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Leerverkäufe und leere Köpfe

An der US-Börse geht’s ein wenig rund. Die Wirtschafsjournalisten labern ihre klaffenden Wissenslücken zu.

Auf kaum einem anderen Gebiet zeigt sich das Desaster der abnehmenden Fachkompetenz so deutlich wie in der Wirtschaftsberichterstattung. Gilt es, etwas zu analysieren, was über die Fähigkeit hinausgeht, nach langem und scharfem Nachdenken das Eigenkapital bei einer Bilanz richtig einzuordnen (links oder rechts, Aktiv oder Passiv?), herrscht das nackte Grauen.

Denn zurzeit passiert etwas, das doch etwas komplizierter ist als die Warnung vor übermässigen Staatsschulden oder bedenkliches Kopfwackeln über die Kosten der Lockdowns. Sozusagen der Sturmvogel des Verstehnix ist wie meist der «Wirtschaftspublizist» Philipp Loepfe. Er ist beim Millionengrab «watson» für alles einigermassen Ernsthafte zuständig. Also für Aussenpolitik, Politik überhaupt und natürlich für Wirtschaft.

Man kann’s bei ihm auch positiv sehen: Meistens ist das Gegenteil von dem, was er schreibt, richtig. Aber nicht immer, manchmal ist seine Ansicht so kreuzfalsch, dass nicht mal das Gegenteil richtig sein kann. So titelte Loepfe: «Aktienrebellen ähneln Impfgegnern». Immerhin: Nach einem solchen Titel muss man wirklich nicht weiterlesen. Aber fies: inzwischen hat «watson» den Titel geändert, aber im Text bleibt diese absurde Behauptung.

Ich kenn’ ja im Dienste meiner Leser nichts und tat es trotzdem. Loepfe machte es mir nicht leicht, und bei diesem Satz bin ich endgültig ausgestiegen: «Des Pudels Kern der ganzen Sache ist die Ungleichheit.» Nun ja, die einen hatten einen grossen Löffel dabei, andere nur ein Löffelchen, als der Herr Hirn vom Himmel regnen liess.

Worum geht es in Wirklichkeit?

Worum geht’s eigentlich? Oberflächlich betrachtet treiben Kleinanleger, die sich zusammenballen, Leerverkäufer in die Enge. Bzw. in existenzbedrohende Verluste. Um das zu verstehen, muss man ein paar Grundlagen kennen.

Normalerweise ist der Kleinanleger, der sich an die Börse wagt, verkauft und verloren. Den Markt beherrschen sogenannte High Frequency Trader. Diese Höchstgeschwindigkeitshändler nützen kleinste Marktschwankungen aus, um mit brachialer Computerpower durch Masse hübsche Gewinne einzufahren. Dabei geht es um Mikrosekunden; diese HFT-Händler versuchen daher, ihre Computer physisch möglichst nahe an die Börsen zu schieben; jeder Meter mehr Verbindungskabel kann den Bruchteil eines Bruchteils einer Millisekunde kosten.

Dazu gibt es schon seit Langem die logische Möglichkeit, nicht nur auf steigende, sondern auch auf fallende Kurse setzen zu können. Zum Beispiel mit sogenannten Leerverkäufen. Eigentlich keine Atomphysik. Wer darauf setzt, dass die Aktie des Unternehmens X nächste Woche, nächsten Monat weniger wert ist als heute, kauft sich die Möglichkeit, die Aktie zum heutigen Kurs in einer Woche einliefern zu können. Der Verkäufer hat also die Aktie gar nicht.

Er spekuliert darauf, dass er sie in einer Woche günstiger kaufen kann als heute, die Gegenpartei verspricht, in einer Woche den heutigen Kurs zu zahlen. Schlichtweg eine gegenläufige Wette. Einer setzt auf steigende Kurse, der andere auf fallende. Einer der beiden gewinnt, oder – selten ­– ist es ein Nullsummenspiel.

Wie meist im Prinzip gut, als Exzess schlecht

Natürlich stecken auch hier ganz schön viel Computerpower und ellenlange Algorithmen dahinter, um solche Aktien zu identifizieren. Normalerweise verändert sich der Kurs auch nicht grossartig in einer Woche. Aber schon ein oder drei Prozent genügen für einen hübschen Gewinn. Wenn’s in die richtige Richtung läuft. Leerverkäufer haben zu Unrecht einen ziemlich schlechten Ruf. Sie setzen auf den Niedergang einer Firma, pfuibäh.

Dabei könnte man sie höchstens als die Gesundheitspolizei der Börse bezeichnen. Sie räumen moribunde AGs weg, bevor die richtig anfangen zu stinken. Zudem ist es natürlich nicht so, dass jeder mal schnell 100’000 Aktien auf Termin in einer Woche zum heutigen Kurs anbieten darf. Das muss unterlegt sein, also der Leerverkäufer muss beweisen, dass er über die nötige Liquidität verfügt, normalerweise 50 Prozent des Preises.

Nun trug es sich zu, dass Anleger den Kurs einer Aktie durch konzertierte Käufe steil nach oben trieben. Zum Beispiel bei der Ladenkette Gamestop. Deren Geschäftsmodell war als nicht zukunftsfähig eingeschätzt worden, also setzte ein grosser Fonds auf fallende Kurse.

Offenbar wurde der Slogan zu wörtlich genommen.

Nun passierte etwas eigentlich nicht Vorgesehenes. Durch massive Kauforders schnellte  in weniger als drei Wochen der Börsenkurs einer Gamestop-Aktie von 17 auf fast 500 Dollar hoch. Dazu braucht der «Anleger-Mob», wie das schon in Anlehnung an «Flash Mob» genannt wird, nur zwei Dinge. Eine Handelsplattform, die Orders umsonst ausführt. Eine Plattform, auf der man sich absprechen kann. Robinhood heisst die erste, Reddit die andere.

Der Leerverkäufer schaufelt sich sein eigenes Grab

Dann kann sich der Mob zurücklehnen, denn es kommt zu sogenanntem «short squeeze». Der Leerverkäufer muss rasch so viel wie möglich von seiner Position abbauen, also selber Aktien kaufen. Das treibt natürlich den Kurs weiter in die Höhe. Damit wechselten ungefähr 20 Milliarden Dollar den Besitzer. Und dieses Spielchen trieb einen grossen Leerverkäufer fast in den Ruin.

Selber schuld, verdient hat er’s? So die verbreitete Meinung. Aber ist es eigentlich legal, einen Kurs durch eine koordinierte Kaufaktion künstlich nach oben zu treiben? Nein, das ist illegal. Nur; wenn sich der «Mob» in einem Chatroom trifft, wo es keine Befehlshaber oder Verantwortliche gibt, um dort das Vorgehen abzusprechen, greift dieses Verbot nicht.

Die Möglichkeit von Wertpapierkrediten, Hebeln, Optionen, Derivaten (nicht fragen) führte nun im konkreten Fall von Gamestop zur absurden Situation, dass es nur rund 70 Millionen ausstehende Aktien gibt, aber 140 Prozent davon leer verkauft wurden. Wenn alle Besitzer der Aktien, die sie verliehen haben, jetzt aber physisch sehen wollen, gemeinsam zuschlagen, hat es schlichtweg nicht genügend Aktien am Markt. Bzw., der Shortseller muss – koste es, was es koste –, sich mit Aktien eindecken. Bevor den letzten die Hunde beissen.

Keinesfalls Kleinanleger wie Robin Hood gegen böse Reiche

Aus all diesen Gründen handelt es sich hier keinesfalls um den Aufstand der Kleinanleger gegen die bösen Hedgefonds. Bislang hat sie diese neue Strategie rund 20 Milliarden Dollar gekostet. «Sie hätten es besser wissen müssen», ruft den Leerverkäufern Oswald Grübel in den CH Medien eiskalt zu. Stehen auf der anderen Seite also Kleinanleger, Aktienrebellen, Online-Kleinspekulaten, Rebellen gegen das System, wie lange bleibt das, und wo soll’s hingehen?

Die letzten beiden Fragen sind einfach beantwortet. Da der Jo-Jo spielende Aktienkurs von Gamestop garantiert nicht auf dieser absurden Höhe bleibt, wird er früher oder später, eher früher, wieder auf seinen alten Wert runterkrachen.  Wie immer im Leben: Wer frühzeitig einstieg und rechtzeitig aussteigt, hat bis 3800 Prozent Profit gemacht; in knapp drei Wochen! Wer zu spät einsteigt und aussteigt, hat schlichtweg einen Totalschaden zu beklagen.

Da selbst die geballte Masse von vielen Kleinanlegern nicht ausreicht, um solche Wirkung zu erzielen, dürfte natürlich auch hier ein anderer Hedge Fonds auf der Lauer gelegen haben, bis die Kleinanleger loslegten. Um sie mit seinem Schub zu unterstützen.

Der Name der Handelsplattform robinhood täuscht gewaltig

Also letztlich weder etwas Neues, noch etwas sonderlich Aufregendes. Einfach ein neues Modell, um alle Tricks, Haken und Ösen zu verwenden, wie das im modernen Finanzdschungel schon lange handelsüblich ist. Auch hier gilt das einfache Prinzip: no risk, no fun.

Zudem hat die Handelsplattform Robinhood zwar einen hübschen Namen. Sie bietet Kleinanlegern die Möglichkeit, gratis Orders aufzugeben. Aber natürlich ist im Internet nichts gratis. Deshalb leitet Robinhood diese Informationen – an genau diese HF-Trader weiter; einer von ihnen ist übrigens auch Grossaktionär von Robinhood.

Damit ergibt sich die eher irre Gesamtsituation: Da Kleinanleger häufig auf die falsche Entwicklung setzen, können Profitrader das Wissen ausnutzen, dagegen setzen – und die Kleinanleger abzocken, dank Robinhood.

Auf der anderen Seite können HF-Trader Robinhood und Reddit benutzen, um einem Konkurrenten eine reinzuwürgen. Offensichtlich hat sich ein Grossspekulant bei Gamestop (und anderen Buden) zu weit aus dem Fenster gelehnt mit Wetten auf den baldigen Niedergang an der Börse. Was analytisch wohl richtig war, aber eben.

Als nächstes soll offenbar der Silbermarkt angegangen werden

Anscheinend soll nun die gleiche Nummer beim Edelmetall Silber versucht werden. Das taten zuletzt die Brüder Hunt. Die US-Multimillionäre kauften Silber (physisch, Kontrakte, alles). Damit trieben sie den Preis pro Unze von 2 auf über 50 Dollar im Jahr 1980. Daraufhin brach er aber auf 5 Dollar ein, und die Gebrüder fielen dem Sozialamt zur Last. Pleite.

Es ist ein Zeichen für leere Köpfe, dass man diese Zusammenhänge zwar in der englischen Wirtschaftspresse lesen kann, unterhalb der NZZ in der Schweiz aber nirgends.