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Hilfe, mein Papagei onaniert II

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

Man ist versucht, sich nostalgisch an die Zeiten in der Berichterstattung über Corona zu erinnern, wo die grossen Medienkonzerne in der Schweiz mit ihren Zentralredaktionen und Zentralmeinungen noch übereinstimmend Orientierungshilfe gaben.

Da war die Welt noch in Ordnung, dem Leser wurde echt geholfen. Was Bundesrat und Behörden machen, ist gut und richtig. Einzig fehlende Strenge und Konsequenz wurde gelegentlich bemängelt. Immer wieder mussten zu rechthaberischen Kommentatoren mutierte Journalisten eingreifen, zurechtweisen, fordern, um sich greifende Fahrlässig- und Verantwortungslosigkeit bemängeln. Wieder und wieder, wozu auch Papageien neigen.

Das waren die Zeiten, als der Bundesrat den lockeren Spruch wagte: «Wir können Corona.» Wie es sich für eine gepflegte Hofberichterstattung gehört, nahm sich der Gesundheitsminister auch die Zeit, einem unterwürfig buckelnden pensionierten Journalisten ein Interview zu gewähren.

Offensichtlich noch geschädigt von dieser in ein Buch gepressten Schleimspur forderte der gleiche Pensionär dann, dass Journalisten gefälligst weniger Interviews machen sollten; das ergebe nur Styropor und aneinandergereihte Worthülsen, meinte Felix E. Müller, aber natürlich nicht in Bezug auf sein Styropormachwerk.

Aber alles Ausdruck davon, dass die Journaille nun endgültig Halt und Orientierung verloren hat. Wie anders lassen sich diese beiden Schlagzeilen erklären?

Gleiche Realität, gleicher Tag, nur zwei verschiedene Blätter.

«Das Virus ist in der Schweiz und weltweit auf dem Rückzug», jubiliert Tamedia. Aber: «Robert-Koch-Institut rechnet mit Anstieg von Coronafällen», auch Tamedia. «22 Prozent weniger Ansteckungen in 7 Tagen», nimm das, du blödes RKI, meint ebenfalls Tamedia.

Wem’s dabei schwindlig wird, der sollte sich doch einfach an die jüngsten Beschlüsse des Bundesrats halten. Der ist nämlich wieder aus den Ferien zurück, hat am Mittwoch jeweils Sitzung und verkündete anschliessend die neusten wegweisenden Entscheidungen. Allerdings fällt es auch hier Medien wie Lesern immer schwerer, diese Weisheiten zu verstehen und zu akzeptieren.

«Der Bundesrat wagt den Machtkampf», er beweise «Rückgrat», klopft ihm Tamedia auf die Schultern. «Der Bundesrat macht einen gefährlichen Fehler», warnt die NZZ; beide Leitorgane sprechen vom Entscheid, Restaurants geschlossen zu lassen und auch Terrassen zu schliessen.

Der «Blick» hingegen denkt ans Geld: «Corona hat 5 Billionen Dollar vernichtet». Der Vorteil solcher Zahlen: kann sich keiner vorstellen, ist sowieso nur eine grobe Schätzung. Aber macht sich immer gut, genau wie die Behauptung, dass schon Konjunkturprogramme in der Höhe von «14 Billionen Dollar» angekündigt seien. Kann man sich noch weniger vorstellen.

Allerdings zitiert der «Blick» Jan-Egbert Sturm, den «Direktor der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF)». Der ist aber der Sturmvogel der verhauenen Prognosen, so musste er unlängst eine doofe Konjunkturprognose um fast 5 Prozent korrigieren. Macht ja nix, hier legt Sturm ein grossartiges Einerseits-Anderseits hin, damit ist er auf der sicheren Seite: «Der Staat soll nicht unnötig Geld ausgeben. Aber die Schweiz kann es sich leisten …» … sinnvoll Geld rauszuhauen. Den schliesslich gäbe es «Teile der Gesellschaft, die das Geld zur Überbrückung brauchen».

Da sieht man mal wieder, wieso sich nicht jeder Papagei dazu eignet, Konjunkturforscher zu werden.

Dem Professör ist nichts zu schwör

Wissenschaftler aller Art machen sich nach Kräften lächerlich.

Dass die hochwohllöbliche Wissenschafts-Task-Force, geballte Kompetenz, Creme de la Creme der Schweizer Wissenschaftselite, schön im Takt immer wieder ankündigt, dass nun aber bald die Spitäler überlastet seien, daran haben wir uns gewöhnt.

Auch daran, dass fleissig an allem Regierungshandeln rumgemäkelt wird, Zensuren verteilt werden («ungenügend») und die Prognosen einer Spital-Apokalypse regelmässig krachend falsch sind.

Ist der angekündigte Tag verstrichen, ohne dass die Polizei den Zugang zu den Spitälern, zu der Intensivstation abriegeln musste, während vor dem Eingang Kranke verröcheln, dann sagt die Task Force cool, dass das schon richtig sei, aber schliesslich sei die Prognose aus damaliger Sicht auch richtig gewesen. Und dass sie nicht eintraf, nun, da haben die strengen Warnungen eben auch eine rettende Wirkung gehabt.

Freitag der 13., also das kann ja nicht gutgehen

Übrigens, nachdem es mit dem letzten Termin für die Katastrophe nicht geklappt hat, versucht es die Task Force nun mit dem 13. November. Ist ja auch logisch; Freitag, der 13., das kann ja nicht gutgehen. Weiss doch jede Wahrsagerin, auch ohne Kristallkugel.

Die Mitglieder der Task Force können immerhin gewisse Fachkenntnisse behaupten, sich als Spezialisten, Forscher, Professoren für kompetent erklären. Auch wenn die Kompetenz überschaubar ist.

Nicht aber ihre Präsenz am Bildschirm und in den Medien. Das weckt natürlich Eifersucht; verständlich. Also will sich zum Beispiel Jan-Egbert Sturm auch wieder seinen Platz an der Sonne der TV-Lampen zurückerobern. Auch wenn seine Voraussetzungen, nun ja, vielleicht etwas suboptimal sind.

Er ist nämlich Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH. Die, wie ihr Name schon sagt, sich um Wirtschafts- und Konjunkturfragen kümmert. Sie hat 60 Mitarbeiter, und Sturm zudem eine Professur für angewandte Wirtschaftsforschung.

Es gilt: Dem Professör ist nichts zu schwör

Einem Professör ist bekanntlich nichts zu schwör. Obwohl Covid-19 indirekt auch Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft hat: Als Viren- oder Pandemie-Spezialist ist Sturm bislang nicht aufgefallen. Dagegen spricht auch seine wissenschaftliche Karriere, die sich ausschliesslich im Gebiet Wirtschaft abspielte.

Nun ist Sturm aber auch Mitglied der Task Force, und da möchte er offensichtlich, dass ihm nicht immer andere Wissenschaftler vor der Sonne stehen. Also gibt er der NZZ ein grosses Interview, in dem er sich natürlich zu wirtschaftlichen Fragen äussert. Also zu seiner Forderung nach einem neuen Corona-Kredit, seiner Idee, «Corona-Gewinner» extra zu besteuern, und so weiter.

Aber er weiss, dass er damit weder seine Bekanntheit steigert noch Schlagzeilen macht. Also begibt er sich auch nassforsch ins Gebiet der Medizin, Virologie, Pandemieforschung, Epidemiologie. Kann doch nicht so schwer sein. Hier muss er nun auch etwas schimpfen; denn «wir haben die Hoffnung noch nicht verloren, dass die am 28. Oktober beschlossenen Massnahmen genügen». Allerdings nur, wenn die Bevölkerung, die unordentliche Horde, ihre Disziplin deutlich verbessert.

Sturm weiss, dass die Intensivstationen mal wieder an ihre Grenzen kommen

Sonst muss Sturm alle Hoffnung fahren lassen, und, der Kalauer muss jetzt sein, zudem sieht er dunkle Sturmwolken aufziehen, da die Intensivstationen der Spitäler noch diese Woche «an ihre Grenzen kommen werden». Logo, Massnahmen zeigen erst nach rund drei Wochen Wirkung (oder nicht), vorher kann man einfach mit den bestehenden Statistiken hochrechnen, et voilà.

Dass mit dieser Methode sogar der wissenschaftliche Leiter der Task Force regelmässig auf die Schnauze fällt, das kann den Konjunkturforscher Sturm doch nicht davon abhalten, auch seinen Senf dazuzugeben.

Wahrscheinlich müssen wir froh sein, dass sich Sturm wohl noch nicht vertieft mit der richtigen Behandlung von am Virus Erkrankten befasst hat. Sonst müssten die Mediziner auf den Intensivstationen damit rechnen, dass er ihnen den Tarif durchgibt und erklärt, ab wann ein Beatmungsgerät nötig ist, ab wann der Fall hoffnungslos wird. Aber was nicht ist, kann noch kommen.