Beiträge

Neue Sitten im Hause NZZ

Abgänge von Chefredaktoren waren auch schon mal geräuschloser.

Hugo Bütler war der letzte ordentliche Chefredaktor des 1780 gegründeten Blatts. Er amtierte von 1985 bis 2006. Vorsitzender der NZZ-Gruppenleitung blieb er noch ein Jahr länger. Niklaus Meienberg witzelte über sein Kürzel bü., dass das für Bürgertum stehe. So sehr verkörperte Bütler in Stil und Auftreten die Schicht, für die die NZZ gemacht wurde.

Freisinn, Filz, Bourgeoisie, enge Bande zwischen Wirtschaft, Finanzplatz und Redaktion sowie Verwaltungsrat. Aber dann kam die Finanzkrise eins, das Grounding der Swissair, die Finanzgötter Marcel Ospel und Lukas Mühlemann (Multi-VR) schrumpften zu Zwergen, mitsamt dem FDP-Filz.

Das hatte Markus Spillmann abzufedern, Bütlers Nachfolger. Ende 2014 wurde er selbst gefedert; der erste nicht freiwillige Abgang seit Gründung der alten Tante. Seither amtiert Eric Gujer mit eiserner Hand. Er hat es bereits geschafft, die eingeführte Trennung zwischen Chefredaktor und Geschäftsführer faktisch aufzuheben. Nachdem es auch dort zu Flops kam, ist der aktuelle CEO Felix Graf mehr der Mann am Fenster, der Frühstücksdirektor.

Neue Flugzeiten für Chefredaktoren

Nun ist’s auch der NZZamSonntag passiert. Felix E. Müller war von der Gründung bis zu seiner Pensionierung Chefredaktor. Nach einem Abstecher zur «Weltwoche» war er von 2002 bis 2017 am Gerät. Seither versucht er sich als Medienkritiker und Buchautor. Die Meilensteine: «Ein Zürcher Quartier und seine Zunft», «Wie ich die Krise erlebte», eine liebedienerische Gesprächsreihe mit Bundesrat Alain Berset.

Sein Nachfolger (nein, nicht Bersets) wurde Luzi Bernet, ein altgedientes Schlachtross der NZZ und NZZaS. Aber Anfang März wurde er nach eigenem Bekunden plötzlich «auf null runtergebremst». Also mit knappem Dank entlassen. Man konnte sich offensichtlich bislang nicht mal auf ein Trostpöstchen einigen, was mit einem wolkigen «Zukunft unkar, in Gesprächen» umhüllt wird. Entweder ist das Angebot finanziell unattraktiv, oder Bernet zu angesäuert.

Es werden interessante Zeiten kommen

Der Name seines Nachfolgers verspricht eine Fortsetzung von interessanten Zeiten auf der NZZaS-Redaktion: Jonas Projer, vormalig Leiter «Blick»-TV, vormalig langjähriger Mitarbeiter von SRF. Kann der überhaupt schreiben, hat der überhaupt das Niveau, will der nun alles digitalisieren und verfilmen? Das sind nur einige der Vorschusslorbeeren, die die wie immer grünneidischen Kollegen auf seinen Weg streuen.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Wahl des Verwaltungsrats diesmal klappen muss. Denn Ende 2014 wurde die NZZ kräftig durchgeschüttelt, als durchsickerte, dass der VR Markus Somm als Nachfolger von Spillmann ausgeguckt hatte. Mit geradezu revolutionär-rebellischem Mut schäumte die ganze Redaktion auf. 60 Korrespondenten und 163 Redaktoren appellierten an den VR, ja nicht einen Nationalkonservativen zum Chef zu machen.

Der damalige Nachrichtenchef Luzi Bernet, Inlandchef René Zeller, Bereichsleiterin Colette Gradwohl, die Interimsspitze, drohte mit Rücktritt. Gradwohl verabschiedete sich dann in die Frühpensionierung, Zeller zur «Weltwoche». Nur Bernet machte weiter Karriere. Geplant waren noch weitere Protestmassnahmen, wie die NZZ-Frontseite für einmal weiss und blank erscheinen zu lassen, der nicht unlustige Hashtag «#NZZgate: Some like #Somm not» wurde in Umlauf gebracht.

Krisensitzung des Verwaltungsrats, der – ohne die Redaktion zu informieren – Somm bereits einstimmig inthronisiert hatte. Ein zerknirschter VRP Etienne Jornod, der bei der Bekanntgabe des Abtritts von Spillmann den Namen des bereits gewählten Nachfolgers verschwieg, musste sich bei der Redaktion entschuldigen.

Dann galt der mächtige Feuilleton-Chef Martin Meyer als Nachfolger, im Aktionariat der NZZ wurde gegrummelt, dass die «offensichtliche Unfähigkeit» des VR unbedingt thematisiert werden müsse.

Wahl auf Nummer sicher?

Mit Eric Gujer wurde dann ein knochentrockener Rechtsausleger aus dem Hut gezaubert, der sich mit unheimlichem Fleiss daran machte, seine Machtposition auszubauen. Was ihm inzwischen so vollständig gelungen ist, dass selbst eine Fastenkur mit seiner Gattin, die sich in einem huldvoll gewährten Interview Gujers im Hotel-Blog und einem zweiseitigen Jubelartikel seiner Frau in der NZZ niederschlug, zu keinerlei hörbarer interner Kritik führte.

Bei der NZZ hat man ein langes Gedächtnis, es ist sicher, dass weder Jornod noch der übrige Verwaltungsrat die damalige Rebellion von Bernet vergessen hat; und einem sonst erfolgsverwöhnten Chef wie Jornod brennt sich eine Entschuldigung sicherlich ganz tief in die Hirnwindungen ein.

Rache hat ein langes Gedächtnis …

Zeller ist inzwischen verstorben, Gradwohl längst pensioniert. Da blieb nur noch einer übrig, an dem Rache genommen werden konnte. Während Gujer natürlich die Gelegenheit benützen will, seinen Machtanspruch endgültig auch auf die NZZaS auszudehnen. Dazu kommen rückläufige Verkäufe, die übliche Misere dank Corona, eine verunsicherte und misstrauische Redaktion.Plus mehr als fünf Monate Wartezeit bis zur Inthronisierung. So etwas hält eigentlich nur Prinz Charles aus.

Wäre eine Variante der Verfilmung von Projers Abenteuer.

Einziger Trost zurzeit für Jonas Projer: die «Mission Impossible» im Film wird jeweils doch erfolgreich absolviert. Und entfernte Ähnlichkeiten – ausser in der Körpergrösse und hoffentlich der religiösen Ausrichtung – mit Tom Cruise sind doch vorhanden. Nur, wenn wir einen Rat geben dürfen, der Spitzbart muss ab. Und dann Helm auf!

«Wir müssen und wir werden Erfolg haben»

Sagt der VR-Präsident der NZZ über seine Strategie. Nur: welche hat er?

Es ist immer, nun ja, ein wenig heikel, wenn ein Oberchefredaktor seinen Oberboss interviewt. Auch wenn es nur sein halber ist, da Etienne Jornod und die NZZ zur Hälfte an CH Media beteiligt sind.

Also buchen wir die ersten Fragen unter Warmlaufen ab, oder allenfalls als Schleimspur, auf der Patrik Müller dann zu den wichtigen Fragen rutscht.

«Super-Entscheid», «die Entwicklung ist phänomenal», «ich geniesse hier jeden Tag, um unsere Strategie weiter mitzuschärfen und umzusetzen». Das ist alles wunderbar, und man kann nur hoffen, dass Jornod von Natur aus zu einem heiteren Gemüt neigt und dafür nicht irgendwelche Pillen einwerfen muss.

Die Strategie, einfach gesagt

Nach dieser Portion Optimismus wagen sich nun die Interviewer zur entscheidenden Frage vor: Wie sieht denn diese mitgeschärfte und umgesetzte Strategie aus, «in wenigen Worten»? Na, kein Problem für Jornod:

«Die NZZ muss so gut sein, dass man sie unbedingt braucht. Dass sie unverzichtbar ist.»

Das ist mal eine Strategie, von der wir alle uns eine geschärfte Scheibe abschneiden sollten. Wer hätte das vor Jornod gedacht, dass ein Produkt so gut sein sollte, dass man es unbedingt braucht. Hätte man das nur schon vorher gewusst, hätten sich viele Unternehmen Probleme oder gar den Bankrott ersparen können. Denn sie versuchten immer nur, Produkte herzustellen, die nicht so gut sein mussten, damit man sie unbedingt braucht.

Nachdem das mit der Strategie nun geklärt ist, was muss denn weiter umgesetzt werden? Auch dazu hat Jornod eine allgemein verständliche Antwort:

«Wir brauchen mehr Informationen darüber, was unsere Leser genau wollen.»

Sehr richtig, denn wenn man das nicht weiss, dann wird’s natürlich schwierig.

Wenn man das allerdings weiss, dann ist’s wie bei Frédy Girardet. Das ist nun ein so kühner Gedankengang von Jornod, dass wir etwas erklären müssen. Girardet war ein 3-Sterne-Koch in Crissier, der sein Lokal 1996 verkaufte. Zuvor verlangte er schon zu der «Uni-Zeit» von Jornot 200 oder 300 Franken für ein Menü. Das habe man damals als verrückt bezeichnet, erinnert sich Jornod an seine Studentenzeit. Vielleicht hätte er damals mal einen Abstecher zu Max Kehl machen sollen.

1800 Franken für ein Jahresabo? Kein Problem

Aber wie auch immer, was haben vergangene kulinarische Höchstleistungen mit der NZZ zu tun? Ganz einfach:

«Fünf Franken pro Tag liegen drin, um klüger zu sein.»

Nun müssen aber die Interviewer kurz den Taschenrechner gezückt haben und fragen deshalb, ob denn 1800 Franken für ein Jahresabo wirklich möglich sei. Da weicht Jornod gern ins Ungefähre aus und meint, dass eine Anpassung nach oben doch realistisch sei, bei «unserem Leistungspaket».

Spätestens hier hätte ich als Mitarbeiter der NZZ echt Schiss. Denn wenn mein für Strategie und Ausrichtung des Unternehmens verantwortlicher VR-Präsident einen solchen Stuss erzählt, wie soll es denn gut enden? Die NZZ hat tatsächlich mehr Abonnenten als zum Amtsantritt Jornods, wie der erfolgsverwöhnt vermeldet. Dass das allerdings im Wesentlichen auf Gewinne von Schnupper- oder Online-Abonnements zurückzuführen ist, während die NZZ schon heute Mühe hat, über 800 Franken für das Print-Abo zu bekommen, hier deshalb die Zahlen abnehmen, warum soll sich ein VR-Präsident von solchen Kleinigkeiten die gute Laune verderben lassen.

Es gibt nur einen alternativlosen Plan A

Richtig weiche Knie bekäme ich bei der Antwort auf die Frage, ob es auch einen Plan B gebe, wenn das mit den Abos nicht klappt:

«Es gibt keinen Plan B. Wir müssen und wir werden mit unserer Strategie Erfolg haben.»

Die letzten Male, als es keinen Plan B gab und der Plan «A wie alternativlos» Erfolg haben musste, klatschte die Swissair in den Boden, und die Credit Suisse überlebte den versuchten Umbau zur Allfinanzbank nur knapp.

Da Jornod das Präsidium der NZZ nicht ganz auslastet, hat er sich vor Kurzem noch ein Pharmaunternehmen namens OM Pharma gepostet, für 435 Millionen Franken. Wie würde der 67-Jährige also sein bisheriges Lebenswerk umschreiben?

«Angefangen als Drogist, haben wir aus einen Grosshändler eine Apothekenkette gross gemacht, danach eine Pharmafirma aufgebaut und schliesslich eine Zeitung weiterentwickelt. Jetzt folgt eine Biotechfirma.»

Weiterentwicklung ist ein interpretierbares Wort

Abgesehen davon, dass sich bei CH Media die Auflösung des Korrektorats schmerzlich bemerkbar macht: Der Fehlgriff mit dem ersten CEO Veit Dengler, der Flop in Österreich, die missglückte Inthronisierung von Markus Somm, der kühne Versuch, mit weniger Angebot höhere Preise zu verlangen, das kann man man nur begrenzt als «Weiterentwicklung» verkaufen.

Aber wie Philippe Bruggisser mit seiner gescheiterten «Hunter»-Strategie, wie Lukas Mühlemann mit seiner gescheiterten Allfinanzbank-Strategie – das Schlimmste, was Jornod passieren kann, ist ein nicht so ehrenhafter Abgang. Ob ihn allerdings die NZZ überleben wird, ist zu hoffen, aber nicht ganz sicher.