Ruhe sanft, Glaubwürdigkeit

Eigentlich kann man das Gequatsche über das höchste Gut im Journalismus nicht mehr hören. Daher eine Grabrede.

So sicher, wie ein Bibelzitat in der Sonntagspredigt vorkommt, wird im Journalismus das Wort «Glaubwürdigkeit» wie ein Banner gehisst. Umgeben von den Wimpeln «unabhängig, nicht käuflich, redaktioneller Content und gekaufter Werbeplatz haben null miteinander zu tun».

Während die meisten Medien fast täglich den Gegenbeweis antreten, meinen sie weiterhin, damit punkten zu können. Denn sie halten, hieran deutlich sichtbar, ihre Konsumenten für furzblöd.

Da sie das aber (mehrheitlich) nicht sind, tragen wir doch endlich dieses Wort im Zusammenhang mit privaten Profitunternehmen zu Grabe, die als Produkt halt keine Schrauben, sondern News anbieten.

Verwischen bis zur Unkenntlichkeit

Um nicht die falsche Leiche zu beerdigen: Werbefreiheit als Garant für Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit ist natürlich auch Quatsch. Wie nicht nur die «Republik» beweist, ist dann das Organ zu 100 Prozent von der Gesinnungsblase seiner Unterstützer abhängig. Die nicht zögern, ihren Liebesentzug wegen der Veröffentlichung eines «falschen» Artikels sofort mit Abbestellung zu manifestieren.

Es ist auch okay, wenn Reiseberichterstattung inzwischen ausschliesslich «in Zusammenarbeit mit» stattfindet. Leicht euphemistische Umschreibung für: die haben bezahlt, wir haben publiziert. Auch dass alle Shopping-Tipps, Modeanregungen, Einrichtungshinweise, überhaupt alle mit käuflichen Waren verbundene Ratschläge nicht nach bestem Wissen und Gewissen gemacht werden, ist klar.

Die Grenzen zwischen bezahltem Inhalt und Inhalt, für den der Konsument bezahlen soll, verwischen sich aber bis zur Unkenntlichkeit. Ein kleines «Paid Content», ein «präsentiert von», eine Native Ad, eine «Content Bridge», alles kleinere oder grössere Sargnägel über der verblichenen Glaubwürdigkeit, die wir hier bestatten.

Das waren noch Zeiten, als Vielschreiber Max Küng Werbetexte für das Möbelhaus Pfister im «Magazin» rezyklierte. Das waren noch Zeiten, als das Füllen einer ganzen Ausgabe mit dem künstlerisch wertvollen, weil von Beda Achermann gestalteten Migros-Geschäftsbericht noch für Protestgeheul sorgte.

Wie Werbung ihre Glaubwürdigkeit steigern kann

Inzwischen wird vielfach gekaufte Werbefläche dem Erscheinungsbild von redaktioneller Eigenleistung so angepasst, dass irgendwann der Hinweis «das ist eine bezahlte Werbung» zur Steigerung der Glaubwürdigkeit ersetzt wird mit: «Das ist KEIN redaktioneller Inhalt».

Heutzutage, um ganz oben einzusteigen, lässt sich NZZ-Chefredaktor Eric Gujer im Hotelblog eines Fastenhotels mit lobenden Antworten auf Fragen zur Qualität des Gebotenen interviewen. Wobei er darauf hinweist, dass er dieses Angebot auf Anregung seiner Gattin benütze. Die wiederum unter ihrem nom de plume, Claudia Schwartz*, zwei Seiten in der NZZ füllt. Eine mit als «Erfahrungsbericht» verkleideten Lobhudelei auf eben dieses Hotel, die zweite mit einem «wie wollten Sie sich schon immer mal unbelästigt von kritischen Fragen aufplustern»-Interview mit dem «Chefarzt» eben dieser Fastenklinik im Luxushotel.

Auf dieser Ebene würde niemand vermuten wollen, dass Familie Gujer sich so gratis eine lustige Fastenkur gegönnt hat. Obwohl die Reinigung von Körper und Geist zu zweit doch rund 12’000 Franken kostet, für zwei Wochen, und weniger mache ja keinen Sinn, weiss Gujer in dem Interview. Aber erschütternd ist doch, dass die NZZ, in Gestalt ihrer Kommunikationsverantwortlichen, an die Gujers meine Fragen weiterreichten, überhaupt nicht, nicht im geringsten, auf keinen Fall auch nur den Hauch eines Geschmäckle erkennen kann.

Glaubwürdigkeit als guter Werbespruch

Denn, liebe Trauergäste, Glaubwürdigkeit – ebenso wie Anstand oder Höflichkeit – ist im heutigen Managersprech ein Soft Factor, ein Asset, das man gut bewerben kann, aber nicht unbedingt pflegen muss. Kann man schliesslich schlecht quantifizieren, wie viel kostet ein Stück Glaubwürdigkeit? Wie misst man den Schaden, falls die beschädigt werden sollte?

Diese Medienmanager als Erbsenzähler, die wohl deswegen auch dieser Trauerfeier fernbleiben, lassen sich von ihrer Zahlenhörigkeit den Blick auf etwas so Einfaches wie fundamental Wichtiges bei Medien verstellen.

Glaubwürdigkeit heisst, dass der Leser darauf zählen kann, dass der von ihm bezahlte Inhalt nach bestem Wissen und Gewissen des Journalisten hergestellt wurde,

zudem unter Beachtung gewisser Grundregeln. Und dass der Journalist seine Urteile, seine Bewertungen, seine Einschätzungen ganz sicher nicht käuflich in den Wind hängt.

Wieso soll der Leser für gekauften Inhalt bezahlen?

Denn der Berichterstatter ist (meistens) vor Ort, der Leser nicht. Der Leser muss ihm glauben, dass seine Darstellung von Angola, von Brasilien, von den USA oder Russland der Versuch ist, möglichst realitätsnah zu berichten, was sich dort abspielt. Stellt der Leser aus eigener Kenntnis oder aus anderen Gründen zu oft fest, dass diese Berichterstattung das Papier nicht wert ist, auf das sie gedruckt wird, nicht mal die winzige Energie, die ihr Transport auf den Bildschirm braucht, dann fragt er sich völlig zu Recht, wieso er dafür bezahlen soll. Mit Geld oder Aufmerksamkeit.

Fahrenheit 451: Das wenden viele Medien bei ihrer Glaubwürdigkeit an.

Daher, liebe Anwesenden, verabschieden wir uns hier von der Glaubwürdigkeit der Medien. Sie hatte ein längeres, erfülltes irdisches Dasein, überstand auch viele schwere Krankheiten, Angriffe auf Leib und Leben, wurde oftmals vergewaltigt, niedergeschlagen, eingesperrt, beraubt. Stand aber immer wieder auf. Nicht mehr länger. Ruhe wohl, Asche zu Asche, Staub zu Staub.

*Dank des Hinweises eines aufmerksamen Lesers wurde der falsch geschriebene Nachname korrigiert.

Der Porno-Graf ist tot

Larry Flynt, der Gründer des Hustler-Konzerns, ist mit 78 Jahren gestorben. Ein lebenslanger Kämpfer für freien Blick auf Geschlechtsteile. Und für Meinungsfreiheit.

Der Porno-Verleger ist den meisten wohl wegen des mit Preisen überschütteten Milos-Forman-Films «Larry Flynt – die nackte Wahrheit» bekannt. Seine Rolle übernahm ein grossartiger Woody Harrelson, Courtney Love hat eine nicht minder beeindruckende Rolle als die grosse Liebe von Flynt. Selten ist eine Drogenabhängige, mit HIV infizierte, an sich selber zerbrechende Frau mit solcher Intensität gespielt worden. Althea Flynt war ab 1976 an seiner Seite; sie ertrank 1987 in ihrer Badewanne.

Flynt hat seine grossen Gegenspieler Hugh Hefner (Playboy) und Bob Guccione (Penthouse) überlebt. In Kentucky in elenden Verhältnissen geboren und aufgewachsen, war Flynt von Anfang an der Prolet unter den Herausgebern von sogenannten Herrenmagazinen. Beim «Hustler» ging es weniger um gepflegte, literarische Interviews, womit der «Playboy» sich ein Feigenblatt vor die erotischen Fotos von Frauen in anzüglichen Posen hängte.

Bei «Hustler» ging es zur Sache, es waren meistens nicht kunsterotische Aufnahmen, sondern Fotos in jeder Form der expliziten oder impliziten Obszönität, inklusive freier Blick auf (weibliche) Geschlechtsteile, begleitet von brutalster Satire.

Selbst brutale Satire ist von der Meinungsfreiheit geschützt

Als im «Hustler» das erste Mal des frommen TV-Predigers Jerry Falwell als Inzest mit seiner Mutter auf dem Klo dargestellt wurde, gab es 1983 einen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Flynt prozessierte den Fall bis zum Obersten Bundesgericht durch, das 1988 zur heute noch wegweisenden Entscheidung kam, das die im ersten Verfassungsgrundsatz garantierte Meinungsfreiheit höher zu gewichten sei als allfällige Beschädigungen von Falwells Ruf.

Denn Flynt war nicht einfach nur ein Porno-Verleger, der damit laut eigenen Aussagen stinkreich geworden war. Sondern ein fanatischer Kämpfer für Meinungsfreiheit, für die Rechte von Homosexuellen, deren sonst wie Aussatz gemiedenen Magazine er verlegte.

Er gab Geld mit beiden Händen aus, um in ständigen Rechtshändeln dieses Recht auf freie Meinungsäusserung zu verteidigen. Nach einem solchen Gerichtstermin wurde 1976 von einem Rassisten ein Attentat auf Flynt verübt. Der irre Fanatiker wollte damit nicht gegen Pornografie protestieren, sondern dagegen, dass im «Hustler» auch anzügliche Fotos mit Mitgliedern verschiedener Rassen publiziert wurden.


Gelähmt, stinkreich und niemals mit Maulkorb.

Seither sass Flynt gelähmt in einem goldenen Rollstuhl. Bis es möglich war, die Nervenverbindungen zu unterbrechen, litt er jahrelang unter schwersten Schmerzen, die er mit starken Mitteln bekämpfen musste. Als der Verursacher dieses Lebensschmerzes wegen eines anderen Mordes hingerichtet wurde, hatte sich Flynt lautstark und öffentlich für dessen Begnadigung zu Lebenslänglich ausgesprochen.

Eine meinungsstarke Saftwurzel

In der Schweiz hätte man ihn wohl als Saftwurzel bezeichnet. Er war stolz auf seine proletarische Herkunft, stellte seinen Reichtum ungeniert zur Schau und nützte vor allem aus, dass ihn sein Geld davor schützte, wegen seinen ständig politisch sehr unkorrekten Magazinen und Meinungen im Gefängnis zu landen.

Er lobte mehrfach Millionenbeträge für die Aufdeckung von Skandalen aus. Das letzte Mal versprach er eine Million jedem, der nachweisen könnte, das Trump in kriminelle Geschäfte oder Machenschaften verwickelt sei.

Er enterbte eine seiner Töchter, als die 1998 zur entschiedenen Gegnerin von Pornografie geworden war und als frühe Vertreterin von #metoo in einem Buch behauptet hatte, sie sei in ihrer Kindheit von Flynt sexuell missbraucht worden. Er wehrte sich vehement und mit all seinen Möglichkeiten gegen diesen Vorwurf und behauptete, seine Tochter sei von religiösen Gruppen missbraucht worden. Womit er wohl Recht gehabt haben dürfte.

Ein ungehemmter Sexist mit Hang zu Sexobjekten

Heutzutage würde Flynt in Grund und Boden beschimpft werden, wollte er nochmal mit einem Magazin auf den Markt, in dem Frauen einwandfrei und eingestandenermassen als Sexobjekt dargeboten werden, als dauererregte, nichts anderes als die Verführung von Männern im Kopf habende Vamps. Auch hier gab Flynt Zeit seines Lebens ungehemmt zu, dass er natürlich ein Sexist sei, damit auch keine Probleme habe, dazu ein nicht von Schuldkomplexen gestörtes Verhältnis zu Sex.

Als ihm in der damals noch verklemmteren und prüden US-Gesellschaft vorgeworfen wurde, er suhle sich in schmutzigem Sex, hemmungslos und triebhaft,  erwiderte er trocken: Genauso sei es, wenn Sex richtig gemacht werde.

Im heutigen Genderwahn und der allgegenwärtigen Angst, wegen sexueller Übergriffe in Teufels Küche zu kommen, welcher Art auch immer die seien, und entscheidend ist dabei einzig das Gefühl der betroffenen Frau, könnte sich Flynt über mangelnde Möglichkeiten, sein Geld für Prozesse auszugeben, nicht beklagen.

Larry Flynt hatte Grips und Humor.

Er ist tatsächlich aus der Zeit gefallen, schon vor seinem Tod. Aber während der Eiertanz um Diskriminierungsfallen, männlich-aggressiv verwendete Sprache, gar das um sich greifende Ausfüllen einer gegenseitigen Einverständniserklärung vor möglichen intimen Handlungen zu einer mit Kernseife geschrubbten Trostlosigkeit, zum Absterben allen Spasses, zur politisch korrekten Begattung als lustlose Verrichtung führt, war Flynt ganz anders.

Flynt war auch ein humanistisch denkender Mensch

Nämlich so, wie die heutigen Kampffeministinnen niemals sein können oder wollen. Nachdem er den Prediger Falwell wirklich übel angerempelt hatte, aber geschützt durch die Meinungsfreiheit davonkam, schrieb er bei dessen Tod im Jahr 2007, dass die beiderseitige Ehrlichkeit in dem, was sie vertraten, sie zu Freunden gemacht hatte. Obwohl sie nicht weiter auseinanderliegen könnten; der Porno-Graf Flynt und der Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen, der Feind von Lesben und Schwulen und überhaupt jeder Unzucht.

«Wenn du jemanden kennenlernst, findest du was, was du magst.» Diese Fähigkeit, die Welt, die Menschen und deren Ansichten als komplex, kompliziert, nicht widerspruchsfrei, menschlich halt zu tolerieren, so wie er Toleranz für sich selbst forderte, das macht Flynt zu weit mehr als einen Verleger von Pornoheftchen. Es macht ihn zu einem guten Menschen, und jetzt gibt es schon wieder einen weniger davon.

Sie war eine Legende


Mit Charlotte Peter ist eine der ersten Chefredaktorinnen der Schweiz verstorben. Im hohen Alter von 96 Jahren.

Die Todesanzeige ist sehr schlicht gehalten. Nichts würde darauf hindeuten, dass eine der bedeutendsten Journalistinnen der Schweiz gemeint ist. Die am 11. Juni 1924 geborene Charlotte Peter «durfte bis zum Schluss ein eigenständiges und aktives Leben führen» heisst es darin. Und: «Sie konnte ihre letzte Reise antreten.» Das passt darum, weil Charlotte Peter als promovierte Historikerin in vielen Ländern herumkam und als Korrespondentin arbeitete. Anfang der 1960er Jahre leitete sie die Kulturabteilung der damals schwer angesagten «Zürcher Woche». Chefredaktor war der begnadete Autor Werner Wollenberger («Mis Dach isch dr Himmel vo Züri»). Daneben schrieb sie auch für die Swissair. Das Portraitfoto zu diesem Artikel stammt aus dem Swissair-Archiv.

1963 wurde Charlotte Peter Chefredaktorin der deutschsprachigen Ausgabe der Elle und nach der Fusion mit der Annabelle 1978 Co-Chefredaktorin mit Werner Wollenberger.

In den 1980er Jahren arbeitete Charlotte Peter für SRF, für die Züri-Woche, ab und zu auch für die Weltwoche und die Bilanz.

Nach ihrer Pensionierung war sie als freie Reisejournalistin tätig. Sie berichtete oft aus schwer zugänglichen Gegenden. Burma, Nordkorea, die ehemalige Sowjet-Union. Für ihre Reisen hatte sie, so zumindest eine Legende, zwei Pässe, um bei der Einreise Schwierigkeiten zu vermeiden.

Sie unterschrieb Hotel-Reservationen gemäss einem «NZZ»-Artikel hin und wieder mit Dr. Ch. Peter. Es sei ihr zwar etwas peinlich gewesen, aber so habe das Hotel gedacht, sie sei ein Mann und sie bekam ein besseres Zimmer.

Noch 2019 gab Charlotte Peter zusammen mit Suzanne Speich das Buch «Was wir nicht schreiben durften» heraus. Eine lesenswerte Lektüre, die einen in Zeiten führt, als die Redaktionsbudgets noch sehr üppig waren. Und Reportagen nicht Relotius-mässig geschrieben wurden.

«In Zeiten von Fake-News ein Buch auf der Suche nach Wahrheit hinter den Geschichten», so das Urteil von Peter und Speich.

Am 3. November ist Charlotte Peter gestorben. Sie wohnte bis zuletzt in ihrem Haus im Zürcher Seefeld.

 

Charlotte Peter (1924-2020). Foto; Swissair/ ETH-Bildarchiv

 

Connery. Sean Connery

Sir Thomas Sean Connery wurde 90 Jahre alt. Und bleibt unsterblich.

Der Sohn eines Fernfahrers und einer Reinigungskraft wurde zuerst zum Bodybuilder, 1950 sogar schottischer Bodybuildingmeister. Schottischer Patriot blieb er sein Leben lang.

Langsam, aber stetig arbeitete er sich als Schauspieler hoch. Viele kleine Rollen, darunter ein Kurzauftritt in «Der längste Tag» ebneten den Weg zur Rolle des kultivierten, reichen und auf allen Gebieten der Lebensart erfahrenen James Bond.

Kein Wunder, dass dessen Erfinder Ian Fleming Connery zunächst ablehnte; zu unkultiviert. Alles danach ist Legende. Dr. No, Goldfinger mit einem unerreichten Gerd Fröbe als Bösewicht, schliesslich «You only live twice». Connery hatte einen Typ des Geheimagenten entwickelt. Kein blosser Haudrauf, sondern einer, der Bösewichte auch an ihrem geschmacklosen Parfum oder an mangelnden Weinkenntnissen entlarvt.

Keiner hat die Klasse von Connery

Zudem nicht nur mit der Lizenz zum Töten, sondern auch gespielt mit einer Lust am Töten. Die markanten Gesichtszüge, die Augenbrauen, die Präsenz, die unsterbliche Musik mit den drohend ansteigenden Akkorden.

Aber schon 1967 wollte Connery aussteigen, er fühlte sich zu eingeengt in dieser einzigen Rolle. 1971 gab er dann seinen vorletzten Einsatz in Diamantenfieber. Seine Nachfolger arbeiteten sich mehr schlecht als recht an der Rolle ab, erst der aktuelle Bond, Daniel Craig, bringt die alte Brutalität wieder zum Vorschein, ohne allerdings die Klasse von Connery zu haben.

Von einem letzten Rückfall mit dem schönen Titel «Never say never again» abgesehen, war’s das für Connery mit Bond. Aber er hatte wohl unterschätzt, dass nicht er prägend für die Rolle war, sondern die Rolle genauso für ihn.

Ein vielseitiger Charakterdarsteller

Dabei hatte er schon parallel zu Bond in Hitchcocks «Marnie» und vor allem in «Ein Haufen toller Hunde» als Gefangener in einem brutalen englischen Militär-Straflager den Beweis angetreten, dass er ein vielseitiger Charakterdarsteller ist.

In den 70er-Jahren folgten weitere gigantisch gute Filme, die aber allesamt keine Kassenschlager waren, so «Verflucht bis zum jüngsten Tag» oder der wirklich abgedrehte Science-Fiction-Film «Zardoz».

1983 zeigte er mit Kim Basinger und Karl-Maria Brandauer als Schurken nochmals, dass er eigentlich der einzige wahre Bond war und blieb. Später trat er mit gemischtem Erfolg in vielen weiteren Filmen auf, wobei man häufig den Eindruck hatte: Wenn er kein Toupet tragen musste, seine Rolle im Wesentlichen aus einigen Grossaufnahmen und der Wiederholung seiner eindrücklichen Mimik bestand, zudem das Honorar stimmte, machte er nicht bei allem, aber bei ziemlich viel mit.

Kein besonders starker Abgang vom Filmgeschäft

Mit «Der Name der Rose» spielte er sich vor allem in Europa wieder in die Herzen der Zuschauer, in Krachern wie «Die Jagd auf Roter Oktober» oder als Vater von Indiana Jones zeigte er allerdings, dass er auch lieblos unter seinem Niveau spielen konnte. Das gilt auch für «Die Unbestechlichen», ein Ausstattungsfilm mit Klamotten von Armani. In «Forrester» lässt er 2000 nochmal seine alte Klasse aufblitzen, die Comix-Verfilmung «Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen» war dann sein letzter Film, kein gelungener Abgang.

Aber von Bond übernahm Connery viel Lebensart, versuchte sich auch als Maler und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens nach dem Film auf den Bahamas, wo auch diverse Bond-Filme spielten. Gerne zelebrierte er seinen Star-Ruhm, auch die Tatsache, dass er wohlhabend geworden war.

Schottischer Patriot und Umweltschützer

Aber das ist auch nicht alles; in «Diamantenfieber» trat er nur auf, um mit seiner ganzen Gage die von ihm gegründete Stiftung für Stipendien und Projekte zur Unterstützung Schottlands zu füttern. Er wurde Veganer, unterstützte die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd, setzte sich gegen die Zubetonierung der Küsten der Bahamas ein.

Connery hat einen herausragenden Serienhelden geschaffen. Er hat in allzu vielen, aber auch beeindruckenden Filmen gezeigt, dass er ein Charakterschauspieler mit unglaublicher Präsenz ist. Beides wird ihn überleben. Aber vieles hat er in seinem Leben im wahrsten Sinne des Wortes verspielt, indem er in belanglosen Krachern auftrat. Er wurde engagiert, um den Filmen einen Abglanz des grossen James Bond zu verschaffen. Dass er davon not amused war, liess er gelegentlich in seiner Rolle durchblicken.

Aber Bond, ob er das später hasste oder nicht, war sein Schicksal. Die Walther PPK, sein sardonisches Lächeln, die personifizierte Gefahr und Männlichkeit, die Mischung zwischen brutalem Killer und formvollendeten, kultivierten Gentleman, unerreicht.

Er sorgte bei vielen für Lebensart

Er sorgte bei vielen für Lebensart, ohne ihn hätte ich nicht schon früh von der Existenz eines Dom Pérignon gewusst. Oder dass man bei Brandys die Blends herausschmecken kann. Oder dass sich ein Bösewicht entlarven lässt, alleine schon, weil er einen schlechten Geschmack hat.

Welch ein Monument wäre seine Schauspielkarriere geworden, wenn er sich nicht immer wieder allein um der Gagen willen in das Grenre von Krachbum hätte hineinziehen lassen. Wo er dann höchstens noch leise Zitate von Lebensart neben reine Action stellen durfte.

Connery lebt länger und öfter als nur zweimal

Aber er beweist nun, dass der Titel seines letzten sozusagen freiwilligen Einsatzes als Bond, James Bond, falsch ist: «Man lebt nur zweimal». Nein, Connery/Bond leben noch ganz, ganz lange weiter. Solange es noch Filme, Zuschauer und Kenner gibt.