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Sparmassnahmen in der Wirtschaft

Bei Schweizer Banken wird an Kompetenz gespart. In den Wirtschaftsredaktionen auch.Die  Ergebnisse sind ernüchternd.

Es gibt die versammelte Schweizer Wirtschaftspresse. Die NZZ bemüht sich immerhin noch, Schatten alter Grösse an die Höhlenwand zu werfen. Aber sonst? Der Prozentsatz von Wirtschaftsjournalisten, der ohne zu stottern sagen könnte, was ein ETF ist, nimmt sozusagen täglich ab.

Der Prozentsatz der Journalisten, die in der Lage wären, die Schieflage der Credit Suisse à fond zu analysieren, liegt im Promillbereich. Für Schlagzeilen kann diese Journaille eigentlich nur noch auf zwei Arten sorgen.

Tamedia beteiligt sich mal wieder an der Ausbeutung von Hehlerware. Also irgendwelche irgendwo auf der Welt von unbekannten Tätern gestohlene Geschäftsunterlagen werden aufbereitet und portionenweise auf die beteiligten Medien verteilt. Dann werden sie in Leaks, Papers oder Files umbenannt, je nachdem, was am besten alliteriert. Also niemals Panama Leaks, sondern natürlich Panama Papers.

Dann wird ein grosses Gegacker und Flügelschlagen veranstaltet, Abgründe von Verbrechen gemutmasst – bis sich alles in Luft auflöst. Wie bei einem schweizerisch-angolanischen Geschäftsmann, dem übelste Machenschaften bei der Verwaltung eines angolanischen Staatsfonds vorgeworfen wurden. Alles Unsinn, stellte sich heraus.

Die zweite Art entsteht durch Anfüttern. Also der Oberchefredaktor oder wer auch immer wird mit ganz heissen News angefüttert. Die er dann als Ergebnis einer schweisstreibenden Recherche unter Einsatz von Leib und Leben an seine Leserschaft verfüttern kann.

Interessiert das Schicksal einer der beiden Schweizer Grossbanken überhaupt noch?

Es gäbe noch theoretisch eine dritte Möglichkeit. Durch eigene Recherchen zu Ergebnissen kommen. Für die meisten Wirtschaftsjournalisten in der Schweiz ist das aber Jägerlatein aus Zeiten, wo möglicherweise tatsächlich nicht die pfannenfertig angelieferte Kommentierung des Geschäftsberichts per copy/paste ins Blatt gehoben wurde.

Wer überhaupt noch den Nerv hat, sich für das Schicksal der beiden einstmals grossen Schweizer Grossbanken zu interessieren (selbst als Aktionär will man lieber einfach nichts mehr wissen), dürfte mitbekommen haben, dass die Credit Suisse neue Höhepunkte der verantwortungslosen Zockerei mit grösseren Teilen des Eigenkapitals vorgeführt hat.

So ging die Bank beim Hedgfonds eines wegen Insiderdelikten Vorbestraften mit Milliarden ins Risiko. Genauer, sie zockte bei Wetten mit, die mit max. 10 Prozent Eigenkapital unterlegt waren, in den schlimmsten Zeiten hatte die CS über 20 Milliarden Dollar in diesem Spekulantenfonds im Feuer; die Hälfte des Eigenkapitals.

Wie ist eine solche Verluderung nur möglich?

Bei einem anderen wilden Zocker in Australien passierte fast zeitgleich genau dasselbe. Wie war das möglich? Nun, da sendet die Schweizer Wirtschaftspresse mal wieder das Pausenzeichen, nachdem sie wiederholte, was die «Financial Times» recherchierte. Eigenleistung: null. Aufmerksam gemacht auf die Berichterstattung der FT wurde die Journaille erst noch durch den munteren Finanzblog «Inside Paradeplatz», bei dem eine Einzelmaske die wohl grösste Anzahl von Primeurs der letzten Jahre zu verantworten hat.

Wenn berichtet wird, dann so oberflächlich wie aktuell in Tamedia, dass der neue VR-Präsident der CS «aneckt». Weil er im Gegensatz zu seinem Vorgänger versuchen will, den Kahn vor dem völligen Absaufen zu bewahren. Das fänden irgendwelche anonymen Nulpen in den oberen Rängen nicht so toll. Was für die Zukunft der CS ungefähr so wichtig ist wie die farbliche Gestaltung der Menükarte in der Angestellten-Mensa.

Nachdem aber die FT vorgelegt hat, zieht das «Wall Street Journal» nach. Mal wieder «Inside Paradeplatz» wagt es, den Inhalt des ausführlichen und sich vom Schweizer Niveau wie Tag und Nacht unterscheidenden Artikels zusammenzufassen:

Er «entlarvt eine der grössten und wichtigsten Firmen der Schweiz als einen Hallodri-Laden, bei dem die höchsten Chefs null Ahnung haben von dem, was tatsächlich vor sich geht, und die sogenannte Key Risk Takers mit Millionen vergolden, welche mit ihren Wetten das ganze Unternehmen aufs Spiel setzen.»

Nichts hat sich gebessert, fast alles hat sich verschlimmert

Will man dem WSJ glauben, und wie die FT unterlaufen dem Blatt selten bis nie gravierende Fehler, ist es diesmal noch schlimmer als bei der Finanzkrise eins. Ein Laden, der völlig und im wahrsten Sinne des Wortes ausser Kontrolle geraten ist. Wenn der aktuelle CEO (muss man sich den Namen eigentlich merken?) blubbert:

«Risk control has always been a top priority, it’s key to every bank. I’m absolutely focused on that, not only now: I was, and I will be»,

erregt das nicht mal mehr Ärger oder Kritik, sondern reines Mitleid.

Trauriger Plauderi vor Bankfassade.

Ärgerlich sind nur drei Dinge. Dass diese versammelten Pfeifen immer noch Multimillionengehälter verdienen. Dass der Schweizer Steuerzahler – too big to fail – in der Haftung ist. Und dass die Schweizer Wirtschaftspresse, die sich weiterhin angelegentlich um jeden Pipifax in der Affäre Vincenz kümmert, angesichts des Niedergangs einer der beiden Symbolbanken der Schweiz schlichtweg stumm bleibt.

Abschreibt, was die letzten englischsprachigen Wirtschaftsmedien mit der Fähigkeit zum Recherchieren herausfinden. Dabei genauso schamlos Gehälter von einigen hundert sogenannten «Wirtschaftsjournalisten» kassiert werden, die etwa gleichviel leisten wie die Chefetage der Credit Suisse.

Grossverlage und Grossbanken haben inzwischen staatliche Unterstützung

Staatsgarantie haben inzwischen beide. Weitere Parallelen sind unverkennbar. Die grossen Clans, die die Schweizer Medienlandschaft beherrschen, kassieren weiterhin Multimillionen, ohne nur den Schatten eines Gedankens zu produzieren, wie ihre Verlage aus eigenen Kräften aus der aktuellen Misere herausfinden könnten.

Während das Angebot ausgedünnt wird, die Redaktionen zusammengelegt und -gehackt, und das Ganze als Verbesserung, Synergie, Straffung dem fluchenden Abonnenten verkauft wird. So wie die CS jeden verzweifelten Rettungsversuch als tolle Leistung den fluchenden Aktionären verkaufen will.

Verblüffend, wie sich da zwei gefunden haben. Die Schweizer Privatmedien und die Privatbanken. Arm in Arm in den Sonnenuntergang wankend.

 

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Nationalbank beim Eierquetschen

Vornehmer heisst das Short Squeeze und bedeutet, Spekulanten in die Hose zu fassen.

Das ist normalerweise ein Spiel für die Big Boys an den Börsen. Zu denen gehört aber auch unsere gute, alte Nationalbank. Wenn ganz grosse Hedgefunds grün und blau vor Ärger und Angst werden, hält sich das Mitleid in Grenzen. Citron Resarch, Melvin Capital oder Citadel sind solche Giganten, die normalerweise unter dem Radar fliegen. Zurzeit aber eher unbekleidet dastehen und sich die Hände vors Gemächt halten.

Wie so häufig hat die «Financial Times», eines der wenigen Organe, in dem Wirtschaft noch kompetent analysiert wird, den Fall aufgeblättert. Wie so häufig hat «Inside Paradeplatz» als bislang einziges Schweizer Organ darauf hingewiesen.

Die Probleme beim Leerverkaufen sind in der Leere des Journalismus zu kompliziert

Ein Short Squeeze ist eine ziemlich unangenehme Klemme, die beim Shorten entsteht. Shorten heisst, ein Wertpapier auf Termin leer zu verkaufen. Zum heutigen Kurs, weil der Spekulant davon ausgeht, dass er es sich bei fallenden Kursen später billiger besorgen kann und so ohne die geringste Wertschöpfung Reibach macht.

Für Fallschirmspringer ohne Fallschirm ist die Variante des leer Shortens. Der Spekulant geht voll ins Risiko und hat seine Wette auf die Zukunft mit nichts unterlegt. Ein theoretisches, aber naheliegendes Beispiel: Die Aktie der Credit Suisse ist mit 9.85 am Freitag aus dem Markt gegangen. Ich biete sie zu diesem Preis zum Verkauf am Mittwoch. In der Hoffnung, dass ich mir sie dann für 9.75 besorgen kann. Hübscher Gewinn ohne Arbeit.

Peinlich wird’s aber, wenn sie am Mittwoch nur für 9.95 zu haben ist. Denn ich muss mein Verkaufsversprechen halten, mich also mit Verlust eindecken. Der ist hier bitter, aber überschaubar.

Richtig peinlich wird’s aber, wenn der Kurs durch die Decke geht. Das war bei der US-Trümmelfirma Gamestopp vor Kurzem der Fall. Deren Aktienkurs dümpelte friedlich bei rund 20 Dollar vor sich hin. Einige Hedgefonds verloren das Vertrauen ins Geschäftsmodell der Bude und begannen zu shorten. Aber statt dass der Kurs ihnen den Gefallen tat, weiter abzusaufen, explodierte er auf bis zu 480 Dollar. Nun stelle man sich vor, dass ein Spekulant zu diesem Preis sich mit ein paar tausend Aktien eindecken muss, die er für 20 Dollar zu liefern hat.

Ein Short Squeeze ist sehr unangenehm

Zumindest Männer, und die überwältigende Mehrheit der Börsenhaie sind Männer, haben dann ein Gefühl, als würden ihre Testikel in einen Schraubstock geraten. Sehr unangenehm. Das gleiche Spiel läuft zurzeit mit den Aktien der Kinokette AMC. Eigentlich, dank Corona, auch ein Kandidat für fallende Kurse. Aber auch AMC wird zu einer Meme-Aktie. So wiederum nennt man Papiere, deren Börsenwert nichts mehr mit dem inneren Wert der dahinterstehenden Firma zu tun hat.

Hedgefunds müssen ja irgendwie Geld verdienen, und sei es nur, um die exorbitanten Fees und Boni des Managements zu bezahlen. Die sind aber im Allgemeinen sehr gut im Abkassieren, weniger gut im Analysieren und Spekulieren. Das neue beim Gamestopp-Casino war, dass auf der Versammlungsplattform Reddit ein Trader unter dem putzigen Pseudonym «Roaringkitty» (brüllendes Kätzchen) eine Community von Kleinhändlern aufgebaut hatte, die gemeinsam so viel Gewicht bekamen, dass sie den Kurs der Spielefirma nach oben treiben konnten.

Das wiederum trieb ein paar Hedgefonds fast in den Bankrott; einer soll dabei beinahe 50 Prozent seines Wertes verloren haben. Aber da ja die meisten Einnahmen von Händlern weiterhin umsatzabhängig sind (schliesslich ist auch das Verrösten von Geld Umsatz), bedeutet eine verlorene Wette die nächste Wette, diesmal aber in die Vollen.

Auch die AMC-Aktie explodiert – nach oben

Das scheint gerade bei der AMC-Aktie zu passieren. Statt sich gefälligst nach unten zu bewegen, explodiert sie förmlich nach oben. Ganz echt furchtbar blöd wird es dann, wenn Shorties – so nennt man diese Spekulanten – mehr Kontrakte ausgestellt haben, als es überhaupt Aktien gibt.

Wie diverse Finanzkrisen gezeigt haben, kann man an der Börse ziemlich viel anstellen; Aktien aus dem Nichts herbeizaubern gehört aber nicht dazu. Auch bei AMC ist inzwischen rund 80 Prozent der Aktien im Besitz von einer Community von Retailhändlern. Allerdings, unvermeidlich sind auch Big Boys wie BlackRock, die Pensionskasse von Arizona – und die Schweizerische Nationalbank (SNB) eingestiegen. Ihr, also uns, gehören rund 200’000 AMC-Aktien. Ihr Paket hat die SNB erst Anfang Mai verdoppelt.

Auf der anderen Seite, also womöglich auf der Verliererstrasse steht – man möchte fast sagen: logisch – die Credit Suisse. Sie soll zu den grösseren Leerverkäufern der Aktie gehören. Funktioniert auch hier der Short Squeeze, dürfte es diesmal ein paar grosse Hedgefunds lupfen.

Unvergessen: der Short Squeeze mit de VW-Aktie 2008.

Richtig lustig wird’s aber dann, wenn die SNB zwar zu den Gewinnern gehört. Aber der CS unter die Arme greifen muss, too big to fail, nicht wahr. Gewinne kassiert das Management, Verluste deckt der Staatsbürger mit seiner SNB ab. Ein Scheissspiel? Aber sicher. Nur hätte es der Staatsbürger ja in der Hand, kräftiger bei seiner SNB mitzureden. Denn die ist auch eine AG. Aber eben, von «da sollte man mal» bis zur Aktion ist es ein weiter Weg.

Vor der Aktion stehen auch Horden von Bedenkenträgern, die ein Hindernis nach dem anderen aufstapeln. Und den Gründungszweck der SNB völlig aus den Augen verloren haben.

Immerhin; endlich ist die Schweiz mal wieder Weltspitze. Mit Abstand. Die Bilanz ihrer Notenbank ist bedeutend grösser als das BIP. Und die SNB ist der grösste Hedgefonds der Welt. Mit ganz tiefen Taschen. Und mit der Lizenz zum Drucken. Zum Gelddrucken.

Dieser Artikel erschien zuerst auf «Die Ostschweiz».

Swiss Miniature: Die CS

Früher eine Bank, heute ein Bänkchen. Verzwergt, vergeigt, verröstet, verdummt.

Gestern war der grosse Tag einer kleinen Bank. Wäre Generalversammlung. Immer ein Happening in grossen Sälen, wo sich der Verwaltungsrat und Teile der Geschäftsleitung mit unbewegter Miene oft stundenlange Beschimpfungen anhören müssen.

Aber he, es ist einmal im Jahr, und bei dem Schmerzensgeld … Aber man muss auch Glück haben. Wie alles bei dieser Führungsetage unverdient. Corona, die GV konnte nur virtuell stattfinden. Die oberste Führung versammelte sich hinter verschlossenen Türen in Horgen. Der Ort ist leicht zu finden; es dürften auffällig viele durchgemuskelte Gestalten mit Knopf im Ohr dort rumgestanden sein.

Damit ihr unerträgliches Gelaber nicht unterbrochen werden kann, waren Fragen einfach nicht zugelassen. Da’s am Nachmittag aufklarte, war’s perfektes Wetter für den Golfplatz, und wenn man da jeden Aktionär reinquatschen lassen würde, dann wäre man mal wieder erst am frühen Abend fertig. Geht gar nicht. So brauchte man knapp 60 Minuten. Viel besser.

Braucht man bald einmal ein Mikroskop, um die CS zu finden?

Denn der Aktionär hat nicht zu quatschen, sondern stumm zu leiden. Wieso hat der Blödkopf auch eine (oder viele) CS-Aktie gekauft? Selber schuld, hätte doch Banker werden können, da fliegen die Scheine rum.

Die CS hat sich dermassen krankgeschrumpft, dass selbst das Medienecho überschaubar ist. Ganze 94 Treffer verzeichnet die smd heute Morgen. Das auch nur deswegen, weil das für Risk Management zuständige GL-Mitglied Andreas Gottschling im letzten Moment beschlossen hat, seine Kandidatur für eine Wiederwahl zurückzuziehen.

Alle Stimmzettel liegen schon seit drei Tagen beim Stimmrechtsvertreter. Sind aber natürlich streng geheim. Dennoch hat Risikochef Gottschling das Risiko für zu gross gehalten, dass er als erster VR seit Menschengedenken abgewatscht und abgewählt werden könnte. Schliesslich hat seine Abteilung krachend versagt.

Denn Risk Management, das war offenbar ein Synonym für Verlustmanagement bei der CS. Aber immerhin: Es flogen keine faulen Eier oder überreife Tomaten. Es mussten keine Regenschirme unter dem Pult verstaut werden. Es brauchte innerhalb des Seminarhotels keine zusätzlichen Bodyguards.

Swiss Miniature: der neue Standort der CS?

Auch Urs Rohner, die Weisse Weste, der Teflon-Banker, hat seinen Abschiedsvortrag gehalten. Also abgelesen, was schwitzende Wortveredeler sich abgebrochen hatten. «Herzensangelegenheit, entschuldige mich.» Und tschüss.

Money for nothing

Eigentlich hatte er sich seinen Abgang sicher anders vorgestellt. Aber so ist’s auch recht, wenn keiner mehr von seinem Gequatsche Kenntnis nimmt. Dann wird er sich nach 10 Jahren trollen. Mit fast 44 Millionen Gesamtsalär. Wofür? Nun, der Börsenwert der Bank ist in seiner Amtszeit um 26,6 Milliarden Franken geschrumpft (danke, WeWo, für eine kleine Fleissarbeit).

Da kann Rohner aber zu Recht sagen: na und? Da haben andere ganz anderes geschafft. Stimmt. Absoluter Rekordhalter ist Brady Dougan. In acht Jahren 161 Millionen kassiert. Dafür den Börsenwert der CS um sagenhafte 62 Milliarden Franken geschrumpft.

Einen drauflegen kann nur noch die gesamte Geschäftsleitung, aber das auch nur, wenn man ihr unseliges Wirken von 2007 bis heute betrachtet. In dieser Zeit haben die hier versammelten Pfeifen, Nichtskönner, Versager 1,3 Milliarden Franken Saläre eingesackt; von verdienen kann keine Rede sein. Dafür haben sie am Börsenwert insgesamt 65,3 Milliarden Franken vernichtet.

Hat irgend einer der letzten drei CEO oder VR-Präsidenten etwas anderes getan, als ein Heidengeld dafür zu kriegen, dass er die Aktionäre das Fluchen und Fürchten lehrt? Nein, keiner. Von Kielholz bis Rohner, von Dougan bis Gottstein: gross kassiert, klein geliefert.

Dabei haben wir noch gar nicht von den milliardenschweren Rekordbussen gesprochen; nicht mal als Jurist war Rohner zu etwas zu gebrauchen. Statt zu versuchen, diese Verluste wenigstens zu minimieren, war wohl seine Devise: geht da auch noch etwas mehr, kriegen wir noch einen Nachschlag? Gerne, sagten die Amis, 2,8 Milliarden im Steuerstreit. Schweizer Rekord, unerreicht. Vorläufig über 5,5 Milliarden im immer noch nicht beendeten Hyposchrott-Desaster.

Gibt’s denn keine positive Nachricht? Aber sicher doch: wie stabil muss eine Bank sein, dass sie das alles aushält. Aber es gibt eine alte Bankerweisheit, die nicht häufig zitiert wird.

Der Banker geht zum Geldbrunnen, bis er bricht. Also der Banker oder der Brunnen.

Wer ab Blatt singen will …

Wieso kann das in der Schweiz keiner?

Credit Suisse hat ein paar Probleme. Im Milliardenbereich. Na und, sagen die CH-Medien.

Die Credit Suisse hat nur noch Swissness im Namen. Ihre grössten Aktionäre sind Ölscheichs und US-Hedgefonds. Ihr Business ist weltweit, von Asien bis USA. Der einzige sichere Gewinnbringer ist die Schweizer Einheit. Alles andere …

Mit einem Doppelschlag, vielleicht folgen noch weitere, zeigte die CS, dass sie den heutzutage wichtigsten Kontrollposten nicht im Griff hat: das Risk Management. Also die Abteilung, die bestimmen sollte, welche Risiken für die Bank akzeptabel sind – und welche nicht. Natürlich gibt es dabei immer Auseinandersetzungen mit bonushungrigen Bankern, für die das Risk Management einfach nur ein Spielverderber ist.

Bis hierher sind die Schweizer Medien vorgedrungen, das war’s dann aber auch. Keine abgemagerte Wirtschaftsredaktion der sogenannten Qualitätsmedien war in der Lage, den Ursachen für dieses Disaster weiter auf den Grund zu gehen. Auch keine Wirtschaftsfachzeitschrift. Wie beim Wirecard-Skandal in Deutschland gibt es auch hier eine Zeitung, die schmerzlich den Niveauunterschied deutlich macht.

Auch damals schon: Nur die FT recherchierte weiter.

Richtig, natürlich die «Financial Times» (FT). Vier Journalisten rollen auf, wie die CS «beim Risikomanagement gewürfelt – und verloren hat». Ausser «Inside Paradeplatz» hält es – nebenbei – kein anderes Schweizer Medium für nötig, wenigstens auf den Inhalt des Artikels einzugehen.

Denn er belegt, dass alles noch viel schlimmer war und ist, als man bei zwei Multimilliardenschäden annehmen muss. Denn es war offensichtlich nicht einfach Versagen durch Fehleinschätzung – es war absehbar und fahrlässig.

Nur fünf Monate vor dem Zusammenbruch von Greensill Capital präsentierte die CS ihren Topleuten in Asien einen mutigen Unternehmer, ein gefeiertes Beispiel dafür, mit wem man Geschäfte machen will: Lex Greensill.  Helman Sitohang, Asien-Chef der CS, hatte ihn eingeladen, um seinen Managing Directors zu zeigen: solche Partner brauchen wir, holt mehr davon.

Auf Watchlist, aber was soll’s

Nur zwei Monate vorher war Greensill auf eine Beobachtungsliste der CS-Risikomanager in Asien geraten, schreibt FT.

«Die Greensill-Explosion ist nur ein Glied in einer langen Kette von Risikomanagementfehlern bei der Credit Suisse.»

Abgewatscht mit immer neuen Bussen, versuchte die CS eine Kehrtwende mit dem Fischen in gefährlichen Gewässern, oder wie das ein Manager ausdrückt: «Die Credit Suisse schwamm am tiefen Ende des Teichs mit den Haien, tat dies jedoch mit einer Private-Banking-Denkweise. Deshalb würde sie immer gefressen werden.»

Das Problem personifizierte die Risk- und dann auch noch Compliance-Chefin Lara Warner. Die zweite Funktion war ihr von Thomas Gottstein übertragen worden, der damit durch das Ausmerzen von Doppelspurigkeiten 500 Millionen einsparen wollte. Damit hatte eine Person diese beiden Schalthebel in der Hand ­ – die über keine adäquate Ausbildung in diesen Bereichen verfügte. Sondern die Devise umsetzte, dass man mehr Gas geben soll, «kommerzieller» denken, nicht immer die Risiken in den Vordergrund schieben. Das führte dann unter anderem dazu, dass Warner ihre Risikomanager überstimmte, als die vor dem Gewähren eines weiteren Kredits in der Höhe von 160 Millionen Dollar an Greensill warnten.

Asien entwickelte sogar ein eigenes Risiko-Tool

Es wird noch aberwitziger: «Im Jahr 2016 begann das Asiengeschäft mit der Entwicklung eines Tools zur Abbildung der Risiken eines Kunden bei der Suche nach Problemen zweiter Ordnung, die sich auf die Bank auswirken könnten.» Wäre das nicht irgendwo im Gestrüpp der Bürokratie verschwunden, hätte die CS dieses Disaster vermeiden können.

Und auch das in den USA: «Es gab systematische Unempfindlichkeit auf allen Ebenen», zitiert die FT,  «wenn Sie der Risikoleiter sind und einen Verlust von 60 Mio. USD vorbeigehen lassen, dann einen Verlust von 200 Mio. USD, und Sie fragen nicht, was zum Teufel hier passiert, was machen Sie dann eigentlich?»

Vermächtnis des scheidenden VR-Präsidenten Urs Rohner

Was die FT hier glasklar aufzeigt: es ist nicht das übliche «shit happens» im Bankgeschäft. Es ist auch nicht das übliche «untere Chargen übertraten interne Vorschriften und bewirkten damit». Nein, diese Risikokultur, diese Fahrlässigkeit beginnt ganz oben in der CS. Sie ist das schlimmste Vermächtnis des scheidenden VR-Präsidenten Urs Rohner. Nicht nur die CS-Aktionäre mussten seit seinem Amtsantritt einen Verlust von 70 Prozent hinnehmen.

2,6 Milliarden für Beihilfe zur Steuerhinterziehung. 154 Millionen, um die Untersuchung von Manipulationen in einem Dark Pool beizulegen. Milliarden-Kredit an Mosambik, der zum Staatsbankrott führte und bis heute untersucht wird. Zahlung von 5,28 Milliarden, um einer Untersuchung wegen Fehlverkäufen von Hypopapieren vor der Finanzkrise eins zu entkommen. Verkauft für 900 Millionen Dollar Wandelanleihen von Wirecard. Kündigt an, dass es bis zu 680 Millionen Verluste geben könnte, durch einen US-Gerichtsfall wegen RMBS-Verkäufen 2007. Plus wohl 3 Milliarden durch Greensill, plus 4,7 Milliarden bei Archegos Capital. Die Liste ist nicht vollständig.

Will da noch jemand behaupten, dass diese Bank nicht systemisch krank ist? Dass das Feuern von ein paar Managern ausreicht? Solange die Schweizer Medien Gewehr bei Fuss stehen, könnte sich die CS-Führung in dieser Illusion wiegen. Wie auch Wirecard dachte, Reportagen von FT einfach aussitzen zu können.

Dummheit ist ansteckend

Leider eine weitere Folge. Inzwischen ist das Virus auf die Credit Suisse übergesprungen.

Am Donnerstag gab die einstmals stolze und starke Bank ihr Quartalsergebnis bekannt. Reinverlust eine runde Viertelmilliarde. Mindestens 7 Milliarden mit nur zwei Investitionen verröstet. Einem vorbestraften Family-Office-Manager 10 Milliarden Spielgeld geliehen, vielleicht sogar 20. Also die Hälfte des geschrumpften Eigenkapitals. Risk Management, gesunder Menschenverstand, Kontrolle, die simple Frage: was machen wir da eigentlich, und ist das tatsächlich sinnvoll? Abwesend.

Aktienkurs seit Februar um ein Drittel geschrumpft, und wir messen hier sowieso schon im Keller. Von einstmals stolzen 13,50 Franken auf etwas über 9 Franken. Erinnert sich noch jemand daran, dass er mal über 60 Franken war?

Das ist die Realität. Nun gibt es in jeder Bank die sogenannte Corporate Communication. Also die Oberhoheit über alles, was die Bank so rauslässt. Das hat sehr häufig mit Compliance zu tun, also was muss man zu einem Anlageprodukt sagen, welche Gesetze und Vorschriften müssen eingehalten werden.

Der anspruchsvolle Auftrag

Das ist der dröge Teil der Arbeit. Etwas anspruchsvoller sind die Quartalsberichte und der jährliche Geschäftsbericht. Denn da geht es immer häufiger darum, aus Scheisse Gold zu machen. Also das Kunststück zu vollbringen, Desaster und Katastrophen und Versagen so aufzuhübschen, dass es sich viel weniger schlimm anhört, als es eigentlich ist.

Dabei gibt es aber ein Problem. Man kann ein Ei bunt anmalen. Ein Schleifchen drum drapieren. Es in ein süsses Nest legen. Es sogar golden ansprayen. Aber wenn man es aufschlägt, und es ist ein faules Ei, dann verbreitet sich unvermeidlich ein übler Geruch. Da nützt dann die ganze Dekoration nichts.

Angesichts der aktuellen Zahlen der Credit Suisse wäre es zwar angebracht, einfach zu sagen: Es ist grauenhaft, wir beschäftigen Totalversager für viel Geld. Dafür entschuldigen wir uns, haben sie alle rausgeschmissen und hören endlich auf, Investmentbanking zu spielen, wo die «stupid gnomes from Zurich» seit Anfang an nur Verluste gemacht haben.

Etwas eleganter und staatstragender formuliert, wäre das eine Ansage, die mit der Realität in Kontakt steht. Aber wer das Statement von CS-CEO Thomas Gottstein verfasst hat, ob intern oder – immer noch gefüllte Geldtröge für die darauf spezialisierten Agenturen – extern, der müsste zugeschüttet werden. Nein, nicht mit Gold.

Hätte ein böser Satiriker diesen Text als Persiflage verfasst, es wäre geschmunzelt worden, aber er bekäme gesagt: Vielleicht etwas weniger Gas geben, sonst wird es wirklich zu unrealistisch. So etwas sagt doch kein CEO.

So etwas sagt dieser CEO:

«Unser zugrunde liegendes Ergebnis unterstreicht die Ertragskraft der Credit Suisse.»

Wohlgemerkt, dieses Ergebnis beinhaltet, dass die CS in nur einem Quartal mindestens 7 Milliarden Franken verröstet hat. Mit lediglich zwei riskanten Wetten, bei denen sie einen guten Teil des Eigenkapitals ins Feuer gestellt hat.

Problem? Was für ein Problem? Wo ist ein Problem?

Aber, das ist kein Anlass zu Panik, liess sich Gottstein in den Mund legen. Eigentlich läuft alles bestens, vor allem, weil «wir alles daransetzen, dass die Credit Suisse gestärkt aus dieser Situation hervorgehen wird.» Das freut natürlich den gequälten Aktionär ungemein, vor allem, weil im völlig Ungefähren bleibt, wann denn «diese Situation» gestärkt verlassen wird. Und was das eigentlich heissen soll.

Selbstredend wird durchgegriffen, neu aufgestellt, «Inakzeptables» wird nicht länger akzeptiert, selbstverständlich verzichtet die Geschäftsleitung – und freiwillig auch VR-Präsident Urs Rohner – auf den Bonus fürs letzte Jahr. Das ist nett von denen, aber solange die «Key Risk Taker» sich noch jedes Jahr aus einem Bonustopf von einer Milliarde bedienen – unabhängig davon, ob sie dafür einen Milliardenverlust basteln –, kann von einem Umdenken keine Rede sein.

Damit die CS wie immer gestärkt, wie immer nach einem Schwächeanfall, «aus dieser Situation» herauskommen kann, braucht sie schlappe 1,7 Milliarden frisches Kapital. Das nimmt sie mit Zwangswandelanleihen auf. Diese Contingent Convertibles heissen in Japan «Todesspiralenanlagen». Denn sie werden zwangsweise in Aktien umgewandelt, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Bis vor Kurzem stotterte die CS noch bis zu 10 Prozent Zinsen auf die erste Runde in der Finanzkrise eins aufgenommene Gelder auf diesem Weg. So sieht dann die Quartalsbilanz so aus: Risk Management: versagt. Investment-Banking: versagt. Compliance: versagt. Geschäftsleitung: versagt. Verwaltungsrat: versagt. Das kann niemand schönreden, nicht einmal schönsaufen. Ausser, man will den CEO lächerlich machen. Corporate Communication: versagt.

 

 

Lob der NZZaS

Wieder mal eine –seltene – Gelegenheit. Wir loben die NZZaS. Warum? Sie hat über die Credit Suisse berichtet.

Nur der völlig unschuldig-naive Zeitungsleser kann sagen: na und? Alle anderen haben doch auch geschimpft. Das stimmt, aber hinter Mundschutz. Mit Schalldämpfer. In einem Tonfall, den man auch bei einem widerspenstigen Kind anschlägt. Leichte Gereiztheit, aber von pädagogischem Geist beflügelt.

Die NZZ selbst schaffte ein Interview mit dem CEO Thomas Gottstein. So viel Subersivität kann man ihr nicht zutrauen, dass sie ihn absichtlich so viele Bankerblasen blubbern liess, dass er sich damit innerhalb und ausserhalb der CS zum Deppen machte.

Aber nun kommt die NZZaS. Da geht’s schon mit dem Titel los: «Wie die Credit Suisse Milliarden verbrennt». Wie tut sie das? Nun, über das katastrophale Risk Management und die immer wieder erwiesene Unfähigkeit der Gierbanker wurde schon kräftig geschimpft.

Die NZZaS weiss eben, wie man das wirkliche Problem adressiert, nicht mit dem Finger in der Luft fuchtelt, sondern ihn schmerzhaft in die Wunde bohrt. Oder die Geldvernichtungsmaschine CS gnadenlos auseinandernimmt.

Mit wenigen Schnitten zum Kern des Problems durchgedrungen

Mit drei vermeintlich einfachen, aber punktgenau gesetzten Sonden.

  1. Schon 2011 wurde der CS von der Anlagestiftung Ethos vorgerechnet, dass ihre grossartige Investmentbank bislang 7 Milliarden Fr. Verlust produziert hatte. Der in zwei Wochen abtretende VR-Präsident Urs Rohner meinte damals noch arrogant: «Ich halte nichts von der Idee, aus der CS eine Art übergrosse Schweizer Privatbank zu machen
  2. Seit dem Amtsantritt dieses Versagers hat die CS zwar kumuliert einen Gewinn von 8,1 Milliarden erzielt. Allerdings: mit zehnmal weniger Angestellten hat das die ZKB in ähnlicher Höhe auch geschafft.
  3. In der Schweiz hat die CS auch kumuliert 15 Mrd. Fr. seit 2011 verdient. Also hat das weitergführte Abenteuer bei den Big Boys im Investmentbanking weitere 7 Milliarden Verlust beschert.

Sonst noch Fragen? Eigentlich nicht, aber noch ein paar weitere Antworten. Geradezu symbolisch für den Drang, ganz gross rauszukommen, war der Kauf von DLJ im Sommer 2000 für einen absurd hohen Preis. Dann platzte die Dotcom-Blase, und DLJ  wurde zur unglaublich schrumpfenden Investmentbank.

Sehr interessant ist auch der Gewinn-Vergleich zwischen CS und ZKB. Aber noch interessanter ist die Grafik daneben.

Links rot Gewinne und Verluste der CS, rechts blau die Anzahl der Geldvernichter.

Denn hier lodert das Fegefeuer, in dem Milliarden verröstet werden. Es handelt sich um die sogenannten «Key Risk Taker». Das ist das Fettauge auf den «Managing Directors». Von diesen «Risikonehmern» gibt es inzwischen rund 1400 in der CS (rechts blaue Linie). Die vermehrten sich wie die Schmeissfliegen. Von etwas über 400 auf über 1400 in zehn Jahren.

Die meisten arbeiten – where else – in London oder New York. Und haben als Söldnerseelen keinerlei innere Bindung an die CS. Eine sehr enge aber an den eigenen Geldbeutel. Diese Pfeifenbande hat ebenfalls seit 2011 bis heute sagenhafte 14 Milliarden Franken kassiert. Von verdient kann da keine Rede sein.

Das entspricht wiederum dem Doppelten des Gewinns, den der ganze Konzern mit seinen immer noch 40’000 Mitarbeitern in dieser Zeit erwirtschaftet hat. Das wurde diesen Multimillionären nachgeschmissen. Für welche «Risiken» denn? Nein, natürlich nicht für deren eigene, die Risiken musste immer die CS übernehmen. Und dafür Milliarden um Milliarden Verluste kassieren.

Milliardenverluste mit Milliardengehältern erkaufen? Macht Sinn

Wir fassen zusammen. Für einen Verlust von 7 Milliarden Franken (die aktuellen Klatschen noch gar nicht eingerechnet), hat die CS 14 Milliarden bezahlt. Das konnte sie (bislang) nur wegstecken, weil der Teil, auf den Rohner die CS auf keinen Fall reduzieren wollte, nämlich der Schweizer Ableger, Jahr für Jahr stabile Gewinne abwarf.

Noch Fragen? Ach, wieso die CS einen solchen Wahnsinn zehn und mehr Jahre durchzieht? Ein Geschäftsmodell, zu dem jeder Knirps sagte, der eine einfache Addition und Subtraktion an den Fingern abzählend beherrscht: «völlig gaga»?

Alles im grünen Bereich. Allerdings auf bescheidenem Niveau …

Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir auch keine Antwort ein. Ausser einer Anregung, die ich schon in St. Gallen deponierte. Dort ist die Polizei doch sehr erfahren in Wegweisungen. Zürich müsste auf den Knien um die Entsendung eines Detachements bitten. Es dann um die CS herum aufstellen und jeden, den eine Krawatte, Anzug und Bürolistenschuhe, sowie ein leicht arroganter Gesichtsausdruck als Banker enttarnt, sofort wegweisen.

Angesichts des Schadens, den er anrichten könnte, ist auch der Einsatz des Schlagstocks, von Reizgas und eine Verhaftung mit Kabelbinder und einem kräftigen Stoss in den Transporter absolut verhältnismässig.

Banker im Tränengas. Allerdings in Hongkong.

Hilfe, mein Papagei onaniert V

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch. Diesmal die Jugendunruhen in St. Gallen.

 

Die Leerstelle

Normalerweise schreiben wir über realisierte Attacken auf die deutsche Sprache, die Logik, die Wirklichkeit oder journalistisches Ungenügen in jeder Form. Diesmal müssen wir uns aber über eine Lücke sorgen.

Blick himmelwärts gerichtet.

Das dürfte der Flughöhe des neuen «Nebelspalter» entsprechen. Das Auge erfreut sich an einem wunderschönen Sonnenaufgang; welche Farben, welches Gemälde. Das ist schön, nur: die Wirklichkeit liegt unter der Nebeldecke.

Der grösste Skandal, der zurzeit die Schweiz umtreibt, liegt unter der Nebeldecke. Für den «Nebelspalter». Ist die Ankündigung eines neuen Virus-Typs aus Brasilien tatsächlich Corona-Hysterie? Ist das Porträt einer 24-jährigen Präsidentin des «Energie Club Schweiz» ein Must? Nur weil sie für Atomkraft ist?

Sind das wirklich die Themen nach Ostern? Fehlt da nicht was? Fehlt da nicht einiges? Natürlich soll der «Nebelspalter» offensichtlich keiner Berichtspflicht genügen müssen. Das ist auch völlig okay.

Zwei Überthemen in der Schweiz aktuell, neben Corona

Was nicht okay ist: Bei der Credit Suisse spielt sich gerade wieder einmal ein Skandal ab, der nicht nur wegen des Doppelschlags der Hiobsbotschaften singulär ist. Der Bank drohen Multimilliardenverluste. Ihr Risk Management ist weiterhin unter jeder Kanone. Dem abtretenden VR-Präsidenten Urs Rohner droht das gleiche Schicksal wie weiland Marcel Ospel.

Es ist keinesfalls klar, ob die CS dieses Desaster in ihrer heutigen Form überleben wird. Ob sie Staatshilfe als systemrelevante Bank anfordern muss. Wer von der aktuellen Geschäftsleitung und vom Verwaltungsrat spätestens nach der GV noch im Amt sein wird, ist völlig unklar. Das ist nun ein absolutes Must-Thema, selbst wenn man nur beitragen könnte, dass einem die Krawatten von Rohner noch nie gefallen haben.

Aber: Pausezeichen. Nicht mal Nebel. Nichts gespalten. Null. Dann gäbe es noch die rechtsstaatlich mehr als fragwürdige Aktion der St. Galler Polizei, über 600 ihnen verdächtig vorkommende Jugendliche ohne grosse Anhörung wegzuweisen. Nicht etwa für 24 Stunden, sondern für die maximale Dauer von 30 Tagen.

Dazu muss ein sich als «klar liberal» bezeichnendes Magazin etwas sagen. Müsste.

Da wir als Bezahlschranken-Leugner nur sehr beschränkten Zugang zum Inhalt haben, liessen wir mal von zwei Fachleuten die Performance der Webseite analysieren. Deren vernichtendes Urteil werden wir demnächst veröffentlichen. Hier nur ein erster Kommentar: «Die Homepage hat den Charme eines Wühltischs.»

Wegweisen, warum nicht?

Selbst der «Blick», der sich wohl nicht als «klar liberal» bezeichnen würde, kümmert sich um die Frage: «Sind die Rayonverbote legal?» Eigentlich nicht, ist das unsichere Ergebnis, aber.

Hier zeigt auch der «Blick» eine bedenkliche Schwäche bei der Verteidigung des Rechtsstaats. Unbestritten, dass die Ordnungskräfte diese Kompetenz haben. Aber: sie sollte nur mit Vorsicht ausgenützt werden, denn hier gilt sozusagen die Beweisumkehr. Nicht die Staatsmacht muss Absicht oder Schuld nachweisen, um sanktionieren zu können. Der Jugendliche, der am Ostersonntag den Fehler machte, vom St. Galler Hauptbahnhof aus zu welchem Behuf auch immer in die Stadt zu spazieren, musste belegen, dass er das nicht in der Absicht tut, dort Randale zu veranstalten.

Wie kann er das? Selbst wenn er die Bestellung für ein Sushi auf seinem Smartphone vorweisen kann: was spricht dagegen, dass er so gestärkt zum Gewalttäter wird? Es kommt hinzu, dass prinzipiell Wegweisungen für 30 Tage ausgesprochen wurden. Dieses Maximum erfordert obligatorisch eine Anhörung des Betroffenen. Das sei angesichts der vielen Jugendlichen nicht möglich gewesen, räumt die Polizei ein.

Wie steht es denn mit Jugendlichen, die in der Stadt arbeiten oder zur Schule gehen? Der Sprecher der Stadtpolizei darf im «Blick» unkommentiert sagen: «Wer Zweifel hat, ob er zur Schule darf, kann uns anrufen und fragen.» Dümmer als die Polizei erlaubt; das gilt offenbar nicht für die Polizei selbst.

Leider offenbart der «Blick» auch kleine Schwächen bei seinen Kernthemen.

Ist die NZZ klar liberal?

Immerhin, sie weicht dem Thema nicht aus und erteilt einem Strafrechtsprofessor das Wort. der ist nun in erster Linie Staatsangestellter, also temperiert er seine Kritik an dieser Massnahme auf lauwarm runter. Er hält Wegweisungen für ein taugliches Mittel, logo, ist aber «überrascht» über die Ausnützung der Maximaldauer von 30 Tagen: «Das scheint mir sehr lange zu sein.»

Messerschärfer könnte man das nicht formulieren. Der Professor ist zudem verwundert, dass das Rayonverbot für die ganze Stadt St. Gallen inklusive Aussenquartiere ausgesprochen wurde. Dass es in diesem Fall eine ordentliche Anhörung des Betroffenen bräuchte, ist ihm aber keine Bemerkung wert.

Dafür macht er auf das absurde Mittel des Rekurses aufmerksam. Bitte schriftlich ans Sicherheits- und Justizdepartement richten. Da die Einsprache keine aufschiebende Wirkung hat und es dem Betroffenen wahnsinnig viel nützt, wenn am Tag 31 entschieden wird, dass in diesem Einzelfall das Rayonverbot zu Unrecht ausgesprochen wurde, ist das Pipifax.

Im Übrigen zeigt hier die Verödung der Schweizer Medienlandschaft wieder ihr hässliches Gesicht. Die Gratisportale berichten so neutral wie möglich. Tamedia und CH Media stellen sich eindeutig hinter die Massnahme. «Blick» und NZZ eiern.

Nur «Die Ostschweiz» bezieht klar Stellung: «Der Rechtsstaat ausser Rand und Band», leitartikelt der Chefredaktor. Immerhin ein klar Liberaler.

 

Packungsbeilage: René Zeyer publiziert auf «Die Ostschweiz» und hat sich dort schon selbst zu den Ausschreitungen geäussert.

 

Und die Verantwortung, Herr Rohner?

Die Credit Suisse steht in einem Scherbenhaufen. Einem GAU, verursacht aus eigener Unfähigkeit.

Gleich einen Doppelschlag einstecken müssen, das ist wenigstens originell. Die UBS machte das damals scheibchenweise. Zuerst Vollgas in das Schlamassel von verwursteten und undurchschaubaren Wettscheinen auf US-Hypotheken, die zwar klingende Namen hatten, ellenlange Prospekte, auf die die Ratingagenturen schneller ein AAA draufhauten, als man 400 Seiten vom Schreibtisch wuchten kann.

Aber gegen Schluss der Party glaubten nur noch Arroganz-Banker wie Marcel Ospel daran, damit das Riesengeschäft zu machen. Der Schweizer Staat musste für die absaufende Bank ins Risiko gehen. Womit er beim zweiten Scheibchen, Steuerstreit mit den USA, bereits in Geiselhaft war und der UBS erlauben musste, das Bankgeheimnis zu schleifen.

Aber nach kurzer und heftiger Gegenwehr und flotten Sprüchen («wir haben und wir sind enttäuscht») trat Ospel wenigstens zurück. Nachdem Oswald Grübel das Kunststück geschafft hatte, als erster und wohl einziger Banker sowohl CEO bei der UBS wie dann auch bei der Credit Suisse zu werden, zeigte er, was ein starker Abgang ist.

«Ist es schlimm», fragte er, als über den Fall Adoboli informiert wurde. «Ist es mehr als eine Milliarde?» Nach dem zweiten Ja meinte Grübel trocken:

«Das war’s dann.»

Nichts von «ich habe von nichts gewusst». Kein «ich klatsche diesen und jenen raus, aber der Chef muss am Steuer bleiben».

Heute nur noch Sesselkleber

Das waren noch Zeiten. Heutzutage bleiben «angespannte Weste» Axel Weber bei der UBS und «weisse Weste» Urs Rohner bei der CS auf ihren Stühlen als VR-Präsident sitzen, als wären sie mit Araldit drangeklebt.

Obwohl zurzeit die CS in der wohl grössten Bredouille seit ihrer Gründung als SKA steht. Die Finanzkrise und die Gewaltsbusse im Steuerstreit mit den USA konnte sie noch einigermassen wegstecken. Allerdings nur, weil sie reiche Scheichs dazu bewegen konnte, in sogenannte CoCos zu investieren. Zwangswandelanleihen mit dem Vorteil, nicht als Kapitalaufnahme, sondern als Aktienkapital verbucht werden zu können. Das Preisschild war allerdings happig: bis zu knapp 10 Prozent Zinsen, zudem streckte die CS Kredite vor, mit denen die Scheichs dann kauften.

Seither gibt es kaum einen gröberen Skandal, in dessen Umfeld die CS nicht auftaucht. Und nun noch das. Da müssten doch die Medien endlich ihrer Funktion als Vierte Gewalt nachleben und genauso harsch reagieren, wie sie es bei ein paar randalierenden Jugendlichen tun. Durchgreifen, nicht länger zusehen, Wiederholungen verhindern. Sagen sie tapfer – zu den kleinen Jugendunruhen von St. Gallen. Mit ein paar zehntausend Franken Sachschaden. Bei der CS drohen Verluste von bis zu 7 Milliarden.

Und was sagt die Vierte Gewalt dazu?

Natürlich fehlt es auch da an markigen Sprüchen nicht. «Auf den Bonus verzichten reicht nicht», donnert Beat Schmid von Tamedia seine Meinung von der Kanzel. Um dann doch nur auch einen rückwirkenden Bonusverzicht zu fordern. Was nach seiner Berechnung zu den 41 Millionen noch ein paar Dutzend drauflegen würde. Peanuts, lachhaft, wie da Banker sagen würden, angesichts dieser Riesenlöcher.

Auch der «Blick» wird pseudo-markig: «Urs Rohner war ein Verwalter des Niedergangs», schimpft Guido Schätti. Geradezu todesmutig, dem abtretenden VR-Präsidenten noch einen Tritt zu verpassen.

Noch samtpfotiger streichelt sein Kollege Daniel Zulauf von CH Media die Tasten: «Nach wie vor hervorragend sei seine Bank, behauptet der Chef der Credit Suisse» überscchreibt er seinen Kommentar, um dagegen zu stellen: «Die Aktionäre teilen dieses Urteil sicher nicht. Viele Mitarbeitende und Kunden dürften es auch nicht tun.»

Da wird Thomas Gottstein aber zusammenzucken, in sich gehen und Hand in Hand mit Urs Rohner auf dem Paradeplatz niederknien und um Verzeihung betteln.

Auch srf.ch konzentriert sich auf den einzigen Verantwortlichen, der sowieso das Ende seiner Restlaufzeit erreicht hat: «Urs Rohner und das Vermächtnis der «weissen Weste»», hier zählt Eveline Kobler die gesammelten, vergangenen Flops auf.

Meldungen aus der Kathedrale des Kapitals

Und was meinen denn die Lordsiegelbewahrer der einzig kompetenten Meinung zu den Schweizer Finanzhäusern? Ende März urteilte die NZZ noch relativ milde: «Eine Risikopandemie macht der CS zu schaffen.» Also sozusagen eine Naturgewalt, und gute Besserung, liebe Bank. Schon harscher tönte es dann am 3. April: «Die Credit Suisse braucht einen Neuanfang. Ohne neue Köpfe und ein neues Geschäftsmodell geht es nicht.» Nun ist die NZZ verschnupft: «Der Befreiungsschlag der CS gelingt nur halbwegs.»

Aber wozu hat man immer noch Beziehungen: «Credit-Suisse-Chef Thomas Gottstein: «Was in den USA passiert ist, ist absolut inakzeptabel» Gleich zu dritt rückte die NZZ an, damit sich Thomas Gottstein richtig ausheulen kann. Dabei wird ihm mit der Einleitungsfrage schon mal die starke Schulter zum Anlehnen geboten: «Herr Gottstein, wie geht es Ihnen?»

Das war dann aber auch schon die einzige Frage, die etwas in die Tiefe ging. Deshalb antwortet Gottstein auch nicht darauf. Anschliessend darf er ungeniert den ewigen Bankertalk talken: «einmaliger Vorfall – unser operatives Geschäft läuft sehr gut – Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit – wir prüfen alle Optionen – ich denke, wir haben starke Massnahmen getroffen – verlorenes Vertrauen zurückgewinnen – stolz, für diese Bank zu arbeiten.»

Einmal ganz sanft

Wortblasen aus einem Paralleluniversum, fürsorglich aufgefangen und publiziert von der NZZ. Warum nur gehen alle Leitmedien mit dieser Bank, die mehr einer Crash Site als einer stolzen CS gleicht, so pfleglich und sanft um? Dafür gibt es einen naheliegenden Grund. Schon mal überlegt, bei wem die grossen Medienkonzerne ihren Finanzhaushalt regeln? Von wem sie Events, Kundenbindungsveranstaltungen sponsorn lassen? Wer sie frank und frei mit Hintergrundanalysen, guten Tipps und furchtbar wichtigen off-the-record-Gesprächen versorgt?

Nein, die Alternative Bank ist es nicht.

Hier verrösten ein paar Milliarden, aber die bange Frage ist: Flächenbrand?

Diese Frage stellen sich «Tages-Anzeiger» und «Blick» beinahe gleichlautend: «Nach Krawallen in St. Gallen: Kommt es jetzt zum Flächenbrand?» (Tagi), «Corona: Werden die Jugendkrawalle zum Flächenbrand?» («Blick»). Der Kenntnisstand ist bei beiden Blättern gering, aber die Furcht gross: «War das der Anfang oder das Ende? Jetzt sind nicht nur in St. Gallen, sondern auch in Zürich und Winterthur weitere Krawalle angekündigt. Die Polizei ist gewarnt», sorgt sich der «Blick». Achtung, frei laufende Jugendliche. Gewaltbereit. Ausser Kontrolle. Unordnung, Unruhen, Chaos, Sachbeschädigungen! «Reisst euch am Riemen», befahl eine Spassbremse beim Tagi streng. Um diesen Flächenbrand gar nicht auflodern zu lassen, wird flächendeckend in allen Medien die Ordnungsmacht zum strengen Durchgreifen aufgefordert.

Und die CS? Dass da bald am Paradeplatz ein Krater gähnen könnte, wo das altehrwürdige Gebäude der SKA steht? Der vielleicht sogar mit Steuergeldern zugeschüttet werden muss? Ach, nicht mal ein «reisst euch am Riemen». Wackelnde Zeigefinger, leicht gerunzelte Stirnen, ein wenig Prügel für den, der sowieso abgeht, mehr ist da nicht. Eine feige Bande, die Journalisten heutzutage. Mutig nur in der Bekanntgabe des eigenen Leidens.

Ex-Press XXXII

Blüten aus dem Mediensumpf.

 

Quo vadis, nau.ch?

Das Newsportal macht es allen, die gerne eine saubere Einordnung haben, nicht leicht. Das sind leider nicht allzu wenige, deren Weltbild ungefähr so aussieht: Wer meiner Meinung ist, darf die auch frei äussern. Wer nicht meiner Meinung ist, sollte die Schnauze halten. Denn ich bin für Meinungsfreiheit, aber nicht so.

Man könnte fast von absichtlicher Provokation sprechen, als nau.ch dem bekannten Amok Réda el Arbi die Möglichkeit gab, in einer Kolumne auf alles einzudreschen, was nicht links von ihm steht. Da musste er dann, wie vorher schon in anderen Organen, in eher kurzer Zeit aus dem Verkehr gezogen werden.

Er hatte alle Grenzen des Anstands und wohl auch des Strafgesetzbuchs überschritten, als er über die corona-kritsche Organisation «Mass-Voll» herzog. Sein Lieblingsausdruck dafür: «Rattenfängerbande».

Das war’s mal wieder für ihn. Alle nau.ch-Leser, die sich Sorgen machten, ob die Plattform eine scharfe Linkskurve fahre, konnten sich beruhigen. Dann gab nau.ch aber dem so wüst beschimpften Verein «Mass-Voll» die Möglichkeit zur Replik. Wie es sich eigentlich in einer neutralen Plattform gehört.

Aber weil das sonst kaum einer mehr macht, geriet nau.ch plötzlich unter strengen Rechtsradikalismus-Verdacht. Von schlimmeren Befürchtungen ganz zu schweigen. Dieses Gekeife ist ausgestanden, aber was sehen wir aktuell, wenn wir die Webseite anklicken?

Wen sehen wir denn da in 2 von 5 Meldungen?

Damit kann man nau.ch mal wieder die Maske vom Gesicht reissen. Oben links (!) der SVP-Nationalrat und Besitzer, Verleger sowie Chefredaktor der «Weltwoche». Roger Köppels Videoblog, um den die Meinungsfreiheit im oben geschilderten Sinn schätzende Bürger einen weiten Bogen machen, wird hier tatsächlich vorgeführt. Verdachtsmoment eins.

Unten rechts (!) die Intervention von Bundesrat Ueli Maurer an einer SVP-Delegiertenversammlung. Einfach berichtet, was er da gesagt hat. Unglaublich, das wäre den Qualitätmedien aus dem Hause Tamedia oder Ringier nie passiert. Der Verdacht verdichtet sich.

Gibt es noch mehr Beweise? Ha, diesen hier:

Reine Tarnung: diese Meldung von nau.ch.

Wieso das ein klares Indiz für die rechtsnationale Haltung von nau.ch ist? Na, wie alle subversiven Unterwanderer hängt sich nau. ch natürlich auch ein Feigenblatt vor die finsteren Absichten. Die da wären? Ähm, also, nun ja, die Weltherrschaft? Dass in der Schweiz das Virus ignoriert wird? Schwer zu sagen.

Aber für einen letzten lauten Lacher sorgte Réda el Arbi mit seiner Abschiedskolumne. Da schreibt er doch ohne rot zu werden: «Natürlich werde ich weiter die Fahne der Wissenschaft und der Empathie hochhalten, einfach auf anderen Kanälen.» Da freuen wir uns schon drauf, dass er noch mehr Empathie zeigt wie bei seiner Teilnahme an der Sofa-Demo #no-irgendwas.

«Weil ich die wenigen asozialen Schreihälse satt habe», fasste er auf Twitter seine Empathie für besorgte Staatsbürger in bewegende Worte. Die hatten zwar an einer bewilligten Demo teilgenommen, aber, das geht gar nicht, vertraten dabei nicht die einzig richtige Meinung auf der Welt. Natürlich seine.

 

Widerstand ist zwecklos: hier kommt «watson»

Nein, keine Widerrede, wir haben unser Publikum lange genug geschont, heute ist volle Härte angesagt. Fangen wir mal mit dem hier an:

Würden wir hier nicht unter Gelächter & Satire laufen lassen.

Lustig? Natürlich ist das lustig:

Wer gerne über Behinderte lacht …

Geht’s noch lustiger? Sicher, zumindest wir haben schallend gelacht:

Beim Tagi gäb’s keine Kritik. Es ist eine Autorin …

Nein, wir kriegten uns nicht über diesen Text kaum ein, sondern darüber, dass die Autorin noch dümmer ist, als «watson» normalerweise erlaubt. Oder aber, das wäre ein Entschuldigungsgrund, sie ist farbenblind. «LYOUVE»? Nein, Dummerchen, einfach die roten und blauen Buchstaben separat lesen. Also ich würde auch nein sagen, wenn das eine nicht kapiert.

Wo bleibt die Kompetenz, ohne Blabla?

Wollen wir «watson» noch eine Chance geben? Doch, wir hoffen auf die Intelligenzbestie Philipp Loepfe. Und hier ist er schon: «Was zum Teufel ist mit der CS los?» Eine berechtigte Frage, die allerdings schon von allen beantwortet wurde. Aber noch nicht von Loepfe. Wohlan: Finanzspezialist L. identifiziert problemlos den «Hedge Fund Archegos» als eine der zwei Wurzeln des Übels bei der CS. Hedge Fund sei aber «hoch gegriffen, bei Archegos handelt es sich um ein sogenanntes Family Office, eine Art private Vermögensverwaltung».

Der Laie mag sich fragen, was am Begriff Hedge Fund hochgegriffen sein mag und wieso ein Family Office nicht wie ein Hedge Fund agieren kann. Aber eben, so sind Laien, kapieren nix. L. kapiert’s aber auch nicht: «Archegos Capital ist ein amerikanischer Hedge Fund.» Öhm. Aber lassen wir das.

Was zum Teufel ist nun passiert? «CS-Investmentbanker betätigten sich als  sogenannte «prime broker» für seine Geschäfte.» Bis den Besitzer des Hedge Fund, also des Family Office, ach, Mist, also dieses Dings die «verpönten «margin calls» erreichten, will heissen, er musste Geld nachschiessen, um seine Geschäfte abzusichern». Na, «prime broker» versteht offenbar jeder, hingegen «margin calls» kaum einer nach dieser Erklärung.

Kommt halt davon, wenn sich dieser Family Fund nicht vom Finanz-Guru L. beraten lässt. Der sieht nämlich immer die grossen Linien hinter dem Lärm des Tages: «In der jüngeren Vergangenheit gibt es zwei Skandale, welche die Finanzwelt in ihren Grundfesten erschütterten: der Zusammenbruch des Hedge Funds LTCM und Enron.»

Ist die Vergangenheit zu jung oder Loepfe zu alt?

Die Investmentgesellschaft LTCM brach 1998 zusammen, der Energiekonzern Enron implodierte 2001 nach beeindruckenden Bilanzfälschungen.

Allerdings: wenn das für L. die «jüngere Vergangenheit» sein soll, was wäre dann für ihn die Finanzkrise eins von 2008, die Eurokrise danach? Oder die Griechenland-Krise? Oder die Target2-Krise? Die müssten allesamt eigentlich noch gar nicht geboren sein, so jung-jüngst wären die.

Nach diesem Irrlauf durch Zeit, Geld und Welt kommt L. wieder zur CS zurück: «Langsam müssen wir uns wirklich Sorgen um die traditionsreiche Grossbank machen.» Langsam? Nein, ganz schnell müssen wir uns Sorgen um den wissensarmen Herrn L. machen. Und um seine Leser.

 

 

Rohner ist der Grösste – Aussitzer aller Zeiten

Wenn der Hofpoet im Hoforgan den abtretenden König anhimmelt, wird’s schwummrig.

Martin Meyer war als langjähriger Feuilleton-Chef der NZZ ein Glücksfall für die Kultur. Vielleicht nicht vom Innovationsgeist eines Frank Schirrmacher angetrieben. Aber solid, belesen, gebildet, intelligent.

Eigentlich wäre er nicht abgeneigt gewesen, den Chefsessel der NZZ zu besteigen; das intellektuelle Rüstzeug hätte er gehabt. Aber da stand ihm einer in der Sonne, der es nicht hatte.

Er hat einen Ruf zu verlieren – und arbeitet dran

Wie auch immer, er ist pensioniert, aber weiterhin Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses der NZZ. Also mit Einfluss ausgestattet, er hat auch weiterhin einen Ruf zu verlieren. Genau das versucht er leider mit einer Eloge auf den endlich abtretenden VR-Präsidenten der Credit Suisse. Meyer will in der «Weltwoche» aufzeigen, «was Wirtschaft und Kultur» Urs Rohner zu verdanken hätten.

Da die kürzeste Antwort ist: nicht viel, und mehr Schädliches als Nützliches, muss Meyer seinen feuilletonistischen Muskel anspannen, um den vielen schwarzen und roten Flecken auf der angeblich so «weissen Weste» (Selbsterkenntnis von Rohner) auszuweichen.

Vielleicht kann man Meyer zugutehalten, dass er es nicht so mit den Zahlen hat. Als Rohner 2011 die Führung der CS übernahm, habe die Bank die Stürme der Weltfinanzkrise relativ gut überstanden, sie «war und blieb stabil». Ach was, das drückte sich sicherlich darin aus, dass der Aktienkurs sich schon im ersten Amtsjahr von Rohner mehr als halbierte.

Rote Zahlen für die CS, schwarze für Rohner Bankkonto

Von da an ging’s meistens bergab. 2016 war dann das Meisterstück des «schnellen Analytikers», dessen «diplomatisch nachhaltiges Geschick brachte der Bank und ihrem Präsidenten vielerorts viel Anerkennung», fantasiert Meyer. In der realen Welt durchbrach in diesem Jahr die CS-Aktie zum ersten Mal die 10-Franken-Schwelle. Wer im Jahr 2000 CS-Aktien als sichere Wertanlage gekauft hatte, musste einen Absturz von über 73 Franken auf 9,68 hinnehmen.

Geht’s noch schlimmer? Aber locker. 2016 brachte ja nur einen Verlust von 27 Prozent in einem Jahr. Da geht noch was, sagte sich der schnelle Analytiker, 2018 schaffte er einen Jahresverlust von 37 Prozent. Das war gar nicht so einfach, denn der Anfangskurs lag bei niedrigen 17,57. Aber auch in seinem letzten vollen Amtsjahr wollte Rohner noch ein Zeichen setzen. Ist gelungen: Tiefstkurs 2020 sagenhafte 6,18 Franken.

Die grösste Busse aller Schweizer Banken kassiert

Über die gesamte Amtszeit der «deutlichen Persönlichkeit» Rohner durften sich die Besitzer der Bank über 40 Prozent ihrer Investition ans Bein streichen. Dabei haben wir noch gar nicht von seinem diplomatisch nachhaltigen Geschick gesprochen. Damit erreichte er insbesondere die Anerkennung der USA, die der CS die grösste Busse für eine Auslandbank aufbrummte. 2,6 Milliarden Franken, aber das war nur ein Teil der gesammelten Bussen, die die CS international unter der Führung des ehemaligen Chief Legal, also des juristischen Oberaufsehers, kassierte.

Das hatte Rohner mit einer Lex USA im Parlament verhindern wollen, die in Wirklichkeit eine Lex CS gewesen wäre. Aber auch damit scheiterte er. Und dabei haben wir noch gar nicht von seiner Personalpolitik gesprochen. Nach dem bonusgierigen Dougan der schlichtweg überforderte Thiam, eine weitere Spitzenleistung Rohners. Von der Anstellung bis zur Entlassung.

Meyer stimmt das hohe C an

Aber die Kultur, Rohners «Begeisterung für Musik, Literatur (Dürrenmatt, Frisch)», da ist Meyer in seinem Element und stimmt das hohe C an: «So entwickelte sich das Kombinat Nadja Schildknecht /Urs Rohner mit dem Zurich Film Festival zum Glücksfall weit über die Zwinglistadt hinaus. Glamour, ja, und Welthaltigkeit.»

Sozialistisches Kombinat, Welthaltigkeit. Welch merkwürdige Wörter. Aber sei’s drum. Eigentlich wäre die Aufgabe eines VR-Präsidenten, der in seiner Amtszeit Multimillionen verdiente, Werthaltigkeit zu garantieren. Wertschöpfung zu betreiben. Aber schwarze Zahlen auf der weissen Weste gab es nur auf seinem Privatkonto. Während die Teppichetage sich ungeniert bediente, die Aktionäre geschröpft wurden und die Mitarbeiter verunsichert.

Legen wir nachsichtig den Schleier des Vergessens über Rohner und über diesen peinlichen Ausrutscher von Meyer. Im Gegensatz zum Adressaten seiner Jubelarie hat Meyer immerhin etwas geleistet in seinem Leben.