Der neue Boulevard-Tagi

Der «Blick» will seriös und anständig werden. Also Selbstmord begehen. Der Tagi will es krachen lassen und voll Rohr Boulevard machen. Doppelselbstmord.

Der tragische Fall eines Menschen, der vor der Zwangsräumung seines Hauses am Zürichberg es lieber anzündete und sich umbrachte, war der erste klare Test. Der «Blick» behandelte das mit einer Sensibilität, wie sie bei der NZZ nicht viel grösser sein könnte.

Der Tagi, damit Tamedia, liess es aber richtig krachen. Hintergründe, Ursachen, Porträt der Person, der letzte echte «Blick»-Chefredaktor Peter Uebersax wäre stolz auf den Tagi gewesen. Übrigens war das eine schillernde Persönlichkeit, aufgewachsen in Hamburg und Moskau, studierte Physik, war zweimal Chefredaktor des «Blick».

Kein Schluck Wasser wie die Schwiegermutterträume Müller, Dorer und Rutishauser. Die ja nur noch Erbsenzähler, Schönschwätzer, Motivatoren und möglichst geräuschlose Scharfrichter bei Entlassungsrunden sein müssen. Da fehlt dann nicht nur der Gestaltungswille, auch der Überblick. Nur so ist das Phänomen Claudia Blumer bei Tamedia zu erklären.

Rutishausers Kernkompetenz ist unbestreitbar die Wirtschaft, wo er einen Primeur nach dem anderen während des Swissair-Debakels raushaute. Aber schon länger vorbei. Nun probiert sich auch die Wirtschaftszentralredaktion von Tamedia mit Klamauk und Tollerei. Dabei ist aber das Problem: «Blick» hatte schon so viel Zeit zum Üben. Bei Tamedia ist das alles neu. Also erscheint dieser Nonsens:

Ein Auftritt, 4 Milliarden Treffer: das kann nur Ronaldo. Im Tagi.

Echt jetzt? Ronaldo umtribbelt zwei Cola-Flaschen bei einer Pressekonferenz, und schon rauscht der Börsenwert des Brauseherstellers um 4 Milliarden in die Tiefe? Oder wie das der frischgebackene Tagi-Boulevardjournalist in die Tasten haut:

«Stattdessen hob Ronaldo eine Flasche Wasser in die Höhe und sprach auf Portugiesisch «Wasser» in die Mikrofone. Anwesende Journalisten deuteten das als Aufforderung, Wasser statt zuckerhaltige Getränke zu trinken.»

Zuvor hatte der Fussballgott «demonstrativ» zwei Cola-Flaschen vom «Podium weggeräumt». Und dann den Ball ins Tor, nein, doch nicht. Da vergisst der von diesen Gesten animierte Tagi-Schreiber glatt die unschönen Missbrauchs-Vorwürfe gegen Ronaldo, über die auch Tamedia in voller #metoo-Erregung berichtet hatte. Aber he, das ist fast drei Jahre her, wer hat denn auch so ein Gedächtnis.

Wenn die Wirtschaft zur Schnellbrause wird

Ausserdem ist Jon Mettler anscheinend Wirtschafts-Journalist. Aber gut, im Impressum des «Tages-Anzeiger» steht auch immer noch Dominik Feusi als Redaktor Wirtschaft, obwohl der inzwischen unter Ausschluss der Öffentlichkeit beim «Nebelspalter» tätig ist.

Zurück zu Wirtschaft, Börse, Einmaleins, Herstellung von Brüllern. Der «Blick» hat gerade 24 verschwundene Milliarden aufgespürt. Da kann der Tagi doch nicht nachstehen. «Kursverlust von 1,6 Prozent» bei der braunen Brause, das mag «auf den ersten Blick wenig erscheinen», doziert Mettler, aber er durchschaut das: «Tatsächlich musste Coca-Cola aber damit einen Verlust des Börsenwerts von 4 Milliarden Dollar hinnehmen.»

Sapperlot, hat der Konzern das überlebt? Knapp, denn Mettler gibt Entwarnung und zitiert, das kann er nämlich auch: «Den Spielern wird bei der Ankunft auf unseren Pressekonferenzen neben Coca-Cola und Coca-Cola Zero Sugar auch Wasser angeboten.» Vielleicht sogar, ob das Mettler wohl weiss, Valser Mineralwasser. Ja, das gehört auch zu Coca-Cola, insgesamt mit 15 Marken ist der Konzern hierzulande präsent. Aber vielleicht würde das doch zu weit und zu tief führen, für eine schnelle Nummer in der Wirtschaft.

Dann nehmen wir doch einen kräftigen Schluck irgendwas und rüsten Mettler etwas nach. Ronaldo räumt zwei Cola-Flaschen weg und greift stattdessen zu einer Cola-Wasserflasche. Darauf bricht der Verkauf der braunen Brühe stark ein, das führt an der Börse zu Panikverkäufen und Kurseinbruch. Damit misst sich bekanntlich die Erfolgsrechnung einer Firma, ihr Gewinn, ihr Ertrag. Also die schwarze Zahl, die irgendwo steht.

 

Wie ein Blick in die Statistik zeigt (was das ist, erklären wir das nächste Mal), ist der Jahresgewinn durchaus volatil, aber erfreulich. Daran wird auch das Kohlensäure-Bläschen von Mettler nichts ändern, das er da geblubbert hat. Dass der Tagi dafür aber tatsächlich noch Geld verlangt, das würde Ronaldo gar nicht gefallen.

Echte Probleme hat sich der Konzern hingegen hiermit eingehandelt:

Na und? Nicht in Ungarn, dort jaulen die kirchlich Konservativen auf.

Daher ein Vorschlag zur Güte, mit dem alle leben können. Ronaldo, der zwar Cola-Flaschen weggeräumt, aber nichts dagegen hat, dass die Brause die Fussball-EM als Hauptsponsor unterstützt. Mettler, der zwar in der Wirtschaftsredaktion aufgeführt ist, aber vielleicht häufiger eine Gartenwirtschaft aufsuchen sollte, statt Nonsens zu schreiben. Und alle erregten Geister, die angesichts des nahenden Sommerlochs (was tun ohne Corona?) dem Leser dafür Geld abfordern, damit er sich quälen lässt: enjoy.

Taste the Feeling. Feel the Taste. Sprudel dir eins. Sieh doppelt. Tasting the Feel. Oder so.

Es darf gelacht werden: Lange Lunte im Puff

Valentin Landmann, Milieu-Anwalt. Feiert die Wiedereröffnung eines Bordells. Skandal!

Es ist zwar erst Anfang Juni. Aber die schwindende Möglichkeit, wegen der Pandemie mal wieder von Tausenden von Toten zu unken, strengere Massnahmen zu fordern, Lockerungen als grobfahrlässig, ja tödlich zu kritisieren, den zuvielten Wissenschaftler aufzubieten, der auch noch berühmt werden möchte – all das wirft einen Schatten aufs kommenden Sommerloch.

Oder so. Auch der ahnende und raunende Schriftsteller Lukas Bärfuss, der schon diagnostizierte, dass in der Schweiz Geld wichtiger als Menschenleben sei und daher bald Zustände wie in Norditalien herrschen werden, also wie in dem Videoschnipsel, wo ein paar Armeelastwagen Särge abtransportieren, belästigt längst andere Themen mit seinen unausgegorenen Zeilen.

Es kommt zu ersten Verzweiflungstaten der Medien

AHV-Alter für Frauen, nun ja, auch nicht so der Brüller in den News. Da kommt es zu Verzweiflungstaten. Und schon grüsst auch der Herdentrieb. Denn am 4. Juni kam die «Schweizer Illustrierte» ihrer Berichterstatterpflicht nach. Obwohl sie dafür keine Extra-Batzeli vom Steuerzahler kriegt, wagte sie die Investigativ-Recherche: «Endlich wieder ausgehen!» Die C- bis D-Prominenten Fabienne Bamert («Samschtig Jass») und Mario Gyr (rudert unglaublich schnell) schafften es aufs Cover der SI – und wagen ein «Candle Light Dinner» am helllichten Tag um 17.45. Oder gar 5.45 Uhr; weiss man’s?

Vorne Candle, hinten Sonne, in der Mitte Dreitagebart.

So weit, so schnarch. Aber als Nächster setzt sich Valentin Landmann in Szene. Länger nichts mehr gehört vom «Rotlicht-Anwalt», auch schon 71 Lenze alt. Aber nun wieder rein ins Vergnügen, er «steht im Globe in Schwerzenbach ZH, dem grössten Schweizer Sexclub», weiss die SI. Nun, auf dem Foto sitzt er, und auch der SI-Fotograf scheint das «riesige Nachholbedürfnis» zu spüren und lässt zwei Angestellte seinen Job tun.

Auf der nächsten Seite wird es dann richtig schlimm. Kaum ist die Pandemie auf dem Rückzug, sind neuerliche Attacken auf die hilflose deutsche Sprache zu befürchten – als ob ein virulenter Lukas Bärfuss nicht schon schlimm genug wäre. Zeichnet sich hier also ein Skandal ab?

Simone Meier, Sunil Mann und Milena Moser: Angriff der Killer-Literaten.

Aber nein, wir blättern eine Seite zurück, Dort sitzt der Skandal im Puff. Worin besteht nun der «Eklat» (Tamedia), wieso sorgt Landmann «für Empörung» (nau.ch)? Oder um es mit der NZZ entschieden staatstragender zu sagen:

«Der SVP-Kantonsrat Valentin Landmann lässt sich im Bordell fotografieren und verärgert damit Ratskolleginnen und -kollegen».

Wie man auf der Fotografie aber deutlich sieht, ist Landmann völlig bekleidet, begeht keinerlei unzüchtige Handlungen – aber er trägt weisse Socken!

Werden Landmann seine Prekariat-Socken zum Verhängnis?

Das geht nun gar nicht, nicht mal beim Puffbesuch. Aber darüber erregt sich die GLP-Kantonsrätin Andrea Gisler nicht in erster Linie. «Das ist eine degoutante Inszenierung mit einem Mann inmitten junger Frauen», kritisiert sie. Ohne näher zu erläutern, was daran degoutant sein soll. Hier werde eine «schummrig-plüschige Idylle im Rotlicht-Milieu geschildert», beschwert sich Gisler – mit 50 Mitunterzeichnern – gleich mal beim Ringier-Verlag. Denn den «Profiteuren der Prostitution» dürfe man keine mediale Plattform bieten.

Das bringt nun den allgemein als sanftmütig bekannten Landmann etwas in Rage: Es sei «unwürdig», ihn als «illegitimen Profiteur der Prostitution zu verunglimpfen». Schliesslich treibe ein Prostitutionverbot «die Frauen in die Unterwelt. Dort sind sie nicht geschützt, sondern Übergriffen und Ausbeutung ausgeliefert.»

Auch quer durch feministische Kreise geht der Streit, ob der Beruf der Sexarbeiterin Ausdruck weibliche Befreiung oder männlicher Ausbeutung sei. Was aber an Landmanns Auftritt – abgesehen von den weissen Socken – degoutant sein soll und was das andere Mitglieder (Pardon) des Kantonsrats angeht, ist unerfindlich.

In Bern wäre die verzögerte Reaktion normal – aber in Zürich?

Ebenso bleibt die verzögerte Reaktion ein Rätsel. Die SI erschien mit diesem Eklat-Foto letzten Freitag. Niemand machte einen Eklat draus. Erst am Montag schwoll der Protest im Kantonsrat an. Ob da alle 50 Mitunterzeichner des Schreibens an Tamedia wissen, was sie genau unterschrieben haben? Und wieso berichtet die Journaille flächendeckend erst ganze 5 Tage nach dem Bild des Anstosses? Auch bemerkenswert: niemand interessiert sich für das Schicksal der drei leicht- oder nicht bekleideten Damen auf der Fotografie.

Zwei von ihnen sind offenbar ganz nackt, dazu gesichtslos, also zum Sexobjekt herabgewürdigt. Und als Helferinnen beim Shooting (schon alleine dieser Ausdruck in dieser Umgebung, igitt) missbraucht. Wobei sie zudem die Handleuchten so falsch halten, dass sicherlich wieder Herrenwitze über «Frau und Technik» auf ihre Kosten gemacht wurden. Schliesslich: hat der Fotograf nur an seiner Kamera abgedrückt?

All das wäre doch einer investigativen Recherche wert. Eigentlich müssten in diesem Sexclub schon längst Massen von Journalisten stehen, die mit dem Presseausweis winken und Rabatt verlangen. Aber eben, kein Pfupf mehr in den Redaktionsstuben. Wo bleibt die knallharte Recherche über das traurige Schicksal der auf der Fotografie missbrauchten Frauen? Keine der 78 Unterzeichner des Protestschreibens hat Zeit dafür? Sehr bedauerlich.

Das ist bitter für ein Boulevardblatt

Blöd läuft’s nur für den «Blick». Die einzige Zeitung mit im Titel eingebauten Regenrohr kann nun schlecht in die Kritik einstimmen; schliesslich erscheint die SI im gleichen Verlag. Landmann den Rücken stärken, das könnte aber in der Verlagsetage auch nicht gut ankommen. Das ist natürlich voll den Bach runter für das Blatt der gehobenen Lebensart

Was könnte man da für Boulevard-Storys rausmelken. Besucht Landmann das Puff auch als Gast? Wenn ja, gibt’s Freifahrschein? Was sagen denn Damen, die ihn schon bedient haben, über sein Verhalten im Bett? Ist sein Alter denn kein Problem? Oder sein Bluthochdruck? Kann man ihm dabei juristische Fragen stellen?

All diese gnadenlos guten Storys werden nun nie erscheinen – dabei ist es noch mindestens einen Monat hin bis zum echten Sommerloch. Das kann noch heiter werden.

Laura de Weck: nein, danke!

Es sollte selbst im Journalismus Schamgrenzen geben. Oder Rücksichtnahme auf den Leser.

Laura de Weck führt eine Kolumne bei Tamedia. Daraus macht sie dann auch ein Buch bei Diogenes. Sie bezeichnet sich selbst als Schauspielerin, Bühnenautorin und Regisseurin. Ihre Stücke wurden schon aufgeführt.

De Weck hätte keine einzige Kolumne verfasst, wäre weder als Schauspielerin, noch Bühnenautorin, noch Regisseurin unangenehm aufgefallen. Wir alle hätten uns dann nicht jedes Mal fremdgeschämt, wenn eine Kolumne von ihr erscheint.

Das alles wäre allen erspart geblieben, wenn sie nicht den Nachnamen de Weck trüge. Genau, das liegt daran, dass sie die Tochter von DEM de Weck ist. Das öffnet Türen, da öffnet jeder Chefredaktor sein Herz. Denn aus eigentlich unerfindlichen Gründen geniesst Roger de Weck den Ruf, ein grosser Denker, Intellektueller und begnadeter Schreiber zu sein. Dieser falsche Schein leuchtet dann auch über seiner Tochter.

ZACKBUM musste sie schon vor Kurzem scharf kritisieren. Weil ihr Geschreibsel weder formalen, noch inhaltlichen Minimalanforderungen entspricht. Wobei aber ihr Selbstbewusstsein umgekehrt proportional zu ihren Fähigkeiten ausgestattet ist: «Unsere SVP möchte wohl am liebsten, dass ich mich nur noch hinter vorgehaltener Hand traue, gewisse Dinge auszusprechen.»

Sie will auch wissen: «Wenn ich mich getraue, die Wörter «strenge Corona-Massnahmen» oder, noch schlimmer, «Steuererhöhung» auszusprechen, bricht gleich ein ganzer rechter Shitstorm über mich herein.»

Nun, das sind halt so unsichtbare Stürmchen, die de Weck vielleicht aus einem einzigen bösen Mail ableitet. Aber keine zur klein, furchtbar wichtig zu sein. Leider, wir sind machtlos, hat sich de Weck schon wieder zu einer Kolumne verstiegen.

Der Titel lautet: «Ehe für Alle. Amen.» Dafür kann sie vielleicht nichts, denn das Korrektorat der Qualitätsmedien von Tamedia ist ja auch ausgedünnt und nach einem Billiglohnland verschoben.

Aber für den nachfolgenden Inhalt kann sie was. Es ist mal wieder ein «Dialog». Nein, Shakespeare, Euripides, Dürrenmatt müssen sich nicht warm anziehen. Es ist eher wieder mal zum massiv Fremdschämen:

Leonie: Mama?

Mutter: Ja?

Leonie: Hast du Zeit?

Mutter: Klar.

Leonie: Ich wollte dir sagen… Ich wollte dir schon lange sagen, also… Ich… Ich bin lesbisch.

Mutter: Ah.

Leonie: Ja.

Da ich nicht de Weck bin oder heisse, erspare ich dem Leser die Fortsetzung. Vielleicht wird das alles besser, wenn endlich 40 Prozent aller Stellen bei Tamedia mit Frauen besetzt sind. Aber vorher? Karl Lagerfeld selig sagte mal den schönen Satz: «Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.»

Um den zu adaptieren: Wer als angebliches Qualitätsorgan eine solche Peinlichkeit publiziert, hat die Kontrolle über jeden Qualitätsanspruch verloren. Während Lagerfeld solche Sottisen umsonst verteilte, will aber Tamedia für solche Peinlichkeiten auch noch Geld. Dann wundert man sich dort, wieso immer weniger Leser bereit sind, dafür auch noch Geld auszugeben. Das kann doch jede Primarschülerin besser. Und billiger. Ob sie de Weck  heisst oder eher nicht.

 

Erinnert sich noch jemand an den Tamedia-Protest?

Es wurden Behauptungen aufgestellt, ergänzt mit Forderungen und Ultimatum. Und jetzt?

Zunächst 78 Frauen unterzeichneten ein Protestschreiben, das sexistische, diskriminierende, frauenfeindliche, demotivierende Zustände bei Tamedia beklagte. Ergänzt mit rund 60 anonymen, unbelegten «Beispielen» dafür.

Nachdem das – entgegen der Absicht vieler Unterzeichner – an die Öffentlichkeit gelangte, gab es erwartungsgemäss ein Riesenhallo. Die beiden Promotorinnen schafften es sogar als Fokus-Thema in eine Ausgabe von «10 vor 10». Die schlimmsten «Beispiele» wurden überall fleissig zitiert; die anderen Medienhäuser, nachdem sie sich versichert hatten, dass so ein Blödsinn bei ihnen nicht passiert, zeigten sich indigniert.

So ging das dahin, und dann ging es den Weg aller Strohfeuer. Der Brief hat das Datum 5. März. Am Tag der Frau, also am 8. März, ging das grosse Gewese los, schleppte sich durch die Gazetten, in Talkshows, wurde Thema im Radio. Strengste Untersuchungen wurden angekündigt, der Oberchefredaktor von Tamedia war so geknickt, dass er sich gleich präventiv entschuldigte.

Oder doch nicht?

Dafür müsste ihm eigentlich das Journi-Patent weggenommen werden. Sich entschuldigen, aufgrund durch nichts belegter Behauptungen und anonymer Beispiele? Hat der ein Schwein, dass es keinen Führerschein braucht, um einen Medienkonzern journalistisch zu führen.

Grosse Töne spucken, und dann?

Aber, das alles könnten wir endgültig vergessen und darunter abhaken, dass sich so einige Redaktorinnen eine Arbeitsplatzgarantie verschafft haben. Wenn da nicht ein Satz in diesem Brandbrief stünde, ganz am Schluss und drohend:

«Wir erwarten bis zum 1. Mai 2021 konkrete Vorschläge zur Umsetzung unserer Forderungen und eurer «verbindlichen Ziele». Ausserdem erwarten wir, dass die detaillierte Überprüfung des Betriebsklimas bis Anfang 2022 transparent gemacht und gegebenenfalls weitere Korrekturen vorgenommen werden.»

Wenn wir uns bei ZACKBUM nicht täuschen, haben wir nun Mai. Weder von konkreten, noch abstrakten Vorschlägen haben wir gehört. Obwohl bereits der 5. Mai da ist, aber nichts neu macht.

Das erinnert an den alten Scherz: Ich fordere sie ultimativ auf, das zurückzunehmen. – Nö. – Okay, dann ist der Fall für mich erledigt.

Daher kann man sich aussuchen, ob man dieses Protestschreiben, seine Verbreitung in der Öffentlichkeit durch Jolanda Spiess-Hegglin, die sich einen Scheiss darum gekümmert hat, ob auch alle 78 Erstunterzeichnern damit einverstanden sind, und alles anschliessende, tief betroffene Gemurmel ein Trauerspiel war – oder reiner Slapstick.

Zumindest der Sache der Frau, den im Schreiben formulierten Anliegen wurde ein Bärendienst erwiesen, meinetwegen auch ein Bärinnendienst. Denn Lächerlichkeit tötet. Bis 1. Mai eine Reaktion auf den Forderungskatalog, von Anstand bis Vertrauenspersonen. Nein? Dann halt nicht. Unerträgliche Arbeitsbedingungen für Frauen auf den Redaktionen, «wir sind nicht länger bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen.» Oder doch.

Das Protestschreiben mondete nur zwei Mal

«Viele dieser Forderungen sind bereits bekannt.» Na dann. «Wir haben sie im Rahmen des Frauenstreiks 2019 formuliert.» Schön. «Sie sind in den vergangenen eineinhalb Jahren noch dringlicher geworden.» Na, da können sie locker noch weitere Jahre reifen.

In nur 60 Tagen ist der ganze Aufstand schon verwelkt, werden die angeblich so schlimmen Arbeitsbedingungen wieder stillschweigend ertragen. Ach, die Nummer mit: es hat doch etwas bewirkt, Zeichen gesetzt, Fanal, Männer sind nun weniger übergriffig als vorher? Ja, ja, das sagt man immer, wenn etwas zusammengebrochen ist.

Abschneiden, ernten.

Tamedia hat weitgehend richtig reagiert. Zuerst tiefe Betroffenheit geheuchelt, der Oberchefredaktor ging sogar so weit, sich für völlig belegfrei behauptete verbale Übergriffe zu entschuldigen. Da hatte er zu viel Gas gegeben. Dann verkündete er stolz, dass eine der Mitunterzeichner damit beauftragt worden sei, das Ganze nun zu untersuchen.

Muss und will. Aber auch kann?

Wahrscheinlich galt sie neutral genug, weil sie zwar unterschrieben hatte, aber bei Roger Schawinski fröhlich verkündete, dass sie selbst noch nie solche männlichen Verhaltensweisen erlebt habe. Nach scharfem und langem Nachdenken verkündete Arthur Rutishauser dann, dass das mit Claudia Blumer vielleicht doch keine so gute Idee war. Sie wurde zur «Vertrauensperson» herabgestuft, der man (und vor allem frau) sich ungeniert anvertrauen könne.

Die eigentliche Untersuchung, wie es sich überall gehört, werde dann extern  durchgeführt. Man sei da schon in Verhandlungen, könne aber noch keine Namen nennen. Seither müffelt alles vor sich hin.

Wir haben die beiden Erstunterzeichnerinnen gefragt, welche Massnahmen nun geplant sind, ob sie per 1. Mai eine Reaktion von Tamedia erhalten haben. Die Antwort ist – Schweigen. So wie schon auf alle vorherigen Anfragen von ZACKBUM.ch, die wir auch schon an alle Unterzeichnerinnen – und Nicht-Unterzeichnerinnen – schickten. Darauf hörten wir – einen Schweigechor von mehr als 100 Frauen. Meckern ja, auf Fragen antworten nein. Wenn das nicht männerverachtend, lächerlich, schwach ist, also das Vorurteil des schwachen Geschlechts bedient, dann weiss ich auch nicht.

 

 

Sie jassen gerne? Sie Sexist, Sie Rassist!

Sie hätten gedacht, vom Schweizer Nationalsport lassen Sexismus/Rassismus-Bekämpfer die Finger?

Da haben Sie auf das falsche Blatt gesetzt, die falsche Karte ausgespielt. Wenn Ihnen das selbst bislang nicht aufgefallen ist, sind Sie das Allerletzte.

Sorry, das sage nicht ich, das sagt die «deutsche Kulturwissenschaftlerin» Susan Arndt. Jawohl, DIE Arndt. Wikipedia belehrt uns, dass zu ihren «Arbeitsgebieten» die «westafrikanische Frauenliteratur» und «Kritische Weissseinsforschung» gehören.

Ist das hier gemeint?

Oder gar das hier?

Das ist mir jetzt echt peinlich, davon habe ich noch nie gehört. Beziehungsweise, ich dachte zuerst, es handle sich um Waschmittelreklame. Aber gut, diese und viele andere «Arbeitsgebiete» befähigen Arndt natürlich, ein paar abschliessende Worte über die Schweizer Jasskarten zu sagen.

Das tat sie vorher schon bei fatalen Namen für Glace in der Schweiz; sie wollte die Debatte über den Mohrenkopf mit einer Problematisierung der «Winnetou»-Glace erweitern. Vom phallischen Subcontext bei «Rakete» ganz zu schweigen. Aber der Sommer kommt erst, noch wird fleissig gejasst.

Das Problem des fehlenden Aufregers

Auch CH Media kennt das Problem: Morgen ist nicht nur Samstag, sondern auch noch 1. Mai. Womit füllen wir denn nur das Blatt? In solchen Situationen weiss der erfahrene Redaktor (und in jeder Zentralredaktion gibt es noch ein, zwei): Da muss ein Aufreger her. Dann hirnt man hirnerweichend über ein Thema, bis jemandem endlich einfällt: Erinnert ihr euch noch, Mohrenkopf, Interview mit dieser deutschen Tussi, Pardon, also die über weitere diskriminierende Namen geschimpft hat?

Lässt sich da vielleicht was machen?

Gut, sagt der Tagesleiter, aber nur, wenn sie da noch einen drauflegt; Mohrenkopf und so ist sowas von gestern. Also setzt der geschickte Reporter diese Anforderung um. Aber was kann Arndt denn an den Jasskarten sexistisch finden? Nun, stellt Euch nicht so begriffsstutzig an, ihr sexistischen, rassistischen Jasser, das ist doch sonnenklar wie ein Match: «Der König ist mehr wert als die Damen, so wie im Wort Herr die Idee von Herrschaft anklingt.»

Ich bin nun nicht so der Hirsch bei Jasskarten, aber es will mir doch scheinen, dass es bei den verwendeten deutschen Sets einen Under und einen Ober gibt, danach kommt der König. Dagegen könnte man höchstens einwenden: und wo bleibt die Frau? Zudem: beim Unde-Ufe ist doch die Dame mächtiger als der König, oder?

Sollte man vielleicht auch alte Gemälde modernisieren?

Das alles fällt aber dem lausig vorbereiteten Interviewer nicht ein, stattdessen versucht er es mit dem Argument, dass das doch einfach historische Spielkarten seien, ob man das nicht so lassen könne? Aber auch diese Rettung zerschellt an der eiskalten Logik von Arndt: «Natürlich darf man das. Doch wenn man sie als historisch akzeptiert und weiterhin damit spielt, muss man sich auch aktiv damit auseinandersetzen und sich fragen: Wofür steht diese Geschichte? Und finde ich das gut?»

Ich finde gut, dass Grossbritannien eine Queen hat, und ihr Gatte musste bis zu seinem seligen Ende immer ein Schritt hinter ihr gehen und überhaupt die zweite Geige spielen.

Aber Arndt erreicht langsam Betriebstemperatur und erklärt, für welche Geschichte diese Spielkarten ihrer Meinung nach stehen: «Für die Dominanz des weissen, heterosexuellen Mannes. In dessen Normsetzung sind Menschen anderer Geschlechter sowie People of Colour einfach ausgeblendet, nicht repräsentiert. Die royalen Hierarchiestufen widerspiegeln zudem einen extremen Klassismus, der sich mit antiquierten Begriffen wie «Bube» oder «Under» auch gegen Männer richtet.» Ach, dann sind wir also auch betroffen?

Nehmt das, Ihr Ignoranten, so muss man das sehen, anstatt «gschobe», «Drüblatt» zu sagen, einen Differenzler oder gleich einen Coiffeur zu spielen. Dass es keine Coiffeuse gibt, ist sicher auch noch nicht aufgefallen. Typisch.

«Wir sprechen hier bloss von Spielkarten», versucht es der Journalist schon leicht matt mit einer letzten Frage; müssen die denn unbedingt modernisiert werden?

Aber ganz sicher schon, donnert Arndt:

«Weil ihre Botschaft eben nicht harmlos ist. Und die lautet: Frauen haben weniger Wert, weniger Bedeutung in der Gesellschaft – und nicht-heterosexuelle Personen oder schwarze Menschen müssen gar nicht berücksichtigt werden. Solche Bilder verfestigen sich in unserem Unterbewusstsein. Und das hat Folgen bis in unseren Alltag hinein – bei der Unterrepräsentierung von Frauen in der Geschäftswelt, bei der Diskriminierung von People of Colour.» 

Jasskarten haben eine Botschaft, setzten Zeichen, wollen Machthierarchien bewahren

Endlich kapiert? Beim Jassen fängt’s an, bei Unterrepräsentierung und Diskriminierung endet’s. Was tun? Nun, es gibt natürlich erste Versuche von korrekten Spielkarten. Die sind allerdings noch etwas gewöhnungsbedürftig.

Aber weitgehend diskriminierungsfrei, liebe Jasser.

Vielleicht sollte man sich als Zwischenschritt angewöhnen, kleine Zeichen zu setzen. Also zum Beipsiel statt «Stöck» sagt man «Dame, begleitet von einem untergebenen König». Statt «Match» sagt man «Mätchin». Statt «ufm Tisch müends verrecke» sagt man «dürfen wir die anwesenden Damen bitten, ihre Gespräche einzustellen und auszuspielen?»

Aber sobald sich durchgesetzt hat, dass die aktuell verwendeten Spielkarten in den Schredder gehören und nur noch mit korrekten, repräsentierenden Karten gespielt wird, dann wird sich das mit dem Rassismus und Sexismus spielend auflösen. Und kein Jasser wird es jemals wieder wagen, «Frölein, jetzt en Kafi Schnaps» zu rufen.

Prüfungsfrei Kantonsrätin

Diese sieben Damen wirken bei der Herstellung unsere Gesetze mit. Au weia.

Einen Tagi-Artikel gelesen. Ihn nicht verstanden. Null Informationen eingeholt, wie sinnvoll es ist, Zahlen auf Kantonsebene herunterzubrechen. Bei 81 verurteilten Vergewaltigern – schweizweit. Und zu diesem Unsinn noch 7 dumme Fragen hinzugestellt. Offensichtlich gibt es im Kantonsparlament keine Geschwindigkeitsbeschränkung für rasende Dummheit. Das muss man in voller Länge sehen – und aushalten. Wir haben uns gestattet, im Anschluss die Antworten des Regierungsrats vorwegzunehmen – und erheben kein Copyright darauf.

Zürich, Rüti, Gossau und Winterthur, 19. April 2021

ANFRAGE von Silvia Rigoni (Grüne, Zürich), Judith Anna Stofer (AL, Zürich), Pia Ackermann, (SP, Zürich), Andrea Gisler (GLP, Gossau),

Barbara Günthard Fitze (EVP, Winterthur), Angie Romero (FDP, Zürich) und Yvonne Bürgin (Die Mitte, Rüti)

betreffend Grosser Verbesserungsbedarf für Opfer von Sexualdelikten ________________________________________________________________________

Eine Untersuchung der ZHAW zeigt auf, dass grosse Unterschiede zwischen den Kantonen im Umgang mit mutmasslichen Vergewaltigungen bestehen (Tages-Anzeiger vom 17. April 2021). Während im Kanton Waadt 61 Prozent der mutmasslichen Täter verurteilt wurden, sind es im Kanton Zürich lediglich 7,4 Prozent. Auffällig ist, dass im Kanton Zürich von den angezeigten Vergewaltigungen vergleichsweise sehr wenige zu einer Anklage führten. Rund 80 Prozent der Verfahren werden von der Staatsanwaltschaft mit einer Einstellungsverfü- gung beendet.

Im Kanton Bern können sich Opfer von Sexualdelikten an der Frauenklinik von Spezialistinnen und Spezialisten untersuchen lassen. So können Beweise gesichert werden und es wird eine rechtsmedizinische Dokumentation erstellt. Im Kanton Waadt verfügt das Universitätsspital Lausanne über eine eigene Abteilung für Gewaltmedizin, in fünf weiteren Spitälern im Kanton Waadt können sich Opfer von Sexualdelikten von Spezialistinnen und Spezialisten umfassend rechtsmedizinisch untersuchen lassen. Der Kanton Waadt übernimmt dabei die Kosten. In seiner Antwort auf die Anfrage KR-Nr. 372/2018 berichtet der Zürcher Regierungsrat von verschiedenen Untersuchungsorten und jeweils fallspezifisch hinzugezogenem Personal.

Es scheint, dass es im Kanton Zürich einen grossen Verbesserungsbedarf im Umgang mit Opfern von Sexualdelikten gibt. Es gibt klare Hinweise dafür, dass die Strafverfolgung im Kanton Zürich nicht optimal verläuft. Auf Nachfragen des Tages-Anzeigers konnten weder die Justizdirektion, die Oberstaatsanwaltschaft noch das Obergericht zu den beunruhigenden Ergebnissen Auskunft geben. Offenbar fehlt eine systematische und koordinierte Datenerhebung, welche Erklärungen zu diesen Unterschieden liefern kann.

Wir bitten den Regierungsrat um die Beantwortung folgender Fragen:

  1. Teilt der Regierungsrat die Kritik, dass Vergewaltigungen zu oft straffrei bleiben? Was gedenkt er dagegen zu tun?
  2. Welche Daten stehen im Kanton Zürich zu Vergewaltigung, Schändung und sexueller Nötigung zur Verfügung?
  3. Gibt es Erklärungen, warum rund 80 Prozent der Fälle von der Staatsanwaltschaft eingestellt werden?
  4. Was sind die Gründe dafür, dass die Verurteilungsquote im Kanton Zürich so tief ist?
  5. Was wurde in den letzten Jahren bei der Einvernahme und Untersuchung der Opfer verbessert? Sind weitere Verbesserungen geplant?
  6. Was wurde seitens der Strafverfolgung in den letzten Jahren unternommen, um die Anzeigequote zu erhöhen? Was hat die Staatsanwaltschaft in den letzten Jahren gemacht, um die Zahl der Anklagen vor Gericht in Fällen von Vergewaltigung zu erhöhen? Welche weiteren Massnahmen sind noch geplant, respektive nötig?
  7. Wie stellt sich der Regierungsrat zu der Aussage von Brigit Rösli, Rechtsanwältin in vielen Sexualdelikten, dass im Kanton Waadt die Behörden die Aussagen der Frauen offenbar als glaubhafter einstufen als im Kanton Zürich?

  • Da muss sich der Regierungsrat kurz schütteln, etwas kaltes Wasser ins Gesicht spritzen und zur Antwort schreiten:
  1. Der Regierungsrat hält sich an die Gewaltenteilung, weshalb er diese Frage nicht beantworten kann. Er fragt sich aber, ob die Anfragerinnen das Prinzip der Gewaltenteilung verstanden haben.

  2. Über die genauen Zahlen geben die Jahresberichte der Gerichte Bescheid, die dem Kantonsrat jedes Jahr vorgelegt werden.

  3. Die Staatsanwaltschaften stellen Untersuchungen nach genauer Abklärung dann ein, wenn sich eine Straftat nicht nachweisen lässt.

  4. Die Verurteilungsquote bemisst sich an der Zahl zur Untersuchung gelangenden Fällen und deren Erledigung. Je höher die Anzahl nachgewiesener Fälle, desto höher die Zahl Fälle, die ans Gericht gelangen. Wie die Gerichte urteilen, kann der Regierungsrat nicht beantworten. Er kann sie aufgrund der Gewaltenteilung auch nicht beeinflussen. Er fragt sich aber, ob die Anfragerinnen das Prinzip der Gewaltenteilung verstanden haben.

  5. Die Staatsanwaltschaften bilden sich ständig weiter und verbessern so ihre Arbeit. In zivilisierten Ländern macht man das so.

  6. Der Regierungsrat kann die Anzahl der Anzeigen nicht erhöhen. Ziel der Staatsanwaltschaften ist es nicht, die Gefängnisse zu füllen, sondern mutmassliche Straftaten zu klären und dabei belastendes wie entlastendes Material zu sammeln um daraus schliessen zu können, ob Anklage erhoben werden kann. Die Bestrafung obliegt dem Gericht.

  7. Wer ist Brigit Rösli?

 

Das ist keine Realsatire. Das ist satirische Realität; nur ernstgemeint.

Es darf gelacht werden: Werbetexte in unseren Lieblingsgazetten

Nahvergleich zwischen lang und textlästig sowie kurz und bildlastig. Wer errät’s?

Zuerst die seriöse. Die «Republik» hat mal wieder was Aussergewöhnliches geschafft. Sie hat einen so langen Newsletter verschickt, dass der Anfang schon veraltet ist, wenn man beim Schluss ankommt.

Über 10’000 Anschläge, anders geht’s einfach nicht bei dem Magazin für breitgetretenen Quark.

Für Leser mit leichtem Bildungsrucksack: Johann Wolfgang von Goethe, im West-Östlichen Divan (das kann man googeln):

«Getretner Quark wird breit, nicht stark.»

Aber wem die Hose, Pardon, das Herz voll ist: Die «Republik» kriegt sich nicht ein, dass sie weiterhin rund 28’000 zahlende Abonnenten hat. «Die Erneuerung lief weit souveräner, als die Übermütigsten unter uns vorhersagten.»

Das vermissen wir bei allen anderen Medienorgane so schmerzlich: ausführliche Darstellungen über die Zahl der Abonnenten. Aber nur übermütig kann die «Republik» nicht erscheinen. Zwar hat sie ungefähr einen gleichgrossen Ausstoss wie ZACKBUM, nur mit etwas mehr Schreibern und viel mehr Geld.
Damit das auch so bleibt, muss nach all dem Jubel wieder ein ernstes Gesicht aufgesetzt werden:

  • Das Modell sei weiterhin stark anfällig für «Schwankungen.» Wenn das doch nur auch die CS gewusst hätte.
  • Niemand wisse, wie’s nach Corona und vielleicht nachlassender Leselust weitergehe.
  • Eine der häufigsten Todesursachen für junge Unternehmen sei der «Kollaps im dritten Jahr.» Wenn das nur alle Buden gewusst hätten, die schon im ersten oder zweiten Jahr mit Entleibung drohen mussten, um weitere Millionen nachgeschmissen zu bekommen.

Wo soll’s hingehen vom Ruhebett aus?

Aber, Stillstand ist Rückschritt, die «Republik»-Schreibhelden wollen ja noch so lange wie möglich ein üppiges Gehalt für sehr mageren Output kassieren. Also was sind so die neuen Ideen?

«Wir wissen, dass wir auf keinen Fall bequem werden dürfen. Und dass wir mit aller Kraft gegen die Stagnation anwachsen müssen. Aber wir wissen noch nicht, wie genau.»

Damit sind sie immerhin wieder auf der philosophischen Höhe eines Sokrates angelangt. «Ich weiss, dass ich nichts weiss», soll der gesagt haben. Wurde aber nur vom Hörensagen überliefert. Aber reicht für die «Republik» natürlich für ein gesichertes Zitat.

 

Brutaler Wechsel in ganz andere Gefilde

Wenn ein Kindersoldat im Newsroom der Blick-Familie auf die Idee käme, einen NL mit über 10’000 Anschlägen zu schreiben, dann würde er ruhiggespritzt und vorsichtig hinausbegleitet. Würde er einen Artikel dieser Länge abgeben, bekäme er vorher noch eine Zwangsjacke verpasst.

Deshalb setzen wir hier mehr auf die Kraft des Bildes. Wir wissen ja alle, dass die strikte Trennung von Werbung und Eigenleistung einen wesentlichen Beitrag zu Glaubwürdigkeit und dem Vertrauen leistet.

Daran geht der «Blick» mit professioneller Unabhängigkeit heran.

Man kann draufklicken und liest tatsächlich einen «Testbericht». Erst im Impressum wird man aufmerksam gemacht, und wer liest das schon:

Oder auch nicht …

Aber es ist vielleicht etwas unfair, nur darauf beim «Blick» einzugehen. Er kann auch noch anders. Wenn Blocher schon so blöd ist, Blocher-TV hinzustellen, dann kann sich die Blick-Familie doch sicher bedienen.

Ein Schnipsel aus «BlocherTV». Man beachte den Kachelofen.

Auch das ist eine Variante:

 

Kleiner Test: Welcher von beiden Anrissen ist Werbung? Bravo, richtig, beide.

Aber warum so separiert und solo, geht auch anders:

 

Damit keine Unsicherheit entsteht: alles Werbung, what else.

Schliesslich fragt man sich spätestens hier, ob man nicht lieber noch mehr Werbung sehen will:

Für alle, die dachten, über Tabuthemen spricht man in der Pressekonferenz.

Würde man solche Themen in aller Öffentlichkeit besprechen, wär’s auch nicht recht. Beim Rahmenvertrag sieht man ja, wohin das führt.

Was meint denn der Leser, Pardon, die «community», zum schweineteuren, aber kaum sichtbaren Redesign? Wenn man da mit «überwiegend positiv» zusammenfassen muss, ahnt man die Reaktion. Ein Kommentar zum Redesign hat uns besonders gefallen:

«Es ist immer wieder ein Glücksfall, wenn einer meiner Kommentare veröffentlicht wird! Gefühlt werden ca. 4/5 nicht veröffentlicht! Hingegen trifft man nicht selten auf Dutzende Kommentare von Küde Zhou, Martin Arnold & Co!»

Das ist natürlich gemein, so in der «community», wenn sich das nach dem Redesign fortsetzt.

 

Erinnert sich noch jemand an unsere Serie über Claudia Blumer?

Ach, damit uns niemand Bauchnabelschau vorwirft, was sagt denn der grosse Tamedia-Konzern zur mehrteiligen und exklusiven Recherche zu Claudia Blumer? Wir fassen die Reaktion kurz zusammen:

Nein, das ist nicht von Kasimir Malewitsch. Von wem? Ach, googelt Euch doch eins.

Traktat über das männliche Gemächt

Bevor man an Weiterungen denken kann, muss man zuerst fotografieren. Das gilt auch für das wichtigste Körperteil des Mannes.

Von Adrian Venetz

Bereits kurz nach den Anfängen der Fotografie haben sich Männer entschlossen, ihr Geschlechtsteil zu fotografieren und die Bilder anderen Personen zur Verfügung zu stellen. Da sich nun ein Trend zeigt, solche Bilder zu sammeln, inventarisieren und archivieren, drängt sich die Frage auf, ab wann man ein Penisbild als gelungene Aufnahme bezeichnen kann. Diese Frage soll hier erörtert werden.

Vorgängig zu klären ist, ob sich ein Smartphone für die Phallusfotografie eignet. Man kann diese Frage zwar nicht kategorisch mit nein beantworten, doch in der Fachliteratur herrscht weitgehend ein Konsens darüber, dass sich die Investition in eine professionelle Ausrüstung durchaus lohnt.

Wichtig zu wissen: Die Penisfotografie folgt grundsätzlich anderen Regeln als beispielsweise die Architektur- oder Landschaftsfotografie – sowohl was die Blende und Verschlusszeit angeht, als auch den sich durchaus als knifflig erweisenden Einsatz von verschiedenen Objektiven und Blitzgeräten. Nachfolgend werden diese Faktoren genauer unter die Lupe genommen.

Makro ohne Grössenvergleich

Das Objektiv: Sinnvoll ist der Einsatz eines Makroobjektivs, dies ungeachtet der Genitalgrösse. Die Wahl der Brennweite richtet sich nach dem Abstand zwischen Linse und Lümmel. Beim Einsatz eines Stativs mit Selbstauslösung der Kamera können natürlich auch Zoom- und Weitwinkelobjektive verwendet werden.

Die Blende: Anfängern wird empfohlen, durchgängig Blende 8 zu wählen. Grosser Beliebtheit bei Fortgeschrittenen erfreut sich das Fotografieren mit offener Blende. Dies ermöglicht den gezielten Einsatz von Tiefenunschärfen, die dem Bild einen verträumten Charakter verleihen. Je nach Position der Kamera und des Geschlechtsteils sollte allerdings darauf geachtet werden, dass den späteren Betrachter*innen ein akzentuierter Blickfang in der Bildgestaltung geboten wird.

Belichtung: Wer mit ruhiger Hand fotografiert, erhält mit einer Verschlusszeit von 1/30 Sekunde durchaus zufriedenstellende Resultate. Wer dagegen erregt ist und/oder sein Glied in hüpfartigen Bewegungen im Bild festhalten möchte, sollte eine Verschlusszeit von mindestens 1/100 Sekunde in Betracht ziehen und sich allenfalls im Fachhandel erkundigen, ob das Objektiv (oder das Glied) mit einem automatischen Stabilisator nachgerüstet werden kann.

Blitzgeräte: Vom Einsatz von handelsüblichen Blitzgeräten ist bei der Penisfotografie grundsätzlich abzuraten, da sich sonst unerwünschte harte Schattenwürfe im Bild bemerkbar machen. Mit ansprechenden Ergebnissen rechnen kann man dagegen bei der Verwendung eines nicht ganz günstigen Ringblitzes. Eine in einem 30-Grad-Winkel positionierte externe Lichtquelle sorgt für eine besonders dezent ausgeleuchtete Szene. Mit Farbfiltern ergeben sich weitere interessante Stimmungen. Auch der Einsatz von Kerzenlicht erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Man achte jedoch auf einen nicht zu geringen Abstand zwischen Kerze und Klöten.

Auch vor der Erfindung der Fotografie gab es Möglichkeiten.

An Popularität gewonnen hat in jüngster Zeit auch der Einsatz von Drohnen. Anfängern sei an dieser Stelle jedoch dringend davon abgeraten. Wird die Gefahr von rotierenden Drohnenpropellern auf die leichte Schulter genommen, kann gerade in der Penisfotografie ein lieb gewonnenes Hobby schnell ein jähes Ende finden.

Frauen aller Redaktionen, vereinigt euch!

Satire & Gelächter III

Schon Delacroix wusste: Die Freiheit ist weiblich. Kann aber nur im Kampf errungen werden.

Seit wir hier bei ZACKBUM gemeinsam nochmal «Das Patriarchat» von Ernst Bornemann gelesen haben, wollen wir in diesen Befreiungskampf eingreifen.

Wegen des Profils der Freiheit war das Gemälde lange Zeit verboten.

Für Nachgeborene: Bornemann, googeln, Patriachat, 1975, Wälzer mit über 1000 Seiten. Aber heute kriegt man den Inhalt auch in ein, zwei Tweets rein.

Zurück in die Zukunft der Gegenwart. Vielleicht, wer weiss, wird einmal der 5. März 2021 als Beginn einer Zeitenwende in Geschichtsbüchern abgefeiert. Und wir können – wie 1792 Goethe – sagen: Wir sind dabei gewesen. Bei ihm war’s das Erschrecken darüber, dass die Truppen der Französischen Revolution seine adeligen Freunde Mores lehrten.

Bei uns ist es der Protestbrief von 78 mutigen Frauen aus dem Hause Tamedia, der eine «neue Epoche der Weltgeschichte» einleitete, denn auch hier braucht es ein Goethe-Wort. Glücklicherweise ist das heute noch erlaubt; wenn dann erst mal das Frauenbild von Goethe und überhaupt sein Verhalten zu Frauen genauer unter die weibliche Lupe genommen wird, sind solche Sprüche natürlich obsolet geworden.

Die revolutionäre Kraft in einem einfachen Brief

In diesem Schreiben wird so radikal wie richtig, so wortmächtig wie machtvoll, die Unerträglichkeit des weiblichen Seins beklagt. Ihre ständigen Opfer, die Frauen von Männern auferlegt werden. Selten wurde in solcher Klarheit formuliert: Frauen sind immer Opfer, Männer immer Täter.

Nun gut, vielleicht nicht alle. Aber bei der Französischen Revolution soll es ja auch Adlige gegeben haben, die deren Zielen durchaus neutral oder sogar sympathisierend gegenüberstanden. Das ersparte ihnen aber meistens nicht den Gang auf die Guillotine, Kollateralschäden sind bei fundamentalen Umwälzungen unvermeidlich.

Das wahrhaft Revolutionäre in diesem Protestschreiben besteht nicht in der ergreifenden Schilderung der Spiessrutenläufe (Pardon für dieses Sprachbild), dem Tamedia-Mitarbeiterinnen tagtäglich ausgesetzt sind.

Nein, mit diesem Satz wird die Zeitenwende eingeleitet:

«Wir sind nicht bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen.»

Ein Hammersatz. Die Einleitung zu wohlerwogenen Forderungen; in einer Stringenz, wie sie damals für die Zukunft des Dritten Standes in Frankreich formuliert wurde: «Was ist der Dritte Stand? Alles und mehr.» Was ist er in der Politik? «Nichts». Obwohl ihm 98 Prozent der damaligen französischen Bevölkerung angehörten. «Was verlangt er? Etwas zu sein.»

So formulierte es damals der Abbé Sieyès, der erstaunlicherweise die Revolution überlebte. Nun machen Frauen nicht 98 Prozent der modernen Gesellschaft aus, das ist wahr. Aber sie sind in der Mehrheit, auch wenn man die diversen weiteren sexuellen Ausrichtungen gar nicht differenziert.

Vorrevolutionäre Zustände

Nun sind die Zustände heutzutage allerdings noch so wie am Vorabend des 14. Juli 1789. Es gärt, es gibt Protest, es gibt beruhigende Geräusche aus den Chefetagen der Macht. Aber: Es fehlen noch ein paar wichtige Dinge, damit der Revolutionsfunke zum Flächenbrand wird. Che Guevara nannte das seine Fokus-Theorie, aber der war ein Mann und scheiterte zudem.

Die aktuelle Rebellion spielt sich immerhin schon mal dort ab, wo sie nicht unterdrückt werden kann und guten Zugriff auf die alles entscheidende öffentliche Meinung hat. In einem Medienkonzern. Aber: Che hin, Fidel her, es braucht Führungspersonen. Revolution ist nichts Anonymes, sie braucht ein Gesicht.

Spontan fällt uns da Salome Müller ein. Seit sie ihre Haare offen trägt, hat sie sich damit ein unverwechselbares Image geschaffen, wie damals die «barbudos», die bärtigen Guerilleros. Fidel (und auch Che) rasierten sich bekanntlich bis ans Lebensende nie mehr.

Wie wird der Funke zum Flächenbrand?

Wenn man sich als Mann weiter einmischen darf (denn ob es mir wie Abbé Sieyès ergehen wird, wage ich zu bezweifeln): bislang wurde der Funken erst in einem Medienhaus entfacht. Nun gilt es, die Fackel des Aufruhrs weiterzutragen. In die anderen Redaktionen.

Ihr Frauen bei Ringier, ihr Frauen bei CH Media, ihr Frauen bei der NZZ, reiht Euch in die Bewegung ein, weil ihr doch auch Frauen seid. Wenn euer starker Arm es will, stehen alle Druckmaschinen still.

Das wäre der nächste, notwendige Schritt. Dann, das ist am Anfang leider so, müssen möglichst breite Bündnisse geschlossen werden. Mit bewegten Männern. Mit solidarischen Menschen jeden Alters, Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Orientierung. Natürlich auch mit allen Formen der Frauenbewegung:

Wirklich mit allen, das ist unverzichtbar.

Ist der Kampf dann gewonnen, kann man immer noch aussortieren, wer noch etwas Sinnvolles zur neuen Gesellschaft beitragen kann – und wer nicht. Dafür steht dann das übliche Instrumentarium zur Verfügung. Umerziehung, Marginalisierung, Vertreibung, Arbeitslager, unerklärliche Häufungen von Infarkten und anderen natürlichen Todesursachen. Männer sind ja nicht nur Schweine, sondern auch Weichlinge.

Ist das alles vollbracht, fängt endlich die weibliche, die frauliche, die schwesterliche, die mütterliche Zeitepoche an. Wie es da zu und hergehen wird, entzieht sich leider unserem männlichen Vorstellungsvermögen. Wir wünschen aber von Herzen alles Gute dabei.

Übrigens, selbstverständlich sind wir schon heute für die Gratisabgabe von allem Material, das zur Bewältigung der Menstruation benötigt wird. Hier, heute und jetzt.

Es gibt übrigens auch Alternativen …

 

 

Es darf gelacht werden: Richtig gendern mit der SoZ

ZACKBUM sieht sich gezwungen, bereits die zweite Lieferung von «Satire & Gelächter» auf die Rampe zu schieben. Vorsicht, ist nicht kurz. Aber sehr lustig.

Beim Coiffeur lag die aktuelle «Sonntagszeitung» auf dem «Nebelspalter». Den kenne ich schon, unterhaltsam oder witzig ist er weniger. Also griff ich zur SoZ – und wurde nicht enttäuscht.

Der Coiffeur musste mich mehrfach bitten, mich nicht so zu schütteln vor lachen, das täte dem Haarschnitt nicht gut. Also riss ich mich zusammen, aber den Lesern von ZACKBUM möchte ich die gleiche Erheiterung zukommen lassen.

Denn die SoZ hat – neben Corona – endlich ein zweites Schwerpunktthema gefunden. Eine Debatte, eine Auseinandersetzung, die schon lange die ganze Welt in Atem hält. Eine kleine Welt zwar, aber dafür eine lautstarke. Eine mit Zugang zu Multiplikatoren. Also die Welt von Journalisten, die zwar gewohnheitsmässig der deutschen Sprache Gewalt antun, sie auch regelmässig vergewaltigen, mit Gestümper, Gestammel, mit Fehlern, die das flachgesparte Korrektorat, das nur noch aus einem Microschrott-Programm besteht, nicht bemerkt.

Endlich: die Totalwürdigung eines kleinen Sternchens

Aber das wäre ein anderes Thema. Hier geht es um «gendern, aber richtig». Für die Wenigen, die noch nicht mit diesem fundamental wichtigen Thema belästigt wurden: In der deutschen Sprache (in anderen nicht, aber was soll’s, geht’s hier um Logik?) herrscht das sogenannte generische Maskulinum. Das bedeutet, dass angesichts von zwei Geschlechtern in der Realität und drei Genera in der Sprache, plus irgendeinem Idioten (männlich), der das nicht mit Gattung, sondern mit Geschlecht übersetzte, schon länger ein Kampf mottet.

Stern vor dem Kopf: Die Kulturreste bei Tamedia.

Der wird von Gesinnungstätern geführt, die eine fanatische Mission haben und daher wie die meisten Fanatiker alles ausblenden, was ihrer Mission widersprechen könnte. Ihre Mission lautet: durch die übermässige Verwendung des maskulinen Genus bei Personen- und Berufsbezeichnungen werden Frauen diskriminiert, ausgegrenzt. Ist zwar völliger Unsinn, aber dieses Kampffeld hat einen unbestreitbaren Vorteil.

Wie die Flachdenker, die meinen, mit einem Pappkarton vor der Stirn könne man toll demonstrieren, meinen diese Fehlgeleiteten, durchaus vorhandene Diskriminierung qua Geschlecht liesse sich vornehmlich dadurch bekämpfen, dass man die deutsche Sprache verhunzt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Doppelnennungen (Journalist, Journalistin) zwar schon ein Schritt in die richtige Richtung sei. Aber: was ist dann mit dem ganzen Zoo von weiteren Geschlechtern, non-binären, und überhaupt?

Damit verlagerte sich die Verhunzung vom Pflanzen eines Binnen-I oder der absurd falschen Verwendung des Partizips Präsens (Studierende) zum Sternchenhimmel. Da sind wir heute, und die SoZ ist vorne dabei. Sie gehört ja zum einzigen Medienkonzern der Schweiz, bei dem sich Frauen massenhaft über Sexismus, Diskriminierung, Ausschluss, Negierung und vieles andere beschweren.

Da muss Trauer- und Aufklärungsarbeit geleistet werden. Also landet die SoZ gleich einen Viererschlag. Wahnsinn. Sogar ohne Methode.

Kultur besteht bei der SoZ aus einem einzigen Thema

Sagenhafte drei Seiten widmet der «Kultur»-Bund der Sache mit dem Stern. Also allen Platz, den Kultur bei Tamedia noch hat. Bevor dann zwei Seiten TV-Programm (ohne Genderstern!) und als Gipfel eine – natürlich von einem Mann – geschriebene Lobeshymne auf den neuen McLaren Elva folgen. Der Schwanzvergleich: «in 2,8 Sekunden von 0 auf 100. Schluss wäre bei 328 km/h.» Dazu ein Schnäppchen: «1,7 Millionen Euro» zahlt der Mann für diesen Penisersatz, den er bei Regen in der Garage stehen lassen muss.

Aber zurück zum Thema, bei dem Frau und Mann in 0 Sekunden von 0 auf dumm beschleunigen. Zunächst ergreifen die beiden Sprachwissenschaftler Aleksandra Hiltmann und Andreas Tobler (der alte Abschreiber will sich offenbar überall einschleimen) das Wort. Hiltmann qualifiziert sich durch die Unterzeichnung und federführende Lancierung des Frauen-Protestschreibens. Und hat bezüglich Zigeunerschnitzel und so noch etwas gutzumachen.

Worüber äussern sich die beiden? Schwer zu sagen, Genderstern, Genderstern, Genderstern, Glottis-Stopp (sicher gegoogelt), damit mäandern sie sich zur Schlussfolgerung durch: «Gendern ist also nicht einfach eine Modeerscheinung oder ein Sprachspiel – sondern ein Wirtschaftsfaktor. Diversität ist zu einer Frage der gesellschaftlichen Verantwortung geworden, ähnlich wie Nachhaltigkeit oder Umwelt.»

Mit Verlaub, was für ein gequirlter Schwachsinn. Dass Firmen beim Anpreisen ihrer Produkte und dank des Internet-Targeting immer gruppenspezifischer werben, also nicht mehr nur Männlein und/oder Weiblein ansprechen, sondern gerne auch den schwulen, schwarzen Aktivisten in einem Vorort einer Grossstadt, macht das Sprachverbrechen gendern weder zu einem Wirtschaftsfaktor, noch hebt es diesen Unfug auf die Ebene von Nachhaltigkeit oder Umwelt.

Höhepunkt auf Höhepunkt

Ein Höhepunkt in diesem 13’000 Anschläge-Erguss (Pardon) ist die Stelle über den Zürcher AL-Gemeinderat David García Nuñez: «Als Arzt hat er eine wissenschaftliche Studie geleitet, die zeigt, dass auch bei Transmenschen, die den Geschlechtsangleichungsprozess hinter sich haben, die falsche Ansprache traumatisierend wirkt und Depressionen hervorruft.» Liebe Transmenschen, wenn ihr bis hierher gelesen habt: sofort aufhören und den Arzt oder Psychiater konsultieren.

Alleine schon die in diesen Schwulst eingestreuten Regeln für «richtig gendern» sind kabarettauglich.

Schlag zwei: Zu diesem Endlos-Gesülze als wär’s ein Stück aus der «Republik» wird – originell – eine Umfrage unter Schweizer Autoren gestellt: Wie haltet Ihr’s mit dem Stern? Wir vermissen schmerzlich – nein, nicht wirklich – unseren Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss, aber der fiel noch nie durch Beherrschung der deutschen Sprache auf.

Die Reaktionen sind entlarvend. Sich zum frauenbewegten Lager zählende Autoren (generisches Maskulinum) verwenden das Unglücks-Sternchen entweder, oder eiern drum herum, wieso es in Lyrik oder Prosa dann so eine Sache sei. Völlig zum Deppen, aber auch das ist nichts Neues, macht sich Mundart-Poet Pedro Lenz. Er will sich locker und pragmatisch geben, verrät aber immerhin, dass er «nicht mehr «die Lehrer» schreibe, wenn er «Lehrerinnen und Lehrer» meine, sondern «die Lehrerschaft».

Vielleicht ist das in der Mundart anders, aber Lehrerschaft wurzelt in Lehrer. Wo bleibt da die Frau, lieber Poet? Vielleicht weniger poetisieren, dafür Deutsch lernen?

Genau richtig liegen drei Schriftsteller mit ihren Antworten. In aufsteigender Reihenfolge: «Literarisch unbrauchbar»; soweit gut, aber dann setzt Franz Hohler zu einer überflüssigen Erklärung an. «Ich liebe die deutsche Sprache und finde diese Genderei zum Kotzen.» Gut und scharf, aber auch Thomas Hürlimann wird dann etwas zu lang.

Unerreichter Todesstern für den Genderstern ist aber Peter von Matt. Der grosse Germanist, eleganteste Essayist der Schweiz und – wie ich nicht ohne Stolz sagen darf – mein Doktorvater. Der antwortet unübertreffbar:

«Nein.»

Diese Nein hat ungefähr so viel Wucht wie der Gag mit dem grossen Pantomimen Marcel Marceau, der in der Slapstick-Komödie «Silent Movie», eine ironische Verbeugung vor dem Stummfilm, am Schluss und als einziger ein Wort sagt: «non.»

Wohl der Grösste von allen: Marcel Marceau (1923 bis 2007).

Schlag drei: Wie immer mutig und zugleich vorsichtig versucht sich Michèle Binswanger an einem historischen Abriss: «Die Bemühungen um geschlechtergerechte Sprache sind so alt wie der Kampf um die Gleichstellung.» Sie zitiert Für und Wider, auch aus feminsistischer Sicht, denn niemals kann man es allen Recht machen, der Genderstern zerstöre «eine gewachsene feministische Lösung: da grosse I». Komisch, hier, aber nur hier bin ich für den Genderstern.

Das Schlimmste zum Schluss

Schlag vier: Wenn man meint, man habe das Schlimmste hinter sich, kommt SP-Nationalrätin und Co-Präsidentin (Schreibweise, ihr Tagi-Machos, Schreibweise?) der SP Frauen Schweiz. Tamara Funiciello beginnt ihren «Standpunkt» zuckersüss: «Lieber anonymer Mann …»

Ich atme auf, denn ich bin kein anonymer Mann und auch kein Tamedia-Machomann. Aber diese Süsse hört schnell auf, nachdem Funiciello die neusten Zahlen der Kriminalstatistik zitiert hat. Es gibt mehr häusliche Gewalt. Bekannt und erklärbar, wenn Familien mitsamt Kindern den ganzen Tag in dafür nicht vorgesehenen Wohnungen zusammengepfercht sind.

Daraus könnte man die Forderung nach mehr Wohnraum ableiten. Aber doch nicht die SP-Genossin. Denn es gibt Schlimmeres: «Femizide, also Morde an Frauen, die getötet wurden, weil sie Frauen sind, sind aber nur die Spitze der Gewaltepidemie, die Frauen erleben.» Sie bezieht sich dabei auf in diesem Jahr von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordete Frauen.

Wie jeder gewaltsame Tod sehr bedauerlich, aber wurden die wirklich umgebracht, weil sie Frauen sind? Als Mann, Kind, non-binär, mit Gendersternchen wäre ihnen das nicht passiert? Absurde Logik, aber das soll nur als Sprungbrett für einen wahren Amoklauf dienen:

«Genug Männer, die uns Gewalt antun oder angetan haben, dass wir mit unserem Schlüssel zwischen den Fingern nach Hause laufen, flache Schuhe zum Rennen dabeihaben, keine Musik hören, wenn wir alleine sind, damit wir die Gefahr hören, wenn sie kommt. Wir lassen uns von Freundinnen orten, telefonieren, tun so, als würden wir telefonieren. Es sind genug Männer, dass wir uns nicht so anziehen, wie wir möchten, nicht tanzen, wie wir möchten, dass wir zum Teil gar nicht erst hingehen und schon gar nicht allein. Wir sind in unserer Freiheit eingeschränkt, weil wir Angst haben müssen vor Übergriffen, Gewalt, Belästigung, Drohung. Es ist ein bisschen wie Corona – nicht jeder Mensch, den du triffst, ist eine reelle Gefahr – dennoch schützen wir uns, weil es eine sein könnte

 

«Nicht alle», aber genug, tobt Funicello, und was sage der anonyme Mann dazu? «Ja, aber ich war’s nicht.» Darauf sie: «Ich will dir erklären, anonymer Mann, wieso ich die Wut, die mich erfasst bei diesem Satz, fast nicht aushalte.» Oh je, dabei hat sich Funiciello doch schon medienwirksam des männlichen Unterdrückungsapparats namens BH entledigt.

Ich nehme das Privileg in Anspruch, als nicht-anonymer Mann zu antworten: abgesehen davon, dass ich’s wirklich nicht bin, selten eine solche absurde Darstellung der Schweizer Realität gelesen, als wäre sie für Frauen von Syrien nur dadurch unterscheidbar, dass keine Ruinen die Strassen säumen.

Es gibt noch einen todesmutigen Mann bei Tamedia

War’s das? Ja, das war’s an Schreckensnachrichten. Ein Mann hingegen muss nun bei Tamedia ganz, aber ganz tapfer sein. Sein Name ist Rico Bandle, und er hat – Gottseibeiuns – Esther Vilar interviewt. Kennen viele genauso wenig wie Alice Schwarzer? Schade, lohnt sich aber. Wer Mühe mit Lesen hat: Roger Schawinski hat sie natürlich in seinen Doppelpunkt heute geholt. Als Podcast hörenswert. Und Alex Baur, pfuibäh, hat eine Biographie über sie geschrieben.

Mehr will ich dazu nicht sagen, sondern einfach hinter Bandle in Deckung gehen, wenn dann die ganz groben Brocken fliegen werden.

Der Mann hat Eier in der Hose. Aber dieser Spruch hilft immer sicher auch nicht.