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Neue Sitten im Hause NZZ

Abgänge von Chefredaktoren waren auch schon mal geräuschloser.

Hugo Bütler war der letzte ordentliche Chefredaktor des 1780 gegründeten Blatts. Er amtierte von 1985 bis 2006. Vorsitzender der NZZ-Gruppenleitung blieb er noch ein Jahr länger. Niklaus Meienberg witzelte über sein Kürzel bü., dass das für Bürgertum stehe. So sehr verkörperte Bütler in Stil und Auftreten die Schicht, für die die NZZ gemacht wurde.

Freisinn, Filz, Bourgeoisie, enge Bande zwischen Wirtschaft, Finanzplatz und Redaktion sowie Verwaltungsrat. Aber dann kam die Finanzkrise eins, das Grounding der Swissair, die Finanzgötter Marcel Ospel und Lukas Mühlemann (Multi-VR) schrumpften zu Zwergen, mitsamt dem FDP-Filz.

Das hatte Markus Spillmann abzufedern, Bütlers Nachfolger. Ende 2014 wurde er selbst gefedert; der erste nicht freiwillige Abgang seit Gründung der alten Tante. Seither amtiert Eric Gujer mit eiserner Hand. Er hat es bereits geschafft, die eingeführte Trennung zwischen Chefredaktor und Geschäftsführer faktisch aufzuheben. Nachdem es auch dort zu Flops kam, ist der aktuelle CEO Felix Graf mehr der Mann am Fenster, der Frühstücksdirektor.

Neue Flugzeiten für Chefredaktoren

Nun ist’s auch der NZZamSonntag passiert. Felix E. Müller war von der Gründung bis zu seiner Pensionierung Chefredaktor. Nach einem Abstecher zur «Weltwoche» war er von 2002 bis 2017 am Gerät. Seither versucht er sich als Medienkritiker und Buchautor. Die Meilensteine: «Ein Zürcher Quartier und seine Zunft», «Wie ich die Krise erlebte», eine liebedienerische Gesprächsreihe mit Bundesrat Alain Berset.

Sein Nachfolger (nein, nicht Bersets) wurde Luzi Bernet, ein altgedientes Schlachtross der NZZ und NZZaS. Aber Anfang März wurde er nach eigenem Bekunden plötzlich «auf null runtergebremst». Also mit knappem Dank entlassen. Man konnte sich offensichtlich bislang nicht mal auf ein Trostpöstchen einigen, was mit einem wolkigen «Zukunft unkar, in Gesprächen» umhüllt wird. Entweder ist das Angebot finanziell unattraktiv, oder Bernet zu angesäuert.

Es werden interessante Zeiten kommen

Der Name seines Nachfolgers verspricht eine Fortsetzung von interessanten Zeiten auf der NZZaS-Redaktion: Jonas Projer, vormalig Leiter «Blick»-TV, vormalig langjähriger Mitarbeiter von SRF. Kann der überhaupt schreiben, hat der überhaupt das Niveau, will der nun alles digitalisieren und verfilmen? Das sind nur einige der Vorschusslorbeeren, die die wie immer grünneidischen Kollegen auf seinen Weg streuen.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Wahl des Verwaltungsrats diesmal klappen muss. Denn Ende 2014 wurde die NZZ kräftig durchgeschüttelt, als durchsickerte, dass der VR Markus Somm als Nachfolger von Spillmann ausgeguckt hatte. Mit geradezu revolutionär-rebellischem Mut schäumte die ganze Redaktion auf. 60 Korrespondenten und 163 Redaktoren appellierten an den VR, ja nicht einen Nationalkonservativen zum Chef zu machen.

Der damalige Nachrichtenchef Luzi Bernet, Inlandchef René Zeller, Bereichsleiterin Colette Gradwohl, die Interimsspitze, drohte mit Rücktritt. Gradwohl verabschiedete sich dann in die Frühpensionierung, Zeller zur «Weltwoche». Nur Bernet machte weiter Karriere. Geplant waren noch weitere Protestmassnahmen, wie die NZZ-Frontseite für einmal weiss und blank erscheinen zu lassen, der nicht unlustige Hashtag «#NZZgate: Some like #Somm not» wurde in Umlauf gebracht.

Krisensitzung des Verwaltungsrats, der – ohne die Redaktion zu informieren – Somm bereits einstimmig inthronisiert hatte. Ein zerknirschter VRP Etienne Jornod, der bei der Bekanntgabe des Abtritts von Spillmann den Namen des bereits gewählten Nachfolgers verschwieg, musste sich bei der Redaktion entschuldigen.

Dann galt der mächtige Feuilleton-Chef Martin Meyer als Nachfolger, im Aktionariat der NZZ wurde gegrummelt, dass die «offensichtliche Unfähigkeit» des VR unbedingt thematisiert werden müsse.

Wahl auf Nummer sicher?

Mit Eric Gujer wurde dann ein knochentrockener Rechtsausleger aus dem Hut gezaubert, der sich mit unheimlichem Fleiss daran machte, seine Machtposition auszubauen. Was ihm inzwischen so vollständig gelungen ist, dass selbst eine Fastenkur mit seiner Gattin, die sich in einem huldvoll gewährten Interview Gujers im Hotel-Blog und einem zweiseitigen Jubelartikel seiner Frau in der NZZ niederschlug, zu keinerlei hörbarer interner Kritik führte.

Bei der NZZ hat man ein langes Gedächtnis, es ist sicher, dass weder Jornod noch der übrige Verwaltungsrat die damalige Rebellion von Bernet vergessen hat; und einem sonst erfolgsverwöhnten Chef wie Jornod brennt sich eine Entschuldigung sicherlich ganz tief in die Hirnwindungen ein.

Rache hat ein langes Gedächtnis …

Zeller ist inzwischen verstorben, Gradwohl längst pensioniert. Da blieb nur noch einer übrig, an dem Rache genommen werden konnte. Während Gujer natürlich die Gelegenheit benützen will, seinen Machtanspruch endgültig auch auf die NZZaS auszudehnen. Dazu kommen rückläufige Verkäufe, die übliche Misere dank Corona, eine verunsicherte und misstrauische Redaktion.Plus mehr als fünf Monate Wartezeit bis zur Inthronisierung. So etwas hält eigentlich nur Prinz Charles aus.

Wäre eine Variante der Verfilmung von Projers Abenteuer.

Einziger Trost zurzeit für Jonas Projer: die «Mission Impossible» im Film wird jeweils doch erfolgreich absolviert. Und entfernte Ähnlichkeiten – ausser in der Körpergrösse und hoffentlich der religiösen Ausrichtung – mit Tom Cruise sind doch vorhanden. Nur, wenn wir einen Rat geben dürfen, der Spitzbart muss ab. Und dann Helm auf!

Jonas Projer: ein unheimlich starker Abgang

Viele Jahre Schweizer Fernsehen, ein Jahr Blick-TV. Und nun der Einzug in den Olymp. Das freut die Journalisten – nicht wirklich.

Chefredaktor von NZZamSonntag, das ist wohl der zweitprestigeträchtigste Job, den man in der Schweiz ausüben kann. Wie im Hause NZZ üblich, kann man sich hier normalerweise auf seine Pensionierung freuen.

So wie der erste Chefredaktor, der seit der Gründung dabei war und nun als schreibende Sparmassnahme und Pensionär weiter – und nicht unbedingt zum Vorteil – seine Feder in Bewegung hält.

Aber so, wie Martin Spillmann (2006 bis 2014) als NZZ-Chefredaktor nicht seine gesamte Restlaufzeit dort verbrachte (nein, sein Dreitagebart war nicht der Grund für seinen Abgang), ereilt nun Luzi Bernet das gleiche Schicksal; er trat 2017 die Nachfolge von Felix E. Müller an.

Spitzbube als Spitzenbube: Jonas Projer.

Weil es für einmal tatsächlich bis fast am Schluss gelang, diesen Wechsel unter dem Deckel zu halten, ist natürlich von «Knall», von «Überraschung» die Rede. Wieder ein hübsches Beispiel dafür, dass sich Journalisten für den Nabel der Welt halten. Nur weil sie es nicht mitkriegten, was sie natürlich muff macht, ist es überraschend.

Es geht auch um Jornods Kopf

Also ob dieser Entscheidung nicht umfangreiche Verhandlungen vorausgegangen wären. Interessant ist sicher, dass der VR-Präsident Etienne Jornod – und mit ihm der ganze Verwaltungsrat – mit dieser Entscheidung nicht auf die Nase fallen darf. Denn der Schock, dass es nicht gelang, Markus Somm auf den Chefsessel der NZZ zu heben – und das publik wurde – sitzt noch tief.

Nun also Jonas Projer. Mutiger Mann. Die Redaktion der NZZaS wehrt sich einerseits gegen den Machtanspruch von Eric Gujer, die Alleinherrschaft übernehmen zu wollen. Sie war sich bislang nicht gewohnt, dass ein Chefredaktor abgesetzt und durch einen Aussenseiter ohne Stallgeruch ersetzt wird.

Aber Jonas heisst ja in der hebräischen Bedeutung «Taube», ein Bote der Götter, und der kann bekanntlich fliegen. In der biblischen Verwendung kam dann noch Zerstörer und Unterdrücker dazu. Man darf also gespannt sein.

«Blick», und somit Ringier, ist sicherlich nicht glücklich, dass der Kapitän und das Aushängeschild von «Blick»-TV nach nur einem Jahr von Bord geht. Wenn die hartnäckigen Gerüchte stimmen, dass das ein Millionengrab sei, war’s das dann wohl für dieses Experiment.

TV-Fuzzi gibt Guzzi ohne Printerfahrung?

Das Schweizer Farbfernsehen nimmt jeden Abgang persönlich und ist verstimmt. Also no way back. Natürlich beginnt die liebe Konkurrenz, sich sofort auf Projer einzuschiessen. Bevor der auch nur ein Wort zu seinen Absichten und Plänen gesagt hat.

TV-Fuzzi ohne Printerfahrung ist die aufgelegte Häme. «Arena»-Dompteur, Brüssel-Korrespondent, aber weiss er von Printprodukten mehr, als dass man sie nicht in ein Abspielgerät stecken kann?

Schlimmer noch: ist ein aus den Niederungen des Boulevards aufsteigender Mensch denn ohne Höhenangst, wenn er die dünne Luft der Oberliga schnuppert? Eine Vorahnung, was alles über ihm hereinbrechen wird, gibt bereits die Allzweckwaffe des «Tages-Anzeiger», Andreas Tobler. Der schreibt am liebsten faktenfrei, also war er sofort für einen als «Kulturmeldung» verkleideten Kommentar zu haben.

Der «39-Jährige verfügt bisher über keine grossen Erfahrungen im Printjournalismus», unklar sei auch die Strategie, die die NZZ damit verfolge; mehr Bewegtbild wie bei «Blick-TV»? Dann setzt Tobler zum Fangschuss am Schluss an:

«Als jetziger Chefredaktor bei einem Boulevardmedium wie Blick TV widerspricht Projer auch dem Qualitätsanspruch der «NZZ am Sonntag» – und der linksliberalen Positionierung des Blattes

Die NZZaS linksliberal? Das wüsste man aber. Und über Qualitätsansprüche sollte sich Tobler keine Gedanken machen: Er selbst ist der beste Beweis, dass man die sorglos ganz niedrig hängen kann. Dabei ist er beim Tagi auch nicht alleine. Sein Konzernjournalismus-Kollege Philipp Loser begrüsste Projer bei dessen Stellenantritt damals mit dem launigen Titel: «Projers unmögliche Aufgabe». Nein, die bestünde darin, solchen Schreibbütteln Manieren beizubringen.

 

Wiegands Geschoss aus der Ferne

Eric Gujer sei bei der NZZ «ein Chefredaktor zum Fürchten». Sind die guten, alten Zeiten zurück?

«Auf der Redaktion muss Diktatur herrschen.» Das wusste schon der Publizist Karl Marx. War wohl die Keimzelle für die Diktatur des Proletariats.

Diese Art von Diktatur würde allerdings bei Gujer Alpträume auslösen. Hingegen scheint er einem eher traditionellen Berufsverständnis nachzuleben. Denn in den guten, alten Zeiten war der Chefredaktor tatsächlich ein Diktator. Geradezu allmächtig behauptete er die inhaltliche Oberhoheit, hatte gleichzeitig die licence to kill, also ein «kannst zusammenpacken und dich verpissen» hatte Rechtskraft. So Liga Peter Uebersax.

Zu einem gestandenen Chefredaktor gehörte natürlich die Büroflasche, gerne Single Malt, Zigaretten oder eher Zigarren, ein sehr gut hörbares Organ, inszenierte oder echte Wutanfälle, ein Porsche und ein Verhältnis zu Frauen, bei dem er heutzutage aus Belästigungsklagen gar nicht mehr rauskäme.

Weitgehend vorbei, verweht, nie wieder. Die beiden Oberchefredaktoren von CH Media und Tamedia haben mit dem Handling aller x Kopfblätter schon genügend zu tun, dann kommen noch ständige Sparrunden hinzu, das absorbiert auch ganz schön Energie, wie man das wieder der Reaktion (und dem Leser) als Verbesserung, Straffung, Synergie verkaufen kann.

Moderne Chefredaktoren sind ein Schluck Wasser dagegen

Von Arthur Rutishauser oder Patrik Müller ist nicht bekannt, dass sie laut werden, saufen, rauchen oder schnelle Wagen fahren. Ihr Gestaltungswille ist auch überschaubar. Das gilt ebenfalls für Christian Dorer. Da steckt zwar hinter dem verbindlichen «Traummann der Schwiegermutter»-Gesichtsausdruck ein harter Kern, aber diktatorische Anwandlungen sind auch nicht bekannt.

Chefredaktoren haben heute zudem die verdienstvolle Aufgabe, auf die Einhaltung des Budgets zu achten und auf Fingerschnippen sich mit den wenigen verbliebenen Grossinserenten zum Lunch oder Abendessen zu treffen. So geht dieses Berufsbild dahin.

Aber Markus Wiegand nützt das Interregnum beim «schweizer journalist» (sj) zu einer brutalen Abrechnung mit Eric Gujer aus. Dazu muss man wissen, dass Wiegand der erste und bis heute hochgelobte Chefredaktor des sj war. Er machte das damals neue Organ recht schnell zu einer Pflichtlektüre aller im Medien- und Kommunikationskuchen. Dann schwirrte er nach Deutschland zum Kress-Report ab.

Von da an ging’s bergab

Und der sj fiel nach der Regentschaft von Kurt W. Zimmermann in Agonie, der vorläufig letzte Alleinchefredaktor versuchte es mit einem verzweifelten Schmusekurs und Lobhudeleien auf Frauen. Das Einzige, was er damit erreichte, war, dass er durch zwei Frauen ersetzt wird. Aber eben, im Interregnum sprang der Chefredaktor der österreichischen Ausgabe ein. Der ist vielleicht mit den Schweizer Machtverhältnissen nicht so vertraut, und Wiegand kann’s sowieso egal sein.

Also haben wir in der sonst so schnarchig wie letzthin immer daherkommenden aktuellen Ausgabe ein Schmankerl serviert bekommen. Eric Gujer als Titelheld der ersten Ausgabe dieses Jahres. Ein Porträt über ihn, auf das er gerne verzichtet hätte. Denn es ist vielmehr eine Hinrichtung. Weil Wiegand ein Profi ist, macht er Gujer natürlich nicht rundum runter. Er lobt seine guten Taten. Klare Kante bei der NZZ, im Gegensatz zu seinem Vorgänger wieder eine einflussreiche Stimme in der Schweiz, Expansionsstrategie nach Deutschland durchaus erfolgreich. Dazu der wohl letzte Chefredaktor, der das Heil nicht bei digitalen Marktplätzen, Crossselling und Vollkommerz sieht, sondern in journalistischer Qualität.

Aber, so mit Rosen bestreut, nimmt sich Wiegand dann Gujer als Führungsfigur, als Chef, als Motivator, Antreiber und Leader vor. Und da wird es eine Hinrichtung und aschgrau. «Klima der Angst», eisige Atmosphäre, abkanzeln von Redaktoren auf offener Bühne, klare Ansage: Befehlsausgabe und Gehorsam. Abweichende Meinungen werden weder gerne gesehen, noch toleriert.

Unterirdische Stimmung auf der NZZ-Redaktion

Das habe zu einer beeindruckenden Fluktuation in der NZZ geführt, bei der man normalerweise eine Lebensstelle innehatte. Natürlich muss sich Wiegand auf eine «zweistellige Zahl von Quellen» berufen, die übereinstimmend Schreckliches berichten. Also eigentlich der betrübliche «Republik»-Stil. Dass aktuelle Angestellte je nach Alter entweder Gujer aussitzen möchten oder sich zur Frühpensionierung hangeln, ist verständlich.

Allerdings hat Wiegand – im Gegensatz zur «Republik»-Recherche – einen Ruf zu verlieren, und zumindest widersprechen auch hier diverse Quellen keineswegs seiner Darstellung der unterirdischen Stimmung auf der NZZ-Redaktion.

Es gibt zudem genügend ehemalige Mitarbeiter. Ein Schlaglicht auf Gujers charakterliche Ausstattung wirft eine kleine Anekdote aus der Vergangenheit. Gujer war bekanntlich einige Jahre als Moskau-Korrespondent der NZZ im Einsatz. Wie es sich für die damals noch sehr reiche Tante gehörte, residierten Korrespondenten an wichtigen Orten in einer NZZ-eigenen Wohnung.

Nun begab es sich, dass die Kinder seiner beiden Vorgänger dort, die einen guten Teil ihrer Jugend in dieser Wohnung verbracht hatten, über ihre Eltern an Gujer gelangten, ob es im Rahmen eines Moskau-Aufenthalts vielleicht möglich wäre, aus nostalgischen Gründen dieser Wohnung einen kurzen Besuch abzustatten, in der viele Erinnerungen hängengeblieben waren. Knappe Antwort Gujers: nein, das sei nicht möglich, das gehöre zu seiner Privatsphäre. Wohlgemerkt zur Privatsphäre eines Angestellten, der die Wohnung seines Arbeitgebers benützt.

Privatsphäre ist Privatsphäre

Eine andere Art von Privatsphäre umhüllt Chefredaktor Gujer und die NZZ-Redaktorin Claudia Schwartz. Das ist nämlich der nom de plume seiner Gattin. Wer es wie der «Republik»-Reporter Daniel Ryser wagt zu kolportieren, dass Schwartz auch mal damit drohe, Widerborstigkeiten Eric zu melden, wird mit juristischem Sperrfeuer überzogen. Als Tamedia mal Anlauf nahm, ein Porträt über Gujer zu veröffentlichen, verhinderte er das durch persönliche Intervention.

In seinen Auftritten als Leitartikler oder in NZZ-TV-Formaten fehlt jegliche Empathie. Kalte Augen hinter dezent designter Brille. Offenbar gehört er zu den Menschen, die problemlos die Raumtemperatur alleine durch ihre Präsenz senken können.

Offensichtlich ist auch im Kontrollgefüge bei der NZZ einiges im Argen. Gegen den dominaten Gujer scheint der neue CEO keinen Stich zu haben, und der gesamte Verwaltungsrat unter Etienne Jornod knabbert immer noch am Fast-GAU, als er Markus Somm als neuen Chefredaktor inthronisieren wollte.

Corporate Governance? Als Forderung gerne gesehen, aber bei anderen

Denn bei funktionierenden Checks and Balances wäre schon alleine die Mitarbeit der Ehegattin zumindest ein Thema und könnte nicht mit eisigem Schweigen behandelt werden. Noch absurder wird es bei der hier zuerst dargestellten gemeinsamen Fastenkur in einem Luxushotel.

Während der eitle Gatte sich im Hotelblog interviewen liess, füllte seine Gattin zwei Seiten in der NZZ mit diesem Aufenthalt. Das wirklich Erschreckende: weder in der NZZ, noch in der gesamten Schweizer Medienlandschaft führte das zu einer wahrnehmbaren Reaktion. Wobei es hier nicht um erlaubt/verboten ginge. Sondern schlichtweg darum, dass ein Chefredaktor der NZZ und seine Frau so etwas nicht tun sollten.

Niemand mehr da, der Anstand einfordern könnte

Aber da es niemanden gibt, der ihm das zu sagen wagt, braucht es eben ZACKBUM und diese einmalige Konstellation beim sj, damit die Frage thematisiert wird, welches Herrschaftsmodell Gujer bevorzugt und warum ihn «niemand stoppt», wie Wiegand provokativ fragt.

Das ist übel, weil es die NZZ ist. Dass im sj ein Jubelartikel über die Storytelling-Agentur der kommenden Co-Chefredaktorin erscheint, ist auch übel. Aber dieses Übel wird sich von selbst erledigen. Gujer nicht.

Exklusiv: Die Antworten von Eric Gujer

Achtung Satire. Zackbum beantwortet für NZZ-Chef Eric Gujer die Fragen des «Schweizer Journalisten».

Das ist ein gefundenes Fressen fürs ZACKBUM-Ressort Satire. Entscheidungsträgern Worte in den Mund legen, weil sie auf diverse Fragen nicht antworten wollten. Das Ressort haben wir schon länger eingeführt, vor Markus Somm mit seinem Nebelspalter und vor der Republik. Vielleser erinnern sich: Die Republik brachte uns in Zusammenhang mit der Recherche rund die TX Group und den ungeliebten CEO Pietro Supino darauf. Im eben erschienenen Branchenblatt «Schweizer Journalist» nun wird «NZZ»-Chefredaktor ziemlich kritisiert. Bezeichnenderweise aber von Markus Wiegand, einem Journalisten, der seine Brötchen nicht in der Schweiz verdient. Immerhin aber war Wiegand von 2005 (Gründung des Hefts) bis 2016 Chefredaktor des SJ. Trotz der Distanz wollte das Gespräch zwischen Wiegand und Gujer aber nicht ins Rollen kommen. Wir helfen nach – die Fragen sind original, die Antworten nicht.

Herr Gujer, aktuelle und ehemalige Mitarbeiter kritisieren Ihren Führungsstil als ungewöhnlich autoritär. Wie charakterisieren Sie Ihr Führungsverhalten?

Ja wäre antiautoritär besser? So wie beim Tages-Anzeiger, wo jegliche Eckpfeiler zerfallen? Für einmal halte ich es wie die SRF-Chefin Nathalie Wappler. Sie sagte kürzlich in meinem Blatt: «Jetzt bewegt sich etwas, und es ist auch nicht recht». Die Frau gefällt mir – auch als Mensch.

Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter geben an, dass sie sich vor Ihrer teils scharfen Kritik fürchten oder gefürchtet haben. Wie erklären Sie das?

Vielleicht hat das mit der Erziehung gewisser Mitarbeiter zu tun. Berechtigte Kritik hat noch niemandem geschadet. Für mich gilt bei der Mitarbeiterführung Christoph Blochers Führungsprinzip: «Du sollst Deine Mitarbeiter lieben wie Dich selbst, dann kannst Du von diesen auch viel verlangen – so viel wie von Dir selbst.»

Ehemalige Mitarbeiter geben an, dass sie die NZZ wegen Ihres Führungsstils verlassen haben. Wie gehen Sie damit um?

Auch da halte ich mich an Christoph Blocher und seine Führungsprinzipien: «Du sollst wissen – gerade in Zeiten, in denen Teamgeist in aller Leute Mund ist -, dass Verantwortung unteilbar ist». Wer das nicht teilen kann, dem lege ich keine Steine in den Weg. Oder anders gesagt: Reisende soll, ja kann und darf man nicht aufhalten.

Sehen Sie einen Anlass, Ihr Führungsverhalten gegenüber Mitarbeitern künftig zu ändern?

Hüst und Hott in einer 241-jährigen Institution? (wechselt auf Mundart) «Das isch NZZ! Rekordmeister! Was meinsch eigentlich, wer du bisch, he? Rekordmeister! Rekordmeister! Dir isch gar nöd bewusst, um was es gaht da! Das isch Super League vom Rekordmeister! Än Institution, hey! Hey, chli Konzentration, he! Mir gähnd alles für dä Klub und du … läck du mir hey! Chli Respekt!» (beruhigt sich wieder)

Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter geben an, dass Ihre Ehefrau Claudia Schwartz Einfluss auf die Gestaltung der NZZ nimmt, die über ihre Position als Redaktorin hinausgeht. Sie haben dies in der Vergangenheit mehrfach bestritten. Wie erklären Sie sich, dass diese Kritik von aktuellen und ehemaligen Redaktoren beständig wiederholt wird?

Ich empfinde diese Frage als frauenfeindlich und respektlos. Im übrigen verletzen Sie eine journalistische, ja zwischenmenschliche Grundregel. Nie über jemanden reden, der nicht da ist. Oder anders gesagt, fragen Sie meine Gattin doch selber.

Zum Schluss: Sie waren zwei Wochen für eine Fastenkur in Österreich. Sie haben dem Hotel ein Interview gegeben, das zu Werbezwecken auf der Website und in einem Corporate-Publishing -Magazin eingesetzt wird. Wie ist das mit den Compliance-Regeln der NZZ vereinbar?

Zuerst einmal: Saubere Recherche, vom ZACKBUM.ch. Oder von wo wissen Sie sonst davon? Aber egal. Sie haben die Sache nicht verstanden. Der Clou war, dass in meiner Samstagausgabe vom 13. Februar ein ganzseitiges Interview mit dem «Kurarzt Wolfgang Moosburger» erschien. Einigermassen stolz bin ich, dass die Interviewerin meine geliebte Gattin war. Dass sie auch die vorherige Seite füllte, war das Sahnehäubchen. Der Bericht «Viel mehr als nichts essen» hätte in jedes Weltblatt gepasst, Compliance-Regeln hin oder her.

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Fairerweise hier noch die Originalantwort der «NZZ» an den «Schweizer Journalisten»: «Von einem Interview möchten wir absehen. Es handelt sich vor allem um Fragen, die in den letzten Jahren wiederholt von der NZZ beantwortet wurden. Insofern ist dem nichts Neues hinzuzufügen. Gerne nehmen wir aber noch einmal und zusammenfassend zum Fragenkomplex wie folgt Stellung. Um unseren Nutzerinnen und Nutzern rund um die Uhr hochwertigen Qualitätsjournalismus anbieten zu können, sind seitens der Chefredaktion das Wahrnehmen der umfassenden Verantwortung und Führung mit klaren Zielsetzungen gefragt. Gefragt ist zudem eine offene Feedbackkultur in beide Richtungen. Dass diese im Unternehmen gelebt wird, bestätigt eine aktuelle Umfrage bei den Führungskräften der NZZ. Gemäss dieser Umfrage nimmt zudem ein Grossteil der Führungskräfte die Unternehmenskultur bei der NZZ als wertschätzend wahr. Als Redaktorin nimmt Frau Schwartz in der Tat Einfluss auf die Gestaltung der NZZ – so, wie das alle NZZ-Redaktorinnen und -Redaktoren im Rahmen ihrer Arbeit tun. Was das Interview betrifft, das Eric Gujer für ein Fastenkur-Hotel gegeben hat: Die Frage nach Compliance stellt sich insofern nicht, als Herr Gujer dieses Interview während seiner (selbst bezahlten) Ferien und auf Anfrage der Hotelleitung gegeben hat – dies im Rahmen einer Serie für das hauseigene Magazin, wo Persönlichkeiten, die in Jobs mit hohem Stressfaktor tätig sind, zu ihrem Umgang damit befragt werden.»

Der Corona-Journalist, Teil I

Neue Lage, neue Gattung: keiner zu klein, Fachmann zu sein.

Wie wusste Hölderlin schon so richtig: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Bevor nun gegoogelt wird: nein, das war kein Corona-Fachmann; nur so ein deutscher Dichter.

Allerdings hätte er sich unter dem Rettenden wohl nicht die aktuelle Entwicklung in den Medien vorgestellt. Denn während noch im Januar dieses Jahres wohl 99 Prozent aller Journalisten auf das Stichwort Corona geantwortet hätten: «ah, das Bier mit dem Zitronenschnitz», ist das heute anders. Ganz anders.

Jeder, der sich berufen fühlt, ist inzwischen zum Epidemiologen, Virologen, Corona-Virus-Kenner, Testspezialisten und vor allem zum Warner, Mahner und wackelndem Zeigefinger herangereift. Unabhängig von Alter, Geschlecht und Vorbildung.

Wenn alle davon reden, müssen alle Journalisten mitreden

Ob gelernter Taxifahrer, abgebrochener Germanist, promovierter Soziologe, Maturand auf dem zweiten Bildungsweg, Kursbesucher des MAZ: spielt überhaupt keine Rolle. Wenn alle von Corona reden, müssen alle Journalisten mitreden.

Wenn der Oberchefredaktor, also Patrik Müller (Betriebswirtschaftslehre, Handelsschuldiplom), Arthur Rutishauser (Doktor der Volkswirtschaft), Eric Gujer (Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik) oder Christian Dorer (B-Matur, Grundstudium Wirtschaft) das Wort ergreifen, schweigt natürlich der Plebs* und studiert fleissig die geäusserten Positionen.

Sobald das klar ist, kann losgelegt werden. Zum Beispiel, wenn der Bundesrat neue Massnahmen verkündet, aber keinen Lockdown. «Nicht fünf vor zwölf, sondern High Noon», lässt die NZZ Filmbildung erkennen, überhaupt sei der Bundesrat viel zu zögerlich unterwegs. Riskante Strategie, der BR folge der Wirtschaft, das Risiko trügen die Schwächsten, barmt sich der «Tages-Anzeiger».

«Totales Versagen» wird gerne genommen

Wie es sich gehört, poltert «Blick»-Oberchef Christian Dorer kräftiger, er konstatiert ein «totales Versagen» von BR und Kantonsregierungen, aber immerhin, jetzt sei das Minimum beschlossen worden. Patrik Müller räumt ein, dass es noch nicht zu spät sei, also der Schweizuntergang noch aufgeschoben sei, allerdings sei die Verkümmerung des kulturellen und sozialen Lebens beklagenswert.

Ich fasse zusammen: Versager, Zauderer, Minimalisten, wirtschaftshörig, Zeichen der Zeit nicht erkannt, riskieren für die Wirtschaft das Leiden der Schwächsten.

Wenn das so wäre, müssten wir uns wieder einmal schämen. Schämen, dass wir eine solche Versagertruppe als Bundesrat haben. Dass wir solche Versager in die Kantonsregierungen gewählt haben. Wir könnten sicherlich ruhiger schlafen und der Pandemie viel gelassener entgegenblicken, wenn wir eine Notregierung aus diesen vier Chefredaktoren bilden würden, unterstützt von ihrer Bodenmannschaft, die auch alles über Corona weiss.

Beschädigtes Vertrauen allenthalben

Die Kakophonie der Wissenschaftler mitsamt Kassandra-Rufen beschädigt die Glaubwürdigkeit und die Reputation. Die Rechthaberei und Zurechtweisung der Medien, völlig verantwortungs- und haftungsfrei, beschädigt die Glaubwürdigkeit und Reputation.

Wenn sich jeder Journalist als wissenschaftlicher Scheinriese fühlt, der genau weiss, welche Massnahmen wann und wie ergriffen werden müssten, aber eben, leider hört man nicht auf ihn, dann versagt die Vierte Gewalt wieder einmal krachend in ihrer Kernaufgabe: informieren, analysieren, einordnen, Auslegeordnung machen, die Entscheidungsfindung des Lesers befördern.

Ich (promovierter Germanist und Historiker) kenne mich nur mit vier Dingen aus: Worten, Zahlen, logischen Zusammenhängen und Deduktionen. Dazu äussere ich mich, zu Dingen, für die ich nicht die nötige Qualifikation habe, schweige ich. Damit minimiere ich zumindest die Gefahr, die von mir ausgeht. Wachsendes Rettendes sehe ich allerdings nicht.

* In einer ersten Version war Plebs falsch geschrieben.

Spar-spa-sp-sp

Auch wir müssen sparen. Schon mit Buchstaben. Das kommt wohl noch überall.

Nach der Sparrunde ist während der Sparrunde. Während der Sparrunde ist vor der Sparrunde. Im Jammertal der Medien gibt es eigentlich nur mehr drei Trompeten, in die gepustet wird.

Die erste Trompete jammert herzerweichend. Inserate weg, Leser weg, Geld weg, Ideen weg, Alarm, die vierte Gewalt im Staate ist am Verröcheln. Hilfäää!

Diese Trompete lässt man erschallen, wenn Verleger und Verlage die hohle Hand machen. Her mit der Staatsknete, aber subito. Und bitte schön, grosse Verlage haben natürlich grosse Aufgaben bei der Bewahrung von Demokratie, der Kontrolle von allem und überhaupt. Also müssen die auch mehr Kohle kriegen als kleine, ist doch klar.

Aber es gibt die übliche Kakophonie der Schweizer Verleger, wo man sich kräftig zankt, nach welchen Kriterien die Staatshilfe ausgeschüttet wird; insbesondere online. Da tröten dann verschiedene Blasinstrumente dissonant durcheinander.

Spitze Trompetenstösse wie von Lully

Die zweite Trompete wird angestimmt als wäre es ein Stück von Lully oder Händel. Spitze Trompetenstösse dekorieren das Eigenlob. Die neuste Sparmassnahme sei keinesfalls in erster Linie eine Sparmassnahme. Im Gegenteil, immer wieder wird der Journalismus gestärkt, die Kompetenz erhöht, selbstverständlich werden niemals und keinesfalls Abstriche bei der Qualität gemacht.

Unbedingt wird weiterhin auf die strikte Trennung zwischen redaktioneller Eigenleistung und Werbeformen geachtet. So strikte, dass es der Leser meistens gar nicht mehr merkt, was denn was ist. Stellenabbau, Mittelkürzungen, geringeres Angebot, höhere Preise? Aber nein, so sollte man das nicht sehen, jubilieren die Trompeten. Bis die Speicheltaste gedrückt werden muss, damit der ganze Schleim abfliesst.

Die dritte Trompete dudelt nur leise

Die dritte Trompete wird eher beiläufig und gestopft gespielt. Denn hier soll die Melodie einen Klangvorhang zwecks Verhüllung liefern. Sie trötet «nö, nö, nö», wenn vorwitzige Fragen gestellt werden. Zum Beispiel, wieso denn auch Verlagshäuser von Kurzarbeit und von Corona-Krediten profitieren, aber dennoch Stellen abbauen. Das wurde exklusiv von ZACKBUM.ch recherchiert und durchgerechnet.

Oder wie es denn sein kann, dass die Grossverlage trotz allem Gejammer noch Gewinne einfahren, während die Mediensparten meistens in den roten Zahlen stecken. Ob da nicht Quersubventionierung möglich sei, denn die ertragreichen Internet-Tausch- und Handelsplattformen generieren ihre Gewinne ja, weil sie aus dem Print herausgewachsen sind und ursprünglich zur gedruckten Zeitung gehörten.

Das sei ganz und gar unmöglich, wird hier gedudelt, eine ganz falsche Auffassung, das seien unterschiedliche Profitcenters, Holding, halt kompliziert, nix für Laien, hat aber alles seine Richtigkeit.

Der Meister der Trompeten ist eine Liga für sich

Ein bemerkenswertes Solo gab gerade der Chefredaktor der NZZ. In einem Interview auf persoenlich.com zeigte Eric Gujer, dass er nicht nur gnadenlos staatstragend und intellektuell vor Holztäfelung am Tisch sitzen kann, sondern auch verbal mehr draufhat als seine Kollegen.

Denn selbst er muss, nun ja, wie er «offen sagen kann», «auch» Sparmassnahmen verkünden. Mit der Betonung auf «auch», denn in Wirklichkeit handelt es sich natürlich um Verbesserungen.  Von seinen Begründungen können sich alle anderen Verkünder von Sparmassnahmen ein paar dicke Scheiben abschneiden.

Zunächst ist die Reduktion auf zwei Bünde eigentlich keine Reduktion, sondern vielmehr «die von vielen Kunden erwartete Reduktion auf das Wesentliche». Das ist die Message, meine Damen und Herren. Unsere Leser wollen das, erwarten das, fordern das. Und bevor es Demonstrationen vor der Falkenstrasse gibt, ist die Geschäftsleitung bereit, dieser Forderung nachzugeben.

Ein interessantes, genialisches Marketing

Eine dünnere Zeitung für den gleichen, bald wohl wieder erhöhten Preis, ein interessantes Marketing. Die Schokolade wird geschrumpft, dafür kostet sie mehr, schmeckt aber besser. Grossartig. Oder in Gujers Worten: «Insgesamt bietet die NZZ ihren Kunden mehr als früher.»

Denn die Kunden, früher als Leser bezeichnet, hätten sich darüber beschwert, dass die NZZ zu dick sei «und fast schon eine Belastung». Alt und dick, das geht natürlich selbst der bei der Tante NZZ nicht. Man stelle sich das nur bildlich vor, wie sie auf ihren Lesern, Pardon, Kunden liegt. Schön, dass da Abhilfe und Erleichterung geschaffen wurde.

Gujer hat angesichts dieser – nennen wir es analog zu historischen Ereignissen – grossen Erleichterung noch mehr gute Nachrichten zu verkünden. So habe die NZZ inzwischen wieder 160’000 Abonnenten. Das ist ganz wunderbar, bei einer verkauften Auflage von rund 75’000 Exemplaren.

Mehr als doppelt so viele Abonnenten wie Printauflage

Auf 160’000 kommt man, wie auf ZACKBUM.ch schon durchgerechnet wurde, indem man alle Abos, Schnupper-, Studenten-, Lockvogel-Angebote mitrechnet. Hat Gujer noch mehr drauf? Natürlich, denn am Ende wird er noch m seine Meinung zur staatlichen Medienförderung befragt.

Selbstverständlich «sind wir aus liberaler Sicht» dagegen, denn das sei eindeutig Marktverzerrung. Das löst die Nachfrage aus, ob dann die NZZ solche Gelder verweigern würde. Im Gegensatz zur «Republik», die bei dieser Frage rumeiert, hat Gujer kein Problem, ein klares Wort zu finden: «Wir würden das Geld annehmen. Denn alles andere wäre ja dann auch wieder eine Wettbewerbsverzerrung.»

Das ist alles marketingmässig so toll, dass eigentlich nur die Frage offenbleibt, wieso Gujer nicht in die Werbung gegangen ist; mit dieser Gabe hätte er den Wettbewerb nicht verzerrt, sondern jeden gewonnen.

Die NZZ noch einmaliger?

Auch die NZZ fusioniert Redaktionen. Anlass zur Sorge?

Die NZZ ist 240 Jahre alt. In ihrer langen Geschichte hat sie einige Metamorphosen durchgemacht. Sie war oder verstand sich lange Zeit als Sprachrohr des Freisinns. Nach anfänglich etwas gemischter Haltung zum Nationalsozialismus sorgte der Chefredaktor Willy Bretscher für einen klar antifaschistischen Kurs.

Darin enthalten ist, dass der Chefredaktor bei der NZZ schon immer – und bis heute – die bestimmende Figur ist. Wenn es jemand ist, dessen Rucksack nicht wohlgefüllt ist, dann wird’s problematisch. Das führte dann zum ersten Mal in der langen Geschichte der NZZ zum nicht ganz freiwilligen Abgang von Markus Spillmann.

Einige personelle Missgriffe

Während viele, viele Jahre lang der Chefredaktor auch zuständig war fürs Finanzielle, leistete sich die NZZ ab 2013 einen CEO. Auch Veit Dengler war ein Missgriff, seine Karriere bei der NZZ endete 2017. Genauso Pech hatte die NZZ anfänglich mit neu eingestellten Mitarbeitern fürs Internet und die sozialen Medien, darunter Peter Hogenkamp oder Oliver Fuchs.

Aber diese Fehler sind bereinigt; inzwischen leitet Eric Gujer mit ruhiger, aber durchaus auch harter Hand das Blatt; der neue CEO werkelt hinter den Kulissen. Natürlich hat die Verlagerung der Werbung ins Internet und die Pandemie auch die NZZ hart getroffen.

Als der Zürcher FDP-Filz noch lebte

Den ersten Schlag erhielt sie aber schon, als der Zürcher FDP-Filz noch in voller Blüte stand. Damals war es noch möglich, dass ein Tiefflieger wie Lukas Mühlemann über McKinsey und die Schweizer Rück den Chefsessel bei der Credit Suisse erklomm. Und gleichzeitig im Verwaltungsrat der Swissair sass.

Der VR-Präsident der NZZ hiess damals Eric Honegger, nach seiner Politkarriere Präsident der SAirgroup. Das endete dann alles in einem Desaster; Mühlemann musste zurücktreten, nachdem er die CS mit seiner Allfinanz-Strategie fast gegen die Wand gefahren hatte. Honegger musste zurücktreten, nachdem die Swissair mit ihrer Hunter-Strategie senkrecht in den Boden geflogen war.

Und die NZZ musste empfindliche Verluste auf ihrem Aktienpaket der Swissair hinnehmen. Immerhin lockerte sich der Griff des Freisinns durch diese Katastrophe. Aber obwohl die NZZ über die wohl beste Wirtschaftsredaktion der Schweiz verfügt, operierte sie weiter eher unglücklich und verkaufte zum Beispiel einiges Tafelsilber und 2015 ihre Druckerei in Schlieren.

Der Hauptsitz ist eine runde Milliarde wert

Am Hungertuch nagen muss sie allerdings nicht; der Hauptsitz vor dem Bellevue im Zentrum Zürichs wird auf einen Wert von einer runden Milliarde geschätzt. Früher vibrierten dort auch noch die Druckmaschinen; heute ist das Erdgeschoss weitgehend ausgemietet.

Die guten, alten Zeiten

Nun kommt ein Sprutz Nostalgie; kann überlesen werden, wem’s nicht behagt. Als ich Auslandkorrespondent der NZZ wurde, und das ausgerechnet in Kuba, fragte ich natürlich, wie oft, worüber und in welcher Länge Berichterstattung von mir verlangt werde. Antwort: Das müssen Sie doch wissen, Sie sind vor Ort. Wenn nichts los ist, schreiben Sie nichts, wenn viel los ist, schreiben Sie viel. Wenn uns etwas nicht passt, melden wir uns.

Die NZZ meldete sich nie bei mir; ich schrieb so viel oder so wenig, über welche Themen auch immer. Und eroberte sogar den Zutritt zur Wirtschaft und zum Feuilleton. Was damals keine kleine Leistung war, denn das Ausland galt als tendenziell linksradikal, die Wirtschaft als der reine Hort der wahren Wissenschaft, und das Feuilleton war sowieso leicht indigniert, dass es zusammen mit diesen anderen Teilen der Zeitung erscheinen musste, die sich mit den täglichen Niederungen befassten.

Nostalgie beendet.

Zwei Probleme beim Überlebenskampf

Nach diesen diversen Fehlern und auch heute im Verwaltungsrat nicht gerade glänzend besetzt, muss auch die alte Tante schauen, wie sie die Gegenwart und die Zukunft überlebt. Dabei hat sie zwei Probleme. Content kostet, und wie transferiert man Lesereinnahmen vom Print ins Digitale?

Die Printauflage sinkt ständig, wie bei eigentlich allen Tageszeitungen. Das Inseratevolumen schmilzt dahin, wie bei fast allen Tageszeitungen. Die Printauflage beträgt nur noch rund 76’000 Exemplare. Dennoch vermeldet die NZZ stolz, wie Beni Frenkel in seinem Artikel auf «Inside Paradeplatz» schreibt, dass sie aktuell rund 193’000 Abonnenten habe. Wie geht das?

Im Prinzip einfach; indem man alle Abo-Formen zusammenzählt. Wer gerne morgens das raschelnde Papier zum Gipfeli haben will, aber auch unterwegs digital auf dem Laufenden bleiben, zahlt stolze 814 Franken. Wer nur mit digital zufrieden ist, vergleichsweise läppische 220 Franken im Jahr. Noch günstiger wird’s für unsere Freunde im grossen Kanton im Norden: 100 Euro kostet in Deutschland das Digital-Abo.

Zwei Pfeiler der NZZ-Strategie

Daran lassen sich schon zwei Pfeiler der Strategie der NZZ erkennen. Wer’s gerne klassisch hat, bitte, der soll auch kräftig dafür in die Tasche greifen. In der zunehmend von Meinungslagern geprägten deutschen Publizistik will sich die NZZ deutlicher als die Schweizer Stimme positionieren. Im Osten Deutschlands hat sie sich schon den Ruf eines neuen Westfernsehens erarbeitet.

Jetzt lässt die NZZ zusammenwachsen, was vielleicht nicht unbedingt zusammen gehört. Das Ausland mit bislang 15 Redaktoren wird um 3 auf 18 aufgestockt. Die Wirtschaft mit 25 Journalisten erhalten eine Verstärkung durch 8 mehr, werden also 33. Um die herum schwirren 36 Auslandskorrespondenten.

Der Vergleich in der Schweiz spricht Bände

Ist das viel, ist das wenig, ist das Anlass zur Besorgnis? Machen wir, wie die NZZ zu sagen pflegt, einen ordnungspolitischen Zwischenruf. CH Media, der eine Teil des Zeitungsduopols in der Deutschschweiz, bewältigt das Ausland mit 2 Redaktoren und 4 Korrespondenten. Die Wirtschaft mit 6. Tamedia beschäftigt in der Wirtschaft 14 Journalisten in der Zentralredaktion; um das Ausland kümmern sich 4 Mitarbeiter, plus das Korrespondentennetz der «Süddeutschen Zeitung».

Quantität muss nicht zwangsläufig mehr Qualität bedeuten, aber damit dürfte die Sache wohl klar sein. Also plädiere ich dafür, ohne Nostalgie, der NZZ Sorge zu tragen, mit all ihren Marotten, gelegentlichen Ausrutschern und politischen Ansichten, die nicht jedem gefallen müssen. Aber was den Qualitätsunterschied zum übrigen Tageszeitungsmarkt in der Schweiz betrifft, kann man nur Goethe zitieren: «Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nie erjagen.»

 

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer war einige Jahre Auslandkorrespondent und Gerichtsreporter bei der NZZ. Er schreibt heute noch gelegentlich für die NZZ.