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Mythos «Dickpic»

Wir müssen uns eines sehr unappetitlichen Themas widmen. Das ist bei Jolanda Spiess-Hegglin unvermeidlich.

Vielleicht wissen das viele Leser, Leserinnen und alles Diverse dazwischen nicht. Aber es geht in der Schweiz eine widerliche Unsitte um. Ein unerträglicher Ausdruck dieser sexistischen, männerbeherrschten, frauenfeindlichen Gesellschaft, in der wir hier und heute leben.

Täter sind, das ist hier naturgegeben, ausschliesslich Männer. Opfer sind fast ausschliesslich Frauen, es könnten aber auch Männer darunter sein. Aber das sollen die unter sich ausmachen. Hier geht es immerhin um die Mehrheit in unserer Gesellschaft. Die leidet.

Unter uns Männern. Also unter mir nicht, aber ich muss hier ein Zeichen setzen. Ich muss mich distanzieren. Solidarisieren. Ich kann nicht länger schweigen. Denn es gibt ein Thema, das noch wichtiger ist als der Rahmenvertrag. Noch bedeutender als der Klimawandel.

Männer sind Heuchler, Frauen Opfer

Mit Abscheu tippe ich dieses Wort hin: Dickpics. Nein, Ihr heuchlerischen, lesenden Männer: tut nicht so, als ob ihr das nicht kennt. Das kann nicht sein. Denn schon die Hälfte aller Frauen in der Schweiz hätten so ein Dickpic erhalten. Darunter versteht man die unaufgeforderte Zusendung eines Fotos des männlichen Geschlechts.

Genau, das, was der Stadtammann von Baden gerne von seinen Amtsräumen verschickte. Die Hälfte aller Frauen? Ach was, das Recherchierorgan «zentralplus» ist, nun ja, tiefer in das Thema eingedrungen.

Isabelle Dahinden, die laut Selbstauskunft «Vorurteile bekämpfen möchte, mit Klischees brechen. Minderheiten & Schwachen eine Stimme geben», hat auch mit diesem Vorurteil gebrochen. Denn die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer:

«Dickpics waren bei vielen Mädelsabenden schon Thema. Wohl jede Frau hat schon einmal ein Dickpic – ein Bild eines Penis – bekommen, ohne dass sie danach gefragt hätte. Manche könnten schon ganze Alben damit füllen. Das irritiert, lähmt, hemmt – und löst auch Ekel aus.»

Allerdings. Nicht zuletzt deswegen, weil es noch in der Bildlegende zum Artikel heisst: «Studien zufolge hat fast jede zweite Frau schon einmal ein Dickpic bekommen.» Nun klafft doch zwischen «fast die Hälfte» und «wohl jede Frau» ein Abgrund, den nicht mal das längste Glied zu überspannen vermöchte, wenn ich das so formulieren darf.

Eine umrepräsentative Umfrage

Aber wie auch immer, das ist natürlich eine Sauerei. Allerdings: eine völlig unrepräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat ergeben: kein einziger Mann hat gestanden, schon mal ein Foto seines Gemächts ungefragt verschickt zu haben (angefragt wurde auch keiner). Nun wissen wir ja, dass Männer lügen. Aber auch alle befragten Frauen haben bestätigt, dass ihnen der Anblick eines unverlangt zugestellten Penis-Bildes noch nie den Tag versaut hat.

Aber das muss dann einfach die andere Hälfte gewesen sein. Auf jeden Fall hat die Kämpferin gegen Hassreden im Internet (ja, die gleiche, die einen Wettbewerb um «das Arschloch des Monats» ausrief und gleich auch ihren Lieblingskandidaten bekannt gab), also die nicht ganz widerspruchsfreie Jolanda Spiess-Hegglin hat die Webseite «netzpickcock.ch» gebastelt. Dabei handle es sich um «einen Service vom Verein «#Netzcourage».

Der Service besteht darin, dass diese Webseite einen Anzeigengenerator enthält, mit dem von diesem üblen Männerbrauch betroffene Frauen «innert 60 Sekunden» eine Anzeige herstellen können. Sogar das Porto fürs Einreichen wird grosszügig übernommen. Es braucht nur die Tatwaffe, Angaben zum Besitzer, und ab geht die Strafanzeige.

Unter dem Kleingedruckten im Impressum findet man allerdings diesen Satz:

«Ebenso lehnt sie (#netzcourage, R.Z.) jede Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich durch die Benutzung von netzpigcock.ch ergeben, ab

Verantwortungslose Bombe gezündet …

Das ist ein wohl nicht unnötiger Hinweis, denn auch Falschbeschuldigung ist strafbar. Aber reden wir von den Erfolgen: «Das Tool schlug ein wie eine Bombe. Erst einen Monat im Einsatz, wurden bereits 1178 Anzeigen generiert, wie Spiess-Hegglin auf Anfrage sagt.»

Und zentralplus exklusiv vermelden darf. Wir wollen den Freudentaumel ja nicht mutwillig in Frage stellen; aber rund 1200 Anzeigen nach 30 Tagen? Also rund 40 am Tag? Laut neusten erhältlichen Zahlen leben 4,25 Millionen Frauen in der Schweiz. Und 4,17 Millionen Männer.

Wenn nun bereits jede Frau so eine Schweinerei zugeschickt bekam, muss es offensichtlich unter den Männern Mehrfachtäter geben. Hat nur die Hälfte aller Frauen, da ist die weibliche Wissenschaft noch unsicher, so einen Schweinskram erhalten, dann wären das immer noch mehr als 2 Millionen Betroffene.

Wie man angesichts dieser Zahl behaupten kann, gekleckerte 40 Anzeigen am Tag sei der Beweis, dass das Tool richtig eingeschlagen habe, zeigt die Abgründe zwischen männlicher und weiblicher Logik, die ebenfalls nicht vom längsten …, aber das sagten wir schon.

Wie häufig ist dieses Phänomen nun in der Realität?

Anstatt ein Denunziationstool ins Netz zu stellen, für seine Benützung jede Verantwortung abzulehnen, wäre es doch eine gute Idee, die Häufigkeit dieses Phänomens mal ernsthaft zu eruieren. Denn offensichtlich haben weder alle, noch die Hälfte aller Frauen schon mal unverlangt ein Penisbild zugeschickt erhalten.

Aber das ist natürlich nur eine sexistische, diskriminierende, frauenfeindliche, rechthaberische Ansicht eines unbelehrbaren Machos. Der tatsächlich noch nie im Leben ein solches Foto verschickt hat, ja seines Wissens nicht mal so eins knipste. Aber das salviert ihn natürlich nicht.

 

 

Die unbefleckte Schändung

Das wahre Opfer eines Medienskandals ist ein Mann.

Über Jahrhunderte zerbrachen sich viele Denker den Kopf über der Frage, wie eigentlich eine unbefleckte Empfängnis möglich sei. Unbefleckt von der Erbsünde, eine Jungfrauengeburt, die Jungfrau Maria gebar Jesus, empfangen durch den Heiligen Geist.

Nein, zu dieser kniffligen Frage gibt es nichts Neues beizutragen. Aber es dauerte rund 2000 Jahre, bis ein neues Wunder geschah: das Wunder der unbefleckten Schändung.

Zu Bethlehem gab es damals noch keine Zeitungen

Auch hier gibt es einige Unklarheiten. War es eine Vergewaltigung, eine Schändung, ein sexueller Missbrauch? Gab es Falschbeschuldigungen, wurde das eigentliche Ereignis durch die Medien perpetuiert? Glücklicherweise gab es ja zu Bethlehem noch keine Zeitungen, man stelle sich vor, was da alles herumgeboten worden wäre.

Im neuzeitlichen Fall ist es aber so, dass die, nun ja, dass das Opfer gerade wieder einmal betont hat, dass sie den als mutmasslichen Täter herumgebotenen Mann «ausdrücklich und zum wiederholten Male nicht» beschuldige. Das muss das Opfer einer unbefleckten Schändung auch sagen, denn es hat sich verpflichtet, «sich ab sofort in keiner Weise mehr so zu äussern, dass daraus bei Dritten irgendwelche Vermutung entstehen oder impliziert werden kann, dass sie je Opfer eines strafbaren Verhaltens, begangen durch P.K.*, geworden sein könnte».

Das eine Opfer war naiv

Mit diesem Vergleich entging das eine Opfer einer weiteren Verfolgung durch das andere Opfer in Sachen Ehrverletzung und so.

Nun haben es Märchen, mit Logik und Rationalität eigentlich nicht zu erklärende Vorkommnisse, so an sich, dass sie mit viel Gehirnschmalz und gewaltigen Anstrengungen mit einer ganzen Wolke von möglichen Erklärungen, Theorien, mit Rabulistik, Vermutungen und Strapazierung von Logik und Schlüssigkeit umhüllt werden.

So sagt Opfer P.K. bitter: «Vielleicht war es einfach naiv von mir, zu glauben, dass ein Ehrenwort etwas gelten sollte.» Denn es hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass das andere Opfer sich zwar an den Teil «begangen durch P.K.» hält. Das hindert es aber nicht daran, sich als Opfer «eines strafbaren Verhaltens» zu sehen. Wobei in diesem Zusammenhang mittelalterliche Sophisten, ja ein Thomas von Aquin vor Neid erblassen würden.

Ohne Täter auch kein Opfer

Denn die Formulierung, dass hier P.K. ausdrücklich nicht beschuldigt werde, ist ungefähr so sinnvoll wie der schöne Satz: «Ich sage ja ausdrücklich nicht, dass Sie ein Idiot sind.» Denn es hilft ja nichts; wo es ein Opfer gibt, muss es einen Täter geben. Wenn jemand sexuell missbraucht wurde, geschändet wurde, einen Übergriff erleiden musste, einen Verstoss gegen seine körperliche Integrität, dann ist etwas unabdingbar nötig: ein Täter.

Ohne Täter kein Opfer. Ohne Schänder keine Schändung. Ohne Vergewaltiger keine Vergewaltigung. Ohne Übergriffigen kein Übergriff. Ohne K.-o.-Tropfen keine Willenlosigkeit. Ohne Missbraucher kein Missbrauch. Ohne Filmriss kein Dunkel über Ereignissen.

War’s Zeus oder gar der Heilige Geist?

Wenn hier notwendig der Logik gehorchend «tertium non datur» gelten muss, also etwas Drittes gibt es nicht, dann kann, ausserhalb von Wunderglauben, unbefleckter Schändung und Zauberkräften nur ein Entweder-Oder gelten: Wenn P.K. ausdrücklich nicht beschuldigt wird, aber die Beschuldigung aufrechterhalten wird, dann muss es jemand anders gewesen sein. Nur: wer? Es gibt bekanntlich keine Anhaltspunkte, die auf einen bislang noch nicht entdeckten Täter hinweisen. Daraus folgt, wenigstens für Gläubige, nur eine mögliche Erklärung: Es war entweder der einschlägig bekannte Zeus – oder der Heilige Geist.

*Name der Redaktion bekannt.