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Ein Tweet und seine Geschichte

Zweite Lieferung einer neuen Rubrik. Hier werden Fundstücke obduziert, um ihre Todesursache zu finden. Heute die «NZZamSonntag».

Manchmal sagt ein Bild wirklich mehr als tausend Worte:

Wenn Sie es nur öfter täten …

Ladies, Gentlemen and everyone beyond, wie da die «Republik» sagen würde: Wer versteht das? «Weihnachtskakteen, die auch ohne Wasser blühen»? Was Aline Wanner da geraucht hat? Oder ist sie einfach verknallt? Die Erwähnung eines eher einfältigen Liebeslieds von Amy McDonald spricht dafür. Unglücklich verknallt? Denn im Lied will sie etwas mehr, während er nur ein Freund von ihr sein will.

Also reimt sich für Frauen doch Herz auf Schmerz; und Salome Müller hat das retweetet. Verstehen wir da die Kampfansage richtig?

No women, no NZZaS?

Oder ist es eher «no woman no cry»? Da spenden wir mit Bob Marley, obwohl das ein Mann war, Trost: «Everything’s gonna be all right.»

Allerdings, wir haben halt auch nur die männliche Perspektive drauf, «no women no news» scheint uns doch ein etwas, Pardon, dämlicher Slogan. Denn wer soll denn dann über Frauenstreiks berichten?

Weil der Bundesrat nicht eingreift, geht schon wieder eine Frau

Geht da noch was? Aber sicher. Was braucht es noch? Genau, staatliche Aufsicht, Kontrolle und Eingriffe. Daher wendet sich Aline Trede, grüne Nationalrätin, mit der Frage an den Bundesrat, ob der die erschütternden Zustände bei Tamedia zur Kenntnis genommen habe und wie er handeln werde. Ob er nicht zum Beispiel in die Presseförderung ethische und Diversity-Aspekte beachten wolle.

Was antwortet der Macho-Bundesrat? Logo, er verurteile natürlich alle solchen Vorkommnisse, aber solche Kriterien seien in den gesetzlichen Grundlagen nicht vorgesehen, «ihre Überprüfung wäre wegen der hohen Komplexität und Sensibilität des Themas kaum möglich». Typisch, da verlangt eine weiblich solidarische Grüne mehr Schutz für die Natur, äh, die Frauen, inklusive Kontrolle von und Sanktionen gegen Sexismus, und dann will der Männerclub nicht.

Geht noch ein Kleiner? Immer. Laura Frommberg, stellvertretende Wirtschaftschefin bei Tamedia, hat gekündigt. Nachdem auch sie den Protestbrief unterzeichnete. Ein erstes Opfer des darauf einsetzenden, verstärkten männlichen Mobbings? Da gibt sie persoenlich.com eine richtig weibliche Antwort: «Ja und nein», halt typisch Frau. «Ich gehöre zu den Absenderinnen des Schreibens, das heisst, auch ich habe die Arbeitsatmosphäre teilweise als hinderlich erlebt.» Aber – das geht offenbar neben dem Job als Wirtschaft-Stv. – sie sei gleichzeitig auch immer für das von ihr mitbegründete Portal aerotelegraph.com tätig gewesen, und dem wolle sie sich nun voll widmen.

Ein grosser Verlust für Tamedia. Denn Frommberg veröffentlichte in den vergangenen 12 Monaten rund 40 Artikel.*

 

*Korrektur: Ursprünglich hiess es, Frommberg habe 12 Artikel in den letzten 12 Monaten veröffentlicht. Tamedia legt Wert auf die entsprechende Richtigstellung. Zudem habe Frommberg nicht «ausschliesslich» über Fragen des Flugverkehrs publiziert, sondern nur die Hälfte ihrer Artikel befassten sich damit. Wir bitten um Entschuldigung.

Der schöne Godi

Wer schön sein darf und wer nicht.

Tennisspiele kommentieren kann ganz schön öde sein. TV-Experte Boris Becker streute kürzlich aus Träumerei einen verhängnisvollen Satz ein: «Wenn ich das auch mal erwähnen darf, eine ausgesprochen hübsche Schiedsrichterin.» Er meinte Tennis-Referee Marijana Veljovic, und er hatte objektiv gesehen recht. Trotzdem prasselte ein Schwall von Sexismus-Vorwürfen auf den Vierfachvater mit drei Frauen. Frau. Hübsch. Das geht gar nicht.

Unwort des Jahres: Grenzverletzungen

Szenenwechsel. Aline Wanner schreibt ein mehrseitiges Portrait über den gestrauchelten Chef der Reformierten Kirche der Schweiz, Gottfried «Godi» Locher. In ihrem Text in der NZZ-Samstagsausgabe vom 12. September stellt sie fest: «Er ist ein schöner Mann, ein begabter Redner, schnell im Kopf, überzeugend im Auftritt.» Dabei gibt Aline Wanner zu, dass Locher mit der NZZ nicht über die Hintergründe seines Rücktritts sprechen wollte. Fragen beantwortete er keine. Ein «kaltes» Portrait also, das Aline Wanner schreibt. Trotzdem scheint sie ziemlich beeindruckt vom 53-jährigen, verheirateten Dreifachvater. Mann. Schön. Begabt. Doch auch ihr gelingt nicht, das in fast jedem Medienbericht auftauchende Wort «Grenzverletzungen» gegenüber Frauen zu konkretisieren. Ist es Scham, Prüderie, reformiertes Denken? Grenzverletzung kann ein Lob über das Aussehen, ein Griff an den fremden Po, aber auch eine klassische Bettnummer sein. Doch niemand will konkret werden. Hat das rechtliche Gründe? Deckt Locher alle Kritiker mit Klagen ein? «Grenzverletzungen» scheint ein Kandidat zum Unwort des Jahres zu werden.

Auch geht Aline Wanner der Frage nicht nach, wie es denn der Familie von Gottfried Locher gehen könnte nach den vielen Seitensprüngen von «Godi». Eine Frage, die sich auch bei Geri Müllers sexuellem Aussetzer niemand fragte. Denn auch der damalige Badener Stadtammann pflegte eine aussereheliche Beziehung. Der Unterschied: Objektiv gesehen kann man bei Müller nicht von einem «schönen» Mann sprechen, im Gegensatz zu Locher.

Blick schiebt nach

Aline Wanner schliesst ihr Portrait mit der Feststellung: «Es bleibt eine teure Angelegenheit zwischen Anwälten und PR-Beratern, die versuchen werden, die Mitglieder der Kirche, Journalisten und schliesslich die Öffentlichkeit von ihrer Wahrheit zu überzeugen.» Wie teuer, hat Wanner nicht herausgefunden. Das schiebt Blick-Politik-Chefin Sermin Faki am Montag nach. An der Synode in Bern sei bekannt geworden, dass die «Aufarbeitung des Locherskandals teuer» werde. Allein für die Untersuchung seien 170’000 Franken veranschlagt, der Grossteil davon für Honorare der beauftragten Anwälte. Dass somit Steuergelder verbrannt werden, steht nicht im Bericht. Dem schönen Godi dürfte es egal sein.

P.S. Aline Wanner ist übrigens nicht die Tochter von Peter Wanner, wie Roger Köppel irrtümlich mal schrieb. Aline Wanner arbeitete bis vor kurzem beim Schweizteil der «Zeit» und seither beim NZZ-Folio. Weil dieses nur noch alle zwei Monate erscheint, springt Wanner auch bei der NZZ und bei der NZZ am Sonntag – dort mit einer Medienkolumne – ein.