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CH Media überlegt sich vollständige Trennung von Keystone-SDA

«20 Minuten» und CH Media entfalten sich in der Unabhängigkeit

«Nachrichtenteppich», dieses Wort fällt dann immer, wenn sich die Nachrichtenagentur Keystone-SDA definieren will. Mit ihrem Strom an Nachrichten, von der Polizeimeldung bis zur Medienmitteilung, fühlte sie sich jahrzehntelang stark genug, um den Verlagen einseitige Preisvorgaben zu machen.

Das Jahr 2021 wird wohl das wichtigste Jahr für die Agentur. Es wird zeigen, wie relevant sie wirklich ist und ob die Metapher «Nachrichtenteppich» eher in Fussmatte übersetzt werden muss. Die Liste an Verlagen, die in diesem Jahr auf die Dienste der Agentur verzichten ist lang: NZZ, CH Media, «20 Minuten» usw. Die anderen Verlage befinden sich in Lauerstellung und warten die Entwicklungen ab. Die Frage lautet: Geht es auch ohne SDA-Teppich?

Eine Analyse der letzten Tage zeigt, dass «20 Minuten» gut ohne Keystone-SDA auskommt. Die Auslandsnachrichten stammen von der Deutsche Presse-Agentur dpa und werden nicht mehr via SDA gebucht. Über die Kosteneinsparung wollte «20 Minuten» keine Stellung nehmen. Zum Alltag mit den Inlandnachrichten äusserte sich die Pendlerzeitung hingegen optimistisch: «Der Übergang verlief reibungslos – sowohl beim Text als auch in der Bildredaktion.» In «sporadischen Einzelfällen» werde man in Zukunft vielleicht die früheren Dienste vermissen.

«Zufrieden mit der Lösung»

Gleiches hört man auch von CH Media, die für 2021 nur noch die Bilder und Videos von Keystone-SDA abonniert hat. «Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit unserer hausinternen Lösung, mit der wir uns auch von der Konkurrenz abheben und damit zur Medienvielfalt beitragen.», heisst es aus Aarau.

Für Keystone-SDA könnte alles noch viel schlimmer werden. CH Media überlegt sich nämlich einen vollständigen Rückzug aus Keystone-SDA. Sollte das nach Tageszeitungen grösste Medienunternehmen der Schweiz  auch die Bilder und Videos abbestellen, brechen Keystone-SDA grosse Eisschollen ab. In Branchenkreisen geht die Zahl 70-30 um: 70 Prozent sollen Fotos und Videos kosten, der Rest geht für die Nachrichten aus.

 

Ex-Press XVI

Blasen aus dem Mediensumpf

Wir beginnen mit einer guten Nachricht: In dieser Ausgabe gibt es kein Wort über Corona. Ausser ein positives: Immerhin haben wir es diesem Virus zu verdanken, dass Donald Trump nicht wiedergewählt wurde.

Oder, wie er es bis heute sieht: ihm sein Erdrutschsieg mit Betrug und Schummelei gestohlen wurde. Deshalb hat er als erster – und hoffentlich letzter – US-Präsident seine Anhänger aufgefordert, zum Capitol zu marschieren und dort Stärke zu zeigen.

Wie verarbeitet das nun die Schweizer Presse? Nützt sie die bekannte Bedächtigkeit, Neutralität, das Abwägen, werden die selbsternannten Qualitätsmedien ihrem Anspruch gerecht, für Mehrwert mehr verlangen zu dürfen?

Das Zentralorgan der professionellen Berichterstattung

Fangen wir beim Zentralorgan für differenzierte Berichterstattung an. Der «Blick» verfügt über einen Hobby-Korrespondenten in den USA. Der 25-Jährige MAZ-Absolvent beobachtet messerscharf die politischen Ereignisse in den USA. Vom seinem Wohnsitz San Diego aus, im Süden Kaliforniens. Da ist Washington 3656 km entfernt, oder fast 5 Flugstunden.

Ausser, der «Blick» spendiert seinem Korrespondenten ein Ticket. Aber den Sturm aufs Capitol hat Nicola Imfeld, «USA-Korrespondent der Blick-Gruppe» in seinem sicheren Wohnzimmer seiner WG erlebt. Da hat er – wie alle anderen im 6647 km von Washington entfernten Zürich – die Ereignisse in der Glotze verfolgt.

Aber, diesen Vorteil hat man in Zürich natürlich nicht, er kann sofort eine erste Reaktion aus den USA anbieten; die seines «total unpolitischen Mitbewohners». Das ersparte ihm eine erste Strassenumfrage, und die Reaktion ist bedeutungsschwanger: Denn der «legte seine Arbeit im Homeoffice nieder. Für Stunden! Ungläubig sass er vor dem TV-Bildschirm im Wohnzimmer. «Warum habt ihr uns zur Weltmacht werden lassen?», fragte er und stellte gleich fest:

«Wir verdienen es nicht!»

Ein erstes, erschütterndes Zeugnis aus San Diego. Weltexklusiv! Lässt sich das noch toppen? Schwierig, aber Imfeld macht’s möglich: «Es war ein trauriger Tag. Ich habe neben meinem Mitbewohner auf der Couch eine Träne verdrückt. Er hat sich geschämt.»

Einordnung und Analyse? Was ist das

Bevor wir auch zum Taschentuch greifen, was hat der USA-Korrespondent des immerhin grössten Medienhauses der Schweiz an Analyse und Einordnung zu bieten? Leider nicht viel, ausser einem guten Ratschlag für die Republikaner: «Die Partei muss eine starke Alternative bieten, die die berechtigten Sorgen ihrer Wähler ernst nimmt. Aber keine Frau oder keinen Mann, die Amerika in eine Diktatur verwandelt.»

Hoffentlich hören die Amis auf die Schweizer Stimme der Vernunft, wenn auch syntaktisch nicht ganz sattelfest, aus dem fernen San Diego.

 

Der trumpelnde Tages-Anzeiger

Sicherlich auf ganz anderem intellektuellen Niveau wird sich doch die Analyse und Einordnung des Tamedia-Konzerns bewegen, der mit seinen Blättern immerhin die halbe Deutschschweiz beschallt.

Nun ja, da hat Tamedia gleich zwei Probleme. Die intellektuelle Schwerarbeit nimmt ihm bekanntlich das Korrespondentennetz der «Süddeutschen Zeitung» ab, der man nun wirklich nicht vorwerfen kann, dass sie jemals unparteiisch über Trump berichtet habe. Im Gegenteil, schon unzählige Male sah die SZ die US-Demokratie in Gefahr. Was immer besonders lustig ist, wenn das eine Zeitung aus einem Land sagt, dem die USA vor 75 Jahren die Demokratie aufzwingen mussten – gegen den erbitterten Widerstand der Deutschen.

Das ist ja kein Schweizer Problem. Das zweite von Tamedia ist aber, dass der Konzern faktisch kaum mehr eigene Auslandberichterstattung hat, aber immer noch einen Auslandchef. Der musste natürlich seinem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser kommentarmässig den Vortritt lassen, aber endlich durfte dann Christof Münger auch.

Nun ist das Thema leider auch auf seiner Flughöhe ziemlich durch, erledigt, zu Tode kommentiert. Ausser, jemandem fiele etwas Neues ein. Dafür ist Münger aber nicht zu haben. Er hält sich ans Bewährte. Vom Titel «Brandstifter Trump und seine Biedermänner» (Achtung, Bildungsalarm, Anspielung auf Max Frisch), über den «Tag der Schande» und natürlich zum Schlussakkord in D-Moll:

«Es geht ums grosse Ganze, um Demokratie oder Diktatur.»

(Artikel hinter Bezahlschranke.)

Schon wieder, kann man da nur gelangweilt weiterblättern. Schon wieder rausgeschmissenes Geld für News und Meinungen, die man sich gratis bei CNN und vom Nachbarn holen kann.

 

Die «Weltwoche» in Verteidigungsmodus

Interessanter ist natürlich, wie sich das Hauptquartier der Schweizer Trump-Versteher, durchaus auch Trump-Lobhudler, Trump-Bewunderer, sogar Fans des vollirren und vielfach gescheiterten Steve Bannon, auf den Rückzug begibt. Der darin seinem ehemaligen Chef nicht unähnlich ist. Sowohl Roger Köppel wie der Trump-Groupie Urs Gehriger, bekannt für copy/paste-Journalismus, müssen online das Weite suchen, weil die jüngsten Ereignisse ihres gefallenen Lieblings mal wieder nach Redaktionsschluss stattfanden.

Beide probieren es mit dem eingesprungenen Doppelaxel. Man erhebt sich in die Luft, dreht und wendet sich, gibt Trump die Schuld am Wahldebakel in Georgia und weist nun streng darauf hin, dass er hier eine rechtsstaatliche Grenze überschritten habe. Aber ein Doppelaxel besteht aus zwei Drehungen, also muss natürlich der Objektivität halber auch darauf hingewiesen werden, dass diese Spaltung der US-Gesellschaft von Brandstiftern hüben und drüben verursacht worden sei. Und dass es selbstverständlich Wahlbetrug und Manipulationen gab, einfach nicht so arg, wie Trump behauptet.

Ob die beiden nach diesem Sprung auch sicher wieder landen – oder ob sie auf dem Eis ihrer vorherigen Rhetorik kräftig auf die Schnauze fallen, das wird sich noch weisen.

 

Telegene CH Media

Wenn einem schon die meisten Privat-TV-Sender der Schweiz gehören, sollte man das doch auch ausnützen. Also lässt CH Media im hauseigenen «Talk täglich» ihren Auslandchef Samuel Schumacher gegen das Einmann-Orchester Roger Köppel antreten. Das dürfte den zweiten real existierenden Auslandredaktor der zwei Dutzend Kopfblätter im CH Media-Reich recht ins Schwitzen gebracht haben. Aber Schumacher schlug sich tapfer, während Köppel doch den Eindruck erweckte, dass er noch am Üben ist, wie er sich aus dieser selbstverschuldeten Peinlichkeit wieder herauswinden will.

Netterweise stellt CH Media ein «Best of» zur Verfügung, länger möchte man das auch nicht aushalten müssen. Was bietet dieses Haus der publizistischen Qualität sonst? Wenig, sehr wenig.

In letzter Verzweiflung staubt es den beinahe 85-jährigen Erich Gysling ab und widmet ihm als «US-Experten» sogar eine Sondersendung, deren Erkenntnisgewinn schon im Titelzitat aufblitzt: «Die Trump-Bewegung wird auch unter Biden weitergehen.»

Zudem ist die Bezeichnung US-Experte eigentlich eine Beleidigung für Gysling. Er ist schlichtweg Experte für alles, was ausserhalb der Schweiz stattfindet. Die arabische Welt, Afrika, China, Asien, USA, Amerika, wo es einen Experten braucht, da ist Gysling. Seit Peter Scholl-Latour tot ist, hat er diese Position auch unangefochten als Einziger.

 

Was nichts kostet, ist nichts wert?

Da ist in der Schweiz die interessante Antwort: jein. Nachdem «watson» im ersten Schock die USA schon wieder am Rande des Abgrunds sah, hat es sich wieder gefangen und kehrt zu den Listicals zurück. Im Falle von Trump und USA zu «Hier gibt’s 27 lustige Tierbilder». Oh, Pardon, verrutscht, ich meine natürlich «30 Bilder und Videos, die «Trumps Amerika» auf den Punkt bringen»:

Wer mir erklären kann, was daran lustig ist, gewinnt ein Gratis-Abo von ZACKBUM.ch.

Der hoffnungsvolle Jungredaktor, der diesen Schrott zusammengestellt hat, zählte offenbar auf überwältigende Reaktionen und weist vorsichtshalber darauf hin, dass allenfalls Tweets zunächst in der Queue steckenbleiben könnten. Da hat er sich vergblich Sorgen gemacht, Tweets 8 Stunden nach Veröffentlichung: null.

Von 0 auf 20

Von dieser Nullnummer nun zu «20Minuten». Man hat es wohl noch nie als so segensreich empfunden, dass sich das Blatt konsequent jeden Kommentars enthält. So hat Chefredaktor Looser, nicht zuletzt in unserer Preisverleihung für Journalisten des Jahres dekoriert, im Gegensatz zu ziemlich allen Kollegen auf der Welt und in der Schweiz darauf verzichtet, seine Leser davon in Kenntnis zu setzen, dass auch er sehr indigniert ist über diesen US-Präsidenten, das Schlimmste befürchtet, aber das Beste hofft.

Bravo.

 

Die gute, alte NZZ

Wurde die alte Tante auch durchgeschüttelt, sieht sie die USA am Abgrund oder über genügend Selbstheilungskräfte verfügend? Verurteilt sie, schämt sie sich wenigstens? Distanziert sie sich, wagt auch sie schräge Vergleiche zwischen dem Sturm aufs Capitol und der Besetzung des Bundesplatzes, die gerade einem FDP-Mann den (wohl erwarteten) Shitstorm bringen?

Auch auf die Gefahr hin, als deren ehemaliger Korrespondent der Parteilichkeit bezichtigt zu werden: Nö, sie versucht das, was alle anderen in der Schweiz nicht mal im Ansatz liefern: eine differenzierte Berichterstattung mit Manpower:

Keine einfachen Beschreibungen: Das ist NZZ at its best.

Aber eben, was ist das schon gegen die Feuerkraft der selbsternannten Bezahl- und Qualitätsmedien, die ja nicht nur einfach das schreiben, von dem sie hoffen, dass es bei ihrem Publikum am besten ankommt. Sondern auch, sich damit noch mehr Staatsbatzeli zu erschreiben.

«20 Minuten» und seine Suizidprävention

Infokasten und Anleitung

Im Juni 2020 veröffentlichte «20 Minuten» ein Video über einen jungen Mann, der sich mit 29 Jahren das Leben genommen hat. Der Film stellt einen ähnlichen Versuch von SRF in den Schatten.

Das Thema Suizid beschäftigt das Pendlermagazin mehr als das übliche Gesäusel von Medien, die sich im Nachhinein auf die Brust schlagen und Besserung geloben. Als eines der ersten Medien in der Schweiz publizierte «20 Minuten» bei Selbsttötungen stets einen Infokasten mit den wichtigsten Kontaktdaten und Anlaufstellen.

Gestern publizierte «20 Minuten» dann ein tolles Foto von Adam Lockwood (19). Der Junge hält sich mit den Fingern an einem Baukran fest. Festland unter seinen Füssen befindet sich erst ab Meter 200. «Die Aussicht ist fantastisch», jubelt die Zeitung und schmaucht: «Spätere Aufnahmen zeigen den frei schwebenden Engländer so, wie Gott ihn schuf.»

Spätestens bei diesen Nacktfotos zuckte bei den Verantwortlichen das Gewissen. Wäre schön, wenn das schlechte Gewissen schon früher bei «20 Minuten» anklopft und solche Suizid-Vorlagen gar nicht erst gedruckt werden.

«20 Minuten» steigt bei Keystone-SDA aus

Die Nachrichtenagentur verliert Grosskunden bereits ab 2021

Für Keystone-SDA wird es langsam knapp. Letzte Woche erst wurde bekannt, dass CH Media ab kommendem Jahr eine eigene Sportagentur gründet und sämtliche Verträge mit Keystone-SDA kündigt. Am Mittwoch bestätigte Gaudenz Looser, Chefredaktor «20 Minuten», auf Anfrage von ZACKBUM.ch, dass auch die Pendlerzeitung inskünftig auf die Dienstleistungen der Agentur verzichten werde: «Wir steigen per Ende Jahr aus Text und Bild aus.»

Trotz dieses Aderlasses darf die Agentur nächstes Jahr mit einer Finanzhilfe des Bundesrates von bis zu 4 Millionen Franken rechnen.  Ein Sprecher des Bundesamts für Kommunikation teilte Zackbum.ch mit, dass die Finanzhilfe unabhängig von der Zahl der Kunden sei: «Für die Leistungsvereinbarung und die Entschädigung spielt die Zahl der Bezüger keine Rolle.»

Die Nachrichtenagentur Keystone-SDA schrieb auf Anfrage, dass «die Verhandlungen mit den Kunden noch laufen.» Offen ist auch, ob noch andere Titel der TX Group die Agentur verlassen werden.

Ex-Press VIII

Blasen aus dem Mediensumpf

Früher, als alles noch besser war, gab es – neben der Druckvorstufe – noch drei Berufsgattungen, die heutzutage fast ausgestorben sind. Textchefs, Produzenten und Korrektoren. Deren gemeinsame Aufgabe war, einen Artikel richtig einzuschenken. Also mit einem knackigen Titel zu versehen, einem appetitanregenden Lead und danach ein Lauftext, bei dem sich der Leser nicht in einem Schüttelbecher fühlt.

Natürlich kann man bei den grossen Buchstaben genauso Fehler machen wie bei den kleinen, aber das ist hier schon ein starkes Stück:

 

«Der Kemel wehrt sich» (Tages-Anzeiger).

 

Das Kamel wehrt sich? Ein was wehrt sich? Ach so, schliesslich hat Kreml fünf Buchstaben, da kann man doch zwei Fehler machen, und die Mehrheit der Buchstaben ist immer noch richtig.

Auch von Tamedia, auch nicht schlecht: «Der Wunderschuh läutet ein neues Zeitalter ein». Indem er kräftig gegen die Glocke tritt, oder so. Aber immerhin, daran erkennt man, dass es kein bezahlter Text von Nike ist; so einen bescheuerten Titel hätten die sicher nicht gemacht.

«Single, weil die Auswahl scheisse ist», an diesem Titel in «20 Minuten» gibt es nichts zu mäkeln, höchstens, dass so immer mehr Artikel von Tamedia hierhin weitergereicht werden; könnte ja sein, dass ein Leser sie noch nicht kennt.

Nur um Nuancen liegen hier «20 Minuten» und der «Blick» auseinander, abgesehen von der Buchstabengrösse natürlich: «Werde ich sterben?», soll Donald Trump gefragt haben» versus «Donald Trump soll gefragt haben: «Werde ich sterben?» Sollen wir uns das im Rahmen der Feldereinteilung in der Syntaxtheorie mal genauer anschauen? Dachte ich mir doch; was Syntax ist, erklären wir dann im Kurs für Fortgeschrittene.

Auf der völlig sicheren Seite ist für ein Mal sowohl der «Blick» wie auch ein Wetterfrosch:

«Meteorologe warnt: «Es wird noch viel mehr Regen fallen.»

Nun kommen wir schon zum kleinen Intelligenztest; woher stammt dieser Titel: «37 herrliche verrückte Dinge aus Japan»? Gut, eine zweite Chance gebe ich noch: «7 romantische Komödien, die nicht völliger Quatsch sind». Nun hat wohl der Letzte gemerkt, dass es natürlich die Weltzentrale der Listicles ist: «watson». Darauf sollte sich das Online-Organ auch konzentrieren, denn wenn es schwieriger wird, kommt nur noch Blödsinn:

«Die Blockade bei den Bilateralen ist wie ein Smartphone ohne Update».

Geht noch einer drüber? Aber sicher, wozu hat CH Media auch die  Brachial-Kolumnistin, die Fettnäpfchen-Fee, die Gähn-Kalauer-Queen Simone Meier: «Er war da: Vieles, was wir über Johnny Depp geschrieben haben, war wahrscheinlich deppert». Fast richtig; nicht vieles, sondern alles. Und nicht nur über Johnny Depp.

Nun ein Aufschwung in die höheren Gefilde des Journalismus; in das Blatt, das sich seit diesem Wochenende auf das Wesentliche konzentriert: «Trump geht es schlechter als von seinem Leibarzt behauptet», weiss Dr. NZZ es besser als die anderen.

Etwas ungenau hingegen das St. Galler Tagblatt: «Velofahrer im Kanton St. Gallen tot aufgefunden». Dafür aber stellt Pascal Hollenstein mal wieder die grossen Zusammenhänge her und gleichzeitig die Schweiz in den Senkel:

«Deutsche Einheit: Die Schweiz im Schmollwinkel der Geschichte».

Wer noch nicht wusste, dass es den gibt und die Schweiz dort stand: macht nix, ist sowieso nur Unsinn.

CH Media, dessen Vorläufer doch enthüllte, dass ein Badener Stapi Fotos seines unverhüllten Gemächts aus seinen Amtsräumen seinem Schnuckiputzi schickte, ist inzwischen natürlich geläutert und gereinigt:

«Irritierend, wie die Chefetage mit den Mobbing- und Sexismusvorwürfen umgeht», verwundert sich CH Media.

Zur Erklärung: Das ewig in Geldnot steckende Organ «Republik» hat mal wieder einen Artikel eingekauft und versucht, ihn zum Skandal aufzupumpen. Was aber wie meist bei der «Republik» schwierig ist, weil es als «Beweis» für schreckliche Zustände bei der Schweizerischen Nationalbank nur eine Handvoll nicht sehr aussagekräfige Fälle gibt. Und zudem die Chefetage sicherlich bezüglich Frauenquote noch etwas Luft nach oben hat. Aber die Verwaltung von bald einmal einer Billion – das sind 1000 Milliarden – Franken, ist ausserhalb von streng feministischen Kreisen vielleicht ein Mü wichtiger.

Uns wird gelegentlich vorgeworfen, wir seien immer so negativ, was wir gar nicht sind. Aber wie auch immer, dieser Titel aus der NZZ am Sonntag ist schlicht und einfach ganz grosses Kino, sollte applaudiert und bewundert werden:

«Krieg in Karabach: Wo man Kalaschnikows auf Wickeltischen ölt»

Viel besser wird’s nicht in Sachen Titel.

 

Wie gefährlich sind Büstenhalter?

«20 Minuten» klärt uns auf: nicht so.

Uns wird immer wieder vorgeworfen, wir würden alles madig reden. Alle Journalisten: schlecht, alle Medien: schlimm. Heute ein positives Beispiel. Und zwar ein Artikel, der uns allen gefällt, da er spannend geschrieben ist.

Es geht im Text um die beiden folgenden Fragen: Werden Frauenbrüste schlaff, wenn sie in Büstenhalter versteckt werden? Und: Verursachen BHs Krebs?

«20 Minuten» ist am Donnerstag auf die Suche gegangen. Drei Wissenschaftler kommen zum gleichen Ergebnis: Nein und nochmals nein. Schlaffe Brüste haben drei Ursachen: Alter, Brustgrösse, genetische Veranlagung. Und auch ein «schlecht sitzender BH» verursacht kein Brustkrebs, das sagt Frau Dr. Hiltebrand.

«Viele Mythen ranken sich um das Thema BH», schreibt die Journalistin Johanna Senn. Wir geben ihr Recht. Ab heute sind es aber zwei weniger.

Mal auf die Kacke hauen

Passt gar nicht zur NZZ. Tut sie aber.

Man merkt eher schnell, dass Rainer Stadler sich von der NZZ und deren Medienseite verabschiedet hat. Denn nun wird auch schon mal geholzt.

Am 29. August erscheint eine Schadensbilanz, wie die Pandemie unter den Gratis-Blättern gewütet habe. Im Fokus steht «20 Minuten», und da wollen die Autoren gehört haben: «Gemäss Informationen der NZZ gibt es Pläne, die Printausgabe von «20 Minuten» im nächsten Jahr einzustellen.»

Dann wird der Verlagschef zitiert, der das vehement bestreitet. Schliesslich nähert sich die NZZ dem eigentlichen Thema: Sollen auch Gratis-Medien, ob online oder im Print, ebenfalls Subventionen erhalten? Überraschenderweise fände das die Bezahl-Zeitung NZZ nicht so toll.

Der Verlagschef ist nachhaltig sauer

Aber offensichtlich war der Verlagschef von «20 Minuten», Marcel Kohler, anhaltend sauer und auf hundert. Denn er legte in einem Interview mit persoenlich.com am 1. September nach: «Unseriös und geschäftsschädigend» sei das, was die beiden Autoren da gemacht hätten. Man habe sie mehrfach darauf hingewiesen, dass «das Gerücht jeder Grundlage entbehrt. Sie haben es wider besseres Wissen trotzdem behauptet.»

Zudem seien diverse Zahlen falsch, nur eine korrigiert worden. Und überhaupt, man überlege sich rechtliche Schritte. Damit kann man das Tischtuch zwischen NZZ und «20 Minuten» als zerschnitten betrachten.

Kohler wirft der alten Tante nicht weniger vor, als dass sie einfach mal auf die Kacke haue, ein Dementi korrekt in den Artikel einbaue, aber natürlich dennoch das Gerücht in Umlauf brachte. Und Gerüchte kleben bekanntlich an der Realität wie UHU.

Nachfragen bei den Streitparteien

Was meinen die Streitparteien, nachdem sich die erste Aufregung vielleicht gelegt hat? «Unsere Quellen sind verlässlich, und die im Artikel genannten Zahlen stimmen», antworten Lucien Scherrer und Reto Stauffacher, die beiden Autoren des Artikels «So hart trifft die Corona-Krise die Gratismedien» (hinter Bezahlschranke). Eine eher allgemeine Aussage auf konkrete Fragen.

Eigenes Fehlverhalten können sie nicht erkennen: «Selbstverständlich haben wir Herrn Kohler die Möglichkeit gegeben, seine offizielle Sicht zu Protokoll zu geben. Das ist seriöser, also differenzierter und transparenter Journalismus.» Ende der Durchsage, schreiben sie abschliessend.

Mit Verlaub, transparenter Journalismus sieht für mich etwas durchsichtiger aus. Und hat sich der Blutdruck bei Kohler inzwischen wieder normalisiert? Die Nachfrage ergibt; nicht wirklich. Zunächst echauffiert er sich darüber, dass die NZZ ein Gerücht als Fakt darstelle, also es wird über die Einstellung nachgedacht. Indikativ, kein Konjunktiv.

Geschickte Analogie

Dann verwendet er psychologisch geschickt eine Analogie: «Das blosse Erwähnen eines Dementi reicht für die Kolportage solcher schwerwiegender Unterstellungen nicht aus. Ein Beispiel: «20 Minuten» könnte auch einfach schreiben, zackbum.ch sei zu 100 Prozent von Christoph Blocher finanziert. René Zeyer dementiere das zwar vehement, aber Personen aus seinem Umfeld bestätigten entsprechende Informationen von «20 Minuten».»

Zudem bemängelt Kohler die Verwendung falscher Zahlen, die auch nach Aufforderung nicht korrigiert worden seien. Aber wozu das Ganze? Auch dazu hat Kohler eine Theorie; er vermutet, «dass der Urheber dieser falschen Behauptung zu jenen Leuten gehört, die «20 Minuten» den Untergang des Journalismus zuschreiben und sich nun diebisch freuen, dass die Coronakrise 20 Minuten auch trifft.»

Nun, der ehemalige Online-Chef von «20 Minuten», Hansi Voigt, prognostizierte schon nach seinem Abgang 2013, dass es die Printausgabe nur noch vier Jahre geben werde, also bis 2017. Immerhin hat sie offensichtlich auch das überlebt.

 

Packungsbeilage: René Zeyer publiziert gelegentlich in der NZZ.

«Mangelnder Respekt vor der Leserschaft»

Ein Bündnerfleisch-Artikel in 20Minuten ist exemplarisch für die Branche.

Laut «20 Minuten» wissen die Leser nun, dass «Metzger Bündnerfleisch auf 40’000 Metern trocknen lassen». Man kann die «Mission High Dry» am 13. September sogar live verfolgen. Es sei ein jahrhundertealter Prozess, den man nun «mit wenig Technologie nachbessern möchte». Eine Crew wolle herausfinden, was passiert, wenn Bündner Fleisch auf 40’000 Metern getrocknet werde. Im Artikel jubilieren die vier beteiligten Bündnerfleischfabrikanten, der Verband Bündner Fleischfabrikanten und natürlich der Geschäftsführer der Tourismusorganisation Graubünden. Einigermassen lustig ist, wie die vier Bündnerfleischfabrikanten wie Bruce Willis & Co. im Film Armageddon ins Bild stolzieren.

Nicht gekennzeichnet

Weniger lustig ist, dass der Werbebeitrag in 20 Minuten nicht als Werbung, Native Advertising, Publireportage, Paid Post oder was auch immer gekennzeichnet ist. Eliane Loum-Gräser, Kommunikationsverantwortliche 20 Minuten, schreibt dazu, dass dies in diesem Fall auch nicht notwendig sei, da es sich um einen redaktionellen Beitrag basierend auf einer Medienmitteilung handle und nicht um einen Paid Post. Es sei in diesem Fall also kein Geld geflossen. 20 Minuten schreibe «täglich über Produkte oder Firmen und tut dies dann, wenn es für die Leserschaft relevant oder von Interesse ist und nie aus reiner Gefälligkeit». Beiträge zur «Mission high dry» seien beispielsweise ebenfalls auf FM1, in der Südostschweiz und beim Blick erschienen.

ZACKBUM findet aber: Das ist trotzdem Verarschung am Leser, denn es geht hier einzig und alleine um Verkaufsförderung eines getrockneten Stücks Fleisch. Dabei ist es offiziell erst noch erlaubt, das benötigte Frischfleisch aus Argentinien und Brasilien zu importieren. Wenn es dann in Graubünden und zu 99 Prozent in Industriehallen getrocknet wird, heisst es plötzlich Bündnerfleisch. Das wäre dann die zweite Verarschung.

Gegen die Glaubwürdigkeit des Journalismus

Im Jahrheft 2020 des Schweizer Presserats hat Vizepräsident Max Trossmann eine lesenswerte Abhandlung über diesen Werbebschiss geschrieben: «Steter Tropfen höhlt den Stein». Das Eindringen von kommerziellen Inhalten ohne Kennzeichnung in den redaktionellen Teil zeuge von einem Mangel an Respekt vor der Leserschaft. «Es untergräbt die Glaubwürdigkeit des Journalismus», so Trossmann. Er schreibt, dass bei vielen Verlagen die Werbetext-Abteilungen «strikte von der Redaktion getrennt» seien. Es gebe keinen Austausch und keinerlei Absprachen. Wer’s glaubt? Amüsant ist etwa die Aussage des Gratisportals «watson», die Redakteure wüssten nie, um welche Firma es handle, wenn sie Werbetexte und Beträge produzieren müssten. So ahnungslos sind doch nicht einmal Knackeboul und Madeleine Sigrist, wenn sie in den  «World of Watson»-Filmchen (präsentiert von z.B. der Groupe Mutuel) auftreten.

Supino & Co. tragen die Verantwortung

Immerhin, im Gegensatz zu Watson sind die Abteilungen bei anderen Verlagen zumindest im Organigramm abgetrennt. Bei der NZZ-Gruppe nennt sich das «NZZ Content Solutions», bei Tamedia «Commercial Publishing», bei Ringiers «Blick»-Gruppe «Brand Studio». Doch laut Max Trossmann tragen schlussendlich die Verleger die Verantwortung. Es liege an ihnen, dass die «Content Producer» kodexkonform arbeiten. Da wären wir also wieder bei Michael Ringier, Peter Wanner – und Pietro Supino, der neben den Tamedia-Zeitungen auch «20 Minuten» verantwortet.

In einer ersten Version konnte sich 20 Minuten nicht zur angebrachten Kritik äussern. Die angepasste Version enthält auch Statements von 20 Minuten.  

30 Franken für den tollen Leichentransport

Wohin mit der Leiche?

Nach den Journalistenlöhnen sinken auch die der „Leser-Reporter“. Da hilft auch keine Leiche.

Welchen Wert hat das Video eines Leichentransports? «20 Minuten» kennt die Antwort: 30 Franken.  Am Freitag musste das Pendlermagazin einmal seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Es bedankte sich überschwänglich bei seinen Lesern für die «tollen Videos», die es zugeschickt bekommt: «Unsere Leser sind die besten Video-Reporter.» So ein tolles Video sei zum Beispiel am Sonntag der Rega-Einsatz wegen eines verunfallten Badenden gewesen. Ein 18-Jähriger ertrank und verstarb trotz Reanimationsmassnahmen. Des einen Pech, des anderen Glück. Ein «Leser-Reporter» filmte das Ganze und erhielt von «20 Minuten» 30 Franken überwiesen. Der glückliche Reporter kriegte ausserdem 100 Franken Prämie, weil die Zeitung am nächsten Tag ein Video-Screenshot im Print abdruckte. Und wenn der Film über eine halbe Million Mal angeklickt wird, regnet es 1000 Franken.

Die zentrale Frage lautet: Hätte der Leser sein tolles Video lieber dem «Blick» schicken sollen? Nein. Die stärkste Zeitung der Schweiz bezahlt nur 25 Franken pro publiziertes Video. Der «Leserreporter des Monats» kriegt immerhin 600 Franken, der «Leserreporter des Jahres» 1500 Franken. Die Messlatte ist aber ziemlich hoch. In die Kränze der besten Videos kommen zum Beispiel: Schiessereien in der Langstrasse oder ein brutaler Skiunfall, bei dem ein 5-jähriges Mädchen verletzt wird.

25 Franken oder 30 Franken – nicht nur Journalisten werden immer schlechter bezahlt. Wer früher «Tele Züri» einen guten Tipp gab, kriegte etwas Schickes und Unbrauchbares von «Bang & Olufsen», heute gähnt die Whistleblowern nur noch eine Eingabe-Maske an: «Mit dem Hochladen des Materials gewähren Sie uns das Recht zu dessen Nutzung und Weiterverbreitung.»

ZACKBUM.ch geht andere Wege: Unsere Leser-Reporter werden zu einem geselligen Abend eingeladen, mit Rot- und Weisswein, Whiskey, Rum und tollen Geschichten.

 

Hohe Kunst des Einmalnull

Keinmaleins in „20 Minuten“

Normalbegabte Journalisten sollten von der Wahrscheinlichkeitsrechung die Finger lassen. Das gilt auch für „20 Minuten“

Eigentlich wollte «20 Minuten» Anfang August ja nur aufklären: «So gross ist die Ansteckungsgefahr im Flugzeug wirklich». Im Text verwandelte die Autorin aus Zahlen aber eine Horrorgeschichte: «Transportiert ein Flugzeug durchschnittlich 200 Passagiere, sitzt sicher in jeder dritten Maschine eine kranke Person». Kreisch!

Wie kommt die Zeitung zu dieser Aussage? Ziemlich einfach, verdächtig zu einfach: Es seien zurzeit 1942 Menschen in der Schweiz mit dem Virus angesteckt, schreibt die Autorin. Da die Dunkelziffer aber zehnmal höher sei, betrage die Zahl 19’420 Corona-Fälle. «Daraus ergibt sich, dass einer von rund 450 Schweizern Covid-19 hat.» Und wer dreimal in einem Flugzeug sitzt, begegnet also insgesamt 600 Personen. Ergo: Einer davon muss sicher Corona haben!

Nochmals: kreisch! Die Journalistin hat zum Glück zwei Fehler gemacht: in der Mathematik und in der Logik. Christoph Luchsinger, Dozent am Institut für Mathematik an der Uni Zürich, drückt es so aus: «Wenn die Reisenden unabhängig voneinander Einzelreisende sind, und Corona-Infizierte gleich wahrscheinlich reisen wie Gesunde (was unwahrscheinlich ist) gilt: die Anzahl Infizierte pro Flugzeug ist sogenannt binomialverteilt (Bin(200, 1/450)).

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Damit gibt es im Durchschnitt 4/9=0.4444 Infizierte pro Flugzeug. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es in gegebenem Flugzeug keine infizierte Person hat, ist approximativ 0.64, also 64 %. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in drei aufeinanderfolgenden Flügen niemandem mit Corona begegnet ist, beträgt also 0.64*0.64*0.64=0.26, also 26 % und das ist grösser 0.

Im Klartext: Wer dreimal fliegt, sitzt nicht zu 100 Prozent in einem Flugzeug mit einem anderen Corona-Infizierten, sondern zu 74 % (100 %-26 %).

Gaudenz Looser, Chefredaktor „20 Minuten“, nimmt seine Mitarbeiterin in Schutz: „Unsere Redaktorin hat die Formel von Dieter Scholz, Professor für Flugzeugbau in Deutschland, auf die Schweiz angewendet.“ Das stimmt – fast. Die falsche Wahrscheinlichkeitsrechnung stammt von der Journalistin.

Wir und die Autorin lernen daraus: Man muss keine Angst vor Zahlen haben, nur etwas Kontrolle. Und wenn man unsicher ist, am besten nachfragen