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Die Meinung ist frei

Und sie darf auch frei geäussert werden. Eine Zensur findet nicht statt, heisst es markig in der Bundesverfassung. Über Bezahlung steht da nichts.

Nehmen wir einen heutzutage völlig normalen Vorgang. Ein gewisser Michael Hermann führt eine Kolumne im «Tages-Anzeiger», somit im ganzen Tamedia-Kopfblattimperium. Damit kann er ungefähr die Hälfte aller Deutschschweizer Tageszeitungsleser beschallen.

Seine Meinung ist frei und klar: «Die Kritik an der Impfstoffstrategie von Bundesrat und BAG ist billig». In seiner Kolumne kritisiert Hermann alle, die es im Nachhinein besser wissen wollen, die mit dem Vorteil der Perspektive von heute ungerecht damalige Entscheidungen kritisieren: «Ohne Fehlertoleranz jedoch werden wir an Krisen wie diesen nicht wachsen.»

Unbezahlte Meinung hinter Bezahlschranke.

Das ist sicher ein wahrer Satz. Vielleicht hätte es dem unschuldigen Leser des Qualitätsjournalismus aus dem Hause Tamedia geholfen, wenn auch bei Kommentatoren gewisse Interessensbindungen offengelegt würden. Das schränkt ja die Meinungsfreiheit keinesfalls ein, hilft aber dem Empfänger bei der Einordnung der Meinung.

Michael Hermann, der Nachfolger des Mannes mit der Fliege, ist nämlich in erster Linie Geschäftsführer der «Forschungsstelle Sotomo». Die widmet sich den Themen «Meinungsforschung, Politikstudien und -evaluation» und anderen Untersuchungen.

Ohne billige Kritik geht’s wieder bergauf.

Auch das ist nichts Ehrenrühriges, denn auch Hermann muss ja schauen, dass der Schornstein raucht. Mit seinen politischen Spinnenprofilen und politischen Landkarten gehört der Politikwissenschaftler zum festen Personal der «Fachleute», die in Funk, Fernsehen und auch im Print gerne herbeigezogen werden.

Vor allem von privaten Medienhäusern, bei denen die «Expertenmeinung» häufig den Höhepunkt der Recherche darstellt, die sonst per copy/paste, skype und Google durchgeführt wird.

Was dem einen sein Uhl, ist dem anderen seine Nachtigall

Stellen wir eine hypothetische Frage. Was würde Tamedia wohl dazu sagen, wenn in der «Weltwoche» eine Verteidigungsschrift zum Risk Management der CS erschiene? Und sich herausstellen würde, dass der Autor zu den Lieferanten oder Mandatsträgern der CS gehörte? Ohne dass das dem Leser offengelegt würde? Genau, ein Riesengebrüll würde Tamedia erheben, vom Ende der journalistischen Sitten, gekauften Meinungen, von Leserbeschiss wäre die Rede.

Von Doppelspiel, Unredlichkeit und was einem sonst noch so an Beleidigungen einfällt. Womit Tamedia allerdings völlig recht hätte. Es ist im Fall Hermann allerdings so, dass auch die Credit Suisse zu seinen Auftraggebern gehört. Macht ja nix, darüber schreibt er nicht.

Zu seinen regelmässigen Auftraggebern gehören auch Ämter, die SRG, die Bundesverwaltung und – das BAG. Hermann nimmt hier also eine Behörde in Schutz, auf deren Honorarliste er oder seine Firma steht. Hermann äussert sich hier also positiv zu den Leistungen von Behörden und des Bundesrats, wobei staatliche oder halbstaatliche Institutionen den Grossteil seiner ausgewiesenen Brötchengeber ausmachen.

Immerhin zeigt er auf seiner Webseite Transparenz und führt stolz eine ganze Liste von aktuellen und vergangenen Projekten auf; jeweils mit Thema und Auftraggeber. Das diese Dienstleistungen, inklusive Meinungsumfragen, weder gratis erbracht werden, noch sehr billig sind, versteht sich von selbst.

Auszug aus der Kundenliste.

Wir wollen Hermann auch keinesfalls unterstellen, dass er eine Mietmeinung sei, so wie der Bankenprofessor Peter V. Kunz, bei dem man ein «Gutachten» bestellen kann, das nötige Kleingeld vorausgesetzt.

Wir wollen aber diese mangelnde Transparenz im Hause Tamedia mit angeblich eisernen Regeln und Transparenz, der Basis für das Vertrauen, das der Leser seinen Produkten entgegenbringen soll, scharf kritisieren.

Hermann nimmt Stellung, Tamedia nicht

Hermann nimmt die Möglichkeit wahr, Stellung zu beziehen: «Ich finde Ihre Fragen bezüglich meiner Aufträge durchaus legitim.» Psychologisch geschickter Einstieg;

«wenn der Massstab wäre, alle Akteure in meiner Kolumne zu deklarieren, bei denen ich  schon Aufträge hatte, müsste ich dies bei praktisch jeder tun».

Hier lässt er etwas nach, denn: warum nicht? Aber schon kommt er wieder hinten hoch: «Gerade die Tatsache, dass wir ein so breites Kundenfeld haben, führt zugleich dazu, dass wir gegenüber keinem Kunden in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.»

Zudem sei das Hauptgeschäft Meinungsumfragen, keine strategische Beratung, zu der er sich in seiner Kolumne äussere. Immerhin, netter Versuch.

Tamedia hingegen ignorierte eine gleichlautende Anfrage; Arthur Rutishauser beauftragte nicht einmal die Medienstelle, per copy/paste zu schreiben: Diese Vorwürfe sind falsch.

Wieso überrascht das nicht?

 

 

 

 

https://sotomo.ch/site/projekte/

Ist die BAG-Direktorin noch tragbar?

Anne Lévy hat die Fortsetzung der Pannenserie zu verantworten. Aber sie kümmert sich lieber um Privates.

Impfchaos, immer mal wieder falsche Zahlen, die Verwendung aller Kommunikationsmittel, vielleicht mit Ausnahme von Brieftauben oder Meldeläufern: selten hat sich ein Bundesamt mit immerhin 600 Mitarbeitern dermassen in einer Belastungssituation blamiert.

Lévy hatte ein halbes Jahr Zeit, sich auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten, bevor sie am 1. Oktober letzten Jahres ihr gutbezahltes neues Amt antrat. Diesen Vorlauf scheint sie aber mehr auf die Regelung privater Angelegenheiten verwendet zu haben.

Eine ihrer ersten wegweisenden Management-Entscheidungen war, dass sie das Mitbringen von Hunden ins BAG-Hauptquartier erlaubte. Das sorge für bessere Stimmung bei den Mitarbeitern, meinte sie. Dass sie nun auch ihren eigenen Köter im Büro halten darf, hat ihre Entscheidung sicherlich nicht beeinflusst.

Der arme Hund ist sich zu Hause aber einen doch etwas grösseren Auslauf als im Büro gewohnt, denn Lévy haust in Bern in einer grosszügigen 8,5-Zimmer-Wohnung. Als das News-Portal nau.ch das in einem Nebensatz über einen Fehlalarm berichtete, der zum Eingreifen einer bewaffneten Polizeitruppe führte, verlor Lévy die Fassung.

Was für Lévy wichtig ist – und was nicht

Sie griff wutentbrannt höchstpersönlich zum Telefon und stauchte lautstark die Redaktion von nau.ch zusammen. Diese Angabe müsse sofort gelöscht werden, falls nicht, so drohte sie wiederholt, setze sie die ganze Macht der juristischen Abteilung des BAG in Bewegung.

Interessant, wie sorgfältig Lévy hier Privates und Amtliches trennt. Aber damit nicht genug. Nau.ch hatte ebenfalls berichtet, dass die Information über den Polizeieinsatz von einem Augenzeugen an die Redaktion weitergegeben worden war. Auch das erregte Lévys allerhöchste Verstimmung. Ultimativ forderte sie die Redaktion auf, ihr den Namen dieses Augenzeugen zu nennen. Quellenschutz und ähnlicher Unsinn waren der Chefbeamtin in diesem Moment völlig egal.

Später versuchte die Kommunikationsabteilung des BAG, die Zahnpasta wieder in die Tube zu drücken. Diese Informationen seien «irrelevant» und «nicht von öffentlichem Interesse», deshalb habe «man» interveniert. Als sich das ebenfalls als Rohrkrepierer erwies – bestimmen nun Beamte, was die Medien zu veröffentlichen haben und was nicht –, versuchte man es dann mit dem «Schutz der Privatsphäre».

Die gilt im BAG aber offenbar nicht für den internen Mailverkehr, denn der hing noch am Mail, das der oberste Kommunikationsverantwortliche an ZACKBUM.ch schickte.

Die «aktuelle» BAG-Impf-Seite. Letzte Aktualisierung: 12. Januar. Aber immerhin 2021.

Im aktuellen Mailverkehr mit ZACKBUM.ch heisst es, dass keine weiteren Fragen mehr zur Privatsphäre der Direktorin Lévy beantwortet werden. Diese Privatsphäre ist uns tatsächlich vollkommen egal. Aber zu ihrem Verhalten im Amt haben wir noch ein paar Fragen:

  1. Ist eine Direktorin weiterhin tragbar, die dermassen die Contenance verliert, statt sich um die vielen wichtigen und dringlichen Probleme zu kümmern, die nichts Besseres zu tun hat, als höchstpersönlich eine Redaktion anzurufen und lautstark zu bedrohen?

  2. Ist eine Direktorin weiterhin tragbar, die sogar damit droht – mehrfach –, die Rechtsabteilung des BAG in Marsch zu setzen, wenn ihrer persönlichen Forderung – die Grösse ihrer Wohnung muss gelöscht werden – nicht nachgekommen wird?

  3. Ist eine Direktorin weiterhin tragbar, die zudem Auskunft verlangt, wer dieser Augenzeuge sei, der den Polizeieinsatz an nau.ch gemeldet habe?

  4. Ist eine Direktorin weiterhin tragbar, die nicht einmal den Anstand hat, sich für ihren Ausraster zu entschuldigen, dafür aber die Kommunikationsabteilung des BAG und des EDI dazu missbraucht, mit aberwitzigen Verdrehungen ihr Fehlverhalten zuzuschwatzen?

  5. Ist die Direktorin des wohl zurzeit wichtigsten Bundesamtes noch tragbar, die sich offensichtlich nicht im Griff hat, zwischen Amt und Privatem nicht unterscheiden kann, mit dem Einsatz von BAG-Juristen droht, die mit ihrem privaten Problem nichts zu schaffen haben? Die schliesslich die einfachsten Regeln des Journalismus nicht kennt oder meint, sie dank ihres Amtes ignorieren zu können?

Überfordert, arrogant, disqualifiziert: aber noch tragbar?

All das sind Anzeichen von Überforderung, aus Problemen flüchten und seine schlechte Laune an einer Redaktion abreagieren wollen, die nur ihren Job machte. Zum amtlichen Versagen kommt noch eine bedenkliche Unkenntnis rechtsstaatlicher Vorschriften hinzu. Offensichtlich meint Lévy, für sie als Direktorin gälten andere Regeln als für jeden anderen.

Schliesslich disqualifiziert sie sich noch als Person, indem sie nicht den Anstand hat, persönlich für ihr Fehlverhalten hinzustehen. Das sind mehr als genug Gründe, um dringlich einen Nachfolger – oder eine Nachfolgerin – zu suchen. Alleine schon deswegen, weil dieses Verhalten ihre Autorität als Führungsperson in einem Amt mit 600 Mitarbeitern schwer beschädigt hat.

Wenn ihr auch diese Fähigkeit zur Einsicht fehlt, dann ist es an ihrem Vorgesetzten, Remedur zu schaffen. Das BAG ist zu wichtig, als dass es weiter in den Händen dieser Frau liegen darf.

Tot. Aber kein Corona-Toter

Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut in Krisenzeiten. Davon hat das BAG noch nie was gehört.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist normalerweise eine der vielen Schnarchbehörden zu Bern, wo über 600 Staatsangestellte zwischen «guten Morgen» und «schönen Abend» Dinge tun, nun ja, also «Sinnvolles für die Schweizer Bevölkerung» bewirken. Was immer das auch sein mag.

Bekannt ist das BAG vor allem für sein einmal im Jahr stattfindendes Stirnrunzeln, wenn die neuen Krankenkassenprämien bekannt gegeben werden. Deren Dämpfung gehört zu den vornehmsten Aufgaben des BAG. Bravo, die Schweiz liegt weltweit nur auf Platz zwei des Wettbewerbs: Wer hat das teuerste Gesundheitssystems.

Seit Ausbruch der Pandemie leidet das BAG sichtlich unter der stetigen Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. Zum Corona-Virus werden regelmässig Pressekonferenzen abgehalten, auch wenn die schwer an Attraktivität verloren haben, seit Mr. Corona sich nicht mehr rettungslos in Satzfragmenten verliert, aber dabei eine einschläfernde Vertrauensstimme zum Einsatz bringt.

News ist für das BAG ein sehr dehnbarer Begriff

Die übrigen «News» auf der Webseite dehnen etwas den Begriff; die Untersuchung, welche Auswirkungen Covid-19 auf die Psyche hat (es sei hier verraten: keine positiven), stammt von November 2020. Das ist aber noch brandaktuell, schon die dritte News, die ebenfalls überraschungsfrei verkündet, dass Sucht Milliardenschäden anrichtet, stammt vom Oktober 2020.

Das könnte als die übliche Kauzigkeit und Absonderlichkeit einer still verstaubenden Behörde belächelt werden. Wenn das BAG nicht Stück für Stück seine Glaubwürdigkeit verspielte. Lahmarschige Datensammlung, so unvollständige Daten, dass private Anbieter oder selbst eine US-Uni lieber als seriöse Auskunftsquellen benützt werden.

Dank überlegener Technologie, also dem Einsatz von brandneuen IT-Wundern namens Fax, kommt es auch ab und an zu kleinen Übertragungsfehlern, so wird ein 90-Jähriger schon mal zum 9-Jährigen, mehr als einmal müssen Daten nachträglich korrigiert werden.

Grenze zwischen Fahrlässigkeit und böswilliger Unfähigkeit

Aber auch das könnte man noch unter «irren ist bürokratisch» abbuchen. Wenn das BAG nicht die Grenze zwischen Fahrlässigkeit und böswilliger Unfähigkeit überschreiten würde. Nachdem von Anfang an feststand, dass die Hochrisikogruppe alte Menschen mit Vorerkrankung sind, was den Medianwert der Corona-Toten auf 85 Jahre legt, wird mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt, ob und wann es denn mal einen Toten unter 30 gibt.

Und siehe da, was nicht nur den bekennenden Amok Marc Brupbacher erwartungsgemäss zum Hyperventilieren bringt: In der letzten Dezemberwoche meldete das BAG den ersten Toten in der Altersklasse 20 – 29. Und einen Toten von 0 – 9. Und dann gleich nochmal einen jungen Erwachsenen, der an Covid-19 gestorben sei.

Diese amtlichen Mitteilungen, kurz nachdem die Existenz einer angeblich viel ansteckenderen Mutation des Virus auch in der Schweiz bekannt gegeben wurde, verunsichert natürlich die Bevölkerung und befeuert Krakeeler, die ständig einen strikten Lockdown und Impfpflicht und andere drakonische Massnahmen fordern.

Das BAG verbreitet auch mal Fake News

Nur: es handelt sich um Fake News. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich bestätigte «20 Minuten», neben «Blick» das einzige Organ, das solchen Fragen nachgeht, dass der Ende Dezember verstorbene Jugendliche definitiv nicht an Corona verschied. Die Todesursache des in St. Gallen verstorbenen Buben ist unklar. Und auch der zweite Jugendliche, der im Wallis verstarb, hatte diverse Vorerkrankungen. Die Ostschweiz hat immerhin «Die Ostschweiz», die solchen Ungereimtheiten auch nachgeht. Richtig, dort schreibe ich auch.

Diese Falschmeldungen haben zunächst damit zu tun, dass jeder ins Spital eingelieferte Patient obligatorisch einem Corona-Test unterzogen wird. Liegt dessen positives Resultat vor, bevor der Patient an seinem Herzinfarkt, seinen schweren Unfallverletzungen oder seinem Krebs im Endstadium erliegt, hat er gute Chancen, als Corona-Toter gezählt zu werden.

Aber wie kommt das BAG auf die Idee, mit solchen Falschmeldungen seinen Ruf zu ramponieren? Dafür gibt es eine Erklärung, die nur einem Beamtenhirn einfallen kann. Da diese Verstorbenen vorher in der Statistik «Corona-Erkrankte» geführt wurden, müssen sie ja da raus, weil sie gestorben sind. Also bettet man sie in die Liste der Corona-Toten um.

«Die Todesfälle unter jüngeren Personen häufen sich»

Daraus machen die beiden Monopolisten im Tageszeitungsmarkt – nichts. Aber der «Leiter Interaktiv-Team» beim «Tages-Anzeiger» japst auf Twitter: «Todesfälle unter jüngeren Personen häufen sich.» Nein, drei Falschmeldungen machen noch nicht mal einen Haufen.

Stolz lässt Brupbacher seinen 2. Platz bei der Wahl des «Recherche-Journalisten des Jahres» angeheftet oben in seinem Account glänzen. Ein weiteres Beispiel aus dem grossen Haufen der völlig deplatzierten Wahlen des «Schweizer Journalist». Aber da Brupbacher ja ständig alle anderen dazu auffordert, endlich mal verantwortlich zu handeln, wird er diesen 2. Platz sicherlich freiwillig zurückgeben.

Wes Brot ich ess …

Vom Saulus zum Paulus: So agieren domestizierte Medien-Wissenschaftler wie Marcel Salathé.

Die oberste Schweizer Gesundheitsbehörde liegt im Koma. Das BAG macht nur mit Pleiten, Pech und Pannen auf sich aufmerksam. Schön, dass es unabhängige Wissenschaftler gibt.

Bis zur Pandemie war Marcel Salathé ein nur Insidern bekannter Assistenzprofessor an der EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne.

Sein Fachgebiet: Epidemiologie. Also die Untersuchung von der Verbreitung von Krankheiten, ihren Ursachen und Folgen. Etwas mehr als 100 Resultate zeitigt eine SMD-Suche seines Namens für das Jahr 2019.

Salathé auf allen Kanälen

Ab Januar 2020 bis heute explodiert die Zahl auf 2232 Erwähnungen. Ein typisches Phänomen des aktuellen Sparjournalismus. Denn mangels eigener Sachkompetenz und Sattelfestigkeit machten die Medien in der Schweiz bis zur Lockerung des Lockdowns im Wesentlichen zwei Dinge.

Sie bejubelten alle Entscheidungen des Bundesrats, ernannten den Gesundheitsminister Alain Berset zu einem Riesentyp und den Leiter der BAG-Abteilung «Übertragbare Krankheiten» zum «Mr. Corona». Aber dann braucht es zwecks Anreicherung der Berichterstattung noch das Interview mit dem Experten.

Am Anfang konkurrieren mehrere Interviewwillige miteinander, bis sich wie meist ein Sieger herauskristallisierte. Das ist in diesem Fall Marcel Salathé. Er vereinte dafür drei Eigenschaften. Er ist telegen, er kann verständliche Sätze bilden, und ihm ist der Zweihänder nicht fremd.

Erfrischende Warnrufe am Anfang

Denn häufig ist das Problem mit Wissenschaftlern, dass sie Fachchinesisch sprechen (Lieblingsaussage: «Das kann man nicht so einfach sagen») und begeisterte Anhänger des Konjunktivs sind («Falls das eintritt, wäre es nicht ausgeschlossen, dass»).

Erfrischend dagegen Salathé. Er rempelte das verschnarchte BAG an, erschreckte die Bevölkerung mit Horrorzahlen von möglichen Todesfällen und zeigte sich erschüttert, welcher Beamtenarschigkeit er in Bern nach der Ausrufung des Lockdowns begegnete. Drohend twitterte er, dass bei der politischen Aufarbeitung der Pandemie kein Stein auf dem anderen bleiben werde.

Während sich Mr. Corona fleissig darum kümmert, seine Bekanntheit als Mr. Corona ohne Rücksichten auf seinen Ruf zu versilbern, schwirrte Salathé in die Ferien ab. Und kam kürzlich geläutert zurück. Zur Enttäuschung des «Blick». Der hatte sich sicherlich schon auf ein paar knackige Zitate gefreut, als er Salathé zum Interview bat.

Inzwischen handzahm geworden

Zum Aufwärmen fragte die Boulevard-Zeitung, ob die Schweiz die Pandemie im Griff habe. «Im Moment habe ich das Gefühl ja», repliziert Salathé diplomatisch. Schluck; da dreht der «Blick» auf und will wenigstens eine Kritik daran, dass doch jeder Kanton sein eigenes Süppchen koche. Das sei auch richtig so, antwortet Salathé.

Die Interviewerin klappt den Unterkiefer wieder nach oben und erinnert Salathé daran, dass er doch zu den schärfsten Kritikern des Bundesrats gehört habe. Ach, Kritik, meint Salathé milde, das sei doch mehr eine «wissenschaftliche Richtigstellung» gewesen. Letzter Versuch, und das mit den Steinen? Aber auch dazu hat sich Salathé etwas überlegt. Das sei ganz falsch interpretiert worden: «Ich meinte, dass es wichtig sein werde, quasi unter jeden Stein zu schauen.»

Wagt er wenigstens wieder einen Blick in die Zukunft? «Prophet spielen wäre gefährlich.» Denn inzwischen ist Salathé zur wissenschaftlichen Erkenntnis gelangt: «Auch diese Krise wird vorbeigehen.» Da sieht man doch mal wieder, wie ein Biologiestudium einschenkt.

Was erklärt den Sinneswandel?

Aber woher denn dieser Sinneswandel? Gehirnwäsche, Zensur, oder einfach «kä Luscht» auf weitere Schlagzeilen? Aber nein. In der Schweiz läuft das anders. Denn zu den wild wuchernden Krisenstäben, die sich gegenseitig im Weg stehen, konstituierte sich im April noch die «Swiss National COVID-19 Science Task Force».

So umständlich wie der Name dieses Gremiums, das direkt den Bundesrat berät, ist auch sein Aufbau in «Adivsory Panels» und Expertengruppen. Vorsitz bei der Gruppe «Digital epidemiology» hat – Marcel Salathé. Aha, ist er also eingekauft worden und hat sich deshalb einen Schalldämpfer aufgeschnallt?

Auch Salathé will etwas werden

Aber nein, es geht um etwas ganz anderes. In dieser Task Force ist so ziemlich alles versammelt, was in der Schweiz in dieser Fachrichtung Rang, Namen und Einfluss hat. Dazu die Rektoren der Hochschulen, und so weiter. Wenn nun ein Assistenzprofessor mal gerne ordentlicher Professor werden möchte, an ausreichend Forschungsgelder herankommen will, auch internationale Vernetzung vorantreiben, wenn wieder Symposien überall auf der Welt stattfinden werden: was macht der dann?

Sagt er lautstark, dass Bundesrat, BAG, Krisen- und Expertenstäbe krachend versagt hätten, kritisiert er die bis heute lausige Arbeit des BAG? Nun, die Antwort überlassen wir dem Leser. Weil wir sicher sind, dass er diesen kleinen Intelligenztest mit Bravour besteht.

Corona-Zahlen sind Glücksache

Das BAG kann nicht zählen. Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.

Achtung, Achtung. Nach der ersten Welle droht die zweite Welle. Warum? Nun, da würde natürlich interessieren, wenn das möglich ist, wo sich denn die Schweizer vor allem anstecken. Im Ausgang, auf Partys, im Ausland oder wie?

SRF stopfte das gähnende Sommerloch am Freitag vor dem 1. August mit einem Exklusiv-Bericht. Es wollte vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) wissen, wo denn die meisten Ansteckungen stattfinden.

«Feiern, bis der Arzt kommt», diesen Kalauer konnte sich dann «10vor10» nicht verkneifen, denn ganze 41,6 Prozent infizierten sich in Clubs oder Discos, 26,8 Prozent in Bars und Restaurants. Damit hatten «Tagesschau» und «10vor10» auch in Gurken-Zeiten die Aufmacherstory.

Insgesamt seien zwischen dem 16. Juli und dem 1. August 2020 beim BAG 793 Meldungen eingegangen, schob das BAG am Sonntag, 2. August, nach. Offenbar waren die über 600 Beamten am Nationalfeiertag auch kräftig am Jubeln und Jodeln. Denn sie brauchten doch 48 Stunden, um sich «für diesen Fehler zu entschuldigen». Was für einen Fehler?

Völlig falsche Zahlen

Es habe da, nun ja, «eine falsche Zuordnung» gegeben. Bei näherer Betrachtung sei mit 27,2 Prozent die Ansteckung durch ein Familienmitglied Ursache Nummer eins. Bei der Arbeit hätten sich 8,7 Prozent angesteckt, bei «Privatfesten» 3 Prozent, in Clubs und Discos 1,9, in Bars und Restaurants 1,6 und bei «spontanen Menschenansammlungen» 2,1 Prozent.

Ach, und mit fast 40 Prozent ist der Anteil von Ansteckungen der mit Abstand grösste, für den es keine genaueren Angaben gibt. Nun ist zwischen 41,6 und 1,9 Prozent doch ein klitzekleiner Unterschied, ebenso zwischen 26,8 und 1,6, der eigentlich auch einem Beamten in Feierlaune nicht entgehen sollte.

Das nannte man früher eine Ente, heutzutage Fake News. Aber nicht etwa aus dunklen Quellen, sondern vom obersten Schweizer Gesundheitsamt. Mit dieser peinlichen Korrektur ist’s ja nicht getan. Die wurde dann am Sonntagabend elektronisch und montags überall gemeldet. Mit oder ohne Häme.

Auch die Journalisten fragen nicht nach

Aber auch diesmal beschränkten sich die Journalisten darauf, die korrigierten Zahlen nachzureichen. Ohne sich ein paar nötige, zusätzlich Fragen zu stellen. Denn das BAG molk seine Auswertung aus knapp 800 Meldungen, die innert 14 Tagen eingegangen seien. Wobei fast die Hälfte nicht die genaueren Umstände der Infektion bekanntgab. Aus dem mageren Rest von rund 400 Meldungen kann man nur mit jedem Statistiker die Zornesröte auf die Stirn treibender Akrobatik signifikante Zahlen ableiten.

Nach wie vor müssen die Zahlen der Neuinfektionen in der Schweiz – nicht ganz unwichtig für die Entscheidung, wieder schärfere Massnahme zu ergreifen oder nicht – aus Angaben der Kantone und des BAG zusammengestöpselt und geschätzt werden. Da beträgt der (geschätzte!) 7-Tagesschnitt 158. Das bedeutet, dass sich in diesen 14 Tagen rund 2’200 Personen in der Schweiz neu angesteckt haben.

Bei 1800 hat man offenbar keine Ahnung, wo und wie. Ist das viel oder wenig oder was? Auch dazu lässt sich schlecht etwas sagen, weil seit Anfang Juli die Zahl der Tests deutlich hochgeschraubt wurde. Logisch:  mehr Tests, mehr identifizierte Infizierte. Während aber Mitte März mit weniger Tests bis zu 1300 Personen täglich positiv waren, sind es am 30. Juli lediglich 244.

Entscheidungen weiterhin im Blindflug

Die sogenannte Positivrate, als das Verhältnis zwischen Getesteten und Infizierten, beträgt zurzeit etwas über 4 Prozent, es lag im März schon mal bei über 26 Prozent. Waren am 1. April 2211 Corona-Patienten hospitalisiert, als Höhepunkt 431 davon auf der Intensivstation, sind in den letzten Wochen im Schnitt etwas über 100 Personen hospitalisiert, von diesen etwas über 20 auf der Intensivstation. Die Zahl der täglichen Todesfälle liegt seit Anfang Juni im einstelligen Bereich.

Ist das viel, ist das wenig, kommt eine zweite Welle, ist die Bevölkerung in der Schweiz durchseucht, also immunisiert, wie viele Einwohner sind symptomlos positiv, wie viele genesen, wie viele negativ getestet? Was wissen wir über Ansteckungscluster, also welche Faktoren weisen auf eine überproportionale Gefahr einer Ansteckung hin? Sind weiterhin vor allem Ü-65-Jährige gefährdet, oder hat sich das verändert?

Schlimm ist: Wir wissen es nicht. Das BAG weiss es nicht, niemand weiss es. Schlimmer ist: Also werden weiterhin allfällige Massnahmen im Blindflug getroffen. Am schlimmsten ist: Die zu Tode gesparten Medien gehen ihrer Aufgabe als vierte Gewalt nicht mehr nach. Sie treten das Thema Mundmasken quer und längs und breit, interviewen immer die gleichen Fachleute, aber mangels Sachkompetenz stellen sie diese Fragen weder, noch liefern sie Antworten.

Vierte Gewalt, Kontrollinstanz, vor allem gegenüber Regierung und Staat? Natürlich ist es grob übertrieben, von nordkoreanischen Verhältnissen zu sprechen. Aber wir sind auf gutem Weg dorthin.