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Der Corona-Pranger von CH Media

Die AZ zeigt, wie man Leute am besten blamiert.

Vor einigen Tagen lagen in den Briefkästen von Merenschwand (AG) seltsame Flyer. «So schützen wir uns», wurde da empfohlen, und zwar mit «Humor», «Lebensfreude» usw. Und vor dem Bundeshaus und den Medien sollte mindestens 5 Kilometer Abstand gewahrt werden. Eine betroffene Merenschwanderin schaltete natürlich sofort die Gemeinde ein und diese verständigte logischerweise gleich die Regionalpolizei. Alles in allem: Eine hübsche Dorfposse.

Leider informierte die Meerenschwanderin auch gleich die Aargauer Zeitung. Schliesslich sei der Flyer «nicht ungefährlich». Was tat der diensthabende Redaktor? Er setzte sich an den Rechner und bastelte sich einen Text. Eins und eins gibt zwei, wird er sich gedacht haben, und schrieb: «Wer den Flyer in die Merenschwander Briefkästen verteilt hat, ist bisher unbekannt. Aufgrund des Inhalts liegt allerdings der Verdacht nahe, dass die umstrittene Coronakritikerin XY dahinter stecken könnte.»

Die Coronakritikerin wird im Artikel dreimal mit vollem Namen genannt. Der Redaktor verzichtete auf eine Anfrage bei ihr. Bei «Coronakritikerinnen» muss der Journalistenkodex anscheinend nicht angewandt werden.

Ist ja nur eine Coronakritikerin

Auch die Pressestelle von CH Media hat mit der Blossstellung kein Problem. Sie schreibt: «Das Verteilen von anonymen Flyern in Briefkästen ist sicher nicht illegal (…) Deshalb ist eine Anhörung von Frau X in diesem Fall nicht zwingend. Zudem schreiben wir im Artikel lediglich, der Verdacht liege nahe, dass Frau X die Urheberin sein könnte – dies aufgrund ihres bisherigen Verhaltens und ihres Wohnorts in Merenschwand.»

Solche Aussagen sind eigentlich noch gefährlicher als das Verteilen dämlicher Flyer. Die Dorfposse geht aber weiter. Ein paar Minuten nach der Antwort der Medienstelle, schreibt die Beschuldigte eine E-Mail an die Aargauer Zeitung: «Ich habe diese(n) Flyer, von denen (sic!) Sie in ihrem Bericht schreiben, nicht verteilt.»

«Der Rest bleibt»

Auf die Frage hin, ob jetzt endlich der Name der «Coronakritikerin» aus dem Artikel entfernt wird, schreibt die Pressestelle zurück: «Der erwähnte Paragraph wurde angefügt. Der Rest bleibt.»

Das ist eigentlich nicht mehr zu toppen. Die Aargauer Zeitung beschuldigt eine Frau einer Tat und nennt sie beim vollen Namen. Die Frau beschwert sich natürlich bei der Redaktion. Und diese ändert nichts am Text, sondern fügt im Text lediglich ihre Beschwerde an – natürlich mit allen Rechtschreibefehlern.

Ein schönes Beispiel, wie man von A bis Z alles falsch machen kann.

Alpamare auf dem Mond

Wie sich Medien mangels Fachkompetenz einseifen lassen.

186 Seiten stark ist das Jahrbuch Qualität der Medien 2020. Es liest sich so, wie Fachbücher halt geschrieben werden. Ein bisschen Leidenschaft flammt bei den Autoren nur dann auf, wenn sie über die Hörigkeit der Schweizer Journalisten gegenüber den Virologen herziehen:

(…) Gesamthaft aber erfolgte der Umgang mit Zahlen zu wenig einordnend und zu wenig kritisch-distanziert. (S.10) Der Wissenschaftsjournalismus ist unverzichtbar für die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens in der Gesellschaft, aber auch für seine kritische Einordnung. (S.19) Insgesamt betrachtet zeigen Pendler- und Boulevardmedien Ansätze eines «nackten», das heisst unkritischen und kaum einordnenden Vermeldens von Zahlen. (S. 48)

Die vielen Zeitungen von CH Media zählen natürlich nicht zu den Pendler- und Boulevardmedien. Es sind Qualitätszeitungen. Sechs Nasen zählt das Impressum für das Ressort «Leben & Wissen» auf

Dr. Rainer Kayser ist studierter Physiker und Astronom. Er lebt im beschaulichen Husum an der Nordsee. Zu den Kunden des freien Wissenschaftsjournalisten zählen unter anderem die «Zeit» und der «Tagesspiegel». Im «Badener Tagblatt» schreibt er wahrscheinlich seltener. Die AZ hat einen Wissenschaftstext bei ihm gekauft, obwohl das Impressum der Aargauerzeitung eigentlich sechs Nasen für das Ressort «Leben & Wissen» aufzählen kann.

Es geht im Artikel um eine eiligst einberufene Pressekonferenz der Nasa. Die klamme US-Bundesbehörde ist auf ziemlich verlorenem Posten. Wer heutzutage ins All will, braucht die behäbige Behörde immer seltener. Private Unternehmen organisieren Transportflüge billiger, schneller und zuverlässiger.

Kann man bald auf dem Mond baden?

Wer Kaysers Text in der Ausgabe vom Dienstag liest, muss davon ausgehen, dass auf dem Mond ein Swimmingpool entdeckt wurde: «Definitiver Nachweis: Es gibt Wasser auf dem Mond», schreibt er im Titel. Und im Untertitel, der den Titel in der Regel etwas abfedert, wird es noch bunter: «(…) fast doppelt so viel wie bisher vermutet»

Also, sogar ein 25-Meter-Schwimmbecken? Andere Medien sind etwas vorsichtiger:

«Moon May Hold Frozen Water in More Places Than Suspected» (Bloomberg); «NASA Says If Found Water Molecules On The Moon’s Surface»; «The moon may contain more water than previously believed»

Man sollte generell immer etwas kritisch eingestimmt sein, wenn die Nasa jubelt. Und einordnen, ja, das sollte man auch. Der «Spiegel» hat das richtig gemacht und die Wasserfunde präzise eingeordnet: «Viel ist es nicht – als habe man eine 0,33-Liter-Getränkedose auf einem Fußballfeld verteilt.» Eine Meisterleistung war das zwar nicht, die Nasa selbst teilte das mit. Es ist schon seltsam, dass die Behörde vorsichtiger mit ihren Daten umgeht als der Journalist. Die Nasa selbst schreibt:

As a comparison, the Sahara desert has 100 times the amount of water than what SOFIA detected in the lunar soil.

Für die deutschsprachigen Leser: Der Mond ist auch nach den jüngsten Entdeckungen hundert Mal trockener als die Sahara. Diese Einordnung steht natürlich auch nicht im Kayser-Text. Nix mit Alpamare auf dem Mond. Aber wenn jetzt ein Aargauer Leserinnen und Leser feuchte Träume wegen Rainer Kasyer bekommen; meinetwegen.

Die Medienstelle von CH Media findet den Text trotzdem okay. Andere Medien hätten ähnlich getitelt wie ihr Autor. Das macht es auch nicht besser.

 

 

Älteste Redaktorin der Schweiz ist tot

Leny Wyss-Steinmann (104) ist vor wenigen Tagen friedlich verstorben.

Die in Buchs bei Aarau aufgewachsene ehemalige AZ-Redaktorin verantwortete 1940 die Beilage «Die Welt der Frau» der damaligen «Neuen Aargauer Zeitung».

1916, also zwei Jahre vor Ausbruch der Spanischen Grippe, kommt Helena Steinmann in Aarau zur Welt. Zwei Jahre später hilft ihre Mutter Rosa Steinmann im Kampf gegen die grassierende Spanische Grippe als Freiwillige. Sie pflegt kranke Soldaten und begibt sich dadurch selber in Gefahr. Doch Mutter wie auch Tochter kommen davon, im Gegensatz zu etwa 25000 meist jungen Soldaten, , die allein in der Schweiz an jenem Grippevirus sterben.

Eigenheim für 30000 Franken

Die schon seit früher Kindheit «Leny» genannte Tochter wächst zusammen mit ihrem Bruder Erwin, heute 97-jährig, in Buchs bei Aarau auf. Vater Robert arbeitet fast sein ganzes Berufsleben als Kondukteur bei den SBB. Er trat dem Unternehmen 1908 bei, sechs Jahre nach der grossen Bahnenfusion. 1930 baut die junge Familie trotz kargem Lohn ein Eigenheim an der Jakob-Bächli-Strasse. Man ist so sparsam, dass man die 4500 Franken für die 900 Quadratmeter Land bar bezahlen kann. Der Quadratmeterpreis beträgt 1930 lediglich 5 Franken, das heute noch stehende Zweifamilienhaus kostete 30’000 Franken.

Handelsdiplom an der alten Kanti

Leny durchläuft ohne Mühe die Bezirksschule und macht das Handelsdiplom an der alten Kantonsschule Aarau. Das war damals für das weibliche Geschlecht eine grosse Ausnahme. Dann folgt der Master, wie man das heute bezeichnen würde, als Hauswirtschafterin. In den 1930er Jahren hiess das noch Hausbeamtin. Dank diesen vielschichtigen Kenntnissen kommt sie zu einem für jene Zeit höchst ungewöhnlichen Job: Redaktorin bei der «Neuen Aargauer Zeitung». Die wöchentliche Beilage nennt sich «Die Welt der Frau». Dabei sind nicht nur Kochrezepte und Haushaltipps die Inhalte. Im Gegenteil: Oft schneidet Leny Steinmann kontroverse Themen an: «In jede Schulpflege eine Mutter», «Debatte über das Frauenstimmrecht», «Reicht unsere Kraft als Frauen aus?», sowie «Die Frauenrechtlerin hat das Wort». Die Artikel zeigen, wie kämpferisch und selbstbewusst Leny Steinmann schon damals agierte.

Die Artikel lesen sich heute noch flüssig und spannend. Steht am Anfang im Impressum noch Frl. Leny Steinmann, heisst es später: Verantwortlich für die Seite: L. Steinmann. Das ist darum bemerkenswert, weil so das Geschlecht der Autorin nicht mehr erkennbar ist. Der Grund ist nicht mehr klar. Der eine oder andere bissige Kommentar gab’s sicher, etwa: «Auf so ein Frauenzimmer haben wir gerade erst gewartet» oder «das geht auch nur, weil alle Männer im Aktivdienst sind». Leny Wyss-Steinmann, wie die Redaktorin seit ihrer Heirat 1942 heisst, weiss lediglich noch, dass sie weit und breit die einzige Frau auf der Redaktion war. Weil sie wenige Wochen vor ihrem Tod noch ihren 104. Geburtstag feierte, war sie wohl die älteste noch lebende Redaktorin – zumindest in der Schweiz.

Die Liebe in Höngg gefunden

Dass Leny die Redaktorenstelle kündigte, hatte nichts mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Bei einem Nebenjob in einem Restaurant in Zürich-Höngg lernte sie den jungen, attraktiven Maschineningenieur Franz Wyss aus Winterthur kennen. Die Liebe schlug sofort ein und 1942 wurde geheiratet.

Weil Peter – so wurde er umgänglich genannt – Wyss einen guten Job hatte und später die Betriebsleitung der Aluminiumwerke in Chippis im Wallis übernehmen konnte, zügelte man nach Sierre. Ganze 73 Jahre sollte Leny Wyss, wie sie nun hiess, in dieser Wohnung bleiben.

2014 näher zur Tochter

Zurück in den Journalismus war für Leny keine Option. Das damals übliche Familienmodell und eine überschaubare Medienlandschaft im Wallis waren Gründe dafür. Zudem war es damals so, dass es beim Staat und bei grösseren Firmen sogar verboten war, dass Ehefrauen einen eigenen Verdienst hatten. Diese Regeln galten bis etwa 1975.

Das Interesse für die Politik, die Kunst und Literatur blieb aber stets im Mittelpunkt. Nach dem Tod des Ehemanns vor 20 Jahren lebte Leny Wyss noch bis 2014 in Sierre. Erst vor sechs Jahren, als ein Augenleiden immer schlimmer wurde, zog sie nach Zürich ins Blindenwohnheim Mühlehalde, keinen Kilometer vom Wohnort ihrer Tochter Christine entfernt. Weil das Lesen immer mühsamer wurde, hörte Leny Wyss viel Radio. Besonders angetan hatte es ihr neben Hörbüchern das Echo der Zeit. Diese Sendung gibt es seit 1945. Schon fünf Jahre vorher war Leny Wyss bei der Aargauer Zeitung tätig. Jetzt ist ihre Stimme für immer verstummt.