Beiträge

Schlammcatchen

Pascal Hollenstein, Hansi Voigt, Jolanda Spiess-Hegglin und Tamedia: Journalismus ganz unten.

Es gibt die Pandemie mit ihren unüberblickbaren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen. Es gibt Säbelrasseln zwischen China, Russland und den USA. Es gibt einen verregneten Sommer. Sogar Klimawandel, Verlust der Glaubwürdigkeit von Regierungen und Wissenschaft.

Also durchaus bedeutende Themen. Es gibt das übliche Gekreische um die bescheuerte Verwechslung zwischen grammatikalischem Genus und Geschlecht. Den Kreischern wichtiger als Banalitäten wie der Kampf um gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Aber item.

Viel wichtiger als all das ist ein anderes Thema. Für dieses Schlammcatchen eignet sich die Zeitvernichtungsmaschine Twitter, dieses Medium für Schlaf- und Gedankenlose, dieser Hexenkessel für schnell Aufgeschäumtes und übel Gebrautes ausgezeichnet.

Ein idealer Tummelplatz für «Bajour-Lancierer» Hansi Voigt. Da dort wahrlich der Bär tanzt, die Leser sich wie Karnickel vermehren, die zahlende «Member»-Zahlen so steil ansteigen, dass sie nicht mehr veröffentlicht werden (wozu auch, solange eine Million pro Jahr fröhlich verröstet werden kann), hat Voigt Zeit, sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern.

Mit dieser 3 Tage alten Hammerstory begrüsst «Bajour» seine wenigen Leser am Montag.

Übrigens alles kein Grund für Voigt, über andere hämisch zu höhnen:

Wo kaum was ist, kann auch nix schrumpfen.

Wenn man (fast) alles weglässt, kann man’s so sehen.

Schlammcatcher Nr. 1 Voigt lässt keine Gelegenheit aus, seinem ehemaligen Arbeitgeber Tamedia eine reinzuwürgen. Ob das damit zu tun hat, dass er dort wie üblich den Machtkampf «er oder ich» verlor und abgewickelt wurde? Wie auch immer, er gehört zum harten Kern der Spiess-Hegglin-Fans.

Magistrale Beschimpfungen wie «Arschloch des Monats» …

Gleich nochmal, weil’s so schön war.

Auftritt Schlammcatcher Nr. 2, Pascal Hollenstein. Die journalistische Leiter nach unten bei CH Media darf sich ebenfalls zum harten Kern der Spiess-Hegglin-Fans zählen, immer zu Stelle, wenn es gilt, Sprachrohr zu sein. Nicht immer journalistisch oder inhaltlich korrekt, aber das würde doch jeden knackigen Titel killen:

Tamedia als teilweiser Krebs; wenn der Inhalt nur bedingt richtig ist, dann auch die Sprache.

Worum geht’s eigentlich? Spiess-Hegglin ist bekanntlich in eine Kontroverse geraten, weil ihre eigenen Hass-Kommentare nicht so wirklich zu den Zielen von #Netzcourage (oder gar von Netzpigcock) passen wollen, während dieser Verein mit knapp 200’000 Franken Steuergeldern unterstützt wird. Zudem befindet sie sich in einer Dauerfehde mit Tamedia, weil einer Autorin vorsorglich verboten wurde, ein noch nicht einmal geschriebenes Buch über Spiess-Hegglin zu veröffentlichen. Eine weitere Schlacht, die noch hin und her wogt und vor Gericht liegt.

Daher benützt Tamedia jede Gelegenheit, Schlammcatcher Nr. 3, gegen Spiess-Hegglin anzuschreiben. Allerdings, bekannte Krankheit des grossartigen Qualitätsmediums «Tages-Anzeiger», nicht immer völlig faktentreu:

Die Gegendarstellung ist frei.

Nun sollten journalistische Könner wie Voigt und Hollenstein wissen, dass eine Gegendarstellung normalerweise veröffentlicht werden muss, wenn sie bestimmten formalen Kriterien genügt. Völlig unabhängig davon, ob ihr Inhalt richtig ist. In vielen Fällen, wie hier auch, fügt das Organ dann die Anmerkung an, dass an der eigenen Darstellung festgehalten werde. Was Schlammcatcherin Nr. 3 aber ebenso egal ist wie Schlammcatcher Nr. 1 oder Nr. 2.

Selbst «zentralplus» bemüht sich um eine ausgewogene Titelsetzung.

Aber das ist ja nur eine Runde im unermüdlichen Ringen im Schlamm. Hollenstein hatte vor Kurzem noch eine weitere Blasenmeldung in seiner Funktion als Schlamm-, Pardon, Sprachrohr:

Im Prinzip ja.

Daraus schliesst der nur noch mässig interessierte Leser: Die Tamedia-Journalistin wurde verurteilt und muss eine Busse bezahlen. Steht schliesslich in Titel und Lead. Wer hat schon die Geduld, das Geschreibsel bis zum letzten Absatz zu lesen:

Könnte, kann? Wie wäre es mit «wird angefochten»? Aber das wäre ja die Wahrheit.

Hollenstein liest nur ungern die Medien aus dem Hause Tamedia, sonst wäre ihm vielleicht dieser Absatz aufgefallen:

Aber seit wann wird noch eine Stellungnahme eingeholt? Könnte doch die Story killen.

Das alles wäre nur von mässigem Interesse, wenn es nicht weitere Schlammspritzer aufs ohnehin schon sehr lädierte Image des Elends-Journalismus kleckern würde. Die Themenwahl sitzt schief, Wichtiges wird nachlässig berichtet, Nebensächliches ausführlich und nicht einmal korrekt. Es soll Zuschauer geben, die Schlammcatchen äusserst spannend und anregend finden. Leser von Organen, die ernstgenommen werden wollen, gehören sicher nicht dazu.

Lachappelle und die Medienwüste

Er geht in die Wüste, die wüsten Medien bleiben. Eine Bilanz der Armseligkeit.

Am Freitag ergibt die Suche nach dem Stichwort Lachappelle 106 Treffer in der SMD. Ohne Duplikate schrumpft das auf 36 zusammen, und dahinter steht: es berichten Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SRF. Plus ein paar kleine, versprengte Organe.

«Inside Paradeplatz», dann der Einheitsbrei …

Viele, darunter der «Blick», übernehmen einfach die SDA-Meldung; sicher ist sicher. Denn im Vorfeld des Rücktritts des VR-Präsidenten von Raiffeisen setzte er via Anwalt den Schutz seiner Privatsphäre unter Einsatz von superprovisorischen Verfügungen ernsthaft durch.

Die SDA-Meldung, zwei Fotos dazu, fertig ist der kostenpflichtige Inhalt.

Lediglich «Inside Paradeplatz» liess tapfer Berichte über die fatale Liebesaffaire von Lachappelle im Netz. Aber Ringier, die Ex-Geliebte und auch ZACKBUM durften sich zum Fall nicht mehr äussern. Bzw. dürfen rechtlich gesehen auch heute nicht das berichten, was Lachappelle inzwischen selbst eingeräumt hat.

Ein richtiges und vollständiges Desaster

Aber wichtiger ist das gesamte Schlamassel, das sich hier abgespielt hat. Es ist ein Controlling-Desaster bei Raiffeisen. Der Verwaltungsrat dürfte seit August letzten Jahres, als Lachappelle die Veröffentlichung einer Broschüre seiner Ex-Geliebten verbieten liess, über die Affäre informiert sein. Ebenso die staatliche Aufsichtsbehörde Finma. Erkennbare Reaktion? Null.

Spätestens seit dem Beschwerde-Artikel im «SonntagsBlick» von vorletztem Wochenende dürften überall die Alarmsirenen erschallt sein. Äusserlich erkennbare Reaktion? Null. Bei Raiffeisen übernimmt Pascal Gantenbein interimistisch die Führung. Darin hat er Erfahrung, auch nach dem abrupten Abgang des HSG-Professors Rüegg-Stürm (der hatte seinen Abgang mitten in einer Raiffeisen-Krisen-PK verkündet, wobei er den damaligen CEO Gisel mit offenem Mund zurückliess) war er schon mal zwischenzeitlich am Gerät.

Das ist Desaster Nummer eins; die drittgrösste Bank der Schweiz führt sich auf, als sei sie ein Tollhaus-KMU mit lauter Dilettanten am Gerät. Dabei haben diese Versager die Verantwortung für 11’000 Mitarbeiter und für die grösste Hypothekenbank der Schweiz.

Statt still und leise seinen Rücktritt verkünden zu lassen, mutete Lachappelle sich und allen anderen eine tränenerstickte Pressekonferenz zu, auf der er ausführlich sein Leid klagte und seine Sicht der Dinge darstellte – nachdem er das zuvor in jeder Form durch seinen Anwalt verhindern liess. Bei aller menschlichen Tragik: was für ein unheimlich schwacher Abgang. Das ist Desaster Nummer zwei.

Am schlimmsten geht’s aber bei den Medien zu und her

Das grösste Desaster ereignet sich aber medial. Die überlebenden Konzerne, die sich gerade wegen ihrer staatstragende Funktion eine Extra-Milliarde Staats-Subventionen erbettelten, werden immer häufiger zu willfährigen Helfershelfern für Rachefeldzüge. CH Media mit seiner Berichterstattung über einen Badener Stadtammann, dem es gefiel, Fotos seines Gemächts aus den Amtsräumen an seine Geliebte zu schicken. Die damit, nachdem er sie abserviert hatte, an die Öffentlichkeit ging.

Die gebrannten Kindersoldaten von Ringier (Borer-Affäre) wollten sich auch bei Lachappelle weit aus dem Fenster lehnen – und stellten sich dabei so tölpelhaft an, dass sie eine Superprovisorische einfingen. Auch beim Meckern darüber waren sie nicht viel geschickter; der Ringier-Verlag himself musste den «SonntagsBlick» in den Senkel und den Regen stellen. Bereits am Montag entschuldigte sich Ringier für einen am Sonntag erschienen Report über die angeblich fiesen Methoden des Raiffeisen-Bosses; gelöscht, sorry, tun wir nie wieder, ist das Abflussrohr hinuntergespült. Unheimlich motivierend für den SoBli.

Die NZZ hatte seriös die Hintergründe zum Überwachungsskandal bei der Credit Suisse recherchiert, natürlich auch aufgrund von zugesteckten Informationen aus dem Umfeld der Gegner des damaligen CS-CEO.

Schliesslich Tamedia, die Mutter aller angefütterten Organe. Ein Wiederholungstäter in jeder Form. Im Reigen der sogenannten Leaks und Papers – von unbekannter Hand gestohlene Datenbänke von vorher unbescholtenen Firmen auf der ganzen Welt – war Tamedia immer vorne dabei und beteiligte sich am Tanz um angebliche Abgründe, Hintergründe, Riesenschweinereien in der internationalen Finanzwelt. Insbesondere, was das skrupellose, verantwortungslose Verstecken von Vermögenswerten reicher Säcke betrifft. Nur: die gross angeprangerten Fälle mit Schweizer Bezug verröchelten jämmerlich. Der Ruf der Betroffenen war zwar – auch posthum – völlig ruiniert, aber was soll’s man hatte ja nur berichtet.

Eine jahrelange Verfolgung des gleichen Zielobjekts

Geradezu obsessiv muss man aber die Verfolgung einzelner Exponenten von Raiffeisen duirch den Oberchefredaktor Arthur Rutishauser nennen. Nachdem der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst – und längere Zeit alleine – über merkwürdige Geldtransfers von Pierin Vincenz berichtet hatte, übernahm dann Tamedia. In der sich über Jahre hinquälenden Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft veröffentlichte Rutishauser ein delikates und strikt vertrauliches Dokument nach dem anderen. Und hielt die Öffentlichkeit über die angeblich demnächst bevorstehende Anklageerhebung auf dem Laufenden.

Um als krönenden Höhepunkt aus der ihm offenbar vollständig vorliegenden, 368 Seiten umfassenden Anklageschrift die saftigsten Stellen über das angebliche Spesengebaren von Vincenz zu zitieren. Zuvor hatte er schon durch die Publikation einer Indiskretion aus dem Privatleben des damaligen CEO dafür gesorgt, dass der, als langjähriger Weggefährte von Vincenz offenbar störend, holterdipolter zurücktreten musste.

Bahn frei für Guy Lachappelle. Dass der zumindest am Rande noch mit der Altlast ASE-Skandal der Basler Kantonalbank verbunden war, was soll’s; niemand ist ganz ohne Fehl und Tadel. Aber, alte Weisheit auch in Hollywood-Schinken, wo Schatten ist, muss auch Licht sein, sonst wird’s zu trübe oder einfach eine Serie noir. Also wurde Lachappelle gelobt, der Aufräumer, energisch, plant die Zukunft, bringt wieder Zug in den Sauhaufen zu St. Gallen.

Nur leise wurde kritisch angemerkt, dass 900’000 Franken für einen Nebenjob schon ziemlich viel Geld ist. Sein Vorgänger, der gerade ins Zielfernrohr von Rutishauser gerückt war, musste sich noch mit etwas mehr als der Hälfte zufrieden geben. Der Oberchefredaktor, wie immer aus internen Unterlagen fröhlich zitierend, warf ihm schwere Versäumnisse vor. Die er mit dem Witzsatz abschloss, dass Rüegg-Stürm nicht Teil der Anklage in Sachen Vincenz sei und daher die Unschuldsvermutung für ihn gelte – wie übrigens für Vincenz auch. Ein echter Schenkelklopfer.

Steigerungen sind immer möglich

Aber die aktuelle Entwicklung schlägt alles Vorherige. Offensichtlich fütterte die rachsüchtige Ex-Geliebte diverse Medien mit dem Inhalt ihrer Strafanzeige gegen Lachappelle. Gegenstand ist ein Mail von ihm, in dem er ihr von seinem privaten Account offenbar auf ihren Wunsch ein völlig belangloses internes Papier zuhielt, das aber, wie er selbst einräumte «potenziell börsenrelevante Infos» enthielt. Was Lachappelle nicht abhielt, im Liebesrausch fortzufahren:

«Aber meine (geschwärzt) bekommt es natürlich. Du bist wunderbar.» Unterzeichnet mit «in grosser Sehnsucht».

Gehört es wirklich zur Berichterstatterpflicht, ein im November 2017 abgeschicktes Mail der öffentlichen Betrachtung – und den Absender der Lächerlichkeit – preiszugeben? Offenbar haben andere Medien, die diese Racheaktion ebenfalls zugestellt bekamen, darauf verzichtet. Damit bleiben mal wieder nur Verlierer auf dem Platz.

Volle Breitseite in Tamedia.

Der nächste gefallene Raiffeisen-Star. Alle Kontroll- und Aufsichtsbehörden, die in diesen Fall verwickelt sind und mal wieder so tun, als ginge sie das nichts an. Die Mitarbeiter von Raiffeisen, die hofften, endlich die Affäre Vincenz hinter sich lassen zu können und mit solchen Themen von ihrer Führungsmannschaft nicht mehr behelligt zu werden. Schliesslich die Justiz, konkreter das Zivilgericht Basel Stadt, das offenbar Superprovisorische am Laufmeter ausstellt.

CH Media, hier das St. Galler «Tagblatt», käut wieder.

Und nicht zuletzt das Publikum, die Leser von sogenannten Qualitätsmedien, die ohne lange Motivforschung skandalisieren, was ihnen zugesteckt wird. Sowohl SoBli wie nun auch Tamedia liessen sich offensichtlich von einer Beteiligten an einer fatalen Affäre instrumentalisieren. So wie es schon Claudia Blumer in ihrem fatal falschen Bericht über einen hässlichen Sorgerechtsstreit widerfuhr.

Dass der von Rutishauser durch alle Böden verteidigt wurde, Tamedia sich bis heute weigert, wenigstens eine sachliche Richtigstellung zu publizieren, macht das Vorgehen im Fall Lachappelle notorisch. Und lässt den Konsumenten mit der immer drängenderen Frage zurück, wieso er dafür eigentlich noch etwas bezahlen soll.

Die NZZ erinnert sich an einen Filmtitel.

Nachdem CH Media bislang zur ganzen Affäre geschwiegen hat, gelüstete es offenbar die journalistische Leiter nach unten, sich auch einzumischen. Unter anderem im Qualitätsmedium «watson» meldet sich Pascal Hollenstein, zusammen mit Florence Vuichard zum ersten Mal zu Wort.

Wer dreht woran weiter?

Wir begeben uns in die unterste Schublade des Journalismus 

Zunächst erwähnt das Duo, von wem es angefüttert wurde:

«Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin.»

Man hat sich also im Sinne der political correctness – nicht umsonst ist Hollenstein ehrenamtlich Lautsprecher für Jolanda Spiess-Hegglin – für die Seite der verschmähten Geliebten entschieden. Nun wird es einen Moment lang eher schmierig:

«Trennung von der Ehefrau, Zusammenzug, öffentliche Auftritte als Paar. Was stimmt? Die Fragen sind persönlich und gehen die Öffentlichkeit im Grunde nichts an. Doch Lachappelle selber war es, der am Donnerstag Intimes an die Öffentlichkeit trug.» Das ist unterste Schublade nach der Devise: Ich sage ja gar nicht, dass mein Nachbar seine Frau schlägt, aber er selbst redet doch drüber.

Aber nur die Einleitung zum neuerlichen Blattschuss, denn nun wird fröhlich weiter Internes und Intimes lustvoll preisgegeben, so heisse es in der Rechtsschrift der Ex-Geliebten:

«Lachappelle selber sei es gewesen, der sich als «Joe » geoutet habe. Zum Beispiel indem er dem Verwaltungsrat des Arbeitgebers seiner Ex-Partnerin ein «diffamierendes Schreiben schickte und vorgab, er selbst sei ‹Joe›». Damit sei der Name Lachappelle erst ins Spiel gekommen.

Es sei Lachappelle selber gewesen, «der quasi die Figur des Joe für sich annektiert hatte und sich völlig unmotiviert gegenüber mehreren Personen in seinem Umfeld dahingehend geäussert» habe, heisst es in der Klageantwort der Ex-Partnerin. Es sei davon auszugehen, dass es Lachappelle darum gegangen sei, seine Ex-Partnerin «insbesondere an ihrem Arbeitsplatz in Misskredit zu bringen und beruflich und privat zu verunglimpfen und finanziell zu schädigen»».

So stelle das der «renommierte Luzerner Medienanwalt Rudolf Mayr von Baldegg in der Klageantwort der Ex-Partnerin ganz anders dar», als Lachappelle an seiner Pressekonferenz behauptet habe.

Wir haben also einen «renommierten Medienanwalt», jede Menge schmutzige Unterwäsche, die von der Ex-Geliebten gewaschen wird, wir haben keine Erklärung, wieso ihr erst nach Jahren in den Sinn kam, ein Mail vom November 2017 zur Grundlage einer Strafanzeige zu machen. Wir haben aber vor allem eines nicht, was Hollenstein ein weiteres Mal als publizistischen Leiter völlig disqualifiziert. Wir haben nicht mal die Erwähnung eines Versuchs, Lachappelle Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Audiatur et altera pars? Hollenstein kann kein Latein

Bekam er die? Reagierte er nicht darauf: Störte sein Reaktion? Das ist nun – unabhängig von «she said, he said» – die allerunterste Schublade im Journalismus. Partei ergreifen, Angefüttertes wiedergeben, aber dem Angegriffenen nicht das Wort erteilen. Selbst Claudia Blumer von Tamedia, ähnlich unterwegs, unternahm zumindest einen untauglichen Versuch, der anderen Seite in ihrem parteiischen und vor Fehlern strotzenden Bericht über einen hässliche Sorgerechtstreit die Gelegenheit zum Beantworten von Fragen zu geben.

Es erhebt sich zum wiederholten Mal die Frage: Wie lange wird der Wanner-Clan, Besitzer von CH Media, dieser Rufschädigung durch einen hochrangigen Mitarbeiter noch zuschauen? Ist wirklich gewollt, dass die wenigen verbleibenden Journalisten diesem Beispiel folgen sollten?

Selbst Tamedia, auch nicht gerade zimperlich im Umgang mit Raiffeisen im Allgemeinen und Lachappelle im Speziellen, erwähnt in ihrem Nachzug-Artikel eine Erklärung, wieso Lachappelle in seiner Pressekonferenz nicht auf diese Vorwürfe einging:

«Uns liegt die Strafanzeige nicht vor», begründet dies Lachappelles Anwalt, Jascha Schneider-Marfels. Darum habe sein Mandant am Donnerstag nichts dazu sagen können.»

Das hätte einiges an heisser Luft aus Hollensteins Schmierenstück rausgelassen, also besser nicht mal nachfragen.

Keiner zu klein, Kommentator zu sein

Inhalt war gestern. Einordnende Analyse, fakenbasiert, war vorgestern. Heute ist Meinung.

Freier Journalist? Die wenigen noch frei herumlaufenden Exemplare sollte man unter Artenschutz stellen. Festangestellter Journalist? Selbst beim Zwangsgebührenbetrieb SRG ist das keine feste Sicherheit bis zur Pensionierung mehr.

Ganz zu schweigen von den privaten Medienkonzernen. Als Manager ist man (noch) sicher, unabhängig davon, wie viele Fehlentscheide man trifft oder wie viel Geld man verröstet. Unabhängig davon, dass einem seit vielen Jahren nichts einfällt, wie man mit dem Internet umgehen könnte, ohne sich von Google, Facebook & Co. die Butter vom Brot nehmen zu lassen und nur ein paar Krümel aufzusaugen.

Blick auf die Teppichetage eines Medienkonzerns.

Ausser gelegentlich mit staatstragenden Kommentaren um Staatshilfe zu betteln. Denn die exorbitanten Gehälter wollen ja finanziert sein. Aber das ist ja das Fettauge auf der faden Suppe des modernen Journalimus. Steigen wir ein paar Etagen hinunter. Dort, wo die überlebenden Journalisten mit angezogenen Ellenbogen (sonst hat ihn der Nachbar im Auge) ihr Tagewerk verrichten.

Meistens eher freudlos. Denn das meiste, was den Beruf früher attraktiv und spannend machte, ist im Früher zurückgeblieben. Rausgehen, Feldforschung? Ach ja, schön wär’s. Zeit für vertiefte Recherche haben? Ja, ja, das waren noch Zeiten. Beim Widerstreit der Meinungen mitboxen? Tja, als noch gestritten wurde, weil es am Platz mehr als eine Monopolzeitung gab.

Das Karussell hat nur noch wenige Pferdchen im Journalismus

Ab einem gewissen Punkt sagen: das trage ich nicht mehr mit, ich gehe zur Konkurrenz? Tja, von Ringier zu Tamedia, zu CH Media – und wieder zurück. Da ist nicht mehr wirklich Auswahl. Von NZZ und «Weltwoche» träumen viele, dorthin schaffen es aber nur wenige. Schliesslich bliebe noch SRF, aber seit Nathalie Wappler dort wappelt, auch keine wirkliche Alternative mehr.

Gibt es denn keinen Lichtblick, keinen Trost, versüsst nichts den bitteren Alltag, hilft nur schönsaufen, bis die Leber den Regenschirm aufspannt?

Fast. Ein Ventil gibt es: den Kommentar. Der Redaktor zeigt’s allen. Sagt, wo’s langgehen sollte. Kritisiert, lobt, jammert, gibt seinen Senf zum Weltgeschehen. Sonnt sich im Gefühl, dass er dadurch ganz bedeutend wird. Biden, Putin, China, Venezuela, ganz Afrika; ein strenger Verweis, und schon geht man dort in sich, bereut, ändert den Kurs. Die Welt ist wieder ein Stückchen besser geworden.

So stellt’s sich der Redaktor gerne vor, der Traumtänzer. Nehmen wir als konkretes Beispiel das St. Galler «Tagblatt». Einstmals nicht der journalistische Nabel der Schweiz, aber doch eine anerkannte Stimme aus der zweiten Liga. Wie schaut’s denn dort heute mit den Kommentaren aus?

Wir profitieren zudem davon, dass Pascal Hollenstein, die publizistische Leiter nach unten bei CH Media, gerade mal wieder Pause macht. Wir hoffen, bis mindestens im Spätherbst. Aber seine Lücke füllen andere. Fokussieren wir einen zufällig gewählten Zustand der Kommentare beim «Tagblatt».

Das sind längst nicht alle, aber ZACKBUM will unsere Leser nicht strapazieren.

Nehmen wir noch diese Latte dazu:

Genügend Stoff beisammen. Sven Altermatt will erklären, «warum SP-Mann Fabian Molina reif fürs Museum» sei. Hat irgendwas mit Jean Ziegler zu tun, scheint’s. Aber interessiert einen ein solchen Lockendreher auf der Glatze wirklich? Wirklich nicht. Der Oberchefredaktor Patrik Müller himself widmet sich der Frage:

«Der Schweiz wurde der Abstieg zum Armenhaus Europas prophezeit. Nun ist sie die weltweite Nummer 1. Was ist passiert?»

Die einfache Antwort: Fehlprognose. Aber damit füllt man natürlich nicht den «Wochenkommentar». Also sagt Müller «Fehlprognose». Nur mit ziemlich viel Wörtern mehr. Der nächste Kommentar muss einen als Mann natürlich interessieren:

«Meine Frau ist unzufrieden, was soll ich tun

Maria Brehmer schreibt angeblich «über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger». Unbestreitbar: nörgelnde Frauen machen das Leben nicht schöner.

Wie kann man das ändern? Hilft vielleicht der Satz «kauf dir was Schönes»? Oder: «nein, meine Assistentin ist lesbisch»? Nein, so einfach macht es Brehmer uns Männern nicht. Gleich vier Tipps hat sie auf Lager, der Höhepunkt ist: «Warten Sie nicht, bis Sie etwas tun «müssen». Wenn Ihre Frau Kritik übt, haben Sie den Moment verpasst, wo Sie es hätten tun «können». Wenn Sie etwas freiwillig tun – oder sogar mehr tun, als Sie «müssen» – werden Sie Ihre Frau augenblicklich zufriedener sehen. Versprochen.»

Könnte natürlich auch sein, dass man gar nichts tun müsste, weil Frau einfach klimakterisch oder sonstwie kratzig gelaunt ist. Aber das wäre natürlich schon fast Sexismus. Der «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid muss sich natürlich auch etwas mit Bedeutung aufpumpen und erklärt der Landesregierung:

«Der Bundesrat auf Instagram? Diese Inszenierung geht zu weit»

Stimmt eigentlich, es gibt schon mehr als genug Journalisten, die sich auf Instagram inszenieren. «Lockerungen des Bundesrates sind mutig und richtig», kommentiert Jérôme Martinu. Da ist der Bundesrat aber froh. Schliesslich überrascht Annika Bangerter die Welt mit der Erkenntnis: «Frauen sind nicht dauerschwanger». Muss nun irgend eine Geschichte umgeschrieben werden? Die der Frauenbewegung? Oder muss das Thema Menstruation ganz anders gesehen werden? Keine Ahnung, interessiert auch überhaupt nicht.

Zufall oder Absicht neben dem Kommentar von Bangerter?

Das wären nun insgesamt 15 Kommentare, mit denen das «Tagblatt», teilweise gleich Gesamt-CH-Media, seine Leser in den vergangenen 7 Tagen erfreut hat. Auf jeden Fall ein guter Tipp vom Master of Wine Philipp Schwander. Man braucht mindestens 4 trinkreife Bordeaux, um sich von diesen Kommentaren wieder zu erholen. Also her damit!

Tamedia hat Krise

Mitgefühl ist eine schöne menschliche Eigenschaft. Ergiessen wir es über Machomedia.

Dumm gelaufen, anders kann man das kaum bezeichnen. Höchstens als: when the shit hits the fan. Das ist ein so wunderbares wie schicklich nicht zu übersetzendes Sprachbild in den USA. Trifft voll ins, na ja, Braune bei Tamedia.

Da war die ganze Rumpfzentralredaktion mitsamt stellvertretenden Zweit-Co-Chefredaktoren so schön feministisch unterwegs. Nein zur Burka-Initiative. Falscher Absender, und überhaupt, wollen wir Frauen verbieten, wie sie sich anziehen wollen? Freiwilligkeit durch Zwang ersetzen? Niemals. Ach, die grosse alte Dame des Feminismus ist dafür? Na, da kann Alice Schwarzer ja noch einiges von den Tagi-Zwergen lernen.

Leider ging dann die Abstimmung verloren, so uneinsichtig ist der Stimmbürger, der dumpfe Macho. Schön, dass wenigstens bei Tamedia geschützte Werkstatt herrscht. Meldestellen für jede Form von Übergriffen, Belästigungen, Mobbing. Ein männlicher Vorgesetzter, der zur schwangeren Untergebenen sagt: «Unter Mühen sollst du Kinder gebären», kann sich nicht hinter dem Bibel-Zitat verstecken und steht schon vor einer Abmahnung.

Schon vor Jahren wurde das Problem erkannt

Nicht zu vergessen das übliche Blabla beim Thema Corporate Responsibility. Vor fast zwei Jahren veröffentlichte Tamedia die Ergebnisse einer erschreckenden Umfrage. Fassungslos kommentierte Simone Rau: «In einer Onlineumfrage des Recherchedesks und des Datenteams von Tamedia berichten 244 weibliche und 34 männliche Medienschaffende, dass sie sexuelle Übergriffe und Belästigungen bei der Arbeit erlebt haben. Das sind 53 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer, die teilgenommen haben.»

Titel des Kommentars:

«Was sexuelle Belästigung ist, sagen die Betroffenen.»

Hier ist auf engstem Raum das ganze Elend dieser Position enthalten. Tamedia hat rund 1800 Mitarbeiter. 244 der weiblichen Teilnehmer wollen Belästigungen am Arbeitsplatz erlebt haben. Geschützt durch Anonymität.

Unterstützt von der absurden Behauptung, dass angeblich Betroffene die Meinungshoheit haben, was Belästigung sei und was nicht. Der Täter kann so weder seine Unschuld beweisen, noch überhaupt mitreden. Schuldig durch Anschuldigung, seit den Zeiten der Inquisition gab es einen solchen Unsinn nicht mehr.

Belästigung oder Lebensrettung? Der Betroffene (liegend) entscheidet.

Aber leider scheint sich in dieser Zeit nicht viel geändert zu haben. Denn Simone Rau gehört zu den 78 Erst-Unterzeichnern eines Protestschreibens voller ausschliesslich anonymer Klagen über Belästigungen ausschliesslich von Frauen. An die Öffentlichkeit ausgerechnet von Jolanda Spiess-Hegglin gebracht, ohne dass alle Unterzeichner damit einverstanden waren.

Männer werden wohl nicht mehr belästigt

Aber immerhin: damals beklagten sich noch 34 Männer über Belästigungen, diese Unart scheinen die Tamedia-Frauen (und -männer) abgelegt zu haben. Merkwürdigerweise konnten aber die betriebsinternen Meldestellen im Jahr 2020 keine einzige Beschwerde über Belästigung am Arbeitsplatz verzeichnen. Keine. Null. Nada. Aber vielleicht fanden ja alle anonymen Beispiele vor Ende 2019 statt.

Soweit, so Sündenpfuhl. Wie reagierte nun die Führungsspitze von Tamedia? Wie es sich für wohlbezahlte und kompetente Manager gehört? Wie es sich für erfahrene Journalisten in der Chefredaktion gehört? Was hätte sich denn gehört? Kostenloser Ratschlag Nummer eins:

  1. Wir haben von den Anschuldigungen Kenntnis genommen.

  2. Wir bedauern, dass der Weg in die Öffentlichkeit gesucht wurde, statt die dafür vorgesehenen internen Meldestellen zu benützen.

  3. Wir nehmen die Vorwürfe ernst und werden sie sorgfältig prüfen. Vor dem Ergebnis werden wir keine Stellungnahme abgeben.

Auch eiserne Regeln von Tamedia sind dazu da, um sie zu brechen …

So hätte es sein sollen, wenn führende Manager und natürlich Chefredaktoren nicht völlig beratungsresistent wären und alles selber besserwissen. Wollen. Also konstatierte der Oberchefredaktor verschreckt «ein Problem», als sei das neu für ihn. Dann machte er sich ohne Not lächerlich, indem er sich präventiv für angeblich unakzeptable Verhaltensweisen entschuldigte. Ohne den Hauch eines Belegs in der Hand zu haben.

Mit einer solchen Einstellung würde der Oberchefredaktor jeden hoffnungsvollen Anfänger hochkant aus der Probezeit feuern; begleitet von ein paar unfreundlichen Bemerkungen über völlige Inkompetenz. Das kann aber Arthur Rutishauser nicht passieren, weil auch der oberste Boss von Tamedia Pietro Supino in Betroffenheitsgesülze ausbrach, liebedienerisch anmerkte, dass auch er diese Vorwürfe sehr ernst nehme.

Da hilft nur eins …

Kostenloser Ratschlag Nummer zwei:

Das war kreuzfalsch, bescheuert. Hinter die Nummer kommt nun die Führungscrew schwer wieder zurück. Da hilft nur eins. Das gleiche Prinzip, wie wenn der Gast bemerkt, dass er sich beim Löffeln der Tomatensuppe Krawatte und Hemd bekleckert hat. Einfach so tun, als wär’ nichts und weitermachen.

Aber damit noch nicht genug des Elends. Eine Mitunterzeichnerin des Protestschreibens wird damit beauftragt, die Substanz der Vorwürfe zu überprüfen. Das ist ungefähr so, wie wenn man Donald Trump die Überprüfung der Vorwürfe gegen ihn überlassen würde. Nur umgekehrt. Denn entweder ist Claudia Blumer ein U-Boot der Verlagsleitung in der Frauengruppe, oder aber sie ist völlig ungeeignet, diese Untersuchung durchzuführen.

Ratschlag Nummer drei:

Das macht man so, wie’s jeder macht, der ernst genommen werden will. Das macht man so wie der Kita-Betreiber Globe Garden, der von der «Republik» mit anonymen Verleumdungen eingedeckt worden war. Das macht man so wie die «Bild»-Zeitung, deren Chefredaktor mit weiblichen Vorwürfen konfrontiert wurde. Man beauftragt eine externe Untersuchung einer renommierten Firma, deren Reputation über jeden Zweifel erhaben ist.

Die Herausforderung für Tamedia: wie weiter?

Wie soll’s nun weitergehen? Sozusagen als verdächtige Umstände ist zu konstatieren: weder bei CH Media, noch bei Ringier, auch nicht bei der NZZ und noch nicht einmal bei der «Weltwoche» gab es ähnliche Protestbewegungen. Auch nicht beim Schweizer Farbfernsehen. Daraus sind ja nur zwei Schlussfolgerungen möglich. Entweder ist Tamedia der Sündenpfuhl, die Hölle auf Erden für weibliche Mitarbeiter, als Alleinstellungsmerkmal laufen nur dort männliche Neandertaler rum, keulenschwingend und immer für einen Übergriff zu haben.

Oder aber, das «strukturelle Problem», das die 72 Erstunterzeichner sehen wollen, existiert nur in ihrer Einbildung. Dient den Initiantinnen nur dazu, sich Kündigungsschutz zu verschaffen, weil sie journalistisch keine Bäume ausreissen. Dafür spricht auch, dass der Brief als interne Beschwerde angepriesen wurde, um dann kaltlächelnd an die Öffentlichkeit durchgereicht zu werden.

Letzter kostenlose Ratschlag:

Will die Führungscrew von Tamedia nicht völlig die Kontrolle über Teile der Belegschaft und das Arbeitsklima verlieren, muss sie sich zu mannhaften Entscheidungen aufraffen. Die Initiantinnen werden per sofort bis zum Ende der Untersuchung freigestellt. Sollte sich erweisen, dass die überwiegende Mehrheit der Vorwürfe nicht verifizierbar ist, erfunden wurde oder aus dem letzten Jahrtausend stammt, dann müssen sie fristlos entlassen werden. Üble Nachrede, Geschäftsschädigung, Verstoss gegen Treu und Glauben, kein Arbeitsgericht würde das bestreiten wollen.

Die übrigen Unterzeichner hätten als nächstes eine öffentliche Entschuldigung zu unterzeichnen, so kämen sie mit einer strengen Abmahnung davon. Wer das nicht tut, dem wird ordentlich gekündigt.

Wir sind gespannt. Aber ab hier wären Ratschläge kostenpflichtig.

Neuer Monat, gleicher Depp

CH Media versucht sich in Krisenbewältigung. Dilettantisch, viel zu spät, viel zu wenig. Mit katastrophalen Folgen.

Man sollte meinen, einer der beiden Konzerne, der ungefähr die Hälfte aller Deutschschweizer Tageszeitungen als Kopfblätter herausgibt, sollte in eigener Sache genügend Könner und Kenntnisse auffahren können.

In der Zentralredaktion in Aarau stehen sich weiterhin zu viele Redaktoren auf den Füssen, die jeweiligen Lokalredaktionen der Kopfblätter werden krankgeschrumpft. Es ist eher selten, dass CH Media internationale Schlagzeilen macht oder sich der Aufmerksamkeit von über 100 Botschaftern und Leitern internationaler Organisationen in Genf erfreut.

Die reine Freude ist es allerdings nicht. Am 9. Februar veröffentlichte CH Media einen Artikel über die neue Chefin der Welthandelsorganisation (WTO) mit Sitz in Genf. Durch das Kopfblatt-System erschien der online und im Print, von der «Aargauer Zeitung» bis zum St. Galler «Tagblatt» über die gesamte Deutschschweiz verstreut.

Der launige Titel störte im ganzen Produktionsprozess keinen:

Das rauschte durch alle Kontrollinstanzen.

Einige Leser allerdings schon; auch normalerweise nicht vom Genderwahn befallene Konsumenten fragten sich, ob «Grossmutter» wirklich die passende Qualifikation für die erste schwarze Frau an der Spitze der WTO sei. Vor allem, weil die eine beeindruckende Ausbildung – unter anderem am MIT – und eine langjährige Karriere als Ministerin hinter sich hatte.

Eigentlich ist die Verantwortlichkeit klar geregelt

Hierarchisch sieht die Verantwortlichkeit dafür ganz einfach aus. Es gibt den Autor Jan Dirk Herbermann, den hier zuständigen Ausland-Chef Samuel Schumacher, darüber den Oberchefredaktor Patrik Müller und schliesslich den «publizistischen Leiter» Pascal Hollenstein.

Dazu muss man wissen, dass das gesamte Auslandressort im Wanner-Imperium aus haargenau zwei Redaktoren besteht. Was natürlich für einen Häuptling und einen Indianer reicht. Der Autor schickte seinen Artikel aus Genf nach Aarau. Wie es sich heutzutage gehört mit Titel. Der lautete: «Zum ersten Mal gelangt eine Afrikanerin an die Spitze der WTO». Denn Herbermann ist seit einigen Jahren für diverse Abnehmer Berichterstatter über internationale Organisationen in Genf und weiss, was er schreibt.

Das erschien den Blattmachern offensichtlich etwas zu schlapp; wahrscheinlich hatten sie zuvor zu viel «watson» angeglotzt. Also machten sie aus der Afrikanerin eine «Grossmutter». Da die gleiche Sauce überall erscheint, kann man davon ausgehen, dass der Blattmacher, der Ressortleiter, der Chefredaktor (bzw. wenn ferienabwesend sein Stellvertreter) und wohl auch der «publizistische Leiter» Inhalt und Titel zur Kenntnis nimmt.

In diesem Fall offensichtlich auch abnickt. Kleines Sahnehäubchen nebenbei: «Wir informierten den Autor des Artikels nicht über die neue Schlagzeile.» Der arme Herbermann dürfte sich kräftig geärgert haben, dass er bis zu diesem Eingeständnis 18 Tage nach Publikation kräftig für diese Schweinerei geprügelt wurde. Nun können Fehler überall und immer passieren, vor allem im Tagesjournalismus gibt es keine Perfektion.

Fehler passieren, aber wie geht man damit um?

Dann wird aber wichtig, wie man mit Fehlern umgeht. Als sich unter den Lesern ein kleiner Shitstorm zusammenbraute, quetschte Hollenstein gegenüber der Branchenplattform persoenlich.com ein «es tut uns Leid» raus und beschwichtigte, dass man den Titel online inzwischen korrigiert habe, sei keine Absicht gewesen.

Damit meinte CH Media offenbar, die Sache erledigt zu haben. Man liess den Leserbriefschreiber etwas fäusteln und rang sich zudem am 11. Februar ein «Unglücklicher Titel beim Porträt über WTO-Chefin» ab. Der sei «ungeschickt» gewählt worden, wofür «wir uns entschuldigen möchten». Gezeichnet war die knappe Mitteilung von «sas», also dem Auslandchef Samuel Schumacher. Aber weiterhin wurde nicht klargestellt, dass der Autor den Titel nicht zu verantworten hatte.

Fall erledigt, meinte man offenbar, Hollenstein und Müller duellierten sich über Für und Wider beim Burka-Verbot, man kommentierte, forderte, erteilte Betragensnoten und rückte dies und das zurecht, business as usual.

Wenn nochmals der Blitz einschlägt

Dann schlug aber nochmal der Blitz ein; angeführt von der österreichischen Uno-Botschafterin und letztjährigen Präsidentin des Uno-Menschenrechtsrats beschwerten sich 124 Botschafter und Leiter internationaler Organisationen über die «abwertende und herabsetzende» Beschreibung. Natürlich wurde dieses Schreiben auf Twitter veröffentlicht und dafür gesorgt, dass es die SDA in die Runde warf.

Neue Runde Arschtreten bei CH Media, wieder traf es den Auslandchef, der am 26. Februar, also über zwei Wochen nach Erscheinen des Artikels, mit einem «Communiqué»  erneut zu Kreuze kriechen musste. Auf Englisch, um das Internationale zu betonen. Nach den ersten verkniffenen, knappen und ungenügenden Erklärungen musste er nun richtig in die Harfe greifen:

Neuer Versuch, offensichtlich hatte der Autor kräftig interveniert.

Der Titel sei «unangemessen und ungeeignet» gewesen, «wir entschuldigen uns». Zudem wird klargestellt, dass der Autor einen anderen Titel vorgeschlagen hatte und nicht über diesen Ausrutscher informiert wurde.

Zu wenig, zu spät, nur scheibchenweise

Konsequent dem nachgelebt, was man in einer Krise auf keinen Fall machen sollte:

zu wenig, zu langsam, zu spät reagieren. Rumeiern. Die Verantwortung nach unten durchreichen.

Möglichst die Sache kleinhalten, reagieren statt agieren, nur unter Druck scheibchenweise einräumen, eingestehen, sich entschuldigen.

Aber der Fisch stinkt vom Kopf. So etwas – was denn sonst – müsste von einem publizistischen Leiter geregelt werden. Dafür steht er schliesslich direkt unter dem Verleger und oberhalb der Chefredaktion im Impressum. Insbesondere, wenn man wie Hollenstein so gerne Betragensnoten vom hohen moralischen Ross verteilt, mit dem Zeigefinger fuchtelnd – natürlich bei anderen – kritisiert, zensiert, falsch und richtig, gut und böse sauber unterscheidet. Schon alleine deswegen, weil ein publizistischer Leiter Vorbild sein sollte. Den anderen zeigen, wie man das macht. Vorbild ist Hollenstein allerdings. Aber dafür, wie man’s ganz sicher nicht machen sollte.

Hilfe, mein Papagei onaniert III

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

Diesmal heben wir eine neue Kategorie aus der Taufe: Der Depp des Monats. Der erste Preisträger ist – Pascal Hollenstein. Die publizistische Leiter nach unten im Hause CH Media hat seinen Kampf für die Ehre von Jolanda Spiess-Hegglin zurzeit eingestellt. Auch sonst fällt ihm eigentlich nichts Bemerkenswertes ein. Ausser, Himmel hilf, er muss leider seinen Senf zur anstehenden Abstimmung abgeben.

Wir müssen’s, um Zweifel auszuschliessen, im Original zeigen:

Wir wollen auch Hollenstein nichts vorschreiben, aber …

Wem das etwas wirr vorkommt: Es ist wirr. Hollenstein bestreit hier etwas, was gar niemand behauptet oder fordert. Es ist schlichtweg eine Binsenweisheit, dass sich der Staat nicht in innere Glaubensangelegenheiten einzumischen hat. Richtig, verlangt keiner, Hollenstein zum Beispiel darf gerne und ungestraft glauben, dass er ein meinungsstarker Publizist sei.

Andere dürfen an die Bibel, den Koran, die Thora, die Schriften des Nostradamus und jeden anderen Quatsch glauben. Ist so, bleibt so, steht nicht zur Debatte, nicht zur Abstimmung. Was dann? Nun, da nimmt Hollenstein die ganz grosse Tröte hervor: «Rückfall ins Mittelalter», wenn’s passiert, wäre zu hoffen, dass es «ein einmaliger Betriebsunfall der Demokratie» sei. Den man aber besser gar nicht geschehen lasse:

Besser, er schriebe gar nicht.

Abgesehen davon, dass es um den Kampf gegen mittelalterliche Vorstellungen von der Frau als Objekt, Untertan, nur dem Ehemann verfügbares Stück Fleisch geht: Wenn sich – wie von Hollenstein befürchtet – die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger im Rahmen ihrer demokratischen Rechte für eine legal und korrekt zustande gekommene Initiative entscheiden sollte, dann wäre das «ein bedeutungsloser Betriebsunfall»? Etwas, das sich «besser gar nicht ereignen» sollte? Weil es nicht der Ansicht von Hollenstein entspräche? Was für ein Undemokrat, was für ein Dummschwätzer.

Der Depp des Monats. Wobei er für seinen Nachfolger die Latte ganz schön hoch legt.

Die strenge Trennung von Content und Werbung

Sie wird aller Orten immer strenger. Beim «Blick»:

Wobei man sagen muss: immer noch besser als solcher Content:

Bei CH Media pflegt man gerne die bunte Mischung, ob quer oder hoch:

Bei Tamedia:

Bei der NZZ:

Bei «blue news» die sich immer noch hinter «Bluewin news» verstecken:

Bei «watson»:

Diese bunte Mischung von «Totes Kind im Keller» über «Lustige Tierbilder» bis «Gut gegen Food Waste» kriegt nur das Kachelmagazin hin.

Aber auch «20Minuten» ist für abwechslungsreiche Zusammenstellungen:

 

Sicher, steht doch deutlich «Inserat» drüber, oder «präsentiert von» drunter, da kann sich niemand vertun.

 

 

 

Maske raus, Maulkorb runter

Den Jungmillionären und «Masken-Schnöseln» muss man eins lassen: ihre Lernkurve ist sehr steil.

«Zürichberg-Kids machen Millionen mit Masken.» Wie so oft bringt «Inside Paradeplatz» mit seinem unermüdlichen Aufdecker Lukas Hässig als erster diese Meldung. Und legt eine Woche später, am 18. Juni 2020, nochmal nach, als sich die beiden zwei Luxusschlitten kaufen.

Der böse Verdacht: Zwei Jungunternehmer machen das Geschäft ihres Lebens mit dem Import und überteuerten Verkauf von Gesichtsmasken. Dabei nützen sie die übliche Unfähigkeit von staatlichen Behörden aus, die panisch Schutzmasken kaufen wollen. Ist ja das Geld des Steuerzahlers, daher bietet zum Beispiel die Schweizer Armeeapotheke bis zu 10 Franken. Für eine Maske.

Durch diese Verkäufe, in der Schweiz, aber auch in Europa, vor allem nach Deutschland, sollen die beiden Dutzende von Millionen verdient haben. Pro Nase. Also wie auf dem Serviertablett: zwei moralfreie Dealer verdienen sich am Schutzbedarf für die Bevölkerung zwei goldene Nasen. Skrupellos, rücksichtslos.

Leid schamlos ausgenutzt?

Am 30. Juli vermeldet der «Blick»:

«Brandanschlag gegen SVP-Masken-Millionäre».

Linksradikale bekennen sich dazu: «Damit bestrafen wir die dort ansässige Emix Trading und ihre Besitzer dafür, das Leid vieler schamlos ausgenutzt zu haben, indem sie durch überteuerte Maskenverkäufe an den Bund dick Kasse gemacht haben

Ende Januar 2021 stochert der «Tages-Anzeiger» nach: «Schweiz zahlte Millionen für nutzlose Masken». Auf der Packung steht «FFP2», das Gütezeichen für bessere Schutzmasken. Nur: der ägyptische Hersteller sagt auf Anfrage, dass er niemals solche Masken hergestellt habe und auch kein Zertifikat einer italienischen Prüfstelle beantragt hätte.

In der offensichtlichen und nicht falschen Annahme, dass öffentliche Gegenwehr zuerst gut organisiert werden muss, sollte sie etwas bewirken, gehen die beiden Inhaber der Handelsfirma Emix nun in eine sorgfältig geplante Offensive.

Zuerst CH Media, dann die NZZ

Zuerst kam Henry Habegger zum Handkuss. Er schreibt heute für CH Media, nachdem er bei Ringier gefeuert wurde, als Opfer eines der ganz wenigen Machtkämpfe, die Frank. A. Meyer verlor. Habegger erzählten die beiden die Geschichte ihrer Firma. Eine typische Tellerwäscher-zum-Millionär-Story.

Parallelimporte von Coca-Cola, Verteilung an Pizzerien und Döner-Buden im Kleinwagen. Dann Kontakte nach China, Exporte von Schweizer Produkten. Es ging Schritt für Schritt aufwärts. Schliesslich die Pandemie, die beiden setzten alles auf eine Karte. Bauten eine Lieferkette auf, mieteten ganze Frachtmaschinen für den Transport in die Schweiz.

Mr. Corona Daniel Koch sagte damals zuerst tapfer, dass die Verwendung von Schutzmasken in der breiten Bevölkerung nichts bringe, ihre Wirkung sei nicht erwiesen. Eine letzte Schrecksekunde, denn hätte Emix die Masken nicht verkaufen können, wären sie pleite gewesen.

Natürlich seien sie zutiefst betroffen von der Anschuldigung, auf Kosten der Not der Menschen einen Riesengewinn gemacht zu haben. Natürlich war der Kauf von Luxusauto eine jugendliche Übersprungshandlung, verständlich, aber von der Wirkung her fatal. Aber: sie seien schliesslich voll ins Risiko gegangen, hätten als fast einzige liefern können, und was da für ein Stress dahinter gestanden sei, unvorstellbar. Habegger notierte und berichtete, als alter Boulevard-Hase, mit dem Titel: «Jetzt reden die «Masken-Schnösel»».

Die NZZ rollt den ganz breiten Teppich aus

Nicht gerade ein voller Erfolg, aber man kann ja nachlegen. Dazu bietet sich – who else – die NZZ an. Riesenstory im Blatt mit Riesenfoto, online ohne Bezahlschranke lesbar. «Sind sie Helden, Schurken oder einfach nur clevere Unternehmer?», fragt sich das NZZ-Team Linda Koponen und Jan Hudec. Sie Jungredaktorin, er schon länger im medizinischen Themenbereich unterwegs.

Kommentierte Chronologie, also die CH-Media-Story nochmals ausführlicher ausgebreitet, und dann natürlich noch das Interview. Rund 300 Millionen Masken hat Emix nach Europa verkauft. Bei einer behaupteten Marge von 20 bis 30 Prozent und Verkaufspreisen von bis zu knapp 10 Franken, man rechne.

Aber ihr Geld haben sie nicht nur für Luxusautos rausgeworfen; diesmal empfangen sie die NZZ in ihrem Hauptquartier in Zug, wohin die Firma natürlich gezügelt ist. So wie ihre Inhaber nach Freienbach, zwei Niedrigsteuergebiete. Sie sind von gleich zwei Anwälten umrahmt. Der eine ist der Wirtschaftsanwalt Peter Ackermann, der die beiden 23-Jährigen schon länger begleitet und juristisch berät.

Der jammert über die Medien, dass deren «Berichte meinen Ruf wahrscheinlich unwiderruflich zerstört» hätten. Nur: Was für einen Ruf? Laut seiner Berufserfahrung ist er seit 2021 «Investor und Verwaltungsrat», bei Emix natürlich. Weitere rechtliche Beaufsichtigung des Gesprächs ist die Aufgabe der Medienanwältin Rena Zulauf.

Sportliche Honoraransätze treffen auf tiefe Taschen

Sonst für ihre Feldzüge beispielsweise in Sachen Jolanda Spiess-Hegglin bekannt, für die sie vor Kurzem beim Zuger Obergericht eine gewaltige Klatsche einfing. Aber Zulauf ist auch für ihre sportlichen Honoraransätze bekannt, und das dürfte bei Emix überhaupt kein Problem sein. Im Gegensatz zu ihrer Mandantin Spiess-Hegglin. Zulauf sieht weder Widerspruch noch Problem: «Ich vertrete Personen und Unternehmen bei erfolgten oder drohenden medienrechtlichen Grenzüberschreitungen.»

Zulauf tut auch energisch etwas für ihr Geld. Als «Inside Paradeplatz», schliesslich der Aufdecker dieses Falles, sich mit ein paar Fragen an die beiden Jungunternehmer wendet, bekommt der Blog einen Feuerstoss als Antwort. Aber Lukas Hässig ist sich garstige Reaktionen von Finanzhäusern gewohnt. Wobei Zulauf hier schon an die Grenze der putativen Notwehr geht:

«Meine Klientschaft behält sich zivil- und strafrechtlich Schritte aus unlauterem Wettbewerb und Persönlichkeitsrecht, insbesondere – aber nicht ausschliesslich – Schadenersatzansprüche wegen entgangenem Gewinn, gegen Inside Paradeplatz GmbH und Sie persönlich ausdrücklich vor und wird rechtliche Schritte gegebenenfalls ohne Vorankündigung einleiten», so die Anwältin auf Fragen an die Emix-Leute. Es ging darum, wie viel genau die Emix-Unternehmer mit der Schweizer Armee eingenommen hatten und wie viel mit Deutschland.

Auch das sieht Zulauf anders: «Die rechtliche Belehrung stand im Kontext vorangehender fehlerhafter Berichterstattung, bei der neben einer verlangten (und publizierten) Gegendarstellung auf rechtliche Schritte verzichtet worden war.»

Inzwischen ist eine Strafuntersuchung eingeleitet

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Zürich ein Strafverfahren gegen Unbekannt im Zusammenhang mit Schutzmaskenverkäufen der Emix Trading eröffnet. Dabei dürfte auch die Strafanzeige wegen Wuchers eines Luzerner Anwalts eine Rolle spielen.

Die NZZ listet aufrecht alle Vorwürfe auf, die zurzeit um die beiden Jungmillionäre schwirren. Die dürfen sich selbst in einem möglichst guten Licht präsentieren: «Wenn wir die Masken ohne Risiko nach Europa gebracht und mit hoher Marge durch überhöhte Preise verkauft hätten: Dann könnte ich die Kritik nachvollziehen. Führt man sich jedoch vor Augen, dass unser Gewinn durch vorausschauende Verhandlungen bei Einkauf und Logistik und durch das riesige Volumen zustande gekommen ist, habe ich keine Sekunde ein schlechtes Gewissen», lässt sich einer der Beiden zitieren. Aber:

«Wir haben uns alles selbst erarbeitet und auf Freunde und Freizeit verzichtet, um an diesen Punkt zu kommen

An welchen Punkt? Man merkt dem Artikel deutlich an, dass sich die beiden Autoren nicht wirklich entscheiden können. Eben: Helden, Schurken oder clevere Unternehmer? Man weiss nicht, ob man es im heutigen Gesinnungs- und Positionsjournalismus begrüssen oder bedauern soll, dass die Antwort der NZZ ist: Das kann man so oder so oder so sehen.

Corona: Nächste allgemeine Verunsicherung

Die Corona-Einheitsbrei-Berichterstattung löst sich in Einzelteile auf. Nach Mainstream nun allgemeine Kakophonie.

Die Zeiten, als die Leitmedien der wenigen verbleibenden Konzerne stramm auf Linie der Task Force, des Bundesrats und im Zweifelsfall für Verschärfungen, Restriktionen und gegen verantwortungslose Fahrlässigkeit waren, sind vorbei.

Mit einem gewissen Restgespür für die Stimmung in der Bevölkerung und unter den Lesern werden viele fuchtelnde Zeigefinger eingefahren, machen sich Laienjournalisten nicht mehr mit drakonischen Forderungen aus dem wohlbeheizten Homeoffice lächerlich.

Tamedia ist mild und friedlich gestimmt

So meldet Tamedia zur Corona-Lage in Genf: «Mutierte Viren dominieren – doch die dritte Welle bleibt aus». Milde gestimmt titelt der Konzern zudem «Berset deutet Lockerung von Corona-Massnahmen an». Das hätte noch vor wenigen Wochen einen scharfen Kommentar abgesetzt, in dem die Worte unverantwortlich, Wackelpudding und «jetzt muss dringend» eine wichtige Rolle gespielt hätten.

Gemischte News hält der «Blick» parat. Aber neben der Entdeckung eines furchtbar ansteckenden Virus-Mutanten im Amazonasgebiet, einem Schockerfoto von schwärtlichen Fingern, die wegen Corona amputiert werden müssen, ist die Aufmacherstory: «Deutscher Virologe widerspricht Task Force». Auch das hätte noch vor Kurzem einen hämischen Kommentar und einen strengen Verweis abgesetzt. Jetzt wird ein ehrfürchtiges Interview mit dem Fachmann geführt.

Gemischte News, aber ein deutscher (!) Epidemiologe darf der Task Force Saures geben.

Auch «blue-news» nimmt Bersets Andeutung in den Ticker, erschreckt aber mit der Frage, ob in Zukunft ein doppelter Mund-Nasen-Schutz nötig sei. Als Zahlenquelle wird hier weiterhin die US-Privatuni Johns Hopkins verwendet; auch so ein Skandal, an den sich alle gewöhnt haben.

Milchzähne, Krokodilkot, Sex und Angriff der Kängurus

Und was hat uns das Katzenvideo-Portal «watson» aus seinem Millionengrab heraus zu sagen? Keine solchen Vorurteile, in seiner Serie «Lustige Tierbilder Episode II» kommt nun «Angriff der Kängurus». Ob da jemand die Anspielung auf «Star Wars» merkt? Nun, es wird mit folgendem Müll bespasst: «Let’s talk  about real good Sex, Baby» von «Emma Amour», «Milchzähne am Anus, Krokodilkot und Niesen: So verhütete man früher», «Mann baut E-Gitarre aus dem Skelett seines toten Onkels» und schliesslich noch ein Titel, der wohl 99 Prozent aller «watson»-Leser ratlos macht: «Palindrom-Tag: Warum ist der 12. 02. 2021 so besonders?»

Kleiner Knaller von «20 Minuten», Knallfrosch von der NZZ

Corona? Ach ja, wen interessiert das schon bei «watson». Das gewinnbringende Gratisblatt «20Minuten» kann dagegen mit einem kleinen Knaller aufwarten, der den Bezahlmedien gut angestanden wäre: «Russland bot der Schweiz Impfstoff Sputnik an – BAG reagierte nie». Sagt immerhin der russische Botschafter in Bern.

Die NZZ widmet sich, so gehört sich das, den tieferen Fragen: «Der Mensch kommt zu kurz – wie die Corona-Isolation die Kultur unseres Zusammenlebens schädigt». Gleich zwei Geistesriesen braucht es, um altbekannten Flachsinn zu verzapfen: «Der persönliche Kontakt kommt zu kurz», «das Unmittelbare geht verloren». Vor allem in der Kultur, aber natürlich auch in der Politik hinter Plastikscheiben. Gibt es wenigstens Rettung, Lösungen? Aber sicher, die Pandemie nicht einfach aussitzen, «sondern aktiv gestalten», fordert die Kunsthaus-Direktorin Ines Goldbach. Nur sagt sie nicht, wie das gegen im Artikel konstatierte Depressionen, Einsamkeit, Existenzangst oder gar die Zunahme häuslicher Gewalt helfen soll.

Kleiner Tipp: manchmal ist aussitzen viel besser als schreiben. Aber, das rettet Ruf und Ehre, «Wer sagt, Schuldenmachen sei heute gratis, gibt zu viel Geld am falschen Ort aus. Die Staaten steuern dadurch immer tiefer ins Schlamassel.» Die NZZ gibt Reiner Eichenberger und David Stadelmann Gelegenheit für einen intelligenten Gastkommentar.

CH Media und «Republik»: Alarmsirene und Sendepause

Welchen Beitrag leistet schliesslich CH Media zur allgemeinen Verunsicherung? «Ansteckungen in der Schule: Zahl der Infektionen hat sich im Januar im Aargau mehr als verdoppelt». Berichtet der Konzern aus dem Stammland seiner Zentralredaktion. Allerdings: Es handelt sich seit Anfang Januar um eine Steigerung von 149 auf 324 – in fünf Wochen. Zudem sagt bekanntlich ein positiver Test nichts über eine mögliche Erkrankung aus.

Wollen wir es zum Schluss wagen, was sagt uns die «Republik» heute zu Corona? Heiliger Strohsack: nichts. Null. Keinen einzigen Buchstaben gönnt sie uns zu diesem brennenden Thema. Wie sollen wir so orientierungslos ins Wochenende stolpern?

CH Media neu mit Bezahlschranke

Vorbei mit gratis. Ausser für Watson.

Seit gestern sind alle Newsportale von Basel und vom Mittelland bezahlpflichtig. CH Media ist damit später als die Konkurrenz auf den Zug aufgesprungen. Ihr reines Digital-Abo kostet bei der «Aargauer Zeitung» pro Monat 14.50 Franken und ist günstiger als die Konkurrenz.  Beim Tages-Anzeiger kostet die gleiche Dienstleistung 19 Franken pro Monat. Die NZZ (30 Franken) ist natürlich immer noch am teuersten.

Wie ein Mediensprecher von CH Media gegenüber Zackbum ausführte, wird mit einem «gewissen» Traffic-Verlust gerechnet, «auch wenn beim Freemium-Modell nur ausgewählte und klar gekennzeichnete Artikel kostenpflichtig sind, die restlichen Inhalte des Zeitungsportales aber frei zugänglich bleiben.»

CH Media will mit dem Schritt «hochwertigen Journalismus» nicht mehr gratis anbieten. Dazu zählen: längere Interviews, Hintergrundberichte, aussergewöhnliche Reportagen und  Datengeschichten.

Dem Vernehmen nach sollen sich auch Abonnenten darüber beschwert haben, dass sie blechen müssen, während andere gratis herumsurfen dürfen. Zu letzteren gehört auch das Katzennews-Portal Watson. CH Media: «An der Newsbelieferung betreffend Watson ändert sich nichts.»

CH Media überlegt sich vollständige Trennung von Keystone-SDA

«20 Minuten» und CH Media entfalten sich in der Unabhängigkeit

«Nachrichtenteppich», dieses Wort fällt dann immer, wenn sich die Nachrichtenagentur Keystone-SDA definieren will. Mit ihrem Strom an Nachrichten, von der Polizeimeldung bis zur Medienmitteilung, fühlte sie sich jahrzehntelang stark genug, um den Verlagen einseitige Preisvorgaben zu machen.

Das Jahr 2021 wird wohl das wichtigste Jahr für die Agentur. Es wird zeigen, wie relevant sie wirklich ist und ob die Metapher «Nachrichtenteppich» eher in Fussmatte übersetzt werden muss. Die Liste an Verlagen, die in diesem Jahr auf die Dienste der Agentur verzichten ist lang: NZZ, CH Media, «20 Minuten» usw. Die anderen Verlage befinden sich in Lauerstellung und warten die Entwicklungen ab. Die Frage lautet: Geht es auch ohne SDA-Teppich?

Eine Analyse der letzten Tage zeigt, dass «20 Minuten» gut ohne Keystone-SDA auskommt. Die Auslandsnachrichten stammen von der Deutsche Presse-Agentur dpa und werden nicht mehr via SDA gebucht. Über die Kosteneinsparung wollte «20 Minuten» keine Stellung nehmen. Zum Alltag mit den Inlandnachrichten äusserte sich die Pendlerzeitung hingegen optimistisch: «Der Übergang verlief reibungslos – sowohl beim Text als auch in der Bildredaktion.» In «sporadischen Einzelfällen» werde man in Zukunft vielleicht die früheren Dienste vermissen.

«Zufrieden mit der Lösung»

Gleiches hört man auch von CH Media, die für 2021 nur noch die Bilder und Videos von Keystone-SDA abonniert hat. «Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit unserer hausinternen Lösung, mit der wir uns auch von der Konkurrenz abheben und damit zur Medienvielfalt beitragen.», heisst es aus Aarau.

Für Keystone-SDA könnte alles noch viel schlimmer werden. CH Media überlegt sich nämlich einen vollständigen Rückzug aus Keystone-SDA. Sollte das nach Tageszeitungen grösste Medienunternehmen der Schweiz  auch die Bilder und Videos abbestellen, brechen Keystone-SDA grosse Eisschollen ab. In Branchenkreisen geht die Zahl 70-30 um: 70 Prozent sollen Fotos und Videos kosten, der Rest geht für die Nachrichten aus.