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Ex-Press XXXV

Blasen aus dem Mediensumpf.

 

«Tages-Anzeiger» ausser Rand und Band

Man sollte annehmen dürfen, dass sich leitende Mitarbeiter des Tagi auch in ihren Rülpsern in den sozialen Medien eines gewissen Anstands befleissigen. Man sollte annehmen dürfen, dass ein bereits mehrfach einschlägig aufgefallener Amok mal von einem Vorgesetzten beiseite genommen wird und ernsthaft ermahnt, dass er seinen Ton mässigen solle (Duftmarke zum Bundesrat: «jetzt sind sie komplett übergeschnappt.»)

Das alles könnte man vermuten, wenn es sich nicht um den Tagi handeln würde, der ausser Rand und Band geraten ist:

Diesmal zielt er auf den Bundesrat – und etwas tiefer.

Der Kandidat für Ritalin – wenn es nicht Stärkeres braucht – stampft kurz die Zürcher Regierungsratspräsidentin in den Boden. Weil Marc Brupbacher in seiner röhrenförmig verengten Weltsicht eigentlich alles egal ist, ausser der Furcht vor dem Virus, ist Silvia Steiner für ihn ein trauriger Clown in einem «anti-wissenschaftlichen Polit-Zirkus». Zudem möchte er ihr ein«Flat-Earth-Award» überreichen, den Bundesrat Maurer «als lebenslanger Ehrenanwärter» auch verdient habe.

Mit solchen dummen Sprüchen machte schon Sandro Brotz vom Schweizer Farbfernsehen gemischte Erfahrungen. Brupbacher hingegen ist zwar «Leiter Interaktiv-Team», aber kein Vorbild. Sondern das Musterexemplar eines verantwortungslosen Journalisten, der im Gegensatz zu gewählten Regierenden keinerlei Entscheidungsbefugnis hat, null Verantwortung übernehmen müsste, wenn seinen bescheuerten Ratschlägen gefolgt würde.

Also belfert er aus der sicheren Kuhle seines Home-Office in die Welt hinaus – und profitiert davon, dass er so unbedeutend ist, dass es nicht mal zu einem Shitstürmchen reicht.

Wie man in die Hetze gegen einen verdienten Journalisten einstimmt

Das langjährige Aushängeschild des Westschweizer Fernsehens, Darius Rochebin, ist gerade durch eine externe Untersuchung von allen anonymen Beschuldigungen gereinigt worden. Keine sexuellen Übergriffe, kein Fehlverhalten. Gereinigt? Ach was, der Sinn solcher anonymer, öffentlicher Denunziationen ist, dass auf jeden Fall etwas hängenbleibt.

Genau aus diesem Grund liegen die angeblichen Vorfälle meist Jahre zurück, wurde nie intern Beschwerde erhoben, wurde auch nie Anzeige erstattet. Das hätte die Gefahr einer Konfrontation mit dem Angeschuldigten bedeutet. Das hätte ihm Gegenwehr ermöglicht, das hätte bedeutet, dass Rochebin nicht seine Unschuld beweisen soll (was unmöglich ist), sondern dass die Anschuldigung untersucht worden wäre, auf den juristischen Prüfstand gelegt, verifiziert oder falsifiziert würde. In diesem Fall drohten dann auch noch Gegenanklagen.

Das alles kann man vermeiden, wenn man heutzutage ein Presseorgan anonym anfüttert. «Le Temps» liess sich dann die Gelegenheit einer saftigen Skandalstory nicht entgehen. Das ist schon grenzwertig. Aber die Quelle von Qualitätsjournalismus Tamedia legte noch einen drauf. Im Duett verlasen dort Philippe Reichen und Claudia Blumer das Urteil. Bereits am zweiten Tag nach der anonymen Dreckschleuder von «Le Temps». Es war noch nicht einmal mit einer Untersuchung begonnen worden, aber schon zeigten die Daumen der beiden Rachegötter nach unten. Die Kollegen hätten «recherchiert», behauptet Reichen, daraus sei der Vorwurf entstanden: «Rochebin soll während Jahren Frauen und junge Männer sexuell belästigt haben.»

Das Lieblingsverb aller Denunzianten

Schön abgefedert mit dem Lieblings-Modalverb aller Denunzianten: «sollen». Reichen kennt nicht die Grundregeln des verantwortlichen Journalismus? Das könnte heikel werden. Reichen soll sie nicht kennen, das geht.

Das war also Reichen am 2. November 2020. Am 16. April kommentiert er das Ergebnis der Untersuchungen. «Marchands Fehler werden zu Unrecht marginalisiert». Das ist innerhalb der Meinungsfreiheit erlaubt. Aber vielleicht ein entschuldigendes Wort zu Reichens eigenen Fehlern in Sachen Vorverurteilung? Aber nein, die werden nicht mal marginalisiert. Die werden einfach ignoriert. Genau wie bei Blumer. Ein wertvoller Beitrag zum Vertrauen des Lesers in solche Journalisten.

Der Über-Lacher ist aber: Während diese beiden sich über babylonische Sitten im Westschweizer TV erregten, wo unglaubliche Zustände herrschen sollen (!), die Vorgesetzten das alles ignorieren – gleichzeitig muss ja schon bei Tamedia selbst der «strukturelle Sexismus» getobt haben, die Arbeit für Frauen ein Spiessrutenlaufen durch übergriffige Männer, anzügliche Bemerkungen, Diskriminierung in jeder Form gewesen sein. Schliesslich hat auch Blumer den veröffentlichten Protestbrief mitunterzeichnet.

Das nennt man wohl immer noch abgründige Heuchelei, das dürfte (!) beide Journalisten für lange Zeit unglaubwürdig machen.

 

Blue news: Wir machen blau

Regelmässig wird von angeblichen Kennern der Sachlage eines der meistbesuchten Newsportale der Schweiz übersehen. Das hat nicht zuletzt den Grund, dass sich «blue news» bis heute hinter bluewin.ch/de/news schamhaft versteckt. An einem Samstag ist das vielleicht auch keine schlechte Idee. Denn ganze 31 Nasen weist das Impressum von «blue news» aus, das sind mehr als mancher zum Skelett runtergesparten Zeitungsredaktion.

Am Samstagvormittag beglückt diese Redation voller geballter Fachkraft die Leser mit 8 neuen Artikeln. Das ist einerseits beruhigend; die Welt steht eigentlich still, nichts los, wir geniessen ein ruhiges Wochenende.

So könnte man das vielleicht sehen. Allerdings: Alle 8 News sind von Agenturen übernommen. Also das Wirken des Redaktors (generisches Maskulin, noch bekannt?) bestand darin, sich den Ticker von sda und dpa vorbeiflimmern zu lassen und gelegentlich copy/paste zu machen. Als Höhepunkt das Meisterstück «Das Wichtigste in Kürze». Hier wurden tatsächlich Meldungen verschiedener Agenturen gut gemixt und ins Gefäss geschüttet.

Kein Wunder, dass nach diesem Energieausbruch am Morgen anschliessend blau gemacht wird. Wir schreiten zum Vorschlag eines Slogans, das braucht jede Marke: «blue news – wir sind gleich zurück.»

 

nau.ch macht schlau

Okay, ist ein wenig hingewürgt, aber der «neue» Slogan für den Regenrohr-«Blick» ist auch nicht wirklich originell. Und man muss im Nahvergleich festhalten: Zum gleichen Zeitpunkt hatte nau.ch bereits fast 100 Meldungen über seine Leser rieseln lassen. Darunter sogar Eigenleistungen. Und Meldungen nicht nur aus der Schweiz oder Europa, sondern der ganzen Welt.

Selbst dass der 89-jährige Raúl Castro, der ewige kleine Bruder von Fidel, beim Parteitag der KP Kubas von seinen letzten Ämtern zurückgetreten ist, vermeldet nau.ch. Das war ein rechter Marathonlauf; Fidel Castro war ununterbrochen von 1959 bis 2006 an der Macht, dann übernahm Raúl bis 2021.

Das waren noch Zeiten. Raúl und Fidel Castro.

Weil nau.ch diese Meldung von AFP übernimmt, vermeidet es sogar den Fehler von anderen Agenturen, die schreiben, dass die KP Kubas 1965 gegründet wurde. Typische Fake News, sie wurde 1925 gegründet. Nach 1959 dann ins Abseits gedrängt, weil sie die Guerilla von Castro nicht unterstützt hatte. Als sich der Comandante en Jefe dann der UdSSR in die Arme warf, musste natürlich wieder eine KP her.

Ebenfalls eine Eigenleistung ist diese gute Nachricht – zumindest für Männer im Aargau: «Erotikbetriebe ab Montag im Aargau wieder offen». Bitte nicht weisse Socken und die Lederkrawatte vergessen.

Und während wir in diesem News-See herumrudern, wurden schon wieder neue News aufgeschaltet; 102 ganz genau. Wir rudern ans Ufer zurück.

 

Klein, aber fein

Wir haben die Schaffhauser AZ als ein Organ kennengerlernt, das dem Dinosaurier Tamedia (kleines Hirn, grosser – nein, das wäre sexistisch) vormacht, wie man anständig recherchiert. Unter der Leitung von Bernhard Ott geben hier 8 Journalisten ihr Bestes, einmal wöchentlich die Spalten der letzten überlebenden Arbeiterzeitung zu füllen. Damit erreichen sie rund 16’000 Leser. Ein Klacks gegen die runde Million von Tamedia.

In der nicht unrichtigen Ansicht, dass journalistische Leistung etwas wert ist, versorgt die AZ fast den gesamten Inhalt hinter einer Bezahlschranke. Von jeder Ausgabe bietet sie im Internet jeweils nur ein Guetzli an. Aber schon die zeigen, dass hier ziemlich gegen den Strom geschwommen wird.

Das gallische Dorf, umgeben von den Heerscharen Tamedias.

So würdigte sie vor Kurzem den 40. Todestag des grossen Schaffhauser Politikers und der «Urgewalt» Walther Bringolf. In der aktuellen Ausgabe geht die Wochenzeitung dem Thema auf den Grund, bis wann die Waffenschmiede SIG noch Sturmgewehre nach Chile lieferte. Obwohl immer mehr Beweise auftauchten, dass Diktator Pinochet mit eiserner Faust und rücksichtslos die Opposition dezimierte.

Vom Schlachten eines guten Journalisten

Normalerweise wird hier der Gorilla bespasst. Das geht in diesem Fall nicht. Anonyme Beschuldigungen, grosses Geschrei, Untersuchung. Resultat: null. Beschuldigter beschädigt bis erledigt.

Mobbing, sexuelle Belästigungen beim Westschweizer Fernsehen RTS. Darius Rochebin, über viele Jahre im wahrsten Sinne des Wortes der Anchorman der RTSTagesschau», ein angesehener, fachlich hochstehender, sorgfältiger und hartnäckiger Journalist, gehörte auch zu den Angeschuldigten.

Als wär’s ein Stück aus der «Republik»: Am 31. Oktober letzten Jahres hatte «Le Temps» angeklagt. Belästigungen, ungewollte Küsse, anzügliche Kommentare, Machtmissbrauch. Rochebin musste sich Vorwürfe anhören wie den, dass er die Hand einer Mitarbeiterin ohne deren Einverständnis auf sein Gemächt gelegt habe.

Natürlich erfolgten alle diese Vorwürfe anonym. Natürlich wurde behauptet, dass interne Beschwerden nichts genützt hätten, deshalb habe man an die Öffentlichkeit gehen müssen. Sozusagen die Vorlage für die erregten 78 Frauen bei Tamedia.

Rochebin bei seinem neuen französischen Arbeitgeber.

Damals stocherte das Haus der Qualitätsmedien nach, und, who else, die Frauenbeauftragte Claudia Blumer schrieb einen schäumenden Kommentar. Bereits am 2. November war für sie alles klar.

Urteil vor Untersuchung und Verhandlung

Als Qualitätsjournalistin vollstreckte sie bereits das Urteil, bevor überhaupt eine Untersuchung angefangen hatte: «Wie immer ist es erschütternd, wenn ein Heiligtum fällt», senkt sie mit dem ersten Satz den Daumen über Darius Rochebin. Sie kritisierte zudem, dass nicht mit «Sorgfalt und Entschiedenheit» den Vorwürfen nachgegangen worden sei. Es habe zwar keine rechtlichen Schritte gegen RTS gegeben, «doch das ist nicht entscheidend», donnerte Blumer vom hohen Ross:

«Nichtwissen ist Teil des Versagens.»

ZACKBUM, können wir nur sagen. Jetzt darf aber schallend gelacht werden: «Gravierende Fälle von Belästigung sind nicht Sache externer Berater oder einer Anlaufstelle, sondern der Geschäftsleitung und des HR.»

Schrieb damals die schnell wieder abgesetzte Untersuchungsrichterin Blumer, die selbst nachprüfen sollte, ob an den von ihr miterhobenen Vorwürfen der Tamedia-Mitarbeiterinnen etwas dran sei. Beauftragt von der Geschäftsleitung.

Als seien es haltlose Anschuldigungen der «Republik», die im Fall des grössten Kita-Betreibers «Globe Garden» durch eine externe Untersuchung als völlig haltlos und nicht verifizierbar abgekanzelt wurden, gleiste RTS gleich mehrere Untersuchungen auf, um ja jeden Verdacht der Verschleierung oder Vertuschung abweisen zu können.

Die anonymen Heckenschützen werden nicht belangt

Das Ergebnis ist nun auch hier bekannt. Es lautet, in der neutralen Sprache der Agentur SDA:

«Die von der SRG eingesetzten unabhängigen Sachverständigen kamen nun zum Schluss, dass sich Rochebin keiner sexuellen Belästigung oder Mobbing schuldig gemacht habe.»

ZACKBUM, sagen wir zum zweiten Mal. Bei zwei anderen Angeschuldigten sieht das anders aus; der TV-Chefredaktor und der Leiter der Personalabteilung verlassen deshalb den Sender. Die anonymen Verleumder, die schützt ihre Anonymität.

Das ist drakonisch, aber wohl richtig. Dort wird also aufgeräumt. Wie sieht es aber bei Tamedia aus? Hier würde es wieder brüllend komisch, wenn es für die Opfer der journalistischen Unfähigkeit Blumers nicht bis heute sehr, sehr bitter und belastend wäre.

Im Nachhinein und Blabla? Nein, ZACKBUM kritisierte schon damals scharf alle Formen von Vorverurteilung aufgrund anonymer Anschwärzungen. Der Ausgang ist ja meistens sehr vorhersehbar.

So wie bei Blumer. Im Prinzip. Denn ohne «Sorgfalt oder Entschiedenheit» ignorierte sie bei ihrem Schandartikel über den Streit ums Besuchsrecht sämtliche Fakten und Tatsachen, die ihr nicht in die Storyline passten. Mutter manipulativ und böse, Vater verzweifelt und untröstlich. Das war die These, die in keinem einzigen Punkt der Realität entsprach.

Nichtwissen ist schlimm, ignorieren ist schlimmer

«Nichtwissen ist Teil des Versagens», bei Blumer ist’s noch schlimmer. Sie ignorierte einen wohlbelegten Katalog von 14 Falschbehauptungen in ihrem Artikel. Tamedia weigert sich bis heute, eine Richtigstellung abzudrucken. Wir haben das Trauerspiel ausführlich beleuchtet.

Glücklicherweise steht die von Blumer verleumdete Mutter nicht in der Öffentlichkeit, und ihr Arbeitgeber schenkte ihr auch sein Vertrauen, dass all die von Blumer als Sprachrohr des tobenden Vaters erhobenen Vorwürfe falsch seien.

Der Weg ins Verderben.

Wie steht das nun mit dem «gefallenen Heiligtum» Rochebin? Der hatte nach Frankreich zu einem anderen Sender gewechselt und musste dort seine Tätigkeit zumindest vorübergehend einstellen; wer möchte schon einen Anchorman sehen, dem üble sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden?

Natürlich klagte er «Le Temps» wegen Verleumdung ein. Vielleicht wird er auch irgendwann Recht bekommen. Wenn er nicht vorher einsieht, dass das Jahre dauern und viel Geld kosten kann, und dass er damit den Fall in der Öffentlichkeit hält.

Natürlich hat das familiäre Umfeld der durchs Schlammbad gezogenen Mutter Blumer wegen übler Nachrede angezeigt. Das ist auch eher ein Akt der Verzweiflung, denn sie referierte ja nur unüberprüft die haltlosen Behauptungen des Vaters. Und eine grottenschlechte Journalistin zu sein, das ist (leider) nicht strafbar.

Werden wir noch mal Anstand und Verantwortung bei Tamedia erleben?

Werden wir in diesem Fall erleben, dass sich Tamedia, dass sich Blumer wenigstens für den angerichteten Schaden entschuldigt, gutmachen kann man den sowieso nie mehr? Ich glaube, durchaus noch über eine grössere Restlaufzeit in dieser Welt zu verfügen.

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich so viel Anstand. Fairness, Verantwortungsbewusstsein bei diesem Konzern und dieser Journalistin nicht mehr erleben werde. Der Fall der verleumdeten Mutter liegt nun schon fast zwei Jahre zurück. Und auch ZACKBUM gegenüber setzte Tamedia auf das unanständig Bewährte: einfach Schnauze halten, geht vorbei.

Vielleicht dann?

Das «Päckli» von Gilles Marchand und Nathalie Wappler

Die SRG schweigt Sexismusdebatte im eigenen Magazin tot.

«link» heisst das Mitarbeiter- und Mitgliedermagazin von der SRG Deutschschweiz. Der Namen ist wohl abgeleitet vom englischen «link» für Verknüpfung. Oder «Das Glied einer Kette». In der aktuellen Dezemberausgabe ist das «Glied» – um diese zugegebenermassen mittel originelle Brücke zu schlagen – aber in keinerlei Hinsicht ein Thema. Obwohl die SRG-Führung wegen dem Star-Moderator Darius Rochebin vom Westschweizer Fernsehen (RTS) und seinen im Raum stehenden sexuellen Übergriffen arg unter Druck steht. Was viele SRG-Mitarbeitende beschäftigt, wird totgeschwiegen. Doch der Reihe nach.

«Keine Kenntnis gehabt»

Rochebin soll seine berufliche Stellung und sein Ansehen ausgenutzt haben, um zu Sex zu kommen. Ein weiterer Kadermitarbeiter sei ebenfalls übergriffig geworden, und «alle hätten davon gewusst». Darum forderten 550 Mitarbeitende von RTS, immerhin gut ein Drittel der ganzen Belegschaft, in einer Petition die Absetzung der beiden Kaderleute und eine externe Untersuchung. Und was hat das mit der SRG zu tun? Der heutige SRG-Generaldirektor Gilles Marchand war von 2001 bis 2017 RTS-Direktor. Gegenüber watson.ch sagte die SRG-Medienstelle, Marchand habe von den falschen Facebook-Profilen Rochebins, nicht jedoch den Vorwürfen der sexuellen Belästigung Kenntnis gehabt. Sein Nachfolger als RTS-Direktor habe im Herbst 2017 «Massnahmen gegen Rochebin bezüglich der Einhaltung der Berufsregeln» ergriffen, über die Marchand informiert worden sei. Nun fordern kritische SRG-Angestellte und Mediengewerkschaften gar den Rücktritt von Marchand.

Ladina Heimgartner als Nachfolgerin?

Felix E. Müller gab kürzlich in der NZZaS noch einen drauf und brachte Ladina Heimgartner als Nachfolgerin ins Spiel. Sie ist seit gut einem Jahr bei Ringier, vorher arbeitet sie lange bei der SRG. Sie hat einige Vorteile gegenüber Marchand. Sie ist eine Frau, sie ist in der rätoromanischen Schweiz aufgewachsen. Und sie ist erst 40-jährig. Das ideale Alter, um den angestrebten «Transformationsprozess» der SRG auch durchzuziehen. Sprich, mehr digital, weniger Gewicht auf linear ausgestrahlte Sendungen.

«Lassen Sie mich das erklären»

Aber was hat das nun mit dem SRG-Heftli zu tun? Viel und nichts. Denn das Thema Rochebin-Sex-Marchand ist auch in Leutschenbach allgegenwärtig. Viele Mitarbeitende sind sauer, wie die SRG und demzufolge auch SRF das Problem angehen. Man bekommt den Eindruck, wie wenn die Chefs einander decken wollten. Aussitzen lautet die Devise. Dass in den nächsten Wochen Kündigungen anstehen, spielt dem Kader sicher in die Karten. Wer will schon aufmucken, wenn seine Stelle in Gefahr ist? In diese Strategie des Schweigens und Aussitzens passt nun eben die neuste Ausgabe von «link». Kein Wort über das Rochebin-Thema. Kein Wort. Dafür schreibt SRF-Direktorin in salbungsvollen Worten viel und doch wenig Konkretes über das «Transformationsprojekt SRF 2024». «Lasen Sie mich das Prinzip der Transformation am Beispiel der Volksmusik erklären», schreibt die Chefin etwa. Gestelzter geht fast nicht. Und das in einem Mitarbeiterheft, einem internen Produkt von und für Mitarbeitende. Theoretisch. Immerhin erfährt der Laie nebenbei, dass bei SRF heute weniger als 10 Prozent «unserer Mittel ins Onlineangebot fliessen, in einem Jahr sollen es etwa 20 Prozent sein.» Der Verlegerverband wird sich freuen.

Wie eine Programmzeitschrift

Was bleibt sonst vom «link»? Das Heft wirkt wie eine Programmzeitschrift. Der Text «Play Suisse» könnte auch im «Tele» stehen. Ebenso wie die Rubrik «Neu im Programm». Dafür kommen porträtierte Mitarbeiter eher zu kurz. Das Heft wirkt ziemlich unpersönlich, ja fernab von der Basis. Da ist das von zackbum.ch auch schon kritisierte Ringier-Blatt Domo noch um einiges menschlicher. Doch hier wie dort zeigt sich, dass die Chefs das letzte Wort haben. Darum ist im «link» kein Wort zum Thema Sexismus und Darius Rochebin zu finden.

In einer ersten Version wurde «link» als Mitarbeitermagazin bezeichnet. Das stimmt nicht ganz. Es richtet sich neben den Mitarbeiteiterinnen und Mitarbeitern auch an die Mitglieder der SRG. Die Auflage beträgt gut 16000 Exemplare.

Sündenpfuhl RTS

Übergriffe, Untergriffe, Überlastung: keine Zustände beim welschen TV.

Als ob das Schlamassel in den USA nicht schon belastend genug wäre. Zufällig kurz nach seinem Abgang wird die TV-Ikone Darius Rochebin, der Über-Anchorman von RTS, als übergriffig und zudem latent homosexuell geoutet.

In einem Alleingang der Zeitung «Le Temps», die kurz vor einem Besitzer- (und Chefredaktor-) Wechsel steht. Monatelange Recherche mehrerer Redaktoren, dreissig Leute befragt, das alles reicht für eine «Untersuchung von öffentlicher Nützlichkeit».

Interessante Formulierung, denn damit soll begründet werden, wieso es erlaubt sein soll, in der Intimsphäre von Rochebin herumzustochern. Und – eigentlich nichts zu Tage zu fördern. Ein Kussversuch (nicht vollendet!) bei einer Firmenfeier. Einem männlichen Mitarbeiter die Hand unters Hemd geschoben. Bei einer Silvesterfeier eine weibliche Hand an sein Geschlechtsteil (in der Hose) geführt. Im Internet unter Pseudonym junge Männer angemacht.

Gerüchte, anonyme Denunziationen

Nur: Es gibt keine Strafanzeige, keine aktenkundige interne Beschwerde, obwohl auch bei RTS diverse Möglichkeiten angeboten werden, sich gegen Übergriffe zu wehren. Ach, und die schrecklichen Ereignisse sollen zwischen 2009 bis 2017 stattgefunden haben. Trotz vieler Möglichkeiten, auch anonym firmenintern Beschwerde zu erheben, wollen die Quellen von «Le Temps» natürlich anonym bleiben, «aus Furcht vor Nachteilen im Beruf», stimmt dem das Blatt verständnisvoll zu.

Peter Rothenbühler erinnert in der «Weltwoche» an einen ähnlichen Bericht im «Tages-Anzeiger» aus dem Jahr 2017, in dem ein Kadermitarbeiter des Konkurrenten Ringier als «Chef der Zudringlichkeiten» in die Pfanne gehauen wurde. Ausschliesslich aufgrund anonymer Aussagen. Auch hier hatte sich bei Ringier niemand zuvor bei den vorhandenen Stellen gemeldet. «Reine Fertigmacherei einer Persönlichkeit der Konkurrenz», urteilt der sonst sanfte Rothenbühler so hart wie richtig.

Klage ist bereits eingereicht

Was soll nun dieser aktuelle Verleumdungsartikel in «Le Temps», der Rochebin in seiner neuen und erfolgreichen Karriere in Paris richtig schaden kann? Man weiss es nicht. Aber man weiss, dass der TV-Moderator inzwischen Klage gegen «Le Temps» eingereicht hat, und in Frankreich sind die Persönlichkeitsschutzgesetze einiges schärfer als in der Schweiz, auch die ausgefällten Strafen. Kann also durchaus sein, dass «Le Temps» mit einer schweren Hypothek in die Zukunft startet.

Aber die Abgründe sind noch viel tiefer. Was im Artikel von «Le Temps» nur ansatzweise geschildert wurde, zwei Kadermänner von RTS sollen sich auch des Mobbings, Übergriffen und übler Druckausübung schuldig gemacht haben. Aber, so weiss das Newsnet von Tamedia, «Die Mauer des Schweigens bricht». Der Trompeter von Jericho, Philippe Reichen, der sich schon mit Artikeln und einem Buch an Pierre Maudet abgearbeitet hatte, enthüllt weitere Skandale.

Ein weiterer, nicht taufrischer Skandal

Allerdings sind auch die nicht wirklich taufrisch. Er beklagt das Ende einer TV-Talkshow, die nach 12 Ausgaben Ende 2015 mangels Zuschauerinteresse abgesetzt wurde. Das habe bei den beteiligten Journalisten «tiefe Wunden» hinterlassen, diagnostiziert Reichen feinfühlig. Eine Kollegin habe gar ein Burn-out erlitten und musste schon nach einer Woche aussteigen. Tragischerweise habe sie sich von der anschliessenden Depression nie mehr erholt und verübte zwei Jahre später Selbstmord.

Ein «nicht direkt involvierter, aber mit den Details vertrauter», natürlich anonymer RTS-Mitarbeiter beklagt sich, dass man damals diese tragische Geschichte gar nicht richtig hätte verarbeiten können. Die RTS-Führung habe zudem jede Verantwortung von sich gewiesen und «uns zum Schweigen gebracht». Offenbar wirkte das bis heute nach.

TV-Machen muss die Hölle sein

Dann beschreibt Reichen ein wahres Inferno, das sich um diese Talkshow herum abgespielt habe. Es habe Abgänge gegeben, der Druck auf das übrig gebliebene Team sei immer grösser geworden. Dann soll sich eine wahre Apokalypse abgespielt haben:

«Die Verbliebenen arbeiteten bis zur Erschöpfung, schliefen kaum noch und hielten sich teils nur dank der Hilfe von Psychopharmaka auf den Beinen. Konflikte brachen auf. Man deckte sich gegenseitig mit Vorwürfen ein. Am Ende implodierte die Equipe. Nach 12 Wochen brach die Moderatorin wegen Erschöpfung zusammen. Sie war nicht mehr arbeitsfähig.»

An dieser Katastrophe seien die damaligen Programmverantwortlichen mitschuldig gewesen, wird anonym behauptet. «Schlecht geplante Sendung, knappe Personalressourcen, unerfahrene Mitarbeiter unter Druck gesetzt, Talente verheizt». Und da soll noch einer sagen, im Staatsfernsehen werde eine ruhige Kugel geschoben. Da geht es ja schlimmer zu als auf einer Redaktion fünf Minuten vor dem Andruck, wenn gerade die Titelstory gestorben ist.

All die Beladenen, Verheizten, Bedrückten, Pillenabhängigen

Natürlich, kennt man ja, weisen alle Führungskräfte die Vorwürfe entschieden zurück. Dann zitiert Reichen noch den Aufruf des aktuellen RTS-Direktors, die Probleme doch bitteschön intern zu regeln, um die «nötige Gelassenheit wiederherzustellen». Das bietet ihm Gelegenheit zum abschliessenden Faustschlag: «Doch solche Parolen kommen für viele RTS-Leute zu spät.»

Für all die Beladenen, Verheizten, unter Druck Gesetzten, von Psychopharmaka Abhängigen. Unglaublich, dass einige bis heute durchgehalten haben. Und selbst das Sexmonster Rochebin überlebten.