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Die «PferdeWoche» als Zufluchtsort

Als Journalist bleibt man heute brav, wo man ist.

Wo soll man sonst auch hin, wenn man nicht als Praktikant von vorne anfangen möchte? Wer glaubt, das sei erst heute so, sei an die Vergangenheit erinnert. Es war schon vor 20 Jahren nicht viel besser. Im Gegenteil.

Wenn eine ganze Tageszeitung eingeht, bleibt ziemlich viel rumstehen in den Fluren. Kopierer, Computer, Faxgeräte (wir sprechen von den 90ern), aber auch Menschen. Journalistinnen und Journalisten, die nicht selten ihre gesamte Karriere bei dem bewussten Blatt absolviert haben.

Für einige statt alle

So wars auch, als «Die Ostschweiz» Ende 1997 die Segel strich. Sie war die kleinere von zwei Ostschweizer Tageszeitungen und wurde ganz nach Darwin vom «St.Galler Tagblatt» geschluckt. Für die Kopierer hatte man dort durchaus Verwendung, aber nicht für die gesamten Personalressourcen des früheren Konkurrenten. Nach der Ankündigung des Endes sickerte durch, dass es für einige der Redaktionsmitglieder Platz geben würde beim Sieger des Duells. Aber längst nicht für alle.

Nun hält sich bekanntlich jeder Journalist selbst für die Krone seiner Zunft und hätte entsprechend optimistisch sein können. Da die Auswahlkriterien für eine Weiterbeschäftigung beim anderen Titel nicht bekannt waren, war es aber um die Selbstsicherheit schlecht bestellt. Vor allem wurde geargwöhnt, dass es gar nicht im Interesse des «Tagblatt» sei, die Besten an Bord zu holen, weil das den Konkurrenzdruck im Team erhöht hätte. Und wer braucht den, wenn es gar keine externe Konkurrenz mehr gibt?

Das ominöse Job-Brett

Wer nun glaubt, vor rund 23 Jahren sei es ein Leichtes gewesen, woanders unterzukommen, irrt. Das zeigte das inzwischen legendäre schwarze Brett (das nicht schwarz war) in der Redaktion von «Die Ostschweiz». Dort wurden als eine Art nette Geste der Chefetage jeweils am frühen Morgen die aktuellen Jobinserate aufgehängt. Ähnlich wie bei den Kundeninseraten bei Coop und Migros hatten gute Angebote die Tendenz, nicht lange dort zu hängen; man war nicht daran interessiert, dass sich der Kollege im Büro nebenan ebenfalls bewarb. In der Not werden Menschen zu wilden Tieren, und jeder ist sich selbst der Nächste.

Aber was dort so hing und hängenblieb, sorgte für viel Situationskomik. Der bekannteste Fall: Ein Inserat für einen Redaktionsposten bei der «PferdeWoche». Wer sich gerade noch um den neuesten Skandal in einer Gemeindebehörde gekümmert oder einen Regierungsrat im Interview demontiert hatte, sollte nun also verschiedene Striegelbürsten vergleichen oder aufsehenerregende Reportagen aus einem Gestüt im Berner Oberland schreiben. Die Verzweiflung war gross, der Zufall noch grösser: Eine «Ostschweiz»-Redaktorin war in der Tat Pferdeliebhaberin und bekam den Job. Und Spott ist sowieso nicht angesagt, denn die «PferdeWoche» gibt es bis heute, im Unterschied zur damaligen «Die Ostschweiz».

Informieren statt recherchieren

Was heisst, dass ein grosser Teil der – im Schnitt nicht ganz jungen – journalistischen Belegschaft damals strandete oder in sehr branchenfernen Positionen landete und die letzten Berufsjahre eben sachbearbeitete statt schrieb.

Der Clou daran: Heute wäre die Situation vermutlich sogar eher besser. Nicht, weil es mehr Journalistenjobs gibt. Sondern weil Firmen, vor allem aber öffentliche Verwaltungen, immer öfter auf das setzen, was Journalisten können. Jede Kleinstadt leistet sich heute einen Informationsbeauftragen. Die Kommunikationsabteilung der St.Galler Staatskanzlei bestand Ende der 90er-Jahre aus zwei Personen, heute sind es dem Vernehmen nach rund 15. Tendenz überall steigend. Das Schrumpfen der Redaktionen geht einher mit der Aufblähung der Informationsstellen, die aber selten zum Ziel haben, wirklich zu informieren. Das ist ein anderes Thema, sicher ist: Wer sich nicht zu schön ist, das Lager zu wechseln, hat damit im Jahr 2020 die besseren Karten als 1997. Und muss dabei nicht mal durch Rossmist waten.

 

Von Stefan Millius, Chefredaktor des Online-Portals «Die Ostschweiz».

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer schreibt für «Die Ostschweiz».

Wikipedia: Die Welt der pickligen Nerd-Götter

Wikipedia ist auch ein Hort der Willkür.

Die «TagesWoche» gab es rund sieben Jahre lang. Das ist eigentlich eine erstaunlich lange Zeit für eine Zeitung, deren einzige Existenzberechtigung ein «wir sind dagegen» war. Gegen die bösen Blocher-Medien. Gegen die betriebswirtschaftlich gerechtfertigte Führung einer Tageszeitung in Basel, die zuvor vor dem Aus stand. Das war das ganze Programm der TagesWoche. Das reichte immerhin bis zum bitteren Ende 2018.

Die TagesWoche hat einen Eintrag auf Wikipedia.

Ganz knapp erreichte das Pendlerblatt NEWS die Zwei-Jahresmarke. In dieser Zeit schaffte das Blatt einiges: Es wurde täglich an Knotenpunkten des öffentlichen Lebens und eigens dafür bereitgestellten Boxen zur Verfügung gestellt. Die Zeitung schaffte auch einiges nicht: sie war an keinem einzigen Tag auch nur für den Hauch von gesellschaftlicher Relevanz zuständig. Eine Schleuder von Agenturmeldungen ist vermutlich noch die freundlichste Umschreibung. Niemand las die Zeitung, niemand wollte sie wirklich.

NEWS hat einen Eintrag auf Wikipedia.

Praktisch reine Willkür

Die Liste könnte beliebig weitergeführt werden. Wikipedia ist eine Art Chronik des Lebens, auch des Lebens, das längst Geschichte ist, und es ist nichts zu sagen gegen diese Einträge, die uns helfen, die Vergangenheit einzuordnen. Aber kennt jemand die Kriterien, die dafür sorgen, dass man in diesen erlauchten Kreis aufgenommen wird? Ob tot oder lebendig? Theoretisch gibt es sie. Aber in der praktischen Anwendung sind sie vor allem eines: reine Willkür.

Wir – sprich: Die Medienmarke «Die Ostschweiz» – kann davon ein Lied singen. Wir werden systematisch von Wikipedia ausgesperrt. Die Nutzer der Wissensplattform dürfen auf keinen Fall erfahren, dass es uns gibt. Weshalb auch immer.

Es gibt «Die Ostschweiz» auf Wikipedia. Es ist ein sehr kurzer Abgesang auf die gedruckte Tageszeitung, die Ende 1997 eingestellt wurde. Nachdem wir die Marke im April 2018 wiederbelebt hatten, beantragten wir eine Ergänzung des Eintrags. Mit der banalen Information, dass rund 20 Jahre nach dem Ende von «Die Ostschweiz» der Traditionsname in neuer Form wiederaufersteht. Sprich: Wir wollten nicht mal einen eigenen Eintrag. Es hätte uns gereicht, wenn der bisherige ergänzt worden wäre. Das Begehren wurde abgelehnt: Wikipedia-Einträge, so lernten wir, dürfen sich nur immer um eine bestimmte Sache drehen und nicht um eine Art Neuauflage. Da die neue «Die Ostschweiz» rein formal mit der alten nichts zu tun hat, darf der Eintrag nicht mit der neuen Situation vermengt werden.

Gut, kann man akzeptieren. Auch wenn die Realität eine andere Sprache spricht, denn es gibt Millionen von Artikeln auf Wikipedia, in denen es um X geht und plötzlich die Rede von Y ist, aber was solls: Wir waren verständnisvoll und beantragten stattdessen einen ganz neuen Eintrag unter dem Titel: «Die Ostschweiz (Onlinezeitung)». Denn, so unsere naive Überzeugung, wir hatten ja etwas erschaffen, das Teil der Wirklichkeit war, und davon durfte und sollte man auch auf Wikipedia lesen.

Was heisst schon relevant?

Nein. Durfte und sollte man nicht. Auch dieser Versuch fand keine Gnade, der Entwurfseintrag wurde gelöscht. Einer der Wikipedia-Götter schrieb als Begründung kurz und knapp: «Relevanz?»

Ach. Relevanz. Relevanz? Seit zweieinhalb Jahren informieren wir jeden Monat rund 150’000 Leserinnen und Leser in der Ostschweiz über das, was die Region bewegt. Das ist offensichtlich nicht relevant. Um bedeutend genug zu sein für Wikipedia, hätten wir wie die TagesWoche Millionen einer reichen Erbin an die Wand fahren und nach einigen Jahren eingehen müssen – dann hätte es vermutlich gereicht. Wir haben definitiv was falsch gemacht: Uns gibt es immer noch, und wir stehen dank eines motivierten Aktionariats finanziell gesund da. Wenn etwas funktioniert, ist es nicht relevant. Offenbar ist das basisdemokratisch geführte Wikipedia zutiefst sozialistisch angehaucht und mag nur, was nicht rentiert, anders lässt sich das nicht erklären.

Relevanz? Wären wir doch nur das «Pöschtli», eine in Thusis herausgegebene Wochenzeitung. Die erreicht zwar nur einen Bruchteil unserer Leserschaft, aber offenbar ist sie im Gegensatz zu uns wichtig genug. Warum? Vielleicht, weil hin und wieder Artikel auf Rätoromanisch erscheinen. Das hilft immer in der Schweiz, aber damit können wir beim besten Willen nicht dienen. Nichts gegen das «Pöschtli», wirklich, aber kennt irgendjemand ausserhalb von Thusis diese Publikation?

Sicher auch nicht schlecht wäre es, wenn wir die jüdische Gemeinde in der Schweiz ansprechen würden. Denn «Tachles», das jeden Monat 7000 Leserinnen und Leser bedient, ist auch eines Wikipediaeintrags würdig. Nein, ich habe nichts gegen Juden, um dem zu erwartenden Aufschrei vorauszukommen, aber: Das ist relevant, und wir sind es nicht?

Pickel müsste man haben

Relevanz? Wer definiert die? Bei Wikipedia sind es einige Nerds, die vermutlich noch bei den Eltern wohnen, seit 15 Semestern «studieren» und vom Keller aus Beiträge bearbeiten in Ermangelung eines anderen Hobbys. Beziehungsweise sie gutheissen oder ablehnen. Wir stellen sie uns so vor: Fettige Haare, Pickel, eine Nickelbrille, ein seit längerem nicht gewaschenes T-Shirt mit dem Aufdruck einer amerikanischen Universität – und ein grenzenloses Sendungsbewusstsein. Die Leute, die über Relevanz entscheiden, sind vermutlich selbst die fleischgewordene Irrelevanz.

Nein, wir gehen nicht unter, wenn man uns auf Wikipedia nicht findet. Aber Journalisten haben – jedenfalls, wenn sie den Namen verdienen – ein ausgeprägtes Empfinden für Ungerechtigkeiten. Und es gibt beim besten Willen keinen Grund dafür, warum zugrunde gegangene, rein politisch motivierte Titel oder Nischenmedien unter Ausschluss einer breiten Öffentlichkeit auf Wikipedia sagen dürfen, dass sie existieren (oder existiert haben), aber ein prosperierendes Regionalmedium nicht.

Fazit: Pickel müsste man haben.

Von Stefan Millius, Chefredaktor «Die Ostschweiz».

Packungsbeilage: Der ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert in «Die Ostschweiz».