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Der zeitliche Ablauf

Eine Time line hilft immer bei der Einordnung der Sachlage.

  • 30. Juni 2019

Informant von Blumer schickt ein PDF des Artikels an die Mutter und die Schaffhauser Behörden (Kesb, Obergericht, Präsident der Justizkommission) mit dem Hinweis, morgen erscheine im Tagi ein Bericht, der beweise, wie korrupt diese Behörden seien. Er ruft beim Arbeitgeber der Mutter an, findet aber auch dort kein Gehör mit seinen Anschuldigungen.

  • 1. Juli 2019

Artikel «Ein Leben ohne die eigenen Kinder» erscheint in allen Tamedia-Blättern. Sofortige Kontaktnahme mit der Autorin, Hinweis auf falsche Darstellung von Tatsachen. Keine Reaktion.

Einige Tage später: Mail an Supino, Rutishauser, Wittwer und Strehle über die im Artikel enthaltenen Fehler. Alle antworten nur kurz und ablehnend.

  • 10.  Juli 2019

Beschwerde der Mutter beim Ombudsmann von Tamedia. Informant weibelt derweil mit dem «Beweis»- Artikel bei Schaffhauser Behörden und Parlamentariern herum. Behauptet, der Artikel werde dazu führen, dass die Kesb-Chefin und die Präsidentin des Obergerichts den Job verlieren würden.

  • 25. Juli 2019

Schaffhauser AZ nimmt die Blumer- Story auf und demontiert sie. Mattias Greuter: «Einseitig und fiktiv».

Greuter wird vom Blumer-Informanten bedroht und öffentlich verleumdet. Greuter erstattet Anzeige. Der Ex-Ehemann behauptet unter anderem, Greuter sei der Geliebte seiner Ex-Frau und verlangt nun schon in zweiter Instanz Einsicht in den Chatverkehr der beiden.

  • 28. Juli 2019

Persönlich.com berichtet über AZ-Artikel: «Tamedia wehrt sich gegen Vorwürfe». Anstelle von Claudia Blumer antwortet Arthur Rutishauser auf schriftliche Fragen.

  • 10. August 2019 

Rainer Stadler schreibt in der NZZ über den Fall: «Keine Sternstunde für Tamedia.»

  • 24. August 2019

Ombudsbericht wird im «Tages-Anzeiger»veröffentlicht.

 

  • 23. August 2019  

Aus der Verwandtschaft der Mutter wird bei der Staatsanwaltschaft Schaffhausen Strafanzeige gegen Blumer und eine Psychologin eingereicht. Wegen Verleumdung, bzw. Bruch des Amtsgeheimnisses.

  • 4. September 2019

Persönlich berichtet über die Anzeige. ««Wir wissen nichts von einer Anzeige und nehmen deshalb keine Stellung», schreiben Claudia Blumer und Arthur Rutishauser am Wochenende auf Anfrage von persoenlich.com. Der Ombudsmann der Tamedia habe sich dazu geäussert mit seinem Beitrag vom 24. August. Damit seien auch die Fehler richtiggestellt worden», zitiert persoenlich.com.

  • Dezember 2020

Der Ex-Ehemann muss sich vor dem Kantonsgericht Schaffhausen wegen Persönlichkeitsverletzung gegenüber der Kesb-Präsidentin Christine Thommen verantworten. Bereits im Mai 2020 war ihm mit einer vorsorglichen Massnahme untersagt worden, Anschuldigungen wie Amtsmissbrauch, Kindesmissbrauch, Amtsgeheimnisverletzung oder «politisch motivierte Kinderklauerei» zu verbreiten. Er hielt sich nicht daran. «Man ist fast ratlos angesichts dieses penetranten Vorgehens», sagt Thommens Anwalt. Der Ex-Vater wird ein weiteres Mal verurteilt.

  • Januar 2021

Kinderpsychologin wird von der Staatsanwaltschaft einvernommen.

  • Februar 2021

Schaffhauser Staatsanwaltschaft erhebt neuerlich Anklage gegen den Informanten von Blumer in mehreren Fällen, darunter die Anzeige des AZ-Journalisten wegen Drohung und Verleumdung.

«Bersets jahrelange Affäre»

Eva Wannenmacher sprach im Podcasts «Wahrheit, Wein und Eisenring» aus, was sonst tabu ist.

In den online-Ausgaben der Tamedia-Zeitungen preist Yvonne Eisenring (aufgeführt als Artikelautorin) die neuste Folge ihres Podcast gleich selber an. «Radikal ehrlich wird das Gespräch, zu dem Yvonne Eisenring die Moderatorin Eva Wannenmacher («Kulturplatz») eingeladen hat». Neben den üblichen Themen wie Masturbation und Sexualtrieb erzählt Wannenmacher über ihre Zeit mit 27, als sie mit Journalismus-Preisen überhäuft wurde. Die heutige Moderatorin der SRF-Sendung Kulturplatzes: «Man ist einsam. Als öffentliche Person meinte ich, ich müsse mich dauernd rechtfertigen. Heutzutage, wenn auskommt, dass Alain Berset jahrelang eine Affäre mit einer anderen Frau hatte, dann kann er das abblocken, indem er sagt, das ist privat. Das hätte mir damals auch in den Sinn kommen können. Mit 27 kann man das wohl nicht so gut.» Das seien Learnings, so Wannenmacher, die ihre TV-Karriere bei Tele Züri gestartet hat.

Wannenmacher sagt, sie habe damals Fehler gemacht, sie sei unreif gewesen und voll reingelaufen. «Ich habe meinen Preis bezahlt. Wenn man hinauf geschrieben wird, wird man auch hinunter geschrieben.»

Um einen Blick hinter die Mechanik des Medienbetriebs zu erhalten, lohnt sich das Hineinhören. Der Passus mit Bundesrat Alain Berset kommt ein wenig nach nach Minute 36. 

 

 

 

Berset: toujours l’amour?

Wer darf einen Blick auf den Unterleib eines Bundesrats werfen?

Wie sagte Karl Valentin so unsterblich richtig: Wenn’s einer kann, ist’s keine Kunst. Kann’s einer nicht, ist’s auch keine. Wie ist’s damit in den Schweizer Medien bestellt?

Der Gralshüter des moralisch hochstehenden Diskurses donnert im Blatt für die gehobenen Stände: «Keine Geschichte.» Man reibt sich etwas die Augen; das muss wohl ein Doppelgänger von Frank A. Meyer gewesen sein, der im gleichen Boulevard-Blatt SoBli den Lausch- und Fotoangriff auf den Unterleib des damaligen Botschafters in Berlin als gerechtfertigt bezeichnete, weil der ja durch eine angebliche Liebschaft erpressbar sei.

Das endete dann eher peinlich. Der Botschafter war weg, aber die Teutonentruppe bei der «Blick»-Familie auch, dazu gab es einen empfindlichen finanziellen Aderlass, der Verleger höchstpersönlich musste sich auf Seite eins entschuldigen, und Meyer wurde wegen übertriebener Härte kurzfristig auf die Strafbank gesetzt.

Die Bundespolizei zeigte für einmal, was sie kann

Ach ja, das waren noch Zeiten. Nun ist es einem Bundesrat widerfahren, dass er mit Erpressung bedroht wurde. Offenbar ziemlich konkret; die Erpresserin hatte schon extra zwei Konten für die Überweisung von 100’000 Franken eröffnet. Wenn nicht, würde sie mit verfänglichen Fotos und pikantem Geschreibsel des Bundesrat an die Öffentlichkeit gehen.

Das geschah schon im Dezember 2019, und nachdem der Bundesrat sie vergeblich via Anwalt von diesem Plan abbringen wollte, schaltete er die Bundespolizei ein. Die zeigte für einmal, was sie kann, wenn sie will. Die Übeltäterin wurde verhaftet, einem strengen Verhör unterzogen und willigte freiwillig ein, dass die möglicherweise belastenden süssen Erinnerungen von all ihren Datenträgern entfernt werden.

Da sie schon kurz zuvor einen Rückzieher von ihrer Absicht gemacht hatte, durch Erpressung 100’000 Franken einzunehmen, wurde die ganze Angelegenheit mit einem Strafbefehl erledigt. Und wäre überhaupt erledigt gewesen, wenn solche Strafbefehle nicht eine kurze Zeit öffentlich einsehbar sein müssten.

Wer ist wie und wann erpressbar?

Und schon wieder ging die Debatte los, ob der Bundesrat zwar in diesem Fall der Erpressung nicht nachgegeben habe, aber möglicherweise eben doch erpressbar sei. Das wurde natürlich von ihm selbst und von Meyer zurückgewiesen, und dann kann es ja auch nicht so sein.

Seine einzige Waffe?

In wohl jedem anderen Land der Welt wären ab Bekanntgabe der Affäre die Journalisten ausgeschwärmt, um die Hintergründe zu recherchieren, die Erpresserin ausfindig zu machen, mindestens ein Porträt über sie zu schreiben, wenn ihr schon nicht ein Quote zu entlocken wäre.

In der Schweiz wird bei solchen Sachen geeiert. Als der katholisch-christliche Parteipräsident einer die Ehe und christliche Werte hochhaltenden Partei sich bei einem Seitensprung fortpflanzte, machte er mit dem «Blick» ein Päckli; Exklusiv-Story mit reuigem Sünder, dafür keine blöden Nachfragen. So schaffte er es sogar, in die Walliser Regierung gewählt zu werden, der Heuchler. Dagegen hatte Meyer keine Einwände.

Berset hat Glück im Unglück

Nun hatte Bundesrat Alain Berset Glück im Unglück. Nicht etwa das eigentlich zuständige Boulevard-Blatt hatte die Story, die Sonntagszeitungen hatten sie zwar, rechneten aber nicht damit, dass sie die WeWo am Samstag im Internet mit dem Primeur abtrocknen würde. Statt selber eine saftige Aufmacherstory zu liefern, konnten sie nur missmutig nacherzählen.

Anschliessend wurde natürlich nicht nur von Meyer debattiert, ob das nicht wirklich eine Privatangelegenheit des Bundesrats sei, zudem erledigt, also könnten doch nur rechte Hetzer daraus einen Skandal hochzwirbeln wollen. Ausserdem wisse man ja gar nicht, worum es hier genau gegangen sei, worin das Material bestünde, mit dem erpresst werden sollte.

Nun ja. Wenn man sich die Hintergründe etwas genauer anschaut, kommt man doch auf ein paar merkwürdige Zufälle. Bei der gescheiterten Erpresserin handle es sich um eine Künstlerin, die im weiten Feld der Performance unterwegs ist. Obwohl sie ein überschaubares Oeuvre vorgelegt hat, bekam sie bereits den Schweizer Kunstpreis, immerhin mit 25’000 Franken dotiert. Ihre Ausstellungen, Aufenthalte, ihr Wohnsitz zeugen zumindest von einer gewissen Weltläufigkeit und Vernetzung.

Eigentlich könnte jeder den Namen der Künstlerin herausfinden

Inzwischen sind auf «Inside Paradeplatz» und anderswo dermassen viele Details über diese Künstlerin veröffentlicht worden, dass es keiner grossen Anstrengungen bedarf, ihren Namen herauszufinden und ihr ein Mail zu schicken, ob sie nicht mal ihre Sicht der Dinge darlegen wolle.

Sie will leider nicht, und Bersets Anwalt droht jedem mit Pech und Schwefel, der es wagen sollte, ihren Namen zu publizieren. Sie selbst ist zudem in einer Schweizer Kulturstätte im Ausland versorgt, bis Mitte nächsten Jahres. Ist auch ziemlich praktisch; bis dahin dürfte endgültig Gras über die Sache gewachsen sein.

Darf nun ein Bundesrat kein Privatleben haben, und wenn doch, ist das dann nicht seine Privatsache und geht niemanden etwas an? Ausser den Direktbeteiligten, darunter auch seine Frau und Kinder?

Bei politischen Exponenten ist die Privatsphäre anders gestaltet

Das mag so sein. Aber wenn der kleine Angestellte Müller, verheiratet, mit der Serviertochter des «Ochsen» ein Verhältnis hat, ist das keine Geschichte, selbst wenn sie ihn nach einem Streit über einen Schwangerschaftstest erpressen will. Nun ist das bei einem Bundesrat etwas anderes. So wie bei einem Botschafter oder Parteichef. Zumindest sollten alle Fakten auf den Tisch kommen.

Interessant ist dabei auch, dass sogar von Politikerinnen bestritten wird, dass es sich bei dieser Frau um ein Opfer handeln könnte. Trotz #metoo und der klassischen Ausgangslage, mächtiger Mann, ohnmächtige Geliebte – keinen scheint ihre Geschichte, ihre Sicht der Dinge zu interessieren. Eine Schweizer Besonderheit oder eine Schweizer Absonderlichkeit?