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Träumerei

Darf auch mal erlaubt sein: wir erträumen uns guten Journalismus. Wie es wohl war, als es den noch gab?

Keine Nostalgie, kein Dummvergleich früher (alles besser) mit heute (alles schlechter). Als der Besitz von Druckmaschinen eigentlich das Gleiche war wie die Lizenz zum Gelddrucken, wurde auch jede Menge Unsinn angestellt.

Wir konnten Info-Honorare von bis zu 100’000 anbieten. Ob das die Wahrheit verbog oder beförderte? Für schlecht gefälschte Hitler-Tagebücher wurden Millionen bezahlt, der Ruf einer angesehenen Illustrierten für Jahrzehnte ruiniert.

Faker, Erfinder, Hochstapler gab es schon immer. Auch gnadenlose Vorgaben wildgewordener Chefredaktoren, eine Story unbedingt hinzuwürgen. Meist mit legitimen, aber unverhältnismässigen Mitteln. Manchmal auch mit Tricks und Untergriffen.

Wir sassen morgen im Flieger, wenn heute eine besonders saftige kleine Meldung irgendwo erschien. Kinderhandel in Honduras, Arbeitssklaven in Afrika, Ausbeutung wie auf dem «Totenschiff» von B. Traven. Den hatte übrigens der gleiche Journalist aufgespürt, eine Riesenleistung, der dann mit den Hitler-Tagebüchern unterging.

Es gab noch Tugenden

Begleitet wurden solche Auswüchse aber von ein paar Tugenden. Witwenschüttler wurden von allen verachtet. Man rutscht nicht über das Leid eines Menschen in die Schlagzeilen. Agents provocateurs auch. Die brachten den Zündstoff selber mit, um dann zuzuschauen, wie was in die Luft flog – und um darüber exklusiv zu berichten. Einen cleanen Drögeler wieder auf den Drogenstrich zu schicken, um eine Reportage drüber zu machen, widerlich.

Passierte auch alles, aber der Mainstream war: die Aufgabe eines Journalisten ist, zu schauen, aufzuschreiben, verstehen zu versuchen. Verstehen, nicht verurteilen. Wenn damals bei der Themenfindung einer gefragt hätte: und was ist unsere These, was ist die Storyline? Er wäre auf völliges Unverständnis und die Antwort gestossen: Woher soll ich das denn wissen, ich habe ja noch gar nicht angefangen.

Es herrschte verdientes Vertrauen. Wie im angelsächsischen Journalismus bis heute wäre niemand auf die Idee gekommen, ein Interview zu autorisieren. Man vertraute dem Journalisten, dass der in de Lage und willens ist, das gesprochene Wort zu respektieren. Man war selbstbewusst genug, um die Banalität zu verstehen: gesagt ist gesagt. Wozu redet man sonst miteinander, wenn man’s anschliessend alles umschreibt?

Die Fakten, die Ergebnisse einer Recherche hatten meistens ein Gewicht, das kurz hinter einer amtlichen Feststellung lag. Wer früher auf dem Boulevard spazierte und Einblicke in seine Intimssphäre gewährte, wäre nie auf die Idee gekommen, sich zu beschweren, wenn das nicht für, sondern gegen ihn verwendet wurde.

Der Unterschied zu heute liegt im Kern des Geschäfts

Vor allem liegt aber der Unterschied zu heute in der Sache selbst. Der Fotograf fängt die Realität in einen Rahmen – und gibt sich eine Heidenmühe dabei. Der Journalist verdichtet und übersetzt die Realität in Buchstaben. Auch er gibt sich eine Heidenmühe dabei. Sucht nach dem treffenden Wort, dem richtigen Aufbau, der gerechten Gewichtung. Beide wissen um ihre Macht. Man kann jeden Menschen fotografisch fertigmachen, verschönern oder sein Wesen abbilden. Man kann jeden Menschen schriftlich hinrichten, zum Monster niederschreiben, schöner machen, als er jemals sein könnte. Oder versuchen, ihm gerecht zu werden.

Kann man gesehen haben. Ist aber unwahrscheinlich.

All das fehlt heute. Deshalb jauchzen wir, wenn wir eine gelungene Reportage lesen. Bei der nicht die Befindlichkeiten des Reporters im Zentrum stehen. Wie der sich fühlt, was das Erlebte bei ihm auslöst, ganze Zickenkriege, die zur Langeweile des Lesers geführt werden. Diese unselige Nabelschau der heutigen Kindersoldaten, die die Welt nur durch den Filter ihres narzisstischen Ichs sehen können – weil ihnen Kenntnisse, Methode und nicht zuletzt die Intelligenz fehlt, sich auf die überkomplexe, verwirrliche Wirklichkeit einzulassen.

Statt auch mal Brocken mit Kanten und Brüchen, die durchaus beim Lesen wehtun dürfen, gibt’s meistens Brei. Noch verdünnt und verwässert, wenn er zudem angeblichen Korrektheiten entsprechen soll.

Alle die, die mangels anderen Fähigkeiten stellvertretend für Unterdrückte, Schwarze, Frauen, Menschen aus anderen Kulturen und Zeiten geklautes Leiden feilbieten, sind die ewige Pandemie des modernen Journalismus. Totschläger des Widerspruchs, sie missbrauchen und vergewaltigen die Sprache, die sie gerechter machen wollen. Dafür verwenden sie nicht ganz verstandene Begriffe wie inkludiert oder diskriminiert. Mitgemeint oder mitgenommen.

Erwischt: der moderne Journalist bei der Arbeit.

Brei kann ich selber, sagt sich immer lauter der Leser; getretner Quark wird breit, und nicht stark, sagt sich der gebildete Leser, wenn er die Sprachdurchfälle der «Republik» liest. Nichts gegen lange Stücke. Man kann auch in der Dimension von «Krieg und Frieden» schreiben (Achtung, Nora Zukker, das ist so ein dicker Wälzer eines Russen, sollte man auch gelesen haben, übrigens ebenso «Leben und Schicksal», das ist ein anderer dicker Wälzer eines Russen).

Man sollte nur dann, wenn man kann

Aber nur, wenn man’s kann. Heutige Schreibstars (die sich selbst aber unter dem Mikroskop betrachten müssen, um Grösse zu vermuten) wollen Picasso oder Richter oder Pollock bieten. Sie wollen eine Kuh in drei Perspektiven gleichzeitig, hyperrealistisch und gekleckst darstellen. Aber nicht, weil sie schon längst über die naturalistische Kuh hinaus sind. Sondern weil sie nicht mal das malen oder schreiben könnten.

Wer aus dem Traum eines Journalismus in der Liga Kurt Tucholsky, Lincoln Steffens, Joseph Roth oder auch eines Tom Wolfe aufwacht, ist im Alptraum des heutigen Journalismus angekommen. Wo gestolpert, geholpert wird, schiefe Bilder zusammengenagelt, dummdreiste Ratschläge erteilt werden, viele Erkenntnisse laut gackernd als neu präsentiert. Nur, weil der Schreiber so ungebildet ist, dass er nicht weiss, dass das schon längst – und viel besser – formuliert wurde.

Nein, besser nicht träumen. Einfach abwarten, bis intelligente Textprogramme diese Bagage ersetzen. Schriftsteller und ein paar Ausnahmekönner für die happy few (so nannte Stendhal seine Leser, Nora Zukker, das war ein französischer, aber lassen wir das, hopeless) wird es auch immer geben. Nur nicht mehr diese Banalität des Blöden, die sich tagtäglich zu Buchstaben formt.

Alleskönner Praktikant bei Watson

Eine Praktikumsstelle bei Watson für journalistische Werbetexte lässt tief blicken.

Auf medienjobs.ch gibt es immer allerlei Wissenswertes zu entdecken. Es ist ein wenig der Indikator, wie es der Branche so geht. Aktuell sucht watson.ch «einen Praktikant Native Ad 100% (w/m)». Dass im Inserat der Akkusativ verloren ging, egal! Viel wichtiger ist das Jobprofil:

Du konzipierst und koordinierst die Abwicklung von Sonderwerbeformen.

Du arbeitest dabei an der Schnittstelle zwischen Redaktion, Verkauf und Innendienst.

Du übernimmst die Stellvertretung der «Redaktionsverantwortichen Native Ad» während ihren Ferienabwesenheiten.

Du ergänzt das Team aufgrund unserer Expansion in die Romandie.

Als bestandener Journalist und Redaktor muss man leer schlucken. Das sind doch einige recht anspruchsvolle Voraussetzungen. Vor allem Schnittstellenfunktionen setzen normalerweise eine gewisse Erfahrung voraus. Und dann dies: Ferienstellvertretungen der «Redaktionsverantwortlichen Native Ad». Zumindest für den Lebenslauf ist das natürlich toll: Schon als Praktikant Verantwortung übernommen und den Chef vertreten.

Für ZACKBUM-Leser (allenfalls) zur Info: Native Advertising (zu Deutsch «Werbung im bekannten Umfeld») ist eine Werbeform, die «nur schwer von redaktionellen Artikeln zu unterscheiden ist und die Aufmerksamkeit der Nutzer durch Tarnung auf sich zieht».

Watson wünscht sich von den Bewerbern «abgeschlossene Grundausbildung, idealerweise Grundstudium». Das ist mittlerweile fast schon normal, auch wenn gemäss Definition ein Praktikant das ist: «Arbeitnehmer, der sich einer bestimmten Tätigkeit und Ausbildung in einem Betrieb unterzieht, die Teil oder Vorstufe einer anderweit zu absolvierenden Ausbildung (z.B. Hochschulstudium) ist.»

Praktikum, Volontariat?

Zuerst Praktikum, dann Studium abschliessen. Sonst wäre es ein Volontariat. Das zum Beispiel macht aktuell Anielle Peterhans beim Tages-Anzeiger. Sie hat schon einige Lorbeeren eingeheimst, etwa den Titel «Journalistin des Jahres» mit der Crypto-Leaks-Recherche.

Aber wir sind ja «erst» beim Praktikum: Bei watson muss man für den Nativ Ad-Job «erste berufliche Erfahrungen im journalistischen Bereich» haben. Das ist darum speziell, weil gerade watson immer wieder betont, wie strikte Redaktion und Werbeabteilung getrennt seien. Oder sonst konstruiert watson eine eigenartige Parallelwelt. In einer Antwort an den Presserat schrieb watson 2017: «Um zu gewährleisten, dass die RedaktorInnen Inhalte nicht im Sinne der Werbepartner erstellen (…), wissen die AutorInnen nicht, wer der Kunde ist. Sie wissen zwar, dass es sich um ein NativeAd handelt, der Absender (…) ist ihnen aber so lange unbekannt, bis dieses von der Chefredaktion oder dem Chef vom Dienst publiziert wird.» Eine leicht schräge Argumentation, die in der Szene immer wieder Kopfschütteln oder zumindest ein Schmunzeln auslöst.

2000 Franken für einen «Vollwert-Job»?

Aber sei’s drum. Immerhin bekommt man bei watson.ch mit 2000 Franken relativ viel Lohn für ein Praktikum. Dafür ist man aber, zumindest wenn man den Job als «Praktikant Nativ Ad» bekommt, sofort eine vollwertige Arbeitskraft. «Learning by doing», heisst das wohl. Die Abteilung Nativ Ad ist ein wichtiges finanzielles Standbein von watson. Mindestens 20 – 25 % des watson-Umsatzes stammt aus dem Erlös von NativeAds.

Der Verband «Junge Journalistinnen und Journalisten Schweiz» hat eine Umfrage gemacht zu Praktikantenstellen und Löhnen. Die Umfrage stammt zwar von 2017, aber es ist nicht anzunehmen, das man heute mehr Geld bekommt. Eher, dass man mehr leisten muss, siehe watson.

 

 

 

 

 

Was ist älter?

Darum streiten sich Newsverbreiter und Prostituierte.

Allerdings war und ist der Unterschied häufig nur ein gradueller. Reisereportagen: Undenkbar ohne die Mitwirkung von Reisebüros, Fluglinien und Hotels. Und wenn der nette Herr von Autovermieter den Schlüssel für den Mietwagen vorbeibringt, dann wird er nicht einfach so im Artikel erwähnt.

Gleiches gilt auch für Autoberichte. Vielleicht wird gemäkelt, dass der Aschenbecher zu klein ausgefallen ist oder billiger Plastik verarbeitet wurde. Aber selbst solche angetäuschten Kritiken werden wieder eingefangen, indem als mildernder Umstand «in dieser Preisklasse» angeführt wird.

Wieso kommt einem vieles bekannt vor?

Gleiche gilt auch für Kosmetika. Was «Ihre Beauty-Redaktorin» absolut spitze findet, hat meistens nichts mit der Qualität des Produkts zu tun, sondern mit einem grösseren Inserat, das es bewirbt.

Wieso kommt Lesern von mehr als einer Tageszeitung vieles so bekannt vor? Ganz einfach, ihre Leibblätter haben alle die SDA verwendet, die einzig überlebende Schweizer Nachrichtenagentur. Oder aber, sie haben gleich den fertig angelieferten Pressetext der interessierten Firma übernommen.

Da immer mehr Journalisten ihr Heil in Corporate Communication oder in PR suchen, wissen sie ja, wie’s der Redaktor gerne mag. Und falls er nicht mag, wozu hat man die Telefonnummer des Chefredaktors.

Es braucht geschicktes Vorgehen

Dem muss man psychologisch geschickt klarmachen, dass für das Sponsoring des Wettbewerbs, für viele Leser-Blatt-Bindungsmassnahmen schon erwartet werden kann, dass Anliegen des Spenders nicht ignoriert werden. «Ohne mich in die unabhängige und nur nach professionellen Kriterien entscheidende Redaktionsarbeit einmischen möchte», so enden diese Telefonate meistens.

Beide Seiten kichern dann vor sich hin, nachdem sie den Hörer aufgelegt haben. Auch psychologisch geschickt, damit der Redaktor nicht «Zensur!» kräht, muss der Chefredaktor immer wieder missliebige Storys abschmettern. Am besten funktioniert das schon in der Themenkonferenz. «Das interessiert doch keinen, das verstehen unsere Leser nicht, das ist aber sehr einseitig, ich sehe da keine Story», das ist hier der Vierklang der Gründe.

Manchmal gibt es aber verstockte Redaktoren, die nicht einsehen wollen, wer denn eigentlich ihr üppiges Salär zahlt, und störrisch an ihrer Idee festhalten wollen. Das ist dann die Gelegenheit für den Chefredaktor, im Einzelabrieb etwas deutlicher zu werden. Oder aber, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, um den schon etwas älteren Redaktor darüber zu informieren, dass leider alle den Gürtel enger schnallen müssen, und da fange man bei ihm an.

Nach der Entlassung ist vor der Mutrede

Nach einer Entlassung ergreift der Chefredaktor dann die nächste Sitzung als Gelegenheit, alle wieder darauf hinzuweisen, dass unter seiner Führung niemals andere als journalistische Kriterien angewendet werden: «Wir schreiben hier für unsere Leser, auch in schwierigen Zeiten.» Damit beendet er normalerweise seinen Kurzvortrag. Schaut sich danach aufmerksam um; wer grinst, wer nickt gläubig, wer tuschelt? Das notiert er sich, es wird seine Auswirkungen auf die Reihenfolge haben, wie Leute gefeuert werden.

Ebenso ist es eher selten, dass die Lifestyle-Redaktorin jemals ein anderes Kleid, ein anderes Produkt, einen anderen Trend anpreist, als die, mit denen sie die Inserateverkäufer gefüttert haben.

Targeting, Native Ad, Branded Content; wenn auch nur auf Englisch, immerhin sind die Verlage noch erfinderisch, wenn es um neue Namen für eine alte Sache geht. Auch das ist der Prostitution sehr ähnlich. Strassenstrich, Bordell. Pfui, warum nicht Escort Service, Traumlandschaft für erotische Fantasien?

Aufgetakelte Wörter, gleiche Handlungen

Aber mit viel Hirnschmalz aufgetakelte Wörter ändern nichts daran, dass es sowohl bei der Prostitution wie im Journalismus um das Gleiche geht: Mach die Beine breit, gibt dem Kunden das Gefühl, er sei der Allergrösste – und kassiere so diskret wie möglich.

Wenn ein Journalist mit ernstem Gesicht sagt: Niemals wurde ich zensiert, niemals wurde eine Storyidee aus windigen Gründen abgelehnt, dann lügt er so wie die Nutte, die ihrem Freier sagt: So schön wie mit dir war’s mit keinem, und was für ein Gemächt du hast.

Wie beginnt man ein Interview? (Teil 1)

Interviews sind die Billy-Regale des Journalismus.

Einfach und schnell zusammengebaut, wenig Fachkenntnisse erforderlich, kein bleibender Wert. Im deutschsprachigen Raum sind 95 Prozent der Interviews darum überflüssig, in der Schweiz sind es sogar 98 Prozent. Die wenigen Interview-Perlen erkennt man an der Einstiegsfrage. Hier scheitern die meisten Journalisten, zum Teil kolossal. Die erste Frage ist deswegen so schwierig, weil der Interviewer eine ganze Menge reinpacken muss: Interesse, Distanziertheit, Vorwissen, Neugierde. Der Leser muss gleich zu Beginn gefesselt werden. Die erste Frage ist so wichtig wie die Anmachfrage in einem Club.

Wir präsentieren hier in loser Folge gute und schlechte Fragen. Bei den schlechten Beispielen wollen wir die Journalisten aber nicht an den Pranger stellen. Wir alle haben ein paar gute, aber leider mehr schlechte Tage. Uns geht es darum, die misslungenen Fragen zu analysieren und daraus zu lernen. Für Beispiele in beiden Richtungen sind wir dankbar: redaktion@zackbum.ch.

Sex auf Deutsch

Quelle: Süddeutsche (14./15./16. August 2020)
Journalistin: Julia Rothhaas
Gesprächspartnerin: Erica Jong (Sex-Autorin)
Info: Das Gespräch wurde telefonisch geführt.

Einstiegsfrage:

Frau Jong, Ihr erster Roman «Angst vorm Fliegen» erschien 1973 und wurde gleich ein riesiger Erfolg. Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die sich von ihrer Ehe gelangweilt in eine Affäre stürzt. Seit 47 Jahren werden Sie deshalb als «Königin der Erotik» bezeichnet, der von Ihnen geschaffene Begriff des «zipless fuck», auf Deutsch «Spontanfick», wird in jedem Zusammenhang mit Ihnen erwähnt.

Kritik: Welche Pornos sind gut? Doch nur die vorstellbaren. Welche Interviews sind gut? Auch nur die vorstellbaren. «Ihr erster Roman «Angst vorm Fliegen» erschien 1973 und wurde gleich ein riesiger Erfolg.» – Welcher Mensch stellt aber solche Fragen? Eigentlich stellt Julia Rothhaas gar keine Frage. Sie quetscht Kurzbio, Buchkritik und Etymologie brutal in drei Sätze. Was fehlt, ist eine Frage. Will Rothhass, dass sich die «Königin der Erotik» wegen des Spontanficks schämen soll? Dann raus mit der Sprache: «Frau Jong, schämen Sie sich kein bisschen?» Bei diesem Interview scheppert aber nicht nur die erste Frage. Jong werden zusammenhanglos eigene und fremde Zitate vorgelegt. Es ist ein Jammer. Und es ist nicht nachvollziehbar, warum die  «Süddeutsche» das Gespräch als «grosses Interview» anpreist. Das stimmt weder von der Länge (26 Fragen) noch vom Inhalt.

Auch sonst erfüllt der Text die Formalien nicht. Die Einstiegsfrage wiederholt Infos aus dem Lead («in den Siebzigerjahren mit dem Roman «Angst vorm Fliegen» (…)»»), die kurioserweise in einer Personenbox zum dritten Mal wiederholt werden («zwei Jahre später ihr erster Roman «Angst vor Fliegen», der (…)») Der Lead selbst beschreibt eine Szene (zwei Pudel in der Küche), die in einen Fliesstext gehören.  Verständlich,  dass Jong hilflos antwortet: «Ich erfinde nun mal gerne Wörter.»

Lösungsvorschlag: Die ersten beiden Sätze in einen anständigen Vortext ausgliedern und dann gleich mit dem dritten Satz beginnen:

Sie haben das Wort «Spontanfick» geprägt. Stolz?

 

Die Zauberhand

Quelle: Gastro-Journal (16. Juli 2020)
Journalist: Benny Epstein
Gesprächspartner: Marc Bär (Hotelier im Fextal)

Einstiegsfrage:

Marc Bär, wer Ihr Hotel Fex im Engadin betritt, erlebt pure Magie: Wie durch Zauberhand verfliegt der Alltagsstress. Wo liegt das Geheimnis versteckt?

Kritik: Hier handelt es sich um eine schlechte Einstiegsfrage. Das Gastro-Journal ist natürlich eine Verbandszeitschrift und kein journalistisches Medium. Trotzdem gilt auch hier: Die erste Frage muss sitzen, der Leser darf nicht verarscht werden. Journalisten müssen ihre Hose bis zur letzten Fragen anbehalten. Epstein entledigt sich gleich bei der ersten Frage von seiner Unterhose. Hinzu kommt, dass die Frage gar keinen Sinn macht. Wenn etwas mit der magischen Zauberhand angerührt wird, ist es nicht erklärbar. Magie pur. Epstein fragt hoffentlich auch kein Mädchen: «Du hast so einen magischen Busen. Wo liegt das Geheimnis versteckt?»

Lösungsvorschlag:

Marc Bär, wie schaffen es Hoteliers, dass der Alltagsstress gleich beim Check-In verfliegt?

 

Andreas W. Schmid  – der Beste

 

Quelle: Coopzeitung, 14. Juli 2020
Journalist: Andreas W. Schmid
Gesprächspartner: Martin Suter

Martin Suter, Sie werden immer als der grosse Geschichtenerzähler unster den Schweizer Autoren bezeichnet. Ich wünsche mir deshalb für dieses Interview, dass Sie in jede Antwort eine Geschichte einbauen – und falls doch nicht, erinnere ich Sie daran und Sie müssen nachbessern. Einverstanden?

Kritik: Das ist eine schöne erste Frage. Andreas W. Schmid zählt überhaupt zu den besten Interviewer der Schweiz und vergeudet sein Talent in der Coopzeitung. Warum ist diese Frage gut? Nun, Martin Suter hat in der letzten Zeit unzählige Interviews gegeben. Anlass ist der neue Film über ihn. Die Journalisten, die mit ihm reden durften, konnten dabei ihr Glück nicht fassen. Schmid wahrscheinlich auch nicht. Ihm gelingt aber im Gespräch eine richtige Konversation und keine Lobhudelei. Die Einstiegsfrage gibt gleich den Takt an: Ich frage, sie antworten. Und wenn der Gesprächspartner nicht mitmacht, wird er von Schmid ermahnt: «Sie sollten von Ihrer Karriere als Werbetexter erzählen.»

Es gibt einige Journalisten, die seine häufigen Ich-Fragen anmassend finden, ich nicht. Soll er doch. Das Ergebnis ist fast immer ansehnlich. Der Leser erfährt Biografisches, das sonst nirgendwo steht. Schmid erinnert mich deshalb an Roger Schawinski, der in den Interviews auch viel Gesprächsanteil hat. Aber nicht jeder Journalist kann und soll Schmid oder Schawinski. Das ist nur den Fähigen reserviert.

Fortsetzung folgt

(Anmerkung zur LeserInnenbindung: ZACKBUM.ch freut sich über positive wie negative Beispiele, wobei keine Garantie besteht, dass diese auch erwähnt werden)