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Hat der «Spiegel» einen Schuss?

Vor 27 Jahren berichtete das Nachrichtenmagazin über einen «Todesschuss».

Es war die Spätphase des Linksterrorismus in Deutschland. Die Rote Armee Fraktion (RAF) lag in den letzten Zügen, nicht viel später flüchteten die letzten Überlebenden in die DDR.

Am 27. Juni 1993 war bei einem polizeilichen Zugriff einiges schiefgegangen. Es entwickelte sich im Bahnhof Bad Kleinem eine wilde Schiesserei, in deren Verlauf ein Polizist und der gesuchte Terrorist Wolfgang Grams ums Leben kamen.

Der «Spiegel» prangerte in seiner Titelgeschichte das «Versagen der Terrorfahnder» an; ein «Zeuge» habe ausgesagt, Grams sei am Boden liegend von einem Polizisten erschossen worden. «Die Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution», soll der am Geschehen Beteiligte unter dem Schutz der Anonymität gesagt haben.

Das führte dann unter anderem zum Rücktritt des damaligen Innenministers, der Generalbundesanwalt wurde in den Ruhestand versetzt, gegen zwei Polizisten der Spezialeinheit GSG9 wurde wegen vorsätzlicher Tötung ermittelt.

Damals Skandal, heute immer noch, aber anders

News von gestern, frisch aufgebrüht? Nicht ganz. Denn schon beim Erscheinen des Skandalberichts gab es ernsthafte Zweifel an seiner Richtigkeit. Vor allem die Aussagen dieser anonymen Quelle machten Kopfzerbrechen.

Der Reporter beruft sich natürlich bis heute auf Quellenschutz, der ihm heilig sei. Nach Relotius etwas empfindlich geworden, hat der «Spiegel» auch hier eine Kommission eingesetzt, die den Wahrheitsgehalt dieser Titelstory nochmals überprüft hat. Und auf 10 Seiten zum niederschmetternden Resultat kommt:

«Der SPIEGEL hat mit der Berichterstattung auf Basis einer mangelhaft geprüften und falschen Aussage einen journalistischen Fehler begangen.»

Das ist bedauerlich, aber der Bericht deckt auch schonungslos auf, wie schlampig, unseriös und ohne grosses Bemühen um Verifikation schon damals der «Spiegel» der Versuchung erlag, einen Riesenskandal zur Titelgeschichte zu machen.

Bis heute kommen noch die verhaltensauffälligen Empfindlichkeiten von Journalisten dazu. Denn der damalige «Spiegel»-Redaktor heisst Hans Leyendecker. Der war damals im Düsseldorfer «Spiegel»-Büro beschäftigt. Durch seine Beteiligung an der Aufdeckung der Flick-Affäre um Parteispenden und anderer Skandale hatte er sich bereits einen Ruf erarbeitet.

Anschliessend war und ist Leyendecker, inzwischen 71, bei der «Süddeutschen Zeitung» zum grossen Enthüllungsjournalisten gereift, angesehen, eine Instanz. Kein Wunder, dass er sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass er einen Zeugen erfunden habe und lediglich beruhend auf der Aussage eines anonymen Tippgebers, der schon damals erkennbar Lüge und Wahrheit vermischte, die Sache zu einer Riesenaffäre aufgepumpt habe.

Die Wahrheit ist bunt, unterschiedlich und widersprüchlich

Akribisch weist ihm der «Spiegel» allerdings nach, dass er im Verlauf der Jahre über die Anzahl seiner Zeugen, über die Anzahl der Treffen, ob es zu persönlichem oder nur telefonischem Kontakt kam, eine gewisse Bandbreite an Darstellungen zu Protokoll gab. Vor allem steht in Zweifel, ob es zwei oder nur eine Quelle gab, deren Identität Leyendecker zudem nicht kannte.

Was selbst im ruppigen deutschen Journalismus selten ist: Leyendecker drohte nach der Erstveröffentlichung der Untersuchungsergebnisse seinem ehemaligen Arbeitgeber mit dem Anwalt und verlangte eine bessere Darstellung seiner Position. Weil im Bericht auch vermerkt ist, dass der «Spiegel»-Gründer Rudolf Augstein mehrfach bedauerte, ihn nicht rausgeschmissen zu haben, legt Leyendecker zudem Wert auf die Feststellung, dass Augstein später mehrfach versucht habe, ihn zurückzuholen.

Da geht noch einer drüber. Auch ein ehemaliger Chefredaktor des «Spiegel» bedroht sein Ex-Blatt mit einer Strafanzeige. Denn Klaus Brinkbäumer sieht sich durch diesen Bericht verunglimpft. Eine Abschrift des Telefongesprächs zwischen Leyendecker und dem anonymen Informanten fand 2015 wieder den Weg zum «Spiegel». Daraufhin habe sich schon damals ein Rechercheur der Sache angenommen und eine Liste mit 43 Fragen an Leyendecker erstellt. Aber der damalige Chefredaktor Brinkbäumer habe das abgelehnt und entschieden, nichts zu unternehmen.

Stimmt gar nicht, erregt sich Brinkbäumer und fordert eine Gegendarstellung per Anwalt. Das dürfte eine Premiere sein. Aber was ist das Fazit, ausser verletzten Gefühlen von Primadonnen?

Ausweitung der Zone des Zweifels und Schrumpfung der Glaubwürdigkeit

Es ist ernüchternd. Wenn eine kleine Zeitschrift, geblendet von der Publikation eines möglichen Riesenskandals, einige Rotlichter überfährt um der Sensation willen, so ist das noch verständlich. Spielt sonst nicht in dieser Liga, es fehlt an Erfahrung, Wissen, Kontrolle. Aber der «Spiegel»? Damals noch in der strahlenden Gewissheit, dass seiner berühmten Dokumentation nicht mal entgehe, ob ein in einem Artikel beschriebener Baum keine Tanne, sondern in Wirklichkeit eine Esche sei. Von Faktencheck, Plausibilitätsanalyse, Quellenlage, Verifizierung ganz zu schweigen.

Weil es kein Blättchen, sondern der «Spiegel» war, trat dann sogar der Innenminister zurück. Grundlos, denn wie sich später herausstellte, wurde der Terrorist nicht exekutiert. Auch nicht von einer verirrten Polizeikugel getroffen. Sondern er beging Selbstmord.

Man kann nun sagen, es sei aufrecht vom «Spiegel», auch dieser Fake News nachgegangen und die Ergebnisse öffentlich gemacht zu haben. Das mag sein. Aber gleichzeitig hat das Magazin die Zone des Zweifels in die Vergangenheit ausgeweitet. Und darauf erweitert, dass Relotius wohl nicht so singulär war, wie der «Spiegel» behauptet. Und das ist tödlich für die Glaubwürdigkeit.

 

 

 

 

 

Nichts als die Wahrheit

Wie die Medien Ruf und Ansehen verspielen.

Als die sowjetische «Prawda» noch die grösste Zeitung der Welt war – zumindest die auflagenstärkste –, machte sich die freie Presse des Westens zu Recht darüber lustig, wie in der «Wahrheit» die Realität umgebogen wurde.

Wie in «Neues Deutschland», wie in der «Rudé právo», wie in unzählige Zeitungen der herrschenden kommunistischen Partei gab es eigentlich nur drei Arten von Nachrichten. Sehr gute aus dem sozialistischen Lager, schlechte aus dem kapitalistischen, und ganz schlechte aus den USA.

Diesem Ordnungsprinzip folgen heute im Wesentlichen nur noch «Rodong Sinmun», die «Arbeiterzeitung» von Nordkorea, oder «Granma», benannt nach der Yacht, mit der Fidel Castro in Kuba anlandete, um den erfolgreichen Guerillakampf gegen Diktator Batista zu beginnen.

Revolutionär: Leserbriefe

Selbst die chinesische «Rinmen Ribao» verlässt gelegentlich den Pfad der Tugend und wagt tatsächlich Kritik an Parteifunktionären. Das liegt auch daran, dass in Nordkorea und auf Kuba die Parteizeitungen weiterhin das Monopol der Informationsvermittlung auf Papier innehaben.

Geradezu revolutionär lässt die «Granma» seit einiger Zeit sogar Leserbriefe zu, selbst solche, in denen Kritik an den vielen Defiziten des Systems geäussert werden darf. Geradezu investigativ werden dann die zuständigen Parteibonzen damit konfrontiert, die eilfertig Abhilfe versprechen – oder die US-Handelsblockade als Begründung anführen, wieso es nicht besser ginge.

Hüben und drüben bewegt sich was

Hier bewegt sich also was. In der westlichen Presse allerdings auch. Die überlebenden Parteizeitungen müssen sich höchstens Sorgen um die Papierzuteilung machen; keiner der über 200 Redaktoren der «Granma», die normalerweise als achtseitiges Tabloid-Blättchen erscheint, muss sich Sorgen um seine Stelle machen. Wenn er es bis in ihre heiligen Hallen geschafft hat, ist die Zensurschere bereits fest im Hirn verankert.

Im Westen, auch im deutschen Sprachraum, werden die Redaktionen hingegen bis zum Skelett abgemagert. Ressorts werden zusammengelegt, Journalisten im Multipack eingespart, und nach der letzten Sparrunde ist vor der nächsten. So hat Tamedia gerade bekannt gegeben, dass nach diversen Schrumpfungen nochmals 70 Millionen Franken eingespart werden müssen.

Einsparen und auslagern

Sparen ist das eine, die Verengung des Blickwinkels das andere. Seitdem zumindest Printausgaben einer Tageszeitung in der Schweiz von 500 Franken aufwärts im Jahr kosten, will man ja nicht weiter Abonnenten verlieren, die nicht einsehen, wieso sie steigende Preise für sinkendes Inhaltsangebot zahlen sollten.

Da die Rumpf- und Sparredaktionen kaum noch in der Lage sind, eigene Reportagen oder Storys zu produzieren, übernehmen in der Schweiz immer mehr Zeitungen immer mehr Inhalt von der SDA, der letzten überlebenden Nachrichtenagentur. Oder lagern wie Tamedia die Auslandberichterstattung fast vollständig an die «Süddeutsche» in München aus.

Vor allem bei harten, aber aufwendigen Themen wie Wirtschaft erschlafft zunehmend die Recherchierkraft; sparsam eingestellte Kindersoldaten, die erfahrene, aber teurere Redaktoren ersetzen, haben zudem kaum Ahnung von den Grundlagen; eine Bilanz ist für sie schon ein Buch mit sieben Siegeln, von einem umfangreichen Geschäftsbericht ganz zu schweigen.

Hilft Gesinnungsjournalismus?

Also was tun, in all diesem Elend? Eine Sache gibt es immerhin, die getan werden kann. Kostet zudem nichts und hilft ungemein bei der Leser-Blattbindung: Der Gesinnungsjournalismus. Die Weltperspektive, die mit der Weltanschauung der Mehrheit der Leser übereinstimmt.

Eine Reportage ist nicht mehr eine ergebnisoffene, neugierige Expedition in die Wirklichkeit. Sondern eine Einlösung von – zumeist schon vorher festgelegten – Thesen und Anschauungen. Zur Karikatur gesteigert durch den «Spiegel»-Reporter Claas Relotius. Mit Preisen überschüttet, wurden seine Reportagen nie selbst primitivsten Faktenchecks unterworfen. Weil er das Narrativ, die Weltsicht seiner Vorgesetzten und auch der Leser bestätigte.

Da sind die modernen Massenmedien unbelehrbar. Nicht lernfähig. Vor knapp vier Jahren fielen eigentlich alle deutschsprachigen Medien bei ihren Wahlprognosen für die USA kräftig auf die Schnauze. Sie stapelten bis in die Wahlnacht hinein einen Grund auf den anderen, wieso Donald Trump sicherlich nicht gewinnen könne. Ausgeschlossen, keine Chance, niemals.

Leere Versprechungen nach schwerer Niederlage

Nach einer betroffenen Schweigeminute versprachen die Medien dann Besserung, man wolle die Realität wieder ernst nehmen und so darstellen, wie sie ist. Nicht, wie sie sein sollte. Aber das waren leere Versprechungen. Der «Spiegel» hat es sich zur eingestandenen Aufgabe gemacht, Trump wegzuschreiben.

Abgesehen davon, dass das in den USA niemand kratzt: Eher käme ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein positives Wort über Trump den Weg in den «Spiegel» findet. Oder in Tamedia. Oder in CH Media. Oder in den «Blick». Trump ist ein grössenwahnsinniger Blender, noch blöder als seine blond gefärbten Haare. Er lügt, wenn er den Mund aufmacht, er versagt überall, er ist korrupt, benimmt sich aussenpolitisch wie ein Elefant im Porzellanladen, aber wie ein angepisster Elefant.

Er widerspricht sich in jedem Satz mindestens ein Mal, und nur er selbst glaubt daran, dass er die USA wieder zu alter Grösse geführt habe. Also ist die Ausgangslage wieder klar. Die Demokraten können auch einen leicht senilen Versager gegen ihn aufstellen, sogar eine dunkelhäutige Vizepräsidentin, eines ist wieder klar: Trump verliert. Auf jeden Fall. Amtlich. Wir müssen uns höchstens Sorgen machen, ob er seine Niederlage auch akzeptiert.

Nach der Niederlage ist vor der Niederlage

Ist das so? Wenn das so wäre, würden seine Umfragewerte doch im einstelligen Bereich dümpeln. Denn die Amis mögen ja eher einfachen Gemüts und an Waschmittelreklame-Wahlkämpfe gewohnt sein. Aber so bescheuert können sie ja nicht sein.

Nun hat Joe Biden tatsächlich in den meisten Wahlumfragen die Nase vorne. Aber auch Trump liegt bei 41 bis 46 Prozent. Kommt noch hinzu, dass das scheisskomplizierte Wahlmännersystem durchaus ermöglicht, dass jemand Präsident wird, obwohl er weniger Stimmen als sein Konkurrent bekommen hat.

Aber wer sind denn die Anhänger von Trump? Genau, White Trash, depravierte Weisse, Rassisten, Wutbürger, Rednecks, Südstaatenfans, die sich die Rassentrennung zurückwünschen, wenn nicht gar die Sklaverei. Die kann Trump verführen, weil sie nicht merken, dass er sich nur verbal für sie starkmacht, in Wirklichkeit in die Pfanne haut.

Filterblase unter Luftabschluss

So stellt es der Gesinnungsjournalismus in seiner Filterblase mit Luftabschluss dar, auch mit Einverständnis der Leser, denn die Bestätigung eigener Vorurteile ist immer angenehmer als die Konfrontation mit verstörenden, aber die komplexe Wirklichkeit abbildenden Berichten.

Sollte Trump wider Erwarten und gegen alle Begründungen, wieso das niemals passieren kann, wiedergewählt werden, dann wird wieder das Gleiche passieren wie vor vier Jahren. Betroffenes Schweigen, dann Erklärungen, wieso die Amis völlig falsch abgestimmt haben. Und dann wird der nächste Relotius ausgesandt, um wieder zu erforschen, welche Hinterwäldler, Idioten, Rassisten, Waffennarren, Blödköpfe, deren Welt hinter dem letzten Mc’Donald’s in ihrem Kaff aufhört, diesen Blender und Versager gewählt haben.

Die Redaktoren der immer noch existierenden ehemaligen Parteizeitungen reiben sich verblüfft die Augen. Wofür sie früher immer harsch kritisiert wurden, das machen nun kapitalistische Leitmedien genauso. Als hätten sie einen Schulungskurs besucht: Wie man die Welt richtig sieht.

Besteht das im Kapitalismus?

Aber im Gegensatz zum Sozialismus herrscht im Westen immer noch Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage. Und wer will schon einen Haufen Geld für einen mageren Aufguss des «Neues Deutschland», der «Prawad» ausgeben?

Es wird zunehmend mit einem Setzkasten vorgeprägter Thesen gearbeitet und geschrieben. Nach dem guten, alten Hollywood-Prinzip: Es gibt die Guten und die Bösen, damit sie auch der blöde Kinogänger unterscheiden kann, haben die Bösen immer schwarze Hüte auf.

Das sieht man im Grossen, aber auch im Kleineren. Nicht nur in Deutschland protestieren immer mehr Menschen gegen die Corona-Politik der Regierung. Natürlich, eine Minderheit, und die Demonstrationen sind tatsächlich begleitet von Verschwörungstheoretikern und Rechtsradikalen.

Gleiche Methode bei den Corona-Demonstrationen

Also eigentlich genauso wie bei jeder linken Demonstration. Aber bei diesen Demonstrationen wird schon im Vorfeld immer warnend darauf hingewiesen, dass es dann auch gewaltbereite Rechtsradikale geben wird, zudem Aluhutträger, die daran glauben, dass Bill Gates diese Pandemie erfunden hat, damit er sich an seinem Impfstoff nochmal dumm und dämlich verdient.

Und welcher Bürger, der schlicht und einfach mit der Coronapolitik nicht einverstanden ist, will sich schon in einem solchen Umfeld bewegen? Dass trotz dieser Warnungen die Anzahl Demonstranten  von Mal zu Mal zunimmt, darauf können die Thesenleitmedien nur kopfschüttelnd mit Unverständnis reagieren. Schon wieder benimmt sich die Wirklichkeit, dieser ungezogene Schlingel, nicht so, wie sie soll. Da ist wieder «Aufklärung» gefordert. Während sich immer mehr Konsumenten gähnend abwenden und ihr Geld lieber sinnvoll ausgeben.

Blattkritik: Das «Spiegel»-Bild heute

Hat sich das Nachrichtenmagazin von Relotius erholt?

Das Objekt der Blattkritik ist die «Spiegel»-Ausgabe vom 18. Juli 2020. Die Titelstory knüpft an bessere Zeiten an: «Der Wirecard Thriller» nimmt sich des wohl grössten deutschen Wirtschaftsskandals an.

Der ehemalige Börsenliebling und als deutsches IT-Wunderkind gehandelte Konzern erwies sich als Betrugsmaschine, es fehlen rund 2 Milliarden Euro in der Bilanz. Seine Nummer zwei ist abgetaucht, und den Spuren dieses Jan Marsalek geht ein Team von 18 Redaktoren auf etwas mehr als neun Seiten nach. Launig illustriert und knackig betitelt mit «Auf der Jagd nach Dr. No».

Tatsächlich fördert der «Spiegel» hier Neues und Erstaunliches zu Tage. Es geht um Libyen, Russland, Spionagesoftware und wirklich knackige Anekdoten wie aus einem Bond-Film. Sauber chronologisch aufgearbeitet, hier spielt das Blatt seine Manpower und seine Fähigkeit, ein Recherchepuzzle süffig aufzubereiten, voll aus.

Rechthaber statt Recherche

Weniger glorios ist allerdings noch vor der Titelstory das erste Meinungsstück. Seit einiger Zeit leistet sich der «Spiegel» einen «Leitartikel». Hier erhebt der deutsche Oberlehrer sein hässliches Haupt: «Es reicht jetzt», kanzelt er Ungarns Premier und seine «illiberalen Freunde» ab. «Höchste Zeit», «Wesenskern würde beschädigt», hier wird mit dem Zeigefinger gefuchtelt, als würde irgend jemand auf die Ratschläge eines Journalisten hören.

Dem Zeitgeist geschuldet ist auch, dass jedes der klassischen Ressorts, zuerst «Deutschland», mit inzwischen fünf Seiten Kurzfutter eingeleitet wird. Ebenfalls den Mantel in den Wind hängt der «Spiegel» mit einem länglichen Stück über die Politik als Männerdomaine. Dann kommt etwas, was es seit Jahren nicht mehr gegeben hat, ein neues Ressort: Reporter.

Das beinhaltet, Überraschung, Reportagen. Offensichtlich die Wiedergutmachung für den Schaden, den der Fake-Reporter Claas Relotius anrichtete. Dessen Reportagen entsprachen zwar genau den Wünschen und der Gesinnung der Redaktion, hatten aber den kleinen Nachteil, dass sie über weite Strecken schlicht erfunden waren.

Das klassische «Spiegel»-Gespräch»

Im grossen Wirtschaftsstück «Masslose Macht», dem Aufmacher einer Serie über die zunehmende Dominanz des Staates in der Wirtschaft, merkt man deutlich, wie zwischen Kritik an staatlichen Monopolbetrieben und an «übertriebenen» Privatisierungen geeiert wird. Besonders hier zeigt sich, dass der «Spiegel» nun beileibe nicht in erster Linie ein Nachrichtenmagazin ist. Sondern ein Meinungsblatt. Es will nicht spiegeln, allenfalls einordnen und analysieren, es will nicht nur erklären, sondern richten.

Ein schönes Stück alter «Spiegel»-Kultur ist das Interview mit dem ehemaligen Sicherheitsberater des US-Präsidenten, John Bolton. Der hatte schon mit einem Enthüllungsbuch mit Trump abgerechnet. Im Gespräch erweist sich die alte Kriegsgurgel als schlagfertiger und gebildeter Mensch. Wunderbar seine Sottise, als er gefragt wird, ob dem Präsidenten eine Rede Merkels über Multilateralismus auf die Nerven gegangen sei: «Trump weiss wahrscheinlich gar nicht, was Multilateralismus ist.»

Politisch korrekt ist dann aber das Interview mit den beiden Journalistinnen, die den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein wegen seinen sexuellen Übergriffen zu Fall brachten. Und nach 130 Seiten, auch das ist dem Zeitgeist geschuldet, ist dann Schluss.

€ 5.50 kostet das, in der Schweiz unverschämte Fr. 8.10. Früher war Montag obligatorischer «Spiegel»-Tag für sehr viele Deutsche, auch für mich. Seit 1995 ist die Auflage von über einer Million auf 700’000 zurückgegangen, und Erscheinungstag ist Freitag.

Im deutschen Sprachraum unerreicht

Von Fake Journalismus scheint sich das Magazin gut erholt zu haben, und wenn es wie bei dieser Titelgeschichte seinen journalistischen Muskel anspannt, ist es zumindest im deutschen Sprachraum unerreicht. Auch dem Zeitgeist geschuldet ist die immer grosszügigere Bebilderung mit auch ganzseitigen Fotos. Das hatte das Blatt früher nicht nötig, ein Gewinn ist’s nicht.

Überhaupt nicht erholt hat sich der «Spiegel» aber von seiner krachenden Fehleinschätzung, dass Donald Trump keine Chance habe, US-Präsident zu werden. Seither verfolgt ihn das Blatt hasserfüllt, beschimpft ihn als «Brandstifter» ruft «Das Ende der Welt» aus und tut so, als wäre es seine Aufgabe, den Präsidenten wegzuschreiben. Wie meist, wenn Journalismus Gesinnung zeigen will, ein Zeichen setzen, warnen, aufrufen, wird’s schal und unerträglich. Würde der «Spiegel» wieder vermehrt versuchen, dem Motto seines Gründers zu folgen, «sagen was ist» statt «sagen, wie’s sein sollte», dann wäre er wieder geniessbar.

Aber bei all seinen Schwächen, bei allen Zerrbildern, die er aus der Realität widerspiegelt: Natürlich bleibt er unverzichtbar für die politische Debatte im deutschen Sprachraum. Bis heute kann ihm kein anderes Blatt das Wasser reichen. Was ein Lob und auch ein Armutszeugnis ist.