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Hass und Courage im Netz

Twitter ist die Plattform für die korrekte Lebensart – oder für Schlammschlachten.

Der Vorfall ist zur Genüge beschrieben worden. Totgeschrieben, möchte man formulieren – wenn man nicht Bedenken hätte, dass das gegen einen verwendet werden könnte. Journalistin sagt was von sozialem Todesurteil, eine anonyme Redaktion nimmt’s beim Wort und veröffentlicht eine geschmacklose Karikatur.

Grosse Aufregung, Entschuldigung, Rechtfertigung, Nachtreten, Zurückmopsen, das Übliche auf Twitter, bis sich die nächste Erregungswelle aufbaut, zum Beispiel über das Wort Sternchen.

Aber jede Welle lässt Endmoränen zurück, die nachbearbeitet werden müssen. So ist es der Kämpferin gegen Hate Speech und alles Üble im Netz unterlaufen, diese Karikatur mit einem Like zu versehen. Bevor auch sie sich davon distanzierte. Von der Karikatur.

Nun ist Jolanda Spiess-Hegglin auch Geschäftsführerin von #Netzcourage. Laut Selbstdarstellung «kämpft sie mit ihrem Verein gegen Hass im Internet». Ebenfalls mit «NetzPigCock» oder mit «#Netzambulanz» hat sie sich diesen Zielen verschrieben. Die werden als durchaus förderungswürdig beurteilt – und daher mit Steuergeldern unterstützt.

Unübersehbar: Jolanda Spiess-Hegglin auf der Webseite von #Netzcourage.

Mit knapp 200’000 Franken unterstützt das «Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau» diese Aktivitäten. «Öffentlich finanzierte Doppelmoral», donnerte die NZZ, stellt und beantwortet gleich selbst eine Frage: «Soll der Bund eine Aktivistin gegen Hass im Netz finanzieren, die ihrerseits die Grenzen überschreitet? Eher nicht.»

Die Heerscharen von rechts galoppieren heran

Natürlich galoppierten auch alle Kämpfer für einen gesitteten Umgang in der Auseinandersetzung los, angeführt vom SVP-Amok Andreas Glarner. Der veröffentlicht schon mal auf Facebook die private Telefonnummer und E-Mail-Adresse einer Lehrerin mit dem Hinweis, man solle sie anrufen und ihr mitteilen, was man davon halte, dass sie – in Umsetzung der offiziellen Linie – muslimischen Kindern erlaubte, während des Fests des Fastenbrechens zu Hause zu bleiben.

Natürlich musste nun auch aus dem Departement Berset der Verein «Netzcourage» zu einer Stellungnahme aufgefordert werden, wie er es denn mit diesem Like seiner Geschäftsführerin halte.

Im Sinne von Offenheit und Transparenz hat #Netzcourage Fragen und Antworten ins Netz gestellt. Unter dem Hashtag #Tamediagate. Ob das eine gute Idee war?

Begriffsverluderung sollte auch bekämpft werden.

Eine Tessiner Nationalrätin der Grünen antwortet namens des Vorstands

Geantwortet hat Greta Gysin, Nationalrätin der Grünen. Offenbar um Eindruck zu schinden, verwendete sie ihre parlamentarische Mailadresse und auch den entsprechenden Briefkopf. Wir dokumentieren hier ihre Antwort.

Es ist verblüffend, wie sich Rechtfertigungen aus allen Lagern ähneln, wenn es um den Umgang mit unangenehmen Fragen geht:

«Wir haben etliche Vorwürfe analysiert und empfinden sie als völlig haltlos und nicht berechtigt. Auch im aktuellen Fall … kann nicht von Hassrede seitens unserer Geschäftsführerin gesprochen werden.»

Ob das der Vorstand auch so sehen würde, wenn jemand Spiess-Hegglin als erste Kandidatin im Wettbewerb «Arschloch des Monats» vorschlagen würde? Oder von «Karma» spräche, sollte ihr etwas zustossen?

Nun ja, neben routinierter Verteidigung gehört auch der Gegenangriff zum üblichen Arsenal; da «der Chefredaktor des grössten Medienkonzerns» Spiess-Hegglin «ohne Rückfrage» mit den «Nationalsozialisten» gleichstelle, sei das natürlich ein weiterer Beweis für die Existenzberechtigung von #Netzcourage.

Alles andere mag erlaubt sein, aber zu diesem demagogischen Untergriff muss – auch ohne Rücksprache – etwas gesagt werden. Zunächst ist es bei einem Kommentar nicht nötig, üblich oder Brauch, «Rückfrage» zu nehmen. Bei einem Like auch nicht, obwohl Spiess-Hegglin damit gut beraten wäre. Zweitens hat der Chefredaktor diese Passage umgehend gelöscht, was hier nicht der Erwähnung würdig ist – könnte stören. Drittens hat er die Geschäftsführerin keinesfalls mit Nationalsozialisten gleichgestellt, was jeder nachlesen kann – so er will.

Die Absichten von #Netzcourage sind sicherlich lobenswert – und auch die Unterstützung mit Steuergeldern wert. Ob aber dieses Personal dazu geeignet ist, sie umzusetzen – das muss angesichts dieser uneinsichtigen und verbohrten Reaktion stark bezweifelt werden.

Ein Mops kommt selten allein

Kopflose Satire, Dauerfeuer und andere Aufregungen. Es wird gemopst, gekeift und gefuchtelt.

In der öffentlichen Debatte schenkt man sich nichts. Vor allem, wenn es nicht mehr um inhaltliche Auseinandersetzungen geht, sondern um gegenseitiges Fertigmachen. Dabei kann man dann irgendwann nur noch Stilnoten verteilen oder eine Bewertung von Erfolg, bzw. Misserfolg vornehmen.

Im Schlachtgetümmel, das sind die Nebel des Krieges, ist schnell nicht mehr ersichtlich, was Ursache, was Wirkung, was Anlass, was Reaktion ist. Sobald der Deckel vom Topf fliegt und das Gebräu überkocht, ist das Thema Erkenntnisgewinn durch Debatte erledigt.

Tölpelei, Heuchelei, Unterstellungen, Unter- und Übergriffe, alles erlaubt, alles gern genommen. Dann wird einfach geholzt, gerempelt und die Blutgrätsche mehr oder minder elegant praktiziert.

Selten gibt es parallel zwei Beispiele dafür, bei denen vor allem unglaubliche Heuchelei auffällig ist. Zum einen regt sich Tamedia – zu Recht – über eine idiotische Karikatur eines anonymen Organs namens «megafon» auf. Das wiederum hatte sich über eine Bemerkung einer Tamedia-Journalisten aufgeregt, die häufiger mit Todesmetaphern arbeitet.

Man darf nicht alles. Freiheit muss Grenzen haben

Nun darf ungeniert geprügelt und gehauen werden, verbal und auch im Bild. Ausser, man verstösst dabei gegen Gesetze. Ob es gegen Sachen oder Personen geht: nicht alles, was dem Autor Spass macht, ist erlaubt. Die Bank X ist eine kriminelle Vereinigung – geht nicht. Person Y ist ein verlogener Betrüger – geht nicht.

Allerdings sind die Gesetze unvollkommen und auslegungsbedürftig. Wer sich einen guten Anwalt leisten kann, ist im Vorteil. Wer das durch Cleverness, Geschick, Verschleierung, Umschreibung ersetzt, auch. Wer primitiv holzt, kracht meistens früher oder später an die Bande der Grenzziehung durch entsprechende Artikel in den Gesetzbüchern.

Zum einen – anonym macht mutig – zeigte ein Kollektiv aus dem Umfeld der Berner Reitschule, dass man nicht in Windeln und kurzen Hosen bei den Grossen mitspielen sollte. Vor allem, wenn man die Spielregeln nicht beherrscht. Also desavouierten die eine durchaus bedenkenswerte Kritik an einer Formulierung durch einen schlichtweg brunzblöden Karikaturversuch. Nicht minder dumm solidarisierten sich einige Verwirrte, meistens ebenfalls anonym, mit dieser Geschmacklosigkeit, darunter auch die grosse Kämpferin gegen Hate Speech im Internet, Jolanda Spiess-Hegglin.

The Empire strikes back, of course

Daraufhin schlug das Tamedia-Imperium zurück und skandalisierte die Karikatur. Das rief natürlich politische Gegner der ganzen Reitschule-Veranstaltung auf den Plan, darunter so leuchtende Gestalten der gepflegten politischen Auseinandersetzung wie den SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Der hofft, dass durch diese positive Erwähnung seine Feindin Spiess-Hegglin staatliche Subventionierung gestrichen bekommt, «dafür sorge ich persönlich» droht er.

Keiner zu fein, Mops zu sein.

Andere, wie der SVP-Nationalrat und Chefredaktor der «Weltwoche» Roger Köppel, benützen die Gelegenheit, von symbolisch geköpften Journalisten zu real geköpften eine Blutlinie zu ziehen und damit die Urheber der Karikatur zu diskreditieren. Nach längerem Brüten wirft sich auch der Oberchefredaktor von Tamedia in die Wirtshausschlägerei und kündigt eine Strafanzeige an. Allerdings dachte auch er nicht lange genug nach und donnerte am Schluss seines rund 60 Stunden post festum veröffentlichten Kommentars, dass es sich hier um linke Volksverhetzung handle.

Den Zusatz «wie wir sie bei Rechtsextremen erwarten und wie wir sie eigentlich seit 1945 bei uns überwunden glaubten», streicht der Schriftleiter schnell wieder aus seinem Kommentar, nachdem ihm offenbar bedeutet wurde, dass das nun doch zu bescheuert sei.

Das «megafon» hatte schnell die Karikatur gelöscht und sich dafür bei der Betroffenen entschuldigt. Allerdings können es die anonymen Schreibtischtäter nicht lassen, mit einer länglichen «Stellungnahme» nochmals ihren Standpunkt zu verdeutlichen.

«Vorgeschichte, satirischer Flügel, hätte erledigt sein können, aus dem satirischen Kontext gerissen, eskaliert, irreführend».

Selbstgerechtes Gejammer über eine Geschmacklosigkeit, die auch durch Löschung nicht aus der Welt geschafft werden kann. Plus breitbeiniges Gehabe: «Der Strafanzeige des 935 Millionen schweren Medienkonzerns schauen wir mit Gelassenheit entgegen. Wir vertrauen darauf, dass die Satirefreiheit in der Schweiz auch für misslungene Werke gilt.»

Keiner zu klein, mopsig zu sein.

Gut, sie haben’s immer noch nicht kapiert, aber was soll’s. Zusätzlich für Verwirrung sorgten natürlich wilde Ausflüge in die Thematik «was darf Satire?». Gelehrtere Klugscheisser verwiesen auf Kurt Tucholsky, andere brachten «Charlie Hebdo» ins Spiel, man solidarisierte sich, brachte seinen Abscheu zum Ausdruck, verstieg sich in Verästelungen und Nebenschauplätze – wie üblich halt, wenn haltlose Intellektuelle schlaumeiern wollen. Verbale Gewalt, reale Gewalt, Anstand oder Freiheit, Klein gegen Gross, links gegen rechts. Schiessscharte auf, Feuer, Schiessscharte zu. Ungefähr so sinnvoll wie die Schlacht bei Verdun.

Kopf ab furchtbar, Theatermord entschuldbar

Gleichzeitig feuerte aber ausgerechnet Tamedia selbst aus allen Rohren gegen einen SVP-Posseli, der fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Ausdruck «Feuer frei!» verwendet hatte. Mit viel bösem Willen liess sich daraus konstruieren, dass er damit provozieren könnte, dass jemand diese Aufforderung ernst und wörtlich nehme. Erschwerend komme noch hinzu, dass sich ein SVP-Regierungsrat davon doch tatsächlich nicht «distanziere», dieser als Biedermann verkleidete Brandstifter.

Dass im gleichen Organ ein sogenannter Kulturredaktor auch schon einen Mordaufruf gegen Roger Köppel als im Kontext zu verstehenden «Theatermord» verniedlichte, das ist schon längst aus dem Kurzzeitgedächtnis der Öffentlichkeit gefallen. Aber angesichts dieser Heuchelei bei Tamedia erscheint die Haltung des «megafon» zumindest einigermassen reflektiert.

Falls die dort tätigen «Redaktor*innen» allerdings mal aus den Windeln herauswachsen wollen, sollten sie sich das zu Herzen nehmen: wenn man einen Stink gemacht hat, dann sollte man ihn – sobald dazu in der Lage – so schnell wie möglich wegräumen. Den Raum lüften und aufs Vergessen hoffen. Aber nicht noch weiter drin rumrühren, die Wände damit beschmieren und markig «Gelassenheit» markieren. Vielleicht könnte auch helfen:

  • Masse mindert Moral. Anonymität mehrt feigen Mut.

Wer wenigstens mit seinem Namen hinter seinen öffentlichen Aussagen steht, überdenkt sie vielleicht das Sekündlein länger, das dann ausreicht, um noch rechtzeitig den Weg zur Kloschüssel statt ins Netz zu finden.

Heuchler Knellwolf

SVP böse, blöd und gefährlich. Megafon der Reitschule nicht der Rede wert. Aschgrau.

Thomas Knellwolf war Co-Leiter des Recherchedesks von Tamedia und ist seit 1. Juli Mitglied der Bundeshausredaktion des Konzerns. Er habe nach 8 Jahren mal was Neues gesucht, liess er verlauten. Anstand und moralische Massstäbe gehören offenbar nicht dazu.

Mit seinem ersten Stück in seiner neuen Rolle haute Knellwolf zusammen mit einem weiteren Redaktor einen SVP-Provinzpolitiker in die Pfanne. Der hatte in seiner kleinen Chat-Gruppe stolz von einem Gespräch mit seinem SVP-Regierungsrat des Kantons St. Gallen berichtet. Man sei übereingekommen, sich gegen die Forderung des BAG nach obligatorischen Corona-Tests in Schulen zu wehren; «Feuer frei!», schrieb der Politiker nassforsch.

Das brachte ihm ein grosses Stück hinterfotziger Demagogie ein: vergangenen Samstag wurde diese Bemerkung von Tamedia zur Titelgeschichte hochgejazzt und im Blatt drin auf einer Seite nach allen Regeln der schwarzen Kunst hingerichtet. Hauptvorwurf: solche Aufforderungen könnten von Amoks als Handlungsanleitung missverstanden werden, also aus virtueller Hate Speech könne schnell reale Gewalt werden, wer im übertragenen Sinn «Feuer frei!» fordert, könnte dafür verantworlich sein, dass jemand tatsächlich auf einen Mitarbeiter des BAG schiesst.

Der medienungewohnte Politiker wurde vorgeführt; dass er zuerst eine Stellungnahme abgab, die dann wieder zurückzog, hämisch vermerkt. Natürlich auch, dass der mediengewandte SVP-Regierungsrat keinen Anlass sah, sich von diesem Gespräch zu «distanzieren», obwohl er von Tamedia dazu aufgefordert wurde.

Warum nicht nochmal draufhauen, wo’s so schön ist

Richtig Spass machte es natürlich, in einem Kommentar eine Breitseite nachzulegen:

«Der St. Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker will sich nicht von einer «Schiess»-Aufforderung auf das BAG in seinem Namen distanzieren. Das ist gefährlich.»

Höhepunkt des Nachtretens ist ein vergiftetes Lob mit angeschnallter Giftspritze: «Alles wirkt etwas bieder. Aber ist Stefan Kölliker auch ein Brandstifter? Darauf lässt eine Aufforderung seines Kreisparteipräsidenten von vergangener Woche schliessen, die viel Aufsehen erregte.»

Zunächst: Der Tagi erregte so viel Aufmerksamkeit, wie er nur konnte. Sonst niemand. Aber: «Das Beängstigende an der «Schiess»-Aufforderung aus St. Gallen ist, dass sie von einem Kantonsparlamentarier kommt. Und im Namen eines Regierungsrats erfolgt.» Schlussfolgerung:

«Das ist gefährlich, denn jemand könnte die Aufforderung wörtlich nehmen.»

Nein, Herr Knellwolf, gefährlich ist etwas ganz anderes. Wie es der dumme Zufall wollte, veröffentlichte das «megafon» aus der Berner Reitschule einen Tweet, in dem sich diese Amoks über die Tamedia-Redaktorin Michèle Binswanger fürchterlich aufregten. Zur Illustration mechten sie ihren abgeschlagenen Kopf in eine Darstellung der Guillotine während des Terrors der Französischen Revolution, wo die Häupter der Geköpften dem johlenden Volk triumphierend entgegengestreckt wurden.

Neben Applaus oder wohlwollender Erwähnung – unter anderem von Jolanda Spiess-Hegglin, der grossen Vorkämpferin gegen Hass im Internet – löschte das «megafon» diese geschmacklose Entgleisung mit dem Ausdruck des Bedauerns, hielt aber an seiner Kritik fest. Immerhin. Es wäre ja nun auf der Hand gelegen, dass tapfere Kämpfer gegen Hate Speech und gefährliche Gewaltandrohungen im Internet sich vielleicht deutlich von dieser missverständlichen Aufforderung, Binswanger zu enthaupten, distanziert hätten.

Lustig? Kunst? Ironie? Nicht der Rede wert.

Als das nicht geschah, bot ZACKBUM den beiden Autoren des «Feuer frei!»-Anklagestücks und auch dem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser Gelegenheit, sich zu erklären. Warum auf die SVP eingeprügelt werde, aber der Kopf-ab-Aufruf gegen eine eigene Mitarbeiterin einfach ignoriert. Und was Rutishauser im Rahmen seiner Fürsorgepflicht zum Schutz von Binswanger zu unternehmen gedenke.

Ein Satz der Erklärung oder Rechtfertigung? Ach, was, niemals

Reaktion: keine Reaktion. Keine Antwort. Nicht mal eine Antwort, die dann zurückgezogen wurde. Dazu war sogar der SVP-Politiker in der Lage, die sonst so eloquenten Redaktoren von Tamedia nicht; sie schwiegen verbissen. Feige. Im Bewusstsein ihrer unsäglichen Heuchelei. Schwiegen sie tatsächlich?

Aber nein, Knellwolf fand noch die Zeit, mit diesem Kommentar nachzulegen und das Feuer auf den SVP-Regierungsrat zu verstärken. Wenn etwas wirklich gefährlich, beängstigend und mehr als fragwürdig ist, dann dieses Verhalten von Tamedia-Journis. Nach einer solchen offenkundigen Heuchelei, Doppelmoral, Einäugigkeit, Unfähigkeit, wenigstens überall die gleiche Position zu beziehen: wie wollen die erwarten, dass man irgend eine Äusserung von ihnen noch ernst nimmt?

Knellwolf schreibt vielleicht einen Artikel über die herrschende Doppelmoral in Bern, unter Politikern? Über deren opportunistische Parteilichkeit? Das kann doch nur mehr als Realsatire mit hohem Lächerlichkeitsfaktor wahrgenommen werden. Man kann Knellwolf eigentlich nur einen wohlmeinenden Karrieretipp geben: Gastspiel in Bern beenden, als Komödiant zum «Nebelspalter» wechseln. Ein weiterer Vorteil davon wäre: seine zukünftigen Publikationen fänden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

 

War auch mal so ein Versuch, Erfolg zu haben …

Knellwolf knattert weiter gegen die SVP, Rutishauser rafft sich immerhin zu einem Kommentar auf

Aber immerhin, nach längerer Bedenkzeit rückte Arthur Rutishauser noch kurz vor dem Fussballmatch einen «Kommentar zum Angriff auf eine Tamedia-Journalistin» ins Netz. Denn am Dienstagabend fällt ihm endlich auf: «Am Sonntag ist es gegenüber einer der profiliertesten Journalistinnen unserer Redaktion zu einer schweren Grenzüberschreitung gekommen.» Immerhin:

«Darum reichen wir trotz der Entschuldigung Strafanzeige gegen «Megafon» ein. Dass sich Jolanda Spiess-Hegglin, ehemalige Politikerin, Journalistin und selbst ernannte Kämpferin gegen Hass im Netz, nicht zu schade war, den Tweet auch noch zu liken, ist beschämend.»

Mein Mathematiklehrer am Gymnasium pflegte in solchen Fällen Schiller zu zitieren: spät kommt ihr, doch ihr kommt. Worauf sich verspätete Schüler mit rotem Kopf an ihren Platz begaben. Knellwolf kommt nicht zu spät, sondern schwänzt schlichtweg. Während Rutishauser, dafür muss man ihm gratulieren, zum Schluss seines Kommentars donnert:

«Besorgniserregend ist, dass mittlerweile ein Teil der politischen Linken so intolerant geworden ist, dass sie auf jeglichen Anstand verzichtet und Volksverhetzung betreibt.»

Vielleicht fällt ihm noch rechtzeitig auf, dass seine Redaktionen davon auch nicht ganz frei sind.

Wird der «Blick» ganz anders?

Busen, Blut, Büsis. So funktioniert Boulevard. Oder nicht mehr? Ringier versucht die Wende, begleitet von Häme und Unglauben.

Nick Lüthi ist ein alter Hase, was die Berichterstattung über Medien betrifft. Als altgedienter Gewekschaftsjournalist verzehrt er nun noch sein Gnadenbrot bei der «Medienwoche». Leider auch ein Opfer der Medienkrise; viel Gesinnung, wenig Gehalt.

Drittklassige Gastautoren, die noch nicht mal eine erkennbare Gesinnung haben. Aber ab und an greift auch Lüthi selbst noch zum Griffel. So vermeldete er Ende Mai, dass der «Blick» sich nicht nur ein neues Logo verpasst hatte, sondern auch neue «Anstandsregeln». Er meint damit die «News-Richtlinien» an die sich seit Mitte Mai 2021 die «Blick»-Gruppe halten soll. Schon zuvor hatte sich das einzige Boulevardblatt der Schweiz von lieben Angewohnheiten getrennt.

Busen, also das «Seite 3»-Girl, war schon längst durch den «Star des Tages» ersetzt worden. Aber auch der verglühte mit dem Stellenantritt von Christian Dorer. Und nun wird auch noch der Sex-Ratgeber eingestellt. Damit aber nicht genug. Die Gerichte legen den Persönlichkeitsschutz immer extensiver aus, also jegliche Art von identifizierender Berichterstattung kann sehr schnell in kostspielige Probleme führen.

Methoden wie auf dem Boulevard

Lüthi bleibt allerdings skeptisch – und gnadenlos: «Die neuen Regeln sind zwar umfassend, weisen aber an entscheidenden Stellen Lücken auf.» Tja, umfassend oder lückenhaft, da muss Lüthi noch etwas in sich gehen. Am Schluss seines Artikels tat er das schon. Als wollte Lüthi die alte Tradition des Boulevard selber fortführen, musste er selbst bereits zu Kreuze kriechen:

«Wir bitten um Entschuldigung für die unzutreffende Unterstellung unethischen Verhaltens.»

Lüthi, der Recherchierjournalist, hatte dem Verfasser dieser neuen Richtlinien unterstellt, er selbst habe erst vor Kurzem dagegen verstossen. Sandro Inguscio wehret sich mit Erfolg gegen diese Unterstellung. Auch der Grand old man des Schweizer Journalismus, Karl Lüönd, äussert in einem Leserbrief grosse Vorbehalte gegen diese «schulmeisterliche Art» von Lüthi. Der zwar aus alten Reflexen auf die Boulevard-Gurgeln der Ringier-Presse einprügelt, aber, wie Lüönd maliziös anmerkt:

«Die seit Wochen mit Abstand knackigste  Boulevardgeschichte – die Hintergründe um den Arzt, der am Zürichberg seine Villa und sich selbst vernichtet hat – stand am gleichen Tag, an dem Du Deine Moralpredigt veröffentlicht hast, im Tages-Anzeiger.»

Dumm gelaufen für Lüthi, aber da gibt es ja noch Jolanda Spiess-Hegglin, immer zu Stelle, wenn es darum geht, etwas noch schlimmer zu machen. Offenbar ist JSH durch die Erstellung der Online-Denunziationsseite «netzpigcock.ch» nicht ausgelastet, die sich dem angeblichen Problem widmen soll, dass schon jede zweite Frau in der Schweiz unverlangt Penis-Fotos zugestellt bekam.

Entscheidende Frage für 

JSH kämpft bekanntlich um eine «Gewinnherausgabe» beim Ringier-Verlag, der sich mit Storys über sie eine goldene Nase verdient haben soll. Rund eine Million Umsatz habe er damit gemacht, also «Bruttogewinn», wie Hansi Voigt behauptet, neuerdings der Spezialist dafür, wie man im Netz Geld verdient und nicht verröstet. Ernstzunehmendere Internet-Spezialisten sprechen von allerhöchsten 20’000 Franken, nebenbei.

Für JSH ist diese Summe aber ziemlich entscheidend. Denn sie wird nicht nur von einer sackteuren Anwältin vertreten, nachdem ihre Berufung vom Obergericht Zug auf ganzer Linie abgeschmettert wurde, alle ihr von der unteren Instanz zugesprochenen Summen noch deutlich gekürzt wurden, braucht sie schlichtweg Geld.

Daher poltert sie weiterhin auf allen Kanälen gegen den «Blick». Eigentlich ginge es ihr gar nicht so sehr um Geld, liess sie noch vor dem Prozess in Zug verlauten, viel wichtiger wäre es doch, wenn sich – wie sie auch forderte – Ringier bei ihr entschuldigen würde. Dieses Begehren wurde vom Gericht abgelehnt, aber noch bevor sich JSH darüber so richtig echauffieren konnte, passierte aus ihrer Sicht etwas ganz Blödes.

Marc Walder entschuldigte sich öffentlich bei JSH, gerade weil er gerichtlich dazu nicht gezwungen wurde. Jeder andere hätte das zumindest akzeptiert oder sogar dieser noblen Aktion Respekt erwiesen. Aber doch nicht JSH. Sie verstummte einfach. Nun hat sie sich aber wieder erholt. In einer ganzen Twitterkanonade von glaub’s 34 Tweets schimpft sie weiter auf Ringier.

Fake News gegen JSH? Aber sicher nicht …

Natürlich bietet ihr auch der Artikel von Lüthi willkommenen Anlass, die Tweets nochmal als Leserbrief aufzuwärmen. Und wie: «Über 200 konstruierte, persönlichkeitsverletzende, menschenverachtenden Artikel voller Sex– und Männerfantasien über mich, nach allen Regeln der Schmierfinken-Kunst.» Souverän sieht JSH darüber hinweg, dass tatsächlich gerichtlich eine Persönlichkeitsverletzung festgestellt wurde. Aber bislang musste der «Blick» keine einzige Darstellung der Fakten korrigieren. Die stimmen nämlich blöderweise.

Ringier will keinen Gewinn herausgeben

Das findet JSH aber nicht der Erwähnung wert. Hingegen erregt sie sich höchlichst, dass es Ringier doch tatsächlich wagt, ihrer Forderung nach Gewinnherausgabe mit juristischem Widerstand zu begegnen. Jetzt wird es sehr trashig, als wär’s ein altes Stück vom «Blick». Denn JSH zitiert ausführlich aus der Rechtsschrift des Verlags gegen ihr Ansinnen, furchtbar viel Geld zu bekommen. Das ist zwar nicht richtig illegal, aber auch nicht die feine Art. Aber JSH und feine Art, das ging ja noch nie zusammen. Da wagt es der Verlag doch tatsächlich, unter anderem das hier ins Feld zu führen:

«In den eingeklagten Artikeln ist nichts falsch, nichts diffamierend, nichts verletzend, sondern alles die schlichte, banale, einfache Wahrheit.» «Den Gedächtnisverlust erfindet man, um sich nicht an Einzelheiten erinnern zu müssen.» «Den Ehemann als den «Gehörnten» zu bezeichnen, ist nach Lage der Dinge ebenfalls zulässig.»

Entspricht vielleicht nicht der Auffassung von JSH, aber kann man mit Fug und Recht so sehen. Die entscheidenden Sätze, über die sich JSH aber unendlich aufregt, sind diese: «Die Beklagte hat mit den eingeklagten Artikeln keinen Gewinn erwirtschaftet.» Und: «Wo es keine Persönlichkeitsverletzung gibt, gibt es auch keine Gewinnherausgabe.» Das treibt JSH natürlich zur Weissglut, denn das könnte ja bedeuten, dass ihre Hoffnung auf viele, viele Batzeli sich nicht erfüllt. Deshalb schäumt sie:

«Da macht ihr einfach weiter mit dem Victim Blaming. Mit der Frauenverachtung, dem Sexismus, der Verhöhnung einer Frau».

So wirr sind die modernen Zeiten. Das Organ mit dem Regenrohr im Logo bemüht sich nach Kräften, als Boulevardblatt verantwortungsbewusst und seriös zu werden. In die Lücke springt zum Beispiel der «Tages-Anzeiger» in einem fetten Boulevardstück über den Selbstmord am  Zürichberg. Der jeden Boulevard-Methoden abholde Lüthi muss sich auf den Knien für eine boulevardeske Falschbehauptung entschuldigen.

Entschuldigen, nicht entschuldigen, doch entschuldigen

Und das angebliche Opfer JSH verlangte eine Entschuldigung, forderte sie sogar vor Gericht ein – und wurde abgeschmettert. Aber der Ringier-CEO entschuldigte sich öffentlich und freiwillig bei ihr. Echt blöd gelaufen, wo es ihr doch nie um Geld ging. Aber jetzt ausschliesslich darum. Das Opfer wird zum Täter. Lüthi verwendet Boulevard-Methoden. Der «Blick» wird seriös wie ein Regenrohr. Einer, der mit am meisten Geld im Internet verröstet hat, wird Fachmann für die Berechnung von Gewinnen im Web. Der Tagi schreibt das, was der «Blick» hätte schreiben müssen.

Und keiner traut sich, wie bei des Kaisers neue Kleider, das Offenkundige auszusprechen: die Zuger Affäre ist auserzählt. Ein Unschuldiger wurde deswegen als Politiker, als öffentliche Person vernichtet. JSH steht vor der merkwürdigen Situation, dass ihr Lover auf dem Boot sie sicherlich nicht mit Drogen willenlos machte. Zudem gibt es genügend Zeugen für vorangehendes hemmungsloses Geknutsche. Wenn es aber ihr Lover nicht war, dann muss sie ein unbekannter Dritter unter Drogen gesetzt haben, um sie zu missbrauchen. Bevor man nach dem fahndet: am unbestritten im Separée anwesenden Lover vorbei?

Scheinstarke Frauen – sackschwache Doku

Zum Fremdschämen peinlich, was Patrizia Laeri mit Rosanna Grüter abgeliefert hat.

Das Thema ist ernst, die Stimmung gedrückt. Zwei Frauen auf einer Mission spazieren durchs verregnete Zug. Patrizia Laeri wird gefragt: «Mit welchem Gefühl triffst du dich mit ihr?» – «Ich schäme mich fast ein bisschen.»

Man sieht sofort: Hier herrscht das Bemühen, aus Distanz und mit gebotener Neutralität das Thema «Sexismus in der Schweizer Medienszene» abzuhandeln. Am längst auserzählten und geschilderten Fall Jolanda Spiess-Hegglin.

Es geht wieder einmal um die grossen Dinge, um alles. Um einen «Beitrag zu einer gerechteren Welt». Es geht wieder einmal um ein Ereignis, das ein Leben veränderte und seit Jahren beschäftigt.

Im Kampf ist alles erlaubt

Also eigentlich zwei Leben, denn an diesem bedeutenden Ereignis an einer Zuger Politikerfete waren zwei Erwachsene beteiligt. Das Schicksal des einzigen wahren Opfers interessiert hier aber nicht; das ist ja ein Mann, und erst noch von der SVP. Was sich genau hinter einer verschlossenen Türe abspielte, wissen nur die beiden Beteiligten. Was sich sicherlich nicht abspielte:

«2014 wurde Spiess-Hegglin mutmasslich auf einem Polit-Event unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht.»

Wenn man schon eine gerechtere Welt will, dann müsste man mit solchen unbewiesenen Unterstellungen aufhören, die mit einem «mutmasslich» nicht besser, sondern höchstens noch abscheulicher werden.

Die verfolgende Unschuld: Jolanda Spiess-Hegglin.

Wenn man eine gerechtere Welt wollte, könnte es doch Sinn machen, wenn man nicht unkritisch, betroffen, widerspruchslos der Story einer der beiden Beteiligten folgt. Die sich zudem nicht mit allen Fakten, die über diesen Abend bekannt wurden, deckt.

Was unterscheidet einen Propaganda- von einem Dokumentarfilm?

Wenn man einen Dokumentarfilm drehen wollte, würde man vielleicht anderen, abweichenden, widersprechenden Meinungen von den 45 Minuten – na, fünf oder eine Minute? – einräumen. Aber in diesem Machwerk muss jede Minute mit Akklamation, Betroffenheitsgesülze und gegenseitiger Bestätigung gefüllt werden.

Spiess-Hegglin wird zu einer Märtyrerin hochstilisiert und mit Fragen angehimmelt: Woher sie denn die Kraft für ihren Widerstand nehme, wie sie als Phönix aus der Asche auferstanden sei, aus den «Trümmern ihres Lebens», wie es denn sei, schwurbelt Laeri mit betroffenem Gesicht, wenn sich «eine ganze Branche an einer Frau ergeilt?»

Die unschuldig Verfolgende: Patrizia Laeri.

Männer sind in diesem Bericht nur zugelassen, wenn sie feministisch sekundieren. Zunächst Spiess-Hegglins Mann, der seine Rolle als tapferer Nicht-wirklich-Betrogener an der Seite eines Opfers gefunden hat, sich auch zum zweiten Mal erst hier interviewen lässt und darauf verweist, wie wichtig sein erstes Gespräch mit Hansi Voigt gewesen sei.

Diese üble Medienfigur wurde auf ZACKBUM schon ausführlich gewürdigt. Diesmal empfängt er die vielleicht etwas overdresst zu ihm stöckelnde Laeri in seiner bäuerlichen Umgebung; als sie den Wunsch nach Pfefferminztee äussert, stürmt er durch eine Hühnerschaar in den Kräutergarten und schneidet höchstselbst ein paar Blätter ab, während sie ihm verträumt zuschaut.

Dann geht’s aber zur Sache, und Laeri, die sich selbst ja immer ausführlich und umfangreich als Wirtschaftsjournalistin lobt, hört sich widerspruchslos eine schwachsinnige Antwort auf ihre Frage an, wie viel denn alleine der «Blick» an Storys über Spiess-Hegglin verdient habe. Dazu sagt Fachmann Voigt, dass es ungefähr 300’000 Franken online plus 700’000 Franken im Print gewesen seien.

Im Ausgeben besser als im Zählen: Hansi Voigt.

Laeri nickt wieder betroffen, während Voigt einen doppelten Salto ohne Netz vollführt und dabei für den Zuschauer sichtbar schmerzlich auf die Schnauze fällt. Also diese «runde Million» sei der «Umsatz», also der «Bruttogewinn». Umsatz gleich Bruttogewinn? Hatte Voigt der armen Laeri etwa auch Drogen in den Pfefferminztee gemischt, damit sie einem solchen Schwachsinn widerstandslos zuhört?

Zudem vergisst sie, Voigt zu fragen, welchen Gewinn denn das damals von ihm geleitete Qualitätsmedium «watson» mit dem Fall Spiess-Hegglin gemacht habe. Aber item, die Nächste im Ringelreihen der Zeugen in diesem Fall ist die Anwältin Rena Zulauf, Pardon «DIE Medienrechtsanwältin», wie Laeri schwärmt. Man kennt sich, deshalb ist das gefilmte Intro der Begrüssung auf Du; sobald Laeri zum Interview schreitet, wird’s ein Sie, damit’s nicht zu streng nach Frauensolidarität riecht.

Auch die Anwältin darf unwidersprochen um die Wahrheit herumkurven

Zulauf darf dann unwidersprochen auch das erzählen, was man als Anwältin bei einer Gratis-Chance, Werbung in eigener Sache zu machen, halt so erzählt. Also erzählt sie nicht, dass sie mit ihrer letzten Berufung im Fall Spiess-Hegglin gegen den «Blick» auf ganzer Linie und vollständig baden ging. Alle von ihr appellierten Forderungen wurden nicht nur abgeschmettert, sondern finanziell schmerzlich sogar geschmälert.

Aber für solche Details ist in 45 Minuten auch kein Platz; wir kehren wieder zu Spiess-Hegglin und ihrem Verein «Netzcourage» zurück, über dessen Methoden, an Geld zu kommen, man auch dieses und jenes sagen könnte. Aber natürlich nicht hier, hier geht es um den unermüdlichen und preisgekrönten Kampf von Spiess-Hegglin, die leider bei Fragen, die von ZACKBUM oder anderen kritischen Medien gestellt werden, sehr schmallippig wird oder einfach nicht antwortet.Aber wenn’s um Soforthilfe, Präventionsarbeit und überhaupt alles geht, damit so etwas nie mehr passiert, da wird sie auskunftsfreudiger. Und zerrt sogar eine ihrer Töchter ins TV, damit sie zum schönen Ausklingen des Films mit der gemeinsam schaukeln kann.

Betrogener Mann, betroffene Frauen; am Küchentisch der Familie Spiess-Hegglin.

Aber selbst diesen Schluss versemmelt sich Laeri mit ihrer Eitelkeit. Die äusserte sich schon vorher, als sie doch ohne unter der Schminke rot zu werden, aus der Rolle der Präsentatorin der Doku in die Rolle einer interviewten Frau wechselt, die dann auch mal erzählen kann, welche sexistischen Zeiten sie schon selbst erlebte.

Auch das betritt, um es sexistisch neutral auszudrücken, Neuland in einer Doku. Dass Laeri dann ganz am Schluss mit gefährlich hohen Stiefelabsätzen an einem Graffiti über Feminismus vorbei ans Flussufer stöckelt, gedankenvoll in eine bessere Zukunft blickt, und stolz ist auf den Einsatz von Frauen wie Spiess-Hegglin (und natürlich auch auf sich selbst), das hätte sich nicht einmal Hedwig Courths-Mahler oder Utta Danella getraut (Nora Zukker, das sind zwei deutsche, aber lassen wir das).

Wir bei ZACKBUM hätten nie gedacht dass wir uns mal fremdschämen, weil wir so oft als Frauenverächter gescholtenen männlichen Triebtäter bei diesem Werk entschieden der Ansicht sind, dass die Sache der Frau wirklich Besseres verdient hätte.

Dass so etwas heutzutage tatsächlich auf 3sat ausgestrahlt wird, ohne dass eine zuständige Instanz alle Beteiligten vor dieser Peinlichkeit geschützt hätte, lässt nur zwei Erklärungen zu. Alle dort auch unter Drogen – oder ein abgründig fieser Macho hat sich eins gekichert und gesagt: das macht mich betroffen, das müssen wir genauso senden.

Wir haben uns durchgequält; wer viel Zeit, starke Nerven und nur rudimentär ausgeprägte Empathie für die Sache der Frau hat, der sollte es uns unbedingt gleichtun. Es sind zwar wohl die am sinnlosesten verrösteten 45 Minuten eines Menschenlebens. Aber man (Mann und Frau) weiss dann wenigstens, zu was Frauen fähig sind.

 

 

 

Letzter offener Brief an 78 Tamedia-Frauen

Ihr seid die Erstunterzeichner eines Protestbriefs gegen unerträgliche Zustände. Und jetzt?

Seit rechtzeitig zum Tag der Frau am 8. März ein Protestschreiben gegen den Willen – und ohne Einverständnis – der meisten Unterzeichner an die Öffentlichkeit gespielt wurde, hat sich einiges getan.

Jolanda Spiess-Hegglin sorgte dafür, dass hier wieder ein Wirbel um ihre Person und um den Inhalt des Schreibens entstand. Claqueure wie Hansi Voigt entrüsteten sich über eine angeblich von Sexismus, Frauendiskriminierung und Anzüglichkeiten geschwängerte Arbeitsatmosphäre bei Tamedia.

Vertreterinnen von völlig unwichtigen Organisationen, in deren Namen Frau vorkommt, benützten die Chance auf 50 Sekunden Ruhm und behaupteten mit ernster Miene, dass dieses Problem natürlich systemisch, strukturell überall in den Medien existiere. Aber der Flächenbrand entstand nicht; in keinem anderen Medienunternehmen kam es zu ähnlichen Protesten.

Die Chefetage eierte zuerst, dann enteiert sie sich

Zehn Wochen nach Veröffentlichung dieser Klage hatte das Herumeiern der Chefetage bei Tamedia sein Ende. Marco Boselli, der zuvor nie durch besondere Nähe zum Thema Feminismus auffiel, durfte verkünden, dass im Konzern nun durchgegriffen werde. Es sei der feste Wille der (männlichen) Führungskräfte, auf allen Hierarchiestufen 40 Prozent Frauenanteil zu erreichen.

Was ist sonst noch geschehen? Eine der Rädelsführerinnen hat gekündigt und behauptet, dass das nichts mit diesem Protestschreiben zu tun habe. Natürlich noch weniger mit der ihr dadurch zugewachsenen Bekanntheit. Die zweite schnappt – seit ihrem merkwürdigen Auftritt bei «10 vor 10» – erschöpft nach Luft und bleibt ansonsten stumm.

Die zuerst als Untersuchungsrichterin eingesetzte Claudia Blumer wurde zur Bezugsperson heruntergestuhlt und dann zu «20 Minuten» entsorgt. Alle anderen Unterzeichner haben sich niemals öffentlich zum Inhalt, zum Thema oder zur Reaktion der Konzernspitze geäussert.

ZACKBUM ist das einzige Medium der Schweiz, das ihnen allen (auch den Nicht-Unterzeichnern) mehrfach die Möglichkeit angeboten hatte, zu Fragenkatalogen Stellung zu nehmen. Das wurde von den so lautstark Protestierenden mit eisigem Schweigen beantwortet. Was befremdlich ist, weil normalerweise ein Unterzeichner eines Protests gerne jede Gelegenheit benützt, für ihn zu werben.

Letzter Versuch, Antworten zu erhalten

Aber sei’s drum, vielleicht ist die eine oder andere Öffentlichkeitsarbeiterin aus ihrem Schweigegelöbnis erwacht. Die folgenden Fragen – samt dieser Einleitung – haben alle Unterzeichner vor 24 Stunden zugestellt bekommen:

  1. Halten Sie die Reaktion der Unternehmensleitung von Tamedia für ausreichend?
  2. Werten Sie es als Erfolg, dass nun angekündigt ist, durchs Band 40 Prozent Frauenquote bei Tamedia einzuführen?
  3. Sollte das in einem nächsten Schritt auf 50 Prozent gesteigert werden?
  4. Eine solche Quote kann nicht alleine mit natürlichen Fluktuationen erreicht werden. Was halten Sie davon, dass deshalb Männer nicht befördert oder sogar entlassen werden?
  5. Damit ist eine gewisse Geschlechtergleichheit erreicht. Stört es Sie nicht, dass beispielsweise weiterhin Altersdiskriminierung, mangelnde Berücksichtigung von Mitarbeitern mit Behinderungen herrscht?
  6. Wo sehen Sie den Platz für alle, die sich als divers, non-binär, transgender definieren?
  7. Halten Sie es grundsätzlich für eine gute Idee, das Geschlechtsmerkmal zu einem wichtigen Kriterium bei der Besetzung einer Stelle zu machen?
  8. Ist es nicht eine umgekehrte Diskriminierung, dass nun Besitzer einer Vagina Penisträgern vorgezogen werden?
  9. Sind damit die Ziele Ihres Protestschreibens erreicht? Wenn nein, welche nicht, und wie soll der Kampf weitergehen?
  10. Hätten Sie dieses Protestschreiben auch aus heutiger Sicht nochmals unterzeichnet?

Ophelia in Shakespeares Hamlet.

Um nicht den Eindruck zu erwecken, dass hier mehrere Dutzend sonst nicht gerade scheue oder vor öffentlichen Stellungnahmen zurückschreckende Frauen durch Gruppenzwang zum Schweigen verdonnert sind, wäre es doch sehr begrüssenswert, wenn diesmal Antworten eingehen, die über ein finsteres Schweigen oder «ich sage nichts» hinausgehen.

Selbstverständlich wird sie ZACKBUM, wie es hier im seriösen Journalismus Brauch ist, unzensiert und vollständig publizieren.

Nicht überraschend, dafür typisch

Wir haben es hier wohlgemerkt mit 78 Frauen zu tun, die professionell in der Medienwelt tätig sind. Sie haben schwere Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber und gegen männliche Mitarbeiter erhoben. Da sie das mit allgemeinen Behauptungen und anonymen Beispielen getan haben, ist eine Überprüfung der happigen Vorwürfe schwierig bis unmöglich –ebenso eine Gegenwehr der Betroffenen.

Das Schreiben wurde zum Stimmenfang als interne Protestnote an die Geschäftsleitung und den VR-Präsidenten verkauft. Dabei war es den Strippenzieherinnen von Anfang an klar, dass sie es durchstechen wollen – um mehr Druck aufzubauen. Ausgerechnet Jolanda Spiess-Hegglin wurde ausgeguckt, um für öffentlichen Rabatz zu sorgen. Weder wurden alle Unterzeichner vorher angefragt, noch waren alle einverstanden.

Gruppendruck, falsch verstandene Solidarität – bis heute haben sich öffentlich ausser der inzwischen fahnenflüchtig gewordenen Salome Müller, der ausser einem Kürzest-Auftritt in «10 vor 10» völlig verstummten Aleksandra Hiltmann und Claudia Blumer – keine der Unterzeichner öffentlich geäussert. Hiltmann wollte von ZACKBUM noch eine Gegendarstellung zu etwas, was gar nicht gegendarstellbar ist – und zeigte dann, dass sie auch davon keine Ahnung hat.

Aber nun wäre doch Gelegenheit für die übrigen Unterzeichner der Protestnote, Bilanz zu ziehen; der Kampf ist ja weitgehend gewonnen. ZACKBUM hätte sicherlich nicht Antworten von allen Unterzeichnern erwartet (abgesehen davon, dass natürlich wie immer ein Prozentsatz in den Ferien weilt). Aber vielleicht eine Handvoll? Sagen wir mal ein Dutzend? Ein halbes Dutzend? Eine Einzige?

Leider nein. Ausser diversen Ferienabwesend-Meldungen rafften sich nur zwei der eloquenten Journalistinnen auf zu antworten. Aber mit deutlich erkennbarem Widerwillen: «Ich sehe keinen Anlass noch habe ich Lust dazu, Ihr forderndes Mail und Fragen zu beantworten.» Es heisst schliesslich DIE beleidigte Leberwurst. Oder:

«Ich werde nicht auf Ihre Fragen antworten. Es geht hier nicht um Gruppenzwang, sondern um Solidarität.»

Alle anderen? «The rest is silence.» Shakespeare, Hamlets letzte Worte. Aber das war ja auch nur ein Mann, der über einen anderen Mann schrieb.

Benedict Cumberbatch als Hamlet.

 

Abgang eines Gender-Sternchens

Das trifft uns: Salome Müller hat bei Tamedia gekündigt. Ist sie Opfer?

Via persoenlich.com teilte die Redaktorin des «Tages-Anzeigers» mit, dass sie per Ende Juli ihre Kündigung eingereicht habe.

Müller wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, weil sie die Mitinitiatorin eines Protestschreibens ist, in dem sich anfänglich 78 Mitarbeiterinnen von Tamedia über unerträgliche Arbeitsbedingungen beklagten. Frauen würden sexistisch behandelt, diskriminiert, seien dummen Anmachsprüchen ausgesetzt, würden durch diese Atmosphäre demotiviert.

Liebe Leserinnen* ist vorbei.

Am 1. Mai war das Ultimatum abgelaufen, das im Brief gesetzt worden war. Bis zu diesem Zeitpunkt wollten die Unterzeichner eine Antwort auf ihre Forderungen bekommen. Offensichtlich ist aber bislang nichts passiert. «Der Brief hat viel Gutes ausgelöst – wir fühlen uns gehört und ernstgenommen. Bei meiner Kündigung spielte der Brief keine Rolle», behauptet Salome Müller.

Das wagen wir zu bezweifeln. Der Brief hat bislang überhaupt nichts ausgelöst. Im Gegenteil, weil er von rund 60 anonymisierten Vorwürfen begleitet war, kündigte Tamedia zuerst eine interne, dann eine externe Untersuchung dieser angeblichen Vorfälle an.

Statt intern öffentlich meckern

Weil das eigentlich für den internen Gebrauch gedachte Schreiben via Jolanda Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gebracht wurde, erhob sich schnell einmal die Frage, ob sich damit zumindest die beiden Initiantinnen arbeitsrechtliche Probleme eingehandelt haben könnten. Denn dafür, dass der Arbeitnehmer auf der Payroll steht, hat er nicht nur die Verpflichtung, gewisse Leistungen zu erbringen, sondern auch sich an ein paar Regeln dem Arbeitgeber gegenüber zu halten. Ihn öffentlich und ohne jeden Beleg übel zu beschimpfen, das gehört nicht dazu.

Nachdem sich Müller, zusammen mit ihrer Kollegin Aleksandra Hiltmann, kurzeitigen Ruhm bis hin zu einem Auftritt in «10 vor 10» verschafft hatte, aber danach abtauchte, auf keine Anfrage reagierte, mehren sich die kritischen Stimmen, welchen Zweck eigentlich diese ganze Aktion gehabt habe.

Insbesondere löste Stirnrunzeln aus, dass von den Protagonisten dieses Protests behauptet wurde, dass sie ein in der ganzen Medienbranche vorhandenes Malaise ansprechen würden. Nur, bei keinem anderen Verlag kam es zu ähnlichen Protesten.

Alle Unterzeichner weigerten sich ebenfalls, auf höflich formulierte Fragenkataloge zu antworten, was nun doch etwas schwach ist. Die zuerst mit der Untersuchung beauftragte Mitunterzeichnerin Claudia Blumer sagte sogar, dass sie persönlich niemals solche Vorfälle erlebt habe, mehr aus Solidarität unterzeichnete.

Geschmäckle, Hautgout, Es stinkt einfach

All das gibt der ganzen Aktion einen zunehmenden Hautgout. Mitarbeiterinnen damit ködern, dass sie ein internes Protestschreiben, gerichtet an die Geschäftsleitung, unterzeichnen würden. Das fast gleichzeitig an die Medien eingespeist wurde, zudem mit einem nicht gerade vertrauenserweckenden Absender.

Offensichtlich wurden viele der Unterzeichner nicht einmal gefragt, ob sie damit einverstanden seien. Dann holten sich Hiltmann und Müller ihre 15 Sekunden Ruhm ab, verstummten aber anschliessend völlig. Ob Müller tatsächlich ohne Zusammenhang mit diesem Schreiben geht, wie freiwillig ihr Abgang ist, das wird wohl nicht herauszufinden sein.

Dass die meisten der übrigen Unterzeichner das als Fahnenflucht empfinden, von jemandem, der ihnen diese Suppe zuerst eingebrockt hat, ist offenkundig. Was dieses Verhalten mit weiblicher Solidarität, mit einer Kampfansage, mit dem Widerstand gegen angeblich unerträgliche Zustände zu tun hat, bleibt unerfindlich. Von vielen Eigenschaften, die Müller zuvorderst einfordert – bei anderen, natürlich –, ist hier weit und breit nichts zu sehen.

Fäulnis, nur für starke Nerven

Die angebliche Kämpferin für das Gute und Humane ist immer ein Beispiel, wie übel das werden kann.

Für Nebenwirkungen dieses Artikels lehne ich jede Verantwortung ab. Ich empfehle aber, ihn weder auf leeren Magen, noch bei der Nahrungsaufnahme zu lesen.

Adolf Muschg hat in seiner Reaktion auf das Geschrei und Gekeife, das sich anlässlich seiner Verwendung des Wortes «Auschwitz» erhob, einen ganz, ganz wichtigen Aspekt betont. Die Rechthaberei und fehlende Kommunikation von Blase zu Blase sei nicht mal das Schlimmste an der heutigen Diskussionskultur. Sondern die Unfähigkeit, Widersprüche als Grundlage jeder Existenz zu akzeptieren.

Das Unbedingte, das Totale, das Richtige, der Kampf gegen das Böse; wer sich selbst und die Welt so eindimensional sieht, ist gefährlich. Eine Gefahr für sich selbst und alle anderen. In diesem Sinn sind das Brüder und Schwestern im Geist des Totalitarismus.

Wie wäre es, wenn Figuren wie Jolanda Spiess-Hegglin, Hansi Voigt, Claudia Blumer und andere nicht einfach nur Maulhelden wären, sondern tatsächlich Macht besässen – nur schnelle Flucht möglichst weit weg wäre die Rettung.

Konkrete Beispiele: Kein Problem

Exemplifizieren wir das am Twitter-Account der Kämpferin gegen alle Diskriminierung, Unterdrückung, Missachtung der Würde der Frau und des Menschen. Natürlich, die Rede ist von der Erfinderin des netzpigcock, von der Einberuferin des Wettbewerbs «Arschloch des Monats», zu dem sie gleich einen Journalisten nominierte, der hundert Mal mehr Meriten hat als sie – aber es wagte, sie zu kritisieren. Natürlich, die Rede ist von der one and only Jolanda Spiess-Hegglin.

Schauen wir zunächst, wie JSH selbst mit einer weiblichen Kritikerin umgeht: Sie bezeichnet Michèle Binswanger als «Postergirl» des «Tages-Anzeiger». Nehmen wir mal an, dass die ungebildte und nicht von geschichtlichen Kenntnissen angekränkelte JSH nicht weiss, was ein «Postergirl» ist. Wenn sie aber dafür sogar innerhalb ihrer Twitter-Blase kritisiert wird, dann macht sie immer den gleichen Move wie beim «Arschloch des Monats»:

Tut Ihr Leid? Kein Stück.

Viel erschreckender ist sogar, wenn man die Tweets auf ihrem Account verfolgt. Man versteht, was Fäulnis wirklich bedeutet: Die unter Sauferstoffmangel ablaufende Zersetzung, unter Bildung eines unangenehmen Geruchs. Alle Masken, Nasenklammern auf, mindestens mit den Fingern die Nase zugehalten, tief Luft geholt, und dann durch:

«Keine Toleranz den Intoleranten.»; «@Tamedia mahnt allgemein die Pressefreiheit an, konnte aber in eigener Sache nur superprovisorisch von der nächsten besonders schweren Verletzung der Intimsphäre von @JolandaSpiess abgehalten werden. Und zeigt damit Medien-Gap zwischen berechtigtem Anspruch und Wirklichkeit auf.» (Hansi Voigt);  «was stört? Wenn sich eine offiziell Elastigirl nennt, darf sie von sonst niemandem so genannt werden?» (JSH);

«Seit wann ist «Halt Deine Scheissfresse» Hass? Hass ist das was der Glarner das ganze Jahr lang distilliert, nicht ein Kraftausdruck der das stoppen soll.»;

«Es macht die Sache sogar noch schlimmer, wenn der Hintergrund bekannt gewesen sein soll und dann trotzdem verheimlicht wurde.» –«Schwache Erklärungsversuch.postergirl mit so einem gesicht muss man erst mal schaffen!»

«Verrückt an diesem @tamedia-Fail ist doch, dass das @tagesanzeiger Postergirl und Aushängeschild auflagenstark ungeprüften & gefährlichen Chabis auftischt und @Megafon Reithalle Bern (sic!) bringt den Faktencheck in ein paar Sekunden hin.  Als ich den Artikel las,war mein erster Gedanke,warum schreibt @mbinswanger das? Sie bauscht einen Einzelfall derart auf, dass Leute verunsichert werden u spielt so den Massnahmegegnern in die Hände! Und jetzt das!! Einfach unglaublich! Sie hätte sich nur d FBSeite ansehen müssen!»

«Die Behauptung, das habe «absolut nichts mit dem Artikel zu tun» ist in diesem Fall doch kompletter Bullshit. Es macht die Sache sogar noch schlimmer, wenn der Hintergrund bekannt gewesen sein soll und dann trotzdem verheimlicht wurde.»

«Hat wohl kein eigenes Sexleben, drum muss er sich obsessiv mit dem (vermeintlichen) von Frau Hegglin beschäftigen…»

«Die ist doch beruflich schon lange erledigt, dachte ich. Häjänusode, jetzt ists vorbei. Ab zum Nebelspalter.»

«Da wird mir übelst schlecht #HaltDieFresseBlick».

Kurzer Lacher für zwischendurch.

Das könnte man à gogo fortsetzen. Aber wahrscheinlich ist es uns allen schon übel genug. Hier soll es nicht darum gehen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Abgesehen davon, dass das unterirdische Niveau jede ernsthafte Auseinandersetzung verbietet. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die lautesten Kläffer das unter dem Deckmantel der Anonymität tun. Nur Exponenten wie JSH oder Hansi Voigt, die eigentlich nichts mehr zu verlieren haben, twittern unter ihrem Namen.

 

Versuch der Erkundung leerer Schädel

Aber das Erschreckende ist: Die (wenigen) Kritiker werden ignoriert oder niedergemacht. Jeder Furz, der von irgend jemanden hineingepustet wird, dient sofort für neue, sich aufschaukelnde Erregung.

Wie kann man diese Hirnfinsternis zu verstehen versuchen? Da rülpst eine anonyme Quelle belegfrei hinein, dass die porträtierte Flugbegeleiterin Anhängerin der Vershwörungs-Sekte QAnon sei. Sofort wird das als Spitzenleistung des Recherchierjournalismus gefeiert, an dem sich Binswanger ein Beispiel nehmen könnte. Sofort wir das von anderen Kläffern hochgebellt. Selbst «Fairmedia» beteiligt sich – ruinös für den Ruf – an dieser Hetze.

Widersprüche, Debatte, Austausch von Argumenten, bei kritischen Fragen Vorweis von Belegen? Alle banalsten Grundlagen eines erkenntnisfördernden Diskurses? Nichts wäre weiter weg.

«Postergirl», «Arschloch des Monats», «canceln, jemand hat Babys in Pappkartons gesehen», sind diese menschenverachtenden, sich nicht zuletzt über real exsitiernden Kinderhandel lustig machenden Bemerkungen wirklich Ausdruck eines überlegenen Humanismus, im Kampf gegen Unmenschen, Hetzer, Rassisten?

Schlimmer noch (doch, das geht): wer dermassen unfähig ist, sich selbst zu reflektieren, Widersprüche zu akzeptieren, ohne Rechthaberei nach Wahrhaftigkeit zu suchen: ist das nicht der machtlose Bruder, die machtlose Schwester aller Totalitarismen, sei es der Kirche, der Ideologie? Hat deshalb der Begriff Auschwitz nicht seine völlige Berechtigung, weil wir nur froh sein können, dass all dieser Abschaum, der sich um Spiess-Hegglin tummelt, zwar sich selbst orgiastisch bespassen und bestätigen kann – aber glücklicherweise keinerlei reale Macht hat. Die über die Vernichtung von sozialen Existenzen oder den Versuch, eine unangenehm aufgefallen Journalistin fertigmachen zu wollen, hinausgeht.

 

 

Verschwörungstheoretiker gegen Binswanger

Michèle Binswanger von Tamedia hat sich im Dunstkreis von Jolanda Spiess-Hegglin unbeliebt gemacht. Da fliegt dann der Dreck tief.

Die juristische Auseinandersetzung darüber, ob es in der Schweiz wirklich möglich ist, ein erst geplantes Buch, dessen Inhalt nicht bekannt ist, präventiv verbieten zu lassen, ist noch nicht beendet. Ein ordentliches Gericht muss entscheiden, ob eine solche Massnahme Bestand haben kann.

Die beinhaltet, dass in einem Recherchewerk verschiedene, für die Zuger Affäre zentral wichtige Aspekte nicht geschildert werden dürfen. Aber solange das noch durch die Mühlen der Justiz getrieben wird, möchte man gerne jede Gelegenheit benützen, Binswanger eine reinzubrennen.

Verschärft wird das Bedürfnis noch dadurch, dass Binswanger als prominente Tamedia-Autorin das Protestschreiben der erregten Tamedia-Frauen nicht mitunterzeichnet hat, die sich über Sexismus, Diskriminierung und ein unerträgliches Arbeitsklima beschweren.

Jüngster Anlass: Binswanger hat eine Story über eine Flugbegleiterin veröffentlicht, deren Nase dauerhaft geschädigt ist. «Heute habe ich Panik vor jedem Test», wird sie zitiert, denn ihre Nasenscheidewand ist durch ständige Corona-Tests lädiert.

Ein unter Flugbegleitern bekanntes Problem. Während der normale Reisende in Corona-Zeiten eher selten fliegt und daher nicht ständig einen Tupfer in den Nasenrachenraum geschoben bekommt, ist das für die Crew natürlich anders.

Ein geradezu exemplarisch recherchierter und geschriebener Artikel

Binswanger baut die Story so auf, wie man es Anfängern als Beispiel vorführen könnte. Einstieg mit dem auslösenden Vorfall, dann Vorstellung der Betroffenen, die mit vollem Namen bereit ist, Zeugnis zu geben.

Dann zitiert Binswanger Aussagen von Fachleuten und eine Warnung der österreichischen Ärztekammer vor falschen «oder nicht idealen Abnahmetechniken». Auch einen Schweizer HNO-Facharzt, der ebenfalls Fälle aus seiner Praxis kennt und die Flugbegleiterin zu seinen Patienten zählt.

Hassobjekt: Michèle Binswanger.

Schliesslich kommt wieder die Betroffene zu Wort, die über die gesundheitlichen und psychischen Folgen dieser Erkrankung berichtet. Antriebslosigkeit, Müdigkeit, das Ausüben von Sportarten, die sie vorher liebte, ist nicht mehr möglich. Am schlimmsten: sie kann, mit Attest bestätigt, keine Maske mehr tragen. Das führt zu ständigen Anpöbeleien in der Öffentlichkeit, die laut eigenen Aussagen früher extrovertierte Frau geht kaum noch nach draussen.

Selbst einen Zwischenfall, als die Betroffene eine Freundin am Bahnhof abholte und sie von einem aggressiven Herrn angerempelt wurde, der sie anherrschte, sie solle sich sofort die Maske aufsetzen, liess sich Binswanger von Zeugen bestätigen.

Soweit also ein sauber recherchierter, nach allen Regeln der Kunst aufgebauter Artikel, an dessen Inhalt keinerlei Kritik möglich ist. Das finden natürlich Binswanger-Basher ziemlich blöd. Deshalb haben sie etwas gegraben und gewühlt und sind fündig geworden. Bei einem Beitrag auf den Social Media, den diese Flugbegleiterin letztes Jahr absetzte und in dem sie behauptet, auf Flügen dabei gewesen zu sein, bei denen unter Drogen gesetzte Kleinkinder oder Babys verschleppt worden seien.

Ein Post und seine Folgen

Das ist nun etwas speziell, keine Frage. Der Finder dieser Meldung hält sich noch leicht zurück und schlägt vor, die Flugbegleiterin solle sich in diesem Fall an die Kantonspolizei Zürich wenden. Aber wozu gibt es die alte Boulevardgurgel Hansi Voigt, der nach einem Erweckungserlebnis sich als tapferer Unterstützer von Spiess-Hegglin und allen Anliegen diskriminierter Frauen neu erfunden hat. Wenn er spricht, muss es aus seinem Mund stauben, so viel Kreide hat der gefressen.

Der zieht dann gleich gröber vom Leder:

«Quelle, die laut Tagi von maskenfanatischen Deutschen belästigt wird, hat Kinder in Kartons gefunden. Protipp: cancelt solche Kulturartikel.»

Laientipp: Es ist nie eine gute Nachricht, von Voigt unterstützt zu werden. Die «Quelle» die sogar einen Namen hat, wurde nachweislich von einem maskenfanatischen Deutschen belästigt.

Denn im Gegensatz zu Voigt checkt Binswanger so Sachen, bevor sie unbelegten Unsinn verzapft. Falsch ist hingegen, dass die «Quelle» Kinder in Kartons gefunden habe. Zusammenfassung: Voigt keift mit zwei Behauptungen los, beide falsch. Peinlich, aber da ist der Millionenverröster schamfrei. Unser Tipp: cancelt bajour, oder wenigstens Voigt.

Nachdem also genügend Verschwörungstheorie versprüht wurde, kommen dadurch benebelte weitere Twitterer aus ihren Löchern. Für @Megafon Reitschule Bern ist die Flugbegleiterin bereits «QAnon-Anhängerin». Das ist ein Beispiel dafür, was Twitter immer mehr in eine Jauchegrube verwandelt. Anonymes, unbewiesenes, dummes Gequatsche, das durch noch dümmeres getoppt wird.

Haben all diese Geiferer und Eiferer vielleicht mal nachgefragt?

Ob wohl einer dieser Rechercheriesen, die Binswanger handwerkliche Fehler unterstellen, sich die Mühe gemacht hat, mit Sara Macy direkt Kontakt aufzunehmen? Vielleicht könnte sie ja etwas zum Thema beitragen. Aber wieso denn, es zeichnet Verschwörungsidioten ja gerade aus, dass sie keine Gefahr laufen möchten, durch die Realität in ihrem Wahn widerlegt zu werden.

ZACKBUM hat das getan, was all diese Kläffer unterliessen. Die Betroffene gebeten, Stellung zu nehmen. Dass sie Anhängerin von QAnon sein soll, dementiert sie energisch. Und zu ihrem Tweet sagt sie:

«Ich habe eine Ausbildung, was Human Trafficking (mit Ausbildner, welche alle selber trafficked wurden) anbelangt, und habe schon in der ganze Welt mit eigenen Augen gesehen, wie Kinder prostituiert werden und mit Organisationen gearbeitet, welche die Kinder befreien und danach für sie sorgen. Die Kinder haben mir persönlich ihre Storys erzählt, was sie alles durchmachen mussten. Nichts Lustiges und definitiv nicht etwas, um damit einen Trend auf Twitter zu machen!»

Dem könnte man nachgehen, das könnte man zum Ausgangspunkt einer Story machen. Das so etwas existiert, ist unbestreitbar. Ich selbst habe schon Reportagen darüber gemacht, in Zentralamerika. Aber diese Flachpfeifen von Voigt abwärts haben schon längst vergessen, was Journalismus ist. Wenn sie es überhaupt jemals wussten.

Immerhin haben sie es geschafft, eine kranke Frau noch mehr einzuschüchtern. Sich dabei über etwas vom Widerlichsten, was es gibt – Kinderhandel – lustig zu machen. Bravo, das ist mal wieder echter Humanismus, Solidarität und Menschlichkeit, die diese Fanatiker nachleben wollen – und deren Fehlen sie anderen so lautstark vorwerfen. Unappetitliche, unfähige Heuchler, die sie sind.

Mythos «Dickpic»

Wir müssen uns eines sehr unappetitlichen Themas widmen. Das ist bei Jolanda Spiess-Hegglin unvermeidlich.

Vielleicht wissen das viele Leser, Leserinnen und alles Diverse dazwischen nicht. Aber es geht in der Schweiz eine widerliche Unsitte um. Ein unerträglicher Ausdruck dieser sexistischen, männerbeherrschten, frauenfeindlichen Gesellschaft, in der wir hier und heute leben.

Täter sind, das ist hier naturgegeben, ausschliesslich Männer. Opfer sind fast ausschliesslich Frauen, es könnten aber auch Männer darunter sein. Aber das sollen die unter sich ausmachen. Hier geht es immerhin um die Mehrheit in unserer Gesellschaft. Die leidet.

Unter uns Männern. Also unter mir nicht, aber ich muss hier ein Zeichen setzen. Ich muss mich distanzieren. Solidarisieren. Ich kann nicht länger schweigen. Denn es gibt ein Thema, das noch wichtiger ist als der Rahmenvertrag. Noch bedeutender als der Klimawandel.

Männer sind Heuchler, Frauen Opfer

Mit Abscheu tippe ich dieses Wort hin: Dickpics. Nein, Ihr heuchlerischen, lesenden Männer: tut nicht so, als ob ihr das nicht kennt. Das kann nicht sein. Denn schon die Hälfte aller Frauen in der Schweiz hätten so ein Dickpic erhalten. Darunter versteht man die unaufgeforderte Zusendung eines Fotos des männlichen Geschlechts.

Genau, das, was der Stadtammann von Baden gerne von seinen Amtsräumen verschickte. Die Hälfte aller Frauen? Ach was, das Recherchierorgan «zentralplus» ist, nun ja, tiefer in das Thema eingedrungen.

Isabelle Dahinden, die laut Selbstauskunft «Vorurteile bekämpfen möchte, mit Klischees brechen. Minderheiten & Schwachen eine Stimme geben», hat auch mit diesem Vorurteil gebrochen. Denn die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer:

«Dickpics waren bei vielen Mädelsabenden schon Thema. Wohl jede Frau hat schon einmal ein Dickpic – ein Bild eines Penis – bekommen, ohne dass sie danach gefragt hätte. Manche könnten schon ganze Alben damit füllen. Das irritiert, lähmt, hemmt – und löst auch Ekel aus.»

Allerdings. Nicht zuletzt deswegen, weil es noch in der Bildlegende zum Artikel heisst: «Studien zufolge hat fast jede zweite Frau schon einmal ein Dickpic bekommen.» Nun klafft doch zwischen «fast die Hälfte» und «wohl jede Frau» ein Abgrund, den nicht mal das längste Glied zu überspannen vermöchte, wenn ich das so formulieren darf.

Eine umrepräsentative Umfrage

Aber wie auch immer, das ist natürlich eine Sauerei. Allerdings: eine völlig unrepräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat ergeben: kein einziger Mann hat gestanden, schon mal ein Foto seines Gemächts ungefragt verschickt zu haben (angefragt wurde auch keiner). Nun wissen wir ja, dass Männer lügen. Aber auch alle befragten Frauen haben bestätigt, dass ihnen der Anblick eines unverlangt zugestellten Penis-Bildes noch nie den Tag versaut hat.

Aber das muss dann einfach die andere Hälfte gewesen sein. Auf jeden Fall hat die Kämpferin gegen Hassreden im Internet (ja, die gleiche, die einen Wettbewerb um «das Arschloch des Monats» ausrief und gleich auch ihren Lieblingskandidaten bekannt gab), also die nicht ganz widerspruchsfreie Jolanda Spiess-Hegglin hat die Webseite «netzpickcock.ch» gebastelt. Dabei handle es sich um «einen Service vom Verein «#Netzcourage».

Der Service besteht darin, dass diese Webseite einen Anzeigengenerator enthält, mit dem von diesem üblen Männerbrauch betroffene Frauen «innert 60 Sekunden» eine Anzeige herstellen können. Sogar das Porto fürs Einreichen wird grosszügig übernommen. Es braucht nur die Tatwaffe, Angaben zum Besitzer, und ab geht die Strafanzeige.

Unter dem Kleingedruckten im Impressum findet man allerdings diesen Satz:

«Ebenso lehnt sie (#netzcourage, R.Z.) jede Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich durch die Benutzung von netzpigcock.ch ergeben, ab

Verantwortungslose Bombe gezündet …

Das ist ein wohl nicht unnötiger Hinweis, denn auch Falschbeschuldigung ist strafbar. Aber reden wir von den Erfolgen: «Das Tool schlug ein wie eine Bombe. Erst einen Monat im Einsatz, wurden bereits 1178 Anzeigen generiert, wie Spiess-Hegglin auf Anfrage sagt.»

Und zentralplus exklusiv vermelden darf. Wir wollen den Freudentaumel ja nicht mutwillig in Frage stellen; aber rund 1200 Anzeigen nach 30 Tagen? Also rund 40 am Tag? Laut neusten erhältlichen Zahlen leben 4,25 Millionen Frauen in der Schweiz. Und 4,17 Millionen Männer.

Wenn nun bereits jede Frau so eine Schweinerei zugeschickt bekam, muss es offensichtlich unter den Männern Mehrfachtäter geben. Hat nur die Hälfte aller Frauen, da ist die weibliche Wissenschaft noch unsicher, so einen Schweinskram erhalten, dann wären das immer noch mehr als 2 Millionen Betroffene.

Wie man angesichts dieser Zahl behaupten kann, gekleckerte 40 Anzeigen am Tag sei der Beweis, dass das Tool richtig eingeschlagen habe, zeigt die Abgründe zwischen männlicher und weiblicher Logik, die ebenfalls nicht vom längsten …, aber das sagten wir schon.

Wie häufig ist dieses Phänomen nun in der Realität?

Anstatt ein Denunziationstool ins Netz zu stellen, für seine Benützung jede Verantwortung abzulehnen, wäre es doch eine gute Idee, die Häufigkeit dieses Phänomens mal ernsthaft zu eruieren. Denn offensichtlich haben weder alle, noch die Hälfte aller Frauen schon mal unverlangt ein Penisbild zugeschickt erhalten.

Aber das ist natürlich nur eine sexistische, diskriminierende, frauenfeindliche, rechthaberische Ansicht eines unbelehrbaren Machos. Der tatsächlich noch nie im Leben ein solches Foto verschickt hat, ja seines Wissens nicht mal so eins knipste. Aber das salviert ihn natürlich nicht.