Beiträge

Erinnert sich noch jemand an den Tamedia-Protest?

Es wurden Behauptungen aufgestellt, ergänzt mit Forderungen und Ultimatum. Und jetzt?

Zunächst 78 Frauen unterzeichneten ein Protestschreiben, das sexistische, diskriminierende, frauenfeindliche, demotivierende Zustände bei Tamedia beklagte. Ergänzt mit rund 60 anonymen, unbelegten «Beispielen» dafür.

Nachdem das – entgegen der Absicht vieler Unterzeichner – an die Öffentlichkeit gelangte, gab es erwartungsgemäss ein Riesenhallo. Die beiden Promotorinnen schafften es sogar als Fokus-Thema in eine Ausgabe von «10 vor 10». Die schlimmsten «Beispiele» wurden überall fleissig zitiert; die anderen Medienhäuser, nachdem sie sich versichert hatten, dass so ein Blödsinn bei ihnen nicht passiert, zeigten sich indigniert.

So ging das dahin, und dann ging es den Weg aller Strohfeuer. Der Brief hat das Datum 5. März. Am Tag der Frau, also am 8. März, ging das grosse Gewese los, schleppte sich durch die Gazetten, in Talkshows, wurde Thema im Radio. Strengste Untersuchungen wurden angekündigt, der Oberchefredaktor von Tamedia war so geknickt, dass er sich gleich präventiv entschuldigte.

Oder doch nicht?

Dafür müsste ihm eigentlich das Journi-Patent weggenommen werden. Sich entschuldigen, aufgrund durch nichts belegter Behauptungen und anonymer Beispiele? Hat der ein Schwein, dass es keinen Führerschein braucht, um einen Medienkonzern journalistisch zu führen.

Grosse Töne spucken, und dann?

Aber, das alles könnten wir endgültig vergessen und darunter abhaken, dass sich so einige Redaktorinnen eine Arbeitsplatzgarantie verschafft haben. Wenn da nicht ein Satz in diesem Brandbrief stünde, ganz am Schluss und drohend:

«Wir erwarten bis zum 1. Mai 2021 konkrete Vorschläge zur Umsetzung unserer Forderungen und eurer «verbindlichen Ziele». Ausserdem erwarten wir, dass die detaillierte Überprüfung des Betriebsklimas bis Anfang 2022 transparent gemacht und gegebenenfalls weitere Korrekturen vorgenommen werden.»

Wenn wir uns bei ZACKBUM nicht täuschen, haben wir nun Mai. Weder von konkreten, noch abstrakten Vorschlägen haben wir gehört. Obwohl bereits der 5. Mai da ist, aber nichts neu macht.

Das erinnert an den alten Scherz: Ich fordere sie ultimativ auf, das zurückzunehmen. – Nö. – Okay, dann ist der Fall für mich erledigt.

Daher kann man sich aussuchen, ob man dieses Protestschreiben, seine Verbreitung in der Öffentlichkeit durch Jolanda Spiess-Hegglin, die sich einen Scheiss darum gekümmert hat, ob auch alle 78 Erstunterzeichnern damit einverstanden sind, und alles anschliessende, tief betroffene Gemurmel ein Trauerspiel war – oder reiner Slapstick.

Zumindest der Sache der Frau, den im Schreiben formulierten Anliegen wurde ein Bärendienst erwiesen, meinetwegen auch ein Bärinnendienst. Denn Lächerlichkeit tötet. Bis 1. Mai eine Reaktion auf den Forderungskatalog, von Anstand bis Vertrauenspersonen. Nein? Dann halt nicht. Unerträgliche Arbeitsbedingungen für Frauen auf den Redaktionen, «wir sind nicht länger bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen.» Oder doch.

Das Protestschreiben mondete nur zwei Mal

«Viele dieser Forderungen sind bereits bekannt.» Na dann. «Wir haben sie im Rahmen des Frauenstreiks 2019 formuliert.» Schön. «Sie sind in den vergangenen eineinhalb Jahren noch dringlicher geworden.» Na, da können sie locker noch weitere Jahre reifen.

In nur 60 Tagen ist der ganze Aufstand schon verwelkt, werden die angeblich so schlimmen Arbeitsbedingungen wieder stillschweigend ertragen. Ach, die Nummer mit: es hat doch etwas bewirkt, Zeichen gesetzt, Fanal, Männer sind nun weniger übergriffig als vorher? Ja, ja, das sagt man immer, wenn etwas zusammengebrochen ist.

Abschneiden, ernten.

Tamedia hat weitgehend richtig reagiert. Zuerst tiefe Betroffenheit geheuchelt, der Oberchefredaktor ging sogar so weit, sich für völlig belegfrei behauptete verbale Übergriffe zu entschuldigen. Da hatte er zu viel Gas gegeben. Dann verkündete er stolz, dass eine der Mitunterzeichner damit beauftragt worden sei, das Ganze nun zu untersuchen.

Muss und will. Aber auch kann?

Wahrscheinlich galt sie neutral genug, weil sie zwar unterschrieben hatte, aber bei Roger Schawinski fröhlich verkündete, dass sie selbst noch nie solche männlichen Verhaltensweisen erlebt habe. Nach scharfem und langem Nachdenken verkündete Arthur Rutishauser dann, dass das mit Claudia Blumer vielleicht doch keine so gute Idee war. Sie wurde zur «Vertrauensperson» herabgestuft, der man (und vor allem frau) sich ungeniert anvertrauen könne.

Die eigentliche Untersuchung, wie es sich überall gehört, werde dann extern  durchgeführt. Man sei da schon in Verhandlungen, könne aber noch keine Namen nennen. Seither müffelt alles vor sich hin.

Wir haben die beiden Erstunterzeichnerinnen gefragt, welche Massnahmen nun geplant sind, ob sie per 1. Mai eine Reaktion von Tamedia erhalten haben. Die Antwort ist – Schweigen. So wie schon auf alle vorherigen Anfragen von ZACKBUM.ch, die wir auch schon an alle Unterzeichnerinnen – und Nicht-Unterzeichnerinnen – schickten. Darauf hörten wir – einen Schweigechor von mehr als 100 Frauen. Meckern ja, auf Fragen antworten nein. Wenn das nicht männerverachtend, lächerlich, schwach ist, also das Vorurteil des schwachen Geschlechts bedient, dann weiss ich auch nicht.

 

 

Blumers blümerante Beziehungen, Teil 4

Wieso blieb Tamedia bei dieser klaren Faktenlage pickelhart beim Njet zu einer Richtigstellung?

Hier geht’s zu Teil 1, hier zu Teil 2, hier zu Teil 3. Hier zu 14 Falschaussagen, hier zur Time Line.

Auf den ersten Blick erscheint es völlig unverständlich, wieso Tamedia nicht den Wunsch nach Richtigstellung akzeptierte. Als schon vor Erscheinen des Artikels klar wurde, dass der Ex-Mann der im Artikel gröblich verleumdeten Mutter cholerisch ist, ein Gewaltproblem hat und weder jemals Schuld bei sich sehen kann, noch Niederlagen akzeptieren. Als von der Betroffenen sachlich eine ganze Latte von 14 falschen Tatsachenaussagen mit Belegen nachgewiesen wurden.

Als die Mutter darauf hinwies, dass angesichts ihrer Stellung und der Bekanntmachung durch ihren Ex-Mann, um wen es sich bei diesem Ehepaar handle, nicht nur ein Reputationsschaden, sondern auch berufliche Nachteile entstehen könnten. Spätestens in diesem Moment hätten die Alarmsirenen aufheulen müssen. Dass Claudia Blumer den Kontakt abbrach, wohlan. Dass sich Arthur Rutishauser hinter seine Journalistin stellt? Okay.

Wer dreht wo und warum an welchem Rad?

Keine Verschwörungstheorie, nur eine Liste von Merkwürdigkeiten

Nun gibt es aber eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten. Auf persoenlich.com erscheint ein Bericht über diesen Fall, der auch die Einwände der Mutter korrekt wiedergibt. Darauf reagieren einige Kommentarschreiber eher unwirsch gegenüber Tamedia. Bis diese Kritiken von Verleger Matthias Ackeret gelöscht wurden. Auf Nachfrage räumte er ein, dass das wohl ein Fehler war, aber Arthur Rutishauser habe ihn persönlich darum gebeten.

Auch Ackeret reagierte nicht auf entsprechende Fragen.

Nachdem die Betroffene auf Granit beisst, versuchen Familienangehörige, auf anderen Wegen eine Korrektur dieses Verleumdungsartikels zu erreichen. Sie wenden sich sogar an den Big Boss von Tamedia, an Pietro Supino. Der antwortet zwar mailwendend, obwohl er sich gerade in den Ferien entspannte. Allerdings meint er genauso entspannt, dass er hier kein Problem und allfälligen rechtlichen Schritten gelassen entgegen sehe.

Ignaz Staub, der Ombudsmann von Tamedia, kommt in einer ellenlangen und verschwurbelten Antwort auf die Beschwerde zum Ergebnis, dass er persönlich natürlich die Vorkommnisse bedaure, aber  kein Fehlverhalten seitens Tamedia erkennen könne.

Er führt tatsächlich als Argument an, dass sich die Mutter als Quelle für einen Artikel in der «Schaffhauser AZ» doch auch aus der Anonymität begeben habe, weshalb ihre Vorwürfe gegen den Ex-Mann nun nicht gerade nachvollziehbar seien.

Aktion, Reaktion, solche Grundbegriffe scheinen Staub dabei völlig unerheblich zu sein.

Ein Bild von einem Ehemann

Aus vielen Indizien lässt sich ein Bild des Ex-Ehemanns herstellen. Er ist offenkundig aufbrausend, beratungsresistent und unbelehrbar. Mit all seinen Anzeigen und Strafanzeigen, die er bis zum Bundesgericht weiterführte, ist er ausnahmslos gescheitert.

Obwohl er, wie eine Mitbetroffene richtig sagt, «ausser dem Familienhund alle und alles anzeigte». Ohne jemals auch nur einen einzigen Erfolg vor Gericht zu erzielen. Diese Niederlagen sieht der Ex-Ehemann aber dadurch erklärt, dass es in Schaffhausen eine Verschwörung gegen ihn gebe, in die die ganze Schaffhauser «SP Sauband» verwickelt sei.

Es musste ihm mehrfach gerichtlich untersagt werden, die Kesb-Präsidentin öffentlich zu verleumden. Er sieht sich als Opfer dieser Machenschaften, völlig schuldlos an der Entfremdung von seinen Kindern, die ihm von der rachsüchtigen Mutter, unter Beihilfe von Staatsorganen, weggenommen worden seien. Alles, was nicht dieser Ansicht entspricht, blendet er aus, bis hin zu mit Strafbefehl erledigten Verurteilungen.

Auch seine Gewalttätigkeit gegenüber seiner Ex-Frau, sein Stalking, seine Gewalt gegen Beamte, das sei alles Teil einer Verschwörung gegen ihn.

Der Mann hat also ein gröberes Problem. Aber wieso nimmt ihn Blumer als Kronzeugen für einen Artikel, der das Thema «wie entfremden Frauen aus Rache gemeinsame Kinder vom geschiedenen Vater» beleuchten sollte?

Eine bislang unbewiesene, aber logische Hypothese

Bindella – und das Leben ist schön.

Wieso gibt sich Tamedia so eisenhart, bzw. schmallippig, wenn es um diesen Fall geht? Sicher, aussitzen, am ausgestreckten Arm verhungern lassen, irgendwann ist’s dann mal gut, kann man probieren. Allerdings laufen noch diverse Strafverfahren in diesem Fall, beerdigt ist er noch lange nicht.

Eine mögliche Erklärung für die Reaktion Supinos, von Rutishauser und auch von Blumer hat einen Namen. Rudi Bindella Senior. Er gehört unbestreitbar zu den bedeutenderen Inserenten von Tamedia; Restaurants, Weinhandlungen, usw. Natürlich laufen Anpreisungen von Lokalen zurzeit eher auf Sparflamme, aber das kann ja nicht ewig so bleiben.

Dann gibt es noch einen weiteren Berührungspunkt zwischen diesem Verleumdungsartikel von Blumer und Bindella Senior. Der wandelte vor einigen Jahren schon mal auf Freiersfüssen, liess sich von seiner langjährigen Gattin scheiden und ehelichte eine ein paar Jahre jüngere Dame.

Diese Ehe war aber nicht von ewiger Liebe geprägt, obwohl man sich gemeinsam fortpflanzte. Seit vielen Jahren befinden sich Bindella und seine inzwischen Ex-Gattin in einer noch nicht beendeten güterrechtlichen Auseinandersetzung. Auf Deutsch: wie viel Geld kriegt die Dame.

Angesichts seines Alters entschied das Bundesgericht ausnahmsweise, dass die Ehe geschieden wird, obwohl das Finanzielle noch nicht geregelt ist. Um wie viel Geld es da geht, beleuchtete ein Prozess um die laufenden Unterhaltszahlungen, die Bindella schon seit vielen Jahren abdrückt. Es handelt sich um 45’000 Franken. Pro Monat, wohlverstanden.

Zudem beklagt sich Bindella darüber, dass ihm seine Ex-Gattin die gemeinsame Tochter entfremdet habe, was ihn als liebenden Vater natürlich ungemein schmerze*. Womit der Bogen zum Blumer-Artikel geschlagen wäre.

Menschlich verständliche Reaktionen

In dieser Konstellation ist es verständlich, dass vielleicht Bindella Senior selbst, sicherlich aber seine Familie und in erster Linie seine Kinder strikt dagegen sind, dass Papa nochmal eine Ehe mit einer etwas jüngeren Frau eingeht. Während Blumer, menschlich verständlich, zum möglichst weit in der Zukunft liegenden, aber unvermeidlichen Moment lieber als trauernde Witwe am Grab stehen möchte, und nicht als trauernde Ex-Geliebte. Das sind natürlich alles reine Spekulationen. Im Moment.

Was hat das alles mit dem schon längst beigelegten, abgeurteilten und beendeten Streit um das Besuchsrecht in Schaffhausen zu tun? Eigentlich nichts. Ausser, dass Blumer eine abgrundtief schlechte Journalistin ist.

Hat bislang alles überlebt, diese Schande einer Reportage.

Sie wird nicht müde, selbst ein rotes Tuch der Frauenbewegung wie Esther Vilar dafür zu loben, dass die eben darauf bestanden habe, dass Frauen die Ehe nicht als lebenslängliche Versorgungsanstalt betrachten sollten. Sondern selbst etwas auf die Beine stellen. «Entlastung des Mannes von der Ernährerlast, gleiche Chancen für Frauen im Berufsleben», kommentierte Blumer am 31. März. Sie begrüsste auch – zum Befremden ihrer Geschlechtsgenossinnen – das jüngste Urteil des Bundesgerichts, das klarstellte, dass nach einer Scheidung die Ex-Gattin nicht mehr lebenslang durchgefüttert werden müsse. Das dürfte Balsam für die Ohren von Bindella Senior sein, denn auch für einen Multimillionär sind 45’000 Franken im Monat kein Pappenstiel.

Bislang ist es den beiden B. gelungen, diese unglaubliche Mediengeschichte in mehreren Akten mehr oder minder unter dem Deckel zu halten.

*Siehe die Punkte 26 – 27 des Schreibens von Tamedia.

Lesen Sie morgen exklusiv die Zusatzstory, bei der es ZACKBUM macht.
Die Enthüllung. Die holt jede Oma aus dem Koma. Garantiert.

Der Realität wird’s blümerant Teil 2

Nach dem Blumer-Skandal einer völlig einseitigen, vor Fehlern strotzenden Publikation, folgt der Tamedia-Skandal.

Hier geht’s zum ersten Teil.

Die betroffene Mutter fiel aus allen Wolken, als sie das Machwerk Claudia Blumers zu Gesicht bekam. Von ihrem Ex-Mann war bereits einen Tag zuvor in Schaffhausen herumgeboten worden, um wen es sich bei diesem unzulänglich anonymisierten Scheidungspaar handle**.

Daraufhin wandte sich die Mutter und ihre Familie der Reihe nach an Claudia Blumer, an den Oberchefredaktor Arthur Rutishauser, an den Tamedia-Ombudsmann Ignaz Staub und ein Familienmitglied mit journalistischem Hintergrund kontaktierte auch den Tamedia-Oberboss Pietro Supino.

Denn in höflicher Form und ausführlich mit Dokumenten belegt, hatte die im Artikel nicht gehörte Mutter 14 faktische Falschaussagen* aufgeführt, die Blumer neben aller Einseitigkeit auch noch unterlaufen sind. Sie verlangte eine Richtigstellung und eine Entschuldigung. Der langjährige Medienkritiker der NZZ, Rainer Stadler, kam angesichts der windelweichen Antwort des Ombudsmanns, dem Abwimmeln der Mutter durch alle anderen kontaktierten Verantwortungsträger zum Fazit:

«Kurz und schlecht: Das war keine Sternstunde der Tamedia, auf keiner Stufe.»

Ein Weg der Enttäuschungen.

Statt wenigstens inhaltlich auf die 14 Falschaussagen im Artikel einzugehen, von der ganzen Latte journalistischer Fehlleistungen und handwerklicher Anfängerfehler ganz zu schweigen, verteidigt Arthur Rutishauser den Artikel unverfroren in einem Interview mit persoenlich.com. Der Artikel stütze sich «auf Dokumente und Expertenstimmen, insofern ist er nicht einseitig». Es äussere sich zwar nur der Vater, aber die Mutter wollte nicht, was auch ausgewiesen sei.

Pikant dabei: eigentlich waren schriftliche Fragen an Blumer gerichtet worden, die zuerst auch ihre Beantwortung zusagte. Aber dann übernahm Rutishauser, was Blumer damals offensichtlich nicht als typisch sexistische, männliche Arroganz empfand.

Claudia Blumer (l.) bei der Buchvernissage von Salome Müller.
Beide gehören zu den Unterzeichnern des Tamedia-Protestbriefs.

Rutishauser übernimmt persönlich die Verteidigung gegen aussen

Zur Tiefstform läuft Rutishauser auf, als er mit einer Aussage seiner Fachkraft konfrontiert wird. Blumer hatte in der Schaffhauser AZ gesagt, dass der Text «sinngemäss möglichst nahe an der Wirklichkeit erzählt, aber ohne Anspruch auf Detailtreue oder gar Richtigkeit der Angaben» sei. Wichtig sei der Zusatz «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes», den habe die Schaffhauser AZ weggelassen. «Somit hat der Autor selber gegen die journalistischen Regeln verstossen, auf die er sich beruft», behauptet Rutishauser triumphierend.

Der Autor des Artikels räumt ein, dass diese Kritik «nachvollziehbar» sei. Mattias Greuter fährt dann fort:

«Aber damit habe ich wohl kaum «gegen die journalistischen Regeln verstossen», wie mir Rutishauser unterstellt. Vielmehr ist mein Eindruck, dass er mit dieser Kritik davon ablenken wollte, dass der ursprüngliche Tages-Anzeiger-Artikel sehr problematisch war und Unwahrheiten enthielt, die man hätte überprüfen können. Unwahrheiten, die nichts mit Verfremdung aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes zu tun haben
Auch Rutishauser ist in der pauschalen Antwort der Tamedia-Kommunikationsstelle inbegriffen, auch er will sich nicht zu einem ausführlichen Fragenkatalog äussern.

Er merkt allerdings nicht, dass er sich mit diesem Rempler gegen Kollega Greuter nur noch tiefer reinreitet. Denn selbst mit diesem Zusatz wird die Aussage von Blumer nicht weniger fragwürdig, weniger skandalös. Skandalös ist ebenfalls, dass Tamedia schlichtweg mauerte. Korrektur der belegten vielen Fehler? Möglichkeit zur Gegendarstellung? Entschuldigung? Richtigstellung einer völlig verunglückten, einseitigen Reportage? Niemals**.

Es bleibt eine interessante Frage offen

Daraufhin wurde – wohl eher aus Verzweiflung statt rechtlichen Gründen – gegen Blumer eine Strafanzeige eingereicht. Wegen Verleumdung und falschen Tatsachenbehauptungen, was höchstens mit etwas Glück zu einem Erfolg führen dürfte. Ebenso gegen die von ihr zitierte Kinderpsychologin.

Bleibt die Frage, wieso Tamedia in diesem völlig offensichtlichen Fall von Falschberichterstattung eisern bleibt, während sonst schon das Räuspern eines Medienanwalts reichen kann, um Artikel zu löschen, zu korrigieren, richtigzustellen.

Eine sehr interessante Frage.

*siehe Zusatzartikel : 14 Falschaussagen in einem einzigen Artikel

**Siehe die Punkte 19 – 20 des Schreibens von Tamedia.

Lesen Sie morgen in Teil 3: Blumers blümerante Weltsicht.
Wo liegen die Motive für diesen Feldzug gegen angeblich manipulierende Frauen?

Der Heckenschütze im Journalismus

Neben allen anderen Fehlleistungen leidet das Ansehen der Medien vor allem unter einer Narretei.

Wie mir viele Gesprächspartner bestätigt haben, befindet sich Arthur Rutishauser in einer charakterlichen Sackgasse. Ein bedeutender Manager im Medienbereich sagte ganz klar, dass er Roger Köppel niemals und nicht einmal auf seiner Longlist für einen Chefredaktorposten vorschlagen würde.

Unzählige Fallbeispiele belegen, dass sich im Newsroom des «Blick» weibliche Mitarbeiter nicht mehr alleine auf die Toilette wagen. Auf der Reaktion von «watson» soll nach mehreren, übereinstimmenden Aussagen eine konstante Videoüberwachung sämtlicher Räume, inklusive Liftkabine, installiert worden sein, nachdem sich Mitarbeiterinnen über zunehmende Zudringlichkeiten von Mitarbeitern beschwerten.

Von mindestens drei Chefredaktoren aus dem Hause Tamedia ist bekannt, dass sie sich mit Absprunggedanken tragen; einer soll bereits konkrete Gespräche mit einem anderen Verlagshaus auf höchster Ebene geführt haben.

Nur was man selbst erfindet, hat man exklusiv

Woher ich das alles weiss? Na, einfach, ich hab’s gerade erfunden. Am Arbeitsplatz heisst ein solches Verhalten Mobbing, in der Politik Intrige. Wer solche anonymen Behauptungen und Anschuldigungen in Umlauf bringt, galt früher einmal als übler Heckenschütze, der aus eigenem Bedürfnis oder ferngesteuert angeblich anonyme Quellen benutzte – oder erfand, um mit Dreck um sich zu werfen.

Heute ist das im sogenannten Qualitätsjournalismus Gang und Gebe. Nicht nur, wenn es darum geht, das Wirken oder den Stellenwechsel von Kollegen neidisch, eifersüchtig oder überhaupt übellaunig zu begleiten.

Auf anonymen Quellen werden ganze Verleumdungskampagnen aufgebaut, wie der Feldzug der «Republik» gegen den grössten Betreiber von Kitas in der Schweiz. Sämtliche Vorwürfe wurden gerichtlich oder durch eine externe Untersuchung entweder widerlegt, oder als so vage beurteilt, dass eine Überprüfung gar nicht möglich war.

Mehr als eine Existenz wurde durch das Ausschlachten von gestohlenen Unterlagen vernichtet, verniedlichend Leaks oder Papers genannt. Hierbei verwenden ganze internationale Kollektive Hehlerware, ohne die geringste Ahnung zu haben, aus welchen Motiven die Dokumente gestohlen wurden, noch, wer das getan hat. Der Fall Jean-Claude Bastos ist der traurige Höhepunkt in der Schweiz. Tamedia ritt eine Attacke auf diesen Geschäftsmann, ausschliesslich unter Verwendung von der Redaktion zugespielten gestohlenen Unterlagen.

In all diesen Fällen vermeldeten die gleichen Medien, die aus voller Kehle Skandal geschrien hatten, das klägliche Scheitern aller Strafuntersuchungen, die nicht zuletzt wegen ihnen angestossen worden waren, höchstens im Kleingedruckten.

Passt dir jemand nicht, verleumde ihn

Auch ich selbst habe diesen Verleumdungsjournalismus schon erleben müssen, als der Oberchefredaktor von Tamedia mitsamt einem Schreibknecht fast eine ganze Seite darauf verschwendete, mir ein angebliche Doppelspiel vorzuwerfen. Hierbei kam noch eine weitere Fiesigkeit zum Einsatz, die heutzutage ebenfalls zum Standardrepertoire gehört.

Mir wurde eine unzulässige Vermischung von meiner journalistischen und meiner Beratungstätigkeit vorgeworfen. Konkretisiert an zwei angeblichen Beispielen. Obwohl sowohl die angeblich um finanzielle Unterstützung angegangenen Firmen – wie auch ich – das ganz klar dementierten. Diese Dementi wurden ausgespart, stattdessen die berühmten «voneinander unabhängigen Quellen» bemüht.

Das finstere Motiv für diese Dreckelei bestand darin, dass ich die Kampagne des Oberchefredaktors aufgrund von angefütterten vertraulichen Unterlagen gegen Pierin Vincenz mehrfach kritisiert hatte. Genauso wie die Attacken seines Schreibknechts gegen Bastos.

Frage herum, und suche dir die passenden Antworten aus

Es greift ebenfalls um sich, dass zwar ab und an noch recherchiert wird und für ein Porträt beispielsweise mit verschiedenen Personen Gespräche geführt werden. Oftmals ist aber der Spin, die Ausrichtung des Porträts schon von Anfang an festgelegt. Seltener eine Lobeshymne, häufig ein Fertigmacherporträt. In ein solches passen dann natürlich keine positiven Aussagen von Gesprächspartnern; die werden einfach weggelassen.

So wie eine entsprechende ausführliche Schilderung von Roger Schawinski als Gesprächspartner von Michèle Binswanger, die in einem Artikel das angebliche Unwohlsein der Redaktion der NZZaS über die Entlassung des bisherigen Chefredaktors beschrieb. Plus Aussagen von – Überraschung – einem anonymen Headhunter, dass er Jonas Projer niemals als Kandidaten für diesen Posten vorgeschlagen hätte.

Gemauschel und Gemurmel statt Transparenz

Statt Transparenz herrschen Gemauschel und Gemurmel, dürfen Heckenschützen aus sicherer Deckung und anonym nicht überprüfbaren Dreck schleudern. Wobei die Autorin nicht mal für Transparenz sorgt, dass ihr Lebensgefährte Peter Wälty einen Machtkampf mit Jonas Projer verloren hatte und gehen musste.

Statt aus eindeutiger Befangenheit dieses Thema nicht zu bearbeiten, statt diese Hintergründe transparent zu machen, verwendete auch Binswanger ausschliesslich anonyme Quellen.

Für den naiven Leser hört sich solcher Flüsterjournalismus meist beeindruckend an. Da hat der Autor doch mit vielen Zeugen Gespräche geführt. Logisch, dass die anonym bleiben wollen, aus Angst um den Arbeitsplatz.

Wer sein Kapital verspielt, geht unter

Was aber diese Journalisten nicht bedenken: nachdem sich in so vielen Fällen herausgestellt hat, dass anonyme Aussagen oder Anschuldigungen nichts wert sind, entweder aus persönlichen Motiven erfolgen, oder schlichtweg erfunden sind, blättert jedes Mal eine weitere Schicht Glaubwürdigkeit von ihnen ab.

Dabei sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit beim Leser das einzige Kapital, das ein Journalist hat. Wenn er das verspielt, geht er über kurz oder lang unter. Zusammen mit seinem Medium. Wenn es eine ganze Horde von Journalisten ist, wie gerade bei Tamedia, die mit ausschliesslich anonymen Vorwürfen ein angeblich strukturelles Problem herbeireden wollen, geht’s noch schneller nach unten.

Eine Ente ist – weiblich

Mit dem Spruch läge man bei Tamedia schon unter einer neuen Betroffenheitsoffensive. Aber hier ist sie wirklich weiblich.

Isabel Strassheim*, eine eher ruhige Schafferin und bei Tamedia für Pharma zuständig, was ja immer wieder Gelegenheit bietet, «Skandal» zu rufen, hat «Skandal» gerufen.

Allerdings nicht wegen unverschämten Preisen oder unverschämten Gewinnen oder unverschämter Gefühlskälte von Big Pharma. Sondern wegen bundesrätlichem Versagen:

Da hämte noch der Tagi über den Bundesrat.

Wenn der Tagi mal zeigt, was er kann, dann gibt er Vollgas. Anriss mit Karikatur auf Seite eins, Kommentar auf Seite zwei und grosser Bericht weiter hinten:

Feigheit vor dem Virus, Happy End versemmelt.

Hätten diese armen Schafe verschwinden müssen?

Das wünscht sich eigentlich jeder Journalist – auch jede Journalistin : Der Artikel schlägt ein wie eine Bombe. Zitierungen überall, natürlich fangen auch Politiker sofort an, zu hyperventilieren. Die einen fordern gleich den Rücktritt des Gesundheitsministers, die anderen wollen diesen neuen Skandal von Alain Berset genau untersuchen.

Dritte fordern sogar das schärfste Mittel, das der Nationalrat hat: eine PUK, eine parlamentarische Untersuchungskommission. Bislang gab es in der jüngeren Geschichte der Schweiz nur vier; eine ganze Latte von Anträgen wurde abgelehnt, zuletzt 2010 zur Finanzkrise und der UBS.

Die FDP setzte zum Sturmangriff an

Aber hier sah die FDP Gelegenheit, Terrain zu markieren und der SP eine reinzuwürgen. Denn ein Bundesrat, der aus welchen Gründen auch immer das Angebot einer eigenen Produktion von Impfstoffen ablehnt, obwohl schon das Terrain ausgeguckt war, wo nur noch der Widerstand des Tierschutzes zu überwinden wäre, wenn man die Schafe dort vertreibt? Ein Skandal, aber in Grossbuchstaben.

Nur: «Neuere Recherchen ergaben», vermeldete der Tagi klein und in kleinen Buchstaben versteckt in einem sogenannten Nachzug, dass das eine Ente war. Fake News, wie Trump für einmal richtig gesagt hätte. So formulierte es der Tagi natürlich nicht:

Nun, der FDP-Fraktionsvorsitzende stand mit mitten im Gefecht abgesägten Hosen da und versuchte, sich mit allen Politikersprüchen aus dem peinlichen Flop zu reden. Interessanterweise ohne den Schuldigen direkt zu kritisieren. Denn will man es sich mit einem der beiden Tageszeitungen-Monopolisten verderben?

Schlimmer erwischte es aber die Autorin. Sie verschwand grusslos in der Versenkung, die «Korrektur» war von «red.» für Redaktion unterzeichnet, die nachfolgenden Lonza-Artikel werden von anderen Tagi-Kräften geschrieben.

Ist über diesen und andere Flops der Oberchefredaktor auch betroffen?

Ist über eine ganze Reihe von Flops der Oberchefredaktor Arthur Rutishauser nicht betroffen, was sagt er zu diesem Megaflop? Auf Anfrage von persoenlich.com gibt er ein gequältes Statement über die Medienstelle ab: «Wir haben den ursprünglichen Artikel transparent korrigiert und aufgezeigt, was wir darüber wissen, wie der Sachverhalt war.»

Lassen wir das mal in all seiner Schäbigkeit so stehen. Wie sieht das denn nun intern aus? Einerseits geht so eine Ente, so ein Bauchklatscher doch arg an die Reputation und das Vertrauen. Üblicherweise kommt der Autor einer solchen Falschmeldung nicht ungerupft davon. Nur: hier ist es eine Autorin.

Eine Ente kommt selten allein.

Eine Redaktorin, die zudem das Protestschreiben mitunterzeichnet hat. Wir hätten gerne von ihr gewusst, ob sie einen Zusammenhang zwischen der frauenfeindlichen Atmosphäre und diesem Flop sieht. Was sie davon hält, dass das Thema nun von männlichen Kollegen weitergeführt wird. Und ob sie freiwillig oder auf männliche Anordnung im Hintergrund verschwunden ist.

Schliesslich wollten wir noch wissen, ob sie als Unterzeichnete vielleicht ein, zwei Übergriffe, Belästigungen, Diskriminierung aus eigenem Erleben schildern könnte. Ob sie bei einer solchen Anschuldigung wirklich ausschliesslich mit den üblichen anonymen Quellen operieren darf. Aber, leider reagierte Strassmann nicht auf eine Anfrage mit ausreichend Antwortzeit.

Das zeichnet die erregten Tamedia-Journalistinnen wirklich aus: austeilen, beschuldigen, sich als Opfer aufmascheln, immer nur anonyme Belege oder Zeugen in eigener Sache oder bei vermeintlichen Primeurs. Aber auf naheliegende, höfliche, journalistische Fragen reagieren: niemals; lieber feige wegducken. Weil: als Frau darf man das.

Frauen klagen an, dann schweigen sie

Das greift langsam um sich, muss man einfach sagen, auch wenn man dann als Macho oder Frauenfeind beschimpft wird. Im Austeilen ganz gross, im Einstecken oder im Reagieren auf kritische Fragen ausserhalb der geschützten Werkstätten des Betroffenheitsjournalismus: ganz, ganz klein, nur noch winzige hässliche Entlein paddeln da schnell davon.

 

*Seufz. Die Dame heisst natürlich Strassheim; ich danke mal wieder den Lesern und gelobe Besserung.

Hilfe, mein Papagei onaniert IV

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

Journalisten interessieren sich eigentlich nur für eins – andere Journalisten. Und sich selbst. Erst dann kommt alles andere. Berichterstattung, die Welt, Reportage, Kommentar, Recherche.

«10 vor 10» am «Tag der Frau» war ein Paradebeispiel dafür. Intro, dann schaut die Moderatorin ernst und gefasst in die Kamera. Die wichtigste Meldung des Tages: ein Brief von 78 Redaktorinnen bei Tamedia sorge «für Betroffenheit». Die Moderatorin schaut sehr betroffen und kündigt an, dass das auch der Schwerpunkt dieser Sendung sei. Dazu gibt’s noch einen Bericht über die Umsetzung des  Verhüllungsverbots und über die Comic-Verfilmung «Wonder Woman».

Diesmal zeigt der Papagei nur in eine Richtung.

Also sozusagen von Kopf bis Fuss auf Frau eingestellt. Aber die Fokus-Meldung ist natürlich der Protest von 78 Tamedianerinnen gegen unerträgliche Zustände in den Redaktionen. Fürchterlich chauvinistische Männersprüche werden zitiert und anklagend eingeblendet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt konnte man garantiert in der Schweiz einen erhöhten Wasserverbrauch konstatieren. Pinkelpause für alle Zuschauer (ja, auch Zuschauerinnen), denen dieses Thema so etwas an allen Körperteilen vorbeigeht. Aber dafür sind Journalisten natürlich zu betriebsblind.

Auf der Welt ist nichts Wichtigeres passiert an diesem Tag

Wenn ganze 78 von ihnen ein Protestschreiben verfassen, dann müsste schon Joe Biden gerade im Weissen Haus zusammengebrochen und mit dem Kopf knapp neben dem roten Knopf aufgeschlagen sein, um dieses welterschütternde Ereignis von Platz eins zu verdrängen. Nach diesem Intro dürfen sich die zwei Urheberinnen wichtig in zwei Sessel setzen. Salome Müller und Aleksandra Hiltmann, beide unauffällige Arbeiterinnen in der Machohöhle des «Tages-Anzeigers», beschweren sich über fehlenden Anstand und Respekt (Hiltmann), Müller will nicht glauben, dass die Untervertretung von Frauen in Chefpositionen nur damit erklärbar sei, dass die Männer eben besser als Frauen seien.

Dann, muss sein, kommt der Fachmann zu Wort, natürlich die Fachfrau in diesem Fall. Die Gelegenheit für die Co-Präsidentin des «Branchenverbands «Medienfrauen Schweiz» kundzutun, dass diese Zustände leider nicht nur auf Tamedia beschränkt seien. Das hört sich natürlich sehr gewichtig an. Solange man nicht weiss, dass dieser Verband einfach ein Zusammenschluss von rund 60 Mitgliedern ist, die sich selbst vermarkten möchten: «

Anpreisung in Frauensprache, wo Sie oder du Hans was Heidi ist?

Nächste Events nach Frauenkalender? Oder endet 2020 nie?

Natürlich bekommt auch der Oberchefredaktor bei Tamedia Gelegenheit, sich der Frage zu stellen, was denn da falsch laufe. Arthur Rutishauser äussert seine Betroffenheit und verkündet, dass er eine Unterzeichnerin damit beauftragt habe, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Da er das mit ernster Stimme sagt, lacht sich zumindest hörbar keiner kaputt. Eine Mitunterzeichnerin soll überprüfen, ob das von ihr Unterzeichnete auch stimmt? Grossartig.

Schonungslose Recherche, auch im eigenen Haus.

Natürlich ist sich «10 vor 10» bewusst, dass es selbst auch ein Medienunternehmen ist. Und da könnte es doch vielleicht, unter Umständen sein, dass auch in den TV-Studios blanker Chauvinismus, Sexismus, Frauenunterdrückung Urständ feiert. Wie beleuchtet man das am besten? Richtig, die Moderatorin interviewt ihre höchste Chefin, die TV-Direktorin Natalie Wappler. Die das Thema für dermassen brennend wichtig hält, dass sie dafür doch nicht ihr Homeoffice verlässt.

Ausserdem ist sich Wappler bei einem ganz, ganz sicher: mit kritischen Fragen wird sie hier niemals belästigt. Untergebene interviewt Chefin, so einen Unsinn kann sich auch nur das Schweizer Farbfernsehen leisten.

Nachdem auch Wappler, damit mit Rutishauser völlig einig, ihre «Betroffenheit» zum Ausdruck gebracht hat, beendet «10 vor 10» diese für 99 Prozent der Zuschauer lähmend langweiligen zehn Minuten zum Thema: Journalisten sprechen über sich selbst, interviewen sich selbst und thematisieren sich selbst.

Tamedia: selber schuld, ihr Machoschweine!

Die toleranten Frauenversteher im Haus der politischen Korrektheit haben nun das Geschenk. Ein Protestschreiben von 78 Mitarbeiterinnen mit absurden Forderungen und Weinerlichkeiten.

Erst als ein paar der unterzeichnenden Frauen und Oberchefredaktor Arthur Rutishauser gegenüber ZACKBUM bestätigten, dass dieses Schreiben authentisch ist, konnten wir es glauben.

Denn wir hatten im Hinterkopf, dass ein begabter Imitator diesen vierseitigen «Protestbrief» nebst «Forderungen» verfasst haben könnte. Denn den Inhalt trauten wir nicht mal den 78 Unterzeichnerinnen zu.

Der uns vorliegende Brief hebt damit an, dass «erneut mehrere talentierte, erfahrene Frauen gekündigt» hätten. Aus «Resignation und Frust darüber», dass sich die Situation der Frauen in den Tamedia-Redaktionen nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert hätte. «Trotz anderslautender Statements.»

Dagegen teilte die Geschäftsleitung ebenfalls Freitagnachmittag den Zwischenstand bei der Arbeitsgruppe «Diversity» unter Leitung von Priska Amstutz, Unter-Co-Chefredaktorin beim «Tages-Anzeiger», mit. Hier wird unter anderem festgehalten, dass in der Geschäftsleitung von Tamedia das Verhältnis Männlein Weiblein «relativ ausgeglichen» sei. Noch besser: «Die Lohngleichheit wird regelmässig mittels Lohnanalysen überprüft. Diese zeigen, dass es keine Hinweise auf systematische Unterschiede gibt.»

Das Schreiben in seiner vollen Pracht: Schreiben_GL

Zustände bei Tamedia wie in Saudi-Arabien?

Aber laut dem Protestschreiben müssen in Wirklichkeit Zustände auf den Tamedia-Redaktionen herrschen, an denen Fundamentalisten, Burka-Befürworter und religiöse Irre ihre helle Freude hätten. Denn fast wie in Saudi-Arabien würden Frauen «ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert». Schlimmer noch: «Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht.»

Kein Wunder, dass die Tamedia-Frauen so daran gehindert werden, ihre Arbeit «motiviert, hartnäckig, leidenschaftlich» zu machen. Also arbeiten sie offenbar demotiviert, kurzatmig und leidenschaftslos. Der Umgangston sei «harsch», oft auch beleidigend. Da soll doch «ein Mitglied der Chefredaktion» einer Redaktorin gesagt haben, «sie sei überhaupt nicht belastbar».

Da sämtliche Täter, Opfer, Gegangene oder noch Leidende nur anonym im schlechtesten «Republik»-Stil vorkommen, lässt es sich leider nicht eruieren, ob die Redaktorin nach dieser sexistischen, ungeheuerlichen Beleidigung notfallmässig ins Spital eingeliefert werden musste, sich seither in einer Burn-out-Klinik gesund pflegen lässt oder unter schweren Medikamenten arbeitsunfähig geschrieben wurde.

Das Problem bei Tamedia ist – «strukturell»

Auf jeden Fall, das Wort kennen wir aus allen Formen der Diskriminierung, die Probleme seien «strukturell». Aber, so wie «Black lives matter» vor allem in der Schweiz das unerträgliche Schicksal der Schwarzen deutlich verbessert hat, auch hier gibt man, Pardon, frau, sich kämpferisch: «Wir sind nicht bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen.»

Nehmt das, ihr Macho-Männer an den Schalthebeln, hier kommen die Frauen und fordern. Selbstverständliches («wir erwarten, mit Anstand und Respekt behandelt zu werden»), natürlich eine «anonymisierte Umfrage», wo frau ungehemmt losschimpfen kann. Ein Kessel Buntes zusammen mit Absurditäten. Es soll und muss mehr Frauen in «Führungspositionen» geben, «neue strategisch wichtige Teams» sollen «von Anfang an mit mindestens einem Drittel Frauen besetzt werden». Dann natürlich das Übliche, Frauenförderung und eine Diversity-Beauftragte (oder ein -beauftragter, immerhin).

Aber was sind schon Forderungen ohne Ultimatum: «Wir erwarten bis zum 1. Mai 2021 konkrete Vorschläge zur Umsetzung unserer Forderungen.» Unterschrieben ist das Ganze von Salome Müller, der Meisterin des non-binären Gendersternchens, bis Andrea Fischer, altgediente, aber unauffällige Tamedia-Redaktorin seit über 21 Jahren. Allerdings: Was ist schon ein Ultimatum ohne Drohung? Wenn nicht, dann verstopfen wir mit Tampons das Männerklo? Da müsste doch etwas kommen.

Die Auflistung des täglichen sexistischen Grauens

In einem «Anhang» wird dann auf siebeneinhalb Seiten das unerträgliche Höllenfeuer mit Beispielen lodern gelassen, dem sich Tamedia-Redaktorinnen ausgesetzt sehen. Erniedrigungen, anzügliche Bemerkungen, sexistische Schweinereien, gar Schlimmeres erwartet hier der erschütterte oder voyeuristische Leser, je nachdem.

Beide werden bitter enttäuscht. Es ist eine peinliche, entlarvende, erbärmliche Auflistung von mehr oder minder dümmlichen Sprüchen, die in jedem grösseren Unternehmen gesammelt werden könnten. Jede wirklich unter männlicher Unterdrückung und primitiver Anmache leidende Frau würde sich darüber totlachen. Ein paar Müsterchen? «Du bist hübsch, du bringst es sicher noch zu was.»

«Als jemand das Thema Gendersternchen vorschlug, hiess es erst, es sei schon genug «Klamauk» zum Thema gemacht worden. Das richtete sich nicht per se gegen eine Frau, aber gegen die Art des gendergerechten, integrierenden Schreibens.»

«Bei einem Text, der ausschliesslich von der Perspektive junger Frauen handelte, sagte der ältere Vorgesetzte: «Es ist falsch, was du schreibst.»

«An Sitzungen wiederholen Männer oft die Ideen, die in den ersten 5 Minuten von Frauen des Meetings vorgebracht wurden. Die Männer ergänzen die Idee nicht, sondern sagen einfach dasselbe, ohne zu erwähnen, dass die Idee von Kollegin xy stammt.»

«Aber ihr seid doch mitgemeint, wenn man das generische Maskulinum benutzt.» – «Nein, ich fühle mich nicht mitgemeint. Du weisst nicht, wie ich mich fühle.» – «Ihr seid mitgemeint. Das ist historisch so.»

«Es wird uns Journalistinnen nicht zugetraut, entsprechend unseres journalistischen Instinkts und unserer Expertise Themen zu erkennen und journalistisch umzusetzen.»

«In einer Blattkritik wurde der Einstieg eines Textes über den historischen Frauenstreik kritisiert: «Wir sollten ob unserer Begeisterung nicht unser Urteilsvermögen aufgeben.»»

«Ich: «Verdienen Männer hier denn mehr als Frauen, wie ist es so mit der Lohngleichheit?» Antwort, schreiend: «Du musst den Vertrag ja nicht unterschreiben.»»

Habe ich das erfunden? Nein, unmöglich. Ist das ernstgemeint? Nun ja, das ist zu befürchten. Warum ist das so? Das kommt davon, wenn sich die beiden verzwergten Co-Unter-Chefredaktoren in feministischer Kampfschreibe überbieten wollen. Das kommt davon, wenn die Führung des Ladens jedes Mal zusammenzuckt, wenn eine weder des Schreibens noch der deutschen Rechtschreibung mächtige Redaktorin Schwachsinn wie die allgemeine Einführung des Gender-Sternchens, den Kampf gegen die Unterdrückung der Frau innerhalb und ausserhalb der Redaktion einfordert.

Wer noch nicht genug hat: Brief an CR_GL von 78 Tamedia-Frauen 05.03.2021

Wenn fehlgeleitete Verbal-Radikal-Feministinnen das Unterdrückungssymbol Verschleierung zum Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung in der Kleiderwahl umlügen, dabei sogar noch von führenden, männlichen Opportunisten unterstützt werden, wenn jede verbale Attacke zum sexistischen Übergriff umgedeutet wird, dann kommt es zu solchen Metastasen der abgehobenen Idiotie.

Dieses Bedürfnis nach usurpiertem Phantomleiden

Es ist diese Haltung des geliehenen Opferstatus, des Leidens an Phantomschmerzen, dieser Stellvertreterkrieg mangels echten Schlachten und Opfern, die Umdeutung von Nichtigkeiten zu Gewalttätigkeiten, die unglaublich nervt. Weil Redaktorinnen in der geschützten Werkstatt Tamedia auch gerne mal so richtig als fürchterlich unterdrückte, ausgegrenzte, misshandelte, sexistisch angegangene, ständig von Männergewalt, Vergewaltigungsversuchen und brutalster Unterdrückung leidende Frauen gesehen werden möchten.

Aber weil niemand sie so sieht, weil es nicht so ist, weil bei Tamedia jeder Vorgesetzte weiss, dass er ein Riesenproblem hat, wenn eine Mitarbeiterin die Kritik an ihrem völlig gescheiterten Text flugs als Ausdruck männlicher Unterdrückung von fraulichen Perspektiven umdeutet, wird dem Wahnsinn Tür und Tor geöffnet.

Wo zu viel Verständnis vorhanden ist – oder geheuchelt wird –, wächst das Unverständliche in den Himmel.

Wunderlich ist nur: Von allen Chefchefs abwärts bis zu Pygmäen-Chefs wie Mario Stäuble und anderen wird wortreich, erschütternd die vielfältige Unterdrückung, der Missbrauch der Frau, gerade in der Schweiz, angeprangert. Aber wenn es so schlimm ist, wie diese 78 Redaktorinnen behaupten, wenn es bei Tamedia täglich schlimmer wird, wieso haben denn all diese Frauenversteher, diese Kämpfer für Gleichberechtigung, diese unerschrockenen Kommentarschreiber gegen jede Form von männlichem Sexismus, das denn nicht in ihrem nächsten Umfeld bemerkt?

Wieso merkt das denn keiner der männlichen Kampffeministen bei Tamedia?

Da kann es nur drei Erklärungen geben. Die unterzeichnenden Redaktorinnen haben in ihrer Gesinnungsblase völlig den Bezug zur Realität verloren. Oder aber, sie wollen nun vereint jede Kritik an ihrem professionellen Ungenügen von vornherein verunmöglichen. Oder, alle männlichen Wortführer für die Sache der Frau sind in Wirklichkeit abgrundtiefe Heuchler.

Die Wahrheit dürfte aus all diesen drei Teilen bestehen. Selber schuld, aber wer möchte denn jetzt gerade ein männlicher Vorgesetzter sein, der einer weiblichen Untergebenen näherbringen muss, dass ihr Text schlichtweg Schrott, unbrauchbar, nicht zu retten, schwachsinnig, fehlerhaft, unlogisch, nicht durch Fakten abgestützt ist? Zudem Ausdruck einer mehr als schlampigen Recherche? Das arme Schwein sitzt fünf Minuten später – von einer Fristlosen bedroht – bei Human Resources und muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, er habe die Redaktorin als Schlampe tituliert.

Wobei sie das atomare Argument über ihm explodieren lassen darf: «Wie auch immer, ich habe das aber so empfunden.» Und wer, ausser wir bei ZACKBUM, würde sich trauen, dieses 12-seitige Schreiben als Bankrotterklärung aller Anliegen, für die sich die Frauenbewegung zu Recht in den letzten hundert Jahren eingesetzt hat, zu bezeichnen?

Wer den Wahnsinn wuchern lässt, wird von ihm verschlungen

Denn es war, ist und bleibt klar: Es gibt gute Texte, mittelmässige Texte und Schrott. Dafür gibt es keine objektiven Kriterien, aber doch vorhandene. Keines dieser Kriterien hat mit dem echten oder eingebildeten Geschlecht des Autors zu tun. Lässt Tamedia diesen selbst gezüchteten Unsinn wirklich ausarten, dann wird das Haus bald einmal auch Fragen wie in Holland diskutieren müssen. Wer denn überhaupt legitimiert ist, über welche Themen wie zu schreiben. So wie dort ernsthaft debattiert wird, wer das pubertäre Gedicht von Amanda Gorman übersetzen darf. Wohl nicht eine weisse Frau mit ganz anderem kulturellem Hintergrund als die hinaufgejubelte schwarze Gebrauchslyrikerin aus den USA.

Die Tamedianerinnen wärmen einfach einen der urältesten demagogischen Kniffe auf diesem Gebiet auf. «Diese Arbeit ist unterirdisch schlecht.» – «Das sagst du nur, weil ich eine Frau bin.» – «Nein, das sage ich, weil die Arbeit ein Pfusch ist.» – «Du als Mann kannst das doch gar nicht beurteilen.» – «Doch, auch als weisser, heterosexueller, privilegierter alter Mann kann ich beurteilen, wie die Arbeit einer schwarzen, lesbischen, unterprivilegierten jungen Frau ausgefallen ist.»

Alle Apologeten eines Glaubens, einer Ideologie, einer Diktatur behaupten, dass es bestimmte Voraussetzungen braucht, um etwas beurteilen zu können. Sei das das Tragen eines Kopfschmucks, das richtige Verstehen eines heiligen Buchs, die dialektisch-materialistische Analyse der objektiven Klassenverhältnisse, die einem nur nach tiefen Studium der Werke von Marx/Engels zusteht – oder das Vorhandensein oder die Abwesenheit bestimmter Geschlechtsorgane oder Hautpigmente. All das ist immer wieder der gleiche Schwachsinn, der immer wieder besiegt werden muss.

Denn merke: Wenn man dem Wahnsinn nicht rechtzeitig und energisch Einhalt gebietet, dann will er die Herrschaft ergreifen. Oder die Frauschaft.

Wer stoppt Rutishauser?

Ein seltener Fall von medialer Selbstjustiz. Über Jahre hinweg.

Auf einer Wand stand: «Ich hasse dich.» Zudem sei Abfall herumgelegen, und weitere Wände seien mit Flüssigkeiten verschmiert gewesen. Diese unappetitlichen Details serviert Arthur Rutishauser zum Gipfeli den Lesern der «SonntagsZeitung».

Wer meinte, dass er nach drei Jahren und der Einreichung der Anklageschrift seine Position als Lautsprecher der Staatsanwaltschaft und als rücksichtsloser Enthüller von eigentlich strikt vertraulichen Ermittlungsakten aufgegeben habe, hat sich ein weiteres Mal getäuscht.

Es ist schon drei Monate her, dass allgemeiner Wahnsinn in den Medien ausbrach, ein Wettlauf begann, wer am schnellsten die saftigsten Stellen aus der Anklage zitieren kann. Ein weiteres Mal wurde die Unschuldsvermutung ad absurdum geführt. Die Eröffnung einer Strafanzeige gegen Unbekannt, wegen fortgesetztem Bruch des Amtsgeheimnisses, beeindruckt den Oberchefredaktor von Tamedia offenbar überhaupt nicht.

Mit der gleichen Munition nochmal nachladen

Die Anklageschrift gegen den gefallenen Bankerstar Pierin Vincenz ist bis auf den letzten Tropfen ausgewrungen; das letzte Wort hatte hier die NZZ, die nassforsch bekannt gab, dass sie im Besitz aller 364 Seiten der Anklageschrift sei. Ohne, dass ihr bislang eine Strafanzeige ins Haus flatterte.

Nun konnte aber Rutishauser endlich mal wieder nachlegen. Schon seit drei Jahren haut er jedes Dokument, mit dem er angefüttert wird, ohne Rücksicht auf Anstand, Amtsgeheimnis, Vorverurteilung, Unschuldsvermutung einfach raus. Geradezu zwanghaft. Nun kann er wieder einen besonderen Leckerbissen servieren: «Vincenz’ Ausflüge ins Rotlichtmilieu waren vom Raiffeisen-Präsidenten abgesegnet».

Das ist nun aber Schnee von vorgestern, längst bekannt, längst beklagt, längst kritisiert. Nicht zuletzt in der «Ostschweiz» wurde schon seit Längerem die Frage gestellt, wieso der damals amtierende Johannes Rüegg-Stürm nicht schon längst wegen ungetreuer Geschäftsführung, wegen sträflich-fahrlässiger Vernachlässigung seiner Aufsichtspflichten angezeigt und in Regress genommen wurde.

Der lächerliche Professor ist nur ein Vorwand

Wobei zur Lächerlichkeit ungemein beiträgt, dass er bis heute an der HSG Studenten in richtiger Geschäftsführung professoral unterrichten darf. Aber das ist eigentlich nur ein Vorwand für Rutishauser. Um nochmals in unappetitlicher Detailversessenheit wie einleitend erwähnt aus einem Polizeirapport über den Zustand der Suite im Zürcher Hyatt zu berichten. Dort war ein kleiner Fehler in der Terminplanung von Vincenz etwas ausgeartet und hatte zu einigen Beschädigungen im Hotelzimmer geführt.

Die Reparaturrechnung setzte Vincenz laut Anklageschrift auf seine Spesenrechnung. Die, wie alle anderen auch, von Rüegg-Stürm angeblich sorgfältig geprüft, für rechtens befunden und abgezeichnet wurde. Dieser Skandal ist längst bekannt, ebenso die unverständliche Entscheidung der Uni St. Gallen, dennoch den Lehrauftrag von Rüegg-Stürm bis zu seiner Pensionierung zu verlängern.

Nachdem die Anklageschrift nichts mehr hergibt, wurden Rutishauser offensichtlich das Einvernahmeprotokoll von Rüegg-Stürm durch die Staatsanwaltschaft und mindestens ein Polizeirapport zugespielt. Eine Einvernahme, in der sich der Professor nochmals bis auf die Knochen blamiert, wie er naheliegenden Fragen nach seiner Aufsichtspflicht gelenkig wie ein Schlangenmann auszuweichen versucht. Wieso es ihm nicht aufgefallen sei, dass Vincenz angeblich mehr als 100’000 Franken an Spesen in Striplokalen und anderen einschlägigen Etablissements eingereicht habe.

Nichts Neues, aber die Wiederholung saftiger Details hilft bei der Vorverurteilung

Das gibt Rutishauser nochmals Gelegenheit, unter dem Deckmäntelchen der Berichterstatterpflicht die saftigsten Details dieser Spesen wieder auszubreiten. Auch hier gibt’s nichts Neues, aber es hilft natürlich bei der medialen Vorverurteilung, bei einer Art öffentlicher Selbstjustiz, mit der Rutishauser auch noch die letzten lächerlichen Reste der Unschuldsvermutung in die Tonne tritt.

Es ist ein Stück aus dem Tollhaus. Die einzigen bislang einwandfrei begangenen Straftaten sind Verletzungen des Amts-, Geschäfts- und Bankkundengeheimnisses. Und zwar wiederholt und ohne dass es der Staatsanwalt in den quälend langen Jahren seiner Untersuchung für nötig hielt, wenigstens Strafanzeige einzureichen.

Das holte nun als eine seiner ersten Amtshandlungen das Bezirksgericht Zürich nach, nachdem es durch die Einreichung der Anklageschrift die Hoheit über das Verfahren bekommen hat. Viel mehr Aktivität hat es allerdings bislang auch nicht entfaltet. Es brütet offensichtlich noch über der Frage, ob es – unter welchem Vorwand auch immer – die Anklage zwecks Verbesserung abschmettern will, sich für nicht zuständig erklären – oder in den sauren Apfel dieses Riesenprozesses beissen.

Behauptungen der Anklageschrift werden im Indikativ erzählt, als Tatsachen

Natürlich wurde die angebliche «Enthüllung» der SoZ in der dürftigen Nachrichtenlage des Sonntags fleissig kolportiert und weiterverbreitet. Manchmal im Konjunktiv, häufig aber auch, wie in der Darstellung Rutishausers, im Indikativ.

Das ist eine weitere Verluderung der Sitten. Unschuldsvermutung? Selten so gelacht. Zitate aus einer Anklageschrift, die schliesslich nur die Sicht der Staatsanwaltschaft wiedergibt, als Tatsachen darstellen? Ausrisse aus angeblichen Spesenabrechnungen publizieren? Ohne den geringsten Hinweis darauf, dass es sich hier bislang lediglich um Anschuldigungen handelt? Ohne Hinweis, dass nicht einmal die Anklage vom Gericht angenommen wurde? Ohne Hinweis darauf, dass ein Urteil noch in weiter Ferne liegt und Freispruch oder Schuldspruch sein kann?

Ohne Rücksicht darauf, dass Pierin Vincenz, unabhängig davon, ob er sich etwas hat zuschulden kommen lassen oder nicht, seit nun drei Jahren durch dieses Schlammbad von Indiskretionen geschleift wird? Also an seiner Vorbildfunktion müsste der Oberchefredaktor noch etwas arbeiten; da ist noch viel Luft nach oben.

Die grosse Hoffnung der Journalisten

Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Und schneller vergessen. Gut für Journis.

Arthur Rutishauser, Oberchefredaktor bei Tamedia, servierte der staunenden Leserschaft unermüdlich und Jahr für Jahr die gleiche News: Die Strafuntersuchung im Fall Vincenz stehe kurz vor dem Abschluss, demnächst werde die Anklageschrift eingereicht.

Das tat er im Frühling, im Herbst, wenig variantenreich und unbekümmert darum, dass es nie eintraf. Aber wie eine stehengebliebene Uhr, die auch zweimal am Tag die richtige Zeit anzeigt: Endlich hat’s dann, nach drei Jahren, doch mal geklappt.

Es war zwar nicht demnächst, auch nicht im August, aber Ende Oktober 2020. Uff. Wieso kam er damit durch? Ganz einfach: Er setzte auf das Kurzeitgedächtnis der Öffentlichkeit. Auf ihre Fähigkeit zum schnellen Vergessen. Darauf, dass sich doch niemand mehr daran erinnert, was Rutishauser vor einem halben Jahr angekündigt hat. Wohl nicht mal er selbst.

Keiner zu klein, Rutishauser zu sein

Wie der Herr, so’s Gescherr. Seitdem Mario Stäuble zum Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» aufgestiegen ist, erblüht er als Kommentator. Innert kürzester Zeit hat er sich dabei das Rüstzeug angeeignet, um im Chor mit vielen anderen Ratschläge zu geben, Kritiken anzubringen und zu zeigen, wo’s langgeht:

«So funktioniert das mit der Quarantäne nicht»,

«wir müssen verschärfen», selten sieht er Anlass zu Lob: «Endlich klemmt der Bundesrat das «Gstürm» ab».

Trost zu spenden ist seine Sache nicht: «Was für die betroffenen Branchen brutal klingt, ist in Wirklichkeit ein Schritt vorwärts», behauptet der Angestellte Stäuble. In Wirklichkeit ein brutaler Schritt über die Klippe für Tausende von KMU, aber was soll’s. Auch Stäuble profitiert davon, dass sich doch einen Tag später keiner mehr an sein dummes Geschwätz erinnert.

Das gilt auch für seine Kollegin Priska Amstutz. «I am speaking», dieser kleine Satz der zukünftigen Vizepräsidentin der USA hat für Amstutz «globale Strahlkraft», wie sie backfischartig schwärmte. Aber auch das, zusammen mit ihrem Betty-Bossi-Rezept, das sie als von «Grossmüetti Amstutz» ausgab, ist längst vergessen.

Auch das Fussvolk spielt mit

Wie das Gescherr, so das Fussvolk. Im Newsletter wird der männerdominierten Sprache Saures gegeben, bis sie nur noch Sternchen sieht. Ein anderer Amok twittert, dass die Uni Luzern ein Interview mit zwei renommierten Wissenschaftler von ihrer Webseite nehmen sollte. Oder wie er zu formulieren beliebt: «Hey, Uni Luzern, nehmt den Dreck runter, entschuldigt euch bei C. Althaus und publiziert eine Richtigstellung.»

Aber was ist vom einem «Leiter digitales Storytelling» zu erwarten, der auch schon mal dem gesamten Bundesrat attestiert:

«Jetzt sind sie komplett übergeschnappt.»

Auch er rüpelt so vor sich hin, weil er auf das schnelle Vergessen hofft. Und auf die eigene Belanglosigkeit, obwohl er das natürlich nie zugeben würde.

Auch die übrigen Chefkommentatoren zählen auf Vergesslichkeit

Selbstverständlich ist Tamedia nicht alleine. Auch Christian Dorer, der Amtskollege von Rutishauser bei Ringier, hofft auf schnelles Vergessen: «Ski fahren, snowboarden, langlaufen, Schneeschuhtouren machen oder ausgedehnte Winterspaziergänge – es wäre falsch, ausgerechnet das zu verbieten, was Geist und Körper in dieser Jahreszeit am besten stärkt.»

So jauchzte er noch Ende November letzten Jahres. Schon Ende Februar 2020 wusste Dorer: «Klarmachen sollten wir uns aber auch:

In ein paar Monaten ist der Spuk vorbei.»

Nein, damit meinte er nicht die Amtszeit von Präsident Trump, dem er mit seinem Schwiergmutterschwarm-Charme eine Unterschrift auf sein Blatt abgenötigt hatte. Er meinte Corona.

Im April sah Dorer dann eine originelle Chance, dem drohenden Wirtschaftsabschwung zu begegnen: «Feiern Sie das Ende des Lockdowns im Restaurant! Decken Sie sich mit der aktuellen Frühlingsmode ein! Richten Sie Ihr Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer neu ein! Holen Sie sich den neuen Computer! Kaufen Sie das Auto, von dem Sie schon lange träumen!» Aber schon im September tönte er fast resigniert: «Lernen wir, mit dem Virus zu leben.»

«Historisch einmalig, nie dagewesen»

Auch CH Media ist auf das schnelle Vergessen angewiesen. So positionierte sich der dortige Überchefredaktor Patrik Müller bereits am Anfang von 2020 leicht gereizt: «Jeden Tag Weltuntergang – es nervt». Denn nun sei neben dem Klimawandel auch noch im fernen China ein Virus ausgebrochen. Mitte April 2020 verfällt er dann in einen tiefen Pessimismus:  «Um Massenarbeitslosigkeit abzuwenden, muss die Wirtschaft behutsam, schrittweise wieder geöffnet werden. Sonst drohen wirtschaftliche und auch gesundheitliche Schäden, die beispiellos, historisch einmalig, nie da gewesen sind.»

Ende Juli redete er den Eidgenossen ins Gewissen:

«Ferien im eigenen Land! Die Schweiz bietet fast alles.»

Gegen Ende Jahr können dann die Politiker aufatmen: Der Präsenzunterricht beginnt in der Regel am Montag wieder. Das ist richtig.» Genauso richtig wie, dass von seinen immerhin über 200 Kommentaren wohl die meisten überflüssig waren.

Selbst, um nichts auszulassen, selbst der NZZ passieren manchmal kleinere Flops, die man dann gerne ebenfalls im Archiv von «schnell vergessen» versorgt. So wollte sie, nach einigen Erfolgen bei der Credit Suisse, auch im Fall Vincenz mal vorne mitspielen. Also setzte sie, natürlich wie immer «von informierten Kreisen nahe am Verfahren» angefüttert, das Gerücht in Umlauf, dass es noch vor der Einreichung der Anklageschrift zu einem Deal kommen werde. Strafbefehl gegen Schuldeingeständnis. War dann nix.

 

Der Corona-Journalist, Teil I

Neue Lage, neue Gattung: keiner zu klein, Fachmann zu sein.

Wie wusste Hölderlin schon so richtig: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Bevor nun gegoogelt wird: nein, das war kein Corona-Fachmann; nur so ein deutscher Dichter.

Allerdings hätte er sich unter dem Rettenden wohl nicht die aktuelle Entwicklung in den Medien vorgestellt. Denn während noch im Januar dieses Jahres wohl 99 Prozent aller Journalisten auf das Stichwort Corona geantwortet hätten: «ah, das Bier mit dem Zitronenschnitz», ist das heute anders. Ganz anders.

Jeder, der sich berufen fühlt, ist inzwischen zum Epidemiologen, Virologen, Corona-Virus-Kenner, Testspezialisten und vor allem zum Warner, Mahner und wackelndem Zeigefinger herangereift. Unabhängig von Alter, Geschlecht und Vorbildung.

Wenn alle davon reden, müssen alle Journalisten mitreden

Ob gelernter Taxifahrer, abgebrochener Germanist, promovierter Soziologe, Maturand auf dem zweiten Bildungsweg, Kursbesucher des MAZ: spielt überhaupt keine Rolle. Wenn alle von Corona reden, müssen alle Journalisten mitreden.

Wenn der Oberchefredaktor, also Patrik Müller (Betriebswirtschaftslehre, Handelsschuldiplom), Arthur Rutishauser (Doktor der Volkswirtschaft), Eric Gujer (Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik) oder Christian Dorer (B-Matur, Grundstudium Wirtschaft) das Wort ergreifen, schweigt natürlich der Plebs* und studiert fleissig die geäusserten Positionen.

Sobald das klar ist, kann losgelegt werden. Zum Beispiel, wenn der Bundesrat neue Massnahmen verkündet, aber keinen Lockdown. «Nicht fünf vor zwölf, sondern High Noon», lässt die NZZ Filmbildung erkennen, überhaupt sei der Bundesrat viel zu zögerlich unterwegs. Riskante Strategie, der BR folge der Wirtschaft, das Risiko trügen die Schwächsten, barmt sich der «Tages-Anzeiger».

«Totales Versagen» wird gerne genommen

Wie es sich gehört, poltert «Blick»-Oberchef Christian Dorer kräftiger, er konstatiert ein «totales Versagen» von BR und Kantonsregierungen, aber immerhin, jetzt sei das Minimum beschlossen worden. Patrik Müller räumt ein, dass es noch nicht zu spät sei, also der Schweizuntergang noch aufgeschoben sei, allerdings sei die Verkümmerung des kulturellen und sozialen Lebens beklagenswert.

Ich fasse zusammen: Versager, Zauderer, Minimalisten, wirtschaftshörig, Zeichen der Zeit nicht erkannt, riskieren für die Wirtschaft das Leiden der Schwächsten.

Wenn das so wäre, müssten wir uns wieder einmal schämen. Schämen, dass wir eine solche Versagertruppe als Bundesrat haben. Dass wir solche Versager in die Kantonsregierungen gewählt haben. Wir könnten sicherlich ruhiger schlafen und der Pandemie viel gelassener entgegenblicken, wenn wir eine Notregierung aus diesen vier Chefredaktoren bilden würden, unterstützt von ihrer Bodenmannschaft, die auch alles über Corona weiss.

Beschädigtes Vertrauen allenthalben

Die Kakophonie der Wissenschaftler mitsamt Kassandra-Rufen beschädigt die Glaubwürdigkeit und die Reputation. Die Rechthaberei und Zurechtweisung der Medien, völlig verantwortungs- und haftungsfrei, beschädigt die Glaubwürdigkeit und Reputation.

Wenn sich jeder Journalist als wissenschaftlicher Scheinriese fühlt, der genau weiss, welche Massnahmen wann und wie ergriffen werden müssten, aber eben, leider hört man nicht auf ihn, dann versagt die Vierte Gewalt wieder einmal krachend in ihrer Kernaufgabe: informieren, analysieren, einordnen, Auslegeordnung machen, die Entscheidungsfindung des Lesers befördern.

Ich (promovierter Germanist und Historiker) kenne mich nur mit vier Dingen aus: Worten, Zahlen, logischen Zusammenhängen und Deduktionen. Dazu äussere ich mich, zu Dingen, für die ich nicht die nötige Qualifikation habe, schweige ich. Damit minimiere ich zumindest die Gefahr, die von mir ausgeht. Wachsendes Rettendes sehe ich allerdings nicht.

* In einer ersten Version war Plebs falsch geschrieben.