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Es darf gelacht werden: Cohoho. Corona. Kicher. Gröl.

Wir sind endgültig ins Zeitalter des Nonsens, des Slapsticks, der Lächerlichkeit eingezogen.

Immer noch keine Leichenberge. Keine italienischen Verhältnisse (die es so auch nie gab). Keine 20’000, 100’000 Tote in der Schweiz. Kein kollabierendes Gesundheitssystem. Keine herzzerreissenden Szenen vor den Intensivstationen oder Notaufnahmen.

Man hört und spürt förmlich, wie auf den Schrumpfredaktionen Verzweiflung ausbricht. Der Blattmacher schaut mit bösem Blick in die Runde: Na, will wirklich keiner die nächste Sparrunde verhindern? Wenn ich «Corona» sage, was sagt Ihr?

Betretenes Schweigen, als hätte man gerade den Verlust eines nahen Verwandten zu beklagen. Tiefes Schweigen, als hätte man bei der Testamentseröffnung gerade vernommen, dass das erkleckliche Vermögen dem Tierheim «Traurige Pfote» vermacht wird. In dieses Schweigen hinein donnert der Blattmacher: Wollen wir denn ewig Fussball, Cola-Flaschen und ähnlichen Quatsch auf der Front beschreiben? Was sollen wir denn zu unserer Nati noch sagen? Kollektiv-Selbstmord? Alle müssen sich Haare blond färben? Schon mal an eine zweite Karriere im Handball gedacht? Und das Bundesasylzentrum liegt auch schon im Koma, wird künstlich beatmet und alle Körperfunktionen werden extern durch Geräte erledigt

Claudia C. hebt mutig die Hand: «Wie wär’s, wenn ich einen Kommentar über Spielerfrauen schreiben würde?» Der Blattmacher denkt: wenn die nicht den hätte, den sie hat, würde ich sie nun vor versammelter Mannschaft fertigmachen. Stattdessen sagt er: guter Ansatz. Nur, da hatten wir gerade eine Seite drüber im Blatt. Aber ist notiert.

Corona, wo bleibt Corona?

Salome N. meldet sich: «Wieso heisst es eigentlich «der» Fussball? Wieso schreiben wir nicht Fussball*In-EM?» Der Blattmacher nickt matt. Aleksandra I. will die Dritte im Bunde sein: «Wie wäre es mit einem Wörterbuch, welche Ausdrücke beim Kommentieren eines Matchs erlaubt sind – und welche nicht?» Der Blattmacher denkt sehnsüchtig an seine Notfall-Flasche im Pult: ja, schön, mach das mal.

Corona, wirft er dann nochmal in die Runde. Nun meldet sich auch die Macho-Fraktion, also ein paar Männer. «Wie wär’s mit einer Serie: vor einem Jahr? Grenzzaun in Kreuzlingen, usw.» Letzthin mal Schweizer Farbfernsehen geschaut, schnaubt der Blattmacher. «Nebenwirkungen der Impfung?» Zufällig letzthin mal Tamedia-Blätter gelesen, schnappt der Blattmacher. «Hätte da eine schöne Grafik aus der Süddeutschen», sagt der nächste.

Guter Ansatz, leider für Deutschland.

Das ist über Deutschland, du Pfeife, keift der Blattmacher. «Ich hätte da einen Wissenschaftler, der sagt, dass …» Wenn ich noch ein Mal einen Wissenschaftler was sagen höre, dann kriege ich einen Blutrausch, schreit der Blattmacher. Der eine ist wieder besorgt, der andere ist optimistisch, unsere Leser glauben denen doch kein Wort mehr.

Der Mahner, der Warner, der Fehlprognostiker.

«Ich habe da aber einen, der sieht das Ende der Welt kommen», insistiert einer. Wenn selbst die alte Unke Brupbacher ein optimistisches Interview führt, was soll das dann, winkt der Blattmacher ab.

Immerhin: mit der Fotografie (aus der indischen Schweiz)
wird zu viel Optimismus eingefangen.

«Wieso diskutieren wir nicht das Verhältnis von Politik und Wissenschaft», fragt nun einer. Auch die «Republik» und den gähnlangweiligen Artikel eines ETH-Profax gelesen, ja, schüttelt der Blattmacher den Kopf.

Die Vorschläge werden immer verzweifelter

«Hinein in die Corona-Diktatur», wagt nun einer. Wie bitte, sagt der Blattmacher, wo hast du denn deinen Aluhut gelassen? Das sind alles bedauerliche, aber nötige Massnahmen; so steht’s im ungeschriebenen Gesetzbuch der Berichterstattung. Oder frag doch mal Rutishauser, was der von so einer Idee halten würde.

Oder vielleicht mal wieder ein Tweet und seine Folgen?

«Ich kenn da einen, der kennt eine, die wohnt in einer WG mit einer Mitarbeiterin im Bundesasylzentrum.» Und, fragt der Blattmacher. «Nichts und, ich könnte da ja mal recherchieren, aber ich müsste dann das Trambillett auf Spesen nehmen.» Vergiss es, sagt der Blattmacher, wieso nimmst nicht dein Velo. «Hat einen Platten» sagt der Redaktor beleidigt.

Kann man so oder so sehen, heutzutage.

«Ich könnte mal wieder einen Tweet raushauen», sagt Marc C., «dass der Stadtrat, der Kantonsrat, der Bundesrat alle unfähig, fahrlässig, verantwortungslos sind, ich mit denen fertig habe und fordere …», nein, verwirft der Blattmacher die Hände, Rutishauser tut heute noch das Ohr weh, so wurde er nach deinem letzten Quatsch angebrüllt.

«Wie wäre es dann halt mit einem gnadenlosen Recherchierstück: die schönsten Badis? Die besten Glace-Stände? Die lauschigsten Plätze an Limmat und Sihl? Die besten Open-air-Anlässe?» Der Blattmacher applaudiert: danke, endlich was Sinnvolles. Wenn wir diesen Neuzugang vom «Blick» nicht hätten, das Blatt ist gerettet. Helm auf, ans Gerät, ausschwärmen, ihr dürft auch auf Kosten des Hauses eine Glace auf Spesen nehmen. Aber nur eine, und nicht teurer als 2 Franken.

«Dafür kriegt man in Zürich doch keine Glace»,

meckert noch einer. Aber wir können das als Ausdruck unserer sozialen Einstellung in die nächste Rede von Supino einbauen, denkt an eure Arbeitsplätze, hebt der Blattmacher die Sitzung auf.

Corona-Kollateralschäden

Nicht nur Wissenschaftler, auch Medienschaffende können froh sein, dass sie völlig haftungsfrei sind.

Fordern, mahnen, erinnern. Die Lieblingsbeschäftigung vieler Journalisten heutzutage. Zu welchen Sumpfblüten das führt, haben wir schon mehrfach dargestellt.

Wissenschaftler, Politiker und Journalisten haben eins gemeinsam: sie müssen keinerlei persönliche Verantwortung übernehmen. Sie sind nicht haftbar für den Unfug, den sie quatschen. Ein Wissenschaftler hat höchstens eine kleine Delle im Renommee, wenn er sich mal für mal grauenhaft verhauen hat. Politiker können die Wiederwahl nicht schaffen, haben sich aber in der Zeit vorher so gut vernetzt, dass sie problemlos irgendwo ein warmes Plätzchen finden. So wie der Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger, der nach Abschluss seiner politischen Karriere flugs Implenia-VR wurde.

Dass er als Bundesrat genau dieser Firma Aufträge erteilt hatte führte, zuerst zu Gebrüll, dann zu seinem schnellen Abgang nach nur zwei Jahren. Journalisten sind für Geschreibsel oder Getwitter auch nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Pressefreiheit plus Meinungsfreiheit. Plus gut bestückte Rechtsabteilungen, die wohl 90 Prozent aller Meckereien wegräumen.

Der Baukonzern leidet auch unter Corona; so hat er viele Baustellen vorläufig still gelegt. Wie der Konzern aus diesem Schlamassel wieder rausfinden soll; schleierhaft. Im Bündnerland könnte sich der nächste Bauskandal anbahnen

Denn dort macht Implenia fast alle Standorte dicht. Nun könnte man sagen: also ein Baukonzern, bzw. seine Führungsetage, muss streng, aber gerecht sein. Und da es bei der Gerechtigkeit mangelt, die meisten Mitarbeiter auf staatliche Aufforderung hin Abstriche hinnehmen müssen, lässt es sich die Chefetage wohl sein.

Welche Folgewirkungen gibt es schon?

Wes Geistes Kind die dort Hockenden sind, ausgestattet mit gutem Gedächtnis und rauchender Zigarre, das ist dem Publikum immer wieder entgangen. Da muss ja eine Planung dahinter stecken, da kommt keiner mehr rein, keiner mehr raus.

Aber das ist ja nur der Eisberg; es gibt noch weitere Zacken und grade deren Folgewirkungen des umstrittenen Lockdowns? Pipifax. Beruhigt nicht wirklich. Pleitewelle von Fitnesscentern im Sommer, das unkt nicht irgend ein Verschwörungstheoretiker. Das wurde auf SRF genau so ausgestrahlt. Zuerst lange geschlossen, dann wieder eröffnet.

Kleine Wellen schlagen auch die vielen Meldungen, dass jugendpsychiatrische Einrichtungen an der Kapazitätsgrenze oder sogar darüber hinaus seien. Die Anzahl von Jugendlichen, die sich wegen Suizidgefährdung selber melden, ist sprunghaft angestiegen. Hat sich einer dieser Schreihälse in den Medien jemals Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen dieses Corona-Jahr auf Heranwachsende hatte?

Das Kollabieren ganzer Wirtschaftszweige; Hotellerie, Gaststätten, Reisebranche, Tourismuszulieferer: wenn man keinerlei Haftbarkeit hat, kann man frei von Verantwortung so viel gute Ratschläge raushauen wie der Tag Stunden hat.

Seit doch etwas für Irritationen sorgt, dass die Eidgenossen und die Reichsdeutschen aufgrund der gleichen Zahlengrundlage – die meisten Indizes in der Schweiz und in Deutschland sind ziemlich nahe beieinander – zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen kommen, hat sich die lautstarke Beschimpfung von Abweichlern deutlich in der Phonstärke gemässigt.

Ohne ständiges Nachschütten von Kompetenz …

Während man vorher ohne jegliche eigene Kenntnisse aufgrund von Parametern, denen die Wissenschaftler eine Bedeutung zumassen, lautstark Lockdown rufen und fordern konnte. Noch lautstärker als alle Aluhutträger und Selbstgefährder beschimpfen, die das anders sehen und sich sogar zu unerlaubten Demonstrationen zusammenrotten.

Da das aber nun auf Regierungsebene nicht so möglich ist, entweder die deutsche oder die Schweizer Regierung als völlig von der Realität abgehoben zu beschimpfen (es gibt in der Schweiz nur einen journalistisch tätigen Amok, der sogar das tut), wird das wohlfeile «da müsste man endlich, wenn man nicht, dann aber, alle sollten mal auf mich hören» schal und billig.

Und da hinter all diesem medialen Nachgeplapper nur selten eigene Kompetenz oder eigenes Fachwissen stehen, verstummen all die Heerscharen von frisch qualifizierten Corona-Experten in den Medien zunehmend.

Sie haben in der Schweiz ja bloss einen Beitrag dazu geleistet, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemiebekämpfung in Zahlen ausgedrückt wohl bei über 150 Milliarden Franken liegen. Nachbereinigungen durch gigantische Schadenersatzklagen noch gar nicht eingerechnet.

Da zuckt der Journalist mit den Schultern und hofft auf ein neues Thema. Gaza-Streifen gegen Israel und umgekehrt, wenn das eskaliert, kann der Medienschaffende endlich den weissen Wissenschaftlerkittel abstreifen und mit ernster Miene den Beteiligten und der ganzen Welt erklären, wie das Nahostproblem im Handumdrehen gelöst werden könnte.

Nur ganz schlaue Journalisten wundern sich immer mehr, dass immer weniger auf ihre Meinung wert gelegt wird. Und für Artikel mit Hand und Fuss statt copy/paste, dafür fehlt die Zeit und das Know-how. Also her mit der Staatsknete. Und alle Medienkonzerne in der Schweiz machen weiter Dehnungs- und Lockerungsübungen, wie man für Inserenten die Beine noch weiter spreizen könnte.

 

 

Corona: Das Weisse Rauschen

Mal Hand aufs Herz: Haben Sie noch den Überblick? Was erlaubt ist, verboten, was kommt?

  • «Fallzahlen um 98 Prozent gesenkt: wie haben die Portugiesen das geschafft?» Das verrät uns der «Blick».
  • «Gastrosuisse will seine Gästedaten direkt an den Staat liefern.» Das weiss nau.ch.
  • «Basel: Hunderte tanzen im Bahnhof zu Hymne gegen die Corona-Massnahmen», beobachtete «20 Minuten».
  • «Die Schweiz als riesiges Wartezimmer – wie die Corona-Impfung vom grossen Versprechen zur Hängepartie wurde.» (NZZ, hinter Bezahlschranke).
  • «Verbreiteter Irrtum: Wie man sich auch auf einer Restaurant-Terrasse mit Corona anstecken kann.» (CH Media, hinter Bezahlschranke)

Der Selbsttest: Wissen Sie aus dem Stand, was Sie heute mit und was ohne Maske tun dürfen? Kommt der Impfpass mit Privilegien? Gewinnt die Schweiz den Kampf gegen die Pandemie, oder steht’s immer noch unentschieden? Wollen wir mal wieder über die volkswirtschaftlichen Schäden reden?

Ist nun alles gut mit dem Impfen? Werden wir den Sommer geniessen können? Wird es im Herbst dann wieder die übliche Welle geben? Was kehrt wieder zur alten Normalität zurück, was nicht?

Geben Sie’s zu, ich gestehe es auch: Nach weit über einem Jahr Corona, Corona, Corona verschmilzt alles zu einem weissen Rauschen. Leistungsdichtespektrum, so nennt man das in der Physik. Es sind keine einzelnen Töne mehr zu unterscheiden.

Absicht oder Zufall oder Inkompetenz?

Wird diese Granulierung, diese Homogenisierung, dieser Brei absichtlich hergestellt? Absichtlich im Sinn von: mit planhaften Hintergedanken? Soll ausprobiert werden, wie schnell und wie lange sich grössere Teile der Bevölkerung zu Untertanen-Schafen machen lassen? Mit welchen Trigger-Begriffen man Abweichendes, Ausbrechendes, den Status quo Gefärdendes stigmatisieren und diskriminieren kann?

Fällt es niemandem wirklich auf, auf welch kläglichem Niveau der öffentliche Debatte wir schon angelangt sind? Da verwendet der letzte lebende Grossschriftsteller der Schweiz das Wort Auschwitz, um seinen vorangehenden, bedenkenswerten, aber für die aktuelle Wisch-und-Weg-Leserschaft viel zu langen und komplexen Gedankengang wenigstens für mehr als eine Minute im Diskurs zu halten.

Und was passiert Adolf Muschg? Das ist ihm gelungen, aber kein Mensch interessiert sich wirklich für seine Kritik am Blasendenken, daran, dass der Rassismus- oder Sexismus-Kritiker so häufig mit den gleichen faschistoiden Methoden bekämpft, was er eigentlich verabscheut. Und dieser Widerspruch ihm überhaupt nicht auffällt.

Wenn selbst das nicht mehr möglich ist, von ganz wenigen, löblichen Ausnahmen abgesehen, alle einmal blub sagen, Auschwitz, zweimal blub sagen Cancel Culture, dreimal blub sagen: geht gar nicht.

Auschwitz ist plakativ

Auschwitz; notfalls hilft Google, damit kann man etwas anfangen. Auf die zeitgemässe Art: indem man sich fürchterlich erregt. Da kreischt doch ein selbstvergessener Geschichtsprofessor ungehemmt rein: «Herr Muschg sollte sich in Grund und Boden schämen.» Mensch und Meinung, deckungsgleich? Schämen, bereuen, büssen, entschuldigen, bringt das die Debatte einen Millimeter weiter?

Wer debattiert überhaupt noch? Spontane und vorbereitete Demonstrationen gegen die Corona-Massnahmen? Da fragt die Journaille bang: Gibt es wieder ein Krawall-Wochenende? Und reibt sich schon die Hände. Journalisten schwärmen aus und bieten Chaoten aus dem Schwarzen Block an, dass sie sie berühmt machen können, wenn die einen Einsatzplan mit Uhrzeit rüberwachsen lassen. Denn dann ist der Reporter zufällig vor Ort, hat das exklusiv, die Chaoten kommen in die Medien, alle sind zufrieden.

Schon dieser Artikel reicht aus, um auf die Watchlist zu kommen. Die Watchlist von potenziell zu Verschwörungstheorien neigenden Menschen. Denn jede Theorie gegen die maskendumpfe, das Gehirn stilllegende, ein Leichentuch über die Gesellschaft werfende Staatspolitik ist ­– Verschwörungstheorie. Verschwörungsanhänger sind bekanntlich im besten Fall harm- und bedeutungslos, im schlimmsten brandgefährlich.

Man wird ihrer nur Herr, wenn man sie vom Diskurs auschliesst. Meinungen, und damit gleiche Menschen, zum unerwünschten Ausländer erklärt. Weg damit. Und das mit der Beschallung mit weissem Rauschen ergänzt, damit die Welt in Fraktale zerfällt. In endlose, unendliche Knäuel. Schön anzuschauen, aber selbstreferenziell nur sich selbst enthaltend.

Genau wie diese Blasenbewohner. Die zu Zeiten der Aufklärung von Denis Diderot und so vielen anderen aus den Salons gelacht worden wären. Aber heute bestimmen sie die modernen Salons, die Pöbelplattformen, die Monopolmedien. Und weil sie wenigstens erahnen, dass ihre geistigen Fähigkeiten höchstens dazu reichen, schillernde Blasen zu blasen, wollen sie keinerlei Widerworte zulassen. Weil das dann die Stecknadeln wären.

Corona: endlich abgenabelt

Unter verkniffenem Schweigen der Qualitätsmedien tut sich Wunderliches.

Nehmen wir die letzthin in den Vordergrund geschobene Zahl. Die 7-Tage-Inzidenz. Die löste die 24-Stunden-Inzidenz ab, nachdem der Protest gegen diesen Unsinn immer lauter wurde.

Also die Zahl der Neuinfektionen pro 100’000 Einwohner über 7 Tage gemittelt, nachdem der Unfug mit absoluten Zahlen weitgehend auch verschwunden ist.

Da liegen die Türkei, Zypern und Schweden auf den vordersten Plätzen. Obwohl die drei Länder ganz verschiedene Strategien bei der Bekämpfung gefahren haben. Beim Spitzenreiter Türkei sprechen wir von 477,5 Fällen.

Darum herum drehen die meisten Wissenschafter.

Dagegen sehen die Schweiz und Deutschland recht manierlich aus. 176,3, beziehungsweise 171,6 Fälle, damit liegen die Länder auch in der Statistik freundnachbarschaftlich beieinander.

Ähnliche Zahlen, verschiedene Strategien

Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Deutschland ist in Alarmmodus, als sei die «German Angst» wieder ausgebrochen. Bundeskanzlerin Merkel will ungehorsamen Bundesländern mit der höchstamtlichen Notbremse auf die Füsse treten. Massnahmen bis zum Total-Lockdown mit Ausgangssperre und weitgehender Schliessung von allem sind ernsthaft in Diskussion.

Schule wieder zu, Schule ausgedünnt, Schule im Freien, Schule per Fernunterricht, auch da werden alle Massnahmen durchgespielt, diskutiert und ernsthaft in Erwägung gezogen.  Die Wissenschaftler, Überraschung, warnen, geben zu bedenken, fürchten, halten es für dringlich geboten.

Da herrscht noch Einigkeit mit der Schweiz. Auch die Scientific Task Force to the Bundesrat hat Bedenken, befürchtet, sieht gleich den ganzen Sommer in Gefahr. Die Reproduktionszahl liege bei 1.11, Positivität bei 7,6 Prozent. Weitere Erklärungen würden zu weit führen; was man wissen muss: die erste Zahl ist viel zu hoch, die zweite viel zu niedrig.

Glaubt man der Task Force, aber wer tut das schon noch. Deshalb häufen sich die Abgänge; immer mehr Mitglieder rollen die Fahne «hört auf die Wissenschaft» ein. Entweder, weil sie wie Marcel Salathé genügend Wirbel veranstaltet haben, um ein lukratives Pöstchen zu ergattern. Oder weil sie, wie Christian Althaus, Manuel Battegay, Monica Bütler oder Marcel Tanner, nicht genügend Aufmerksamkeit erregen konnten.

Genau wie unlängst Dominique de Quervain. Er täubelt, weil er die Lockerungen für einen Fehler hält. Das ist sein gutes Recht, das hier weniger: «Das ihr auferlegte politische Korsett verhindert die dringend notwendige, ungefilterte wissenschaftliche Aufklärung.»

Entscheidungen fällen immer noch gewählte Verantwortungsträger

Unter politischen Korsett versteht er wohl, dass die Wissenschaftler, weil sie keinerlei Verantwortung für ihre Ratschläge tragen, nur beratend tätig sein dürfen, die Entscheidungen würden immer noch von den Regierenden gefällt, musste sie Bundesrat Berset schon öffentlich zur Ordnung rufen.

Ihr Verhalten ist so aberwitzig, wie wenn ein Rechtsanwalt das Gericht auffordern würde, gefälligst nur seiner Meinung zu folgen. Denn so sähe das auch die Mehrheit aller Anwälte. Sollte es Abweichler geben, so sind die zu vernachlässigen.

Wichtiger als dieses kindische Verhalten – wenn mir eine Entscheidung nicht passt, gehe ich, das habt Ihr dann davon – ist aber etwas anderes. Aufgrund der ähnlichen oder sogar gleichen Zahlen, obwohl die in der Schweiz sogar ein Mü höher als in Deutschland sind, haben die Regierungen diametral entgegengesetzte Schlussfolgerungen daraus gezogen.

Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hat seit Mitternacht den harten Lockdown verhängt. Schulen, Kitas und die meisten Geschäfte bleiben geschlossen. Auch anderswo gelten schärfere Regeln, inklusive Ausgangssperren. Währenddessen dürfen in der Schweiz Kinos, Fitnesscenter, Theater und Restaurants im Aussenbereich öffnen.

Das findet Deutschland, das finden alle Corona-Kreischen in der Schweiz unmöglich. Gefährlich, fahrlässig, unverantwortlich. Es werden wieder die üblichen Hiobsbotschaften verbreitet: Notfallstationen ausgelastet, bald überlastet. Nächste Welle garantiert. Freiheit im Sommer verspielt.

Zwischen vielen Faktoren abwägen

Dabei wird geflissentlich übersehen: Weder die deutschen, noch die Schweizer Regierenden sind eine Bande von Idioten und Hirnamputierten. Sie mögen ihre Defizite und Schwachstellen haben, das nicht zu knapp. Aber wenn sie zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Zahlen kommen, heisst das einfach:

Diese Zahlen sind ein Faktor in der Beurteilung und Entscheidungsfindung, aber auch nicht mehr.

Denn Politik ist, im Gegensatz zu Wissenschaft, auch die Kunst des Abwägens, der Verhältnismässigkeit. Unter Berücksichtigung aller Faktoren, wenn möglich, und nicht nur ein paar Zahlen. Denn die Gesamtauswirkungen eines Lockdowns, nur schon auf die Wirtschaft, die Psyche, die Zukunft, die Jugend, sind verheerend und komplex.

Da kann man ohne Weiteres zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen. Aber das ist für viele Wissenschaftler nicht nur völlig falsch, sondern geradezu eine persönliche Beleidigung. Die nur mit Schmollen und Rücktritt abgewaschen werden kann. Der Wissenschaftler als Kindskopf, der sich für den Nabel der Welt hält. Aber: abgenabelt.

Nach der Schlagzeile kann man abdrehen

Radio SRF will in seinen Nachrichten nicht nur informieren, sondern auch «einordnen». Das tut der Sender so konsequent, dass man gar nicht sehr lange hinhören muss.

Von Stefan Millius*

Die gefühlte 842. Corona-Medienkonferenz des Bundesrats steht an, das Gewerbe bettelt im Vorfeld laut um Lockerungen, und Radio SRF 1 schaut in der Sendung «Heute Morgen» um 8 Uhr nach vorne. Das tut sie in Form eines Interviews mit dem Inlandredaktor von SRF 1, dieser beliebten, leicht nach Inzucht riechenden Form des erweiterten Selbstgesprächs.

Kommt Ihnen das Klötzchen-Logo auch bekannt vor?

Aber muss man da hinhören? Muss man nicht. Jedenfalls nicht lange. Denn «Heute Morgen» liefert bereits in der Themenübersicht, den ersten 30 Sekunden der fast 13 Minuten langen Sendung, die Auflösung darüber, was danach kommen wird. Die Schlagzeile zum Thema lautet:

«Bei den Coronamassnahmen hat der Bundesrat derzeit wenig Spielraum. Wir fragen, ob er ihn trotzdem nutzt an seiner heutigen Sitzung.»

Wie von der Bundeskanzlei formuliert

Es gab eine Zeit, da diente eine Schlagzeile dazu, zu sagen, was passiert ist. «Heute Morgen» macht es anders, und das nicht erst seit heute. Der Moderator sagt uns lieber, was eigentlich nicht passieren darf. Nämlich weitere Lockerungen. Dass der Bundesrat «wenig Spielraum» für eine Öffnung hat, beispielsweise in der Gastronomie, ist keine journalistische Betrachtung, sondern eine Schutzbehauptung, als wäre sie von der Kommunikationsabteilung der Bundeskanzlei formuliert worden. Es ist eine rein subjektive Einschätzung. Sie ist richtig, wenn man die Kriterien, die der Bundesrat für Lockerungsschritte eingeführt hat, ernst nimmt. Aber das tun ja hoffentlich nicht mehr viele Leute.

Denn zu den erwähnten Kriterien gehören unter anderem der aktuelle R-Wert und die 14-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen. Beides basiert bekanntlich auf der Teststrategie, bei der auch mal an Schulen und in anderen Institutionen nur die positiven Resultate gezählt werden, weil alles andere zu aufwendig wäre. Nur in die Rechnung nehmen, was einem in die Hände spielt: Kann man machen, hat hinter dem Eisernen Vorhang ja auch lange funktioniert und in den Büchern zu sensationellen Übererfüllungen der Produktion geführt, während die Läden leer waren.

Freie Betten – na und?

Das einzige Kriterium, das wirklich Sinn macht, ist die Belegung der Intensivstationen, und da wissen wir aus den offiziellen Zahlen: Es gab kaum je einen besseren Zeitpunkt, um einen schweren Unfall zu bauen oder anderweitig Intensivpflege zu benötigen. Freie Betten und Personal hat es zuhauf. Aber eben, nützt alles nichts, solange die anderen Kriterien nicht erfüllt sind, und die sind nicht erfüllbar, weil das System es gar nicht zulässt.

Es ist ein bisschen, wie wenn man seinem Kind sagt:

«Du kriegst mehr Taschengeld, wenn du bis heute um 16 Uhr erstens dein Zimmer aufgeräumt und zweitens eine funktionierende Mondrakete gebaut hast. Beides muss erledigt sein, sonst gibt es nichts.»

Diese Ausgangslage belegt für SRF 1 also, dass es der Bundesrat «wenig Spielraum» für Lockerungen hat. Dass das nur so ist, weil die Kriterien von Anfang an absurd waren: In «Heute Morgen» ist das kein Thema. Der vom Staat total unabhängige Staatssender mag nichts hinterfragen, sondern nimmt das bundesrätliche Wort so absolut wie Moses seine Steintafeln.

Lockern oder nicht lockern, das ist die Frage.

Der Schein der gute Tat

Das Ganze ist aber nicht ungeschickt. Denn wenn es ja kaum Spielraum gibt, wirkt jeder Hauch einer Lockerung plötzlich wie eine grosszügige Geste.  Die Terrassen könnten allenfalls geöffnet werden, raunt der Inlandredaktor im Interview, wissen tut er es natürlich nicht, jedenfalls nicht offiziell, aber es könnte sein. Und kommt es dazu, ist die Landesregierung eine wahre Wohltäterin: Eine Teilöffnung, obwohl die Lage so fürchterlich ist, mehr kann man doch wirklich nicht verlangen!

Damit kann man «Heute Morgen» zwar nach journalistischen Massstäben für seine subtil beeinflussende Schlagzeile kritisieren, muss gleichzeitig aber bewundernd feststellen: Orchestriert sind die 13 Minuten perfekt. Zuerst jede Hoffnung nehmen, dann ein bisschen Hoffnung geben mit dem mutigen Bundesrat als Winkelried der leidenden Gastronomie. Die Achse Radiostudio-Bundeshaus funktioniert eben doch.

*Stefan Millius ist Chefredaktor «Die Ostschweiz». René Zeyer publiziert regelmässig dort.

Märchentante NZZ

Auch der NZZ gelingt nicht alles. Ein Bericht über Sansibar ist Fiction statt Facts.

Sansibar ist vielen von der Schullektüre von «Sansibar oder der letzte Grund» bekannt. Dabei spielt die Insel im Roman von Alfred Andersch nur die symbolische Rolle in einem Tagtraum.

So ähnlich muss es auch NZZ-Auslandredaktor Fabian Urech sehen, der schreibt: «Das Märchen von Sansibar als Paradies ohne Corona». Diese Ferndiagnose stellt Urech von seinem coronafreien Homeoffice aus. Als Beleg reicht die Erzählung einer Touristin, «niemand hält irgendwelche Regeln ein», ein Journalist beschreibe die Situation als «skurril».

Plus noch der investigative Durchgriff, Mail an ein Hotel auf Sansibar geschickt, nein, es gebe keine Einschränkungen wegen Corona, sei die Antwort, und: «Willkommen im Paradies!»

Der tansanische Präsident ist dran schuld

Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen, ist sich der NZZ-Redaktor sicher. Schnell enttarnt er die Wurzel des Übels: den tansanischen Präsidenten. John Magufuli scheint tatsächlich etwas schrullig zu sein. Einerseits griff er unbarmherzig gegen die übliche Korruption durch, sagte die Feierlichkeiten für den Unabhängigkeitstag ab, weil man das Geld besser für den Kampf gegen Cholera brauchen könne.

Andererseits ist er ein Abtreibungsgegner und forderte, mit Gebeten gegen Corona anzukämpfen. Die Pandemie verschwand dann auch wunschgemäss; zumindest wird einfach nicht mehr ständig getestet. Auf der anderen Seite füllen sich die Spitäler (noch) nicht mit infizierten der zweiten Welle. Und die Touristen strömen aus aller Welt herbei, vor allem aus Osteuropa und Russland.

Wohl als eine der wenigen Feriendestinationen der Welt konnten Hotels auf Sansibar vermelden, dass sie über Weihnachten/Neujahr ausgebucht waren. Das alles weckt natürlich Misstrauen im Hause NZZ, «kann das gutgehen»? Natürlich nicht, ist Urech offenbar überzeugt. Aber zuerst muss er ein paar Rückschläge hinnehmen.

Wie findet der Rechercheur endlich eine «kritische Stimme»?

Die Überlastung des Gesundheitssystem sei (noch) nicht eingetreten, muss er einräumen, kritische Stimmen seien rar, weil sich die «Strategie der Regierung» für den Tourismussektor auszahle. «Bisher», merkt Urech an. Das macht es ihm offenbar auch schwierig, lokale Kritiker aufzutreiben: «Kritische Stimmen sind auf Sansibar bisher auffallend rar.»

Blöd aber auch. Wobei: Das Schweigen habe «zum Teil» auch mit «der Angst vor staatlicher Repression» zu tun. Sogar verschiedene NGO wollten sich nicht zu Corona äussern. Aber da geht doch noch was? Sicher, «ein lokaler Gesundheitsspezialist wird expliziter: Hinter vorgehaltener Hand» murmelt er bedeutungsschwer, dass die «Spitäler bei einem merklichen Anstieg der Infektionen rasch an ihre Grenzen» kämen. Das ist natürlich übel und zeigt die ganze Verworfenheit dieser «Hochrisikostrategie».

Denn wo sonst auf der Welt würden die Spitäler unter diesen Umständen schnell an ihre Grenzen kommen? Nirgends, nur auf Sansibar. Dann noch etwas Geunke, dass Afrika zwar recht schlank durch die erste Welle gekommen sei, aber in der zweiten sehe das ganz anders aus.

Niemand weiss nichts Genaues

Dennoch, muss Schreibtischrechercheur Urech einräumen, wie die Lage wirklich dort aussehe, «weiss niemand». Ausser Gott, denn die «sonst eher zurückhaltende» katholische Kirche warnte letzte Woche: «Wir sind keine Insel.» Das trifft auf Tansania, aber nicht auf Sansibar zu.

Natürlich ist der Autor felsenfest von der Richtigkeit seiner Meinung überzeugt (das kann nicht gutgehen), aber er sucht bis zum Schluss nach weiteren Argumenten. Das war wirklich nicht leicht, aber er findet wenigstens ein Körnchen: «Mitte Januar wurden zwei dänische Touristinnen, die aus Tansania zurückkehrten, positiv auf die südafrikanische Corona-Mutation getestet.» Endlich, der Beweis. Nicht nur eine, gleich zwei Touristinnen. Das Ende des Märchens ist in Sicht, es wird kein gutes sein. Aber vielleicht reichen zwei dann doch nicht, überlegt sich Urech, und schliesst mit der spitzen Bemerkung: «Sie dürften keine Einzelfälle sein.»

 

Uns bleibt nur zu hoffen, dass solche Artikel in der NZZ Einzelfälle bleiben. Sehr einzeln.

Häppchen-Journalismus

Wenn Kraft und Kompetenz zur Einordnung fehlen, kommen die News ohne Maske.

Jeder Politiker weiss, dass es zwei ziemlich sichere Möglichkeiten gibt, in die Medien zu kommen. Die eine ist, sehr früh aufstehen und auf irgendeiner Radiostation einen raushauen. Mit einem Quentchen Glück wird das von Keystone-SDA aufgegriffen und in die Redaktionen getickert.

Dort entdeckt’s der Nachtredaktor, dank anderer Zeitzone noch wach, und bevor er seinen Dienst beendet, schmeisst er die Meldung aufs Netz. Nicht zuletzt, um zu beweisen, dass er auch noch ganz am Schluss voll am Gerät ist.

Auch die zweite Möglichkeit ist nicht überschwer zu realisieren

Die zweite Möglichkeit stellt den Politiker auch nicht vor allzu hohe Hürden. Er baut in irgend eine Stellungnahme zu irgendwas einen starken, kurzen, zitierfähigen Satz ein. Falls es nicht im ersten Anlauf klappt, stochert sein Kommunikationschef noch etwas nach, et voilà.

In beiden Fällen kann das zum Selbstläufer werden, denn natürlich suchen nun alle Redaktionen krampfhaft nach dem Nachzug. Und kommen auf die naheliegende Idee, Parteikollegen und Mitglieder anderer Parteien zu fragen, was sie denn von diesem Satz halten.

Dass der politische Gegner ihn ziemlich scheisse findet, das aber höflicher ausdrückt, ist klar. Besonders gesucht ist daher der Parteikollege, der sich profilieren will und mit wohlgesetzten Worten Kritik übt. Beliebte Einleitung: «Ich hätte das nicht so, ich hätte das anders, ich glaube nicht, dass damit die offizielle Position der Partei, Blabla.»

Zwei aktuelle Beispiele, gerecht verteilt

Nehmen wir mal zwei aktuelle Beispiele. Die SVP möchte sich gerne als kritische Corona-Partei profilieren. Da liegt nichts näher, als gegen den neuerlichen Lockdown zu protestieren. Und das Gegenteil zu fordern. Aber «alles bleibt offen», das hat nun einen höheren Schnarchfaktor. Also greift der SVP-Fraktionspräsident im Nationalrat zu starken Worten: «Mit diesen Massnahmen treibt der Bundesrat die Schweiz in die Armut.»

Damit war ihm breite Resonanz sicher. Blöd nur, dass der Antrag der SVP auf eine Sondersession schon in der Gesundheitskommission unterging. Da hätte das Parlament der Verarmung der Schweiz noch einen Riegel schieben können. Wir warten nun atemlos darauf, wann wir merken, dass wir tatsächlich in der Armut angekommen sind.

Leider mochte Thomas Aeschi keine konkreten Aussagen machen, wann und wie die Armut zuschlagen wird.

Das grosse Interview – mit kleinem Inhalt

Was die Konservativen können, versucht die progressive Linke natürlich auch. Als hätte das neue Führungsduo an der Spitze der SP ein wichtiges öffentliches Amt, bittet der «Blick» zum grossen Interview. Anlass: 100 Tage Doppelchef. Zunächst müssen Mattea Meyer und Cédric Wermuth ihre ganze Wendigkeit aufbieten, um aus einer naheliegenden Schlussfolgerung herauszuglitschen. Sie haben nämlich vollmundig in einem ellenlangen Papier die Corona-Politik der Schweiz für gescheitert erklärt.

Damit meinen sie wohl den Gesundheitsminister Alain Berset und die Bundesratspräsidentin des Jahres 2020? Blöderweise beide SP-Genossen. «Definitiv nicht», ist die eher schlappe Antwort, der arme Berset werde zudem sabotiert, da könne er leider nicht zeigen, was er wirklich drauf hat.

Dann zeigen sich beide mehrfach «schockiert», schimpfen auf den SVP-Finanzminister: «Das ist wahnsinnig empathie- und respektlos für eine Führungsfigur, finanzpolitisch verantwortungslos.» Was sollte die Schweiz verantwortungsvoll stattdessen tun? Da wird es echt lustig, wenn eine Studentin der Geschichte ohne jegliche wirtschaftliche Kenntnisse und ein Politologe, beide seit Jahren Berufspolitiker, Forderungen aufstellen.

Gute Ratschläge von zwei absoluten Wirtschaftslaien

«Wir können die laufenden Kosten mittels der öffentlichen Verschuldung finanzieren», meint Meyer. «Der Staat soll seine Verantwortung wahrnehmen. Natürlich wird das auch etwas kosten», echot Wermuth. Das Geld anderer Leute ausgeben, der nächsten Generation die Schulden überreichen, das ist zwar klassische SP-Politik, aber immer noch kein Knaller.

In den Sand gesetzt habe das nicht etwa der Gesundheitsminister, sondern «die beiden Bundesräte Guy Parmelin und Ueli Maurer», versucht sich Wermuth an gerechter Schuldverteilung.

Zweimal in den Sand gesetzt

Aber: Weder im 16-seitigen Positionspapier noch in dem ganzen, ellenlangen Interview findet sich ein einziger, zitierfähiger Satz. So im Niveau von «der Bundesrat treibt in die Armut».

Also muss man bei diesen Beispielen sagen: SVP – SP, 0 zu 0. Aeschi hat zwar einen Knaller rausgehauen, ist aber damit baden gegangen. Die SP hat keinen geliefert und ist auch baden gegangen. Dabei hätten beide Parteien dir Chance gehabt, in den bereits in der Armut angekommenen Medien ungefiltert punkten zu können. Aber vergeigt. Auch das ist ärmlich.

So viel Versagen war selten

Wer noch durchblicken will, muss sich selber schlau machen. Das ist beunruhigend.

Die Gräben sind ausgehoben, es wird scharf geschossen. Auf der einen Seite eine Übermacht; die Regierungen mit ihrer Deutungshoheit, die meisten Massenmedien, aus binärer Dummheit (man muss ja oder nein sagen) oder wegen Abhängigkeit von Subventionen.

Auf der anderen Seite eine kleine Guerilla-Truppe, ohne grosse mediale Wirkung, ohne Chance, die Lufthoheit in der öffentlichen Debatte in Frage zu stellen oder gar zu erobern. Dennoch liegt sie unter dem Trommelfeuer  der – wagen wir das Wort – Mainstreammedien. Natürlich gibt es unter ihnen ein paar Kritiker, die keine Corona-Impfung, aber andere Medikamente bräuchten.

Die machen es der Übermacht auf den Gebieten von Framing und Schaffen von Narrativen einfach. Ernsthafte Kritik wird ignoriert, jede Äusserung eines mental wackeligen Anhängers einer Verschwörungstheorie wird dazu missbraucht, jede Kritik ins Lächerliche zu ziehen.

Amoks hüben und drüben des Grabenkriegs

Wer an Demonstrationen teilnimmt, ist bestenfalls ein Verführter, schlimmstenfalls ein rechtspopulistischer Agitator und Hetzer. Wer auf der anderen Seite im roten Bereich dreht, vom leitenden Tagi-Redaktor und bekennenden Amok Marc Brupbacher abwärts, der ist höchstens besorgt, vielleicht eine Idee überbesorgt, wenn er dem Bundesrat mitteilt, dass der völlig übergeschnappt sei.

Wissenschaft und Aberglaube, Rechthaberei und Skandalisierung, Kampf um die flüchtige öffentliche Aufmerksamkeit, das alles verwandelt sich mehr und mehr in einen echten Alptraum. Aus einer Vielzahl von Ursachen.

Zuvorderst schwindet das Vertrauen in die Regierenden. Es wurde mehr als offensichtlich, dass sie mit dieser Krise überfordert sind. Zumindest in Europa, in der Schweiz und in den USA. Dann schwindet das Vertrauen in die Wissenschaftler. Sie überbieten sich mit falschen Prognosen, interpretieren sogar allgemein zugängliche und einfach zu analysierende Zahlen falsch, widersprechen sich lautstark, haben die Arroganz, den Regierenden nicht nur Ratschläge zu geben, sondern Forderungen zu stellen, ihrer Meinung nach falsche Entscheide zu kritisieren.

Medien und Wissenschaftler: verantwortungsvolle- und haftungsfrei

Obwohl sie für ihr Geschwätz keinerlei Verantwortung oder Haftung übernehmen müssen. Das eint sie mit vielen Medien, die deshalb als Lautsprecher für diese Wissenschaftler dienen. Da es nur noch vier nennenswerte Tageszeitungsverlage gibt, schön reihum. Nimmst Du den Taskforce-Chef, nehme ich Althaus. Du schlägst mit Salathé zurück, da können wir immer noch auf das Trio Infernal von drittrangigen Wissenschaftlerinnen zurückgreifen, die wie Salathé Lautstärke in Karriere umwandeln wollen.

So schlimm ist es. Das führt dazu, dass jeder, der Sorgen um die Zukunft, die Wirtschaft, die Gesellschaft hat, sich selber so weit wie möglich schlau machen muss, um den Kopf über der Flut von Warnungen, Forderungen, Abrechnungen, Fake News und Propaganda zu halten.

Ich bin weder Virologe, noch Epidemiologe und auch kein Forscher im Bereich der Covid-Viren. Aber ich kann Zahlen, und alleine dadurch wird’s mir wirklich übel.

Überall ist’s schlimm, wackelig oder beides

Der bisherige Schaden (vor dem zweiten Lockdown) lässt sich umrissartig von der NZZ auf über 130 Milliarden Franken schätzen. Gewaltig, und wer soll das bezahlen? Na, wir nicht, unsere Generation sicher nicht. Der grossartige Sozialvertrag nach dem Zweiten Weltkrieg, geschlossen aus Angst vor dem erstarkten kommunistischen Lager, hielt in der Schweiz exakt 70 Jahre. Immerhin. Aber nun kann die nächste Generation selber schauen, wie sie dieses Schlamassel wieder aufräumt und wovon sie im Alter leben will.

Genauso vertrackt ist es mit der Verwendung von sowieso schon auf wackeliger Basis erstellter Zahlen. Der flächendeckend verwendete Test wurde von seinem Erfinder bis zu seinem Tod ausdrücklich als nur zu Forschungszwecken geeignet erklärt, keinesfalls als Test verwendbar.

Wie viele falsch positiv Getestete es genau gibt, wie viele von den Positiven Symptome entwickeln werden, erkranken werden, ansteckend werden, man weiss bis heute nichts Genaues.

Das Medianalter der an und mit Corona Verstorbenen (auch das notfallmässig ins Spital eingelieferte Opfer eines Autounfalls verstirbt mit Corona, wenn man es noch rechtzeitig vor dem Ableben testen konnte) beträgt 85 Jahre; mehr als die durchschnittliche Lebenserwartung, und in 97 Prozent mit mindestens einer Vorerkrankung. Diese Altersgruppe müsste also speziell geschützt werden. Stattdessen wird wieder und wieder die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft geschlossen. Und in Alters- sowie Pflegeheimen gibt es bis heute Covid-19-Ausbrüche.

Die Reproduktionszahl, die Übersterblichkeit: Popanz zum Erschrecken

Die Reproduktionszahl R, wie viele andere steckt ein Infizierter an. Zuerst als die Schreckenszahl implementiert. Liegt sie über 1, ist Weltuntergang möglich. Unter eins, ist Licht am Ende des Tunnels. Aber auch diese Zahl, dank wackeliger Ehrhebungsmethoden, ist erst rund zehn Tage später verfügbar, als erste Schätzung. Nun begab sich aber das Unglück, dass der Bundesrat aufgrund dieser Schätzung (genau von 1,13) einen neuen, drastischen Lockdown beschloss. Blöd, dass die Zahl bei genauerer Messung auf 1 schrumpfte.

Noch blöder, dass die neuste Zahl vom 18. Dezember, also noch vor Inkrafttreten der Massnahmen, bereits weit unter 1 liegt. In der ersten Schätzung. Das lässt nur einen Schluss zu: Der Bundesrat fällt zu allem Übel uns alle betreffende, nicht korrigierbare und drastische Massnahmen aufgrund von unsicherem Zahlenmaterial. Zudem ist zu befürchten, dass er sich regelmässig dem Druck der hyperventilierenden Wissenschaftler und Medien nicht entziehen kann.

R-Wert? Ach was, völlig überschätzt, nur von Blödies verwendet

Und was machen die Wissenschaftler, nachdem sie die Bevölkerung überhaupt erst mit dem R-Wert als zentrale Zahl, an der sich der Stand der Dinge ablesen lässt, vertraut machten? Die sagen nun besser als ein Wendehals: Also wirklich, man soll doch den R-Wert nicht überschätzen, so wie das leider die Regierung tut. Diese Kaltblütigkeit muss man erst mal haben.

Man ist sich wenigstens in einem einig: Testing und Tracing, das sind die beiden Zauberwörter, wenn man die Pandemie in den Griff kriegen will. Zufall aber auch, dass genau diese beiden Massnahmen in der Schweiz bis heute nicht richtig funktionieren. Ein unglaublicher Skandal, ein unverzeihliches Versagen. Deshalb wird kaum darüber diskutiert oder berichtet.

Kann das alles richtig sein?

Die Wirksamkeit der Impfung, die möglichen Nebenwirkungen, der dramatische Verlust an Freiheitsrechten, wie immer begründet mit der Sorge um das Grosseganze, kann das richtig sein? Reisefreiheit, weitgehend abgeschafft. Vorausschauende Änderungen der Spielregeln. War früher so, ist vorbei. Während Passagiere im Flieger sitzen, ändert sich eine Regelung; wenn sie landen, geniessen sie nicht ihren teuren Skiurlaub in der Schweiz, sondern müssen aus der Quarantäne flüchten. Geschäftsausübung? Von Fall zu Fall. Haftbarkeit des Staates für von ihm verursachte Schäden? Von Fall zu Fall.

Übersterblichkeit, auch so ein Schreckenswort, aktuell durch die Medien geschleift. Dabei kann man den offiziellen Zahlen von BAG und Statistischen Bundesamt entnehmen: Wir haben bislang keine Übersterblichkeit in der Schweiz. Wer das behauptet, lügt oder ist nicht fähig, ein paar Zahlen zusammenzuzählen.

Die Aus- oder Überlastung der Spitäler, Intensivstationen am Rande des Herzinfarkts, bald muss Triage gemacht werden, also zwischen «kann gerettet werden» und «muss sterben» entschieden. Völliger Unsinn, weder bei Welle eins noch aktuell gibt es ein Platzproblem.

Es gibt einen Pflegernotstand, keinen Pflegenotstand

Die Spitäler jammern allerdings lautstark und zu Recht, weil ihnen die Durchführung vieler Operationen, mit denen sie normalerweise ihr Geld verdienen, untersagt wurde, damit die Intensivstationen auch schön leer bleiben. Zudem gibt es kein Kapazitätsproblem und wird es das auch wohl nie geben. Aber es gibt ein Personalproblem.

Daran sind in erster Linie die Politiker und Regierenden schuld, nicht Corona. Und die gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Schäden sind dermassen gigantisch, dass niemals kein einziger Regierungsverantwortlicher fatale Fehler einräumen wird. Niemals. Man kann also sagen, dass sich – neu in Europa – die Regierungen im Krieg befinden. Allerdings gegen die jeweils eigene Bevölkerung. Man muss sagen: Sie haben schon fast gewonnen. Noch eine Verlängerung des Lockdowns, noch drastischere Einschränkungen der persönlichen Freiheit, noch mehr Benützung von Notrecht: der Sieg ist nahe.

Der Sieg ist nahe, die ersten Verlierer stehen fest

Drei Verlierer stehen schon fest: die Wissenschaft. Die Gesellschaft. Und die Medien. Totalversager als Platz für Debatte, Kontrolle der Herrschenden. Missionarischer Eifer statt Einordnung. Wilde Kritiken und Forderungen, statt Analysen und Widersprüche. Völlige Aufgabe der Bekämpfung oder Kritik von Meinungen. Es wird fast ausschliesslich auf den Mann (oder die Frau) dahinter gezielt.

Das Virus wird verschwinden, wie alle seine Vorgänger. Aber diese bedenklichen Entwicklungen werden bleiben. Auch in der Schweiz, die sich so lange über ihre vielfältige Presselandschaft freute. Über die Mitbestimmung der Bevölkerung bei allen wichtigen Entscheidungen. Über die beinahe objektive Berichterstattung in den staatlichen Medien. Alles mühsam erkämpft, behauptet, und wohl vorbei. Frohes 2021!

Ein deutsches Bettlaken hat Schiss vor der Schweiz

Wenn einem überhaupt nichts einfällt, lässt man einen Deutschen über die Schweiz schreiben.

Man nehme: Corona, Skifahren, einen Deutschen, viel Platz und gebe ihm den Titel: «Brief eines Deutschen an die Schweiz (ein Drittweltland neuerdings)». Überraschendes Resultat: Riesengebrüll. Innert kürzerer Zeit bereits Hunderte Kommentare; «das bewegt den Leser», sagt sich der Redaktor zufrieden.

Der Inhalt des Briefs ist trotz 8000 Anschlägen schnell zusammengefasst: Früher war die Schweiz ein Traum für seine deutschen Eltern und ihn. Aber seit Corona kommen immer mehr Zweifel auf, ob die Schweiz wirklich «besser, vernünftiger» als Deutschland sei.

Für den Deutschen ist’s amtlich: leider nein. «In Deutschland setzte sich bei den verantwortlichen Politikern schnell die Vernunft durch», eine kühne Behauptung. Dagegen die schlechtere und unvernünftige Schweiz: «Ein Primarschüler versteht, dass jeder Lappen vor dem Mund besser schützt als nichts, wenn einem virushaltiger Speichel entgegenfliegt.»

Das mag ein Primarschüler so sehen, unter Erwachsenen sollte aber der Erkenntnisstand etwas höher sein. Aber wie auch immer, da stellt sich der deutsche Autor die rhetorische Frage, was ihn denn eigentlich die Corona-Politik der Schweiz angehe.

Die Schweiz – No-Go-Zone für deutsche Touristen

Die Antwort ist einfach: hier habe er immer, wenn er es sich leisten konnte, seine Skiferien verbracht. Aber nun drohe die Schweiz, zu einer Insel zu werden – «und zwar eine, die deutsche Touristen besser nicht betreten».

Schlimmer noch – für die Schweiz: Deutsche Touristen könnten «die deutschen Alpen entdecken», mit fatalen Folgen: «Am Ende gefällt es uns dort so gut, dass wir als Urlauber nie wieder zurück in die Schweiz kommen.»

Das beklagt der Autor auch aus persönlicher Betroffenheit: «Im Moment ist es eigentlich undenkbar, als Deutscher Winterferien in der Schweiz zu buchen.» Dabei wollte er doch seinen inzwischen betagten Eltern Billigferien im VW-Bus schenken, aber: «Für meine Eltern ist die Schweiz zu gefährlich.»

Natürlich kriegt sich der Schweizer Leser kaum ein

Kein Wunder, dass wie beabsichtigt der Kommentarschreiber kaum an sich halten kann. Obwohl der Artikel hinter der Bezahlschranke bei Tamedia steht. Als weitere Höchstleistung des abgehalfterten «Magazin».

Während sich wie gewünscht der erregte Leser nicht einkriegt, fragen wir uns mal kurz, wer denn eigentlich dieser Frederik Jötten ist, der enttäuschte Liebhaber der Schweiz. Der Kurzbio seines Verlags kann man entnehmen, dass er «Journalist und Biologe» sei. Daher kommt sicherlich seine verfestigte Überzeugung, die jedem deutschen Oberlehrer eigen ist, dass er als oberste Autorität bestimmen kann, wer vernünftig und wer bescheuert auf die Pandemie reagiert.

Mit Bettlaken an den Strand – und auch auf die Piste?

Dabei stellt er gerne sich selbst in den Mittelpunkt. Wie er seine Rückenschmerzen besiegt hat, darüber hat er gleich ein Buch verfasst. Ansonsten publiziert er gelegentlich beim «Spiegel» und bei der «Zeit». Das sind gute Adressen, etwas irritierend ist allerdings die Fortsetzung seiner Beschreibung: «Er ist immer auf der Suche nach der gesündesten Art zu leben, hält die Luft an, wenn jemand niest und deckt sich am Strand mit Bettlaken zu – um Hautkrebs abzuwenden.»

Aha. Nun ist es ja so, dass die Sonne in der Höhe und auf Schnee auch ziemlich brennt. Es steht zu vermuten, dass wenn nichtsahnende Schweizer Skifahrer einem flatternden Bettlaken mit Inhalt auf Skiern begegnen, dass sie dann «Grüezi, Herr Jötten» sagen können. Allerdings wird das diesen Winter nicht geschehen.

Was ein Biologe alles nicht weiss

Denn aktuell ist die Schweiz weder für seine Eltern noch für ihn ein Platz, wo man nach der gesündesten Art zu leben suchen kann. Im Gegenteil, die Schweiz wird diesen Winter vielleicht zur Todeszone des Killervirus, wo nicht einmal Primarschüler mit einem Lappen vor dem Mund auf die Skipiste gehen.

Es mag aber erstaunen, dass ein Biologe nicht weiss, dass Viren verdammt kleine Dinger sind. Deshalb kann es leider sein, dass ein Lappen vor dem Mund vor der Spucke oder der feuchten Aussprache des Gegenübers schützt, aber nicht vor den darin transportierten Viren. Aber macht ja nix, jeder kann sich mal vergreifen.

Vielleicht mal die Perspektive aus dem Bettlaken wechseln

Nun sind aber leider – trotz vernünftiger Politiker – selbst in den deutschen Alpen die Fallzahlen auch zu hoch, bedauert Jötten, aber «tiefer als in der Schweiz, und wahrscheinlich werden sie aufgrund der härteren Massnahmen weiter sinken».

Also mal im Ernst, lieber Herr Biologe, für Sie ist die Kakophonie, die deutsche Berufspolitiker von dem kenntnisfreien Gesundheitsminister Spahn abwärts aufführen, «vernünftig»? Von einem Minister, der bezüglich Masken seinem Erstaunen Ausdruck verlieh, dass die doch tatsächlich nicht so einfach zu beschaffen seien, weil die Nachfrage eher hoch sei? Von Politikern, die in letzter Not Transporte von Masken in die Schweiz in Deutschland arretieren liessen?

Mein lieber Mann, Sie sollten mal einen Lappen verwenden, um ihre Brille zu putzen. Oder sich vielleicht aus dem Bettlaken auswickeln, um Kontakt zur Wirklichkeit aufzunehmen.

Pulverschnee, Skisaison, Krach, die Rettung

Erschreckt stellen die Medien fest: Corona ist ausgelutscht. Aber es gibt doch Neues.

Fallzahlen hoch, Fallzahlen runter, Entwarnung oder neuerliche Warnung. Disziplinierte Bevölkerung, undisziplinierte Bevölkerung.  Tests, Tote, Trara. In vielen Schrumpfredaktionen stellt man beunruhigt fest, dass diese Themen langsam, aber sicher einen verstärkten Gähn-, Überblätter- und Wegklickreflex auslösen.

Aber was einem Komponisten recht ist, kann doch einer Redaktion nur billig sein: Variationen über ein Thema. Denn glücklicherweise hat’s geschneit. Recht früh im Jahr, aber lassen wir einmal das Thema Klimawandel beiseite. Denn Schnee heisst: die Skisaison ist eröffnet.

Das könnte nun natürlich Anlass zu Jauchzern und Jubelschreien sein. Wenn nicht Corona wäre. Und so meint man, das Aufatmen in den Redaktionen zu hören. Das war knapp, aber nun kann’s fröhlich weitergehen. «Ski-Zoff mit Frankreich: Macron will Schweiz-Rückkehrer auf Corona testen», empört sich der «Blick». Aber nicht nur vom Ausland naht die Gefahr: «Kritik an Bersets Ski-Konzept: Aufstand der Skigebiete».

Kein Thema zu klein, Beispiel für Tipps zu sein

Es ist zu befürchten, dass sich diese Probleme nicht mit einer Schneeballschlacht lösen lassen. Geradezu aus dem Stehsatz von alle Jahre wieder ergänzt «Blick» noch den Blick auf die Kampfzone Schnee: «Wenn uns der Winter eiskalt erwischt». Mit 10 Tipps wildert das Blatt in der Kernkompetenz von watson.ch.

Aber das lässt watson.ch natürlich kalt: «Bald wird’s rutschig. Pass auf, dass es dir nicht gleich ergeht wie diesen 17 Leuten». Dann die übliche Aufreihung von 17 gewaltskomischen Kurzvideos, bei denen man den Betrachter zusätzlich noch kitzeln müsste, um ihn zum Lachen zu zwingen.

Aber verlassen wir dieses Fass ohne Boden schnell wieder und schauen hinauf zum «Tages-Anzeiger». Der widmet sich endlich mal dem Lokalen und berichtet: «Zürcher Skigebiete hoffen auf Corona-Effekt». Diese Schlingel, statt Mitgefühl mit den Betroffenen zu heucheln. Aber auch der Tagi stellt kritische Fragen: «Wird die Gondelbahn zur Virenschleuder»? Sowohl Hoffnungen wie Bedenken sind hinter der Bezahlschranke verstaut.

Immer wieder die gleichen Leserbindungen

Die kennt «20Minuten» nicht, also ruft es seine Leser zur «Foto-Challenge»: «Wie hast du den ersten Schnee erlebt?» Auch hier wird mit allen Mitteln versucht, Schnee und Corona zu verknüpfen: «St. Gallen verbietet Skilager bis Frühling 2021». Zur Beruhigung: die drei meistkommentierten Beiträge haben alle das gleiche Thema. Nein, nicht die Pläne zur Rettung der AHV.

Und was tut die NZZ? Natürlich, sie kümmert sich um die Verbindung von Geld, Geist und Gesundheit. Eine einsame, traurige Rose im Halbschatten leitet den Bericht ein: «Das Paracelsus-Spital muss schliessen, weitere Zürcher Kliniken stecken in schweren Turbulenzen – und das mitten in der Corona-Krise. Was ist da los?»

Nun, das könnte vielleicht daran liegen, dass die Spitäler diverse Male Notfall-Betten bereithalten und aufstocken mussten, Operationen verschieben und damit Millionenverluste einfuhren. Obwohl niemand auf der Welt im Vergleich zum BIP so viel Geld fürs Gesundheitssystem ausgibt wie die Schweiz.

Die publizistische Leiter nach unten

Fehlt noch CH Media. Da schwimmt man im Mainstream: «Macron gegen die Schweiz: Der Skistreit mit Frankreich spitzt sich zu.» Das kommt halt davon, wenn man nicht in der EU ist, die EU aber der festen Überzeugung, dass sich die Schweiz doch gefälligst so wie die EU-Staaten verhalten soll und die Wintersaison abblasen.

Allerdings ist CH Media immer wieder zu Tiefstleistungen fähig. Dafür muss man nur das Wirken des publizistischen Leiters Pascal Hollenstein verfolgen. Er ist immer zur Stelle, wenn es gilt, ein abschreckendes Vorbild zu sein. Zurzeit hat er als Lautsprecher für Jolanda Spiess-Hegglin gerade Pause, die nützt er unter anderem zu einem launigen Kommentar im St. Galler «Tagblatt». Eine Glosse unter dem Titel «Das Leben als Zürcher». Natürlich, die halten sich für den Nabel der Welt, wenn bei denen ein Zürisack umfällt, muss das sofort die ganze Schweiz, ja die Welt wissen.

So weit, so gähn. Aber Hollenstein will ja weitere Beispiele anführen. Und fällt dabei leider auf die Schnauze, Glättegefahr. Nur dadurch, dass der Zürcher noch nie etwas davon gehört habe, dass es Jahreszeiten gebe, sei zu erklären, «dass beim minimsten Schneefall der öffentliche Verkehr an den steilen Flanken des Üetlibergs umgehend zum Erliegen kommt.»

Was kann die redaktionelle Leiter eigentlich?

Auch auf die Gefahr hin, von der Ostschweizer Dumpfbacke als arroganter Zürcher wahrgenommen zu werden: Im Gegensatz zum Zürichberg, den er wohl meint, gibt es auf den «Üetliberg» haargenau eine S-Bahn als öffentliches Transportmittel. Es könnte natürlich auch sein, dass er irgendeinen «Üetliberg» meint, und nicht den Zürcher Uetliberg. Man muss also festhalten: Glosse kann er auch nicht. Was kann der «redaktionelle Leiter» eigentlich?