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Wie man Tritte verteilt

Schweizer Medien machen internationale Schlagzeilen. Nur keine positiven.

Kaum hat sich der diplomatische Sturm über CH Media gelegt, ist schon das nächste Tief im Anmarsch. «Schweizer Journalistinnen prangern Sexismus an», entrüstet sich der «Spiegel» und berichtet von einem «offenen Brief» über «Einschüchterungen, Lohnungleichheit und Machosprüche».

Der hier betroffene Tamedia-Konzern hatte kurz zuvor noch seine Solidarität mit CH Media ausgedrückt: «Über hundert Botschafter in Genf machen sich lächerlich», höhnte er. Die hatten sich darüber echauffiert, dass CH Media die neue Direktorin der WTO als «Grossmutter» tituliert hatte. Es hätte sicherlich sinnvollere Titel für Ngozi Okonjo-Iweala gegeben, in Harvard ausgebildet, Mehrfach-Ministerin in Nigeria.

Aber der Tagi konstatiert ein «höchst problematisches Demokratieverständnis» dieser Diplomaten, die teilweise Länder verträten, bei denen die Bezeichnung Grossmutter zu den kleineren Problemen gehörten, denen sich Frauen ausgesetzt sähen.

Aber welche Probleme haben Frauen mit Tamedia?

Also das typisch Schweizerische: erst mal vor der eigenen Türe kehren, bevor jemand vor unsere spuckt. Entschieden schmallippig reagiert aber Tamedia bislang auf die eigene Mannschaft, Pardon, Frauschaft, die sich über üble Zustände in der Steinzeithöhle der Tamedia-Redaktionen beschwert, in der Machomänner noch mit der Keule rumlaufen und Frauen zumindest verbal belästigen, niedermachen, diskriminieren.

Von wenigen Ausnahmen wie der Branchenplattform persoenlich.com abgesehen – und natürlich abgesehen von ZACKBUM.ch –, herrschte anfangs betroffenes Schweigen im Blätterwald. Für Rauschen sorgte dann der «Spiegel»: «78 Journalistinnen der Schweizer Mediengruppe Tamedia haben sich in einem offenen Brief über strukturellen Sexismus in ihren Redaktionen beschwert.»

Als titelgebenden Uralt-Blödspruch zitiert das Blatt aus Hamburg: «Bei dir im Hintergrund schreit ein Kind, habe ich das mit dir gezeugt?» So und anders würden Frauen im Tamedia-Konzern verbal belästigt, listen die Journalistinnen auf sieben Seiten auf. All diesen Beispielen sind aber zwei Dinge gemeinsam: ihr Diskriminierungs- oder Sexismusgehalt hält sich in Grenzen. Was die Mackersprüche nicht entschuldigt, aber den anklagenden Ton des Schreibens doch etwas problematisch macht.

Ausschliesslich anonyme, nicht überprüfbare Vorwürfe

Zum zweiten stehen zwar die 78 Journalistinnen mit ihrem Namen hinter dem Schreiben und den Vorwürfen, aber alle diese Vorfälle sind anonymisiert. Weder Täter, noch Opfer sind identifizierbar, daher die Vorwürfe nicht verifizierbar.

Dass sich Mitarbeiterinnen nicht outen wollen, ist noch einigermassen verständlich. Wieso aber auch die im Schreiben zitierten «mehrere talentierten, erfahrenen Frauen», die angeblich aus Frust darüber, dass sich «die Situation der Frauen» nicht verbessere, sondern verschlechtere, gekündigt hätten, nicht mit Namen dazu stehen, ist verwunderlich.

Diese miese «Republik»-Masche der ausschliesslich anonymen Denunziation ist ein Problem dieses Protestschreibens. Aber nicht das einzige.

Viele Fragen bleiben sperrangelweit offen

Es gibt auch eine ganze Reihe von Mitarbeiterinnen bei Tamedia, die nicht unterzeichnet haben. Es gibt offenbar einige, die aus Gruppendruck unterzeichnet haben. Dann gibt es noch ein weiteres Problem. Wie ist dieses Schreiben bis zum «Spiegel» gelangt und liegt auch uns vor? Wir wissen, wie das ablief.

Dabei erhebt sich aber die Frage, ob alle 78 Unterzeichnende darüber informiert und damit einverstanden waren, dass man den 12-Seiter raushaut. Zudem schreiben ja selbst solidarische Frauen nicht im Kollektiv ein solches Manifest mit schwerwiegenden Anschuldigungen, Forderungen und einem Ultimatum.

Zwei Hinweise auf die Autorin gibt es schon mal. Wir werden all diesen Aspekten auf den Grund gehen. Dazu gehört auch, dass die Co-Chefredaktorin des «Tages-Anzeiger» gleichzeitig die «interne Arbeitsgruppe» zum Thema Diversity leitet. «Im Zentrum steht im Moment die Frauenförderung.»

Wie kann es sein, dass Priska Amstutz sogar einige ihrer leitenden Redaktorinnen einen solchen flammenden Protest öffentlich reinhauen? Waren da alle internen und weniger Staub aufwirbelnden Möglichkeiten tatsächlich erschöpft?

Wie soll die angeschriebene und öffentlich an den Pranger gestellte Geschäftsleitung reagieren?

Schliesslich: wie können nun männliche Vorgesetzte bei Tamedia bei jeglicher Kritik an Werk oder Leistung einer Mitarbeiterin dem Vorwurf entkommen: «Das sagst du nur, weil du ein Mann bist und ich eine Frau»? Oder: «Das empfinde ich aber so, und du als Mann kannst dich da gar nicht reindenken»?

Wie auch immer ist damit die Tätigkeit dieser Arbeitsgruppe, in der auch Oberchefredaktor Arthur Rutishauser und Co-Chefredaktor Mario Stäuble sitzen, desavouiert. Um es sanft zu formulieren. Ganz abgesehen davon, dass Tamedia nun mit Häme überschüttet wird, dass die Journalisten in x Kommentaren und Berichten Frauendiskriminierung in jeder Form beklagen, denunzieren, Veränderung fordern. Aber im Glashaus der Redaktion sollte vielleicht nicht mit Steinen geworfen werden.

Die Chefetage entschuldigt sich und kniet nieder

Schliesslich: Welche Handlungsoptionen hat nun die Chefetage von Tamedia? Haupt senken und Besserung geloben? Aussitzen? Ranzig werden und wegen Geschäftsschädigung und Verstoss gegen Treu und Glauben Verweise verteilen? Vorläufig haben sich Amstutz und Rutishauser zum Kotau entschlossen. Tropfen vor «Betroffenheit», halten das im Anklageschreiben Dargestellte für inakzeptabel. Tun also so, als ob ihnen das alles neu wäre. Tun so, als ob anonyme Behauptungen gleichzusetzen sind mit der Wahrheit.

Zudem gibt es noch einen nicht unwichtigen finanziellen Aspekt. Im Protestschreiben wird auch eine deutliche Lohnungleichheit durch Geschlecht kritisiert. Im sicherlich rein zufällig am gleichen Tag versandten Schreiben der Tamadia-Geschäftsleitung heisst es aber: «Die Lohngleichheit wird regelmässig mittels Lohnanalysen überprüft. Diese zeigen, dass es keine Hinweise auf systematische Unterschiede gibt.»

Einer von beiden lügt hier, die Protestierenden oder die Geschäftsleitung.

 

Respekt vor den mutigen Frauen

Geteilte Meinungen auf der ZACKBUM-Redaktion.

Der Protestbrief von 78 Redaktorinnen bei Tamedia hat ZACKBUM-intern zu Diskussionen geführt. Das reine Männertrio hat unterschiedliche Ansichten. Weil bei uns freie Meinungsäusserung gilt, könnte bei unserer Berichterstattung über die jüngsten Quereleien bei Tamedia ein einseitiger Eindruck entstehen. Haha, mögen Vielleser und Vielleserinnen von ZACKBUM.ch denken. ZACKBUM ist nicht gerade bekannt dafür, differenziert zu schreiben. Das gefällt vielen, vielen aber auch nicht.

Eine Stärke von Journalisten sollte sein, sich in andere Menschen und Situationen hineinversetzen zu können. Beispiele: Das Leben im Billiglohnsegment, die Einsamkeit von CEOs, wider dem Schönheitsideal und eben der Alltagssexismus.

Als Männer älterer Bauart ist es nicht immer einfach, sich in andere Welten hineinzuversetzen. Aber einfach zu denken, «so what, ist mir noch nie passiert, kann doch nicht so dramatisch sein», greift zu kurz. Auch Vergleiche mit früher und mit der Frauensituation in anderen Ländern ist heikel, ja zynisch. Den Protestbrief haben immerhin 78 Redaktorinnen unterschrieben, von fast allen Hierarchiestufen und von Redaktionen aus Bülach über Winterthur und Zürich bis Wädenswil, Bern, Langenthal und Thun. Das braucht viel Mut. Denn Chefs vergessen Kritik an der Firma selten. Die Frauen stehen hin mit Namen. In der SRF-Sendung 10 vor 10 vom Montag sprach Salome Müller Klartext, nachher versuchte ihr Chef Arthur Rutishauser zu beschwichtigen. Müllers Auftritt gebührt grossen Respekt.

Beni Frenkel und Lorenz Steinmann finden: Der Protestbrief ist weder weinerlich, noch versehen mit absurden Forderungen. Dass männerdominierte Redaktionen wie jene von Tamedia die Zielgruppen Junge und Frauen genügend abdecken, darf man tatsächlich bezweifeln. Wir sehen es doch bei uns. Am liebsten würden wir täglich über Feuerwehrautos, neue Lokomotiven und Brockenhaus-Trouvaillen schreiben. Darum sind Redaktionen gefragt, welche die Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit abbilden.

Dass sich nun auch Männer von Tamedia zu Wort gemeldet haben, um ihre Solidarität kundzutun, finden wir gut. Das ist aus Sicht von Beni Frenkel und Lorenz Steinmann der einzige Kritikpunkt am Protest: Warum nicht ein Protest von Männern und Frauen? Wir massen uns an, ziemlich anständig durch die Welt zu segeln. So nerven uns sexistische Sprüche ebenso, auch wenn sie nicht an uns gerichtet sind.  Je mehr Menschen einen Protest unterschreiben, umso stärker die Wirkung.