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Republikanische Spitzenleistung

Die tun was. Für das Geld der Verleger. 66’702 Anschläge. An einem sonnigen Samstag. Wahnsinn. Wenn man nur am Inhalt arbeiten würde …

Es ist wirklich nicht so, dass der «Republik»-Verleger nicht ab und an was für sein vieles Geld kriegen würde, das er in die Rettung der «Republik», Pardon, der Demokratie, steckt. Also zumindest quantitativ gibt es nur zu loben.

Samstag, 12. Juni. Zwischen 4.48 h und 5.00 h scheppert es nur so auf der Webseite des Organs der ungepflegten Langeweile. Alles schon wach dort? Eher nicht, das kann man so programmieren, und wozu hat man sich eine schweineteure Insellösung eines CMS geleistet.

Gut, fast 9000 Anschläge werden schon mal verbraucht, um die übrigen 56’000 anzupreisen. Vielleicht ein kleiner Overkill, aber wenn man schon die Tinte nicht halten kann …

Vorsichtige Annäherung an Wortgebirge

Wie wollen wir uns dem Gebirge nähern? Nun, mutig mit der Erstbesteigung des grössten Buchstabenhügels. Wissenschaft und Politik, ein «explosives Verhältnis, wie die Pandemie» zeige. Das ist nun ein Thema, das seit Beginn wissenschaftlicher Forschung beackert, umgepflügt, gesiebt, geschüttelt, gewürgt, kritisiert, exemplifiziert und überhaupt toter als tot geschrieben wurde.

Aber da gilt naürlich auch: wenn alle schon alles darüber gesagt haben, ist das doch kein Grund, dass Michael Hagner nicht auch noch 26’000 Buchstaben drüberstreut. Schliesslich ist er ETH-Professor für Wissenschaftsforschung, und so ein Essay rutscht ihm an einem langweiligen Beamtenvormittag in den Computer.

Er stellt nochmal die grundlegenden Fragen:

«Wie viel Diktat verträgt Forschung? Und wie viel Wahrheit Politik?»

Um dieses Spannungsfeld, wie wir Poststrukturalisten sagen, um diese interagierende Systeme, um mit Luhmann zu sprechen, an einem Beispiel zu exemplifizierne, wie es seit Popper Brauch ist, wärmt Hagner nochmal die Story auf, dass der ungarische Präsident Orbán über die Existenz einer von George Soros gegründeten und finanzierten Uni in Budapest nicht richtig glücklich war.

Oder um es ganz wissenschaftlich wie Hagner auszudrücken: «Es war unvermeidlich, dass die lebendige, über die Grenzen Europas hinaus orientierte Universität ein Pfahl im Fleisch des nationalistischen Minister­präsidenten Viktor Orbán werden würde. Und das keineswegs nur, weil der vom Rechtsaussen­populisten offen antisemitisch attackierte Soros die Institution weiterhin unterstützte.»

Denn, was wollte die Uni? Na, das, was sie «gemäss Universitäts­theoretikern von Wilhelm von Humboldt bis Jacques Derrida tun soll»: lehren und forschen. Bedauerlich nur, dass es die vereinten Anstrengungen von Humboldt (1767 – 1835) und Derrida (1930 – 2004) sowie so vieler Geistesgrössen dazwischen brauchte, um diese Erkenntnis aus den Bergwerken des geistigen Schürfens ans Tageslicht zu befördern.

Können wir irgend eines neuen Gedanken Blässe in diesem Essay erahnen?

  • «Soziologe Robert Merton»
  • «STEM-Fächer»
  • «der Bakteriologe und Wissenschafts­soziologe Ludwik Fleck»
  • Was ist eine Uni? «Eine Gemeinschaft der Forscher beziehungs­weise Dozentinnen, der Studenten und natürlich auch jener, die den Betrieb Tag für Tag ermöglichen. Ohne all diese Angehörigen ist die Universität – nichts.»
  • «War Immanuel Kants durchaus politische Schrift «Der Streit der Fakultäten» nun seine Privat­meinung oder eine Stellung­nahme des berühmten Königs­berger Philosophie­professors?»
  • «renommierte Historikerin wie Ute Frevert»
  • «der Boden für eine neue Differenzierung bereitet: jene von innovations­relevantem und innovations­irrelevantem Wissen, begleitet von einer forcierten Delegitimierung des letzteren».
  • Und dann noch die AfD, die Schweinebacken: «die andere Partei fordert genau das für deutsche Universitäten, was in Orbáns Ungarn gerade passiert: die Gender Studies als akademisch verankerte Disziplin auszumerzen.»
  • Während in der Schweiz die SVP ebenfalls die Axt an die Schweizer Geisteswissenschaften lege.

Irgend ein Anzeichen, dass des Gedankens Blässe über einer neuen Erkenntnis schwebt? Aber nein, damit will der Professor doch den «Republik»-Leser nicht an einem Samstagmorgen vom Beladen des SUV für den Ausflug in die Natur abhalten. Aber immerhin entlässt er uns mit einem Brüller in den Alltag:

«In einer früheren Version haben wir beim Akronym STEM das «M» der Medizin zugeschrieben, richtig ist die Mathematik. Wir bedanken uns für den Hinweis aus der Verlegerschaft.»

Das ist ungefähr so peinlich, wie wenn ein Autojournalist korrigieren müsste: In einer früheren Version habe ich das P in PS dem Pudel zugeschrieben, richtig ist das Pferd.

Von ganz oben nach ganz unten

Steigen wir aus der dünnen Luft höchster Wissenschaftlichkeit in die Niederungen dumpfster Kommentierung der aktuellen Politik:

«Die globale Mindeststeuer für Konzerne steht vor dem Durchbruch. Die Schweiz wird mittun müssen. Schlimm? Im Gegenteil.»

Von wem kann ein solcher Satz sein, an dem schlichtweg alles falsch ist? Genau, da kann es nur einen geben. Die schreibende Schmachtlocke. Der unermüdliche Zeichen- und Fanalsetzer. Der immer grandios alles Besserwisser. Der ewig erhobene Mahn- und Zeigefinger. Der one and only Daniel Binswanger. Was er uns dann mit 10’000 Anschlägen sagen will? Wir sparen uns die sonst verschwendete Lebenszeit.

Dann bliebe noch der 21’000-Riemen

«Obduktion einer vergeigten Kampagne. Wie konnte man eine derart klare Sache nur vermasseln?»

Die Rede ist vom CO2-Gesetz. Mitautor ist das political animal Constantin Seibt. Wollen wir es uns antun, wie er mit einem weiteren Sprachdurchfall einen Artikel vergeigt und vermasselt? Bei dem Wetter, das am Wochenende herrschte? Eben.

 

 

Präsident Zack-Bumm und Leiter zack-dumm

Christof Münger hat sich ein Essay zu vier Jahren Trump abgerungen.

Als «Leiter TA Ressort International»* ist Münger dafür prädestiniert, Recht zu haben. Oder zumindest rechthaberisch zu sein. Wenn er allerdings schon im Titel seines Essays «Präsident Zack-Bumm» unseren Namen missbraucht, kann man nur hoffen, dass er bum falsch geschrieben hat, um einem allfälligen Plagiatsvorwurf zu entgehen.

Ein Essay war einmal, früher, wohl vor der Geburt von Münger, ein anspruchsvolles und angesehenes Gefäss, in dem sich grosse Geister ein Stelldichein gaben. Heute ist es Münger, der die Bezeichnung auf ihre reine Übersetzung zurückschrumpft: ein Versuch.

Münger marschiert unter der Latte durch

Ein misslungener Versuch; aber während man im Stabhochsprung nochmal probieren darf, wenn man die Latte gerissen hat, marschiert Münger einfach ungebremst unter der Latte durch, versucht dabei nicht mal einen kleinen Hopser.

Was kann man also in einem Essay über vier Jahre Trump über den US-Präsidenten Tiefschürfendes sagen? Er blieb im Amt «entfesselt, ungezügelt, hemmungs- und rücksichtslos».

Geht’s noch essayistischer? Sicher: «Donald Trumps Präsidentschaft gleicht einem real gewordenen Comic mit ihm in der Hauptrolle – als Superheld oder Superschurke, je nach Sichtweise.»

Was an Trump alles gross ist und an Münger nicht

Was für eine Metapher, das Wesen des Präsidenten wortmächtig verdichtet, mit diesem Schuss Selbstzweifel «sie gleicht» ja nur einem Comic, kann sich der Versuchende noch steigern? Locker:

«Bei Trump ist alles «big, big, big», ein permanenter Superlativ, von seinem Penis bis zum Trump-Tower.»

Dort kündigte er seine Kandidatur für die Präsidentschaft an. Nein, nicht mit seinem Penis, in seinem Trump-Tower: «Begleitet hat ihn Melania, seine dritte attraktive Gattin.»

O Schande, da gerät der Essayist doch leicht ins Sabbern und man fragt sich unwillkürlich, ob er selbst wohl keinen Tower hat, keine attraktive Gattin und auch keinen, aber lassen wir das.

So geht das nun wahrlich in Blei gegossene rund 18’000 Buchstaben weiter, dabei erscheint das Essay gar nicht in der «Republik», sondern wird von allen Tamedia-Kopfblättern übernommen.

Münger macht den umgekehrten Trump

Münger gelingt dabei das Kunststück, aber unabsichtlich, daher zählt das nicht, sozusagen den umgedrehten Trump zu geben. Während der alles an sich «big» findet, findet Münger alles an ihm medioker, billig, eigensüchtig, klein. Alles, ausser die Anzahl seiner Lügen: Bislang 20’000 mal, hat Münger von Hand nachgezählt. Ach, nein, hat er die «Washington Post» zählen lassen.

Nur mit anderen Irren kann Trump einigermassen, daher seine Sympathie für den kleinen Dicken mit der merkwürdigen Frisur aus Nordkorea, der zwar auch einen roten Knopf hat, aber Trump hat natürlich den grösseren. «Hier hatten sich zwei gefunden», greift Münger in die Harfe.

Einen Erfolg muss Münger einräumen

Hat er denn überhaupt nichts erreicht in diesen vier Jahren? Nun ja, die diplomatische Anerkennung Israels durch die ersten arabischen Staaten, daran kann Münger nicht vorbeihuschen. Also muss er es in den Schraubstock stecken: Das seien alles arabische Länder, mit denen Israel keinen Krieg geführt habe. Und der Nahostkonflikt sei auch noch nicht gelöst, mäkelt Münger.

Dass Trump hier etwas gelungen ist, an dem all seine Vorgänger scheiterten, selbst der Friedensnobelpreisträger Obama, das würde wohl den Rahmen dieses Essays sprengen.

Aber nicht die Erwähnung, wie garstig Trump die deutsche Bundeskanzlerin abgebürstet und ignoriert habe. Zum Antrittsbesuch gab er ihr nicht mal die Hand, jammert Münger. Was die Schweizer Leser natürlich ungemein interessiert.

Kann man den Gehalt dieses Essays zusammenfassen?

Wir versuchen uns an einer Zusammenfassung dieses Epos. Dabei hilft ungemein, dass sein Inhalt und Gehalt erst unter der Lupe erkennbar wird. Trump ist eine Schande, eine Pfeife, ein Lügner, narzisstisch, unfähig, spuckt immer grosse Töne und liefert nie was. So kondensiert Münger seine vier Jahre Trump-Erfahrungen als nun ja, als Leiter des «TA-Ressort International», was ein Euphemismus ist für «wir nehmen sonst aus den deutschen Artikeln die ß raus und kürzen sie auf Schweizer Längen ein».

Aber immerhin, nach seiner Karriere als Primarschullehrer promovierte Münger als Historiker dann über die Berlin-Krise, «wofür er längere Zeit geforscht hat, u.a. in den USA». Na dann; wer vor vielen Jahren John F. Kennedy sagen hörte «ick bin ein Berliner», der ist geradezu überqualifiziert bei der Beurteilung des aktuellen US-Präsidenten.

Welcher Superheld heisst denn Zack-Dumm?

Nur: Wie erklärt denn der USA-Kenner Münger der Welt und sich selbst, dass rund die Hälfte aller Amis finster entschlossen sind, diesen Totalversager, diese Karikatur eines Präsidenten, diese Comic-Gestalt, wiederwählen zu wollen? Sind das etwa alles Comic-Leser? Und welche Figur in der Galerie der Superhelden heisst denn Zack-Bumm? Aber da bleibt der Essayist leider dunkel und verschwiegen. Schade aber auch.

 

*In einer früheren Version hiess es, Münger sei Co-Leiter des Auslands-Ressorts von Tamedia. Er ist aber der Leiter.