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Ein Sternchen vergewaltigt die Sprache

Stetes Sternchen höhlt den Duden. Aber noch gibt es Gegenwehr gegen dieses Sprachverbrechen.

In kampffeministischen oder linken Organen hat es längst Einzug gehalten. Der Anfang vom Weg nach unten beruht auf einem fundamentalen Missverständnis. Nämlich der Verwechslung des grammatikalischen Genus mit Geschlecht.

Schuld daran sind natürlich die Vereinfacher, die den armen Schülern der deutschen Sprache nicht mehr Latein in der Wortlehre zumuten wollten. Substantiv, Prädikat, Adverb, Adjektiv, Casus, pfuibäh. So wandelte sich das Genus als Zuweisung einer Gattung zum «Geschlecht».

Und schon war die Büchse der Pandorra geöffnet. Sklavensprache, Herrensprache, Unterdrückung durch Sprache, mangelnde Repräsentanz in der Sprache, Männersprache. Zur Identifikation und Bekämpfung des Übels braucht es etwas, das jeder Depp missverstehen kann.

Wo fängt die nötige Therapie an? (© zukunft-ch.ch)

Nämlich die Genera. Zumal es auf Deutsch gleich drei gibt. In anderen Sprachen nur zwei. In anderen sogar gar keines (Türkisch, Finnisch, Japanisch). Hier wird’s natürlich schwierig mit der Denunziation einer Männersprache als Unterdrückungsinstrument gegen Frauen.

Muss das generische Geschlecht fast immer männlich sein?

Während einzelne Ausnahmen wie die Person ignoriert werden, nicht verstanden wird, wieso es das Mädchen heisst (Diminutiv), wird anklagend darauf verwiesen, dass es der Mensch heisst, und vor allem: dass das sogenannte generische Geschlecht, also bei Sammelbegriffen wie Student, Arzt, Lehrer, Anwalt, Präsident die weibliche Form, beziehungsweise das Genus feminin, immer inbegriffen ist.

Die Zuweisung der Genera folgen bestimmten Regeln, die nicht immer konsequent sind, aber garantiert eines nicht enthalten: Sie wollen keinesfalls Frauen (oder Kinder) diskriminieren. Deshalb war und ist es klar, dass bei der Student auch andere Geschlechter (es gibt ja immer mehr davon) inbegriffen sind. Auch bei die Studenten, natürlich.

Wenn man aber diesem Grundlagenirrtum unterliegt, will man (und frau) natürlich nicht nur meckern, sondern auch Alternativen aufzeigen. Eine ist grauenhafter als die andere. Die konsequenten Verwendung der Doppelform (die Studenten und Studentinnen) schlägt jeden Leser in die Flucht. Deshalb wird auch probiert, durch eine Fussnote, dass hier das männliche Genus auch immer das feminine mitmeint, den Zorn abzulenken.

Ein Anschlag nach dem anderen auf die deutsche Sprache

Der nächste Anschlag wurde unter Verwendung von Partizip-Präsens-Konstruktionen verübt. Statt das diskriminierende «die Studenten» viel besser: «die Studierenden». Das ist zwar wieder kreuzfalsch (Partizip Präsens bedeutet auf Deutsch eine kontinuierliche Tätigkeit. Ich kann arbeiten, ich kann am Arbeiten sein, aber ich bin niemals ein Arbeitender. Ausser, ich wäre ein Roboter mit 24/7-Einsatz).

Der nächste Untergriff gegen die Sprache ist das Binnen-I. Also der in das arme Wort, das sich nicht wehren kann, gerammte Kunstbuchstabe. StudentIn. Glücklicherweise setzte sich dieser Versuch des Sprachmissbrauchs nicht wirklich durch. Einerseits stolperte er über banale Probleme: heisst es nun Ärztin oder ÄrztIn? Oder beides? Andererseits war der Todesstoss der Einwand, dass so nur zwei Geschlechter repräsentiert seien. Und all die anderen?

Unterstrich und Gender-Sternchen: Von Deutsch zu Holperdeutsch

Daraufhin erhob das Gender-Sternchen sein hässliches Haupt. Das aber allerorten. Sprachliebhaber und Sprachpfleger (natürlich überwiegend männlich) führen seither einen erbitterten, aber noch lange nicht gewonnenen Kampf gegen diesen neuerlichen Versuch, die deutsche Sprache zu vergewaltigen. Begleitet wird das Sternchen gerne und oft vom Unterstrich. Nach erfolgter Vergewaltigung sieht eine Anrede (wie sie beispielsweise die Uni Berlin empfiehlt), so aus:

«die_der Dekan_in».

Hier soll der Unterstrich, wie das Sternchen, neben der weiblichen Form auch alle anderen Geschlechter inkludieren, nicht mehr ausgrenzen.

Auch in der Schweiz treibt das Gender-Sternchen inzwischen sein Unwesen, sogar in Mainstreammedien wie dem Tages-Anzeiger oder Blue-News, zwei der meistgeklickten Plattformen im Internet. So erfreut der Tagi seine Leserinnen – seine Leser hingegen weniger – mit launigen Anreden wie

«Liebe Leser*innen» oder «liebe Leserinnen*».

Da sei dann der sich vielleicht diskriminiert fühlende Leser schon mitgemeint.

Kein Beitrag zur Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft

Blue erfreut sowohl Leser wie Leserinnen und alle non-binären Geschlechter mit Titelmissbildungen wie dieser: «Schweizer*innen in L.A.» An Regeln sollte man sich halten – oder sie verändern wollen. Aber was hier passiert, formuliert die Gesellschaft für deutsche Sprache unübertroffen: „Die sogenannte gendergerechte Sprache beruht erstens auf einem Generalirrtum, erzeugt zweitens eine Fülle lächerlicher Sprachgebilde und ist drittens konsequent gar nicht durchzuhalten. Und viertens ist sie auch kein Beitrag zur Besserstellung der Frau in der Gesellschaft.“

Jeder wäre sich einig, dass eine gendergerechte Umwandlung von Verkehrsregeln keine gute Idee wäre. Bei Sprachverbrechen sieht das anders aus. Ein Blick in den Duden würde Klarheit verschaffen. Alle diese Formen sind Mumpitz. Unsinn. Beschäftigung für Anti-Diskiminierungskämpfer*innen*, die zu faul sind, sich um echte Diskriminierung zu kümmern.

Aber leider, leider, es ist der Duden, und das liegt daran, dass Konrad Duden ein Mann war. Also geht das alles natürlich nicht.