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Daniele Muscionico erhielt Kündigung

René Scheu, Feuilleton-Chef der NZZ, begründet im Interview exklusiv die Sparmassnahmen der NZZ.

Laut Stimmen aus dem Stadtzürcher Präsidialadepartement sollen die lokalen NZZ-Theaterkritiker die Kündigung erhalten haben. Stimmt das?

René Scheu: Ich kenne Ihre Quelle nicht. Aber das ist doppelt falsch. Denn erstens lag die Theaterkritik bisher in den Händen einer Person, nämlich von Daniele Muscionico. Und zweitens verschwindet das Dossier deutsches Sprechtheater nicht, sondern wandert von Daniele Muscionico, die es seit 2017 betreut hat, zu Ueli Bernays, der seit über 20 Jahren NZZ-Redaktor ist. Aber Daniele Muscionico, eine sehr geschätzte Mitarbeiterin der NZZ, bleibt uns als Feuilleton-Autorin erhalten. Sie wird wie auch bisher schon regelmässig eigenständige und eigenwillige Beiträge zu allen möglichen Themen des Lebens aus kulturaffiner Sicht beitragen.

Fakt bleibt: Die vier Personen, darunter Daniele Muscionico, müssen also gehen.

Das Feuilleton arbeitet nicht mehr mit Pauschalistinnen und Pauschalisten, also Leuten, die ein Fixum beziehen.

Sämtliche Verträge wurden fristgerecht auf Ende Jahr gekündigt, auch jener von Daniele Muscionico.

Alle Pauschalisten haben eine faire Entschädigung erhalten, und alle arbeiten als feste freie Mitarbeiter weiter leidenschaftlich für die NZZ. Die Honorare für Texte werden wir zudem insgesamt etwas anheben – denn wir wissen, wie wichtig auch originelle externe Autoren für unser Feuilleton sind.

Was sind die Gründe für die Kündigungen?

Das Feuilleton hat wie die anderen Ressorts auch gezielte Sparmassnahmen umgesetzt. Der Journalismus befindet sich in einer Transformation.

Einerseits fokussieren wir noch stärker auf das, was wir am besten können – Reflexion, Hintergrund, Analyse, relevante Berichterstattung. Wir machen also weniger, aber das noch besser. Anderseits investieren wir in neue Formen und Formate, von Podcast bis Datenanalyse. Und die steigende Zahl von Digital-Abos gibt uns hier recht.

Alle Theaterhäuser in Zürich haben eine Petition unterschrieben, damit die Kritikerstellen erhalten bleiben. Hat diese etwas bewirkt?

Wir stehen mit den Theatern in engem Kontakt und Austausch. Und selbstverständlich bleibt Zürich für uns die Home Base – hier wollen wir in der Berichterstattung wie bisher die Platzhirsche sein. Wir bauen hier nicht ab, sondern aus. Nur werden wir nicht mehr alle Theaterhäuser im deutschsprachigen Raum ausserhalb der Eidgenossenschaft so eng wie früher begleiten – das wird von den NZZ-Lesern auch nicht wirklich gewünscht, das zeigen uns die Daten ganz klar. Die Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und ausdifferenziert, für einschlägiges Interesse gibt es einschlägige Plattformen, im Falle der Theaterkritik zum Beispiel www.nachtkritik.de, die einen tollen Job machen. Wir berichten selektiv über das Relevante, nicht mehr ständig über alles Mögliche.

Schon 2017 wurde drei Kulturkorrespondenten gekündigt. Sandra Leis von Radio SRF 2 stellte damals fest, dass die NZZ damit auf dieses Alleinstellungsmerkmal, diesen Trumpf der Kulturberichterstattung, verzichte. Chefredaktor Eric Gujer sagte: «Ganz im Gegenteil. Aber ich mache keine Unterscheidung zwischen Polit- und anderen Journalisten». Er betonte: «Eine so breite Kulturberichterstattung wie wir macht niemand in der Schweiz». Das stimmt jetzt nicht mehr, einverstanden?

Nicht einverstanden. Das stimmt nach wie vor – und mehr denn je. Oder kennen Sie in der Schweiz ein anderes Feuilleton, das im Schnitt täglich mit vier Printseiten aufwartet und online noch manches darüber hinaus bietet? Aber ganz unabhängig davon –

Ihre Frage zeugt von einem strukturkonservativen Geist, der gerade unter Medienkritikern notorisch zu sein scheint. Wir träumen an der Falkenstrasse nicht von der guten alten Zeit, sondern machen uns fit für die Zukunft.

Nicht die Meinungen der Journalisten sind unsere Richtschnur, sondern die Bedürfnisse der Leserinnen und Leser.

Als NZZ-Leser hat man das Gefühl, unter Ihnen, René Scheu, sei die internationale Kultur gut abgedeckt. Das Lokale aber bleibe oft aussen vor. Wie sehr liegt Ihnen Zürich am Herzen?

Danke für das Kompliment! Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Natürlich machen wir ein Feuilleton für die ganze Schweiz und darüber hinaus. Aber wir wollen in Zürich die Platzhirsche sein, siehe oben. Das ist unser Anspruch, aber ja, hier können wir bestimmt noch weiter zulegen. Bald bringen wir einen neuen Zürichkultur-Newsletter heraus. Und wir wollen unsere Efforts in dieser Richtung weiter intensivieren.

Theater- und Konzertkritiken waren früher das A und O einer Aufführung. Nun gibt es sie fast gar nicht mehr. Warum hält die NZZ nicht dagegen?

Das Schauspielhaus, das Opernhaus, die Tonhalle und andere Institutionen begleiten wir eng. Wir haben hier einen Kulturauftrag, den wir sehr ernst nehmen, auch mit Bezug auf kleinere Bühnen und Veranstalter.

Zugleich sind wir keine PR-Agentur von Kulturinstitutionen und wollen auch kein Feuilleton für die Happy Few machen – das Feuilleton soll vielmehr allen lesehungrigen, interessierten, bildungsbürgerlich angehauchten Zeitgenossen etwas bieten.

Die Auflage der NZZ schwindet markant. In einem Jahr von gut 100000 auf etwas über 70000. Ist da dieser Kahlschlag nicht ein falsches Zeichen für die treuen Abonnenten?

Sie messen noch in der Print-Währung, was mich erstaunt, da zackbum.ch ja ein reines Online-Medium ist. Und sorry, Print ist eine Währung, nicht DIE Währung.

Die Print-Auflage sinkt leider, das ist korrekt.

Aber an zahlenden Digital-Abonnenten haben wir in den letzten beiden Jahren mächtig zugelegt – die magische Grenze von 200’000 zahlenden Abonnenten, die wir für Ende 2022 angesetzt hatten, haben wir bereits dieses Jahr überschritten. Und Hand aufs Herz – ist das nicht sogar für Sie eine gute Nachricht? So gehen Ihnen die Themen nicht so bald aus.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

René Scheu (*1974) leitet seit 2016 das Feuilleton der NZZ. Vorher war er Chefredaktor und Herausgeber des liberalen Magazins Schweizer Monat.

Daniele Muscionico (*1962) ist – mit kleinem Unterbruch – seit 1994 Kulturredaktorin der Neuen Zürcher Zeitung. Seit 2017 ist sie laut NZZ-Impressum erste Theaterkritikerin mit Vorliebe für Experimente mit offenem Ausgang.