wurde jedoch von ihren Vorgesetzten zum Schweigen verpflichtet.»

Diesem Absatz kann man immerhin eine gehobene Bösartigkeit nicht absprechen. Offensichtlich wurde diese Psychologin ans Amtsgeheimnis erinnert, nicht «zum Schweigen verpflichtet». Dennoch wird sie von Blumer zitiert, zudem mit einer Aussage, die sämtlichen anderen Fachgutachten in diesem Fall widerspricht. Eine erste Einvernahme in Sachen Amtsgeheimnisverletzung durch die Staatsanwaltschaft fand bereits statt.

Bis hierhin ist es eine bedenkliche Fehlleistung einer Journalistin, die offensichtlich völlig oberhalb ihrer Kapazität und Kompetenz einen dramatisch einseitigen, falschen und allen hausinternen «eisernen Regeln» widersprechenden Artikel publizierte. Der durch alle Qualitätskontrollen durchrutschte.

Allen Beteiligten wurde von ZACKBUM die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt. «Ihre Vorwürfe und Behauptungen sind falsch», erwiderte im Namen Blumers die «Leiterin Kommunikation Tamedia» – pauschal auf eine ganze Reihe von begründeten, konkreten Fragen. «Ich werde Sie keine Stellungnahme liefern und keine Information», schrieb der Ex-Ehemann und bat zudem darum, «sofort in Ruhe gelassen zu werden».

Kommt in den besten Häusern vor, sollte es aber nicht. Ist damit der Blumer-Skandal beendet? Nein, damit fängt er erst richtig an.

*Der Redaktion sind die Namen sämtlicher Beteiligten bekannt. Wir konnten in die gleichen Dokumente Einsicht nehmen, die auch schon dem «Tages-Anzeiger» vorlagen.

**Siehe dazu die Punkte 12 bis 18 des Schreibens von Tamedia.

Lesen Sie morgen: Nach dem Blumer-Skandal folgt der Tamedia-Skandal.