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Katzendompteur Projer

Politiker zähmen, ist schwierig. Projer macht immerhin bella figura.

Das weiss hoffentlich jede Frau: wenn eingeladen zur Hochzeit, nie hübscher anziehen als die Braut. Die Regel darf auch bei Interviews angewendet werden. Manchmal ist das schwierig. Zum Beispiel, wenn Markus Ritter kommt. Der Bauernverbandspräsident gehört zu den grössten Influencer in Bundesbern. Und man darf sagen: Ritter kann sicher besser reden, als Krawatten binden. Der Fetzen endet irgendwo auf seinem Bäuchlein.

Jonas Projer hingegen beherrscht den doppelten Windsorknoten. Er weiss, wo das Poschettli und die edle Krawattenspange angelegt werden müssen. Jetzt noch ein bisschen Puder, und Projer könnte als Kirmesfigur auftreten.

Das tut er natürlich nicht. Der Blick TV-Chef scheint momentan nicht ausgelastet zu sein und moderiert die „Blick Abstimmungs-Kämpfe“. So auch kürzlich an einem Werktag. Links vom hübschen Mann: Pro-Natura-Chef Urs Leugger und rechts Markus Ritter.

Gleichentags erscheint im „Blick“ schon einmal eine TV-Kritik. Leugger hätte zu lange geredet, Ritter geriet in Rage. Zum Glück war noch Jonas Projer da. Der habe die beiden „hartnäckig“ gezwungen, „Klartext zu reden.“

Stimmt diese Aussage? Naja. Lesen wir doch gleich den Einstieg nach:

Projer: „Guten Abend, Sie müssen uns erklären, wieso Sie die Bauern mit immer mehr Wölfen plagen.“

Leugger: „Das wollen wir nicht. Das, was ursprünglich mit einem Kompromiss mit dem Wolf gestartet wurde, ist jetzt missraten. Das Jagdgesetz wurde zum Abschussgesetz.“

Ritter: „Das stimmt sicher nicht. Wir machen genau das, was damals in der Motion gefordert wurde. Wir haben noch den Steinbock und den Höckerschwan ergänzt. Das hat die Kommission ergänzt.“

Wer das versteht, der hat sich gut in die Materie eingelesen. Die anderen bleiben auch nach 20 Minuten gleich dumm wie zu Beginn. In der Abstimmungssendung gibt es kein Intro, kein Erklärstück. Die beiden Kontrahenten werden einfach aufeinander losgelassen. Projer lächelt eigentlich konstant, nur manchmal wird er aggressiv, wenn Ritter nicht spurt. Die Sendung ist ein Reinfall. Das Konzept ist altbacken. Ein innovatives Element fehlt. Beide Kandidaten erhalten sieben Minuten Redezeit. Projer hilft sogar Leugger, indem er ihm Vorbereitungszeit für eine Verteidigung zulässt („die Zeit wird Ihnen nicht abgezogen“).

Es wird deutlich, dass die Marke Projer im Leutschenbach nur deswegen erstrahlen konnte, weil er dort ein Heer von Wasserträgern und Technikern hatte. Auf sich alleine gestellt, wirkt er wie ein Katzendompteur. Mit Poschettli.

Wie lange gibts Blick TV noch?

Der Verlag rückt keine Zahlen heraus. Vielleicht besser so.

Letzten Mittwoch musste der Chef einspringen. Jonas Projer stand vor der Kamera und berichtete über die kurlige Russin, die in eine Gletscherspalte fiel. Der Blick-TV-Chefredaktor steht normalerweise hinter der Kamera. Die spannende Frage ist: wie lange noch? Gemäss Aussagen von Mitarbeitern soll die Stimmung auf der Redaktion ziemlich – stressig sein.

Im Unterschied zu Radio, Print, Online oder Fernsehen gibt es keine unabhängigen Zahlen zu Blick TV. Die einzigen Zahlen, die Ringier kommuniziert, sind die 840’000 Zuschauer in der ersten Woche, beziehungsweise die «über» 100’000 pro Tag. Konkrete Zahlen rückt der Konzern partout nicht heraus. Man hört von Ringier immer die gleiche Leier: «Usermässig ist Blick TV sehr erfreulich gestartet. Unterjährig geben wir keine Zahlen für konkrete Zeitfenster bekannt.»

Wenn das mit den 100’000 stimmt, sieht es sehr schlecht aus für Blick TV. Gemäss der Tarifliste von Blick, erhält der Konzern für 30 Sekunden-Spots maximal 87 Franken pro 1000 Visits. Im besten Fall verdient Ringier bei 100’000 Visits also knapp 9000 Franken pro Tag, 270’000 Franken pro Monat. Das gilt aber nur für Werbespots ab 15 Sekunden. In letzter Zeit laufen auch Spots bis 6 Sekunden, sogenannte Bumper Ads. Diese seien für die Kunden günstiger, antwortet Ringier auf Anfrage.

Den Werbeeinnahmen stehen Löhne von 48 Mitarbeiter des «Kernteams von Blick-TV» gegenüber, die über den Daumen gepeilt 380’000 Franken pro Monat (bei einem Durchschnittslohn von 8000.-) verschlingen. Dazu kommen noch Sozialkosten. Die Einnahmen würde also nicht einmal die Löhne decken. Was alles an Technik, Externe und Weiterentwicklung dazu kommt, will man gar nicht wissen. Nur schon der abgesenkte Boden im Studio soll ein Vermögen gekostet haben.

«Der Erfolg von Blick TV», so die Pressestelle, «besteht vor allem darin, langfristige Sympathie bei den Nutzerinnen und Nutzern sowie im Werbemarkt aufzubauen.» Damit das gelingt, gebe man «Blick TV auch ausreichend Zeit um dies zu erreichen.» Solche Zeit-Versprechungen haben in der Schweiz schon viele Medien erhalten. Die meisten durften dann sogar das Zeitliche segnen.