Beiträge

Bajour sammelt wieder einmal Geld

Für was? Für «journalistische Recherchen».

Bajour will es wissen: «Wem gehören eigentlich all diese Häuser in Basel?» Besorgt fragt das Teenie-Portal: «Was haben die Eigentümer*Innen mit unserer Stadt vor?» Vielleicht die Errichtung von Klein-Gomorrha? Einen Blaumilchkanal? Den Bau eines neuen Roche-Turms, diesmal aber horizontal? Wen ruft man für solche Fälle?

Natürlich, Hansi Voigt. Er und seine Band haben darum eine Crowdsourcing-Aktion ins Leben gerufen. Die Redaktion sammelt Geld, um über alle Häuser Basels in Erfahrung zu bringen, wer darin schläft. Eigentlich ist das in Basel einfacher als in anderen Kantonen. Pro IP-Adresse sind täglich 20 Eigentumsauskünfte möglich. Gratis, via Computer und unbürokratisch. In Zürich muss man das am Telefon machen und nach einer halben Stunde legt der zuständige Notar freundlich wieder auf.

Die Bajour-Redaktion müsste eigentlich auch noch ein Crowdfunding für einen neuen Taschenrechner starten. Denn: «Würde die zehnköpfige Bajour-Redaktion alleine auf Spurensuche gehen, bräuchten wir 1,5 Jahre, um sämtliche Besitzverhältnisse auszulesen.»

Nicht doch, Kinder, falsch gerechnet. Der Gebäudebestand für den Kanton Basel-Stadt belief sich 2020 auf 23’462. In vier Monaten sollte die Redaktion mit sämtlichen Anfragen durch sein. Dafür muss man kein Geld sammeln. Zumal der Hintergrund der Aktion nicht ganz durchschaubar ist.

Die gesammelten Daten sollen gemäss Homepage «einzig für journalistische Recherchen verwendet» werden. Beispiele aber fehlen. Das Problem bei solchen journalistischen Aktionen ist immer das gleiche: Wer keine Story im Kopf hat, liefert auch mit zwei Bananenschachteln voll mit Daten keine brauchbare Geschichte ab. Das habe ich auf vielen Redaktionen erleben müssen.

Das Bau- und Verkehrsdepartement schränkt die Spiellust mit den sensiblen Daten etwas ein. Es antwortete auf Anfrage von Zackbum:

Wer die gesammelten Daten koordiniert und aufbewahrt, unterliegt gesetzlichen Regelungen über den Datenschutz und ist gegebenenfalls den betroffenen Personen (deren Daten sie gesammelt haben) gegenüber auskunftspflichtig.

Ob Voigt & Co. das wissen? Wir wollen aber keine Spielverderber sein. Es gäbe da noch eine andere Datengeschichte für Journalisten mit viel Freizeit: Beim Zürcher Strassenverkehrsamt darf man jeden Tag 5 Anfragen über Kontrollschildnummern tätigen. Es gibt über eine Million Autos, Schiffe, Töffs und Traktore im Kanton Zürich. Mit etwas Aufbauschen lassen sich schöne Geschichte machen: Wem gehören zum Beispiel die Traktoren mit den Kontrollschildnummern 12-120??? Falls die 10-köpfige Abenteuergruppe noch heute startet, werden sie im 21. Jahrhundert mit allen Nummern fertig.

Dancing Hansi Voigt

Doch stimmen die Bajour-Zahlen?

Ob wir unsere Leser lieben? Nein, bestimmt nicht. Wir lieben unsere Frauen, guten Wein und Paprika-Chips. Gute Kommentare schätzen wir aber sehr. Das Irgendetwas-mit-Medien-Portal Bajour.ch hingegen liebt seine Leserschaft närrisch. Andrea Fopp wendet sich in einem Artikel direkt an ihre Leserschaft: «Merci für eure Liebe», «eure vielen lieben Mails», «Wir lieben unsere Lüüt», «Wir hören auf dich, liebe Community».

Für Aussenstehende ist so viel Liebe erdrückend und etwas peinlich. Wird das Portal wirklich so doll geliebt? Wir wissen es nicht. Als Zürcher mute ich mir grundsätzlich kein Urteil über den Verfassungszustand von Baslerinnen und Baslern zu. Das Höchste der Lesergefühle ist für mich persönlich: Interesse. Fragen wir darum anders: Interessiert sich das Publikum für das seltsame Portal? Wohl kaum. In den letzten 20 publizierten Artikeln (Stand 23.01.) sieht die Teilnahme so aus: 5 Artikel wurden einmal kommentiert, 3 Artikel zweimal und nur ein einziger dreimal. Überhaupt nicht kommentiert wurden 11 Texte. Das ergibt leider einen Schnitt von 0,7 Kommentare pro Artikel. Zum Vergleich: Zackbum kriegt dreimal mehr Rückmeldungen. Wenig Resonanz auch auf dem Twitter-Account.

Nicht beachtet, aber heiss geliebt? Kommt in der freien Wildbahn selten vor.  Aber angeblich soll bajour.ch im Dezember in zwei Wochen 385 neue Member gewonnen haben. Die Redaktion flippte natürlich wieder aus: «Community, wir wollen ein Kind von dir!» Selbst Co-Chefredaktor Hansi Voigt tanzte vor Freude.

Nun, über die «Republik» darf man schreiben, was man will. Aber: die Namen der «Verlegerinnen und Verleger» sind kein Fake. Die stimmen. Bei bajour.ch heissen die neuen Member hingegen so: Camille, Tobi, Gilda. Gibt es diese Menschen auch in Wirklichkeit? Oder heissen so nur die aufblasbare Puppe (Camille), die Gleitcrème (Gilda) und der Vibrator (Tobi)?

Gibts die wirklich?

Hansi Voigt gab uns keine Auskunft. Der Hüpfer ist ähnlich schreibfaul wie seine «liebe Community».

Blablajour: Das haben nicht mal die Basler verdient

Schon Kurt W. Zimmermann beschimpfte die Basler als mediale Trottel. Recht hat er.

Fehler machen kann jeder. Als der Basler Daig mit offenen Mündern zuschaute, wie ihre grossartige Verlegerdynastie die «Basler Zeitung» an den Rand des Ruins führte, hätte es theoretisch die Möglichkeit gegeben, dem unfähigen Hagemann Junior sowohl finanziell wie strategisch unter die Arme zu greifen.

Lieber nicht, sagte sich der Daig. Als sich dann enthüllte, dass der Gottseibeiuns für viele Basler Linke, Edellinke und Daig-Linke, dass Christoph Blocher die «Basler Zeitung» gekauft hatte, begann sogar der Daig zu blubbern und Pickel zu kriegen.

Und als dann auch noch der kleine Gottseibeiuns die Chefredaktion übernahm, da war es fast allen in Basel klar: So geht das nicht. So geht das überhaupt nicht. Statt eine langsam in den roten Zahlen ersaufende, dafür aber Basler BaZ haben wir nun ein von Zürich aus gekapertes Blatt, das so rechtspopulistisch sein wird, dass nur noch die rechte Randspalte bedruckt wird.

Die Rettung nahte: Geld wie Heu

Was tun, fragte sich da der Daig, wie weiland Lenin. Wie es sich gehört, fanden diskrete, aber erregte Gespräche statt. Viele Redaktoren der BaZ waren natürlich zutiefst entrüstet, dass sie nun sicherlich statt von links nach rechts von rechts nach links schreiben mussten. Niemals, sagten sie, aber blöd auch, aufrecht kündigen wäre einfach, einen neuen Job suchen nicht so sehr.

Aber die Rettung nahte, eine reiche Pharma-Erbin öffnete die Portokasse ihrer Portokasse und schmiss ein paar Millionen auf. Damit kann man etwas anfangen, sagten sich viele Journalisten, auch bei der BaZ, die zwar ums Verrecken keinen Anlass fanden, um dem neuen Chefredaktor Markus Somm in irgendeiner Form Zensur, Eingriffe, politische Vorgaben vorwerfen zu können.

Das alles sollte erst noch kommen, denn nach vielen öffentlich solidarisch, aber insgeheim natürlich intrigant geführten Debatten entstand die «TagesWoche». Nun konnten einige BaZ-Journalisten, nicht gerade die besten, endlich die Konsequenz daraus ziehen, dass sie zwar nicht auf rechtspopulistische Linie getrimmt werden sollten, aber grundsätzlich und aus Prinzip nicht für ein Blocher-Somm-Organ arbeiten konnten.

Statt Begeisterung sehr schnell Ernüchterung

Am 28. Oktober 2011 erblickte die erste Ausgabe das Licht der Welt; mit dem grossartigen Slogan: «Die Welt im 21. Jahrhundert braucht Medien aus dem 21. Jahrhundert.» Das mag so sein, aber während Gottseibeiuns Blocher zusammen mit Eisenfuss Bollmann den Trümmerhaufen BaZ aufräumte und sanierte (nicht zuletzt mit dem Einschuss von Geld in die Pensionskasse), holperte die «TagesWoche» von Anfang an vor sich hin.

Anspruch und Einlösung, mit vollen Händen das Startkapital ausgeben, aber keinerlei Businessplan, wie es nach einer Anschubfinanzierung aus eigenen Kräften weitergehen sollte: die erste Begeisterung, es den Zürcher Invasoren gezeigt zu haben, machte sehr schnell einer grossen Ernüchterung Platz.

Wie es sich gehört, begannen auch ziemlich schnell die offen ausgetragenen Intrigen und Machtkämpfe im Kollektiv. Schon nach anderthalb Jahren wurde der Gründungschefredaktor abgesägt. Ein knappes Jahr später wurde Urs Buess offiziell entsorgt. Dem Trio um Dani Winter wurden zwar exzellente Beziehungen zur Mäzenin nachgesagt, aber Performance, Erfolg, Führung, das waren nicht so ihre starken Seiten.

Schritt für Schritt konsequent zum Ende

Den Anfang vom Ende leitete das Bekanntwerden eines übelriechenden Deals ein. Mehr als die Hälfte der beglaubigten Printauflage verstopfte gratis die Flughäfen Basel und Zürich. Machen auch andere, aber nicht gleich mit dem grösseren Teil der Auflage. Auch die tolle «Community» mit angeblich ziemlich aktiven 10’000 Mitgliedern erwies sich als ein Luftschloss. 70 Prozent von ihnen waren laut den eigenen Statistiken der TaWo noch nie aktiv geworden.

2015 wurden dann auch Dani Winter samt Gefolgschaft per sofort rausgeworfen. Ab Januar 2016 versuchte es noch ein Neuer, aber auch Christian Degen verliess das sinkende Schiff ein Jahr später. Am 5. November 2018 überraschte dann die Herausgeberschaft die wenigen verbliebenen Leser und Mitarbeiter mit der Nachricht, dass das Blatt zugeklappt werde. Sicher reiner Zufall, dass das eine Woche nach dem Abschluss des Verkaufs der BaZ an Tamedia bekannt gegeben wurde.

Hat die reiche Mäzenin etwas aus diesem Desaster gelernt?

Ende der Fahnenstange, 30 gefeuerte Mitarbeiter verbrachten fröhliche Weihnachten. Nun könnte man ja einige Schlussfolgerungen daraus ziehen. Zum Beispiel, dass ein Organ «gegen» damit keine Existenzberechtigung  für irgendwas bekommt. Zum Beispiel, dass sich die TagesWoche eigentlich als Lokalblatt positionieren wollte, ihre Redaktoren aber natürlich lieber die grosse, weite Welt als ihr Thema sahen.

Und schliesslich, eine millionenschwere Anschubfinanzierung ist eine tolle Sache, aber irgend etwas oberhalb von «wird schon irgendwie» als mittelfristiger Businessplan, das sollte es schon mal geben. Gab’s nicht, stattdessen Intrigen, Stühle wegziehen, Beschiss.

Unverdrossen, denn es leert sich ja weiterhin nur die Portokasse der Portokasse, wurde neuerlich eine Million pro Jahr als Anschubfinanzierung für irgendwas ausgelobt. Ausgerechnet dem begabten Millionenverröster Hansi Voigt den Zuschlag zu erteilen, der gerade nicht ganz freiwillig die Geldvernichtungsmaschine «watson» verlassen hatte, zeugte nicht gerade von Weitblick und gewonnenen Erkenntnissen.

Schon wieder riecht es streng nach Untergang

Wie schon mehrfach berichtet, brüstet sich bajour.ch inzwischen mit «2427 Member». Da Voigt sich leider weigert, unsere Fragen zu beantworten, weiss niemand, ob die wirklich oder nur digital existieren. Aber selbst wenn, wie bajour mit seiner aufgeblähten Mitarbeiterstruktur mit bloss 100’000 Franken im Jahr durchkommen will, wenn dann mal die drei zugesagten Millionen verbrannt worden sind, das steht in den Sternen. So viel verbraucht bajour bei jämmerlichem Output für Gehälter und Infrastruktur. Pro Monat.

Aber im Gegensatz zur «TagesWoche» überzeugt bajour doch sicher durch eine umfangreiche und aktuelle Berichterstattung aus Basel? Nun ja, dem vielköpfigen Team um Voigt ist es in diesem Jahr gerade mal gelungen, ganze sechs Stücke rauszupusten. Darunter ein Gastkommentar und ein Bericht über nachkolorierte alte Aufnahmen von Basel.

Zuoberst ein Nachruf auf Genosse Pfister, ein Klimaprozess, die Eröffnung eines Second-Hand-Shops. Und dann das.

Schon ins alte Jahr zurück führt das Trendthema Sexualität. Einmal als «Transboys will be Boys and only Boys? Blödsinn!» (muss man nicht verstehen) oder als

«Ich hasste es, eine Frau zu sein.»

Ein erschreckender Bericht über Endometriose; fünf Betroffene berichten (muss man nicht kennen). So der Stand am 5. Januar 2021.

Für diese magere und tropfenweise verabreichte Kost sollen tatsächlich knapp 2500 Basler je 40 Franken springen lassen? Und sich wunschgemäss verzehnfachen, wenn bajour in zwei Jahren aus eigenen Kräften über die Runden kommen soll? Also

so vertrottelt können nicht einmal die Basler sein,

Zimmermann hin oder her.

 

Packungsbeilage: Ich publizierte in der BaZ unter Somm. Über alles, was ich wollte. Wie ich wollte. Niemals zensiert, niemals umredigiert.

Bajour: Wer hat an der Uhr gedreht?

Sicher nicht der Duhden.

An Einsatz mangelt es ihnen nicht, den Bajour-Journalist*innen. Minustemperaturen hindern eine Journalistin nicht, die Nacht mit einer bettelnden Romafamilie zu verbringen. Sie lernt: Die Basler*Innen sind dieser Tage nicht sehr spendabel. Der Autorin fröstelt es, der Autorin dämmert es: Basel ist wahrlich keine «Humanist*innenstadt».

Immerhin schreibt sie irgendetwas. Allgemein muss man aber feststellen,  dass die sieben Journalist*innen von Bajour klamme Finger haben. Ihr Output ist geringer als die Spenden für die Romafamilie. Ein Text pro Tag. Mehr geht nicht. Sieht dann aber nicht schön aus auf der Homepage, wenn beim neusten Text steht: «vor drei Tagen publiziert». Bajour kennt das Problem und zaubert es weg. Wie das geht? Ganz einfach: Die Texte werden «aktualisiert». Unter einem zwei Tage alten Texten steht dann zum Beispiel: «vor 10 Minuten aktualisiert». Manche Texte werden vier oder fünfmal «aktualisiert». Was genau aktualisiert wird, erfährt man aber nicht.

Werden vielleicht Rechtschreibfehler korrigiert? Nicht doch. In den Redaktionsräumen sitzen zwar sieben Nasen, aber leider kein Duden. Die Folge ist grawierend. Beispiel Mittwochabend. Die Redaktion schreibt folgenden Lead:

Früher war die Nähmaschiene das wertvollste in Dorothees Besitz. Nun gibt sie sie weiter an eine Mutter mit drei Kindern. Die Wünschen sich auch was, kannst du weiterhelfen?

Vier Fehler, auch nicht schlecht. Wir stellten Bajour schüchtern eine Frage: «Leistet Ihr Euch einen Lektor?» Uns antwortet ein enervierter Hansi Voigt:

Wir haben kein Interesse daran, an Zackbum, die Medienshow, teilzunehmen.

Wird auch nicht verlangt. Aber vielleicht hätten die Gönner und Spender Interesse an den gestellten Fragen.

 

Das Private und das Öffentliche, Teil drei

Es bleiben nur Opfer zurück. Mit einer Ausnahme.

Hier geht’s zu Teil eins und Teil zwei.

Ein zum Helfer von Jolanda Spiess-Hegglin gereifter Boulevard-Journalist will auf abenteuerlichen Wegen ausgerechnet haben, dass «Blick» alleine online über eine Million Franken an seiner Berichterstattung über Spiess-Hegglin verdient habe. Lassen wir die Frage beiseite, wieso derselbe Helfer aus seiner Erfindung «watson» ein Millionengrab machte, wenn man dermassen einfach Geld im Internet scheffeln kann.

Eine Nebenfront als Bedrohung der Pressefreiheit

An einer Nebenfront ist es Spiess-Hegglin auch gelungen, eine superprovisorische Massnahme einstweilen durchzusetzen, die einer Journalistin präventiv verbietet, diverse Themenkomplexe um diese Landammannfeier publizistisch abzuhandeln. Das ist der wohl massivste Angriff auf die Schweizer Pressefreiheit seit dem Zweiten Weltkrieg.

Anstatt dieser Bedrohung für jeden investigativen Journalisten entgegenzutreten, wird dieses Urteil sogar bis in leitende Positionen von Medienkonzernen, zum Beispiel bei CH Media, begrüsst. Obwohl es bedeuten würde, dass jeder Journalist, der sich schon einmal über eine Person oder eine Firma kritisch geäussert hat, befürchten muss, dass er aufgrund eines Fragenkatalogs an dieses Objekt seiner Berichterstattung sofort mit einer Superprovisorischen überzogen werden kann. Was aus Angst um die Folgekosten die Lähmung der investigativen Tätigkeit bedeuten würde.

Das unschuldige Opfer ist allen Besorgten egal

Fast sechs Jahre nach dieser Feier bleiben eigentlich nur Verlierer und Opfer zurück. Zunächst P.K.*, der sich nichts zuschulden kommen liess, im wahrsten Sinne des Wortes unschuldig war und ist. Vielleicht könnte man sein Verhalten moralisch verurteilen, aber dass er gewaltige Kosten hatte, seine politische Karriere beenden musste, Ruf und soziales Ansehen verlor, das hat er sicherlich nicht verdient.

Es gehört zu den Perversionen dieses Falls, dass das völlig unschuldige Opfer allen Anhängern der Verteidigung von unschuldig in die Klauen der Sensationspresse geratenen Menschen schlichtweg schnurzegal ist.

Es gibt noch viel mehr Opfer

Ein weiteres Opfer ist das Ansehen der Zuger Justiz. Schon vorher nicht wirklich hoch, hat sie sich mit der hemdsärmeligen Auslegung des Umfangs der Privatsphäre einer öffentlichen Person an einer öffentlichen Feier nicht mit Ruhm bekleckert. Noch viel weniger mit dem Betreten von rechtlichem Neuland in Form einer präventiven und putativen Zensur von noch gar nicht Geschriebenem. Das ist die zum Leben erwachte Gedankenpolizei Orwells, die Umsetzung des Science-Fiction-Knallers «Minority Report».

Dann natürlich alle als Mitbeschuldigte oder Zeugen in diese Affäre geratenen Gäste, die doch eigentlich nur vor Weihnachten etwas ausgelassen feiern wollten. Dann die Angehörigen der beiden Hauptbeteiligten, die Kinder der Protagonistin, die Familie des unschuldig Beschuldigten.

Nach der Entschuldigung geht’s nur ums Geld

Alleine bei einer Beteiligten fällt es schwer, sie auch und ausschliesslich als Opfer zu sehen. Nachdem sie die von ihr selbst als moralisch wichtigstes Ziel bezeichnete öffentliche Entschuldigung von Ringier bekommen hat, und nun nur noch um Geld streitet, ist sie doch zumindest Opfer und Täterin. Indem sie ihr wohlgesinnte Journalisten exklusiv mit Informationen und Dokumenten anfüttert, wird ihre Behauptung, dass sie eigentlich nur in Ruhe gelassen werden möchte, sehr fragwürdig.

Hansi Voigt rechnet unlängst einen möglichen Gewinn von über einer Million Franken beim «Blick» aus, der mit Artikeln über Spiess-Hegglin erzielt worden sei. In seinem ausführlichen Interview mit Spiess-Hegglins Ehemann, das er im Juli 2017 auf «watson» veröffentlichte, ging er noch von «einem Bruttoumsatz der 19 Top-5-Geschichten von 80- bis 100’000 Franken» aus. Wie er von dieser Zahl inzwischen auf einen siebenstelligen Gewinn kommen will, ist schleierhaft. Aber Faktentreue, die Bestätigung von Aussagen, die er selbst gerade erfunden hat, Widerspruchsfreiheit, das war noch nie seine Stärke.

Luftnummern und realistische Einschätzungen

Nimmt man dagegen eine realistische Schätzung, begründet in Werbeeinnahmen und Erfahrungswerten, kommen Online-Marketingspezialisten auf einen denkbaren Gewinn von – alle erschienenen Artikel berücksichtigt und mit den jeweils obersten Annahmen – maximal 25’000 Franken. Diese Zahl würde auch mit dem damals von Voigt angenommen Bruttoumsatz von lediglich 19 Artikeln über Spiess-Hegglin korrelieren.

Faktenschwäche gilt auch für die von ihm damals vertretene Theorie, dass alle Indizien für die Anwendung von K.-o.-Tropfen bei Spiess-Hegglin, eventuell bei beiden Beteiligten, sprächen. Sie ist völlig aus der Luft gegriffen und widerspricht diametral dem extra erstellten «Plausibilitätsgutachten» eines ausgewiesenen Fachmanns.

Die absurde Logik eines negativen Verdachts

Da angeblich niemand weiss, was sich genau hinter verschlossenen Türen im Restaurant Schiff vor beinahe sechs Jahren abspielte, weil die Beteiligten einen Filmriss geltend machen, weil man hingegen weiss, dass es zu keinerlei strafbaren Handlungen dabei kam, verdichtet sich der unappetitliche Verdacht, dass hier jemand aus einem Filmriss ein Geschäftsmodell gemacht hat.

Denn es ist mit aller Rabulistik nicht möglich, einen sozusagen negativen Verdacht zu behaupten. Also eine Opferrolle mit der Behauptung zu konstituieren, dass es zwar keinen beweisbaren sexuellen Übergriff gegeben habe. Aber damit ja nicht erstellt sei, dass keiner stattgefunden hätte.

Das ist absurde Logik, nach dem Schema: Keine Katze hat zwei Schwänze. Eine Katze hat einen Schwanz mehr als keine Katze. Daher haben alle Katzen drei Schwänze.

*alle Namen der Redaktion bekannt.

Der nachtragende Heuchler, Teil drei

Hansi Voigt kann auch anders Schaden anrichten.

Hier geht’s zu den Teilen eins und zwei.

Die Entscheidung, immerhin 150’000 und eine Entschuldigung abzulehnen, dürfte Spiess-Hegglin noch schwer bereuen, aber dann kann Voigt natürlich nichts dafür, dass ein unverständiges Gericht seinen Berechnungen nicht folgte. Auf jeden Fall beziffert die Anwältin von Spiess-Hegglin den Streitwert ihrer neuen Klage auf ein paar 100’000 Franken; genauer könne man das erst sagen, wenn die genaue Gewinnsumme feststehe.

Nun wird es schon wieder ein Momentchen kompliziert, denn es gibt auch den Verein «Fairmedia». Der hat sich zur Aufgabe gemacht, all denen zu helfen, «die von unfairer Medienberichterstattung betroffen sind», mehr noch, er «prangert an, wenn sich ein Medium nicht an journalistische Standards hält».

Ilustre Schar der Ewiggleichen

Auch hier hat sich im Vorstand eine illustre Schar der Ewiggleichen versammelt. Als Präsident amtet der SP-Nationalrat Beat Jans, unterstützt von seinem Kollegen Jon Pult. Ebenfalls an Bord ist die «Kampagnenspezialistin» Jessica King – und natürlich Guy Krneta als Vizepräsident.

King amtete auch schon als Geschäftsführerin, als das ursprüngliche Duo das Weite suchte, inzwischen ist sie seit Kurzem durch Jeremias Schulthess ersetzt. Ausserdem schmückt sich «Fairmedia» mit einem parteiübergreifenden «Patronatskomitee».

Nun muss man wissen, dass «Fairmedia» Spiess-Hegglin bei deren Crowdfunding-Aktion unterstützte, mit der sie locker über 70’000 Franken für Prozessfinanzierung einsammelte. Auch Hansi Voigt rühmt sich, ihr dabei unter die Arme gegriffen zu haben. Man darf sich aber fragen, was «Fairmedia» eigentlich unternimmt, wenn es selbst gegen einige juristische Standards verstösst.

Wenn Unfairmedia gegen seine eigenen Prinzipien verstösst

Dass «Fairmedia» seine unverbrüchliche Unterstützung für Spiess-Hegglin erklärt, nun gut. Selbst deren Anwältin warnt in ihrer neusten Klage davor, dass sich «Medienschaffende von ihrer Quelle nicht instrumentalisieren lassen dürfen», weil die Gefahr bestünde, von ihr «manipuliert zu werden».

Es wäre interessant, was der Vorstand oder das Patronatskomitee zu dieser Einlassung von «Unfairmedia» sagen würden. Zunächst bejubelt der Verein, dass Spiess-Hegglin vor Gericht «erneut Recht bekommen» habe. Aber wenn schon Voigt nicht versteht, was eine vollumfängliche Ablehnung aller Anträge bedeutet, wieso soll das «Fairmedia» kapieren. Vielleicht empfiehlt sich eine Konsultation bei sich selbst, denn es preist sich auch als «Kompetenzzentrum in Medienrecht und Medienethik» an. Okay, darunter fällt Zivilprozessrecht vielleicht nur am Rande.

Aber «Fairmedia» ist auch so fair, in die Zukunft zu blicken. Denn der Verein stellt die überraschende Frage: «Was das Blick-Urteil mit Michèle Binswanger zu tun hat.» Die kurzgefasste Antwort wäre: rein gar nichts.

Es geht gegen Michèle Binswanger

Aber das wäre ja für eine unfaire, parteiische und zudem falsche Berichterstattung etwas wenig. Bekanntlich hat die durchaus merkwürdige Zuger Justiz tatsächlich eine superprovisorische Verfügung gegen ein noch gar nicht geschriebenes, nur geplantes Buch von Binswanger erlassen.

Da wusste Voigt schon schnell:

«Binswanger auf dem U-Turn der Unschuldsvermutung fussendem Buchprojekt. Das Edgar Schuler in Auftrag gab und von dem sich Supino und Rutishauser distanzieren.»

Wir ahnen es schon, diese Realitätsverweigerung ist nur möglich, wenn man niemanden angefragt hat. Schon wieder hellseherisch den Inhalt eines Buchprojekts kennt, das noch gar nicht geschrieben ist.

Ein einigermassen ernst zu nehmender Journalist hätte Edgar Schuler Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Und zumindest sein Dementi erwähnt. Denn Schuler sagt auf Anfrage von ZACKBUM.ch zweimal «nein». Nicht gefragt worden, nicht beauftragt. Auch die angebliche Distanzierung von Supino und Rutishauser ist frei erfunden. Natürlich wurden auch sie nicht angefragt, deshalb ergreift Arthur Rutishauser hier gerne die Gelegenheit, auch diesen Unsinn richtig zu stellen:

«Ich habe mich nie von der Recherche distanziert. Ein Buch zu schreiben war nie der Auftrag, recherchieren und Artikel zu schreiben jedoch schon. Dafür sind wir bei der Tamedia ja angestellt. Den Entscheid von Michèle, in Ihrer Freizeit daraus ein Buch zu machen, habe ich unterstützt, auch wenn das ein privates Projekt ist.»

Faire Berichterstattung? I wo

Inzwischen fällte das Kantonsgericht das ungeheuerliche Urteil, die Superprovisorische aufrecht zu erhalten. Aber zurück zu Unfairmedia. Die nehmen das damit in keinem Zusammenhang stehende «Blick»-Urteil zum Anlass, sich hämisch zu fragen, worüber Binswanger denn noch schreiben könne. Vielleicht «über das Wetter am Abend, über die Farbe der Eingangstüre oder über das Menü, das serviert wurde».

Das nennt man wohl alles eine vorbildliche, faire Berichterstattung. Aber die ist Fairmedia, Voigt und auch Pascal Hollenstein, der sich als Leiter Publizistik bei CH Media mit Voigt in die Rolle des Mediensprechers für Spiess-Hegglin teilt, völlig egal.

Bei diesem Personal wird das kein gutes Ende nehmen. Ach ja, Peter Wanner sollte sich wirklich fragen, ob es so einen vorbildlichen publizistischen Leiter verträgt. Gisela Oeri sollte sich fragen, ob sie wirklich wieder drei Millionen verrösten will. Zumindest das Patronat von Unfairmedia sollte sich fragen, ob diese Parteilichkeit wirklich mit den Vereinszielen vereinbar ist. Die Antworten liegen auf der Hand.

 

Hansi Voigt bekam einen umfangreichen Fragenkatalog und üppig Zeit, dazu Stellung zu nehmen. Aber wie Angstbeisser teilt er gerne aus, steht aber nicht seinen Mann. Die wiederholte Anfrage blieb unbeantwortet.

Mit zugehaltener Nase zu lesen

Mir wurde geraten, die Tweets von Jolanda Spiess-Hegglin anzuschauen. Das hätte ich nicht tun sollen.

Nach den ersten drei, vier Duftmarken wollte ich eigentlich einen resümierenden Kommentar schreiben. Aber dann wurde es mir übel; daher lasse ich es bei einer kommentarlosen, repräsentativen Zusammenstellung bewenden. Mitsamt den «usual suspects», die Spiess-Hegglin gerne retweetet.

So sieht also die Respektierung von Menschenwürde und Privatsphäre aus. Diese selbstgerechte Heuchelei verfault in der Gesinnungsblase unter Luftabschluss:

Der nachtragende Heuchler, Teil zwei

Nach «20 Minuten» und «watson» nun «bajour»

Hier geht es zum ersten Teil.

Matthias Zehnder und Hansi Voigt machten via «Medienzukunft» der «Stiftung für Medienvielfalt» ihr Projekt schmackhaft, wobei sie die armen Schweine der «TagesWoche» ausstachen. Also macht Voigt jetzt etwas, was er niemals mehr machen wollte: Er ist Co-Geschäftsleiter und Co-Chefredaktor.

So kann bajour.ch stolz vermelden, dass es von der «Stiftung für Medienvielfalt» mit jährlich einer Million gefüttert wird, ebenfalls von der Basler Christoph Merian Stiftung, die sich sonst um Kultur und wertvolle Einrichtungen wie das «Männerbüro» oder die «Suchthilfe» kümmert. Als «Eventpartner» sind eine Weinbar, eine Glacemarke und ein Mineralwasser aufgeführt.

Damit alles seine Ordnung hat, schickt Matthias Zehnder seine Antwort auf die Frage eines Journalisten gleich per cc an die Anwaltskanzlei Kellerhals Carrad; die gehört zu den «grössten und traditionsreichsten Kanzleien der Schweiz». Da werden wir beim Zitieren natürlich kein Komma verändern:

«Hans Voigt und ich haben vom Verein («Medienzukunft», Anm. R.Z.) den Auftrag erhalten, ein Onlinemedium für Basel zu konzipieren und mit Konzept und Businessplan um die Million der Stiftung für Medienvielfalt zu pitchen. Diesen Pitch haben wir gewonnen. Deshalb hat der Verein Medienzukunft Basel Bajour gegründet. Geplant war die Gründung einer gemeinnützigen AG, das ist im Kanton Basel-Stadt aber nahezu ausgeschlossen. Deshalb hat der Verein Medienzukunft Basel den Verein Bajour als operative Gesellschaft für das Medium gegründet. Der Verein Medienzukunft Basel ist also der Trägerverein von Bajour. Hansi ist im fünfköpfigen Vorstand, ich bin Präsident von Bajour.»

Und da soll noch einer sagen, es sei schwierig, in den Basler Daig vorzustossen. Man kann zudem Gönner von bajour werden oder schlichtweg in den «Recherchierfonds» oder anderweitig oder für Kultur spenden. Kein Wunder, Sugimoto weiss noch von der «Republik», dass die «Medienvielfalt» auch gerne für Kultur, also den Aufbau eines «Feuilletons» in der «Republik» oder den Aufbau des Internetauftritts bei der Ostschweizer Kultur-Publikation «Saiten», spendet.

Die einsamen Member von bajour

Aber eigentlich will bajour.ch «Member» dafür begeistern, 40 Franken im Jahr abzudrücken. Früher fand Voigt noch 100 Franken eine realistische Zahl, aber vielleicht hatte er da die Millionenunterstützung noch nicht im Sack.  Für die Member hat es extra einen Zähler im roten Streifen oben links auf der Homepage. Und der zählt und zählt, aber nicht sehr lange. Denn er kommt auch bei verschiedenen Besuchen nicht weiter als auf 1575.

Da Voigt wieder mal Geschäftsführer ist, rechnen wir mal für ihn. Bajour beschäftigt alles in allem 10 Mitarbeiter. Bei Schweizer Löhnen, Arbeitgeberbeiträgen, und so weiter sind das mal 100’000 im Monat, 1,2 Millionen im Jahr. Infrastruktur, Honorare und so weiter gar nicht gezählt.

Lassen wir auch die unbekannte Zahl von Gönnern und Spendern beiseite. Die Member steuern also rund 62’000 Franken bei. Schluck. Und unter 1600, nach einem halben Jahr und viel Trara, au weia. Aber solange gilt: Oeri zahlt ja, ist da kein Anlass zur Panik. Zumindest die nächsten zweieinhalb Jahre. Das entspricht ja auch der üblichen Halbwertszeit von Voigt.

Die Zukunft schon fest im Blick

Wie plant er seine fernere Zukunft, nach dem Abgang von bajour? Keine Bange, der Tausendsassa hat dafür die GmbH «dasnetz.ch» gegründet. Auch hier wollte Voigt offensichtlich nur ungern die Macht teilen. Bei Gründung gab es fünf Gesellschafter mit je 4000 Franken Einlage, wobei der Basler Piero Guicciardi den Geschäftsführer machte.

Dann räumte Voigt auf, inzwischen kontrolliert er die GmbH mit 67 Anteilen, sein Mitstreiter Caspar Zollikofer ist der einzige Überlebende des Gründungsteams, mit 66 Anteilen. Die werden à 100 Franken ausgewiesen, was nach Adam Riese 13’300 ergibt; sind von den zur Gründung einer GmbH nötigen 20 Mille schon knapp 7000 verröstet worden?

Wie auch immer, Voigt brüstet sich hier mit einer beeindruckenden Liste von Referenzen, und zudem hat er ja ein neues Betätigungsfeld gefunden. Er engagiert sich für Jolanda Spiess-Hegglin. Angeblich ohne Honorar, allerdings auch ohne Sachverstand.

Lesen sollte er schon können

So jubelt auch er, wie der gesamte Fanclub, dass Spiess-Hegglin auch vor dem Obergericht gegen den «Blick» gewonnen habe. Voigt muss ja nichts von Zahlen verstehen. Jurist muss er auch nicht sein. Aber lesen sollte er schon können. Er muss sich dabei gar nicht in die umfangreiche Urteilsbegründung vertiefen, ein Blick auf die Pressemitteilung des Zuger Obergerichts, der zweiten Instanz in diesem Fall, hätte genügt. Denn dort schreibt es in aller Deutlichkeit, es «weist die Berufung von Jolanda Spiess-Hegglin vollumfänglich ab».

Also ein vollumfänglicher Sieg, wenn man eine vollumfängliche Niederlage aus der Perspektive von alternativen Fakten betrachtet. Der Berufung des Ringier-Verlags wurde hingegen in den meisten Punkten entsprochen. Lediglich der zentrale Vorwurf, es habe sich um eine Persönlichkeitsverletzung gehandelt, bei der auch kein öffentliches Interesse geltend gemacht werden könne, wurde aufrecht erhalten.

Mit genauso wenig Sachverstand behauptet Voigt, dass der «Blick» nun die Gewinne aus seiner «illegalen» Berichterstattung herausgeben müsse. Aber wer Niederlage nicht von Sieg unterscheiden kann, kann noch viel weniger einen Zivil- von einem Strafprozess unterscheiden.

Zauberwort Gewinnherausgabe

Aber eigentlich geht es Voigt ja nur um das Zauberwort «Gewinnherausgabe». Dazu hat er, selbstverständlich honorarfrei, ein «Gutachten» erstellt. Denn Spiess-Hegglin betritt Neuland, indem sie auch die Gewinne von Online-Artikeln verlangt. Und da kam Voigt, auf abenteuerlichen Wegen (und obwohl ja auch der zweite Beteiligte in fast allen Artikeln vorkam) auf mindestens eine runde Million.

Aber hallo, da erhebt sich natürlich die Frage, wieso er selbst bei «watson» ein Millionengrab hinterliess, wenn es so einfach ist, im Internet Geld zu verdienen. Aufgrund dieser Berechnungen dürfte Spiess-Hegglin das Angebot zur Güte des Verlags abgelehnt haben: 150’000 Franken und eine Entschuldigung.

 

Fortsetzung folgt.

Hansi Voigt bekam einen umfangreichen Fragenkatalog und üppig Zeit, dazu Stellung zu nehmen. Aber wie Angstbeisser teilt er gerne aus, steht aber nicht seinen Mann. Die wiederholte Anfrage blieb unbeantwortet.

Der nachtragende Heuchler

Gegen Hansi Voigt ist ein Wendehals ein charakterstarker Vogel.

Hansi Voigt weiss gestern schon, was morgen geschehen wird. So führte er eine Kolumne in der WoZ über «Die Medienzukunft». Hier spielte er sich als der grosse Medienkenner auf, verteilte harsche Hiebe an alle anderen und wollte wissen, dass Tamedia ihre Zeitungen für eher schlappe 500 Millionen Franken zum Verkauf angeboten habe (Artikel gelöscht).

Dabei liess er sich vom Leitbild jedes schlechteren Journalisten führen: mach dir durch eine Nachfrage beim Betroffenen ja nicht deine Story kaputt. Das fand Tamedia überraschungsfrei nicht komisch und reichte Klage ein. In eigener Sache sofort beleidigt, mopste Voigt: «Kommunikation per Klageandrohung.» Dabei dachte Tamedia wohl bloss: Wenn du vor einem solchen Quatsch nicht mit uns sprichst, dann sprechen wir auch nicht mir dir.

Seit 2017 wird «20 Minuten» nicht mehr gedruckt

Seinen hellseherischen Muskel stellte Voigt früh unter Beweis: «20 Minuten wird noch vier Jahre gedruckt, dann ist Schluss.» Das wusste er schon Anfang 2013. Diese falsche Prognose hatte sicherlich nichts damit zu tun, dass Voigt wenige Monate vorher einen internen Machtkampf verloren hatte, niemals bereit wäre, eine Co-Chefreaktion zu akzeptieren und zu seiner Überraschung auf die Forderung «er oder ich» die Antwort bekam: er, du nicht. Nachtragend sprach er dann von «Verseichtungs-Strategie» im Hause Tamedia, und lobte sich selbst: «Ethische Fragen gehören zu deiner alltäglichen Arbeitspraxis, und du kannst Verantwortung nicht delegieren.»

Also zog Voigt ein Haus weiter und überzeugte Peter Wanner davon, dass ein Gratis-Online-Magazin ohne Printversion die gewinnträchtige Zukunft des Journalismus sei. Schon 2013 fantasierte er davon, dass «watson» vielleicht schon im nächsten Jahr in die schwarzen Zahlen komme. Vorsichtshalber sagte er aber nicht, in welchem Jahr genau. Stattdessen entwickelte sich «watson» zu einem Millionengrab und ist heute noch der Einstellung wohl näher als schwarzen Zahlen.

Nachdem auch Peter Wanner die Geduld mit ihm verlor, erfolgte 2016 nach drei Jahren der nächste Abgang. Wanner sagte damals, offensichtlich schwer genervt, Voigt seine leeren Versprechungen geglaubt zu haben: «Wir wollten Geschäftsführer und Chefredaktion trennen. Voigt nicht.»

Kleine Schrecksekunde im «Medienclub»

Denn er weiss: Wenn der Geschäftsführer was taugt, dann schaut er die Finanzen sehr genau an. Wenn er Voigt heisst, eher weniger. So locker er mit dem Geld von anderen umgeht, so genau schaut er auf sein eigenes. Deshalb gründete er zuerst die Fixxpunkt AG, die als Herausgeberin von «watson» figurierte und bei der Voigt bis zu seinem Abgang im Verwaltungsrat sass. Wodurch er dann seinen Anteil versilbern konnte. Starke Leistung, für ein Millionengrab noch Geld zu bekommen.

Eine veritable Schrecksekunde erlebte Voigt dann in einem Medienclub des Schweizer Fernsehens im Mai 2019. Dort spielte er sich nicht mehr als der grosse Medienguru auf, aber verwandelte sich in einen moralischen Zeigefinger, mit dem er gegen die meisten Medien fuchtelte, ungeheuerlich, was da im Fall Spiess-Hegglin abgegangen sei.

Einen kurzen Moment sprachlos war er dann aber, als der vorbereitete Moderator ihn fragte, wie er diesen U-Turn erklären könne, da bei «20 Minuten» doch auch ziemlich geholzt wurde, nur nicht gegen eine arme Frau, sondern einen reichen Millionenerben. Das gehe ihn eigentlich nichts an, errichtete Voigt schnell eine Verteidigungslinie, das habe sich ja im Print abgespielt, nicht online.

Der Indikativ ist ein Konjunktiv

Daraufhin warf ihm Kurt W. Zimmermann in seiner Medienkolumne vor, dass das schlichtweg gelogen sei. Und zitiert aus dem Urteil des Bundesgerichts: 4 von 6 nicht statthaften Artikeln seien online publiziert worden, mit «schweren, unhaltbaren Vorwürfen». Ein harmloses Muster: «Wie Hirschmann Mädchen flachgelegt haben soll.»

Dabei ist ja wohl auch noch ein Sprutz Frauenverachtung. Wie auch immer, schriftlich angefragt, wusste Voigt, was es nun braucht: Volle Verantwortung übernehmen und «ich entschuldige mich hiermit persönlich und nachträglich». Das hat er von Bill Clinton und anderen Schlingeln gelernt. Zuerst abstreiten und kleinreden, wenn kein Ausweg mehr bleibt, kommt die tapfere Entschuldigung.

Aber auch das konnte Voigt natürlich nicht auf sich beruhen lassen; in der Hoffnung auf das Vergessen behauptete er später, die Entschuldigung sei nur im Konjunktiv erfolgt, und überhaupt, Zimmi fahre da eine Kampagne gegen ihn. Bedauerlich, dass der Chefredaktor und Medienkenner Indikativ und Konjunktiv nicht auseinanderhalten kann.

Eine Million abholen

Jetzt wird’s einen Moment kompliziert. Sein Verhältnis zu Tamedia und CH Media darf man wohl als zerrüttet bezeichnen. Bei Ringier kriegt er auch keinen Fuss in die Türe, die NZZ hat vermieden, den Fehler einer Anstellung oder Beratung durch Voigt zu machen. Wohin also?

Da kam wie gerufen, dass die Basler «TagesWoche», eigentlich nur als Anti-BaZ gegründet, trotz Millionenspenden einer Pharma-Erbin nach vielen Skandalen, aber wenig öffentlicher Aufmerksamkeit, gerade verröchelt war.

Aber die «Stiftung für Medienvielfalt» wollte weiter fröhlich Geld unter die Leute bringen. Also lobte die Stiftung eine Million jährlich aus, mindestens für drei Jahre, danach in der gleichen Höhe, wie die selbst generierten Einnahmen eines neuen Medienprojekts.

Schön, dass man ein Netzwerk hat

Natürlich bewarben sich einige, darunter auch die arbeitslos gewordene Crew der «TagesWoche» selig. Und der «Verein Medienzukunft Basel». Im Vorstand sitzen unter anderen Susanne Sugimoto, Geschäftsführerin  des Theater am Neumarkt in Zürich und Mitbegründerin der «Republik». Und Guy Krneta, «Autor und Mitbegründer von «Rettet Basel».

Das war nach dem Besitzerwechsel bei der «Basler Zeitung» gegründet worden. Denn nun musste Basel vor Christoph Blocher gerettet werden. In diesem Kampf veröffentlichte «Rettet Basel» Hetzartikel über den damaligen Chef der «BaZ»: Der sei «ein Hassprediger im Leerlauf», ein «Schriftleiter von Blochers Gnaden». Leider funktioniert der Link zum ganzen Artikel nicht mehr, also weiss man nicht, was «Rettet Basel» dazu getrieben hat, mit dem Wort «Schriftleiter» Assoziationen zum Dritten Reich in Deutschland herzustellen.

«Rettet Basel» röchelt nur noch vor sich hin, seit nach Blocher die Zürcher Tamedia die BaZ geschluckt hat. Aber es gibt ja immer einen neuen Verein, eben «Medienzukunft Basel». Und der unterstützt den Verein «Bajour». In dessen Vorstand sitzen Matthias Zehnder als Präsident und Hansi Voigt.

 

Fortsetzung folgt.

Hansi Voigt bekam einen umfangreichen Fragenkatalog und üppig Zeit, dazu Stellung zu nehmen. Aber wie Angstbeisser teilt er gerne aus, steht aber nicht seinen Mann. Die wiederholte Anfrage blieb unbeantwortet.

Hansi, aufräumen!

Herr Ober Hansi Voigt, Zahlen bitte!

Mit Zahlen und Journalismus verhält es sich leider häufig wie mit dem Geschwisterpaar PIN und PUK: Wer sie nicht häufig nutzt, vergisst sie leider.

Und damit wären wir schon bei Hansi Voigt. Der mehrfach prämierte Journalist hat vor über vier Jahren Watson verlassen. Seitdem ist es nicht leise um ihn geworden, sondern eher lauter. Talkshow hier, Talkshow dort. Voigts Problem: Noch fehlen ihm mindestens sieben Jahre bis zur Pension.

Voigt schreibt heute im Teenie-Magazin bajour.ch. Da ist er Co-Chefredaktor und sitzt zugleich im Vorstand. Auch wenn es in seinem Kopf so aussieht, wie in einem unaufgeräumten Kinderzimmer, muss man sich keine Sorgen um ihn machen.

Bei Menschen ab 55 ist das eigentlich eine passende Beschreibung einsetzender Demenz. Dem Hans-Jürgen geht es aber gut. Er lacht viel und spielt gerne Schlagzeug.

Über die Texte auf bajour.ch und über Kinderzeichnungen sagt man lieber nichts. Nur manchmal kratzt man sich am Hinterkopf. Zum Beispiel über die vielen Texte, die die Jugendlichen über die Roma-Bettler in Basel schreiben. Die bösen Polizisten knöpfen den Banden nämlich ihr Geld ab! Und dabei kriegen die Bettler im Durchschnitt nur 20 Franken von den lieben Baslerinnen und Basler! Und von den 20 Franken müssen sie Diabetes-Spritzen bezahlen! Und der Rest geht nach Rumänien!

Fähige Chefredaktoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Esprit der übermotivierten Truppe zwar nicht lahmlegen, die jungen Menschen aber etwas zügeln: Zwei Artikel über die Roma-Bande reichen, es braucht nicht deren 20.

Voigt schreibt einen Kommentar zu den Bettlern. Der Artikel hat es in sich. Voigt schreibt unter anderem:

Rumän*innen karren als Lastwagenfahrer*innen zu Dumpingpreisen die Waren auf Europas Strassen hin und her und nähen schnelle Mode für H&M – billiger als Bangladesch. Die Textilindustrie in Rumänien beschäftigt über eine halbe Million Menschen. Den Mindestlohn von 250 Euro zahlen die wenigsten und auch davon kann keine Familie leben. Und das sind Jobs, an welche die Roma, die auch in Rumänien am Rand der Gesellschaft leben, nicht mal herankommen.

Gleich drei Fehler enthält dieser kurze Abschnitt:

  • Der Mindestlohn in Rumänien liegt nicht bei 250 Euro. Gemäss Angaben des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) lag der Mindestlohn im Januar 2020 bei über 450 Euro.
  • Nicht „über eine halbe Million Menschen“ arbeiten in Rumänien in der Textilbranche. Gemäss eines ARD-Artikels vom 20.8.2020 sind eine Viertelmillion in der Textil- und Schuhindustrie beschäftigt.
  • Die Produktionskosten in Bangladesch sollen höher sein als in Rumänien? Quatsch mit Pastrama.

ZACKBUM.ch wollte von Voigt natürlich wissen, ob er freundlicherweise die Daten zu seinen Fakten hat. Voigt: „Ich habe kein Bedürfnis, an ihrer Medienshow teilzunehmen.“ Muss er natürlich nicht. Aber sein Kinderzimmer im Kopf sollte er endlich mal aufräumen. Da sind wir streng. Sonst – ohni Znacht is Bett!