Viel Nebel, wenig Spalten

Auch bad news sind wenigstens News. Das scheint das Prinzip des «Nebelspalter» zu sein.

Beim Start hörte sich alles noch sehr optimistisch an: Zum Beginn am 18. März 2021 spuckte der designierte Chefredaktor und Initiant des Projekts «neuer Nebelspalter» noch grosse Töne. Markus Somm diagnostizierte «eine Art Seuche der Denkfaulheit» bei den Kollegen in den Medienhäusern. Dagegen trumpfe der neue «Nebelspalter» mit eigenen Werten auf: «Da ist Leidenschaft, da steckt Geistesarbeit dahinter, da sind aber auch Sorgfalt und intellektuelle Redlichkeit.»

Auffallen wolle man mit Recherchen, vertieften Analysen, die Grundhaltung sei klar:

«Wir sind liberal, dass es kracht

Viel verbale Kraftmeierei, die sich als Pfeifen im Nebel erwies. Krachliberal, aber null Transparenz. Zum Start wurde der neue Online-«Nebelspalter» wie erwartet von der Konkurrenz mit Häme überschüttet.

Nichts geändert am vernichtenden Urteil

Andreas Tobler, die Allzweckwaffe des Hauses Tamedia, kanzelt Somm als «bekennenden Liberalen und Libertären» ab. Faktenfreien Unsinn plaudern, das ist Toblers Markenzeichen. Ganz ander war die erste Kritik von Christian Mensch: «Es ist ein Feuerwerk der Ideenlosigkeit, mit der das alt-neue Medium seine Plattform freigeschaltet hat. Eine Boygroup von Journalisten, die er in seiner Zeit als Chefredaktor der «Basler Zeitung» um sich geschart hat, verfasste eine Reihe von meinungsstarken, rechercheschwachen und damit überraschungsfreien Beiträgen in jenen Themenfeldern, in denen sie sich heimisch fühlen.»

Leider hat sich an der Richtigkeit dieses vernichtenden Urteil bis heute nichts geändert. So ist es, muss man sagen. Fast der gesamte Inhalt bleibt hinter einer Bezahlschranke verborgen. Über die Anzahl Abonnenten oder Leser wird keine Auskunft erteilt. Es steht zu vermuten, dass sie unterirdisch klein ist.

So gut wie nie wurde eine «Recherche» oder ein «Primeur» des «Nebelspalters» in die öffentliche Wahrnehmung gehoben – weil es trotz Ankündigung nichts gab. Nur meinungslastige, meinungsschwangere Gesinnungsstücke von einer vorhersehbaren Langeweile. Dazu geschwätzige Videos, die als einzige ohne Bezahlung konsumiert werden können. Obwohl man sich versucht fühlt, dafür Schmerzensgeld zu fordern.

Viele Fragen, keine Antworten, null Transparenz

Nebulös bleiben auch die geschäftlichen Hinter- sowie Vordergründe. ZACKBUM stellte dem Geschäftsführer des «Nebelspalters» Ende März ein paar konkrete Fragen:

  1. Deep Impact ist der Technologie-Partner der neuen Webseite des «Nebelspalter». Sehe ich das richtig, dass das für den «Nebelspalter» verwendete CMS Spectra Editor eine Eigenentwicklung von Ihnen ist?
  2. Sie sind CEO und Gründer von «Deep Impact». Gleichzeitig sind Sie interimistischer Geschäftsführer des «Nebelspalter», dazu noch für den «Verkauf» zuständig und auch Ansprechpartner für Werbewillige. Wie bewältigen Sie diese Ämterkumulation?
  3. Können Sie eine Hausnummer angeben, welches Preisschild an der Erstellung der Webseite bis zum going online hing? Und wie es mit den jährlichen Unterhaltskosten steht?

Die Antwort war eher ernüchternd: «Herrlichen Dank für Ihre «Journalistischen» Fragen. Ich habe dazu keinen Kommentar abzugeben.»

Dazu muss man wissen, dass dieser Christian Fehrlin sozusagen die dritte Wahl ist. Ursprünglich war ein Crack des Verlagswesens als Geschäftsführer vorgesehen. Der hatte aber schnell die Schnauze voll und seilte sich ab, obwohl er von Somm bekniet worden war, doch wenigstens in der Anfangsphase an Bord zu bleiben.

Genauso erging es auch dem ausgewiesen Online-Spezialisten Peter Wälty, der sich ebenfalls schon in der Startphase mit Somm überwarf. Daraus hat sich, wie CH Media vermeldete, inzwischen ein hässlicher Streit um viel Geld entwickelt. Denn Wälty fordert für seine Beteiligung an der Projektentwicklung rund 220’000 Franken – ein Termin beim Friedensrichter brachte darüber keine Einigung.

CH Media: «Für Wältys Rechtsanwalt Andreas Meili steht ausser Zweifel, dass seinem Mandanten der Betrag zustehe. Er habe umfangreiche Vorarbeiten für «Nebelspalter.ch» geleistet, die gut dokumentiert seien.» Von Somm war nur ein «kein Kommentar» erhältlich.

Verzweiflungsthemen? Büsi ziehen scheint’s immer.

Wie soll das finanziell funktionieren?

Ausser einer auf einen Schlag aufgeschalteten Reihe von «sponsored» Auto-Artikeln vom gleichen Autor erscheint der «Nebelspalter» seit Beginn absolut werbefrei, obwohl im Hauptmenü oben als zweiter Punkt «Inserieren» aufgeführt ist, wo man ein breites Angebot an allen möglichen Werbeformen findet. Ein Angebot ohne Nachfrage.

Das Impressum weist 15 festangestellte Mitarbeiter aus, dazu 21 «ständige Mitarbeiter und Kolumnisten». Ohne die Betriebskosten zu berücksichtigen, ergibt sich alleine daraus konservativ geschätzt ein Jahresbudget Saläre und Honorare von sicherlich über 2 Millionen Franken. Dem kaum Einnahmen gegenüberstehen, was bei dieser Burn rate absehbar macht, wann die eingesammelten rund 7 Millionen verröstet sind.

Verzweiflungsthemen? Sex zieht scheint’s immer.

Etwas verschlungen sind auch die Wege der Muttergesellschaft. Sie erblickte im Dezember 2020 als Klarsicht AG das Licht der Welt; praktischerweise parkiert bei der Deep Impact AG in Winterthur, die dem Hersteller des CMS und aktuellen Geschäftsführer Fehrlin gehört.

Mitte Januar wurde dann das Aktienkapital auf 1,875 Millionen heraufgesetzt. Ende Juni dieses Jahres wandelte sich die Klarsicht AG in die Nebelspalter AG um und verlegte ihren Sitz nach Zürich. Gleichzeitig stiess Sandro Rüegger als Verwaltungsrat dazu. Ein weiteres Signal, dass langsam Feuer im Dach ist. Der sich damit entwickelnde Nebel scheint auch das Impressum zu verhüllen, denn dort steht: «Der Nebelspalter wird von der Klarsicht AG, Zürich herausgegeben.»

Also genügend Gründe, dem CEO der Nebelspalter oder Klarsicht AG wieder ein paar Fragen stellen. Wie immer höflich und konkret:

  1. Peter Wälty erhebt für seine Mitarbeit am Projekt «Nebelspalter online» eine Forderung von über 200’000 Franken. Was sagen Sie dazu?
  2. Können Sie nach fast 4 Monaten erste Zahlen bekannt geben? Single Visitors, Abonnenten, wie oft wurden einzelne Artikel gekauft?
  3. Das von Ihrer Firma Deep Impact herstellte CMS als Insellösung, hat sich dieses Modell bewährt? Was hätte dagegen gesprochen, eines der vorhandenen CMS, ob als Lizenz oder als Open Source, zu verwenden?
  4. Was waren die Initialkosten für die Erstellung der Webseite bis going online?
  5. Abgesehen von einer Reihe von gleichzeitig und vom gleichen Autor verfassten gesponserten Artikeln erscheint der «Nebelspalter» weiterhin werbefrei. Wann wird sich das ändern?
  6. Potenziellen Werbekunden gegenüber müssen sie ja Ihre Mediadaten offenlegen. Wieso informieren Sie Ihr Publikum nicht?

Leider griff Fehrlin auch diesmal in den Stehsatz: «Leider habe ich keinen Kommentar dazu abzugeben.» Man kann erwachsene Menschen nicht daran hindern, sich öffentlich zum Deppen zu machen.

«Charme eines Wühltischs»

Zwei Web-Cracks haben sich den «Nebelspalter» angeschaut. Urteil: verheerend.

Da wir ja – wie wohl 99,99 Prozent der Schweizer Bevölkerung – vor der Bezahlschranke stehen und uns sagen: nö, zuerst zahlen, dann konsumieren, das mag an einer US-Tankstelle okay sein, wo das Zahlhäuschen eine Panzerglasscheibe hat.

Aber beim Relaunch eines Mediums? Bei dem man einen Markus Somm, einen Dominik Feusi, eine Tamara Wernli zuerst bezahlen muss, bevor man lesen könnte, was man sowieso schon von ihnen gelesen hat?

Gut, bei Wernli stimmt das nicht, da könnte man Video schauen oder das Gleiche in der WeWo nachlesen; nicht jeder kann zwei Kolumnen pro Woche. Dann gibt’s ja auch noch «Feusi Fédéral» im Bewegtbild, oder neu den Amok David Klein schriftlich, der über alles herfällt, was seiner Meinung nach antisemitisch sei. Und seiner Meinung nach ist schon das Wort «aber» im Umkreis von einem Kilometer um eine Synagoge antisemitisch.

Zu den Inhalten kann man wirklich nicht viel sagen, ausser, dass meistens die Bezahlschranke ein «glücklicherweise kann ich hier aufhören» auslöst. Aber man kann ja mal einen genaueren Blick auf die Performance der Webseite werfen. Denn Auskünfte wie Anzahl User, zahlende Leser, Zugriffsdaten, das alles übergehen Somm und sein Geschäftsführer mit Schweigen.

Inhalt ist nicht so, wie sieht’s bei der Technik aus?

Leider geruhte der Hersteller der Webseite nicht, der gleichzeitig auch auch Geschäftsführer und bislang erfolgloser Werbeverkäufer ist, auf unsere höflich gestellten Fragen zu antworten. Ein bei IT-Menschen nicht unbekanntes Phänomen. Wie bei Christian Fehrlin steht häufig die Arroganz in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Kompetenz.

Da ich meine Grenzen kenne, bat ich zwei Fachleute, der eine mehr für den Maschinenraum einer Webseite, der andere mehr für Digital Marketing und so zuständig, sich das Werk «nebelspalter.ch» mal genauer anzuschauen, so weit das von aussen möglich ist.

Man könnte natürlich auch tiefer einsteigen, aber das wäre nicht ganz legal. Obwohl bei dieser Webseite recht problemlos möglich, denn sie wurde von Stümpern gebastelt.

Offensichtlich verwendet sie ein proprietäres CMS. Also eine Eigenkonstruktion des Hauses «deep-impact», das rein zufällig auch Fehrlin gehört. Davon hat in der Branche eigentlich bislang kaum einer was gehört. Aber ein Content Management System – sozusagen der Kern jeder Webseite – von Marke Eigenbau zu verwenden, hat heutzutage eigentlich nur noch Nachteile und keine Vorteile.

Multiple Abhängigkeiten bei unsicherer Zukunft

Die Klarsicht AG, also der Herausgeber des «Nebelspalter», ist von Fehrlin und seiner Bude abhängig. Sowohl, was dessen Honorar betrifft, wie auch durch die Hoffnung, dass es ihm und seiner Webagentur noch lange gutgehen solle. Denn macht sie das, was bei Webagenturen nicht wirklich die absolute Ausnahme ist, nämlich die Schraube oder fusioniert, dann könnte das CMS schnell mal am Ende sein.

Das haben schon grössere Firmen mit viel grösseren Kunden versucht, mussten aber einsehen, dass das ständig nötige Upgrading angesichts ständig neuer Entwicklungen im Internet schlichtweg finanziell nicht zu stemmen ist. Ausser vielleicht, man hat finanzkräftige, von einem abhängige Mandanten …

Nebenbei wird der das Schweizerische betonende «Nebelspalter» bei Amazon gehostet, also in Irland. Muss nicht falsch sein, ist vor allem billiger als nationale Lösungen. Dann kommen wir noch zu handwerklichen Fehlern auf Anfängerniveau.

Fehler, Fehler, Fehler

Die Webseite hat kein Cookie-Banner, was nach den Datenschutzgesetzen eigentlich obligatorisch sein müsste. Beim Abonnieren des Newsletters gibt es kein «Double-Opt-In»-Verfahren. Das heisst auf Deutsch, dass hier jeder, wie beim Registrieren übrigens auch, jedem den NL auf seine E-Mail-Adresse schicken kann. An einen, an 100, an 1000.

Dann wird’s ziemlich technisch: die Google Mobile Speed, also die Zeit, die zwischen Zugriff und Antwort der Webseite vergeht, ist viel zu lahmarschig. Was bedeutet, dass vor allem jüngere User mit sehr kurzer Aufmerksamkeitsspanne schnell mal weg sind.

Schliesslich, was ja für eine Webseite, die Geld verdienen will, nicht ganz unwichtig ist; als Zahlungsmittel sind lediglich Kreditkarten zugelassen. So wie das in den Anfängen des Internets Brauch war. Seither hat sich da aber ein kleines Bitzeli was geändert.

Zu schlechter Letzt, wie steht es eigentlich mit der Sicherheit der Webseite? Geht so, kann man sagen, geht so.

Performance, Barrierefreiheit, Indexierung, Tags? Konstruiert wie in der Steinzeit

Auch dem die Webseite mehr nach Performance für den User anschauenden Fachmann fiel nicht viel Lobenswertes auf. Zunächst die lahmarschige Performance, die vor allem mobil auffällig ist. Barrierefreiheit ist ebenfalls ein Fremdwort für den «Nebelspalter», also grössere Schrift, vorlesen, etc. Auch der Kontrast der Seitendarstellung lässt zu wünschen übrig.

Schlechte Klassifikation, schlechte Indexierung, schlechte Übertragung des Inhalts auf Facebook, Tags für die Bildsteuerung fehlen, keine saubere Einhaltung der Hierarchien von H1 bis H5. Gesamtergebnis: «Charme eines Wühltischs».

Es sieht also ganz danach aus, als ob die Herren Verwaltungsräte, allesamt nicht wirklich per du mit dem Internet, hier schwer daneben gegriffen haben. Aber wenn man Geld hat, lässt sich das korrigieren. Weg mit diesem CMS, hin zum markbeherrschenden Open-Source-CMS, dann noch einen IT-Crack, der weiss, wovon er redet, und schon flutscht das besser. Und Fehrlin? Vielleicht hat er tatsächlich Fähigkeiten in der Buchhaltung, könnte ja sein.

Opfer Salome Müller

Sie hat zusammen mit Aleksandra Hiltmann das Protestschreiben der Tamedia-Frauen verfasst. Was hat sie sonst so gemacht?

Laut den Unterzeichnern des Protestschreibens werden Frauen bei Tamedia übel behandelt. Sexismus, Diskriminierung, Demotivierung, fehlende Wertschätzung und Anstand. Wie wirkt sich denn dieses Arbeitsklima auf die Redaktorin Salome Müller aus?

Um nicht in Gefahr zu geraten, machomässig Inhalte zu kritisieren, schauen wir uns den übrigen Output von Müller quantitativ an. In den letzten sechs Monaten, zum Beispiel.

Daraus kann man sicher ermessen, wie sehr Müller persönlich unter diesen «demotivierenden» Arbeitsverhältnissen leidet. Oder anders gefragt, was hat Tamedia für rund 50’000 Franken (Lohn plus Arbeitnehmeranteile, Arbeitsplatz, Spesen) bekommen?

Opfer Müller (Bild Stadtblog Tages-Anzeiger).

Insgesamt 32 Stücke aus der Feder von Müller. Davon 8 Kommentare, 7 mal war Müller Co-Autorin. Bleiben also 17 eigene Artikel. Wenn man alle nimmt, dann hat Müller 5,3 Artikel pro Monat geschrieben. Ziemlich viel Geld wofür?

Themen für Anfänger

Es fällt auf, dass Müller sich gerne Themen annimmt, die als erste Übungen für angehende Journalisten beliebt sind. «Grab der Einsamen» über Verstorbene ohne Hinterbliebene. Ein Rilke-Gedicht. Über die erste Astronautin, die zum Mars möchte. Über die Schauspielerin Sabina Schneebeli, die in einem Altersheim arbeitet. Oder «Unterwegs im vorweihnachtlichen Zürich».

Gewalt in Beziehungen, die erste Nationalrätin, Emma Corrin als Lady Di in «The Crown», die tätowierte neuseeländische Aussenministerin, Ergebnisse der Umfrage «Was Frauen wollen», das ist so etwa das Themenspektrum von Müller. Die Stücke ähneln Schulaufsätzen einer bemühten Schülerin, die mangelnde Fähigkeit durch Fleiss und Gesinnung ausgleichen möchte.

Natürlich äussert sie sich auch zum Verhüllungsverbot, über «Frauen in der Politik», besucht die Umweltschutz-Besetzer eines Hügels in der Waadt, die nach ihrem Abgang einen unglaublichen Haufen Müll hinterliessen. Und verantwortet den tägliche Newsletter zusammen mit einem Kollegen, wo sie männliche Leser durch ihre Anredemarotten zur Weissglut treibt. Den die erkennen sich beim besten Willen nicht unter den «Liebe Leserinnen*», an die sich Müller wendet.

Natürlich von aussen betrachtet und ohne nähere Kenntnisse, welchen täglichen Belästigungen, Übergriffen, Diskriminierung, Sexismus und Spott wegen ihrer Sternchenmarotte sich Müller ausgesetzt sieht: schwierig, hier Missbrauch und Unterdrückung zu erkennen.

Im Schnitt ein Artikel pro Woche

Das ist natürlich die männliche Perspektive, die sicherlich nicht in der Lage ist, viele weibliche Aspekte zu berücksichtigen. Aber: Eine Journalistin, die im Schnitt einen Artikel pro Woche rauspustet, wenn man Kommentare und Co-Autorenschaft weglässt, die muss schon auf hohem Niveau jammern.

Ausserdem kann sie sich offensichtlich die Themen selbst aussuchen, wenn sie der «Gewalt in jeder zweiten Paarbeziehung» nachgeht, treibt sie eine Jugendliche auf, die erzählt. Wenn sie die Besetzer in der Waadt besucht, nimmt sie sich Zeit. Ebenso, wenn sie das Schicksal eines jugendlichen Asylsuchenden nachzeichnet.

Ein bunter Strauss von Themen, schwergewichtig natürlich Frauenthemen. Während die Schlagzahl für viele Redaktoren heutzutage so aussieht, dass sie mindestens ein, zwei Online-Meldungen plus mindestens einen Artikel absondern sollten – pro Tag, versteht sich – erscheint ein eigener Artikel pro Woche doch geradezu paradiesisch.

Beschäftigungstherapie für Müller?

So paradiesisch, dass offenbar als Beschäftigungstherapie die halbe Betreuung des Newsletters draufgeschnallt wurde. Es kann nun sein, dass Müller Bedenken kamen, ob sie dieser plötzlichen und zusätzlichen Belastung überhaupt gewachsen wäre.

Immerhin mindestens drei der anonymen Beispiele, wie schlimm Frauen bei Tamedia behandelt werden, stammen offenbar von ihr. Mit dieser Protestnote hat sie zumindest eines erreicht: unabhängig von ihrer Leistung ist sie nun praktisch unkündbar. Wo sich allerdings ihr gegenüber Sexismus äussern soll, vielleicht abgesehen von der völlig berechtigten Gegenwehr gegen ihr absurdes Gendersternchen, ist nicht erkennbar.

Obwohl sie mit Kollegin und Co-Autorin Aleksandra Hiltmann sogar zu einer der beiden Sprecherinnen der Tamedia-Protestierer geworden ist, unterlässt auch sie es bis heute, nur ein einziges Beispiel – konkret oder anonymisiert – zu schildern, als sie persönlich als Frau diskriminiert wurde.

Offener Brief an die 78 Erstunterzeichner des Protests

Über 100 Journalistinnen bekamen insgesamt diese zweite Anfrage von mir. Aber wie bei der ersten ist die Antwort Schweigen. Tiefes Schweigen. Abgesehen von ein paar Abwesenheitsmeldungen und von der immerhin höflichen Antwort zweier Protest-Frauen, dass sie nicht antworten wollen. Ist das peinlich? Ist das dämlich? Und wie.

Sehr geehrte Damen (falls ich Sie unter diesem Begriff subsummieren darf)

Sie haben für Ihre Beschwerde den Weg an die Öffentlichkeit gewählt, sich aber bislang jeder Bitte um Stellungnahme verweigert. Ich hatte Sie vor der Publikation meines Artikels über diesen Vorfall alle dazu eingeladen, plus Jolanda Spiess-Hegglin und Philipp Loser.

Antwort (ausser den üblichen Abwesenheitsmails): null. Das ist etwas mager. Deshalb versuche ich es nun mit einem genauso öffentlichen Brief an Sie. Wenn ich das richtig verstehe, erwarten Sie auf Ihr Schreiben auch eine Antwort – so wie ich.

Sie haben klare Ansichten und Meinungen, ich habe nur Fragen.

Die einfach zu beantwortenden Fragen:

  1. Wenn Sie in einer verantwortlichen Stelle wären (und teilweise auch sind, trotz Ihrer Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Arbeitgeber): Ein Redaktor (m/w/d) legt Ihnen ein Manuskript zur Beurteilung vor. Es beinhaltet gravierende Vorwürfe gegen ein Unternehmen, und zwar bezüglich Behandlung der Mitarbeiter. Es ist von einer unerträglichen, demotivierenden Arbeitsatmosphäre die Rede. Zum Beleg für diese Kritik sind rund 60 einzelne Vorwürfe aufgelistet. Alle anonymisiert, ohne Zeit- oder Ortsangabe, ohne Stellungnahme derjenigen, die hier für ihr Verhalten kritisiert werden.

Frage: Würden Sie dieses Manuskript zur Veröffentlichung freigeben?

Zweite Frage: Wenn ja, würden Sie es als frauenfeindlichen Akt empfinden, wenn Sie wegen Inkompetenz abgemahnt würden?

  1. Angenommen, Sie sind die Initiantin eines solchen Schreibens, das Sie intern in die Runde geben, mit der Bitte, es mitzuunterzeichnen und eigene Erlebnisse zu schildern, die dann anonymisiert würden. Sie erläutern dazu, dass das ein interner Protestbrief zuhanden der Geschäftsleitung und der Chefredaktionen sei, als Denkanstoss gemeint, als Aufforderung, dieses Problem endlich ernst zu nehmen und im Dialog Lösungen zu suchen.

Frage: Was würden Sie dazu sagen, wenn dieses Schreiben an die Öffentlichkeit gelangt, zudem noch über Jolanda Spiess-Hegglin?

Zweite Frage: Wenn Sie als Initiantin das nicht selber eingefädelt hätten, wie würden Sie darauf reagieren?

  1. Es gibt Erstunterzeichnerinnen, die mit der Veröffentlichung nicht einverstanden sind und auch nicht für ihr Einverständnis angefragt wurden. Diese sind aber bislang noch solidarisch und geben ihrem Unmut noch nicht öffentlich Ausdruck.

Frage: Was halten Sie von der flappsigen Bemerkung von Spiess-Hegglin, dass sie natürlich nicht mit allen Rücksprache genommen habe, bevor sie das Schreiben ins Netz stellte. Aber wer damit oder dadurch Probleme habe, solle sich doch einfach bei ihr melden?

Zweite Frage: Halten Sie dieses Vorgehen für anständig, höflich, ein Beispiel für Ihre Forderung, wie man miteinander umgehen sollte?

  1. Durch die Anonymisierung der Beispiele verwandeln sich konkrete Anschuldigungen in Pauschalvorwürfe gegen alle männlichen Mitarbeiter von Tamedia, da – vielleicht ausser der Autorin – niemand weiss, wer gemeint sein könnte.

Frage: Halten Sie diese Pauschalverurteilung für fair oder gerechtfertigt?

Zweite Frage: In allen Beispielen, im ganzen Protestschreiben ist der weibliche Teil immer das Opfer, der männliche immer der Täter. Halten Sie das für eine vertretbare Beschreibung des Redaktionsalltags?

  1. In dem Schreiben wird jede Art von Konflikt auf eine Gender- oder Geschlechterfrage heruntergebrochen.

Frage: Bedeutet das, dass hier sozusagen die Hauptkonfliktlinie in den Redaktionen von Tamedia verläuft?

Zweite Frage: Was können Männer machen, die sich ebenfalls diskriminiert fühlen?

  1. Es gibt weiterhin männliche Vorgesetzte, die die Qualität der Arbeit von weiblichen Untergebenen zu beurteilen haben.

Frage: Wie sollen die mit dem potenziellen Vorwurf umgehen, dass ihre Beurteilung nicht gerecht sei, sondern Ausdruck männlicher Überheblichkeit und Diskriminierung?

Zweite Frage: Wie soll sich ein Mann verhalten, der den Eindruck hat, er werde von einer weiblichen Vorgesetzten diskriminiert?

  1. Oberchefredaktor Arthur Rutishauser hat sich bereits für in dem Schreiben geschilderte Verhaltensweisen entschuldigt und sie als inakzeptabel bezeichnet. Genau wie die Geschäftsleitung und andere Chefredaktoren zeigt er sich betroffen von den geschilderten Vorfällen.

Frage: Was halten Sie von dieser Reaktion, angesichts der Tatsache, dass die Überprüfung der Vorhaltungen durch Claudia Blumer noch gar nicht begonnen hat?

Zweite Frage: Für wie kompetent halten Sie einen Chefredaktor, der ohne Faktencheck sofort die Richtigkeit von Behauptungen akzeptiert und sich entschuldigt?

  1. Innerhalb von Tamedia gibt es diverse Anlaufstellen, bei denen man sich melden kann, wenn man sich als Opfer von Mobbing, sexueller Belästigung oder allgemein ungerechtem Verhalten sieht.

Frage: Wie erklären Sie sich, dass diese Meldestellen im ganzen Jahr 2020 keine einzige solche Beschwerde erhielten, obwohl es sich laut Protest um ein strukturelles Problem handeln soll?

Zweite Frage: Wäre es nicht vielleicht sinnvoller gewesen, zuerst diesen internen Weg zu gehen, falls erfolglos, sich mit einem Schreiben an die GL zu wenden, falls erfolglos, erst dann den Weg in die Öffentlichkeit anzutreten?

  1. Bislang ist keine einzige der vielen Anschuldigungen verifiziert oder belegt worden. Keine der angefragten Unterzeichnern wollte die Frage beantworten, wie viele dieser Beispiele von ihr erlebt wurden. Claudia Blumer hat sogar explizit und öffentlich festgehalten, dass sie zwar unterzeichnet hätte, aber keines der Beispiele von ihr erlebt wurde, sie selber auch keinen ähnlichen Verhaltensweisen begegnete.

Frage: Sollte sich herausstellen, dass einige oder sogar viele dieser Beispiele nicht verifizierbar sind, Täter und/oder Opfer gar nicht mehr bei Tamedia arbeiten, welche Reaktion der Geschäftsleitung hielten Sie in diesem Fall für angemessen?

Zweite Frage: Sie haben das Protestschreiben aus Solidarität unterzeichnet, obwohl Sie selbst keine solchen Verhaltensweisen erlebten. Haben Sie immer noch Vertrauen in die Richtigkeit der Schilderung frauenfeindlicher Vorfälle?

  1. Für den Arbeitgeber gibt es diverse Verpflichtungen seinen Angestellten gegenüber. Dazu gehört auch eine Fürsorgepflicht. Der Angestellte wiederum ist nicht nur zur Ablieferung der vereinbarten Leistung verpflichtet, sondern hat auch weitere Verpflichtungen. Zum Beispiel Einhalten des Geschäftsgeheimnisses, Verhalten nach Treu und Glauben, Vermeiden von Rufschädigung.

Frage: Halten Sie die Vorwürfe für so gravierend, dass es unumgänglich ist, alle diese Verpflichtungen des Arbeitnehmers nicht einzuhalten?

Zweite Frage: Sind Sie sich bewusst, dass es für die Initiantin und auch für alle Erstunterzeichnerinnen durch dieses Verhalten eine fristlose Kündigung problemlos ausgesprochen werden könnte?

Gerne erwarte ich Ihre offenen Antworten bis Samstag, 20. März 2021, spätestens 9 Uhr – und bedanke mich im Voraus.

Sollten Sie Ihrerseits Fragen haben, gerne und jederzeit.

Dr. René Zeyer

Journalist BR

079/373 03 05

zeyer@zackbum.ch

zackbum.ch

 

 

Tiefer Frauenanteil in den Verlags-Geschäftsleitungen

In den Chefredaktionen ist der Frauenanteil sehr tief. In den Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten sieht’s kaum besser aus, wie eine Untersuchung von ZACKBUM.ch zeigt.

Am 50. Jahrestag zur Einführung des Frauenstimmrechts analysierte ZACKBUM die Situation in den Chefredaktionen der grossen Verlage. Resultat: ernüchternd. Ringier reklamierte damals, ZACKBUM habe ja «nur» die Redaktionen angeschaut. Bei der Geschäftsleitung sei man viel weiter.

Nun also die Analyse der Geschäftsleitungen, fast pünktlich zum internationalen Frauentag diese Woche.

Fangen wir mit dem grössten Verlagshaus an – wenn man den Gemischtwarenkonzern TX Group noch so nennen darf.

Die Gruppenleitung besteht aus Pietro Supino, Präsident und Verleger, aus Sandro Macciacchini, Finanzen, Personal & Investor Relations, sowie aus Samuel Hügli, Technologie & Ventures und aus Olivier Rihs. Die Chefs der einzelnen Firmen heissen Michi Frank, Marcel Kohler (20Min.), Marco Boselli (Tamedia) und Andreas Schaffner. Frauenanteil: 0 Prozent.  Im VR der TX Group hat es acht Leute, darunter mit Pascale Bruderer gerade mal eine Frau. Frauenanteil: 12,5 Prozent.

Wie sieht es bei Ringier aus?

Der VR besteht aus 9 Personen, darunter ist mit Laura Rudas genau eine Frau. Frauenanteil: 11 Prozent. Die GL mit Marc Walder als CEO hat mit Annabella Bassler, Chief Financial Officer und Ladina Heimgartner Head Global Media Ringier AG und CEO der Blick-Gruppe zwei Frauen von total fünf Mitgliedern. Macht glatte 40 Prozent Frauenanteil. Das ist nicht schlecht, ein Punkt für die Ringier-Medienstelle. Silber holt Ringier. 

Kommen wir zur NZZ-Mediengruppe.

Felix Graf, CEO; Jörg Schnyder CFO; Eric Gujer Chefredaktor «Neue Zürcher Zeitung»; Luzi Bernet, Chefredaktor «NZZ am Sonntag»; Johannes Boege, Chief Revenue Officer; Andreas Bossecker, Leiter Technologie & IT. Und die Frauen? Genau eine ist in der GL: Sigrun Albert, Leiterin Produkte. Frauenanteil: 14 Prozent.

Ist der VR anders aufgestellt? Ja, durchaus. Unter den neun Köpfen findet man immerhin drei Frauen: Lucy Küng, Carolina Müller-Möhl und Isabelle Welton. Quote: 33 Prozent. Macht Rang 3 in unserer Analyse. 

Die CH Media als Konstrukt zwischen NZZ und AZ Medien hat folgende GL: Axel Wüstmann, CEO, Dietrich Berg, Geschäftsführer Publishing, Roger Elsener, Geschäftsführer TV & Radio, Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik, Roland Kühne, Geschäftsführer Operations & Technologie, Veronika Novak, Leiterin Human Resources, Roberto Rhiner, Leiter Finanzen, CFO. Also eine Frau und erst noch in der leider klassischen Funktion HR. Frauenanteil: 14 Prozent.

Der VR ist achtköpfig. Mit dabei Sigrun Albert, wir kennen sie von der NZZ. Frauenanteil hier: 12,5 Prozent.

Die AZ Medien gibt’s auch noch. Im Familienbetrieb haben die Wanners das Sagen. Darum sitzt im 7-köpfigen VR sicher eine Frau, nämlich Peter Wanners Tochter Anna Wanner. Frauenanteil: 14,2 Prozent. Ist die GL besser aufgestellt?

Uih, nein. Die Unternehmensleitung besteht aus drei Männern.

Die Südostschweiz/Somedia ist ebenfalls ein Familienbetrieb. Auch hier gilt: Zum Glück hat Hanspeter Lebrument eine Tochter. Dank Susanne Lebrument besteht die Unternehmensleitung mit sechs Leuten nicht nur aus Männern. Frauenanteil: 16,6 Prozent.

Und sonst? Wie bei den äusserst seltenen weiblichen CEO’s generell in der Wirtschaft ist es die Familie Blocher, die hier positiv aus dem Rahmen fällt. Magdalena Martullo-Blocher ist Chefin des Ems-Chemie-Konzerns, Rahel Blocher (42) bei der Zeitungshaus AG, die aus der BaZ Holding AG hervorging, sowie bei der Swiss Regiomedia AG.  Der Verlag gibt 25 Gratis-Wochenzeitungen in der Ost- und Zentralschweiz sowie in den Kantonen Aargau, Bern, Solothurn und Zürich heraus und erreicht damit über eine Million Leserinnen und Leser. Dazu gehört auch das Tagblatt der Stadt Zürich als Flaggschiff. Hier ist mit Lucia Eppmann eine Frau Chefredaktorin und Verlagsleiterin. Rang 1 für den Gratis-Grossverlag.

Knatsch zwischen Personalkommission und Tamedia

Es war zu erwarten. Die Vorstellungen liegen «weit auseinander».

Das «Berner Modell» mit den beiden Tamedia-Zeitungen «Berner Zeitung» und «Bund» ist bald Geschichte. Nach Inland, Ausland, Wirtschaft und Sport werden ab April 2021 auch der Lokalbund, regionale Kultur, Berichte über Berner Sportvereine und die lokale Wirtschaft zentral produziert. Unterschieden wird grosso modo nur noch die Titelseite. Etwas, was seit Anfang Jahr schon die Bündner Zeitung und das Bündner Tagblatt praktizieren. Eine ähnliche Fusion – vorerst im Regionalen – kommt sehr bald auch bei den Tamedia-Zeitungen im Grossraum Zürich: Tages-Anzeiger, Landbote, Zürichsee-Zeitung und Zürcher Unterländer legen ihre Regionalredaktionen zusammen. Dass es Entlassungen geben wird, ist ein offenes Geheimnis, auch wenn das der neue «Regio-Chefredaktor» Benjamin Geiger kürzlich im SRF-Medientalk etwas kleinreden wollte.

Sozialplan kommt, das spricht für eine Massenentlassung

Tamedia bestätigt nun gegenüber ZACKBUM: «Der Sozialplan wird bei allen betroffenen Mitarbeitenden zur Anwendung kommen.» Sprich: Es wird einen Sozialplan geben. Kenner sind überzeugt, dass Tamedia, respektive die TX Group unter Pietro Supino, nur dann eine soziale Ader entwickeln, wenn es nicht anders geht. Und das bedeutet Folgendes: Bei Entlassungen kommt nur dann eine gesetzliche Sozialplanpflicht zur Anwendung, wenn der «Arbeitgeber ab einer Grösse von 250 Arbeitnehmern innert 30 Tagen mindestens 30 Arbeitnehmern aus Gründen kündigt, die in keinem Zusammenhang mit ihrer Person stehen».

Auch wenn Tamedia immer etwas anderes zu sagen versucht: Es steht ein Kahlschlag bevor.

Zackbum weiss gemäss einem internen Schreiben: Momentan geht’s bei den Verhandlungen der Personalkommission mit Tamedia «konkret um die Höhe der Leistungen, also um Abgangsentschädigungen und Unterstützungen bei der Frühpensionierung». Dabei seien bei den bisherigen Verhandlungen einzelne Verbesserungen erreicht worden. Trotzdem «liegen die Vorstellungen der Arbeitgeberin und Mitarbeiter noch weit auseinander».

Es gebe sogar einen Dissens über das grundsätzliche Konzept eines Sozialplans.

Wenn es so weitergeht, will man innerhalb der Belegschaft eine Umfrage machen, was die Position der Tamedia wohl nicht stärken wird. Vor allem, wenn die Resultate des Stimmungsbarometers nach aussen dringen. Ziel sei nach wie vor,  «innert nützlicher Frist einen unterschriftsreifen Sozialplan zu haben. Wir sind aber noch mehr daran interessiert, einen Sozialplan zu erreichen, der diesen Namen verdient», so der Wortlaut der Peko im Schreiben.

Laut Mediensprecherin Nicole Bänninger (sie ist auch stellvertretende TX-Group-Konzernsprecherin) will sich Tamedia (noch) nicht in die Karten blicken lassen.

Den überschaubaren Fragenkatalog von ZACKBUM.ch beantwortet Bänninger «thematisch zusammengenommen», wie sie schreibt.

Wissen Sie schon, wieviele Stellenprozente wegfallen in Zusammenhang mit der Fusion BZ und Bund, sowie Regionalredaktion Tagi/ Landbote/ ZSZ und Zürcher Unterländer? Wie ist der Zeitplan des Abbaus?
Dazu können wir noch keine Aussage machen. Wir versuchen, notwendige personelle Massnahmen soweit wie möglich über Fluktuation, interne Verschiebungen oder andere Anschlusslösungen zu vollziehen. Für die von einer Kündigungen betroffenen Mitarbeitenden kommt ein übergreifender Sozialplan zur Anwendung.

Wie beurteilen Sie die Verhandlungen mit dem Personal in dieser Causa? Bis wann rechnen Sie damit, dass ein Sozialplan steht? Gibt es schon Details, wie hoch sich die Abgangsentschädigungen und die finanziellen Unterstützungen bei Frühpensionierungen belaufen?  
Es finden regelmässige Verhandlungssitzungen mit der Personalkommission statt. Der Austausch ist vorwiegend konstruktiv, es liegt jedoch in der Sache der Natur, dass die Vorstellungen zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgeberin nicht immer identisch sind. Es geht uns nicht primär darum, die Verhandlungen so rasch wie möglich abzuschliessen, sondern die von einem Stellenabbau betroffenen Mitarbeitenden mit einem guten Sozialplan bestmöglich unterstützen. Inhaltliche Details können wir vor Abschluss der Verhandlungen nicht geben. Der Sozialplan wird bei allen betroffenen Mitarbeitenden zur Anwendung kommen.

Honi soit …

… qui mal y pense. Aber muss man beschämt sein, wenn man schlecht über die NZZ denkt?


Es ist nicht bekannt, ob der NZZ-Chefredaktor Erik Gujer Träger des Hosenbandordens ist. Aber dieser Devise scheint er nachzuleben.

Die Franzosen haben’s erfunden, die Engländer angewendet.

Es begab sich nämlich und trug sich zu: Herr und Frau Gujer mögen ein Hotel bei Dornbirn namens Rickatschwende. Das ist weder anrüchig noch verboten. Der genaue Name des lauschigen Luxushotels ist «F.X. Mayr Health Retreat». Denn nach der weiterentwickelten Methode von Mayr wird hier auch eine Fastenkur angeboten. Für schlappe 3778 Euro aufwärts pro Nase kann man sich eine zweiwöchige «Auszeit für die ganzheitliche Regeneration von Körper, Geist und Seele» gönnen.

Portemonnaie und Körper fühlen sich erleichtert.

Verständlich, dass der Chefredaktor der immer noch bedeutendsten Zeitung der Schweiz, mit Expansionsgelüsten nach Deutschland und gebeutelt vom Werberückgang, ab und an genau das braucht. Verständlich, dass das auch seine Gattin braucht. Die war schon einige Male in diesem Hotel, allerdings nicht im Mayr-Programm, aber dann probierte sie es aus – und war begeistert.

Wer kann dem schon widerstehen? (Screenshots Hotel-Homepage.)

Gerne schildert Gujer seine Erfahrungen

Gerne schildert das Gujer in aller Ausführlichkeit in einem Interview. Frage: War das Ihr erstes Mal? «Ja, es war das erste Mal, auch wenn meine Frau und ich schon öfters in der Rickatschwende waren, allerdings im Nicht-Kurbetrieb, einfach um die Ruhe dort zu genießen. Wie so oft sind es die Frauen, die mutiger sind, also hat meine Frau zuerst eine solche Kur absolviert.

Sie kam recht begeistert zurück, also beschloss ich, es auch einmal zu versuchen.»

Woher das die Weltöffentlichkeit weiss? Nun, ein deutlich tiefenentspannter Gujer verrät das «Mayr», dem Hausmagazin des Hotels:

Ein fastender Chefredaktor ohne Leidensmiene.

Als Berufsinsignien vor sich die NZZ und – erstaunlich – die Süddeutsche; vielleicht war gerade keine FAZ zur Hand. Neckisch ragen aus der Tasse die Blätter eines Pfefferminzstengels, denn gesund ist’s hier.

Auch das könnte man noch als lässliche Sünde sehen, halt etwas eitel, der Herr, und wenn man schon mit österreichischem Charme fragt, wer kann da widerstehen. Ausserdem darf er natürlich auch gewichtige Worte zu Mensch und Werk äussern.

Das Leben ist nicht nur ein Fluss, sondern auch voller Zufälle

Es begab sich auch und trug sich ebenfalls zu, dass in der Samstagausgabe der NZZ vom 13. Februar 2021 ein ganzseitiges Interview mit dem «Kurarzt Wolfgang Moosburger» erschien. Genauer: mit dem «Chefarzt im Rickatschwende F. X. Mayr Health Retreat». Interviewerin ist Claudia Schwartz, die im Ressort Gesellschaft auch die vorherige Seite füllt. Mit einem Bericht über «Viel mehr als nichts essen». Besonders, was sie ausdrücklich und lobend erwähnt, im Selbstversuch ausprobiert im Hotel Rickatschwende.

Zufälle aber auch. Denn zufällig ist Schwartz die Gattin von Gujer. Wir fassen also zusammen. Familie Gujer hat schon einige Male geruhsame Ferien in einem Hotel verbracht. Auf Anregung seiner Gattin lässt sich Gujer auch zu einer Zweiwochenkur überreden (weniger bringt nichts, meint er im Interview). Davon so begeistert, gewährt er dem Hotel-Blog gnädig ein Interview. Nach der Devise: Sie werden nicht mit ekligen Fragen belästigt, dafür sagen Sie nur nette Sachen über uns.

Dann erscheint ein Zweiseiten-Stück in der NZZ, bei dem das Interview mit dem Chefarzt auch in diesem Geist geführt wird. Eingeleitet von einem Artikel, der die Kur, die Methode und das Hotel in den höchsten Tönen lobt. Geschrieben von der Gattin Gujers. Selbst wenn man nicht im Traum daran denkt, dass sich Familie Gujer so eine Rechnung für den Aufenthalt erspart hat (obwohl das doch so rund 8800 Franken gewesen sein dürften): hat das ein Geschmäckle oder nicht? In der NZZ? Er Chefredaktor, gewährt Interview im Hotelblog, sie seine Gattin, schreibt in der NZZ über eben dieses Hotel?

Wie du mir, so ich dir.

Es antwortet die NZZ-Kommunikationsverantwortliche

Die entsprechenden Fragen leitet da Ehepaar Gujer an die Kommunikationsverantwortliche weiter. Zunächst sei dieser Beitrag der Abschluss «einer Reihe zum Thema Ernährung». «Basierend auf einer persönlichen Erfahrung während eines (selbstverständlich selbst berappten) Ferienaufenthaltes beschreibt Frau Schwartz darin die F.-X.-Mayr-Kur.» Wie schon eine andere Autorin vor ihr habe Schwartz eben einen persönlichen Erfahrungsbericht geliefert, was die Erwähnung von anderen Hotels mit diesem Angebot ausschliesse. Es handle sich «entsprechend nicht um einen gesponserten Tourismus-Artikel».

Das Interview mit Gujer sei davon völlig unabhängig und auf Anfrage der Hotelleitung entstanden. Es sei Teil einer Reihe, wo «Persönlichkeiten, die in Jobs mit hohem Stressfaktor tätig sind, zu ihrem Umgang damit befragt werden».

Vor Gujer waren das der weltbekannte Schauspieler Sebastian Koch und der längst vergangene «Zukunftsforscher» Matthias Horx. Nun, da ist das Niveau mit Herrn Gujer aber gewaltig gestiegen.

Beantworten, was nicht gefragt wurde

Natürlich: «In keinem dieser Fälle ging es um «Gegengeschäfte».» Hat auch niemand behauptet. Das ist die übliche Masche; man beantwortet eine Frage, die gar nicht gestellt wurde, um einer gestellten Frage auszuweichen. Die lautete, ob man all das in der NZZ für statthaft halte, eine weitere: «Wir wissen wohl alle, dass nicht nur das Tatsächliche, sondern auch der Anschein eine wichtige Rolle spielt; vor allem, was die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit einer redaktionellen Berichterstattung betrifft. Glauben Sie, dass dieser Anschein hier gewahrt wurde?»

Fast kongenial antwortet der Geschäftsführer des Hotels in diesem Sinne: «Für Fragen zur Berichterstattung der Neuen Zürcher Zeitung wenden Sie sich bitte direkt an die NZZ.» Was ich getan habe, aber meine fünf unbeantworteten Fragen ans Hotel hatten damit nichts zu tun.

Honi soit qui mal y pense, kann man da nur sagen. Alles normal, alles legal, alles in Ordnung. Kann man so sehen. Muss man nicht so sehen, denn oberhalb des klar Verwerflichen gibt es auch noch Grauzonen. Mit denen die NZZ kein Problem zu haben scheint. Als grosser Aufreger wird im Lead des Gujer-Interviews «schon zu Beginn verraten: Er hält sich nicht für unabkömmlich». Gut zu wissen.

 

 

 

Schweizer Grossverlage fest in Männerhand

Chefredaktorinnen sind auch 50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts eine exotische Spezies.

Sonntag, 7. Februar 1971 – vor genau 50 Jahren stimmten die Schweizer Männer für die Einführung des Stimm- und Wahlrechts  auch für Frauen. Natürlich ein prägendes Thema in den Medien. Doch einen Aspekt fand man nirgends. Wie halten es die Schweizer Medienhäuser eigentlich mit den Chefinnen bei den Redaktionen? Wo sitzen Frauen auf dem Newsroom-Chefsesseln und nicht nur im Assistenz-Zimmer? ZACKBUM.ch, selber ein reines Männertrio, aber immerhin als Kollektiv geführt, hat die Situation analysiert.

Fangen wir mit dem umsatzstärksten Medienunternehmen der Schweiz an. Bei der börsenkotierten TX Group AG.

Tamedia: Priska Amstutz erst in dritter Führungsebene

Chefredaktor der zur TX Group gehörenden Tamedia und somit der Tages-Anzeiger-Mantelredaktion und der Sonntags-Zeitung ist Arthur Ruthishauser. Was kompliziert tönt, ist recht einfach. Ein Mann, ein Chef.
Leiter der Regionalteile des Tages-Anzeigers, des Landboten, der Zürichsee-Zeitung und des Zürcher Unterländers ist nun Benjamin Geiger. Erst dann und eine Führungsstufe tiefer kommt eine Frau und erst noch in Co-Leitung; Priska Amstutz, zusammen mit Mario Stäuble. Bei der Berner Zeitung heisst das Geiger-Pendant Simon Bärtschi, beim Bund Patrick Feuz, bei der Basler Zeitung Marcel Rohr. Fazit: Beim sich oft linksliberalfortschrittlich gebenden Titel ist der Frauenanteil ganz oben eine Enttäuschung.

Wie sieht’s bei den anderen Titeln der TX Group aus? CR bei der Finanz und Wirtschaft: Jan Schwalbe. Immerhin: Bei Le Matin Dimanche ist Ariane Dayer Chefredaktorin. Bei der Tageszeitung «24 heures» teilt sie sich den Job aber mit Claude Ansermoz.

Auch zur TX Group gehört 20 Minuten. Hier ist Gaudenz Looser am Ruder. Bei der französisch- und der italienischsprachigen Ausgabe sind auch Männer Chefredaktoren. Als Stv. nach Lorenz Hanselmann beim Pendlerblatt-Hauptsitz in Zürich ist noch Désirée Pomper aufgeführt.

Dass bei der Vermarkterfirma Goldbachmedien mit Michael Frank ein Mann CEO ist – wohl nur eine Randnotiz.

Seit 2019 nicht mehr zur TX Group AG gehört die «Annabelle». Nach Lisa Feldmann (2004–2013) war Silvia Binggeli von 2013 bis 2019 Chefredaktorin.

Ringier: Bei den Chefredaktionen eine Männerdomäne

Das Familienunternehmen Ringier AG hat mit Ellen Ringier in der Verlegerfamilie eine prominente Stimme der Frauen. Bei der Frauenquote in redaktionellen Chefetagen schlägt sich das nicht unbedingt nieder.

Dabei lief eine Zeitlang alles recht gut. Andrea Bleicher, Kurzzeit-Chefredaktorin des Blicks 2013 holte damals viele Frauen in Führungspositionen. Die meisten mussten nach ihrem Abgang wieder gehen, wie sie später in einem Doppelpunkt-Interview bei Roger Schawinski sagte.

Zurück zum Heute: Konzernchef ist der ehemalige Journalist Marc Walder. CR der Blick-Gruppe ist der nebenberufliche Buschauffeur Christian Dorer. Dann kommen verschiedene Unterchefs, Andreas Dietrich (Blick) und Gieri Cavelti (Sonntags-Blick). Jetzt erst wird mit Katia Murmann eine erste Chefin aufgeführt, von blick.ch und mit dem Titel «Leiterin Digital». Seit März 2020 ist sie immerhin noch Verwaltungsratspräsidentin von SMD/swissdox, der Mediendatenbank für Journalisten. Und Steffi Buchli, die neue Sportchefin? Die Powerfrau ist, wenn man so will, durchaus Sport-Chefredaktorin. Oder aber einfach Ressortleiterin. Sie muss berichten an Andreas Dietrich und Gieri Cavelti, sowie übergeordnet an Christian Dorer…

Die Frauenzeitschrift in männlicher Hand

Weiter im Boulevard. Bei der Glückpost ist Leo Lüthy Chef. Früher war dort Béatrice Zollinger Chefredaktorin. Sie sagte mal: «Als Frau versteht man schon besser, was andere Frauen wollen». Lüthy macht seinen Job aber (auch) gut. Beim TV-Heftli Tele ist Gion Stecher CR, Chefredaktor Schweizer LandLiebe ist André Frensch. Bei der legendären ehemaligen Geldkuh SI (Schweizer Illustrierte) gibt’s eine Co-Leitung älter/jünger: Werner De Schepper und Nina Siegrist. In der Romandie hat es kürzlich Rochaden gegeben. Michel Jeanneret ist nicht mehr CR von I`illustre, sondern Chefredaktor von BLICK Romandie. L`ilustre wird neu von Stephane Benoit Godet verantwortet.

Beim eingestellten SI-Style fallen völlig veraltete Wikipediaeinträge auf, wie auch beim verblichenen «Blick am Abend». Aber das nur am Rande. Auch nicht mehr bei Ringier ist «le Temps». Dabei wäre dieser Titel für die Ehrenrettung gedacht gewesen. Denn dort ist Madeleine von Holzen Chefin.

Beobachter und Bilanz ohne Frauenleitung

Bei RASCH, einem Konstrukt zwischen Ringier und Axel Springer Schweiz AG, gibt’s auch noch einige Titel. Sieht’s dort besser aus? Nein. Beim Beobachter ist Andres Büchi Chef, er übergibt altershalber im Mai 2021 an – einen Mann, an Dominique Strebel. Und da wäre noch die Bilanz. Dort heisst der Chefredaktor Dirk Schütz. Die, ja Bilanz,  von Ringier und Axel Springer Schweiz ist eindeutig. Fast nur Männer sind Chefredaktoren. Frauen, leider unter ferner liefen.

Die NZZ an der Falkenstrasse 

Keine Frage. Bei der NZZ läuft alles wie immer. Eric Gujer ist Chefredaktor. Alle seine Vorgänger seit 1780 waren ebenfalls männlich. Die NZZ am Sonntag: hier heisst der Chefredaktor Luzi Bernet. Beim Folio war bis Januar 2021 Christina Neuhaus Chefin. Sie wurde Inlandchefin der NZZ. Neu ist Aline Wanner (nicht mit den AZ-Wanners verwandt) zuständig. Das ideale Stichwort…

CH Media

Seit dem Zusammenschluss NZZ/ AZ Medien (CH Media) ist Pascal Hollenstein als «Leiter Publizistik» so eine Art Superchefredaktor. Patrik Müller ist Chefredaktor der Schweiz am Wochenende, der ehemaligen Sonntags-Zeitung der AZ-Medien, die jetzt samstags rauskommt, immerhin mit 26 Regionalausgaben.

Bei der Aargauer Zeitung mit ebenfalls einigen Regionalausgaben ist Rolf Cavalli Chef. Als Stichprobe, ob sich das mit der Männerdominanz auch hier durchzieht: Bei der Limmatal-Zeitung steht David Egger als Regionalchef im Impressum, beim St. Galler Tagblatt Stefan Schmid. Doch herrscht nicht ein bisschen Morgenröte? Anna Wanner, Tochter des Eigners Peter Wanner, ist schon mal Co-Ressortleiterin Inland und Bundeshaus bei CH Media.

Zur CH Media gehört auch eine Reihe von Radios. Hier ist der Geschäftsführer Florian Wanner, Sohn von Eigner Peter Wanner. Weiter unten in den Organigrammen kommen dann zum Teil schon Frauen vor, bei Radio 24 etwa Programmchefin Giulia Cresta, bei Radio Argovia Andrea Moser (Leiterin Programmgestaltung). Das Sagen haben aber ausnahmslos Männer.

Bei TeleZüri, TeleBärn, Tele M1, tvo und Tele 1 heisst der Chefredaktor Oliver Steffen.

Nicht zu CH Media gehört das Millionengrab watson.ch. Es ist immer noch bei den AZ Medien: Da ist Maurice Thiriet Chef. Seine Videos, wo er Mitarbeitende «ironisch» herunterputzt, sind legendär. Doch weiter zu einem weiteren Familienunternehmen.

Somedia, Herausgeber des «Alpenblicks»

Im Clan der Familie Lebrument hat’s eine Tochter, Susanne Lebrument. Sie ist jetzt noch mehr in der Minderheit, seit Martina Fehr den Chefredaktorsessel verlassen und als Chefin zum MAZ gewechselt hat.  Leiter der «Medienfamilie» (inkl. Radio und TV Südostschweiz) ist nämlich Reto Furter, Philipp Wyss ist neu Chefredaktor Online/Zeitung. Und Susanne Lebrument? Die MAZ-Absolventin ist Delegierte des Verwaltungsrates der Somedia-Gruppe. Immerhin.

Die Heftli von Coop, Migros und TCS

Bis jetzt ist das Resultat aus Frauensicht ernüchternd. Wird’s bei den grossen Gratiswochenblättern besser? Fehlanzeige. Die Coop-Zeitung, der Auflagenprimus mit über 1,8 Millionen Exemplaren, wird vom Chefredaktor Silvan Grütter geleitet, das Migros-Magazin von Franz Ermel. Hier gibt’s aber zusätzlich eine «publizistische Leitung: Sarah Kreienbühl». Die Auflagen-Nr. 3, das Heftli des Touring Clubs Schweiz, wird von Felix Maurhofer geführt.

Was gibt’s noch für erwähnenswerte Medien mit Frauen als Chefs?

Das ist leider kurz erzählt. Nau.ch: Micha Zbinden, Republik.ch: Christof Moser, zentralplus.ch: Christian Hug, ostschweiz.ch: Marcel Baumgartner und Stefan Millius.

Sind wenigstens die linken Zeitungen ausgewogener?

Erstaunlicherweise nein. Die Schaffhauser AZ wird von einem männlichen Duo geleitet: Mattias Greuter und Marlon Rusch. Aber die WoZ? Hier sind es Kaspar Surber und Yves Wegelin, die sich die Redaktionsleitung teilen. Quoten scheint’s keine zu geben.

Dass die Weltwoche mit Roger Köppel als Chefredaktor, Verleger und offiziell Besitzer nicht anders tickt, versteht sich von selbst.

SRG und SRF: Das Sagen hat am Schluss mit Gilles Marchand ein Mann

Und der parastaatliche Betrieb, die SRG? Dort ist Gilles Marchand «Unternehmenschef», der bei der Aufarbeitung von Frauenfragen bekanntlich ein besonderes Sensorium hat. Ihm unterstellt sind die sogenannten «Unternehmenseinheiten», so SRF und Swissinfo. Nathalie Wappler ist seit März 2019 Chefin von SRF, so genannte Intendantin. Weil sie alles zu verantworten hat, ist sie durchaus eine Art Chefredaktorin. Obwohl, offiziell Chefredaktor von SRF ist ein Mann, Tristan Brenn. Bei Swissinfo heisst die Chefredaktion Larissa M. Bieler.

Eine ernüchternde Bilanz, die aber die Wirtschaft wiederspiegelt

Fazit dieser Fleissarbeit: Gefühlt 98 Prozent der Chefredaktoren der grösseren Medien in der Schweiz sind Männer. Eine Quote, die etwa gleich ist wie vor 50 Jahren. Obwohl heute bei den Journalismus-Ausbildungen die Frauen oft in der Mehrheit sind. Immerhin liegt der Medienzirkus im Mittel der Wirtschaft. Auch dort ist die Quote der weiblichen Chefs sehr tief. Da liegt Zackbum mit seinen 100 Prozent Männeranteil gar nicht so weit darüber.

In einer ersten Version schrieb der Autor von (zu) wenigen Frauen in der Ringier-Chefetage. Nun ist präzisiert, dass es um die redaktionellen Bereiche, nicht um die Geschäftsleitung von Ringier geht. Zudem ist dieser Passus neu hinzugekommen: Michel Jeanneret ist nicht mehr CR von I`illustre, sondern Chefredaktor von BLICK Romandie. L`ilustre wird neu von Stephane Benoit Godet verantwortet. Bei Radio Argovia ordnete er Programmleiter Nicola Bomio zuerst dem weiblichen Geschlecht zu. Was nun die Frauenquote bei CH Media nochmals verschlechtert.

Wenn das BAG seine Medikamente nicht nimmt

Das Bundesamt für Gesundheit setzt Prioritäten – auf eigenartige Weise.

Das BAG beschäftigt 600 Nasen, die sich um die Gesundheit der Schweizer kümmern sollen. Das tun sie normalerweise ziemlich geräuschlos, unter Einhaltung der Bürozeiten und ohne grosse Wellen zu schlagen.

Regelmässig versagen sie bei einer ihrer Hauptaufgaben, die Kosten fürs Gesundheitssystem nicht weiter explodieren zu lassen. Aber dafür können die Beamten nichts.

Seit Corona ist alles anders. Urplötzlich wurden alle Scheinwerfer auf das BAG gerichtet, auf den «Mr. Corona», der noch heute von seinem zweifelhaften Ruf als Schlafpille zehrt. Auf seinen völlig überforderten und schon geistig in der Pensionierung schwebenden Chef. Auf all die grösseren und kleineren Schnitzer, die zur Hast angetriebene Beamte halt machen, wenn der Büroschlaf durch Hektik und Aktivität abgelöst wird.

Eine neue Direktorin will «Misses Corona» werden

Am 30. April 2020 gab der Bundesrat bekannt, dass er mit Anne Lévy eine neue Direktorin des BAG ausgeguckt hatte. Die studierte Politwissenschaftlerin hatte sich im BAG langsam nach oben gearbeitet, und am 1. Oktober ging sie ans Gerät.

Blöd nur, dass nach dem allgemeinen Aufatmen im Sommer sich die Zeichen verdichteten, dass nun doch eine zweite Welle über die Schweiz hereinbrechen wird. Was tun, wie reagieren, wie steht’s mit Impfungen; statt Gemütlichkeit und ruhiges Kaffeetrinken brach wieder Hektik aus.

Durch ihre mediale Bekanntheit, nach Bundesrat Alain Berset die Nummer zwei in Medienorientierungen, zog sie  – wie viele prominente Menschen in schwierigen Zeiten – auch einige Hasser, Hetzer, ungefährliche und möglicherweise auch gefährliche Irre auf sich.

Polizeieinsatz mit Folgen

Das News-Portal nau.ch berichtete exklusiv, dass es am Wohnsitz von Lévy in Bern letzte Woche zu einem Polizeieinsatz gekommen sei. Der Chefredaktor griff persönlich in die Tasten und schrieb: «Besorgten Augenzeugen ist aufgefallen, dass sich die Polizeipräsenz im Quartier erhöht hat und oftmals Streifenwagen durchs Quartier patrouillieren. Am vergangenen Donnerstag beobachteten Augenzeugen, wie bewaffnete Beamte am späteren Nachmittag bei Lévy ins Gebäude eindrangen.»

Hatte sich die Polizei in ihrer Wohnung verlaufen?

Glücklicherweise nur ein Fehlalarm, winkte die Berner Kantonspolizei ab. Aber die Chefin des BAG blieb alarmiert. Denn in einem Nebensatz hatte nau.ch erwähnt, dass sich Lévy zusammen mit ihrem Mann eine 8,5-Zimmer-Wohnung in Bern gönnt.

Wie «Inside Paradeplatz» enthüllte, musste nau.ch nach Intervention des BAG diese Informationen löschen. Das BAG bestätigt das gegenüber Lukas Hässig mit einer befremdlichen Begründung: «Die Information war irrelevant für die Berichterstattung und es besteht kein öffentliches Interesse.»

Hoppla, ein Sesselfurzer im BAG bestimmt nun selbstherrlich, was relevante und irrelevante Informationen sind, und wer oder was von öffentlichem Interesse sei? Aber in Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer und absurder. Nicht nur, dass Hässig nachtrug, dass die Klause schlappe 5000 Franken im Monat kostet, für Bern exorbitant.

Hier kümmert sich die Chefin persönlich um Kleinigkeiten

Denn mit dieser Auskunft versucht das BAG, seine im roten Bereich drehende Chefin wieder einzufangen. Wie verlässliche Quellen aus dem BAG berichten, spielte sich diese «Intervention» nämlich sehr speziell ab.

Anne Lévy habe wutentbrannt und persönlich zum Telefonhörer gegriffen, um die nau.ch-Redaktion mit voller Phonstärke zusammenzustauchen. Man könne das nicht anders als Gebrüll bezeichnen, heisst es aus dem BAG. Ausserdem habe Lévy drei Mal damit gedroht, eine Klage einzureichen und mit der ganzen Macht der BAG-Rechtsabteilung über nau.ch herzufallen.

Wenn nicht sofort, aber subito, aber am besten vorgestern, die Angabe über die Grösse der Wohnung gelöscht würde. Dass Lévy es nicht gerne sähe, wenn ihre genaue Adresse publiziert würde, ist aus Sicherheitsgründen verständlich.

Was aber unstatthaft daran sein soll, die Anzahl Zimmer bekannt zu geben? Wie Hässig nicht falsch vermutet, könnte es doch sein, dass Lévy den Eindruck vermeiden will, dass nicht zuletzt das BAG die Schweizer in den Lockdown zwingt, durch wiederholte Schulschliessungen vier- oder mehrköpfige Familien dazu verurteilt, in ihrer 3-Zimmer-Wohnung aufeinanderzuhocken, was vorher nicht so störend war, weil Kinder und Vater oder sogar beide Elternteile den Tag ausserhalb verbrachten.

Währenddessen joggt die oberste Seuchenbekämpferin mit ihrem Mann durch eine 8,5-Zimmer-Wohnung und kann sich überlegen, ob man das Dinner im Speisesaal, in der Bibliothek, ganz formlos in der Küche oder vielleicht gleich in einem der Schlafzimmer einnehmen möchte.

Selbstherrlich, offenbar überfordert 

Ein solches selbstherrliches Verhalten einer Chefbeamtin, nicht gewählt, sondern ernannt, kennt man höchstens aus autokratischen Unrechtsstaaten. Aber dass in Bern die Leiterin des zurzeit wohl wichtigsten Amtes, während der Bekämpfung einer Pandemie-Krise, höchstpersönlich zum Telefon greift, um eine Redaktion zusammenzubrüllen, dabei noch mit der Macht der BAG-Anwälte droht, das ist unerhört. Was sagt nau.ch dazu? Chefredaktor Micha Zbinden: «Wir äussern uns nicht mehr zum vermeldeten Polizeieinsatz bei Frau Lévy. Der Fall ist für uns abgeschlossen.»

Dass anschliessend die Medienstelle des BAG händeringend versuchen muss, diesen Fauxpas wieder einzufangen, peinlich. Dass sich bislang kein grosses Medienhaus traut, diesen Skandal aufzunehmen, weil man gerade gut Wetter für möglichst hohe Staatssubventionen machen will, auch das ist betrüblich.

Denn eins ist klar: Nach einem solchen Vorfall müsste es selbstverständlich sein, dass Lévy demnächst sehr viel mehr Zeit haben wird, ihre Riesenwohnung zu geniessen.