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Lachappelle und die Medienwüste

Er geht in die Wüste, die wüsten Medien bleiben. Eine Bilanz der Armseligkeit.

Am Freitag ergibt die Suche nach dem Stichwort Lachappelle 106 Treffer in der SMD. Ohne Duplikate schrumpft das auf 36 zusammen, und dahinter steht: es berichten Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SRF. Plus ein paar kleine, versprengte Organe.

«Inside Paradeplatz», dann der Einheitsbrei …

Viele, darunter der «Blick», übernehmen einfach die SDA-Meldung; sicher ist sicher. Denn im Vorfeld des Rücktritts des VR-Präsidenten von Raiffeisen setzte er via Anwalt den Schutz seiner Privatsphäre unter Einsatz von superprovisorischen Verfügungen ernsthaft durch.

Die SDA-Meldung, zwei Fotos dazu, fertig ist der kostenpflichtige Inhalt.

Lediglich «Inside Paradeplatz» liess tapfer Berichte über die fatale Liebesaffaire von Lachappelle im Netz. Aber Ringier, die Ex-Geliebte und auch ZACKBUM durften sich zum Fall nicht mehr äussern. Bzw. dürfen rechtlich gesehen auch heute nicht das berichten, was Lachappelle inzwischen selbst eingeräumt hat.

Ein richtiges und vollständiges Desaster

Aber wichtiger ist das gesamte Schlamassel, das sich hier abgespielt hat. Es ist ein Controlling-Desaster bei Raiffeisen. Der Verwaltungsrat dürfte seit August letzten Jahres, als Lachappelle die Veröffentlichung einer Broschüre seiner Ex-Geliebten verbieten liess, über die Affäre informiert sein. Ebenso die staatliche Aufsichtsbehörde Finma. Erkennbare Reaktion? Null.

Spätestens seit dem Beschwerde-Artikel im «SonntagsBlick» von vorletztem Wochenende dürften überall die Alarmsirenen erschallt sein. Äusserlich erkennbare Reaktion? Null. Bei Raiffeisen übernimmt Pascal Gantenbein interimistisch die Führung. Darin hat er Erfahrung, auch nach dem abrupten Abgang des HSG-Professors Rüegg-Stürm (der hatte seinen Abgang mitten in einer Raiffeisen-Krisen-PK verkündet, wobei er den damaligen CEO Gisel mit offenem Mund zurückliess) war er schon mal zwischenzeitlich am Gerät.

Das ist Desaster Nummer eins; die drittgrösste Bank der Schweiz führt sich auf, als sei sie ein Tollhaus-KMU mit lauter Dilettanten am Gerät. Dabei haben diese Versager die Verantwortung für 11’000 Mitarbeiter und für die grösste Hypothekenbank der Schweiz.

Statt still und leise seinen Rücktritt verkünden zu lassen, mutete Lachappelle sich und allen anderen eine tränenerstickte Pressekonferenz zu, auf der er ausführlich sein Leid klagte und seine Sicht der Dinge darstellte – nachdem er das zuvor in jeder Form durch seinen Anwalt verhindern liess. Bei aller menschlichen Tragik: was für ein unheimlich schwacher Abgang. Das ist Desaster Nummer zwei.

Am schlimmsten geht’s aber bei den Medien zu und her

Das grösste Desaster ereignet sich aber medial. Die überlebenden Konzerne, die sich gerade wegen ihrer staatstragende Funktion eine Extra-Milliarde Staats-Subventionen erbettelten, werden immer häufiger zu willfährigen Helfershelfern für Rachefeldzüge. CH Media mit seiner Berichterstattung über einen Badener Stadtammann, dem es gefiel, Fotos seines Gemächts aus den Amtsräumen an seine Geliebte zu schicken. Die damit, nachdem er sie abserviert hatte, an die Öffentlichkeit ging.

Die gebrannten Kindersoldaten von Ringier (Borer-Affäre) wollten sich auch bei Lachappelle weit aus dem Fenster lehnen – und stellten sich dabei so tölpelhaft an, dass sie eine Superprovisorische einfingen. Auch beim Meckern darüber waren sie nicht viel geschickter; der Ringier-Verlag himself musste den «SonntagsBlick» in den Senkel und den Regen stellen. Bereits am Montag entschuldigte sich Ringier für einen am Sonntag erschienen Report über die angeblich fiesen Methoden des Raiffeisen-Bosses; gelöscht, sorry, tun wir nie wieder, ist das Abflussrohr hinuntergespült. Unheimlich motivierend für den SoBli.

Die NZZ hatte seriös die Hintergründe zum Überwachungsskandal bei der Credit Suisse recherchiert, natürlich auch aufgrund von zugesteckten Informationen aus dem Umfeld der Gegner des damaligen CS-CEO.

Schliesslich Tamedia, die Mutter aller angefütterten Organe. Ein Wiederholungstäter in jeder Form. Im Reigen der sogenannten Leaks und Papers – von unbekannter Hand gestohlene Datenbänke von vorher unbescholtenen Firmen auf der ganzen Welt – war Tamedia immer vorne dabei und beteiligte sich am Tanz um angebliche Abgründe, Hintergründe, Riesenschweinereien in der internationalen Finanzwelt. Insbesondere, was das skrupellose, verantwortungslose Verstecken von Vermögenswerten reicher Säcke betrifft. Nur: die gross angeprangerten Fälle mit Schweizer Bezug verröchelten jämmerlich. Der Ruf der Betroffenen war zwar – auch posthum – völlig ruiniert, aber was soll’s man hatte ja nur berichtet.

Eine jahrelange Verfolgung des gleichen Zielobjekts

Geradezu obsessiv muss man aber die Verfolgung einzelner Exponenten von Raiffeisen duirch den Oberchefredaktor Arthur Rutishauser nennen. Nachdem der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst – und längere Zeit alleine – über merkwürdige Geldtransfers von Pierin Vincenz berichtet hatte, übernahm dann Tamedia. In der sich über Jahre hinquälenden Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft veröffentlichte Rutishauser ein delikates und strikt vertrauliches Dokument nach dem anderen. Und hielt die Öffentlichkeit über die angeblich demnächst bevorstehende Anklageerhebung auf dem Laufenden.

Um als krönenden Höhepunkt aus der ihm offenbar vollständig vorliegenden, 368 Seiten umfassenden Anklageschrift die saftigsten Stellen über das angebliche Spesengebaren von Vincenz zu zitieren. Zuvor hatte er schon durch die Publikation einer Indiskretion aus dem Privatleben des damaligen CEO dafür gesorgt, dass der, als langjähriger Weggefährte von Vincenz offenbar störend, holterdipolter zurücktreten musste.

Bahn frei für Guy Lachappelle. Dass der zumindest am Rande noch mit der Altlast ASE-Skandal der Basler Kantonalbank verbunden war, was soll’s; niemand ist ganz ohne Fehl und Tadel. Aber, alte Weisheit auch in Hollywood-Schinken, wo Schatten ist, muss auch Licht sein, sonst wird’s zu trübe oder einfach eine Serie noir. Also wurde Lachappelle gelobt, der Aufräumer, energisch, plant die Zukunft, bringt wieder Zug in den Sauhaufen zu St. Gallen.

Nur leise wurde kritisch angemerkt, dass 900’000 Franken für einen Nebenjob schon ziemlich viel Geld ist. Sein Vorgänger, der gerade ins Zielfernrohr von Rutishauser gerückt war, musste sich noch mit etwas mehr als der Hälfte zufrieden geben. Der Oberchefredaktor, wie immer aus internen Unterlagen fröhlich zitierend, warf ihm schwere Versäumnisse vor. Die er mit dem Witzsatz abschloss, dass Rüegg-Stürm nicht Teil der Anklage in Sachen Vincenz sei und daher die Unschuldsvermutung für ihn gelte – wie übrigens für Vincenz auch. Ein echter Schenkelklopfer.

Steigerungen sind immer möglich

Aber die aktuelle Entwicklung schlägt alles Vorherige. Offensichtlich fütterte die rachsüchtige Ex-Geliebte diverse Medien mit dem Inhalt ihrer Strafanzeige gegen Lachappelle. Gegenstand ist ein Mail von ihm, in dem er ihr von seinem privaten Account offenbar auf ihren Wunsch ein völlig belangloses internes Papier zuhielt, das aber, wie er selbst einräumte «potenziell börsenrelevante Infos» enthielt. Was Lachappelle nicht abhielt, im Liebesrausch fortzufahren:

«Aber meine (geschwärzt) bekommt es natürlich. Du bist wunderbar.» Unterzeichnet mit «in grosser Sehnsucht».

Gehört es wirklich zur Berichterstatterpflicht, ein im November 2017 abgeschicktes Mail der öffentlichen Betrachtung – und den Absender der Lächerlichkeit – preiszugeben? Offenbar haben andere Medien, die diese Racheaktion ebenfalls zugestellt bekamen, darauf verzichtet. Damit bleiben mal wieder nur Verlierer auf dem Platz.

Volle Breitseite in Tamedia.

Der nächste gefallene Raiffeisen-Star. Alle Kontroll- und Aufsichtsbehörden, die in diesen Fall verwickelt sind und mal wieder so tun, als ginge sie das nichts an. Die Mitarbeiter von Raiffeisen, die hofften, endlich die Affäre Vincenz hinter sich lassen zu können und mit solchen Themen von ihrer Führungsmannschaft nicht mehr behelligt zu werden. Schliesslich die Justiz, konkreter das Zivilgericht Basel Stadt, das offenbar Superprovisorische am Laufmeter ausstellt.

CH Media, hier das St. Galler «Tagblatt», käut wieder.

Und nicht zuletzt das Publikum, die Leser von sogenannten Qualitätsmedien, die ohne lange Motivforschung skandalisieren, was ihnen zugesteckt wird. Sowohl SoBli wie nun auch Tamedia liessen sich offensichtlich von einer Beteiligten an einer fatalen Affäre instrumentalisieren. So wie es schon Claudia Blumer in ihrem fatal falschen Bericht über einen hässlichen Sorgerechtsstreit widerfuhr.

Dass der von Rutishauser durch alle Böden verteidigt wurde, Tamedia sich bis heute weigert, wenigstens eine sachliche Richtigstellung zu publizieren, macht das Vorgehen im Fall Lachappelle notorisch. Und lässt den Konsumenten mit der immer drängenderen Frage zurück, wieso er dafür eigentlich noch etwas bezahlen soll.

Die NZZ erinnert sich an einen Filmtitel.

Nachdem CH Media bislang zur ganzen Affäre geschwiegen hat, gelüstete es offenbar die journalistische Leiter nach unten, sich auch einzumischen. Unter anderem im Qualitätsmedium «watson» meldet sich Pascal Hollenstein, zusammen mit Florence Vuichard zum ersten Mal zu Wort.

Wer dreht woran weiter?

Wir begeben uns in die unterste Schublade des Journalismus 

Zunächst erwähnt das Duo, von wem es angefüttert wurde:

«Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin.»

Man hat sich also im Sinne der political correctness – nicht umsonst ist Hollenstein ehrenamtlich Lautsprecher für Jolanda Spiess-Hegglin – für die Seite der verschmähten Geliebten entschieden. Nun wird es einen Moment lang eher schmierig:

«Trennung von der Ehefrau, Zusammenzug, öffentliche Auftritte als Paar. Was stimmt? Die Fragen sind persönlich und gehen die Öffentlichkeit im Grunde nichts an. Doch Lachappelle selber war es, der am Donnerstag Intimes an die Öffentlichkeit trug.» Das ist unterste Schublade nach der Devise: Ich sage ja gar nicht, dass mein Nachbar seine Frau schlägt, aber er selbst redet doch drüber.

Aber nur die Einleitung zum neuerlichen Blattschuss, denn nun wird fröhlich weiter Internes und Intimes lustvoll preisgegeben, so heisse es in der Rechtsschrift der Ex-Geliebten:

«Lachappelle selber sei es gewesen, der sich als «Joe » geoutet habe. Zum Beispiel indem er dem Verwaltungsrat des Arbeitgebers seiner Ex-Partnerin ein «diffamierendes Schreiben schickte und vorgab, er selbst sei ‹Joe›». Damit sei der Name Lachappelle erst ins Spiel gekommen.

Es sei Lachappelle selber gewesen, «der quasi die Figur des Joe für sich annektiert hatte und sich völlig unmotiviert gegenüber mehreren Personen in seinem Umfeld dahingehend geäussert» habe, heisst es in der Klageantwort der Ex-Partnerin. Es sei davon auszugehen, dass es Lachappelle darum gegangen sei, seine Ex-Partnerin «insbesondere an ihrem Arbeitsplatz in Misskredit zu bringen und beruflich und privat zu verunglimpfen und finanziell zu schädigen»».

So stelle das der «renommierte Luzerner Medienanwalt Rudolf Mayr von Baldegg in der Klageantwort der Ex-Partnerin ganz anders dar», als Lachappelle an seiner Pressekonferenz behauptet habe.

Wir haben also einen «renommierten Medienanwalt», jede Menge schmutzige Unterwäsche, die von der Ex-Geliebten gewaschen wird, wir haben keine Erklärung, wieso ihr erst nach Jahren in den Sinn kam, ein Mail vom November 2017 zur Grundlage einer Strafanzeige zu machen. Wir haben aber vor allem eines nicht, was Hollenstein ein weiteres Mal als publizistischen Leiter völlig disqualifiziert. Wir haben nicht mal die Erwähnung eines Versuchs, Lachappelle Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Audiatur et altera pars? Hollenstein kann kein Latein

Bekam er die? Reagierte er nicht darauf: Störte sein Reaktion? Das ist nun – unabhängig von «she said, he said» – die allerunterste Schublade im Journalismus. Partei ergreifen, Angefüttertes wiedergeben, aber dem Angegriffenen nicht das Wort erteilen. Selbst Claudia Blumer von Tamedia, ähnlich unterwegs, unternahm zumindest einen untauglichen Versuch, der anderen Seite in ihrem parteiischen und vor Fehlern strotzenden Bericht über einen hässliche Sorgerechtstreit die Gelegenheit zum Beantworten von Fragen zu geben.

Es erhebt sich zum wiederholten Mal die Frage: Wie lange wird der Wanner-Clan, Besitzer von CH Media, dieser Rufschädigung durch einen hochrangigen Mitarbeiter noch zuschauen? Ist wirklich gewollt, dass die wenigen verbleibenden Journalisten diesem Beispiel folgen sollten?

Selbst Tamedia, auch nicht gerade zimperlich im Umgang mit Raiffeisen im Allgemeinen und Lachappelle im Speziellen, erwähnt in ihrem Nachzug-Artikel eine Erklärung, wieso Lachappelle in seiner Pressekonferenz nicht auf diese Vorwürfe einging:

«Uns liegt die Strafanzeige nicht vor», begründet dies Lachappelles Anwalt, Jascha Schneider-Marfels. Darum habe sein Mandant am Donnerstag nichts dazu sagen können.»

Das hätte einiges an heisser Luft aus Hollensteins Schmierenstück rausgelassen, also besser nicht mal nachfragen.

Blattschuss: Lachappelle tritt zurück

Raiffeisen im Elend: Vincenz, Gisel, nun auch Guy Lachappelle. Was ist nur mit dem Führungspersonal dort los? Und mit den Medien?

Eigentlich sah es ganz gut für den VR-Präsidenten der Raiffeisen aus. Der Boss der drittgrössten Bank der Schweiz hatte drohende Schlagzeilen über sich niedergekämpft. Mit der Waffe der superprovisorischen Verfügung.

Guy Lachappelle erklärt seinen Rücktritt.

Damit wird präventiv eine Berichterstattung gerichtlich untersagt, wenn nur so ein «besonders schwerwiegender Schaden» abgewendet werden kann. Gemeint ist damit, dass die Wirkung der Veröffentlichung persönlichkeitsverletzender Aussagen, selbst wenn die nachher zurückgenommen werden müssen, nicht mehr wiedergutzumachen wäre. Selbst eine Gegendarstellung, eine Entschuldigung, eine Richtigstellung kann die Zahnpasta nicht mehr in die Tube zurückdrücken.

Deshalb muss der Betroffene – wenn er einen Richter davon überzeugt – die Möglichkeit haben, das präventiv zu verhindern. Superprovisorisch heisst dabei, dass die Gegenseite, ein Unikum in unserem Rechtsstaat, keine Möglichkeit hat, sich dagegen zu wehren. Das ist einem allfälligen ordentlichen Verfahren vorbehalten, das im Anschluss stattfinden muss.

Auch ZACKBUM ist mit diesem Themenbereich in Kontakt gekommen, mehr dürfen wir dazu nicht sagen. Aber Lachappelle selbst hat in einer gestern eilig anberaumten Pressekonferenz selbst die Insidern längst bekannten Vorkommnisse publik gemacht.

Eine Beziehung mit fatalen Folgen

Laut seiner Darstellung hatte Lachappelle im Jahr 2017 eine aussereheliche Beziehung. Nach deren schnellen Beendigung sei er von seiner Ex-Geliebten verfolgt worden. Die habe dann im August 2020 eine «wissenschaftliche Broschüre» über sogenannte «Toxic Leaders» veröffentlichen wollen, in der er sich als nur leicht verfremdetes Beispiel für ein solches Verhalten wiedererkannt habe. In der Psychologie verbirgt sich hinter diesem Modebegriff die sogenannte dunkle Tetrade, bestehend aus den (subklinischen) Persönlichkeitseigenschaften Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie und Sadismus. Die habe sich in jüngster Forschung als besonders geeignet erwiesen, um sozial unerwünschtes Verhalten vorauszusagen.

Deshalb habe er eine superprovisorische Verfügung dagegen erwirkt. Daraufhin sei seine Ex-Geliebte an den «SonntagsBlick» gelangt, der einen Artikel darüber plante. Auch diesen verhinderte er mit einer weiteren Superprovisorischen. Der SoBli beschwerte sich dann über einen angeblichen Vertrauensbruch, da Lachappelle den Inhalt eines vertraulichen Gesprächs mit dem SoBli als Begründung für seine Superprovisorische verwendet habe. Auch diesen Artikel nahm Ringier mit Ausdruck des Bedauerns wieder zurück.

Als Kollateralschäden gab es weitere Massnahmen gegen die Berichterstattung über diese ganze Affäre. Aber die Ex-Geliebte hatte noch einen weiteren Pfeil im Köcher. Laut NZZ erklärte Lachappelle an der Pressekonferenz:

«Er habe aber selbst einen «riesengrossen Fehler» gemacht, in dem er in seiner Zeit als Chef der Basler Kantonalbank seiner früheren Geliebten auf deren Bitte ein bankinternes Dokument zur digitalen Transformation zugestellt habe. Es sei unklug gewesen, dieses Dokument herauszugeben. Die Frau habe dieses E-Mail an die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt geschickt, verbunden mit einer Strafanzeige. Auch Medien hätten das Mail erhalten.»

Damit wurde für ihn seine Position unhaltbar und er kündigte seinen Rücktritt per Ende Juli von sämtlichen Ämtern an: «Ich habe einen sehr grossen Fehler gemacht und werde ihn bitter bezahlen müssen, aber ich stehe dazu.»

Über den konkreten Fall hinaus ergeben sich einige Fragen allgemeiner Art. Zentral ist die Beurteilung, wo die schützenswerte Privatsphäre einer Person des öffentlichen Interesses aufhört. Eine aussereheliche Beziehung als solche oder jede Form privater Beziehungen ist sicherlich Privatsache.

Privatsphäre von Fall zu Fall

Ausser, es kommen weitere Umstände hinzu. So stolperte der erfolgreiche und ansonsten unbescholtene Raiffeisen-CEO Patrik Gisel über die Unterstellung, er habe mit einer Verwaltungsrätin von Raiffeisen eine intime Beziehung geführt – als sie noch im Amt war. Da sie dann gleichzeitig eine Aufsichtsfunktion über ihn gehabt hätte, wäre das zumindest problematisch gewesen. Obwohl Gisel darauf bestand, dass die Beziehung erst nach dem Rücktritt der Dame begonnen habe, stellte er sein Amt zur Verfügung.

Von all den Verwicklungen und Verquickungen von Privatem und Geschäftlichem bei Pierin Vincenz ganz zu schweigen. Dass es immer wieder Raiffeisen trifft, mag wohl Zufall sein; eine Konstante ist aber unübersehbar.

In allen drei Fällen war es der gleiche Journalist, der mit angefütterten Unterlagen an die Öffentlichkeit ging. Bei Vincenz nicht als Erster, bei Gisel als Einziger und genau im richtigen Moment vor einer GV, wodurch Hektik ausbrach und Gisel den Hut nehmen musste. Und nun bei Lachappelle, der alle vorherigen Publikationsversuche niederkämpfte.

Echt super? Arthur Rutishauser (rechts).

Vor allem bei diesem Fall stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln die Bewahrung der Privatsphäre verteidigt werden kann – und mit welcher Begründung in sie eingedrungen werden darf. Dass der Ständerat gerade die Hürde für die Erlangung einer Superprovisorischen niedriger gelegt hat, ist auch reiner Zufall, aber fatal.

Bedenkliche mediale Entwicklungen

Dass in allen drei Fällen die Unschuldsvermutung, die bis zum Vorliegen eines rechtsgültigen Urteils gelten sollte, bis zur völligen Lächerlichkeit vernichtet wurde, ist bedenklich.

Dass es sich bei allen drei Fällen bislang um blosse Anschuldigungen handelt – auch wenn Lachappelle fehlerhaftes Verhalten einräumt, ändert das nichts daran –, die dennoch zu gravierenden Konsequenzen führten, ist beunruhigend.

Dass sich die dünn und dumm gesparten Medien immer williger dazu hergeben, ohne die genauen Motive zu kennen, sich anonym – wie im Fall der Leaks und Papers – oder mit Absender anfüttern zu lassen, ist ihrem Ruf nicht zuträglich.

Gerade in der Grauzone zwischen vertretbarem öffentlichen Interesse an einer mächtigen Persönlichkeit und deren zu schützender Privatsphäre hat sich hier ein Kampffeld aufgetan, bei dem die Medien – Ankläger, Richter und Henker in einer Person – eine üble und anrüchige Rolle spielen. Ob es um den zu Unrecht beschädigten Ruf von Gunter Sachs selig, um die Vernichtung des Lebenswerks eines schweizerisch-angolanischen Geschäftsmanns geht, gegen den sich ebenfalls alle erhobenen Vorwürfe in Luft auflösten – oder um die drei Herren von Raiffeisen: immer wieder ist es der Oberchefredaktor von Tamedia, der seine Finger in der Affäre drin hat. Ebenfalls ein Fall von mangelnder Compliance, von fehlender Kontrolle.

Es darf gelacht werden: Feuer frei!

Knellwolf, übernehmen Sie! Es gibt noch mehr Gefahr, die von dieser Aufforderung zur Gewalt ausgeht.

Alles ist relativ. Ein SVP-Politiker, der sich nicht unbedingt nationaler Bekanntheit erfreut, verwendete in einer rund 100 Nasen umfassenden Chatgruppe den Spruch «Feuer frei!», um zur Gegenwehr gegen eine Forderung des Bundesamts für Gesundheit aufzurufen.

Das zwirbelte das Blatt der sensiblen Gewaltfreiheit zur Coverstory hoch und warnte in insgesamt drei Artikel davor, dass das brandgefährlich sei. Solche virtuellen Aufrufe könnten schnell real missverstanden werden, und dann könnte auf das BAG geschossen werden. Mit echten Kugeln.

Aber Thomas Knellwolf als ehemaliger Recherchier-Journalist hat natürlich nur an der Oberfläche gekratzt. Da wäre zum Beispiel die deutsche Band «Rammstein» mit ihrem Song «Feuer frei!». Schockierend: der wurde alleine auf YouTube bislang rund 140 Millionen (!) Male aufgerufen. Fast 600’000 Fans gaben ihm ein Daumen hoch.

Bitte nicht nachmachen: Videoclip von «Rammstein».

Wenn man sich vergegenwärtigt, was für ein Gewaltpotenzial hier wie Magma unter der Oberfläche brodelt: Knellwolf, es besteht dringlicher Handlungsbedarf. Das ist Faktor 1,4 Millionen mal mehr Gefährdungspotenzial als beim Aufruf zur Gewalt der SVP!

Hemmungslose Feuerorgie auf der Bühne. Ist das noch Kunst?

Es ist ja nicht nur der Schiessbefehl im Titel des Songs, auch das Lied selber enthält genügend Munition, um einem Knellwolf die Schweissperlen der Angst auf die Stirne zu treiben:

Wann fallen die ersten Schüsse, bei diesen Songzeilen?

Es ist bedauerlich, dass man einem so ausgewiesenen Recherchier-Journalisten weitere Fundstücke nachtragen muss:

Ein gut getarnter Aufruf zur Gewalt. Anleitung für Pyromanen.

Zumindest die Webseite im Aufbau könnte noch durch ein beherztes Eingreifen von Tamedia verhindert werden; dass selbst die NZZ, ja gar der Limmattaler mit dem Feuer spielt, ist so bedauerlich wie traurig; es wirft ein Schlaglicht auf den Sittenzerfall in unserer Gesellschaft, der nicht erst gestern begonnen hat.

Vielleicht könnte Tamedia – mit oder ohne Knellwolf – sein Recherche-Desk endlich mal für etwas Konstruktives einsetzen. Statt sinn- und zwecklos gestohlene Geschäftsunterlagen durchzuflöhen und absurd übertriebene Behauptungen aufzustellen, auf welche Abgründe man da wieder gestossen sei, wäre es doch verdienstvoll, der Gewalt im Internet den Kampf anzusagen.

«Feuer frei!» gegen «Feuer frei!», sozusagen. Die Folgen wären so unabsehbar wie segensreich. Endlich würde ein alter Traum wahr, Tamedia würde ein bisschen Frieden in die Welt bringen:

Damit ihr Traum endlich wahr wird …

Denn das bewegende Lied von Nicole ist bislang nur 6,5 Millionen mal aufgerufen und magere 32’000 mal gelikt worden. Das muss besser werden, damit die Welt eine bessere wird.

Alle können noch dazulernen

Aber nicht nur Knellwolf, auch sein oberer Vorgesetzter kann noch dazulernen, wie mehr Friede und weniger Feuer in die Welt kommt. Denn Arthur Rutishauser hat nach zweitägigem, vertieftem Nachdenken herausgefunden, dass eine kindische Karikatur, in der der Kopf seiner Mitarbeiterin Michèle Binswanger in eine Illustration der Hinrichtungen während der Französischen Revolution hineingemecht wurde, eine «Grenzüberschreitung» darstelle. Sogar eine «schwere».

Rutishauser gelangt in seinem mit langer Lunte entstandenen Kommentar zur Schlussfolgerung:

«Besorgniserregend ist, dass mittlerweile ein Teil der politischen Linken so intolerant geworden ist, dass sie auf jeglichen Anstand verzichtet und Volksverhetzung betreibt.»

Bittere und anklagende Worte des Oberchefredaktors von Tamedia. Nur: fällt ihm dieses Phänomen nicht in seinen eigenen Redaktionen auch auf? Existiert da dieser Teil der politischen Linken nicht? Und wenn wir schon dabei sind: kennt man dieses Phänomen bei der politischen Rechten nicht? Zumindest bei einem Teil davon?

Oder nochmal anders: Sind Grenzüberschreitungen in Richtung brunzdumm nicht noch besorgniserregender? Ein paar Knallköpfe aus dem Umfeld der Berner Reitschule werden mit einer Strafanzeige überzogen. Tamedia fällt wie das Jüngste Gericht über einen unbesonnenen Spruch eines SVP-Politikers her, weil der in der SVP ist.

Tiefergelegtes Niveau der Debatte

Allgemeines Wehgeschrei: die da sind ganz böse. Nein, selber böse. Nein, du böse. Nein, du mehr böse. Du Hetzer. Ha, du grosser Hetzer. Ich kein Hetzer, du aber. Ohne die Verwendung des Wortes Hetzer werden so Konflikte im Sandkasten ausgetragen, inklusive Zerstörung von Sandkuchen, Fuchteln mit Schäufelchen oder gar dem Ziehen an Haaren, Kratzen und Beissen, bis die Eltern eingreifen.

Kampfplatz, nach einer aktuellen Debatte …

Auf diesem ärmlichen Niveau ist ein Teil der politischen Debatte angekommen. Begleitet von Dialogverweigerung, Unfähigkeit, mit Kritik oder Gegenargumenten umzugehen. Mit Ballern aus dem Glashaus, aber feigem Wegducken, wenn zurückgeschossen wird. Rechthaberei und Belehrung ist hohl und lachhaft, wenn sie sich nicht der Debatte stellt. Wäffeln ist einfach, argumentieren anspruchsvoll.

Um nicht nur Männerriten und Pseudo-Martialisches wie von Rammstein zu denunzieren: auch die erregten Tamedia-Frauen haben nach ihrem Protestbrief bislang jede Gelegenheit ausgelassen, sich einer Debatte zu stellen. Auch so verzichtet man auf jeden Anstand.

Schiessscharte auf, rausballern, Schiessscharte zu und die Reaktion aussitzen. Das soll dann Erkenntnisgewinn durch Meinungsaustausch und Debatte sein?

 

Terror von der Reitschule zu Bern

«Feuer frei!» von der SVP? Grosses Gebrüll. Kopf ab von der Reitschule? Schweigen. Diese Heuchler.

Tamedia ist bekanntlich ein liberaler, offener, fortschrittlicher Medienkonzern. Der freien Debatte verpflichtet, konsequent gegen Hetzer, Hate Speech im Internet, gegen das Schiessen mit Worten oder auf Personen.

Das haben gerade zwei Redaktoren deutlich zum Ausdruck gebracht. Da schrieb ein Provinz-Possli der SVP «Feuer frei!» in seiner Mini-Chatgruppe und meinte damit Kritik am BAG. Das brachte ihm (und einem SVP-Regierungsrat) eine Breitseite von Tamedia ein. Front plus länglicher Artikel, ein übles Stück Demagogie vom Unfeinsten.

Dass gleichzeitig der leitende und leidende Redaktor Marc Brupbacher ungehemmt Politiker beschimpfen und Verschwörungstheorien verbreiten darf, was soll’s.

Michèle Binswanger ist auch leitende Redaktorin bei Tamedia. Sie hat den bedeutenden deutschen Journalisten Stefan Aust anlässlich seines 75. und seiner Biografie interviewt. Wegen des Interviewten, aber auch wegen den Fragen ist das ein anregendes Gespräch geworden, das man gewinnbringend lesen kann. Ohne mit den Fragen oder gar den Antworten einverstanden sein zu müssen.

Aust ist ein typische Beispiel dafür, was Gesinnungstäter Amok laufen lässt. Hat was geleistet, war bei «konkret» (die meisten wissen gar nicht mehr, was das ist), hatte führende Positionen im «Spiegel», hat sich mit seinen Recherchen über die RAF (nachschlagen, einfach nachschlagen) verdient gemacht und in Gefahr begeben. Irritiert aber mit seiner unabhängig-kritischen Position.

Aust sagt so Sachen wie:

«Heilige Selbstverwirklichung finden wir bei Fridays for Future und auch bei den linken Revolutionären.»

Das finden linke Gesinnungslumpen in der Schweiz natürlich ganz furchtbar, aber Aust sitzt im fernen Hamburg und überhaupt. Gut, dass es die Interviewerin gibt. Binswanger ist näher und sagt so Sachen wie:

«Der Vorwurf, rechts zu sein, kann ein gesellschaftliches Todesurteil sein.»

Anlass für durchgeknallte Amoks von der Berner Reitschule, unter Pseudonym das hier ins Netz zu stellen:

Sicher nur künstlerisch-ironisch gemeint.

Wir wollen nicht Knellwolf und Co. imitieren und das als wörtlich zu nehmenden Mordaufruf denunzieren. Aber es ist natürlich Ausdruck einer widerwärtigen Geisteshaltung. Nämlich der Unfähigkeit, mit abweichenden Meinungen umzugehen. Darauf anders als mit Ablehnung, Abwehr, Anwürfen zu reagieren.

Die Kämpferin gegen Hass im Netz retweetet die Geschmacklosigkeit.

Gefestigt durch das vermeintlich sichere Wissen, selbst im Besitz der heiligen Wahrheit und im Kampf für das Gute und gegen das Böse zu allem berechtigt zu sein. Dazu wird sogar noch eine hanebüchen dumme Begründung geliefert:

 

Was meinen denn die Vorkämpfer von Tamedia dazu?

Nun macht es keinen Sinn, mit diesen Reitern der galoppierenden Dummheit ernsthaft in eine Auseinandersetzung zu gehen. Interessant könnte hingegen sein, was die beiden Tamedia-Autoren, die sich so fürchterlich über einen angeblichen Mordaufruf der SVP erregten, zu diesem geschmacklosen Angriff auf ihre Kollegin meinen. Interessant wäre es gewesen, was der Oberchefredaktor von Tamedia zu unternehmen gedenkt, um seine Mitarbeiterin vor solch primitivem Hate Speech zu schützen.

Das hätte vielleicht einen kleinen Erkenntnisgewinn für die Leser gebracht. Wenn einer der drei Herren geruht hätte, auf eine höfliche journalistische Anfrage zu reagieren. Aber auch hier gilt: austeilen gegen den politischen Feind, das geht immer, auch mit dem billigsten Vorwand. Aber gleiches Mass auch in der linksautonomen Szene anzuwenden: niemals. Da zeigt der Tamedia-Redaktor Tobler Verständnis für einem «Theatermord», wenn ein deutscher Amok dazu aufruft. Köppel zu töten, weil der angeblich auch töte.

Da werden Seiten mit der völlig überflüssigen Debatte gefüllt, wie man denn weibliche und andere unterdrückte Teile der Gesellschaft sprachlich korrekt abbilden könne. Da werden viele Seiten mit Nabelschau, geklautem Leiden und Besserwissereien gefüllt. Aber wenn eine eigene Mitarbeiterin aufs übelste angegangen wird, dann herrscht heuchlerisches Schweigen.

Da salbadert auch Oberchefredaktor Arthur Rutishauser, dass man bei Tamedia ein «Problem» mit Sexismus und Frauendiskriminierung habe. Aber hier? Ruhe. Da verwandeln sich die Redaktoren, nie um eine schnelle Verurteilung verlegen, in reine Toren, die die Kiefer nicht auseinanderkriegen und verkniffen schweigen, wenn sie Gelegenheit hätten, was zu sagen. Bei dem SVP-Lokalpolitiker machten sie sich noch darüber lustig, dass der eine erste Stellungnahme anschliessend zurückzog. Sie selbst sind nicht einmal dazu in der Lage.

Wer soll die Moral- und Tugendwächter von Tamedia noch ernst nehmen?

Liebe Leute von Tamedia, glaubt Ihr weiterhin ernsthaft, dass ins Internet abschwirrende Werbung plus Corona die ärgsten Feinde der Medien seien? Merkt Ihr nicht, dass Eure eigene Verlogenheit, Eure Heuchelei, Euer völliges Desinteresse an den Interessen Eures Publikums, Eurer Konsumenten, Eurer Brötchengeber der grösste Feind ist? Wer soll Euch denn noch irgendein Urteil, eine Verurteilung, eine Zurechtweisung glauben? Noch schlimmer: wer soll Euch denn noch ernst nehmen?

Inzwischen haben die anonymen Amoks der Reitschule ihren Blöd-Tweet gelöscht. Eiern aber  – samt ihrem Sympathisanten-Sumpf – herum:

 

 

 

Ausflüchte, schönreden, andere anonyme Idioten bedauern oder wollen es nicht gewesen sein.

 

Rings- und Lechtsanwalt Peyer

Man kann sich seine Mandanten nicht immer aussuchen. Claudia Blumer ist die Höchststrafe. Selbst für die Cracks von «Suits».

Markus Peyer ist Anwalt. Eigentlich ein sympathischer und netter Mensch. Eigentlich auf Seiten des Rechts gegen Unrecht.

Blumer-Anwalt Markus Peyer.

Nun sind die Zeiten halt zunehmend garstig im Journalismus. Es wird an allen Ecken und Enden gespart, nicht zuletzt auch an Kompetenz und Recherche. Was früher noch schweisstreibend selber erarbeitet wurde, wird immer mehr von Angefüttertem und Zugehaltenem ersetzt.

Irgendwelche anonyme Kriminelle klauen strikt vertrauliche Geschäftsunterlagen und verteilen die auf hungrige Medienmäuler. Die nennen das dann Leaks oder Papers, schlachten die aus und hauen nach Lust und Laune damit Betroffene in die Pfanne. Als Untersuchungsrichter, Ankläger und Tribunal in einer Person.

War’s dann nichts, wie bei der Verleumdungsattacke gegen Gunter Sachs oder gegen einen schweizerisch-angolanischen Geschäftsmann, dann ist die Karawane von bellenden Hunden längst weitergezogen.

Journalistische Tiefstleistung im Hause Tamedia

Die ehemalige «Tages-Anzeiger»-Journalistin Claudia Blumer hat in einem selten erreichten journalistischen Tiefpunkt einen völlig einseitigen, schlecht recherchierten, nur auf den Aussagen eines Beteiligten sich abstützenden Schmierenartikel über einen hässlichen Scheidungs- und Sorgerechtsstreit veröffentlicht. Der strotzte zwar von faktischen Fehlern (wir berichteten), aber Tamedia inklusive Arthur Rustishauser sah keinen Anlass, ausser zwei Nebensächlichkeiten die Falschaussagen zu korrigieren.

Das brachte Blumer eine Anzeige wegen Verleumdung, Anstiftung zur Amtsgeheimnis- und Berufsgeheimnisverletzung ein, die Staatsanwaltschaft Schaffhausen wurde nach längerem Zögern tätig und begann zu ermitteln. Dazu gehörte auch eine Vorladung an Blumer, der sie im dritten Anlauf nachzukommen geruhte.

Sie erschien mit Markus Peyer bewaffnet zu dieser Einvernahme, über deren Inhalt natürlich der Mantel des Amtsgeheimnis gelegt wird. Allerdings konnte es sich Anwalt Peyer nicht verkneifen, auf die Berichterstattung von ZACKBUM.ch hinzuweisen. Leider nicht lobend, wie sie es verdient hätte. Denn wir halten uns an alle journalistischen Gepflogenheiten, geben allen Beteiligten Gelegenheit zur Stellungnahme, unsere Fakten stimmen, ernsthafte Gegenwehr des Hauses Tamedia ist nicht möglich.

 

Schlaf des Ungerechten?

Dennoch beschwerte sich Peyer darüber, dass auf ZACKBUM angeblich vertrauliche Dokumente verwendet und veröffentlicht worden seien. Das könnte dann im Fall noch seine Konsequenzen haben, man behalte sich vor, bitte um Kenntnisnahme durch die ermittelnde Staatsanwaltschaft.

Das sagte Peyer ausserhalb des Einvernahmeprotokolls, wie mehrere voneinander unabhängige Quellen ZACKBUM gegenüber bestätigten. Abgesehen davon, dass wir auch diesen Einschüchterungsversuch – wie seine Vorgänger – mit schallendem Gelächter begegnen: wir hätten da eine Frage.

Posse, wie von Daumier gezeichnet.

Arthur Rutishauser, der Oberchefredaktor des Tamedia-Konzerns, veröffentlicht seit Jahren, wiederholt und unablässig strikt vertrauliche Dokumente oder Untersuchungsresultate aus der Strafuntersuchung gegen Pierin Vincenz. Vor allem mit seinen ausführlichen und keine Geschmacklosigkeit auslassenden Berichten über Spesenabrechnungen des gefallenen Raiffeisen-Stars hat er den Ruf von Vincenz unrettbar beschädigt.

Rutishauser lässt keine Gelegenheit aus

Inzwischen geht Rutishauser sogar so weit, auch die damalige Ehefrau von Vincenz unter Beschuss zu nehmen. Während er bei ihm ausplaudert, was alles ermittelt wurde, fragt sich Rutishauser bei ihr, wieso nicht energisch genug ermittelt werde. Als Höhepunkt beschaffte er sich offensichtlich die 368 Seiten umfassende Anklageschrift, las die sogar schneller als das zuständige Gericht durch und versorgte seine Leser mit weiteren pikanten, unappetitlichen Behauptungen der Staatsanwaltschaft. Nicht ohne meistens, aber nicht immer darauf hinzuweisen, dass selbstverständlich die Unschuldsvermutung gelte, was nun nicht mal mehr ein schaler Witz ist.

Daher gelangten wir mit der Frage an Anwalt Peyer, ob es ihm nicht selbst bei der bekanntlich flexiblen Rechtsauslegung durch Anwälte nicht etwas gar schräg vorkomme, gegenüber ZACKBUM auf die Vertraulichkeit einer Strafuntersuchung zu pochen, während der oberste Chef seiner Mandantin Mal um Mal vorführt, dass er darauf pfeift.

Leider mochte sich Peyer nicht zu einer Antwort aufraffen. Menschlich verständlich, was sollte er denn auch sagen; der Widerspruch ist so offensichtlich und schreiend. Da wir Markus Peyer nach wie vor für einen aufrechten und moralisch gefestigten Menschen halten, können wir uns nicht vorstellen, dass er sich eine solche Heuchelei mit der überreichlichen Anwendung von alkoholhaltigen Getränken schönsaufen könnte.

Sich über die Verletzung des Amtsgeheimnisses in einer Strafuntersuchung wegen Anstiftung zur Verletzung des Amtsgeheimnisses zu beschweren, das ist schon ein starkes Stück. Das im Auftrag des Hauses Tamedia zu tun, das lässt selbst Tartuffe vor Neid erblassen.

Ex-Press XLI

Blasen aus dem Mediensumpf.

 

«Im Übrigen gilt die Unschuldsvermutung.»

Der gewitzte ZACKBUM-Leser weiss: dann gilt sie nicht. In welchem Zusammenhang liest man das wohl? Kleiner Tipp: Arthur Rutishauser? Richtig, da geht es um Pierin Vincenz. Dessen Unschuldsvermutung ist zwar bereits geschreddert, zerfetzt, verstümmelt, nicht mehr vorhanden. Aber so ein Satz macht sich immer gut. Für Heuchler.

In der aktuellen Fortsetzung der Soap Opera des Tamedia-Oberchefredaktors geht ausnahmsweise erst an zweiter Stelle um Pierin Vincenz. «Warum wird Nadja Ceregato geschützt?», lautet der unheilschwangere Titel der Aufmacherseite des Wirtschaftsbunds der SoZ.

Fragen kann man doch mal …

Schon in der Einleitung dumpft das ganze Elend dieser Verdachtsberichterstattung:

«Von den Millionen, die Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz unrechtmässig bekommen haben soll, profitierte auch seine Ehefrau.»

Das ist nun eine sehr interessante Verwendung des Konjunktivs. Er soll also unrechtmässig Geld bekommen haben. Korrekter Vermutungskonjunktiv, weil nicht bewiesen, nicht rechtsgültig festgestellt, mangels Gerichtsverfahren. Ist zwar auch in der Möglichkeitsform eine tödliche Anschuldigung. Aber sei’s drum, darin ist die SoZ ja ungeschlagener Weltmeister.

Nun wechseln wir aber in den Indikativ; er soll bekommen haben, aber seine Frau Ceregato «profitierte». Wirklichkeitsform. Darüber könnte man nun eine kleine erkenntnistheoretische Abhandlung schreiben: Wenn jemand etwas bekommen haben könnte, profitiert aber auf jeden Fall ein anderer davon? Wir wissen, dass das Verhältnis SoZ – Realität nicht ungetrübt ist, aber traut sich dort denn niemand, dem Oberchef zu sagen, dass er schon rein logisch gesehen Unsinn schreibt?

Offenbar nicht. Genauso wenig, wie sich jemand traut, dem Oberchef zu sagen, dass dieses ständige Verwenden von angefütterten Material so nervig ist wie nur was? Interne Abläufe, strikt vertrauliche Untersuchungsberichte, Verfahrensfragen, Rutishauser kann offenbar aus dem Vollen schöpfen.

Die Anwendung von Logik hilft

Nur: mit welchen Motiven füttert ihn wer ständig an? Die Motivlage ist klar. Vincenz vor dem Prozess möglichst sturmreif zu schiessen, damit er sich vielleicht doch noch auf einen Deal einlässt und nicht in offener Feldschlacht auch Dinge zu Tage treten, die Raiffeisen und den Strafverfolgungsbehörden peinlich sein könnten.

Wer ist’s? Einfache ausschliessende Logik hilft ungemein, bekannt als Ockhams Rasiermesser (Rutishauser und Co.: einfach googeln). Es muss eine Quelle geben, da es absurd wäre anzunehmen, dass Rutishauser diese Informationen auffängt, indem er mit offenem Mund unter dem Fenster der Staatsanwaltschaft steht.

Kenntnis davon haben die Angeschuldigten; ausgeschlossen, dass sie sich selbst in die Pfanne hauen wollen. Ebenfalls die Strafverfolgungsbehörden, die Staatsanwaltschaft. Nahezu ausgeschlossen, dass ein solcher jahrelang munter sprudelnder Quell von ihnen ausgeht. Hohes Risiko bei Entdeckung, Ertrag nahe null. Dann gibt es noch die am Strafverfahren beteiligten Zivilparteien. Also Raiffeisen. Motiv vorhanden, Interesse hoch, Ertrag da. Hm. Das KÖNNTE sein. Konjunktiv. Vermutung. Beweisfrei.

Sternendämmerung

Die Einschläge kommen näher. Der Triumphzug des Gendersternchens scheint unterbrochen zu sein. Salome Müller, Aleksandra Hiltmann und einige andere bei Tamedia, die die Inkludierung der weiblichen Wesen zur wichtigsten Frage der Medienwelt, wenn nicht der Menschheit erklärt haben, müssen herbe Rückschläge hinnehmen.

«Fragewürdige Empfehlungen zum Genderstern in der Schule», müssen sie mit scheckgeweiteten Augen im eigenen Organ lesen. «Die Bundeskanzlei sagt nein zum Genderstern», eine in Deutschland erhobene respräsentative Studie konstatiert unter anderem, dass die Erwartung, sich sprachlich «gendergerecht» oder «politisch korrekt» auszudrücken, viel Unmut auslöst. 71 Prozent halten eine diskriminierungsfreie Sprache für «übertrieben».»

«Oberster Deutschlehrer der Schweiz: Der Genderstern ist Sprachverhunzung

Sagt Deutschlehrer und Präsident der der sprachlich korrekten «Deutschlehrerkräfte» Pascal Frey.

Klare Kante zeigt auch der Kanton Zug: «In Elternbriefen, sagt ein Sprecher der Direktion für Bildung und Kultur, «dürfen die Mittelschulen die neuen, experimentellen Formen wie den Genderstern und Ähnliches nicht anwenden».» Auch das vermeldet Tamedia, einfach so. Noch fataler: «Warum das Gendersternchen in der Schule noch nichts zu suchen hat», schiebt Thomas Speich in einem Kommentar hinterher.

Darin fragt er spitz: «Soll wirklich in den Geschichtsbüchern stehen, dass sich in der Schlacht bei Sempach Eidgenoss*innen und Habsburger*innen gegenübergestanden haben?»

Selbstmordattentate auf die deutsche Sprache …

Unvorstellbar; die Machowelt schlägt zurück. Von Sternchen bedrängte Männer greifen zu allen Mitteln. Zu den bekannten: Verleumdung (Verhunzung), Rekurs auf die dumme Masse (71 Prozent finden’s übertrieben), im Kommentar wird das Gendersternchen fix und fertig gemacht. Schliesslich kommt man auch in den Schulen wieder zu Vernunft. Überall bröckelt es an der Front der tapferen Verwendung dieser Sprachvergewaltigung.

Es darf schallend gelacht werden

«Epidemiologe Andreas Cerny warnt vor einer vierten Welle und verlangt schärfere Corona-Massnahmen im Herbst». Die SoZ kann’s einfach nicht lassen.

Wohl aus Versehen aus dem Stehsatz eine alte Schlagzeile rezykliert …

Noch mehr zum Lachen? Bitte sehr.

Milena Moser durfte nicht zurück in die USA fliegen. Das ist furchtbar. Wir sind entstetzt und haben Mitleid. Auch damit, dass sie gleich zwei Kolumnen aus diesem ungeheuerlichen Skandal presst. Dazu weiss sie, braucht es Analogien, Vergleiche, um dem Leser die ganze Tiefe ihrer Tragödie sinnhaft werden zu lassen. Andere Schriftsteller würden sagen, dass sie genau dafür einen Roman schreiben, aber gut. Moser ist also verletzt, leidet, «die Tränen liefen mir noch übers Gesicht, als ich versuchte, das Bodenpersonal auf mich aufmerksam zu machen.» Leider vergeblich.

Sie befindet sich in «einem verwundbaren Moment» klagt Moser. Und dann hat sie sich bei ihren Freunden ausgeheult, allerdings: «Ich kenne offenbar niemanden, der nicht in einem verwundbaren Moment noch zusätzlich verletzt wurde.»

Wunderbar, denkt sich Moser, da quetsche ich doch gleich noch eine zweite Kolumne raus, indem ich diese Beispiel verbrate. Der frisch Verwitwete, der versucht, die Nebenkostenrechnungen auf seinen Namen umzuschreiben. Die Schwangere mit der aktiven Toxoplasmose, einem für das Ungeborene sehr gefährlichen Parasiten.

«Die Patientin mit den schwer diagnostizierbaren Symptomen.»

Au weia, furchtbar. Welchen Schluss zieht Moser denn aus ihrem traumatischen Erlebnis? «Muss man jemanden treten, der schon am Boden liegt? Nein. Aber man kann.»

Da seufzt die deutsche Sprache tief auf. Das anspruchsvolle Gefäss Kolumne auch. Eigentlich alle Kolumnisten oberhalb von Simone Meier und «watson» ebenfalls. Sie wissen, wovon Moser redet. Sie mussten die «Schriftstellerin» ja alle selber erleiden, auch wenn sie schon nach den ersten Sätzen am Boden lagen und um Gnade winselten.

Ob die Literatur Zukker überlebt?

Nora Zukker ist Literaturchefin bei Tamedia. Gut für sie, schlecht für die Literatur.

Seit Anfang dieses Jahres hat der eine der beiden Duopolkonzerne im Medienbereich eine neue Literaturchefin. Ihr jugendliches Alter und die vielleicht damit einhergehende Unreife wollen wir ihr nicht vorwerfen. Es hat ja jeder Literaturchef mal klein angefangen. Auch so Leute wie Alfred Kerr, Frank Schirrmacher, Marcel Reich-Ranicki usw. Das waren dann alles erst noch Männer, im Fall. Und ihr sicherlich alle unbekannt, im Fall.

Also setzte Zukker schon früh ein erstes Zeichen, indem sie sich mit der Dumm-Literatin Simone Meier («Juden canceln») auf einem Friedhof mithilfe einer Flasche Chlöpfiwasser die Kante gab. Lassen wir das mal als erste Jugendsünde vorbeigehen.

Sie hat auch schon ein Buch geschrieben. Und mitsamt Crowdfunding – nun ja,  publiziert. Wir spürten kurz die Versuchung, Fr. 50.- für ein «Treffen mit der Autorin» zu investieren, konnten uns aber doch zurückhalten.

Dafür trifft die Autorin immer wieder Bücher, und das bekommt denen überhaupt nicht gut. Noch weniger den Lesern ihrer Berichte über solche Begegnungen. Streifen wir kurz, aber nur sehr kurz durch das literaturkritische Schaffen von Zukker. Sagen wir, so der letzten Wochen. Da hätten wir mal diesen da: «Claudio Landolt hat einen Berg vertont und dazu Prosaminiaturen geschrieben.» Oh, und wie tönt er denn so, der Berg? Nun, nach «grellem Pfeifen». Falsch, lieber Laie: «Das ist die absolute Aufnahme, das ist der ultimative Liebesakt zwischen den Ohren und dem Berg.»

Ohä, und wie tönt er denn, der Dichter?

«Da drüben sprechen zwei Männer mit Sand im Mund. Es scheint um Netze zu gehen.»

Ja, da knirscht der Leser auch mit den Zähnen, spuckt Sand und sucht das Weite.

Wir folgen der Schneise der Verwüstung

Wir folgen aber tapfer Zukker zum «Berner Autor Michael Fehr». Womit erfreut der uns? «Ein Mann brät in der Pfanne eine Katze, die sich in seiner Wohnung verirrt hat. Pistolen schiessen in offene Münder hinter dem Bankschalter, ein Paar plündert ein Lebensmittelgeschäft.» Was soll uns nun das sagen? «All das geschieht in den auf das Kreatürlichste destillierten Texten von Michael Fehr.» Oh, was löst das in Zukker aus? «Man möchte schreien und verstummen, man möchte tanzen und sich hinlegen. So unerbittlich uns Michael Fehr an unsere Begrenztheit und zutiefst menschliche Widersprüchlichkeit erinnert, so tröstlich fühlt sich der Raum an Möglichkeiten an.» Ohä, worum geht’s schon wieder? ««super light» ist unerbittlich und von brachialer Zartheit und die Einladung, sich einzulassen aufs Leben, weil es so oder so kein Entkommen gibt.»

Ja, den Eindruck hat der Leser inzwischen auch, aber wir flüchten nun zum «neuen Roman von Judith Keller». Das ist nämlich «Milena Moser auf Acid». Oh. Als ob Moser ohne Acid nicht schon schlimm genug wäre, aber worum geht’s denn hier? Natürlich kommen auch Roger Federer, Virginia Woolf, Hölderlin und die Odysee vor. Ohä, einfach, damit das klar ist: wir verneigen uns hier vor «Prosaminiaturen». Wie dieser:

«Dazu sagen sie Sätze wie: «Es ist so still. Was wollen wir reden?»»

Nichts, rufen wir erschöpft, aber unsere Odyssee, bei Hölderlin und Federer, ist noch nicht vorbei. Wir sind nun beim Debutroman von Andri Hinnen. Etwas Leichfüssiges über «unsere inneren Dämonen». Da könnte sich Dostojewski wohl noch eine Scheibe von abschneiden, wenn Zukker wüsste, wer das ist. So aber lobt sie: «Ein rasanter Roman, der durch den Einfall, die Psychose zur Figur «Rolf» zu machen, überrascht.» Vielleicht eine Schlaufe zu viel, meldet sich die strenge Literaturkritikerin aber: «Wenn es richtig reinknallt, sind wir am Leben.»

Überleben, das ist alles bei der Lektüre von Zukker

Wir sind hingegen froh, immer noch am Leben zu sein nach diesem Martyrium, nach diesen Stahlgewittern (Jünger, das war, aber wir haben ja schon aufgegeben). Noch ein letzter, matter Blick auf die Fähigkeiten von Zukker als Feuilletonistin. Da wird sie launig: «Sommer nach der Pandemie: 3, 2, 1 … Ausziehen!» Hui, wird’s jetzt noch sinnlich? «Ich bin in der Bar meines Vertrauens. Zwei Beine in einer kurzen Hose setzen sich neben mich, und ich komme nicht damit klar.» Oh, damit wäre die Frage nach Sinnlichkeit bereits beantwortet: Nein. Nach Sprachbeherrschung auch. Beine setzen sich? Aua.

Ist’s wenigstens unterhaltsam? «Ich bestelle einen weiteren Negroni sbagliato und frage mich, gibt es auf Ibiza eigentlich FKK-Strände, denn: Würde ich die Entwicklung dieser Entkleidungszeremonie weiterdenken, müsste die kurze Hose neben mir eigentlich auf der Baleareninsel nackt rumlaufen.» Ohä, auch nein.  Nochmal aua, eine kurze Hose läuft nackt herum? Gibt’s noch irgendwie eine Pointe, etwas, das «richtig reinknallt»? Na ja: «Ich rufe meinen guten Freund in Deutschland an und frage ihn: «Wie nackt sind die Beine im Norden?»»

Nein, die Antwort wollen wir nicht wissen. Aber immer noch besser, als wenn sich Zukker in Debatten einmischt, für die man lange Hosen anhaben müsste, um wirklich mitdiskutieren zu dürfen. Wie zum Beispiel das längst verstummte Geschrei um eine Provokation von Adolf Muschg. «Twitter richtete. Dass der Schweizer Intellektuelle die Cancel Culture mit Auschwitz verglich, löste harsche Kritik aus», blubberte Zukker damals. Schlimmer noch:«Dieses Wort lässt keinen spielerischen Umgang zu.» Entweder weiss sie auch hier nicht, was sie schreibt, oder sie unterstellte Muschg, er habe das Wort Auschwitz «spielerisch» verwendet. Wir regten damals an, dass sich Zukker wenigstens bei Muschg für diesen unglaublichen Ausrutscher entschuldigen sollte. Tat sie nicht.

Also bitte, bitte, lieber Arthur Rutishauser. Lieber Herr Supino. Liebe Minerva, liebe Hüter der letzten Reste von Niveau und Anspruch: wer sorgt wann dafür, dass diese Frau die deutsche Literatur nicht mehr länger quälen, zersägen, misshandeln darf – und den Leser auch noch?

 

Erinnert sich noch jemand an den Tamedia-Protest?

Es wurden Behauptungen aufgestellt, ergänzt mit Forderungen und Ultimatum. Und jetzt?

Zunächst 78 Frauen unterzeichneten ein Protestschreiben, das sexistische, diskriminierende, frauenfeindliche, demotivierende Zustände bei Tamedia beklagte. Ergänzt mit rund 60 anonymen, unbelegten «Beispielen» dafür.

Nachdem das – entgegen der Absicht vieler Unterzeichner – an die Öffentlichkeit gelangte, gab es erwartungsgemäss ein Riesenhallo. Die beiden Promotorinnen schafften es sogar als Fokus-Thema in eine Ausgabe von «10 vor 10». Die schlimmsten «Beispiele» wurden überall fleissig zitiert; die anderen Medienhäuser, nachdem sie sich versichert hatten, dass so ein Blödsinn bei ihnen nicht passiert, zeigten sich indigniert.

So ging das dahin, und dann ging es den Weg aller Strohfeuer. Der Brief hat das Datum 5. März. Am Tag der Frau, also am 8. März, ging das grosse Gewese los, schleppte sich durch die Gazetten, in Talkshows, wurde Thema im Radio. Strengste Untersuchungen wurden angekündigt, der Oberchefredaktor von Tamedia war so geknickt, dass er sich gleich präventiv entschuldigte.

Oder doch nicht?

Dafür müsste ihm eigentlich das Journi-Patent weggenommen werden. Sich entschuldigen, aufgrund durch nichts belegter Behauptungen und anonymer Beispiele? Hat der ein Schwein, dass es keinen Führerschein braucht, um einen Medienkonzern journalistisch zu führen.

Grosse Töne spucken, und dann?

Aber, das alles könnten wir endgültig vergessen und darunter abhaken, dass sich so einige Redaktorinnen eine Arbeitsplatzgarantie verschafft haben. Wenn da nicht ein Satz in diesem Brandbrief stünde, ganz am Schluss und drohend:

«Wir erwarten bis zum 1. Mai 2021 konkrete Vorschläge zur Umsetzung unserer Forderungen und eurer «verbindlichen Ziele». Ausserdem erwarten wir, dass die detaillierte Überprüfung des Betriebsklimas bis Anfang 2022 transparent gemacht und gegebenenfalls weitere Korrekturen vorgenommen werden.»

Wenn wir uns bei ZACKBUM nicht täuschen, haben wir nun Mai. Weder von konkreten, noch abstrakten Vorschlägen haben wir gehört. Obwohl bereits der 5. Mai da ist, aber nichts neu macht.

Das erinnert an den alten Scherz: Ich fordere sie ultimativ auf, das zurückzunehmen. – Nö. – Okay, dann ist der Fall für mich erledigt.

Daher kann man sich aussuchen, ob man dieses Protestschreiben, seine Verbreitung in der Öffentlichkeit durch Jolanda Spiess-Hegglin, die sich einen Scheiss darum gekümmert hat, ob auch alle 78 Erstunterzeichnern damit einverstanden sind, und alles anschliessende, tief betroffene Gemurmel ein Trauerspiel war – oder reiner Slapstick.

Zumindest der Sache der Frau, den im Schreiben formulierten Anliegen wurde ein Bärendienst erwiesen, meinetwegen auch ein Bärinnendienst. Denn Lächerlichkeit tötet. Bis 1. Mai eine Reaktion auf den Forderungskatalog, von Anstand bis Vertrauenspersonen. Nein? Dann halt nicht. Unerträgliche Arbeitsbedingungen für Frauen auf den Redaktionen, «wir sind nicht länger bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen.» Oder doch.

Das Protestschreiben mondete nur zwei Mal

«Viele dieser Forderungen sind bereits bekannt.» Na dann. «Wir haben sie im Rahmen des Frauenstreiks 2019 formuliert.» Schön. «Sie sind in den vergangenen eineinhalb Jahren noch dringlicher geworden.» Na, da können sie locker noch weitere Jahre reifen.

In nur 60 Tagen ist der ganze Aufstand schon verwelkt, werden die angeblich so schlimmen Arbeitsbedingungen wieder stillschweigend ertragen. Ach, die Nummer mit: es hat doch etwas bewirkt, Zeichen gesetzt, Fanal, Männer sind nun weniger übergriffig als vorher? Ja, ja, das sagt man immer, wenn etwas zusammengebrochen ist.

Abschneiden, ernten.

Tamedia hat weitgehend richtig reagiert. Zuerst tiefe Betroffenheit geheuchelt, der Oberchefredaktor ging sogar so weit, sich für völlig belegfrei behauptete verbale Übergriffe zu entschuldigen. Da hatte er zu viel Gas gegeben. Dann verkündete er stolz, dass eine der Mitunterzeichner damit beauftragt worden sei, das Ganze nun zu untersuchen.

Muss und will. Aber auch kann?

Wahrscheinlich galt sie neutral genug, weil sie zwar unterschrieben hatte, aber bei Roger Schawinski fröhlich verkündete, dass sie selbst noch nie solche männlichen Verhaltensweisen erlebt habe. Nach scharfem und langem Nachdenken verkündete Arthur Rutishauser dann, dass das mit Claudia Blumer vielleicht doch keine so gute Idee war. Sie wurde zur «Vertrauensperson» herabgestuft, der man (und vor allem frau) sich ungeniert anvertrauen könne.

Die eigentliche Untersuchung, wie es sich überall gehört, werde dann extern  durchgeführt. Man sei da schon in Verhandlungen, könne aber noch keine Namen nennen. Seither müffelt alles vor sich hin.

Wir haben die beiden Erstunterzeichnerinnen gefragt, welche Massnahmen nun geplant sind, ob sie per 1. Mai eine Reaktion von Tamedia erhalten haben. Die Antwort ist – Schweigen. So wie schon auf alle vorherigen Anfragen von ZACKBUM.ch, die wir auch schon an alle Unterzeichnerinnen – und Nicht-Unterzeichnerinnen – schickten. Darauf hörten wir – einen Schweigechor von mehr als 100 Frauen. Meckern ja, auf Fragen antworten nein. Wenn das nicht männerverachtend, lächerlich, schwach ist, also das Vorurteil des schwachen Geschlechts bedient, dann weiss ich auch nicht.

 

 

Blumers blümerante Beziehungen, Teil 4

Wieso blieb Tamedia bei dieser klaren Faktenlage pickelhart beim Njet zu einer Richtigstellung?

Hier geht’s zu Teil 1, hier zu Teil 2, hier zu Teil 3. Hier zu 14 Falschaussagen, hier zur Time Line.

Auf den ersten Blick erscheint es völlig unverständlich, wieso Tamedia nicht den Wunsch nach Richtigstellung akzeptierte. Als schon vor Erscheinen des Artikels klar wurde, dass der Ex-Mann der im Artikel gröblich verleumdeten Mutter cholerisch ist, ein Gewaltproblem hat und weder jemals Schuld bei sich sehen kann, noch Niederlagen akzeptieren. Als von der Betroffenen sachlich eine ganze Latte von 14 falschen Tatsachenaussagen mit Belegen nachgewiesen wurden.

Als die Mutter darauf hinwies, dass angesichts ihrer Stellung und der Bekanntmachung durch ihren Ex-Mann, um wen es sich bei diesem Ehepaar handle, nicht nur ein Reputationsschaden, sondern auch berufliche Nachteile entstehen könnten. Spätestens in diesem Moment hätten die Alarmsirenen aufheulen müssen. Dass Claudia Blumer den Kontakt abbrach, wohlan. Dass sich Arthur Rutishauser hinter seine Journalistin stellt? Okay.

Wer dreht wo und warum an welchem Rad?

Keine Verschwörungstheorie, nur eine Liste von Merkwürdigkeiten

Nun gibt es aber eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten. Auf persoenlich.com erscheint ein Bericht über diesen Fall, der auch die Einwände der Mutter korrekt wiedergibt. Darauf reagieren einige Kommentarschreiber eher unwirsch gegenüber Tamedia. Bis diese Kritiken von Verleger Matthias Ackeret gelöscht wurden. Auf Nachfrage räumte er ein, dass das wohl ein Fehler war, aber Arthur Rutishauser habe ihn persönlich darum gebeten.

Auch Ackeret reagierte nicht auf entsprechende Fragen.

Nachdem die Betroffene auf Granit beisst, versuchen Familienangehörige, auf anderen Wegen eine Korrektur dieses Verleumdungsartikels zu erreichen. Sie wenden sich sogar an den Big Boss von Tamedia, an Pietro Supino. Der antwortet zwar mailwendend, obwohl er sich gerade in den Ferien entspannte. Allerdings meint er genauso entspannt, dass er hier kein Problem und allfälligen rechtlichen Schritten gelassen entgegen sehe.

Ignaz Staub, der Ombudsmann von Tamedia, kommt in einer ellenlangen und verschwurbelten Antwort auf die Beschwerde zum Ergebnis, dass er persönlich natürlich die Vorkommnisse bedaure, aber  kein Fehlverhalten seitens Tamedia erkennen könne.

Er führt tatsächlich als Argument an, dass sich die Mutter als Quelle für einen Artikel in der «Schaffhauser AZ» doch auch aus der Anonymität begeben habe, weshalb ihre Vorwürfe gegen den Ex-Mann nun nicht gerade nachvollziehbar seien.

Aktion, Reaktion, solche Grundbegriffe scheinen Staub dabei völlig unerheblich zu sein.

Ein Bild von einem Ehemann

Aus vielen Indizien lässt sich ein Bild des Ex-Ehemanns herstellen. Er ist offenkundig aufbrausend, beratungsresistent und unbelehrbar. Mit all seinen Anzeigen und Strafanzeigen, die er bis zum Bundesgericht weiterführte, ist er ausnahmslos gescheitert.

Obwohl er, wie eine Mitbetroffene richtig sagt, «ausser dem Familienhund alle und alles anzeigte». Ohne jemals auch nur einen einzigen Erfolg vor Gericht zu erzielen. Diese Niederlagen sieht der Ex-Ehemann aber dadurch erklärt, dass es in Schaffhausen eine Verschwörung gegen ihn gebe, in die die ganze Schaffhauser «SP Sauband» verwickelt sei.

Es musste ihm mehrfach gerichtlich untersagt werden, die Kesb-Präsidentin öffentlich zu verleumden. Er sieht sich als Opfer dieser Machenschaften, völlig schuldlos an der Entfremdung von seinen Kindern, die ihm von der rachsüchtigen Mutter, unter Beihilfe von Staatsorganen, weggenommen worden seien. Alles, was nicht dieser Ansicht entspricht, blendet er aus, bis hin zu mit Strafbefehl erledigten Verurteilungen.

Auch seine Gewalttätigkeit gegenüber seiner Ex-Frau, sein Stalking, seine Gewalt gegen Beamte, das sei alles Teil einer Verschwörung gegen ihn.

Der Mann hat also ein gröberes Problem. Aber wieso nimmt ihn Blumer als Kronzeugen für einen Artikel, der das Thema «wie entfremden Frauen aus Rache gemeinsame Kinder vom geschiedenen Vater» beleuchten sollte?

Eine bislang unbewiesene, aber logische Hypothese

Bindella – und das Leben ist schön.

Wieso gibt sich Tamedia so eisenhart, bzw. schmallippig, wenn es um diesen Fall geht? Sicher, aussitzen, am ausgestreckten Arm verhungern lassen, irgendwann ist’s dann mal gut, kann man probieren. Allerdings laufen noch diverse Strafverfahren in diesem Fall, beerdigt ist er noch lange nicht.

Eine mögliche Erklärung für die Reaktion Supinos, von Rutishauser und auch von Blumer hat einen Namen. Rudi Bindella Senior. Er gehört unbestreitbar zu den bedeutenderen Inserenten von Tamedia; Restaurants, Weinhandlungen, usw. Natürlich laufen Anpreisungen von Lokalen zurzeit eher auf Sparflamme, aber das kann ja nicht ewig so bleiben.

Dann gibt es noch einen weiteren Berührungspunkt zwischen diesem Verleumdungsartikel von Blumer und Bindella Senior. Der wandelte vor einigen Jahren schon mal auf Freiersfüssen, liess sich von seiner langjährigen Gattin scheiden und ehelichte eine ein paar Jahre jüngere Dame.

Diese Ehe war aber nicht von ewiger Liebe geprägt, obwohl man sich gemeinsam fortpflanzte. Seit vielen Jahren befinden sich Bindella und seine inzwischen Ex-Gattin in einer noch nicht beendeten güterrechtlichen Auseinandersetzung. Auf Deutsch: wie viel Geld kriegt die Dame.

Angesichts seines Alters entschied das Bundesgericht ausnahmsweise, dass die Ehe geschieden wird, obwohl das Finanzielle noch nicht geregelt ist. Um wie viel Geld es da geht, beleuchtete ein Prozess um die laufenden Unterhaltszahlungen, die Bindella schon seit vielen Jahren abdrückt. Es handelt sich um 45’000 Franken. Pro Monat, wohlverstanden.

Zudem beklagt sich Bindella darüber, dass ihm seine Ex-Gattin die gemeinsame Tochter entfremdet habe, was ihn als liebenden Vater natürlich ungemein schmerze*. Womit der Bogen zum Blumer-Artikel geschlagen wäre.

Menschlich verständliche Reaktionen

In dieser Konstellation ist es verständlich, dass vielleicht Bindella Senior selbst, sicherlich aber seine Familie und in erster Linie seine Kinder strikt dagegen sind, dass Papa nochmal eine Ehe mit einer etwas jüngeren Frau eingeht. Während Blumer, menschlich verständlich, zum möglichst weit in der Zukunft liegenden, aber unvermeidlichen Moment lieber als trauernde Witwe am Grab stehen möchte, und nicht als trauernde Ex-Geliebte. Das sind natürlich alles reine Spekulationen. Im Moment.

Was hat das alles mit dem schon längst beigelegten, abgeurteilten und beendeten Streit um das Besuchsrecht in Schaffhausen zu tun? Eigentlich nichts. Ausser, dass Blumer eine abgrundtief schlechte Journalistin ist.

Hat bislang alles überlebt, diese Schande einer Reportage.

Sie wird nicht müde, selbst ein rotes Tuch der Frauenbewegung wie Esther Vilar dafür zu loben, dass die eben darauf bestanden habe, dass Frauen die Ehe nicht als lebenslängliche Versorgungsanstalt betrachten sollten. Sondern selbst etwas auf die Beine stellen. «Entlastung des Mannes von der Ernährerlast, gleiche Chancen für Frauen im Berufsleben», kommentierte Blumer am 31. März. Sie begrüsste auch – zum Befremden ihrer Geschlechtsgenossinnen – das jüngste Urteil des Bundesgerichts, das klarstellte, dass nach einer Scheidung die Ex-Gattin nicht mehr lebenslang durchgefüttert werden müsse. Das dürfte Balsam für die Ohren von Bindella Senior sein, denn auch für einen Multimillionär sind 45’000 Franken im Monat kein Pappenstiel.

Bislang ist es den beiden B. gelungen, diese unglaubliche Mediengeschichte in mehreren Akten mehr oder minder unter dem Deckel zu halten.

*Siehe die Punkte 26 – 27 des Schreibens von Tamedia.

Lesen Sie morgen exklusiv die Zusatzstory, bei der es ZACKBUM macht.
Die Enthüllung. Die holt jede Oma aus dem Koma. Garantiert.

Der Realität wird’s blümerant Teil 2

Nach dem Blumer-Skandal einer völlig einseitigen, vor Fehlern strotzenden Publikation, folgt der Tamedia-Skandal.

Hier geht’s zum ersten Teil.

Die betroffene Mutter fiel aus allen Wolken, als sie das Machwerk Claudia Blumers zu Gesicht bekam. Von ihrem Ex-Mann war bereits einen Tag zuvor in Schaffhausen herumgeboten worden, um wen es sich bei diesem unzulänglich anonymisierten Scheidungspaar handle**.

Daraufhin wandte sich die Mutter und ihre Familie der Reihe nach an Claudia Blumer, an den Oberchefredaktor Arthur Rutishauser, an den Tamedia-Ombudsmann Ignaz Staub und ein Familienmitglied mit journalistischem Hintergrund kontaktierte auch den Tamedia-Oberboss Pietro Supino.

Denn in höflicher Form und ausführlich mit Dokumenten belegt, hatte die im Artikel nicht gehörte Mutter 14 faktische Falschaussagen* aufgeführt, die Blumer neben aller Einseitigkeit auch noch unterlaufen sind. Sie verlangte eine Richtigstellung und eine Entschuldigung. Der langjährige Medienkritiker der NZZ, Rainer Stadler, kam angesichts der windelweichen Antwort des Ombudsmanns, dem Abwimmeln der Mutter durch alle anderen kontaktierten Verantwortungsträger zum Fazit:

«Kurz und schlecht: Das war keine Sternstunde der Tamedia, auf keiner Stufe.»

Ein Weg der Enttäuschungen.

Statt wenigstens inhaltlich auf die 14 Falschaussagen im Artikel einzugehen, von der ganzen Latte journalistischer Fehlleistungen und handwerklicher Anfängerfehler ganz zu schweigen, verteidigt Arthur Rutishauser den Artikel unverfroren in einem Interview mit persoenlich.com. Der Artikel stütze sich «auf Dokumente und Expertenstimmen, insofern ist er nicht einseitig». Es äussere sich zwar nur der Vater, aber die Mutter wollte nicht, was auch ausgewiesen sei.

Pikant dabei: eigentlich waren schriftliche Fragen an Blumer gerichtet worden, die zuerst auch ihre Beantwortung zusagte. Aber dann übernahm Rutishauser, was Blumer damals offensichtlich nicht als typisch sexistische, männliche Arroganz empfand.

Claudia Blumer (l.) bei der Buchvernissage von Salome Müller.
Beide gehören zu den Unterzeichnern des Tamedia-Protestbriefs.

Rutishauser übernimmt persönlich die Verteidigung gegen aussen

Zur Tiefstform läuft Rutishauser auf, als er mit einer Aussage seiner Fachkraft konfrontiert wird. Blumer hatte in der Schaffhauser AZ gesagt, dass der Text «sinngemäss möglichst nahe an der Wirklichkeit erzählt, aber ohne Anspruch auf Detailtreue oder gar Richtigkeit der Angaben» sei. Wichtig sei der Zusatz «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes», den habe die Schaffhauser AZ weggelassen. «Somit hat der Autor selber gegen die journalistischen Regeln verstossen, auf die er sich beruft», behauptet Rutishauser triumphierend.

Der Autor des Artikels räumt ein, dass diese Kritik «nachvollziehbar» sei. Mattias Greuter fährt dann fort:

«Aber damit habe ich wohl kaum «gegen die journalistischen Regeln verstossen», wie mir Rutishauser unterstellt. Vielmehr ist mein Eindruck, dass er mit dieser Kritik davon ablenken wollte, dass der ursprüngliche Tages-Anzeiger-Artikel sehr problematisch war und Unwahrheiten enthielt, die man hätte überprüfen können. Unwahrheiten, die nichts mit Verfremdung aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes zu tun haben
Auch Rutishauser ist in der pauschalen Antwort der Tamedia-Kommunikationsstelle inbegriffen, auch er will sich nicht zu einem ausführlichen Fragenkatalog äussern.

Er merkt allerdings nicht, dass er sich mit diesem Rempler gegen Kollega Greuter nur noch tiefer reinreitet. Denn selbst mit diesem Zusatz wird die Aussage von Blumer nicht weniger fragwürdig, weniger skandalös. Skandalös ist ebenfalls, dass Tamedia schlichtweg mauerte. Korrektur der belegten vielen Fehler? Möglichkeit zur Gegendarstellung? Entschuldigung? Richtigstellung einer völlig verunglückten, einseitigen Reportage? Niemals**.

Es bleibt eine interessante Frage offen

Daraufhin wurde – wohl eher aus Verzweiflung statt rechtlichen Gründen – gegen Blumer eine Strafanzeige eingereicht. Wegen Verleumdung und falschen Tatsachenbehauptungen, was höchstens mit etwas Glück zu einem Erfolg führen dürfte. Ebenso gegen die von ihr zitierte Kinderpsychologin.

Bleibt die Frage, wieso Tamedia in diesem völlig offensichtlichen Fall von Falschberichterstattung eisern bleibt, während sonst schon das Räuspern eines Medienanwalts reichen kann, um Artikel zu löschen, zu korrigieren, richtigzustellen.

Eine sehr interessante Frage.

*siehe Zusatzartikel : 14 Falschaussagen in einem einzigen Artikel

**Siehe die Punkte 19 – 20 des Schreibens von Tamedia.

Lesen Sie morgen in Teil 3: Blumers blümerante Weltsicht.
Wo liegen die Motive für diesen Feldzug gegen angeblich manipulierende Frauen?