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Abgang eines Gender-Sternchens

Das trifft uns: Salome Müller hat bei Tamedia gekündigt. Ist sie Opfer?

Via persoenlich.com teilte die Redaktorin des «Tages-Anzeigers» mit, dass sie per Ende Juli ihre Kündigung eingereicht habe.

Müller wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, weil sie die Mitinitiatorin eines Protestschreibens ist, in dem sich anfänglich 78 Mitarbeiterinnen von Tamedia über unerträgliche Arbeitsbedingungen beklagten. Frauen würden sexistisch behandelt, diskriminiert, seien dummen Anmachsprüchen ausgesetzt, würden durch diese Atmosphäre demotiviert.

Liebe Leserinnen* ist vorbei.

Am 1. Mai war das Ultimatum abgelaufen, das im Brief gesetzt worden war. Bis zu diesem Zeitpunkt wollten die Unterzeichner eine Antwort auf ihre Forderungen bekommen. Offensichtlich ist aber bislang nichts passiert. «Der Brief hat viel Gutes ausgelöst – wir fühlen uns gehört und ernstgenommen. Bei meiner Kündigung spielte der Brief keine Rolle», behauptet Salome Müller.

Das wagen wir zu bezweifeln. Der Brief hat bislang überhaupt nichts ausgelöst. Im Gegenteil, weil er von rund 60 anonymisierten Vorwürfen begleitet war, kündigte Tamedia zuerst eine interne, dann eine externe Untersuchung dieser angeblichen Vorfälle an.

Statt intern öffentlich meckern

Weil das eigentlich für den internen Gebrauch gedachte Schreiben via Jolanda Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gebracht wurde, erhob sich schnell einmal die Frage, ob sich damit zumindest die beiden Initiantinnen arbeitsrechtliche Probleme eingehandelt haben könnten. Denn dafür, dass der Arbeitnehmer auf der Payroll steht, hat er nicht nur die Verpflichtung, gewisse Leistungen zu erbringen, sondern auch sich an ein paar Regeln dem Arbeitgeber gegenüber zu halten. Ihn öffentlich und ohne jeden Beleg übel zu beschimpfen, das gehört nicht dazu.

Nachdem sich Müller, zusammen mit ihrer Kollegin Aleksandra Hiltmann, kurzeitigen Ruhm bis hin zu einem Auftritt in «10 vor 10» verschafft hatte, aber danach abtauchte, auf keine Anfrage reagierte, mehren sich die kritischen Stimmen, welchen Zweck eigentlich diese ganze Aktion gehabt habe.

Insbesondere löste Stirnrunzeln aus, dass von den Protagonisten dieses Protests behauptet wurde, dass sie ein in der ganzen Medienbranche vorhandenes Malaise ansprechen würden. Nur, bei keinem anderen Verlag kam es zu ähnlichen Protesten.

Alle Unterzeichner weigerten sich ebenfalls, auf höflich formulierte Fragenkataloge zu antworten, was nun doch etwas schwach ist. Die zuerst mit der Untersuchung beauftragte Mitunterzeichnerin Claudia Blumer sagte sogar, dass sie persönlich niemals solche Vorfälle erlebt habe, mehr aus Solidarität unterzeichnete.

Geschmäckle, Hautgout, Es stinkt einfach

All das gibt der ganzen Aktion einen zunehmenden Hautgout. Mitarbeiterinnen damit ködern, dass sie ein internes Protestschreiben, gerichtet an die Geschäftsleitung, unterzeichnen würden. Das fast gleichzeitig an die Medien eingespeist wurde, zudem mit einem nicht gerade vertrauenserweckenden Absender.

Offensichtlich wurden viele der Unterzeichner nicht einmal gefragt, ob sie damit einverstanden seien. Dann holten sich Hiltmann und Müller ihre 15 Sekunden Ruhm ab, verstummten aber anschliessend völlig. Ob Müller tatsächlich ohne Zusammenhang mit diesem Schreiben geht, wie freiwillig ihr Abgang ist, das wird wohl nicht herauszufinden sein.

Dass die meisten der übrigen Unterzeichner das als Fahnenflucht empfinden, von jemandem, der ihnen diese Suppe zuerst eingebrockt hat, ist offenkundig. Was dieses Verhalten mit weiblicher Solidarität, mit einer Kampfansage, mit dem Widerstand gegen angeblich unerträgliche Zustände zu tun hat, bleibt unerfindlich. Von vielen Eigenschaften, die Müller zuvorderst einfordert – bei anderen, natürlich –, ist hier weit und breit nichts zu sehen.

Fäulnis, nur für starke Nerven

Die angebliche Kämpferin für das Gute und Humane ist immer ein Beispiel, wie übel das werden kann.

Für Nebenwirkungen dieses Artikels lehne ich jede Verantwortung ab. Ich empfehle aber, ihn weder auf leeren Magen, noch bei der Nahrungsaufnahme zu lesen.

Adolf Muschg hat in seiner Reaktion auf das Geschrei und Gekeife, das sich anlässlich seiner Verwendung des Wortes «Auschwitz» erhob, einen ganz, ganz wichtigen Aspekt betont. Die Rechthaberei und fehlende Kommunikation von Blase zu Blase sei nicht mal das Schlimmste an der heutigen Diskussionskultur. Sondern die Unfähigkeit, Widersprüche als Grundlage jeder Existenz zu akzeptieren.

Das Unbedingte, das Totale, das Richtige, der Kampf gegen das Böse; wer sich selbst und die Welt so eindimensional sieht, ist gefährlich. Eine Gefahr für sich selbst und alle anderen. In diesem Sinn sind das Brüder und Schwestern im Geist des Totalitarismus.

Wie wäre es, wenn Figuren wie Jolanda Spiess-Hegglin, Hansi Voigt, Claudia Blumer und andere nicht einfach nur Maulhelden wären, sondern tatsächlich Macht besässen – nur schnelle Flucht möglichst weit weg wäre die Rettung.

Konkrete Beispiele: Kein Problem

Exemplifizieren wir das am Twitter-Account der Kämpferin gegen alle Diskriminierung, Unterdrückung, Missachtung der Würde der Frau und des Menschen. Natürlich, die Rede ist von der Erfinderin des netzpigcock, von der Einberuferin des Wettbewerbs «Arschloch des Monats», zu dem sie gleich einen Journalisten nominierte, der hundert Mal mehr Meriten hat als sie – aber es wagte, sie zu kritisieren. Natürlich, die Rede ist von der one and only Jolanda Spiess-Hegglin.

Schauen wir zunächst, wie JSH selbst mit einer weiblichen Kritikerin umgeht: Sie bezeichnet Michèle Binswanger als «Postergirl» des «Tages-Anzeiger». Nehmen wir mal an, dass die ungebildte und nicht von geschichtlichen Kenntnissen angekränkelte JSH nicht weiss, was ein «Postergirl» ist. Wenn sie aber dafür sogar innerhalb ihrer Twitter-Blase kritisiert wird, dann macht sie immer den gleichen Move wie beim «Arschloch des Monats»:

Tut Ihr Leid? Kein Stück.

Viel erschreckender ist sogar, wenn man die Tweets auf ihrem Account verfolgt. Man versteht, was Fäulnis wirklich bedeutet: Die unter Sauferstoffmangel ablaufende Zersetzung, unter Bildung eines unangenehmen Geruchs. Alle Masken, Nasenklammern auf, mindestens mit den Fingern die Nase zugehalten, tief Luft geholt, und dann durch:

«Keine Toleranz den Intoleranten.»; «@Tamedia mahnt allgemein die Pressefreiheit an, konnte aber in eigener Sache nur superprovisorisch von der nächsten besonders schweren Verletzung der Intimsphäre von @JolandaSpiess abgehalten werden. Und zeigt damit Medien-Gap zwischen berechtigtem Anspruch und Wirklichkeit auf.» (Hansi Voigt);  «was stört? Wenn sich eine offiziell Elastigirl nennt, darf sie von sonst niemandem so genannt werden?» (JSH);

«Seit wann ist «Halt Deine Scheissfresse» Hass? Hass ist das was der Glarner das ganze Jahr lang distilliert, nicht ein Kraftausdruck der das stoppen soll.»;

«Es macht die Sache sogar noch schlimmer, wenn der Hintergrund bekannt gewesen sein soll und dann trotzdem verheimlicht wurde.» –«Schwache Erklärungsversuch.postergirl mit so einem gesicht muss man erst mal schaffen!»

«Verrückt an diesem @tamedia-Fail ist doch, dass das @tagesanzeiger Postergirl und Aushängeschild auflagenstark ungeprüften & gefährlichen Chabis auftischt und @Megafon Reithalle Bern (sic!) bringt den Faktencheck in ein paar Sekunden hin.  Als ich den Artikel las,war mein erster Gedanke,warum schreibt @mbinswanger das? Sie bauscht einen Einzelfall derart auf, dass Leute verunsichert werden u spielt so den Massnahmegegnern in die Hände! Und jetzt das!! Einfach unglaublich! Sie hätte sich nur d FBSeite ansehen müssen!»

«Die Behauptung, das habe «absolut nichts mit dem Artikel zu tun» ist in diesem Fall doch kompletter Bullshit. Es macht die Sache sogar noch schlimmer, wenn der Hintergrund bekannt gewesen sein soll und dann trotzdem verheimlicht wurde.»

«Hat wohl kein eigenes Sexleben, drum muss er sich obsessiv mit dem (vermeintlichen) von Frau Hegglin beschäftigen…»

«Die ist doch beruflich schon lange erledigt, dachte ich. Häjänusode, jetzt ists vorbei. Ab zum Nebelspalter.»

«Da wird mir übelst schlecht #HaltDieFresseBlick».

Kurzer Lacher für zwischendurch.

Das könnte man à gogo fortsetzen. Aber wahrscheinlich ist es uns allen schon übel genug. Hier soll es nicht darum gehen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Abgesehen davon, dass das unterirdische Niveau jede ernsthafte Auseinandersetzung verbietet. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die lautesten Kläffer das unter dem Deckmantel der Anonymität tun. Nur Exponenten wie JSH oder Hansi Voigt, die eigentlich nichts mehr zu verlieren haben, twittern unter ihrem Namen.

 

Versuch der Erkundung leerer Schädel

Aber das Erschreckende ist: Die (wenigen) Kritiker werden ignoriert oder niedergemacht. Jeder Furz, der von irgend jemanden hineingepustet wird, dient sofort für neue, sich aufschaukelnde Erregung.

Wie kann man diese Hirnfinsternis zu verstehen versuchen? Da rülpst eine anonyme Quelle belegfrei hinein, dass die porträtierte Flugbegeleiterin Anhängerin der Vershwörungs-Sekte QAnon sei. Sofort wird das als Spitzenleistung des Recherchierjournalismus gefeiert, an dem sich Binswanger ein Beispiel nehmen könnte. Sofort wir das von anderen Kläffern hochgebellt. Selbst «Fairmedia» beteiligt sich – ruinös für den Ruf – an dieser Hetze.

Widersprüche, Debatte, Austausch von Argumenten, bei kritischen Fragen Vorweis von Belegen? Alle banalsten Grundlagen eines erkenntnisfördernden Diskurses? Nichts wäre weiter weg.

«Postergirl», «Arschloch des Monats», «canceln, jemand hat Babys in Pappkartons gesehen», sind diese menschenverachtenden, sich nicht zuletzt über real exsitiernden Kinderhandel lustig machenden Bemerkungen wirklich Ausdruck eines überlegenen Humanismus, im Kampf gegen Unmenschen, Hetzer, Rassisten?

Schlimmer noch (doch, das geht): wer dermassen unfähig ist, sich selbst zu reflektieren, Widersprüche zu akzeptieren, ohne Rechthaberei nach Wahrhaftigkeit zu suchen: ist das nicht der machtlose Bruder, die machtlose Schwester aller Totalitarismen, sei es der Kirche, der Ideologie? Hat deshalb der Begriff Auschwitz nicht seine völlige Berechtigung, weil wir nur froh sein können, dass all dieser Abschaum, der sich um Spiess-Hegglin tummelt, zwar sich selbst orgiastisch bespassen und bestätigen kann – aber glücklicherweise keinerlei reale Macht hat. Die über die Vernichtung von sozialen Existenzen oder den Versuch, eine unangenehm aufgefallen Journalistin fertigmachen zu wollen, hinausgeht.

 

 

Verschwörungstheoretiker gegen Binswanger

Michèle Binswanger von Tamedia hat sich im Dunstkreis von Jolanda Spiess-Hegglin unbeliebt gemacht. Da fliegt dann der Dreck tief.

Die juristische Auseinandersetzung darüber, ob es in der Schweiz wirklich möglich ist, ein erst geplantes Buch, dessen Inhalt nicht bekannt ist, präventiv verbieten zu lassen, ist noch nicht beendet. Ein ordentliches Gericht muss entscheiden, ob eine solche Massnahme Bestand haben kann.

Die beinhaltet, dass in einem Recherchewerk verschiedene, für die Zuger Affäre zentral wichtige Aspekte nicht geschildert werden dürfen. Aber solange das noch durch die Mühlen der Justiz getrieben wird, möchte man gerne jede Gelegenheit benützen, Binswanger eine reinzubrennen.

Verschärft wird das Bedürfnis noch dadurch, dass Binswanger als prominente Tamedia-Autorin das Protestschreiben der erregten Tamedia-Frauen nicht mitunterzeichnet hat, die sich über Sexismus, Diskriminierung und ein unerträgliches Arbeitsklima beschweren.

Jüngster Anlass: Binswanger hat eine Story über eine Flugbegleiterin veröffentlicht, deren Nase dauerhaft geschädigt ist. «Heute habe ich Panik vor jedem Test», wird sie zitiert, denn ihre Nasenscheidewand ist durch ständige Corona-Tests lädiert.

Ein unter Flugbegleitern bekanntes Problem. Während der normale Reisende in Corona-Zeiten eher selten fliegt und daher nicht ständig einen Tupfer in den Nasenrachenraum geschoben bekommt, ist das für die Crew natürlich anders.

Ein geradezu exemplarisch recherchierter und geschriebener Artikel

Binswanger baut die Story so auf, wie man es Anfängern als Beispiel vorführen könnte. Einstieg mit dem auslösenden Vorfall, dann Vorstellung der Betroffenen, die mit vollem Namen bereit ist, Zeugnis zu geben.

Dann zitiert Binswanger Aussagen von Fachleuten und eine Warnung der österreichischen Ärztekammer vor falschen «oder nicht idealen Abnahmetechniken». Auch einen Schweizer HNO-Facharzt, der ebenfalls Fälle aus seiner Praxis kennt und die Flugbegleiterin zu seinen Patienten zählt.

Hassobjekt: Michèle Binswanger.

Schliesslich kommt wieder die Betroffene zu Wort, die über die gesundheitlichen und psychischen Folgen dieser Erkrankung berichtet. Antriebslosigkeit, Müdigkeit, das Ausüben von Sportarten, die sie vorher liebte, ist nicht mehr möglich. Am schlimmsten: sie kann, mit Attest bestätigt, keine Maske mehr tragen. Das führt zu ständigen Anpöbeleien in der Öffentlichkeit, die laut eigenen Aussagen früher extrovertierte Frau geht kaum noch nach draussen.

Selbst einen Zwischenfall, als die Betroffene eine Freundin am Bahnhof abholte und sie von einem aggressiven Herrn angerempelt wurde, der sie anherrschte, sie solle sich sofort die Maske aufsetzen, liess sich Binswanger von Zeugen bestätigen.

Soweit also ein sauber recherchierter, nach allen Regeln der Kunst aufgebauter Artikel, an dessen Inhalt keinerlei Kritik möglich ist. Das finden natürlich Binswanger-Basher ziemlich blöd. Deshalb haben sie etwas gegraben und gewühlt und sind fündig geworden. Bei einem Beitrag auf den Social Media, den diese Flugbegleiterin letztes Jahr absetzte und in dem sie behauptet, auf Flügen dabei gewesen zu sein, bei denen unter Drogen gesetzte Kleinkinder oder Babys verschleppt worden seien.

Ein Post und seine Folgen

Das ist nun etwas speziell, keine Frage. Der Finder dieser Meldung hält sich noch leicht zurück und schlägt vor, die Flugbegleiterin solle sich in diesem Fall an die Kantonspolizei Zürich wenden. Aber wozu gibt es die alte Boulevardgurgel Hansi Voigt, der nach einem Erweckungserlebnis sich als tapferer Unterstützer von Spiess-Hegglin und allen Anliegen diskriminierter Frauen neu erfunden hat. Wenn er spricht, muss es aus seinem Mund stauben, so viel Kreide hat der gefressen.

Der zieht dann gleich gröber vom Leder:

«Quelle, die laut Tagi von maskenfanatischen Deutschen belästigt wird, hat Kinder in Kartons gefunden. Protipp: cancelt solche Kulturartikel.»

Laientipp: Es ist nie eine gute Nachricht, von Voigt unterstützt zu werden. Die «Quelle» die sogar einen Namen hat, wurde nachweislich von einem maskenfanatischen Deutschen belästigt.

Denn im Gegensatz zu Voigt checkt Binswanger so Sachen, bevor sie unbelegten Unsinn verzapft. Falsch ist hingegen, dass die «Quelle» Kinder in Kartons gefunden habe. Zusammenfassung: Voigt keift mit zwei Behauptungen los, beide falsch. Peinlich, aber da ist der Millionenverröster schamfrei. Unser Tipp: cancelt bajour, oder wenigstens Voigt.

Nachdem also genügend Verschwörungstheorie versprüht wurde, kommen dadurch benebelte weitere Twitterer aus ihren Löchern. Für @Megafon Reitschule Bern ist die Flugbegleiterin bereits «QAnon-Anhängerin». Das ist ein Beispiel dafür, was Twitter immer mehr in eine Jauchegrube verwandelt. Anonymes, unbewiesenes, dummes Gequatsche, das durch noch dümmeres getoppt wird.

Haben all diese Geiferer und Eiferer vielleicht mal nachgefragt?

Ob wohl einer dieser Rechercheriesen, die Binswanger handwerkliche Fehler unterstellen, sich die Mühe gemacht hat, mit Sara Macy direkt Kontakt aufzunehmen? Vielleicht könnte sie ja etwas zum Thema beitragen. Aber wieso denn, es zeichnet Verschwörungsidioten ja gerade aus, dass sie keine Gefahr laufen möchten, durch die Realität in ihrem Wahn widerlegt zu werden.

ZACKBUM hat das getan, was all diese Kläffer unterliessen. Die Betroffene gebeten, Stellung zu nehmen. Dass sie Anhängerin von QAnon sein soll, dementiert sie energisch. Und zu ihrem Tweet sagt sie:

«Ich habe eine Ausbildung, was Human Trafficking (mit Ausbildner, welche alle selber trafficked wurden) anbelangt, und habe schon in der ganze Welt mit eigenen Augen gesehen, wie Kinder prostituiert werden und mit Organisationen gearbeitet, welche die Kinder befreien und danach für sie sorgen. Die Kinder haben mir persönlich ihre Storys erzählt, was sie alles durchmachen mussten. Nichts Lustiges und definitiv nicht etwas, um damit einen Trend auf Twitter zu machen!»

Dem könnte man nachgehen, das könnte man zum Ausgangspunkt einer Story machen. Das so etwas existiert, ist unbestreitbar. Ich selbst habe schon Reportagen darüber gemacht, in Zentralamerika. Aber diese Flachpfeifen von Voigt abwärts haben schon längst vergessen, was Journalismus ist. Wenn sie es überhaupt jemals wussten.

Immerhin haben sie es geschafft, eine kranke Frau noch mehr einzuschüchtern. Sich dabei über etwas vom Widerlichsten, was es gibt – Kinderhandel – lustig zu machen. Bravo, das ist mal wieder echter Humanismus, Solidarität und Menschlichkeit, die diese Fanatiker nachleben wollen – und deren Fehlen sie anderen so lautstark vorwerfen. Unappetitliche, unfähige Heuchler, die sie sind.

Mythos «Dickpic»

Wir müssen uns eines sehr unappetitlichen Themas widmen. Das ist bei Jolanda Spiess-Hegglin unvermeidlich.

Vielleicht wissen das viele Leser, Leserinnen und alles Diverse dazwischen nicht. Aber es geht in der Schweiz eine widerliche Unsitte um. Ein unerträglicher Ausdruck dieser sexistischen, männerbeherrschten, frauenfeindlichen Gesellschaft, in der wir hier und heute leben.

Täter sind, das ist hier naturgegeben, ausschliesslich Männer. Opfer sind fast ausschliesslich Frauen, es könnten aber auch Männer darunter sein. Aber das sollen die unter sich ausmachen. Hier geht es immerhin um die Mehrheit in unserer Gesellschaft. Die leidet.

Unter uns Männern. Also unter mir nicht, aber ich muss hier ein Zeichen setzen. Ich muss mich distanzieren. Solidarisieren. Ich kann nicht länger schweigen. Denn es gibt ein Thema, das noch wichtiger ist als der Rahmenvertrag. Noch bedeutender als der Klimawandel.

Männer sind Heuchler, Frauen Opfer

Mit Abscheu tippe ich dieses Wort hin: Dickpics. Nein, Ihr heuchlerischen, lesenden Männer: tut nicht so, als ob ihr das nicht kennt. Das kann nicht sein. Denn schon die Hälfte aller Frauen in der Schweiz hätten so ein Dickpic erhalten. Darunter versteht man die unaufgeforderte Zusendung eines Fotos des männlichen Geschlechts.

Genau, das, was der Stadtammann von Baden gerne von seinen Amtsräumen verschickte. Die Hälfte aller Frauen? Ach was, das Recherchierorgan «zentralplus» ist, nun ja, tiefer in das Thema eingedrungen.

Isabelle Dahinden, die laut Selbstauskunft «Vorurteile bekämpfen möchte, mit Klischees brechen. Minderheiten & Schwachen eine Stimme geben», hat auch mit diesem Vorurteil gebrochen. Denn die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer:

«Dickpics waren bei vielen Mädelsabenden schon Thema. Wohl jede Frau hat schon einmal ein Dickpic – ein Bild eines Penis – bekommen, ohne dass sie danach gefragt hätte. Manche könnten schon ganze Alben damit füllen. Das irritiert, lähmt, hemmt – und löst auch Ekel aus.»

Allerdings. Nicht zuletzt deswegen, weil es noch in der Bildlegende zum Artikel heisst: «Studien zufolge hat fast jede zweite Frau schon einmal ein Dickpic bekommen.» Nun klafft doch zwischen «fast die Hälfte» und «wohl jede Frau» ein Abgrund, den nicht mal das längste Glied zu überspannen vermöchte, wenn ich das so formulieren darf.

Eine umrepräsentative Umfrage

Aber wie auch immer, das ist natürlich eine Sauerei. Allerdings: eine völlig unrepräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat ergeben: kein einziger Mann hat gestanden, schon mal ein Foto seines Gemächts ungefragt verschickt zu haben (angefragt wurde auch keiner). Nun wissen wir ja, dass Männer lügen. Aber auch alle befragten Frauen haben bestätigt, dass ihnen der Anblick eines unverlangt zugestellten Penis-Bildes noch nie den Tag versaut hat.

Aber das muss dann einfach die andere Hälfte gewesen sein. Auf jeden Fall hat die Kämpferin gegen Hassreden im Internet (ja, die gleiche, die einen Wettbewerb um «das Arschloch des Monats» ausrief und gleich auch ihren Lieblingskandidaten bekannt gab), also die nicht ganz widerspruchsfreie Jolanda Spiess-Hegglin hat die Webseite «netzpickcock.ch» gebastelt. Dabei handle es sich um «einen Service vom Verein «#Netzcourage».

Der Service besteht darin, dass diese Webseite einen Anzeigengenerator enthält, mit dem von diesem üblen Männerbrauch betroffene Frauen «innert 60 Sekunden» eine Anzeige herstellen können. Sogar das Porto fürs Einreichen wird grosszügig übernommen. Es braucht nur die Tatwaffe, Angaben zum Besitzer, und ab geht die Strafanzeige.

Unter dem Kleingedruckten im Impressum findet man allerdings diesen Satz:

«Ebenso lehnt sie (#netzcourage, R.Z.) jede Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich durch die Benutzung von netzpigcock.ch ergeben, ab

Verantwortungslose Bombe gezündet …

Das ist ein wohl nicht unnötiger Hinweis, denn auch Falschbeschuldigung ist strafbar. Aber reden wir von den Erfolgen: «Das Tool schlug ein wie eine Bombe. Erst einen Monat im Einsatz, wurden bereits 1178 Anzeigen generiert, wie Spiess-Hegglin auf Anfrage sagt.»

Und zentralplus exklusiv vermelden darf. Wir wollen den Freudentaumel ja nicht mutwillig in Frage stellen; aber rund 1200 Anzeigen nach 30 Tagen? Also rund 40 am Tag? Laut neusten erhältlichen Zahlen leben 4,25 Millionen Frauen in der Schweiz. Und 4,17 Millionen Männer.

Wenn nun bereits jede Frau so eine Schweinerei zugeschickt bekam, muss es offensichtlich unter den Männern Mehrfachtäter geben. Hat nur die Hälfte aller Frauen, da ist die weibliche Wissenschaft noch unsicher, so einen Schweinskram erhalten, dann wären das immer noch mehr als 2 Millionen Betroffene.

Wie man angesichts dieser Zahl behaupten kann, gekleckerte 40 Anzeigen am Tag sei der Beweis, dass das Tool richtig eingeschlagen habe, zeigt die Abgründe zwischen männlicher und weiblicher Logik, die ebenfalls nicht vom längsten …, aber das sagten wir schon.

Wie häufig ist dieses Phänomen nun in der Realität?

Anstatt ein Denunziationstool ins Netz zu stellen, für seine Benützung jede Verantwortung abzulehnen, wäre es doch eine gute Idee, die Häufigkeit dieses Phänomens mal ernsthaft zu eruieren. Denn offensichtlich haben weder alle, noch die Hälfte aller Frauen schon mal unverlangt ein Penisbild zugeschickt erhalten.

Aber das ist natürlich nur eine sexistische, diskriminierende, frauenfeindliche, rechthaberische Ansicht eines unbelehrbaren Machos. Der tatsächlich noch nie im Leben ein solches Foto verschickt hat, ja seines Wissens nicht mal so eins knipste. Aber das salviert ihn natürlich nicht.

 

 

Selbstverliebte Rächerin

Jolanda Spiess-Hegglin opfert sich auf im Kampf gegen Hetze und Hass. Warum geht diese Strategie nicht auf? 

Von Adrian Venetz

Vorausgeschickt sei: Ich kenne Jolanda Spiess-Hegglin nicht und hatte noch nie Kontakt zu ihr oder ihrem Umfeld. Ich weiss nicht, was vor, während und nach der Landammannfeier in Zug gelaufen ist und es interessiert mich auch nicht. Ich kenne weder ihre Freunde noch ihre Feinde. Kurz: Die Frau hat mir nichts Böses getan. Und dennoch ärgere ich mich oft, wenn in den Medien von ihr zu lesen ist. Warum ist das so?

Der «Blick» und im Nachgang andere Medien hatten sich damals sensationsgierig auf den Fall gestürzt. Dass sich Spiess-Hegglin dagegen zur Wehr setzte: völlig legitim und verständlich – ungeachtet dessen, was an diesem Abend vorgefallen war. Dass sie es sich danach zur Aufgabe gemacht hat, gegen Hass und Hetze in den Medien und im Internet zu kämpfen: ebenfalls völlig legitim und verständlich, lobenswert sogar. Nun aber, gut sechs Jahre später, müssen doch einige kritische Fragen zu ihrem Wirken und ihren Äusserungen erlaubt sein.

Opfer traumatischer Vorfälle

Der Grund, weshalb ich mich entschieden habe, an dieser Stelle eine Kritik zu äussern, ist ein kürzlich erschienener Artikel in den CH-Media-Blättern. Berichtet wurde hier nämlich vom tragischen Fall eines Elternpaars, das seine Tochter durch Suizid verlor und sich im Kampf gegen Mobbing nun an die Fersen von Spiess-Hegglin heftet. Der Autor des Artikels schreibt tatsächlich dies: «Spiess und das Ehepaar Pfister haben eine ähnliche Geschichte. Beide wurden Opfer von traumatischen Vorfällen.» Als ich das las, kam mir die Galle hoch. Vermutlich, weil ich selbst mitansehen musste, wie eine blutjunge Frau nach einem Suizid zu Grabe getragen wurde. Was auch immer Spiess-Hegglin erlebt hat: Hier einen Vergleich zu ziehen zum Suizid einer Tochter – das ist schon ein ganz starkes Stück.

Derweil fällt Spiess-Hegglin in den sozialen Medien vor allem durch Selbstbeweihräucherung und – man muss es so sagen – ein ziemlich hohes Aggressionspotenzial auf. Ein Plakat mit dem Mittelfinger von Nationalrätin Samira Marti «kriegt den zweitbesten Platz» in ihrem Büro, wie Spiess-Hegglin ihre Anhängerschaft wissen lässt. Am schönsten Platz hänge der Somazzi-Preis 2021. Über die Verleihung dieses Preises und über die Gratulationen twitterte Spiess-Hegglin so fleissig wie Trump in seinen besten Tagen.

JSH will gerne zeigen, wo der Hammer hängt.

Mit dem Somazzi-Preis ehrte die gleichnamige Stiftung Spiess-Hegglins «Pionierarbeit für mehr Respekt und Menschenwürde und gegen den Hass im Internet». Zur Erinnerung: Dieselbe Frau fiel vor nicht allzu langer Zeit auf, als sie auf Twitter vorschlug, jemandem den Titel «Arschloch des Monats» zu verleihen. Genau diese Doppelzüngigkeit, dieses Pendeln zwischen Samariterin und Aggressorin, ist vermutlich der Grund, weshalb Spiess-Hegglin für viele ein rotes Tuch bleibt. (Ich fand den Mittelfinger von Samira Marti an die Adresse des «Nebelspalters» übrigens grossartig. Allerdings käme auch kaum jemand auf die Idee, mir den Somazzi-Preis zu verleihen.)

Einsatz für das Gute auf der Welt – vor Publikum

Als aussenstehender Beobachter erhält man den Eindruck, dass es Spiess-Hegglin vor allem um eines geht – sich selbst. Nochmals: Das ist legitim. Das ist ihr gutes Recht. Wenn sie dann aber in den Medien als Frau dargestellt wird, die sich uneigennützig und aufopfernd für das Gute auf dieser Welt einsetzt, dann darf man sich nicht wundern, wenn dies einige Leser zur Weissglut bringt. Ich kenne Menschen, die sich wirklich für das Gute auf der Welt einsetzen. Seltsamerweise hört man nichts von ihnen in den Medien. Auf Twitter schon gar nicht.

Vielleicht tue ich Spiess-Hegglin mit dieser Kritik Unrecht. Vielleicht gehört heutzutage eine Urkunde für mehr Respekt und Menschenwürde tatsächlich neben ein Plakat, auf dem eine Frau dem Betrachter den Mittelfinger entgegenstreckt. Und dennoch finde ich, dass sich Spiess-Hegglin der Glaubwürdigkeit zuliebe entscheiden sollte: Will sie – wofür sie sich ununterbrochen rühmt und von anderen gerühmt wird – jenen Versehrten helfen, die auf dem Schlachtfeld der Medien und des Internets zu Schaden gekommen sind, oder will sie weiterhin die Messer wetzen und ihr eigenes Kriegsbanner an die vorderste Front tragen. Beides funktioniert nicht.

Es ist reiner Hass

Schon immer wurden unbotmässige Proteste von Jugendlichen verurteilt. Aber meistens von unbelehrbaren, alten Säcken.

Die aktuell tätigen Kindersoldaten im Journalismus haben keine Ahnung, was die 68er-Bewegung war. Sie haben auch keine Ahnung, was Anfang der 80er-Jahre als Jugendbewegung in die Annalen der Schweizer Geschichte einging.

Damals ging es um etwas, zum Beispiel ein Jugendhaus.

Sie haben null Ahnung, dass man damals seinen Lehrauftrag verlieren konnte, wenn man die Thesen der Eidgenössischen Kommission für Jugendfragen im Unterricht behandeln wollte. Sie haben eigentlich überhaupt keine Ahnung, aber immer eine sichere Meinung.

Wenn der bekennende Tagi-Amok Marc Brupacher nicht den Bundesrat für verrückt erklärt oder den Stab über BR Berset bricht, tobt er gegen randalierende Jugendliche. Nicht, ohne zunächst zu beklagen, was den meisten anderen als segensreich erscheint: nach dermassen vielen Fehlprognosen und kakophonischen Äusserungen tritt die Taskforce to the Bundesrat etwas leiser auf. Das alarmiert aber sofort Brupacher:

Zwei Verlierer jammern.

Nach dieser Dummheit muss er seine intellektuelle Überlegenheit anders beweisen:

Wer ist hier «ziemlich dumm»?

Wo es gilt, masslos und dumm aufzuschäumen, ist natürlich Réda el Arbi, vulgo Réda Stocker, nicht weit:

Der Darmpfeifen-Spieler.


Diese Frage kann el Arbi in seinem Fall klar beantworten: nein.

Auch ein Martin Söhnlein möchte sich als Chorsänger unsterblich machen:

Söhnlein aus dem Darknet des Denkens.

Wieso er allerdings ein Bild von van Gogh als Avatar wählt, bleibt unerfindlich. Der hatte sich bekanntlich nur ein Ohr abgeschnitten; Söhnlein muss da viel radikaler vorgegangen sein.

Endlich die Analyse von Tamedia gesammelter Denkkraft

Es dauerte ein wenig, aber he, es ist Ostern. Aber nun ergreift der Leiter der Bundeshausredaktion von Tamedia das Wort und versucht sich an einer «Analyse zu St. Gallen». Fabian Renz wählt, das ist er seinem Amt schuldig, gemessenere Worte als sein Amok-Kollege Brupacher. Bei ihm heisst es deswegen gelahrt: «Das Narrativ, das Junge zu den Hauptopfern der Pandemie erklärt, ist falsch.»

Nehmt das, ihr Krawallbrüder, ihr seid gar keine Hauptopfer. Vielleicht Nebenopfer, Kleinopfer, Öpferchen. Das ist nun aber noch lange kein Grund, einfach Radau zu machen: «Zunächst einmal sind die Krawallbrüder von St. Gallen nicht als «die Jugend» anzusehen, als Megafone ihrer Generation. Dasselbe gilt für Aktivisten wie die nahe am Verschwörungsmilieu operierende Gruppierung «Mass voll!», die namens der Jugend neuerdings überall Proteste organisiert.»

Nein, donnert Renz vom Katheder der überlegenen Rechthaberei:

«Reisst Euch am Riemen, liebe Junge.»

Und haltet ein, denn wenn schon seid ihr Opfer einer «nahe am Verschwörungsmillieu operierenden Gruppierung». Behauptet Renz so beleg- wie beweisfrei. Wir wünschen das dem Karrieristen Renz nicht, aber es könnte natürlich sein, dass solche «Krawallbrüder« Renz mal zeigen könnten, was sie von seinen Ratschlägen und Abqualifizierungen halten.

Wir hingegen geben der heutigen Jugend, ob randalierend, friedlich oder schlichtweg leidend, mit auf den Weg: Werdet ja nicht so wie Renz. Nehmt Euch vor, jede Anwandlung eines Renz in Euch zu bekämpfen. Dann kommt’s sicher gut mit Eurem Leben.

Was sagt denn das St. Galler «Tagblatt»?

Endlich mal eine Gelegenheit für den Westentaschenchefredaktor der einstmals stolzen Zeitung, seinen Kommentar zu etwas abzugeben, das auch ausserhalb von St. Gallen aufmerksam beobachtet wird. Nun ist aber Stefan Schmid auf das Wohlwollen der St. Galler Behörden angewiesen. Also entscheidet er sich für einen klassischen Zickzack. Damit startet er schon im Titel:

«Gut, hat die Polizei durchgegriffen – doch jetzt brauchen die Jungen eine Perspektive»

So mäandert er sich dann durch eine Spitzenklöppelei. Durchgreifen gegen die «Krawallbrüder» war richtig. 500 Wegweisungen, das runzelt er bedenklich die Stirne. Aber jeder Kommentar, jede Analyse muss doch einen Ratschlag enthalten, was jetzt passieren müsse. Voilà: «Die Schweiz braucht jetzt mehr denn je ein Ausstiegsszenario.» Genau, die Schweiz braucht auch viel Sonnenschein, ich brauche mehr Geld, die Jugendlichen brauchen eine Alternative zum Krawallmachen, die Welt braucht mehr Frieden, das Klima braucht Abkühlung.

Gibt es noch Ergänzungen zu dieser Twitter-Geisterbahn?

Fehlt noch jemand in diesem Panoptikum, in diesem Horrorkabinett, in dieser Geisterbahn, wenn das Licht der Vernunft erloschen ist? Daniel Binswanger? Richtig, aber der scheint Ostereier zu suchen. Wer dann? Wieder richtig, da kann es nur eine geben:

Zweitbester Platz im Denunziations-Büro.

Welch neuerlicher Ausdruck von schwesterlichem Humanismus, von Toleranz, Menschenfreundlichkeit. Halt so, wie die Denunzierungsmaschine netzpigcock.ch. Spätestens seit dieser gefährlichen Geschmacklosigkeit gibt es für niemanden mehr eine Entschuldigung, der auch nur im Umfeld von Jolanda Spiess-Hegglin auftaucht. Von den Protest-Frauen bei Tamedia ganz zu schweigen. Bis heute traut sich keine einzige, sich von der Weitergabe des Protestscheibens an Spiess-Hegglin zu distanzieren.

Obwohl die, als Ausdruck geschwisterlicher Solidarität und weiblichem Anstands, das Schreiben sofort an die Öffentlichkeit raushaute. Ohne sich die Mühe zu machen, alle Unterzeichner um ihr Einverständnis zu bitten. Was ansonsten von allen Protest-Frauen als Ausdruck typisch männlicher Arroganz und Diskriminierung denunziert würde.

Grundkurs für Denunzianten

Wie wird man Denunziant? Wie denunziert man richtig? Was gilt es zu beachten? Ein kostenfreier Ratgeber für Anfänger und Fortgeschrittene.

Sicher, der Begriff hat keinen hohen Sympathiewert. Schliesslich ist ein Denunziant (lat. denuntio, Anzeige erstatten) ein Mensch, der aus niedrigen und persönlichen Beweggründen einen anderen Menschen oder eine Institution anschwärzt, verleumdet, negativ darstellt.

Gerne anonym, nicht selten auch zur Erlangung eines persönlichen Vorteils. Als Erster hat wohl Max Kegel (Denunzianten: bitte googeln) diese üble Gattung in einem Lied charakterisiert:

«Verpestet ist ein ganzes Land,

Wo schleicht herum der Denunziant.»

Hoffmann von Fallersleben soll ihn als den «grössten Lumpen im ganzen Land» beschimpft haben. In jeder Diktatur, in jedem Gewaltregime treibt er sein Unwesen, ist Helferhelfer der Herrschenden und am Unglück vieler Mitmenschen, nicht selten auch an deren Tod schuld.

Als Denunziant muss man abgehärtet sein

Aber wer gerne Denunziant werden möchte, muss da drüberstehen. Viele Denunzianten in der Geschichte redeten sich auch ein, dass ihre Tätigkeit nur dem Guten und Besseren diene, indem es die Feinde der Entwicklung dahin demaskiere und ausschalte.

Ein Denunziant, Lektion eins, muss also eine Mission haben. Von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt sein. Das hilft ihm dabei, die gesellschaftliche Ächtung seines Tuns zu ertragen. Da Denunziationen meistens anonym erfolgen, muss er auch keine persönlichen Konsequenzen befürchten. Ausser, er wird enttarnt, aber das ist natürlich ein Kunstfehler, den der angehende Denunziant unbedingt vermeiden muss.

Wie kann er das? Da kommt ihm die moderne Technologie zustatten. Ganz früher musste sich der Denunziant im Schutze der Nacht irgendwo hinschleichen, um seine Denunziation loszuwerden. Entdeckungsrisiko nicht klein.

Auf und ab mit der Entwicklung der Wissenschaft

Später konnte er das auf schriftlichem Weg erledigen. Mit fortschreitender Technik wurde das aber immer schwieriger. Fingerabdrücke, Aufgabestelle (wenn es nicht besondere Briefkästen für Denunziationsschreiben gab), später dann sogar Speicheltest, wenn jemand so blöd war, das anonyme Schreiben in ein nicht selbstklebendes Couvert zu stecken.

Heutzutage ist es sogar so, dass die meisten Drucker eine nicht sichtbare Signatur hinterlassen, mit der ihre Seriennummer identifiziert werden kann. Üble Sache. Aber, Internet sei Dank, hier kann der Denunziant sich wieder austoben.

Blöd nur, wenn er das von seinem heimischen Computer aus macht, denn da nützt ihm der Absender einerderesgutmeint@gmail.com nicht unbedingt. Da Denunzianten nicht nur Charakterlumpen sind, sondern auch häufig beim IQ nicht ganz vorne dabei, muss man ihnen erklären, dass es so etwas wie eine IP-Adresse gibt. Die Benutzung eines Internet-Cafés oder eines Gratis-WLAN mit einem nur für diesen Zweck verwendeten Smartphone empfehlen sich sehr.

Nun, Lektion drei, muss der hoffnungsfrohe Denunziant nur noch eine letzte Hürde überwinden. Er will ja Wirkung erzielen. Eine anoyme Denunziation, so breit gestreut sie auch sein mag, hat keine guten Karten, ernstgenommen oder publik oder wirksam zu werden.

Wie kann der Denunziant Wirkung erzielen?

Aber auch hier gibt es Abhilfe. Denn dem Redakteur ist nichts zu schwör. Das geht zum Beispiel so. Er bekommt eine anonyme Denunziation zugesteckt. Die möchte er eigentlich sofort löschen, dann fällt ihm auf: he, die könnte ich doch gut für eine Kampagne brauchen, die ich gerade fahre. Und wozu gibt es eigentlich den Quellenschutz?

Er weiss natürlich auch, dass «wie mir ein anonymer Denunziant steckte» keine gute Formulierung ist. Also schreibt er: «Gespräche mit verschiedenen Quellen, die aus Gründen der Sicherheit anonym bleiben wollen, haben übereinstimmend ergeben: hier stinkt’s gewaltig.»

Der seriösere Journalist unterscheidet sich vom ganz unseriösen noch dadurch, dass er mindestens den Versuch unternimmt, die Identität eines oder gar mehrerer Denunzianten zu eruieren.

Ist ein Whistleblower etwas anderes?

Was unterscheidet nun einen Denunzianten von einem Whistleblower, letzte Lektion? Ein Whistleblower möchte auf einen Missstand aufmerksam machen, den er für unerträglich hält. Nachdem er vergeblich alle internen Stellen darüber informiert hat. Als letztes Mittel sieht er den Weg an die Öffentlichkeit, normalerweise vertraut er seinen Namen und nicht selten auch Dokumente einem Journalisten an.

Besonders widerlich, das müssen diese Denunzianten aushalten, sind Anschwärzer, die nicht verifizierbare, weil anonymisierte Anschuldigungen erheben. Seien das die 78 Unterzeichnerinnen eines Protestschreibens, seien das Redaktionen wie die «Republik», die diese Methode immer häufiger anwenden.

Aber leider greift sie immer mehr um sich. In den USA nennt man das ganz offen die Zerstörung eines Charakters. Kann man seinem Feind, seinem Gegner nichts anderes vorwerfen, dann greift man seinen Charakter an. «Illoyal», «unfähig», «nicht teamfähig», «vierte Wahl», «Besserwisser», «hätte gar nicht als Bewerber berücksichtig werden sollen». Also kurz: ein unfähiger Charakterlump.

La réalité dépasse la fiction

Hoppla, alle diese Anschuldigungen werden gegen Jonas Projer erhoben, den ehemaligen Leiter von «Blick»-TV und neuen Chefredaktor der NZZaS. Allesamt natürlich anonym, versteht sich. Anonyme Mitarbeiter, anonyme Redaktoren, anonyme Headhunter, anonyme wilde Behauptungen wie die, dass Projer erst angefragt wurde, als alle auf der A-Liste abgewinkt hatten.

Wie nennt man solchen Journalismus, denn wenigstens der Autor ist (meistens) nicht anonym? Genau, das nennt man Kampagnen- oder Fertigmacherjournalismus. Aus eigenen, niederen Beweggründen oder ferngesteuert. Und was kann man zum Charakter dieser Journalisten sagen? Leider nichts, was keine möglichen strafrechtlichen Konsequenzen hätte. Allerdings, he, wie wäre es mit einer anonymen Denunziation? Wäre doch kein Problem; etwas Fantasie, dazu die bewährten Quellen unter Quellenschutz, der verbirgt, dass sie gar nicht existieren, oder zumindest nicht im Plural. Dann die üblichen, nicht verifizierbaren Beschuldigungen (unerträglich, konfliktiv, unfähig, Kontrollfreak, führt ein Terrorregime), et voilà.

Reicht noch nicht? Ach, Bonus-Lektion: dann muss man halt noch nachlegen. Wie? Na, Dummerchen, mit dieser Frage wirst du nie ein guter Denunziant. Was bleibt noch nach dem Beruflichen? Richtig, das Private. Wieder ein weites Feld. Als Quellen dienen hier «aus der Nachbarschaft», «ehemalige Weggefährten», gerne auch «abgelegte Lebensgefährtinnen».

Dazu noch ein paar Spritzer aus offen als «Gerüchte» bezeichneten Schlammkübeln («es wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt»): Drogenkonsum? Bisexuell? Vorliebe für minderjährige Stricher? Benimmt sich genauso cholerisch  zu Hause? Nachbarn wollen Schmerzensschreie gehört haben? Weggefährten erinnern sich, seine Frau öfter mit einer grossen, dunklen Sonnenbrille gesehen zu haben, die sie partout nicht ausziehen wollte?

Und, immer bewährt als Atombombe, Väter sind Täter: Aus Kreisen von Betreuerinnen heisst es, dass seine Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, die normalerweise nur, aber wir wollen ja nichts gesagt haben.

Fertig ist der Rufmord, die Vernichtungskampagne. Allerdings leidet unter solchen Schweinereien immer auch der Ruf der Journalisten, die sie verbreiten. Künstlerpech.

Ganz neue Möglichkeiten für Denunzianten, Pardon, Opfer

Ganz andere, neue Wege geht übrigens die Verteilerin des Protestbriefs der Tamedia-Frauen. Sie ist via «netzcourage» nicht nur bei einem allgemeinen Denunzier-Quickie dabei, sondern sie hat neu einen «Anzeigengenerator» gebastelt.

Das wäre dann etwas für die Meisterklasse, hier nur: schon der Name ist geschmackvoll gewählt: netzpigcock.ch. Wer des Englischen nicht so mächtig ist wie Spiess-Hegglin auch, sonst hätte sie «net» geschrieben: das heisst Netzschweineschwanz. Gemeint sind natürlich nicht die Borstentiere mit ihren niedlichen Ringelschwänzchen. Sondern Männer als Schweine.

Kampf den Schweineschwänzen im Netz.

Was tun die? «Hast du ungefragt ein Penisfoto erhalten?» Schluck, anstatt darauf gar nicht oder mit dem Satz «ich lach ja gar nicht, weil er so klein und hässlich ist» zu reagieren, wird man auf dieser Webseite in einfachen Schritten zum Erstellen einer Strafanzeige geführt, «sogar das Porto übernehmen wir per Vorfrankierung».

Ich bin da leider draussen. Mir hat noch keiner, erst recht nicht ungefragt, ein Foto seines Gemächts geschickt. Ich selber habe das auch nicht getan, ich bin doch nicht der ehemalige Stadtammann von Baden.

 

 

 

Frauenprotest: der Rest ist Schweigen

Anonyme Anklagen: grosses Kino. Antworten auf Fragen: Mäusekino.

Das Protestschreiben der 78 Tamedia-Frauen ist an die «lieben Mitglieder» der Geschäftsleitung und der Chefredaktion gerichtet. Es ist voller anonymer Anschuldigungen und Pauschalierungen.

Es kommt auch nicht als Medienmitteilung daher, zum Beispiel fehlt eine Kontaktperson für Anfragen. Leider mochte keine einzige der um Stellungnahme gebetenen 78 Unterzeichner die Frage beantworten, ob die Publikation dieses Briefs mit ihrem Einverständnis erfolgte.

Frühes Beispiel eines Mäusekinos.

Diese Arbeit übernahm Jolanda Spiess-Hegglin; bekannt in eigener Sache aus Funk und Fernsehen und Begründerin von «netzcourage». Denn den Tamedia-Mitarbeiterinnen war klar, dass eine Veröffentlichung direkt von ihnen sich endgültig in die Todeszone einer fristlosen Entlassung bewegen würde.

Im ersten Anlauf klappte es nicht wirklich:

Schämt sich nicht: Jolanda Spiess-Hegglin.

 

Im zweiten Anlauf gab es dann ein kitzliges Problem:

Nachteile ohne Rücksprache? Macht nix, nur melden.

Leider wollte sich die sonst alles vertwitternde Spiess-Hegglin nicht zur Anfrage äussern, mit wem sie denn nun «Rücksprache» genommen habe – und von wem sie kontaktiert wurde.

Gehen alle Tamedia-Frauen täglich durch die Hölle?

Die 78 Frauen erwecken den Eindruck, dass sie mit ihrer Beschreibung von den Zuständen bei Tamedia das Erleben von allen Frauen schildern würden, und die «von Männern geprägte Betriebskultur» müsste für Frauen die Hölle sein:

«Frauen werden ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert. Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht. Frauen werden seltener gefördert und oft schlechter entlohnt.»

Als «Belege» dafür werden 61 anonymisierte und daher nicht verifizierbare «Beispiele» angeführt, wie vielfältig Frauen bei Tamedia zu leiden hätten. Zumindest in einem Fall ist das aber möglich. Denn leider wollte auch niemand Auskunft geben, wie viele Beispiele jeweils von den unterzeichnenden Frauen beigesteuert wurden.

«Jüngstes Beispiel: Die Berichterstattung über das 50-Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts wurde wiederholt als «zu viel», «uninteressant» oder «no news» abgetan. Ein Beitrag wurde als «so anspruchslos wie ein Telefonbuch» herabgewürdigt.»

Wurde er das? Nein, das wurde er nicht. Der Vergleich mit einem Telefonbuch wurde von einem Kolporteur aus dem Abfall von Entwürfen ausgegraben und eilfertig weitergereicht. Leider war auch dieser Herr nicht bereit, auf eine entsprechende Anfrage zu antworten.

Schweigen oder Zustimmung?

Also gibt es, neben all den Journalistinnen, die nicht unterzeichnet haben, keine Gegenstimmen? Grosse Themensetterinnen wie beispielsweise Bettina Weber haben zwar nicht unterschrieben, wollen das aber auch nicht begründen. Nur und einzig Michèle Binswanger wagt sich aus der Deckung.

Sonst niemand? Doch, zum Beispiel Marina Bräm:

Klare Distanzierung: Marina Bräm.

Bräm, als ehem. Head of Infographics schöpft aus ihrer jahrelangen Tätigkeit bei Tamedia und antwortet auch auf eine Anfrage, wo sie präzisiert: «Meine Kritik aus weiblicher Perspektive habe ich auf allen Ebenen offen an den Mann gebracht – egal welche Etage und ohne negative Konsequenzen – im Gegenteil. Wir haben uns nach Diskussionen immer auf einer kollegialen, freundschaftlichen und wertschätzenden Basis gefunden und dann im fairen Austausch neue Massstäbe gesetzt.»

Und was hält sie davon, dass der Brief via Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gelangte?

«Dazu haben die Unterzeichneten nicht alle eingewilligt und das dargestellte Bild widerspiegelt nicht die gesamte Erfahrungs- und Empfindungswelt der aktuellen und ehemaligen Mitarbeiterinnen, die indirekt mit erwähnt werden.

Dieses Manöver» – via Drittperson an die Öffentlichkeit gelangen – «erachte ich aus mehreren Gründen als nicht ganz unproblematisch».

Aus dem letzten Satz kann man erahnen, wie sehr der Shitstorm gedampft hat, der sich über Bräm ergoss.

Wer hat das Protestschreiben verfasst?

Auch die sich auf diverse Indizien und diverse Bestätigungen – aber leider anonym – abstützende Vermutung, dass Gendersternchen Salome Müller sich neben Aleksandra Hiltmann als Autorin des Schreibens hervorgetan hat, liess sich leider nicht erhärten. Die beiden Damen haben sich zuoberst auf die sonst wild durcheinandergewürfelte Liste der Unterzeichneten gesetzt, und das Lieblingsthema von Müller kommt gleich zweimal bei den Beispielen vor.

Schliesslich haben diese beiden sich bei «10 vor 10» als Vertreterinnen aller Frauen aufgespielt. Bevor Müller dann in die Ferien abschwirrte und man aus der automatischen Antwort entnehmen kann, dass sie bis zur Rückkehr am 22. März Mails nicht beantwortet.

Es bleibt vorläufig das Erstaunen, dass bis hinauf zu VR-Präsident Pietro Supino mit «Betroffenheit» auf dieses Schreiben reagiert wird. Es wirft ein Schlaglicht auf die journalistische Kultur bei Tamedia, dass von allen ungeprüft vorausgesetzt wird, dass zumindest ein Teil der anonyme, unbewiesenen Beispiele und die Beschreibung des Betriebsklimas der Wahrheit entspräche.

Noch verwunderlicher ist, dass eine Mitunterzeichnerin – Claudia Blumer – offiziell damit beauftragt wird, den Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen zu überprüfen. Das ist hanebüchen, absurd. Das ist so hirnrissig, wie wenn der Demonstrant damit beauftragt würde, den ordentlichen Ablauf der Demonstration zu untersuchen und herauszufinden, ob es nun stimme oder nicht, dass schon wieder Schaufensterscheiben eingeworfen und Wände beschmiert wurden.

Ein Beifang für alle 78 Unterzeichner ist hingegen fast genial zu nennen: sie sind nun eine ganze Zeitlang unkündbar …

Im Austeilen sind diese Kritikerinnen gross und mutig. Im Beantworten von Fragen sind sie klein und feige.

Folie à deux

Ob bei den Rechtsstreitigkeiten von Jolanda Spiess-Hegglin ihre Anwältin nur Rechtsschriften und Honorarnoten schreibt?

Zwei grosse Medienkonzerne, Ringier und Tamedia, sollen es gemeinsam auf Spiess-Hegglin abgesehen haben. Der eine hat ihre Persönlichkeit durch die Artikel über eine weinselige Zuger Feier verletzt, der andere will einer Redaktorin erlauben, in ihrer Freizeit ein Buch über diesen Fall und seine bis heute andauernde mediale Nachwirkung zu schreiben.

Dabei ist es der Anwältin von Spiess-Hegglin gelungen, einen Zuger Richter zu einem superprovisorischen Verbot dieser Absicht zu bewegen. Mit dem erstaunlichen Argument, dass die Autorin voreingenommen und kritisch gegenüber Spiess-Hegglin eingestellt und daher eine weitere mögliche Persönlichkeitsverletzung zu befürchten sei.

Wohlgemerkt, ohne dass bislang auch nur eine Zeile des Manuskripts öffentlich bekannt wurde. In diesem Zusammenhang ist zurzeit eine zweite juristische Schlacht im Gange. Die erste dreht sich um die Forderung nach Gewinnherausgabe gegen den Ringier-Verlag, nachdem Spiess-Hegglin und ihre Anwältin mit ihrer Berufung gegen das erstinstanzliche Zuger Urteil bezüglich Persönlichkeitsverletzung auf ganzer Linie abgeklatscht wurden.

Auch ZACKBUM.ch ist als Feind erkannt

Mit umso mehr Energie hat sich nun die Anwältin in den Fall gegen Tamedia verbissen. Da sie tief Luft holen muss, um die Voreingenommenheit und die Gefahr einer neuerlichen Persönlichkeitsverletzung durch dieses Buch argumentativ zu begründen, kommt hier ZACKBUM.ch ins Spiel.

Denn als medienkritische Plattform haben wir uns natürlich auch zu diesem medialen Fall mehrfach geäussert. Allerdings in erster Linie aus der Perspektive der Medienethik, nicht in juristischen Zusammenhängen.

Das hindert Rena Zulauf allerdings nicht daran, auch uns einen ganzen Absatz in ihrer vielseitigen Eingabe zu widmen. Zum Vorverständnis: Die Gesuchsstellerin (für das präventive Verbot des Buchs) ist Spiess-Hegglin, die Gesuchsgegnerin ist Autorin Michèle Binswanger, vertreten durch einen Anwalt von Tamedia.

Herabsetzend, diffamierend, hetzend, sexistisch

Aber zur Erwähnung von uns:

«Seit Mitte August 2020 gibt es einen neuen Blog, der unter ZACKBUM.ch abrufbar ist. In der kurzen Zeit von Mitte August bis Ende September 2020 haben die Autoren von ZACKBUM.ch bereits 22 Beiträge verfasst, die sich mit der Gesuchsstellerin – in herabsetzender und diffamierender Art – befassen. Der Blog hetzt gegen die Gesuchsstellerin. Das Narrativ ist sexistisch und es wird der Gesuchsstellerin unterstellt, sie sei eine Lügnerin. Die Gesuchsgegnerin arbeitet mutmasslich auch eng mit ZACKBUM.ch zusammen. Sie äussert sich auf den Kommentarspalten zum Thema und vertwittert die Beiträge von ZACKBUM.ch gegen die Gesuchsstellerin. Auch dieses Verhalten zeigt die Voreingenommenheit der Gesuchgegnerin auf.»

Unsere Plattform, darauf legen wir Wert, gibt es bereits seit dem 25. Juli. Nach unserer Zählung haben wir seither lediglich 9 Beiträge plus eine dreiteilige Serie zu diesem Thema verfasst. Von insgesamt 245. Dabei ging es unter anderem um die Funktion des Medienbüttels von Spiess-Hegglin und die merkwürdige Rolle von Hansi Voigt. Alles Aspekte, die aus medialer Sicht unbedingt beleuchtet werden müssen.

Aber selbst, wenn es 22 wären: kein einziger hat «gehetzt». Schon gar nicht in «herabsetzender und diffamierender Art». Das «Narrativ» ist weder «sexistisch», noch wird Spiess-Hegglin unterstellt, sie sei «eine Lügnerin». Im Gegenteil, jeder Beitrag ist argumentativ untermauert. Alle Betroffene hatten jederzeit die Möglichkeit zur Stellungnahme, wurden sogar dazu eingeladen.

Unverschämte Unterstellungen ohne Belege

Aber weder den Betroffenen noch der Anwältin fällt auch nur ein einziges, ein winziges Beispiel ein, um diese unverschämten Anwürfe zu untermauern. Gerade eine Anwältin müsste wissen, dass sie sich da mitten in der Gefahrenzone von übler Nachrede, Ehrverletzung oder dem UWG befindet. Aber uns ist es ehrlich gesagt zu blöd, darauf mit rechtlichen Schritten zu antworten.

So militant, wie Spiess-Hegglin normalerweise ihre Persönlichkeitsrechte verteidigt: wäre ZACKBUM.ch nicht schon längst mit Rechtsschriften zugeschüttet worden, wenn auch nur eine dieser Beleidigungen zutreffen würde?

Inhaltlich können wir nichts dazu sagen, da kein einziges Wort als Beleg aufgeführt wird. Also reine Luftbäckerei. Aber das ist nur die Hälfte des Anwurfs.

Was Binswanger für ZACKBUM.ch tun könnte

Nicht nur, dass Ringier und Tamedia es auf Spiess-Hegglin abgesehen haben, nein, die Tagi-Redaktorin arbeite doch «mutmasslich eng» mit uns zusammen. Auch das zeige «ihre Voreingenommenheit», behauptet die Anwältin mangels Belegen.

Diese Mutmassung können und müssen wir richtigstellen: Michèle Binswanger arbeitet weder eng, noch weit mit ZACKBUM.ch zusammen. Das bedauern wir sehr, denn so müssen wir uns bei unseren Redaktionssitzungen weiterhin den Kaffee selber machen.

 

Eine flog übers Kuckucksnest

Wo hört Realitätsverweigerung auf und beginnt Schlimmeres?

Lee Atwater, der für Ronald Reagan und George Bush Senior als Spin Doctor tätig war, also als Stratege, der einer Kampagne den richtigen Spin geben soll, sagte: «Perception is reality.» Die Wahrnehmung ist die Wirklichkeit.

Damit beschrieb er das fatale Phänomen, dass wir zwar einigermassen zweckrational in der Lage sind, die Wirklichkeit, so wie sie ist, wahrzunehmen. Aber häufig, ohne Beihilfe von aussen oder mit, halten wir unsere Wahrnehmung für die Wirklichkeit.

Solange dazwischen nur eine partielle oder leichte Abweichung existiert, ist das nicht weiter schlimm. Manchmal sogar hilfreich, wenn hässliche Menschen sich für attraktiv halten, Versager für Gewinner. Dem Selbstbewusstsein zuträglich ist immer, eine Niederlage in einen Sieg umzudeuten.

Ein Beispiel für die Wirklichkeit als Wahnvorstellung

Aber es ist ein gefährlicher Weg; links und rechts lauern Abgründe, und irgendwann fliegt man dann übers Kuckucksnest. Das ist der Titel eines der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Im englischen Original ist das ein Teil eines Kinderabzählreims, der Absurditäten aufeinanderstapelt; hier die, dass Kuckucks bekanntlich keine Nester bauen. Gleichzeitig bedeutet «cuckoo» im US-Slang irre, verrückt.

Ein bedenkliches Beispiel für Wirklichkeit als Wahrnehmung, besser als Wahnvorstellung, war die Berichterstattung über die Berufung von Jolanda Spiess-Hegglin ans Zuger Obergericht. In ihrem erbitterten Streit mit dem Ringier-Verlag. Das Gericht selbst fasste sein Urteil in einer Pressemitteilung mit Sperrfrist zusammen. Die «Berufung von Spiess-Hegglin wird vollumfänglich abgelehnt».

Bezüglich ihrer Forderung nach einer Entschuldigung wird das Gericht noch deutlicher: «Das Obergericht kommt wie schon das Kantonsgericht zum Schluss, dass Jolanda Spiess-Hegglin kein klagbarer Anspruch auf Publikation einer Entschuldigung der Ringier AG zusteht.» Das Obergericht sah zwar auch eine Persönlichkeitsverletzung, kürzte aber die dafür fällige Genugtuung nochmals auf die Hälfte der Vorinstanz. Statt den ursprünglich geforderten 25’000 Franken erhielt Spiess-Hegglin nur 2/5 oder 10’000.

Warum gab es keinen Weiterzug ans Bundesgericht?

Warum das der Medienbüttel von Spiess-Hegglin unter Brechung der Sperrfrist als rauschenden Erfolg beschrieb, hat zumindest mit kompetenter Berichterstattung nichts zu tun. «Jolanda-Spiess-Hegglin gewinnt gegen «Blick»», titelte er. «Vollumfänglich abgelehnt» übersetzt man normalerweise mit Klatsche, verloren, abgeschmettert. Aber mit den Fähigkeiten dieses publizistischen Leiters muss sein Verlag leben, wir nicht.

ZACKBUM.ch wollte von Spiess-Hegglin wissen, warum sie nach dieser Niederlage das Urteil nicht ans Bundesgericht weitergezogen habe. Wäre zumindest logisch und naheliegend. Ihre Antwort ist, gelinde gesagt, irritierend: «Meine Forderung im Berufungsverfahren nach einer Entschuldigung seitens Ringier AG wurde vollumfänglich erfüllt.»

Ähm. Ihre Berufung wurde abgeschmettert. Insbesondere hielt das Gericht fest, dass ihr kein Anspruch auf eine Entschuldigung zusteht. Richtig ist hingegen, dass sich der CEO des Ringier-Verlags nach Kenntnis des Urteils dennoch bei ihr entschuldigte. So wie sich Spiess-Hegglin wortreich bei einem «Weltwoche»-Journalisten entschuldigte, nachdem sie ihn als Favoriten in ihrem «Arschloch-Wettbewerb» bezeichnet hatte.

Das alles hat nun aber mit dem Berufungsverfahren nicht das Geringste zu tun. Zudem wurde auch nicht nach dem Thema Entschuldigung gefragt, sondern nach einer Begründung, wieso die Niederlage nicht appelliert wird.

Der Wunsch, die Wahrnehmung für die Wirklichkeit zu halten

Aber damit nicht genug der Absonderlichkeiten. In ihrer Echokammer auf Twitter, wo sie sich selbst und ihre Hardcore-Anhänger gegenseitig in Realitätsverweigerung überbieten, behauptete Spiess-Hegglin unlängst, «mir flog da etwas in die Hände». Nämlich ausgerechnet ein «Blick»-Artikel, der eine Woche nach der weinseligen Feier erschien.

Er sei «komplett erfunden», behauptet Spiess-Hegglin, die beiden Autoren fragt sie, warum sie denn die im Artikel «aufgestellten Behauptungen nicht verifiziert» hätten. Sie wolle wissen, wer die Journalisten «gezielt mit Lügen versorgt» habe. Der Artikel stütze sich «auf Aussagen von Zuger Kantonsräten, welche anonym bleiben wollten. Sprich: es wurden gezielte Lügen als Tatsachen verkauft.»

Das ist nun schon etwas mehr als der Wunsch, die eigene Wahrnehmung für Wirklichkeit zu halten. Denn der Inhalt dieses Artikels von anno 2014 ist in allen wesentlichen Teilen durch die Einstellungsverfügung in Sachen des mutmasslichen Schänders erstellt. Zudem ist dieser Artikel Bestandteil des Prozesses um Gewinnherausgabe gegen den Ringier-Verlag, den die Anwältin von Spiess-Hegglin losgetreten hat.

Wie steht es mit der Mitverantwortung?

Es ist also schwer vorstellbar, dass der Artikel vom 27. 12. 2014 ihr einfach so vorgestern in die Hände «geflogen» sei. Es ist noch schwerer vorstellbar, dass Spiess-Hegglin nicht weiss, dass sein Inhalt keineswegs «komplett erfunden» ist.

Wenn man all diese Mosaiksteine zusammensetzt, nimmt ein besorgniserregender Realitätsverlust Gestalt an. Eine Mitschuld daran muss man all denjenigen zumessen, die Spiess-Hegglin in ihrer Wahrnehmung der Realität bestätigen und unterstützen. Das kann man inzwischen nur noch als verantwortungslos und grobfahrlässig bezeichnen.