Beiträge

Unser Ranking zum Schweizer Journalisten: the winner is …

Zackbum hat auch gevotet. Journalist des Jahres ist …. Roger Schawinski.

Etwa 800 Leserinnen und Leser des Schweizer Journalisten machten mit bei den diesjährigen Wahlen. Das sind immerhin gut viermal mehr, als bei den «Mediensprechern» des Jahres voteten. Aber jetzt mal Tacheles gesprochen. Journalistinnen und Journalisten sind doch Wesen mit eigenem Denkapparat. Ist es da wirklich demokratisch, wenn man nur auswählen darf? Wenn man nur Kreuzchen machen darf? Da kommt einem die unselige Geschichte der «Besten Sportler und Sportlerinnen der vergangenen 70 Jahre» von SRF in den Sinn. Tennisgöttin Martina Hingis wurde nicht nominiert, weil sie früher mal für ein Dopingvergehen gesperrt war. Hä?

Langer Rede, kurzer Sinn. Hier das ZACKBUM-Ranking der besten – und der schlechtesten – Journalisten der letzten Zeit.

+ bedeutet anerkennend und ernst gemeint
– bedeutet bitterböse, aber auch ernst gemeint

Journalist des Jahres
+ Roger Schawinski (Radio 1) Schawinski trägt persönlich enorme Verluste wegen fehlenden Werbeeinnahmen, hat aber niemandem gekündigt. Hat sein Angebot sogar während der Krise ausgebaut. Und er ist als Moderator wegen Corona zu neuen Höchstleistungen aufgestiegen, mit seinem Talkradio. Zudem ist sein Doppelpunkt nach wie vor das Mass aller Interviews.

Allerdings wurde Roger Schawinski vom Schweizer Journalisten noch nie in dieser Funktion ausgezeichnet. Erstaunlich…

Chefredaktion
+ Kaspar Surber (WoZ)
Weil das Original doch besser ist als die Republik.
– Arthur Rutishauser (Tamedia)
Als Obersuperchefredaktor schreibt er unglaublich viel, lässt dafür seine Redaktionen ausbluten.
+ Gaudenz Looser (20Min)
Ein Macher, der Online-Titel gerne umschreibt, um mehr Klicks zu generieren. Der Erfolg gibt ihm recht.

Reporter
+ Andreas Schmid NZZaS
Jeden Sonntag liefert der stille Schaffer Primeurs. Etwa jenen des Mörserpanzers der Armee, der nur bei schönem Wetter funktioniert.
+ Ralf Kaminski (Migros-Magazin) Immer wieder schön am Puls der Zeit und unaufgeregt. Stellt sich selber nicht in den Vordergrund.

Sport
+ Steffi Buchli
Sie ist und bleibt die «Gute-Laune-Moderatorin», ob bei UPC oder beim Blick.

Recherche
– Roman Zeller, Weltwoche. Wie er Salomé Balthus ausführte und das Balzgespräch nachher zu Papier bringen konnte, ist brillant.

Gesellschaft
+ Eva Hediger, Chefredaktorin Hello Zurich
Setzt um, was tsüri.ch immer nur in Aussicht stellt

Politik
– Dennis Bühler (Republik)
Der  Bundeshausjournalist, der auch beim Schweizer Journalisten den Takt angibt. Stellvertretend steht Bühler für ein Portal, das sich völlig kritikunfähig gibt.

Wirtschaft
+ Lukas Hässig (Inside Paradeplatz) Es kann einfach niemand anderen geben. Hässig stellt alle anderen Wirtschaftsjournalisten in den Schatten.
+ Arthur Rutishauser (Tamedia)
Erstaunlich, was er als Obersuperchefredaktor für Storys ausgräbt.

Kolumne
+ Ruedi Widmer (WoZ)
Ruedi ist nicht nur ein begnadeter Cartoonist, er hat auch eine brillante Schreibe. Aber weil er mit seinen charakteristischen Männchen so gut ankommt, kommt er viel zu wenig zum Schreiben. Schade.

Kultur
+ Daniele Muscionico
Seit vielen Jahren die Instanz für Theaterkritik. Jetzt schnöde abserviert von der NZZ.

Newcomer
+ Anielle Peterhans. Volontärin bei SRF und Teil des Rundschau-Cryptoleaks-Rechercheteams. Das muss man auch erst einmal zustandebringen.
+ Dembah Fofanah & Ben Pauli, die beiden Gründer des Kollektivs Voda.ch. Sie benennen Diskriminierung und Rassismus in der Schweiz.
+/- Die ZACKBUM-Macher: man liebt sie, oder man hasst sie.

Nachtrag: In einer ersten Version ist die Rubrik «Local Heroes» nicht erschienen. Wir liefern sie hier nach.

Local heroes
+ Nadia Rohner (CH Media)
Die Lokalredaktorin der Aargauer Zeitung ist zuständig für die Gemeinden Aarau, Buchs, Auenstein, Biberstein, Küttigen, Densbüren und Erlinsbach zuständig. Daneben engagiert sie sich beim Verein Medienfrauen Schweiz.
+ Ruedi Baumann (Tagi)
Das Urgestein hat fast 50 Jahre lang jeden Tag einen Text über den lokalen Mikrokosmos geschrieben – zuletzt für den Tages-Anzeiger. Er ist vor wenigen Wochen in den verdienten Ruhestand getreten.

 

 

 

 

 

Preisträger: Alles Frauen oder was?

Der «Schweizer Journalist*In» fährt auch die Preisverleihung an die Wand.

Rankings, Auszeichnungen, immer eine gute Sache, um Aufmerksamkeit zu erregen. Damit konnte der «Schweizer Journalist» jahrelang punkten; ähnlich wie die «Bilanz» mit ihren «300 Reichsten».

Meistens waren die Preise verdient, und der Publikumspreis wurde unter lebhafter Beteiligung des Publikums vergeben. Das ist dieses Jahr alles ein wenig anders. Das Publikum bestand aus 892 Abstimmenden. Nun ja.

Ein Sportjournalist ist der einzige männliche Preisträger

Journalist des Jahres wurden die drei Journalistinnen der «Rundschau», die einen Beitrag zur Aufdeckung des Crypto-Skandals geleistet haben. Dass auch das ZDF und die «Washington Post» – die nebenbei am besten darüber berichtete – dabei waren: nun ja, beide sind nicht weiblich.

Das Geschlecht muss dieses Jahr eine herausragende Rolle gespielt haben, denn gerade ein einziger Mann schaffte es, Kategoriensieger zu werden. Noch-Präsident Trump würde da sicher von Betrug twittern, aber uns ist das Geschlecht von Preisträgern völlig egal. Die Frage, ob sie ihn auch verdient haben, beschäftigt uns schon mehr.

Welche Meriten, ausser das richtige Geschlecht?

Nehmen wir zum Beispiel die «Kulturjournalistin des Jahres». Dabei soll es sich um eine Namensvetterin von Simone Meier von «watson» handeln. Denn diese Meier kann nicht gemeint sein, für die ist Kultur ein Schreibfehler von Kult. Deren kultureller Horizont liegt so tief, dass sie geschmacklos davon schreibt, dass im Dritten Reich Juden «gecancelt» wurden. Und nicht mal einen Grund dafür sieht, sich wenigstens zu entschuldigen.

Gleich drei Preise regnen auf drei Frauen der «Republik» herunter. Darunter Wirtschaftsjournalistin des Jahres: Olivia Kühni. Nichts gegen sie, aber aufgrund welcher Leistung? Womit genau tritt sie in die Fussstapfen von Lukas Hässig, zum Beispiel? Die anderen beiden Preisträgerinnen der «Republik» sind leider namentlich oder leistungsmässig nicht bekannt.

Eine philosophische Gesellschaftsjournalistin, eine Kurzzeit-Chefredaktorin

Dann hätten wir noch die Nachfolgerin von Michèle Binswanger als Gesellschaftsjournalistin des Jahres: Barbara Bleisch von «Sternstunde Philosophie». Echt jetzt? Für ihre philosophischen Höchstleistungen wie diese, gegen die Platons Höhlengleichnis gewaltig abstinkt: «Wer das Schlangenbrot am Holzstecken in die lodernden Flammen hält, statt auf die Glut zu warten, muss einen Teigklumpen verspeisen, der aussen verkohlt und innen roh ist.» Mit solchen Sottisen sorgt sie im «Tages-Anzeiger» regelmässig für Heiterkeit, aber was soll das mit Gesellschaftsjournalismus zu tun haben?

Riesenfreude auch bei Nicole Meier von Keystone-SDA. Sie wurde zur «Chefredaktorin des Jahres» gewählt. Meier ist seit einem Jahr die Chefin der Nachrichtenagentur. Auf eine Ausschreibung wurde damals verzichtet. Das hat innerhalb der Redaktion zu Misstönen geführt. Sie sei eben «Wunschkandidatin der Geschäftsleitung» gewesen, heisst es auf Anfrage. «Unter diesen Umständen wurde konsequenterweise auf eine Ausschreibung verzichtet.»

Die rasende Reporterin des Jahres

Nehmen wir noch eine letzte Preisträgerin. Sarah Serafini von «watson» ist «Reporterin des Jahres». Mal ein Blick auf ihre letzten Reportagen, in chronologischer Reihenfolge: «Corona-Impfung: Was du über den Impfstoff wissen musst», «Coronavirus: Deutschland will Schulferien über Weihnachten verlängern», «Johnson sieht «hohe Wahrscheinlichkeit» eines No-Deal-Brexits». Und: «Skandalflug aus Surinam – Fifa-Chef Infantino steht vor Strafverfahren.»

Also entweder reiste die rasende Reporterin in den letzten Tagen nach Deutschland, London und fand noch Zeit für einen Abstecher nach Surinam – oder sie ist gar nicht so rasend. Das muss ja nicht gegen sie sprechen, aber «Reporterin des Jahres»?

Vielleicht nicht ganz alles verstanden

Vielleicht hat der neue Chefredaktor des «Schweizer Journalist» den zweiten Teil der guten Masche, durch Rankings und Auszeichnungen Aufsehen zu erregen, nicht verstanden. Oder vielleicht wollte er mit fast ausschliesslich weiblichen Preisträgern ein Zeichen setzen. Wie auch immer, Preise mit preiswürdigen Preisträgern sind gut. Preise, um ein Zeichen zu setzen oder um Preisträger zu küren, die nicht unbedingt preiswürdig sind, das ist schlecht. Denn wer möchte denn zum Beispiel gerne Nachfolger der Westentaschenphilosophin Bleisch werden? Oder der kulturfernen Simone Meier?

Also ich nicht. Aber ich bin ja auch disqualifiziert. Als Mann.