Wutbürger erbrechen sich ins Netz

Kommentarfunktion ist so eine Sache. Social Media oder Chatgruppen ist eine schlimme Sache.

Früher regelte der Rechthaber die Angelegenheiten der Welt und seine eigenen am Stammtisch. Mit zunehmendem Alkoholpegel gerne auch ausfällig. Sein Chef? Vollidiot. Andere Autofahrer? Haben das Billett wohl in der Lotterie gewonnen. Die Welt? Alles immer schlimmer, früher war noch, heute ist nicht mehr.

Die Politik, die Politiker? Alles Versager. Gekauft. Eine Schande. Auch Vollidioten. So ging der Abend dahin, dann noch eine Stange*, der schwankende Gang nach Hause. Am nächsten Morgen dröhnte etwas der Kopf, und dann diese Bierfahne. Aber alles wieder gut. Mal ein anonymes Drohschreiben abschiessen? Tippen, eintüten, Adresse suchen, frankieren, ach was, zu viel Aufwand.

Gibt’s immer noch, aber immer weniger.

Seit Internet ist das anders. Ganz anders. Als vor vielen Jahren es einer wagte, die ganzen Kommentarmöglichkeiten und die Belästigung von Hunderten Millionen Menschen mit aggressiver Idiotie als «die Pissoirwand des Internets» zu bezeichnen – schäumten die Kommentatoren auf.

So empfinden es heute noch viele als ihr Menschenrecht, das Niveau in jeder beliebigen Diskussionsrunde auf unterirdisch zu senken. Und kreischen auf, wenn man ihnen das verwehrt: Zensur, Angst vor anderen Meinungen, kein Gegenargument, unverschämt.

Es gibt immer mehr geschlossene Zirkel im Internet

Zu ihrem Glück gibt es nicht nur Social Media, sondern immer mehr Plattformen, in denen man sich in Gruppen von Gleichgesinnten zusammenballen kann. Da fault man dann gemeinsam unter Luftabschluss vor sich hin, fühlt sich aber wohl ohne jeden Widerspruch.

Das mag der Psychohygiene dienen und entlastet vielleicht ein wenig die Krankenkassen. Aber es hat mehr unangenehme bis gefährliche Auswirkungen als therapeutische.

«Volksverräter, Verbrecher, wie Sie es sind, gehören vor den Richter, enteignet und öffentlich ERSCHOSSEN! Die Bilder der Hinrichtung müssen im Bundeshaus für immer gezeigt werden.»

«Wir wissen, wo deine Kinder zur Schule gehen»

«Teufelsbrut von Bern»

«Gefängnis? Nicht genug für diese Kreatur».

In der vermeintlichen Sicherheit der Anonymität einer fiktiven Adresse lässt der Wutbürger ungeniert alles fahren, was er jemals über Höflichkeit und Anstand gelernt hat. Auch das Strafrecht kümmert ihn einen Dreck, er sieht sich gut geschützt als feiger Pöbler. Das kann aber täuschen, denn wer so durchrastet, ist meist nicht gerade ein Intelligenzbolzen.

Corona ist auch im Hirn ansteckend

Bedenklich ist aber, dass die Menge, die Massivität und die Hemmungslosigkeit zunimmt. Insbesondere seit Corona. Da beharken sich Befürworter und Gegner der Massnahmen mit einer Intensität kurz unterhalb der Kernschmelze.

Je nach Blickwinkel ist der andere ein Mörder, fahrlässig, egoistisch, ein Idiot, wenn er schärfere Massnahmen befürwortet – oder Lockerungen. Früher wurde geschrien, heute wird gekreischt.

Das trifft natürlich fast jeden, der etwas den Kopf aus der Masse heraushält. ZACKBUM, mit seiner überschaubaren Einschaltquote und dem rigiden Moderieren aller Kommentare, hat’s eher leicht. Wer mehrfach auffällig wird – ohne dass seine Kommentare publiziert würden – kommt auf die Blacklist, und Ruhe herrscht. Ist er clever genug, eine neue Fake-Mailadresse zu verwenden, kommt auch die auf die Blacklist, und gibt er immer noch nicht Ruhe, wird er darauf  aufmerksam gemacht, dass die IP-Adresse des Absenders einiges über ihn verrät.

Aber Politiker erhalten inzwischen ganze Wagenladungen von Drohungen, Beschimpfungen, gegen sie selbst und sogar gegen ihre Familie. Gerne wird auch die Privatadresse veröffentlicht, mit dem Hinweis, es dort diesem Versager mal richtig zu geigen. Das hat die NZZ mal wieder auf einer ganzen Seite beleuchtet.

Erschreckend ist vor allem, dass auch immer mehr Ämter aufrüsten. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich lässt eine «Einlassvorrichtung» einbauen, damit steht sie nicht alleine da. Die meisten Parlamente haben – nach dem Amoklauf von Zug – schon längst physische und elektronische Eingangsbarrieren.

Wir nähern uns langsam den USA, wo vor dem Betreten einer Schule oder eines Amtes immer öfter Kontrollen durchlaufen werden müssen, die einem Flughafen in nichts nachstehen.

Neue Kampffelder für Drohungen kommen hinzu

Es eröffnen sich auch neue Kampffelder. Während früher der Kontakt mit dem Steueramt überschaubar war, müssen immer mehr Menschen eine Stundung der Steuerschulden beantragen. Eine neue, belastende Situation, die vor dem Schalter (persönliches Erscheinen erwünscht) ausgelebt wird. Mit Beschimpfungen und Drohungen; vor Weiterungen schützt die Glasscheibe.

Nicht hilfreich ist, dass die Sanktion solcher verbaler Amokläufe aufwendig und oftmals erfolglos ist. Die Bundesanwaltschaft, zuständig für Drohungen gegen Bundesräte und Parlamentarier, verzeichnet einen deutlichen Anstieg. Sie hat mehrere Strafverfahren eingeleitet. Zu einer Verurteilung ist es – noch nicht gekommen.

*Der ursprünglichen Ausdruck Tschumpeli wurde ersetzt; unsere Leser sind Alkoholkenner.

Wau! Der neue nau-Skandal

Ist eigentlich keiner, ätsch. Aber ein schönes Lehrstück über die Toleranz der Linken.

Im Medienkuchen weiss man: Wenn man etwas für rote Köpfe, Reaktionen und Gebrüll sorgen will, kann man einen von zwei professionellen Krachmachern das Wort erteilen. Der eine ist die Allzweckwaffe für alle Fragen des Antisemitismus, leider schon selbst wegen Verstoss gegen die Antirassismus-Strafnorm verurteilt.

Der andere ist Réda el Arbi. Toller Name, verständlich, dass er den Namen seiner alleinerziehenden Mutter weglässt, denn Stocker ist natürlich stocklahm dagegen. Über Jahre hinweg pflegt el Arbi seinen Ruf als Hau-Drauf für linke Angelegenheiten.

Nachdem er wegen übertriebener Härte andernorts gespült wurde, bekam er ein warmes Plätzchen bei nau.ch. Das Portal will, wie «20 Minuten» auch, sich politisch völlig neutral verhalten und weitgehend von Meinungsjournalismus absehen. Aber so eine Meinungskolumne eines bekannten Rabatzmachers, wieso nicht. Also griff el Arbi wie immer in die Vollen, schimpfte gegen «rechte und reaktionäre Kräfte», auch gegen «liberale Schwätzer», über «Ueli, der zähe Knecht und die Berset-Diktatur», prügelte auf Andreas Glarner (SVP) ein und schliesslich über die «lustigen Rattenfänger von «Mass-voll». Das sei, allerdings nur «oberflächlich betrachtet», ein Haufen von «Corona-Spinnern». Aber el Arbi geht näher und sieht «eine antidemokratische, in Verschwörungstheorien verfangene Rattenfängerbande».

El Arbi sieht in Abgründe

Den el Arbi in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Zudem ballen sich dahinter «jede Menge Staatsfeinde, Libertäre, Rechtsnationale». Und «Rattenfänger», oder sagte das el Arbi schon? Da war der um humanistische Brüderlichkeit, freie Meinungsäusserung und respektvollen Umgang bedachte Softie el Arbi gerade so schön im Schuss, als ihm die Redaktion von nau.ch leider aus rechtlichen Erwägungen die Reissleine ziehen musste.

Denn, so ist das heute: natürlich überschritt el Arbi mit seinem Gewäffel diverse Grenzen des Anstands, aber auch der Strafgesetzgebung. Gleichzeitig kam nau.ch in den Ruf, ein verkappt linksradikales Medium zu sein. Also Gegensteuer; wie es sich wohl auf einem Plattform-Medium gehört, gab nau.ch genau diesen «Rattenfängern» Gelegenheit zur Replik. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um eine Vereinigung von rund 16 jungen Menschen, die offen hinter Mass-voll stehen und Forderungen aufstellen.

Mit denen muss man keinesfalls einverstanden sein, aber weder diese Webseite, noch eines der Mitglieder wurde bislang strafrechtlich auffällig. Also bewegt sich eigentlich alles im Bereich der demokratisch erlaubten freien Meinungsäusserung.

Von linkem Fäusteln zu rechtem Fäusteln

Aber die hört nicht nur für El Arbi dort auf, wo sie nicht mit seiner Meinung übereinstimmt. Nau.ch durfte feststellen, dass es sich nach dieser naheliegenden Replik der Co-Präsidentin von Mass-voll.ch, Carla Wicki, schwups von linksradikal zu rechtsradikal, ja angebräunt verwandelt hatte. Während vorher vermutet wurde, dass Chefredaktor Micha Zbinden sein wahres, linksradikales Gesicht zeige, liess er nun die Maske fallen, und dahinter erschien eine braune Fratze.

Aber damit nicht genug. Beschimpfen und toben ist eine Sache, aber man ist ja auch ingeniös in seiner Gegenwehr gegen angebliche Rattenfänger. Also wurde das als Leser-Blattbindung veranstaltete «Leser-Voting» mit einigem Aufwand manipuliert. Nachweisbar. Damit ergab sich auf die Frage, wie der Gastbeitrag von «Mass-Voll» gefalle, ein Verdikt von 8 Prozent «sehr gut» gegen 92 «nicht wirklich gut …».

Auch das nahm nau.ch natürlich vom Netz. Hat sich’s damit? Aber nein, es gibt ja noch Christian Beck von persoenlich.com. Seine eigentliche Berufung scheint Dichter zu sein, aber wer das hier liest, versteht, wieso er es lieber als Online-Redaktor probiert:

«Ist dieses Virus einst besiegt,

dann sicher nicht wegen ein paar Idioten.

Tatsächlich macht sich sehr beliebt,

wer sich hält an des Bundesrats Geboten.»

Sorry, Lesern mit schmerzempfindlichen Zähnen hat’s gerade eine gewischt. Sein journalistisches Schaffen ist aber auch nicht viel schmerzfreier. Zunächst twittert Adlerauge Beck: «Eigenartigerweise ist diese Umfrage auf nau nun gelöscht. Existiert da ein direkter Draht zwischen der Redaktion und #Massvoll?»

Existiert bei Beck ein direkter Draht zu irgendwas?

Dumme Fragen darf jeder stellen, auch das gehört zur Meinungsfreiheit. Schliesslich geht nichts über einen Bericht, bei dem die These schon vorher steht. Also senkt Beck das Niveau von persoenlich.com mit dem Beitrag: «Newsportal löscht manipuliertes Voting». Das könnte man so stehenlassen, wenn Beck dann nicht im Text denunziatorisch weiterfahren würde, schon im Lead: «Ein Gastbeitrag von Massnahmenkritikern ist schlecht bewertet worden. Nau entfernte daraufhin die Umfrage.» Sieht Beck in diesen beiden Aussagen keinen Widerspruch? Ein knappes «Nein» genügt ihm als Antwort.

Dazu passt die Erwähnung, dass der Text von El Arbi «damals ohne Begründung» gelöscht worden sei. Unverschämt, dass die Redaktion von nau.ch nicht sofort alle Fragen von Beck beantwortet. Micha Zbinden, Chefredaktor von nau.ch, will sich zur ganzen Miniaffäre nicht mehr äussern.

Wieso sich Beck allerdings über Löschungen erregt, wird noch unverständlicher, wenn man weiss, dass er das selbst auch tut. Denn inzwischen ist sein Tweet ebenfalls gelöscht. Ohne öffentliche Begründung. Sieht er wenigstens da einen Widerspruch? «Das ist nicht vergleichbar. Hat man sich als privater User auf Twitter im Ton vergriffen, darf man auch Einsicht zeigen. Ein Medium hingegen sollte eine Löschung oder gravierende Änderung eines Artikels transparent machen.»

Ach was. So wie das Beck auch bei Tamedia forderte, als die möglichst geräuschlos den Verleumdungsartikel über ihren Konkurrenten Hanspeter Lebrument löschen wollte? So wie das Tamedia sowieso gerne und schnell macht, wenn eine Anwaltskanzlei zum Stehsatz eines Drohbriefs greift? Aber gut, Beck gesteht ein, sich im Ton vergriffen zu haben. Hat er nicht, er hat einfach eine frei erfundene, bösartige Unterstellung in Frageform gekleidet. Aber lassen wir’s gut sein.

 

Untaugliche Verknüpfungen (Teil II)

Neben der Vereinzelung durch Selbstidentifikation mittels multiplen Ausgrenzungen, die völlig unfähig zu übergreifender Solidarität machen, gibt es auch das pure Gegenteil.

Nämlich die Verwendung von völlig sachfremden Kriterien zur Kritik von Beurteilungen.

(Hier geht’s zum Teil I)

Konkret, es gibt ja aktuell auf sieben Seiten aufgelistet solcher Vorwürfe im Hause Tamedia. Zum Beispiel. Der (hier ist, wie man unschwer erkennt, ausschliesslich das Geschlecht das Kriterium) männliche Vorgesetzte sagt zur weiblichen Untergebenen: «Sie sind gar nicht belastbar

Nun könnte man diesen Vorwurf normal hinterfragen. Stimmt das, woran kann man das messen, bezieht sich das auf einen konkreten Vorfall, ist das eine schützend gemeinte Beobachtung, ist das Ausdruck verschiedener Perspektiven, was Belastbarkeit bedeutet? Oder beinhaltet das ein Vorurteil gegen Frauen?

Das wäre normal, zweckrational, logisch. Unlogisch, eine reine Behauptung ist hingegen: das sagt ein Mann in diskriminierender, sexistischer Absicht zu einer Frau. Als Patriarch, als Macho, als Alphamännchen, das die Frau immer noch als unterlegenes, schwaches, ungenügendes Wesen in einer Männerwelt ansieht.

Zwei weitere Beispiele als Steigerung

Verschärft äussert sich das in zwei weiteren exemplarischen Vorwürfen. Der zur Beurteilung befähigte und verpflichtete Mann sagt zur Autorin: «Dieser Text ist schlecht. Ungenügend, Nicht verwendbar. Ich erkläre dir kurz, warum.» Diese Erklärung könnte sich der Mann eigentlich auch sparen. Denn er sieht sich – mit dieser Methode – sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er sich so abschätzig äussere, weil es eben eine Autorin sei.

Ein weiteres, noch absurderes Beispiel. Bei einem Text, der ausschliesslich von der Perspektive junger Frauen handelte, sagte der ältere Vorgesetzte: «Es ist falsch, was du schreibst.» Darin ist enthalten, dass der ältere, männliche Vorgesetzte alleine durch diese beiden Eigenschaften gar nicht in der Lage ist, hier mitzureden.

Das ist so absurd, wie wenn man sagen würde:

Nur ein Analphabet ist legitimiert, über die Probleme von Analphabeten zu schreiben.

Ein letztes Beispiel, das nicht nur eine unerkannte Höhe der Absurdität erklimmt, sondern höchstwahrscheinlich von der deswegen auch bei den Unterschriften an erster Stelle aufgeführten Autorin des Protestschreibens stammt:

«Als jemand das Thema Gendersternchen vorschlug, hiess es erst, es sei schon genug «Klamauk» zum Thema gemacht worden. Das richtete sich nicht per se gegen eine Frau, aber gegen die Art des gendergerechten, integrierenden Schreibens.»

Hier wird sogar versucht, den nur mit dem Nonsense-Argument «Klamauk» vorgeführten, sicherlich männlichen Opponenten abstrakt zurechtzuweisen, dass er sich damit vielleicht nicht direkt «gegen eine Frau» wende, aber gegen ein «gendergerechtes, integrierendes Schreiben». Was impliziert, dass ein anderes Schreiben, nämlich ohne Gendersternchen, per Definiton genderungerecht und desintegrierend sei. Per Definition? Per reine Rechthaberei, gegen jede Rechtschreiberegel.

Es gibt keine guten oder schlechten Texte mehr

Damit ist der höchste Grad des Schwachsinns erreicht. Es gibt nicht mehr gute, publizierbare, formal und inhaltlich richtige, leserfreundlich aufgebaute Schriftstücke. Wofür es zwar keine objektiven Kriterien gibt, aber in mehreren hundert Jahren Journalismus durchaus entwickelte und anerkannte Massstäbe.

Sondern es gibt nur Texte, die keinesfalls von dazu berufenen Qualitätskontrolleuren beurteilt werden dürfen. Vor allem und eigentlich ausschliesslich, wenn sie einen solchen Text kritisieren, äussert sich darin Sexismus, männliche Arroganz, Unverständnis gegenüber der Autorin. Also ist die Kritik nicht sachlich oder gar sachgerecht, sondern diskriminierend, nicht auf das Werk, sondern auf das Geschlecht der Verfasserin abzielend.

Wenn ein solcher Unsinn in einem angesehenen und nicht gerade kleinen Verlagshaus unwidersprochen trompetet wird, und der Führungsetage bislang nichts Besseres einfällt, als schuldbeladen das Haupt zu neigen «haben mit grosser Betroffenheit gelesen, nicht akzeptabel», dann regiert wirklich das Matriachat in einer Form, die sich alle Vorkämpferinnen für Gleichberechtigung der Geschlechter nicht mal in ihren Alpträumen vorstellen konnten.

Denn «ich bin Mann, Herr im Haus und mir kann keiner» wird einfach ersetzt durch «ich bin Frau, unangreifbar und nicht kritisierbar, mir kann keiner» ersetzt. Das ist genauso absurd, nur entschieden weniger lustig als der alte Macho-Spruch: Warum ist die Frau dem Mann seit Jahrtausenden untergeordnet? Es hat sich soweit bewährt.

Die Granulierung des Betroffenseins, Teil I

Jeder für sich in seiner Privatblase und ansonsten alle gegen alle. Der neuste Unfug.

Exemplarisch wird in Holland zurzeit eine aufgeregte Debatte geführt. Wer ist legitimiert, das bei der Inauguration von Joe Biden verlesene Gedicht einer jungen Afroamerikanerin zu übersetzen?

Jeder, der’s kann und diese Flachsinnslyrik im Kopf aushält? Könnte man meinen. Zudem guckte sich der Verlag eine junge, wilde Poetin aus, die sich als non-binär bezeichnet, also wohl auch als ausgegrenzt und diskriminiert empfindet, wie Amanda Gorman in den USA.

Aber weit gefehlt. Es erhob sich grosses Geschrei der dunkelhäutigen Community in Holland, wie man es wagen könne. Denn die holländische Poetin ist – weiss. Dazu fehle ihr jeder sozio-kulturelle Hintergrund, um das Werk aus den USA adäquat übertragen zu können. Darüber könnte man hinweglachen, wenn es nicht ein Ausdruck der allgemeinen Verwilderung wäre, der Protest, Debatten, gemeinsam sind wir stark, so mühsam bis unmöglich macht.

Die offene Debatte liegt im Koma

Gleich zwei Wellenbewegungen beschädigen, oftmals zerstören sogar die offene Debatte, unser einziges und wichtigstes Alleinstellungsmerkmal gegenüber diktatorisch oder fundamentalistisch-religiös beherrschten Gesellschaften. Die offene Debatte röchelt vor sich hin.

Zunächst durch diesen Mitbetroffenheitsschwachsinn. Nur eine junge Schwarze mit ethnisch ähnlichem Hintergrund kann ein Gedicht einer anderen Schwarzen korrekt übersetzen? Nur ein Einbeiniger kann über die Probleme von Einbeinigen klagen? Nur eine Mutter darf sich zu Kindererziehung äussern? Es wird grundsätzlich bestritten, dass ohne Teilhabe, die sich in schlichter Ähnlichkeit äussert, eine Teilnahme an der Debatte über ein Problem möglich sei.

Und diese Qualifikation wird mit absurden Korrelationen erworben? Gleiche Pigmentfärbung der Haut, gleiches körperliches Gebrechen, gleicher Erfahrungshorizont? Gleiches Geschlecht, gleiche Sozialisierung? Wenn die älteren, weissen, reichen Männer im englischen Parlament auch so gedacht hätten, wäre ihnen nicht im Traum eingefallen, Sklavenhandel und Sklaverei zu verbieten.

Statt immer mehr Teilnehmer immer weniger

Früher, ja früher wurde der gesellschaftliche Fortschritt und die Erkenntnis dadurch befördert, dass im Verlauf der Demokratisierung immer mehr Teilnehmern das Mitdiskutieren, Mitstreiten, Mitdenken erlaubt wurde. Das gipfelte dann in den Erklärungen der allgemeinen Menschenrechte, die jedem alleine durch das Menschsein unveräusserliche Rechte zubilligten.

Auch das wurde zuerst ausschliesslich von wohlhabenden, nicht mehr ganz jungen  weissen Männern beschlossen. Dann entwickelte sich eine Inklusion, die den Namen auch verdiente. Von Frauen, von Besitzlosen, von ethnisch oder schlicht an der Hautfarbe erkennbar anderen. Das war seit 1776, seit 1789, seit 1848 ein grandioses Erfolgsmodell.

Bis 1989, als der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers und der damit verbundene Wegfall eines einfachen Schwarzweiss-Rasters – hier gut, dort böse – das Koordinatensystem zur Weltkartographie und die Orientierung verlorengingen. Nach kurzzeitigem Triumphalismus – das Ende der Geschichte ist erreicht  –, begann eine ganz unheilvolle Entwicklung, um neue Weltvermessungen durchführen zu können und wieder Halt zu finden in einer unübersichtlichen, chaotischen, globalisierten Welt.

Selbstdefinition durch Abgrenzung

Es begann die Granulierung, also die Selbstdefinition jedes Einzelnen durch Abgrenzung, nicht durch Gemeinsamkeit. Während es vorher eine mächtige Schwulenbewegung gab, zersplitterte sie nun. Der schwarze Schwule im Ghetto, genauso meilenweit entfernt vom weissen mittelständischen Schwulen wie der vom reichen Schwulen, unabhängig von der Hautfarbe.

Ausgebeutete und Ausbeuter, Besitzer und Habenichtse, Mächtige und Machtlose, Dominierende und Dominierte? Aber nein, so einfach ist das nicht mehr. Habenichtse müssen nach Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, Sozialisation, Glauben, Aufenthaltsort und vielen weiteren Kriterien vorsortiert werden.

So entstehen vereinzelte Schneeflocken in ihren Blasen, die vor jedem Kontakt mit Andersartigen, aber auch mit eigentlich Gleichgesinnten, zurückschrecken. Einen schwarzen, schwulen Sozialdemokraten trennen Welten vom Ausbeuter, aber auch Welten von der weissen, weiblichen, heterosexuellen Genossin.

Komplettiert wird diese Symphonie des Wahnsinns durch eine zweite, völlig falsche Zuweisung. Indem eine Eigenschaft, die überhaupt nichts mit einer anderen zu tun hat, mit der korreliert wird, um einen sachunabhängigen Vorwurf zu legitimieren. Hä?

 

Fortsetzung folgt.

Schreckhafte Tamedia

Von wem lässt sich das Medienhaus eigentlich einschüchtern?

Es ist doch ein männliches Vorurteil, dass Frauen beim Anblick einer Maus, Spinne oder sonstigen Getiers mit Schreckensschreien auf den nächsten Tisch springen.

Es heisst die Tamedia, ob das die Ähnlichkeiten erklärt? Da wenden sich 78 Mitarbeiterinnen an die Chefredaktionen und die Geschäftsleitung und beklagen eine fürchterliche, männlich dominierte Arbeitsatmosphäre. Gemischt mit Drohungen «wollen das nicht länger hinnehmen» und einem Ultimatum – bis 1. Mai sollte da was passieren.

Dann werden noch 61 Beispiele von verbalen Übergriffen, männlichem Überlegenheitsgehabe und Diskriminierung aufgeführt. Leider alle anonym, und die extra dafür eingerichtete Stelle bekam im ganzen 2020 keine einzige Beschwerde.

Um der Sache noch mehr Schub zu geben, wurde das Schreiben – ohne dass alle Unterzeichneten um Erlaubnis gefragt wurden – via Jolanda Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gespült. In der berechtigten Hoffnung, dass nun aber was passieren werde.

Es gab wie gewünscht Zuspruch aller Orten

In der Tat; innerhalb und ausserhalb von Tamedia gab es Solidaritätsbekundungen, aufmunternden Zuspruch, weitere Unterschriften, auch von Männern. Obwohl die in der Klageschrift ausschliesslich als Täter, Frauen ausschliesslich als Opfer vorkommen.

Wenn so etwas zur welterschütternden News im Wasserglas der sich selber viel zu wichtig nehmenden Medien wird, packt auch «10 vor 10» alles aus, was es für einen «Schwerpunkt» braucht. Das passt ja wunderbar, dachte sich die Redaktion, Tag der Frau, und dann dieses Geschenk.

Seither ist die Initiantin Salome Müller in die Ferien abgeschwirrt, ihre Sekundantin Aleksandra Hiltmann hält derweil die Stellung. In welche Hände sich die übrigen 76 Unterzeichner begegeben haben, illustriert wohl diese «Bravo»-Posterwand aus dem Mädchenzimmer einer Pubertierenden:

Gesellschaftliches Problem oder reine Eitelkeit?

Oh, Pardon, nein, das hat Hiltmann zusammengestückelt, und Salome Müller verbreitet es auch voller Stolz. Wir! Beide! Im Schweizer Farbfernsehen! Unfassbar, unglaublich, ein Traum geht in Erfüllung. Wir sind schon dabei, Autogrammkarten zu gestalten, natürlich in Violett.

Wieso hat auch Claudia Blumer unterschrieben?

Die Dritte im Bunde ist Claudia Blumer, deren Unterschrift eigentlich so viel Aufmerksamkeit erregt hat wie die Abwesenheit der Unterschriften von Bettina Weber oder Michèle Binswanger. Aber auch das lässt sich durch Freundschaftsbande erklären, so moderierte Blumer die Buchpräsentation von Müllers «Love, Pa. Briefe an meinen Vater». Alle sollen 2018 dabei gerührt gewesen sein, kurze Schreiben an den vor Jahren verstorbenen Vater, literarisches Neuland.

Und wie reagiert die Spitze des Hauses Tamedia? Sie senkt den Kopf, gibt sich «betroffen», ortet ein Problem, will den Vorwürfen auf den Grund gehen. Oberchefredaktor Arthur Rutishauser erfindet sogar extra die präventive Entschuldigung. Bevor die Mitunterzeichnerin und mit der Abklärung beauftragte Claudia Blumer überhaupt ihre Tätigkeit in eigener Sache aufgenommen hat, entschuldigt sich Rutishauser bereits bei allen Betroffenen.

Priska Amstutz Seite an Seite mit ihrem Chef

Das gleicht wirklich dem männlichen Zerrbild des weiblichen Erschreckens beim Anblick einer Maus. Die amtierende degradierte Co-Chefredaktorin Priska Amstutz schreibt Seite an Seite mit Rutishauser einen Kotau «In eigener Sache», wogegen das Sich-in-den-Staub-Werfen am Königshof stümperhaft wirkt.

Interessant ist auch die Reaktion der einzig weiteren weiblichen Chefredaktoren. Judith Wittwer, die vielleicht die von Rutishauser geforderte weibliche Perspektive nicht so richtig durchsetzen konnte, ist längst nach München abgeschwirrt – und sagt nichts. Dann hätten wir noch Esther Girsberger, auch eine grosse Kämpferin gegen die Unterdrückung von Frauen und die allererste Chefredaktorin im Hause Tages-Anzeiger. Sie sagt – nichts.

Ebenso wenig der amtierende und gern kommentierende männliche Reserve-Co-Chefredaktor Mario Stäuble. Salome Müller verfügt inzwischen über einen sehr aufgeräumten Account bei den sozialen Medien. Facebook, Twitter, fast leer. Nur Instagram scheint es den beiden Damen noch angetan zu haben.

Aber während noch willfährige Männer ihre frauenfreundliche Seite entdecken, Berufs-Feminist Hansi Voigt noch etwas durch Internet tigert, ist zum Beispiel Spiess-Hegglin, die sonst wirklich nichts auslässt beim Twittern, erstaunlich ruhig geworden.

Den angeblichen Gewinn, den Hansi Voigt auf abenteuerliche eine Million geschätzt hat.

Auch Blumer, nachdem sie den Fehler machte, in Schawinskis «Doppelpunkt» zu gehen und dort nach allen Regeln der Kunst, höflich, anständig, aber gnadenlos in Einzelteile zerlegt wurde, bleibt eher ruhig.

Inzwischen geht’s langsam zur Sache

Das mag wohl daran liegen, dass es nach dem ersten Geschrei nun zur Sache geht. Welche Vorwürfe werden genau erhoben; wer war beteiligt? In welchem Zeitraum? Warum wurde die interne Beschwerdestelle kein einziges Mal angerufen? Warum wurde das Schreiben an die Öffentlichkeit gebracht; wie viele der Unterzeichneten waren damit einverstanden? Und wie viele nicht, oder wurden gar nicht um ihre Meinung gefragt?

Auf der anderen Seite: wie soll sich jetzt noch ein männlicher Vorgesetzter trauen, einen Scheiss-Text von Salome Müller auch öffentlich scheisse zu finden? Wie sollen Themen wie Frisuren, Kinder, Autos, Haarausfall oder Menopause zukünftig abgehandelt werden? Was soll der Vorgesetzte sagen, wenn er auf seine Kritik die Antwort kriegt: Klar, du als Mann verstehst eben meine weibliche Art zu schreiben nicht?

Was ist überhaupt vom Management eines grossen Medienkonzerns zu halten, das sich von ein paar weiblichen Mitarbeitern dermassen ins Boxhorn jagen lässt? Wegen des Zeitgeists? Also wirklich, man will diesen Frauen einfach erlauben, ohne die geringsten Beweise oder Indizien Tamedia schweren Reputationsschaden zuzufügen? Ohne diese Geschäftsschädigung, diesen eklatanten Verstoss gegen Treu und Glauben zu ahnden?

Was für ein hilfloser Haufen von …, aber nein, dass könnte die eine oder andere Leserin beschädigen, und das will niemand.

Neue Sitten im Hause NZZ

Abgänge von Chefredaktoren waren auch schon mal geräuschloser.

Hugo Bütler war der letzte ordentliche Chefredaktor des 1780 gegründeten Blatts. Er amtierte von 1985 bis 2006. Vorsitzender der NZZ-Gruppenleitung blieb er noch ein Jahr länger. Niklaus Meienberg witzelte über sein Kürzel bü., dass das für Bürgertum stehe. So sehr verkörperte Bütler in Stil und Auftreten die Schicht, für die die NZZ gemacht wurde.

Freisinn, Filz, Bourgeoisie, enge Bande zwischen Wirtschaft, Finanzplatz und Redaktion sowie Verwaltungsrat. Aber dann kam die Finanzkrise eins, das Grounding der Swissair, die Finanzgötter Marcel Ospel und Lukas Mühlemann (Multi-VR) schrumpften zu Zwergen, mitsamt dem FDP-Filz.

Das hatte Markus Spillmann abzufedern, Bütlers Nachfolger. Ende 2014 wurde er selbst gefedert; der erste nicht freiwillige Abgang seit Gründung der alten Tante. Seither amtiert Eric Gujer mit eiserner Hand. Er hat es bereits geschafft, die eingeführte Trennung zwischen Chefredaktor und Geschäftsführer faktisch aufzuheben. Nachdem es auch dort zu Flops kam, ist der aktuelle CEO Felix Graf mehr der Mann am Fenster, der Frühstücksdirektor.

Neue Flugzeiten für Chefredaktoren

Nun ist’s auch der NZZamSonntag passiert. Felix E. Müller war von der Gründung bis zu seiner Pensionierung Chefredaktor. Nach einem Abstecher zur «Weltwoche» war er von 2002 bis 2017 am Gerät. Seither versucht er sich als Medienkritiker und Buchautor. Die Meilensteine: «Ein Zürcher Quartier und seine Zunft», «Wie ich die Krise erlebte», eine liebedienerische Gesprächsreihe mit Bundesrat Alain Berset.

Sein Nachfolger (nein, nicht Bersets) wurde Luzi Bernet, ein altgedientes Schlachtross der NZZ und NZZaS. Aber Anfang März wurde er nach eigenem Bekunden plötzlich «auf null runtergebremst». Also mit knappem Dank entlassen. Man konnte sich offensichtlich bislang nicht mal auf ein Trostpöstchen einigen, was mit einem wolkigen «Zukunft unkar, in Gesprächen» umhüllt wird. Entweder ist das Angebot finanziell unattraktiv, oder Bernet zu angesäuert.

Es werden interessante Zeiten kommen

Der Name seines Nachfolgers verspricht eine Fortsetzung von interessanten Zeiten auf der NZZaS-Redaktion: Jonas Projer, vormalig Leiter «Blick»-TV, vormalig langjähriger Mitarbeiter von SRF. Kann der überhaupt schreiben, hat der überhaupt das Niveau, will der nun alles digitalisieren und verfilmen? Das sind nur einige der Vorschusslorbeeren, die die wie immer grünneidischen Kollegen auf seinen Weg streuen.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Wahl des Verwaltungsrats diesmal klappen muss. Denn Ende 2014 wurde die NZZ kräftig durchgeschüttelt, als durchsickerte, dass der VR Markus Somm als Nachfolger von Spillmann ausgeguckt hatte. Mit geradezu revolutionär-rebellischem Mut schäumte die ganze Redaktion auf. 60 Korrespondenten und 163 Redaktoren appellierten an den VR, ja nicht einen Nationalkonservativen zum Chef zu machen.

Der damalige Nachrichtenchef Luzi Bernet, Inlandchef René Zeller, Bereichsleiterin Colette Gradwohl, die Interimsspitze, drohte mit Rücktritt. Gradwohl verabschiedete sich dann in die Frühpensionierung, Zeller zur «Weltwoche». Nur Bernet machte weiter Karriere. Geplant waren noch weitere Protestmassnahmen, wie die NZZ-Frontseite für einmal weiss und blank erscheinen zu lassen, der nicht unlustige Hashtag «#NZZgate: Some like #Somm not» wurde in Umlauf gebracht.

Krisensitzung des Verwaltungsrats, der – ohne die Redaktion zu informieren – Somm bereits einstimmig inthronisiert hatte. Ein zerknirschter VRP Etienne Jornod, der bei der Bekanntgabe des Abtritts von Spillmann den Namen des bereits gewählten Nachfolgers verschwieg, musste sich bei der Redaktion entschuldigen.

Dann galt der mächtige Feuilleton-Chef Martin Meyer als Nachfolger, im Aktionariat der NZZ wurde gegrummelt, dass die «offensichtliche Unfähigkeit» des VR unbedingt thematisiert werden müsse.

Wahl auf Nummer sicher?

Mit Eric Gujer wurde dann ein knochentrockener Rechtsausleger aus dem Hut gezaubert, der sich mit unheimlichem Fleiss daran machte, seine Machtposition auszubauen. Was ihm inzwischen so vollständig gelungen ist, dass selbst eine Fastenkur mit seiner Gattin, die sich in einem huldvoll gewährten Interview Gujers im Hotel-Blog und einem zweiseitigen Jubelartikel seiner Frau in der NZZ niederschlug, zu keinerlei hörbarer interner Kritik führte.

Bei der NZZ hat man ein langes Gedächtnis, es ist sicher, dass weder Jornod noch der übrige Verwaltungsrat die damalige Rebellion von Bernet vergessen hat; und einem sonst erfolgsverwöhnten Chef wie Jornod brennt sich eine Entschuldigung sicherlich ganz tief in die Hirnwindungen ein.

Rache hat ein langes Gedächtnis …

Zeller ist inzwischen verstorben, Gradwohl längst pensioniert. Da blieb nur noch einer übrig, an dem Rache genommen werden konnte. Während Gujer natürlich die Gelegenheit benützen will, seinen Machtanspruch endgültig auch auf die NZZaS auszudehnen. Dazu kommen rückläufige Verkäufe, die übliche Misere dank Corona, eine verunsicherte und misstrauische Redaktion.Plus mehr als fünf Monate Wartezeit bis zur Inthronisierung. So etwas hält eigentlich nur Prinz Charles aus.

Wäre eine Variante der Verfilmung von Projers Abenteuer.

Einziger Trost zurzeit für Jonas Projer: die «Mission Impossible» im Film wird jeweils doch erfolgreich absolviert. Und entfernte Ähnlichkeiten – ausser in der Körpergrösse und hoffentlich der religiösen Ausrichtung – mit Tom Cruise sind doch vorhanden. Nur, wenn wir einen Rat geben dürfen, der Spitzbart muss ab. Und dann Helm auf!

Das Elend der Wirtschaftsberichterstattung

Kurz gefasst hat es einen Namen: Lukas Hässig. Der lässt regelmässig alle anderen im Regen stehen.

Einmal kann ja noch Glück und Zufall sein. Als der Finanzblog «Inside Paradeplatz» enthüllte, dass der abtretende Novartis-Boss Daniel Vasella satte 72 Millionen dafür bekommen sollte, dass er sechs Jahre lang nach seinem Abgang nichts tut, vor allem nichts für die Konkurrenz, gab es viel Gebrüll und rote Köpfe.

Vor allem bei Vasellas Anwalt, der das überhaupt nicht komisch fand. Mit dieser Enthüllung im Jahre 2013 sorgte Hässig auch nebenbei dafür, dass die Abzocker-Initiative angenommen wurde. Er fuhr, wie meistens, einen scharfen Reifen. Denn hätte seine Information nicht gestimmt, gäbe es den Finanzblog nicht mehr.

Als Hässig merkwürdige Kontobewegungen bei Pierin Vincenz enthüllte, reagierte die gesamte Wirtschaftspresse der Schweiz – überhaupt nicht. Vincenz, der Starbanker, der Gutbanker, von allen in den Himmel gelobt, soll etwas mit anrüchigen Geschäften zu tun haben? Unmöglich, gar nicht erst ignorieren.

Erst, als Vincenz mitsamt Kompagnon verhaftet wurde, wachten die Kollegen auf. Und lieferten sich ein Wettrennen mit Hässig, wer schneller die neuste Anfütterung publiziert.

Jagdszenen rund um die Zürcher Bahnhofstrasse

Als Hässig filmreife Verfolgungsszenen rund um die Zürcher Bahnhofstrasse beschrieb, glaubte noch niemand, dass das zum schnellen Fall des damaligen CS-CEO führen würde und sich in der Affäre mal wieder die ganze Führungsmannschaft der Credit Suisse, von VR-Präsident Urs Rohner abwärts, bis auf die Knochen blamierte.

Aktuell arbeitet sich «Inside Paradeplatz» an den «Masken-Kids» ab. Er zerrte ans Licht der Öffentlichkeit, dass sich zwei clevere Jungunternehmer durch den Verkauf von Schutzmasken an überforderte Sesselfurzer in der Schweiz und in Deutschland mehrere goldene Nasen verdient hatten.

CH Media und auch die NZZ, schliesslich Tamedia, gaben den beiden Gelegenheit, sich in den schönsten Farben darzustellen. Hatten halt die richtigen Beziehungen in China, setzten alles auf eine Karte, hätte der Verkauf von rund 300 Millionen Masken nicht geklappt, wären sie Pleite gewesen. Und für all das Risiko, pünktliche Lieferung erstklassiger Ware, seien so 30 Prozent Marge nun wirklich kein Verbrechen.

Eigenrecherche, kritische Analyse? Wozu auch

Beide Medienkonzerne erzählen die Tellerwäscher-Millionär-Story nach, erwähnen zwar, dass es eine Strafuntersuchung wegen möglicherweise gefälschten Zertifikaten gibt, auch eine Anzeige wegen Wucher. Aber darin erschöpft sich schon die Recherchierkraft der Wirtschaftsredaktionen. Die NZZ lässt am Schluss hilflos offen, ob es sich um clevere Geschäftsleute oder Schlimmeres handle.

Statt nachzuerzählen und den beiden unwidersprochen Plattformen für die wunschgemässe Selbstdarstellung zu geben, grub Hässig eine Story aus, die es wieder in sich hat. Unter den aufmerksamen Augen der Medienanwältin Rena Zulauf, die die beiden Kids inzwischen vertritt, schildert Hässig, wie die eine hübsche Menge Gesichtsmasken gekauft und für mindestens den doppelten Preis beispielsweise an die Schweizer Armeeapotheke weiterverkauft hätten.

Das unternehmerische Risiko hielt sich dabei aber in Grenzen; der Verkäufer war eine Firma mit Sitz – in Basel. Natürlich muss man sich zu recht fragen, wieso die Genies bei der Armee nicht in der Lage waren, diesen Lieferanten direkt zu benützen. Aber beim Ausgeben von Steuergeldern läuft der Beamte normalerweise nicht zu sparsamen Höchstleistungen auf.

Inzwischen haben die Maskenkids grosszügig über eine Million gelieferte Masken, die anscheinend unbrauchbar waren, ersetzt.

Sicherlich billig Second Hand zu erwerben.

Ist die Erzählung vom hohen Risiko und handelsüblicher Marge eine Ente?

Treffen die Angaben von Hässig zu, ist allerdings sowohl die Mär vom hohen Risiko wie auch von einer völlig handelsüblichen Marge entlarvt. Ebenso, aber das ist ja nichts Neues, die Mär, dass es noch hart recherchierende Wirtschaftsjournalisten in den grossen Medienhäusern gäbe. Die NZZ strahlt immerhin noch Kompetenz aus, und ihre Serie, dass die Bespitzelung des ehemaligen CS-Stars Khan kein Einzelfall war, brachte das Fass zum Überlaufen und zwang Tidjane Thiam zum Abgang.

Aber sonst? Tamedia befleissigt sich, vor allem in Gestalt ihres Oberchefredaktors, ungeniert unter Ignorieren der Unschuldsvermutung eine angefütterte Meldung nach der anderen im Zusammenhang mit der Affäre Vincenz rauszuhauen. Und die NZZ brüstet sich, dass sie in Besitz der gesamten Anklageschrift sei, was für die Strafverfolgungsbehörden kein Anlass ist, ebenso wenig wie bei Arthur Rutishauser, gegen diese Delikte vorzugehen.

Im Gegensatz dazu hat Hässig – nach langem Zögern – nun eine Strafuntersuchung am Füdli, weil die Publikation von Kontodaten gleich mehrere Delikte enthielt. Aber all das ändert nichts daran, dass hier ein Ein-Mann-Bulldozer Mal für Mal die Erde über einer Leiche im Keller wegräumt, während die übrige Wirtschaftsjournaille mit offenem Mund rumsteht und Maulaffen feilhält.

Jonas Projer: ein unheimlich starker Abgang

Viele Jahre Schweizer Fernsehen, ein Jahr Blick-TV. Und nun der Einzug in den Olymp. Das freut die Journalisten – nicht wirklich.

Chefredaktor von NZZamSonntag, das ist wohl der zweitprestigeträchtigste Job, den man in der Schweiz ausüben kann. Wie im Hause NZZ üblich, kann man sich hier normalerweise auf seine Pensionierung freuen.

So wie der erste Chefredaktor, der seit der Gründung dabei war und nun als schreibende Sparmassnahme und Pensionär weiter – und nicht unbedingt zum Vorteil – seine Feder in Bewegung hält.

Aber so, wie Martin Spillmann (2006 bis 2014) als NZZ-Chefredaktor nicht seine gesamte Restlaufzeit dort verbrachte (nein, sein Dreitagebart war nicht der Grund für seinen Abgang), ereilt nun Luzi Bernet das gleiche Schicksal; er trat 2017 die Nachfolge von Felix E. Müller an.

Spitzbube als Spitzenbube: Jonas Projer.

Weil es für einmal tatsächlich bis fast am Schluss gelang, diesen Wechsel unter dem Deckel zu halten, ist natürlich von «Knall», von «Überraschung» die Rede. Wieder ein hübsches Beispiel dafür, dass sich Journalisten für den Nabel der Welt halten. Nur weil sie es nicht mitkriegten, was sie natürlich muff macht, ist es überraschend.

Es geht auch um Jornods Kopf

Also ob dieser Entscheidung nicht umfangreiche Verhandlungen vorausgegangen wären. Interessant ist sicher, dass der VR-Präsident Etienne Jornod – und mit ihm der ganze Verwaltungsrat – mit dieser Entscheidung nicht auf die Nase fallen darf. Denn der Schock, dass es nicht gelang, Markus Somm auf den Chefsessel der NZZ zu heben – und das publik wurde – sitzt noch tief.

Nun also Jonas Projer. Mutiger Mann. Die Redaktion der NZZaS wehrt sich einerseits gegen den Machtanspruch von Eric Gujer, die Alleinherrschaft übernehmen zu wollen. Sie war sich bislang nicht gewohnt, dass ein Chefredaktor abgesetzt und durch einen Aussenseiter ohne Stallgeruch ersetzt wird.

Aber Jonas heisst ja in der hebräischen Bedeutung «Taube», ein Bote der Götter, und der kann bekanntlich fliegen. In der biblischen Verwendung kam dann noch Zerstörer und Unterdrücker dazu. Man darf also gespannt sein.

«Blick», und somit Ringier, ist sicherlich nicht glücklich, dass der Kapitän und das Aushängeschild von «Blick»-TV nach nur einem Jahr von Bord geht. Wenn die hartnäckigen Gerüchte stimmen, dass das ein Millionengrab sei, war’s das dann wohl für dieses Experiment.

TV-Fuzzi gibt Guzzi ohne Printerfahrung?

Das Schweizer Farbfernsehen nimmt jeden Abgang persönlich und ist verstimmt. Also no way back. Natürlich beginnt die liebe Konkurrenz, sich sofort auf Projer einzuschiessen. Bevor der auch nur ein Wort zu seinen Absichten und Plänen gesagt hat.

TV-Fuzzi ohne Printerfahrung ist die aufgelegte Häme. «Arena»-Dompteur, Brüssel-Korrespondent, aber weiss er von Printprodukten mehr, als dass man sie nicht in ein Abspielgerät stecken kann?

Schlimmer noch: ist ein aus den Niederungen des Boulevards aufsteigender Mensch denn ohne Höhenangst, wenn er die dünne Luft der Oberliga schnuppert? Eine Vorahnung, was alles über ihm hereinbrechen wird, gibt bereits die Allzweckwaffe des «Tages-Anzeiger», Andreas Tobler. Der schreibt am liebsten faktenfrei, also war er sofort für einen als «Kulturmeldung» verkleideten Kommentar zu haben.

Der «39-Jährige verfügt bisher über keine grossen Erfahrungen im Printjournalismus», unklar sei auch die Strategie, die die NZZ damit verfolge; mehr Bewegtbild wie bei «Blick-TV»? Dann setzt Tobler zum Fangschuss am Schluss an:

«Als jetziger Chefredaktor bei einem Boulevardmedium wie Blick TV widerspricht Projer auch dem Qualitätsanspruch der «NZZ am Sonntag» – und der linksliberalen Positionierung des Blattes

Die NZZaS linksliberal? Das wüsste man aber. Und über Qualitätsansprüche sollte sich Tobler keine Gedanken machen: Er selbst ist der beste Beweis, dass man die sorglos ganz niedrig hängen kann. Dabei ist er beim Tagi auch nicht alleine. Sein Konzernjournalismus-Kollege Philipp Loser begrüsste Projer bei dessen Stellenantritt damals mit dem launigen Titel: «Projers unmögliche Aufgabe». Nein, die bestünde darin, solchen Schreibbütteln Manieren beizubringen.

 

Das Schweigen der Medien

Pluralismus, offene Debatten in den Blättern der Duopolkonzerne? Ach was. Berichte über harsche Massnahmen gegen unerwünschte Meinungen? Ach nein.

Die Schweizerische Bundesverfassung handelt das Thema in Art. 16 mit Schweizer Nüchternheit und Präzision ab:

«Die Meinungs- und Informationsfreiheit ist gewährleistet. Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.»

Das ist nicht nur präzise wie ein guter Chronometer formuliert, es ist auch die wohl wichtigste Errungenschaft einer modernen Zivilisation. Neben Rechtsstaatlichkeit als Bollwerk gegen Willkür, Wahnsinn, Faustrecht und Barbarei fördert nichts mehr den Fortschritt als der möglichst freie Austausch von Ansichten, Meinungen, Informationen.

Natürlich gibt es auch dafür Grenzen, aber sehr weitgefasste. Denn auf einigen Inseln der Aufklärung existiert weiterhin der Vorteil, zu immer neuen und besseren Erkenntnissen zu kommen, indem aus dem Kampf der Meinungen und Argumente das bessere, das richtige, das hilfreiche siegreich hervorgeht. Ohne Tabus, ohne religiöse oder andere der Erkenntnis feindlich eingestellte Machtapparate, die mit Repression, Gewalt, Verboten ihren mittelalterlichen Anspruch auf die Verkündung der einzig richtigen und erlaubten Wahrheit aufrecht erhalten wollen.

Ohne freie Debatte ist kein Erkenntnisgewinn möglich

Was passiert, wenn das gelingt, kann man heutzutage in jedem fundamentalistisch oder diktatorisch beherrschten Land der Welt sehen. Rückschritt statt Fortschritt, finsteres Mittelalter statt Neuzeit, Armut, Unterdrückung, Irrationalität und Fanatismus.

Aber doch nicht in der Schweiz, könnte man meinen. Natürlich sind Vergleiche mit Diktaturen oder repressiven Unrechtssystemen unsinnig, übertrieben. Zwar Ausdruck der Meinungsfreiheit, aber kein Ausdruck von Denkfähigkeit.

Schon immer war und ist klar, dass man zwar frei seine Meinung äussern kann, das aber nicht immer folgenlos bleibt. «Moskau einfach» war früher eine beliebte Reaktion, wenn jemand die Überlegenheit des kapitalistischen Systems in Frage zu stellen wagte. Vorsicht war auch gegenüber «Subversiven», «Umstürzlern» oder gar «Revoluzzern» geboten.

Denunzierung, Jobverlust, selbst die NZZ heizte damals der Volksseele ein und keifte gegen den grossen marxistischen Kunsthistoriker Konrad Farner – mit Angabe seiner Adresse, damit man ihm dort auf die Pelle rücken konnte. Auch der Publizist und Dokumentarfilmer Roman Brodmann fiel in Ungnade, als er sich als Unterstützer der Initiative «Schweiz ohne Armee» outete.

Aber solche Kollateralschäden muss man hinnehmen. Auch gegen uns wird gekeift und gestänkert. In erster Linie aus Eifersucht und Neid, weil wir hier bei ZACKBUM ohne Rücksicht und ohne Rücksichtnahme unsere freie Meinung äussern. Macht nichts.

Viele nachplappernde Papageien sind der Tod der Debatte

Eine neue Qualität hat die Gefährdung der freien Meinungsäusserung in der Schweiz dadurch gewonnen, dass ihre Verbreitung zunehmend schwierig wird. Wer sich’s mit CH Media, Tamedia, Ringier und NZZ verscherzt hat, hat zumindest gröbere Probleme, seine Meinung nicht nur zu äussern, sondern auch sie zu distribuieren. Am öffentlichen Diskurs teilzunehmen, wie man neudeutsch sagt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Pandemie nicht nur dazu missbraucht wird, viele Freiheitsrechte massiv einzuschränken.

Schnabel aufmachen oder lieber nicht?

Es wird auch probiert, mittelalterliche Zustände wiederzubeleben. Indem nicht mit Argumenten über Meinungen debattiert wird, sondern indem missliebige Argumente ignoriert, aber angeblich dahinterstehende Haltungen, Gesinnungen denunziert werden. Also nicht mehr: Was der sagt, ist falsch, weil. Sondern: wer das sagt, zeigt damit eine verächtliche Haltung, eine böse Gesinnung.

Es wird nicht mehr auf Meinungen, sondern auf Menschen gezielt.

Das gilt auch und gerade für Wissenschaftler oder anderweitig qualifizierte Meinungsträger, wenn die es wagen sollten, an angeblich alternativlosen und angeblich einzig richtigen Entscheidungen oder angeblich unwiderlegbar richtigen wissenschaftlichen Behauptungen zu zweifeln. Plötzlich sind das keine anerkannten Fachleute mehr, sondern Aussenseiter, die sich verlaufen, verirrt haben, vielleicht sogar den Verstand verloren.

Drakonische Disziplinarmassnahmen

Solche bösartigen Denunziationen sind das eine. Drakonische Disziplinarmassnahmen das andere. Im Kanton Aargau, der sich noch nie durch grosse Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen auszeichnete, wird ein Kantonsschullehrer entlassen, weil er sein Recht wahrnahm, an einer Demonstration teilzunehmen.

Die Aarauer Kantonsschule kenne ich aus eigener Anschauung. Als ich dort einen Schülerrat gründete und mich über unfähige Lehrer lustig machte, bekam ich  das consilium abeundi. Weniger hochgestochen: die Androhung der Wegweisung wegen Aufmüpfigkeit. Ein Rekurs dagegen mit aufschiebender Wirkung und die Matur befreite mich dann von diesem Mief.

Noch schlimmer traf es den Luzerner Arzt Andreas Heisler. Nachdem er sich einige Male kritisch über die offizielle Corona-Bekämpfung geäussert hatte, wurde er zuerst disziplinarisch bestraft, weil er sich weigerte, in seiner Praxis eine Gesichtsmaske zu tragen.

Als der Allgemeinpraktiker letzte Woche aus einem Urlaub zurückkehrte, überreichte ihm die Polizei ein Schreiben des Luzerner Kantonsarztes. Es informierte Heisler über die «Eröffnung eines aufsichtsrechtlichen Verfahrens» und den «Vorsorglichen Entzug der Bewilligung». Auf Deutsch: Berufsverbot.

Der Kantonsarzt vergreift sich an der Meinungsfreiheit

Neben bekannten Vorwürfen kam noch ein dritter dazu: «Schrecken der Bevölkerung». Doch, das gibt es als Straftatbestand; Heisler soll geschreckt haben, weil er sich öffentlich gegen Corona-Impfungen ausgesprochen habe. Beweis: eine Sammlung von Pressemeldungen.

Wie Heisler erfahren musste, berichtet «Die Ostschweiz»,  greift hier eine Verhöhnung eines fundamentalen Prinzips des Rechtsstaats. Das Berufsverbot gilt per sofort, ein Rekurs dagegen hat keine aufschiebende Wirkung. Das bedeutet, dass der Arzt seine Unschuld beweisen muss, wenn er wieder praktizieren will.

Schon das ist bedenklich. Noch bedenklicher ist, dass abgesehen von «Die Ostschweiz» und nau.ch kein Medium es bislang für nötig fand, über diesen gravierenden Vorfall zu berichten. Angeblich soll es ja noch Lokalredaktionen im Hause CH Media geben, zum Beispiel in Luzern. Aber die hat offenbar anderes zu tun – oder traut sich schlichtweg nicht.

Wer einwendet, dass das doch wohl bedauerlich, bedenklich, aber halt doch ein Einzelfall sei, sollte sich an einen guten Satz des Erfinders unserer Gewaltenteilung erinnern:

Das Unrecht, das dem Einzelnen widerfährt, ist eine Bedrohung für alle.

Wie man Tritte verteilt

Schweizer Medien machen internationale Schlagzeilen. Nur keine positiven.

Kaum hat sich der diplomatische Sturm über CH Media gelegt, ist schon das nächste Tief im Anmarsch. «Schweizer Journalistinnen prangern Sexismus an», entrüstet sich der «Spiegel» und berichtet von einem «offenen Brief» über «Einschüchterungen, Lohnungleichheit und Machosprüche».

Der hier betroffene Tamedia-Konzern hatte kurz zuvor noch seine Solidarität mit CH Media ausgedrückt: «Über hundert Botschafter in Genf machen sich lächerlich», höhnte er. Die hatten sich darüber echauffiert, dass CH Media die neue Direktorin der WTO als «Grossmutter» tituliert hatte. Es hätte sicherlich sinnvollere Titel für Ngozi Okonjo-Iweala gegeben, in Harvard ausgebildet, Mehrfach-Ministerin in Nigeria.

Aber der Tagi konstatiert ein «höchst problematisches Demokratieverständnis» dieser Diplomaten, die teilweise Länder verträten, bei denen die Bezeichnung Grossmutter zu den kleineren Problemen gehörten, denen sich Frauen ausgesetzt sähen.

Aber welche Probleme haben Frauen mit Tamedia?

Also das typisch Schweizerische: erst mal vor der eigenen Türe kehren, bevor jemand vor unsere spuckt. Entschieden schmallippig reagiert aber Tamedia bislang auf die eigene Mannschaft, Pardon, Frauschaft, die sich über üble Zustände in der Steinzeithöhle der Tamedia-Redaktionen beschwert, in der Machomänner noch mit der Keule rumlaufen und Frauen zumindest verbal belästigen, niedermachen, diskriminieren.

Von wenigen Ausnahmen wie der Branchenplattform persoenlich.com abgesehen – und natürlich abgesehen von ZACKBUM.ch –, herrschte anfangs betroffenes Schweigen im Blätterwald. Für Rauschen sorgte dann der «Spiegel»: «78 Journalistinnen der Schweizer Mediengruppe Tamedia haben sich in einem offenen Brief über strukturellen Sexismus in ihren Redaktionen beschwert.»

Als titelgebenden Uralt-Blödspruch zitiert das Blatt aus Hamburg: «Bei dir im Hintergrund schreit ein Kind, habe ich das mit dir gezeugt?» So und anders würden Frauen im Tamedia-Konzern verbal belästigt, listen die Journalistinnen auf sieben Seiten auf. All diesen Beispielen sind aber zwei Dinge gemeinsam: ihr Diskriminierungs- oder Sexismusgehalt hält sich in Grenzen. Was die Mackersprüche nicht entschuldigt, aber den anklagenden Ton des Schreibens doch etwas problematisch macht.

Ausschliesslich anonyme, nicht überprüfbare Vorwürfe

Zum zweiten stehen zwar die 78 Journalistinnen mit ihrem Namen hinter dem Schreiben und den Vorwürfen, aber alle diese Vorfälle sind anonymisiert. Weder Täter, noch Opfer sind identifizierbar, daher die Vorwürfe nicht verifizierbar.

Dass sich Mitarbeiterinnen nicht outen wollen, ist noch einigermassen verständlich. Wieso aber auch die im Schreiben zitierten «mehrere talentierten, erfahrenen Frauen», die angeblich aus Frust darüber, dass sich «die Situation der Frauen» nicht verbessere, sondern verschlechtere, gekündigt hätten, nicht mit Namen dazu stehen, ist verwunderlich.

Diese miese «Republik»-Masche der ausschliesslich anonymen Denunziation ist ein Problem dieses Protestschreibens. Aber nicht das einzige.

Viele Fragen bleiben sperrangelweit offen

Es gibt auch eine ganze Reihe von Mitarbeiterinnen bei Tamedia, die nicht unterzeichnet haben. Es gibt offenbar einige, die aus Gruppendruck unterzeichnet haben. Dann gibt es noch ein weiteres Problem. Wie ist dieses Schreiben bis zum «Spiegel» gelangt und liegt auch uns vor? Wir wissen, wie das ablief.

Dabei erhebt sich aber die Frage, ob alle 78 Unterzeichnende darüber informiert und damit einverstanden waren, dass man den 12-Seiter raushaut. Zudem schreiben ja selbst solidarische Frauen nicht im Kollektiv ein solches Manifest mit schwerwiegenden Anschuldigungen, Forderungen und einem Ultimatum.

Zwei Hinweise auf die Autorin gibt es schon mal. Wir werden all diesen Aspekten auf den Grund gehen. Dazu gehört auch, dass die Co-Chefredaktorin des «Tages-Anzeiger» gleichzeitig die «interne Arbeitsgruppe» zum Thema Diversity leitet. «Im Zentrum steht im Moment die Frauenförderung.»

Wie kann es sein, dass Priska Amstutz sogar einige ihrer leitenden Redaktorinnen einen solchen flammenden Protest öffentlich reinhauen? Waren da alle internen und weniger Staub aufwirbelnden Möglichkeiten tatsächlich erschöpft?

Wie soll die angeschriebene und öffentlich an den Pranger gestellte Geschäftsleitung reagieren?

Schliesslich: wie können nun männliche Vorgesetzte bei Tamedia bei jeglicher Kritik an Werk oder Leistung einer Mitarbeiterin dem Vorwurf entkommen: «Das sagst du nur, weil du ein Mann bist und ich eine Frau»? Oder: «Das empfinde ich aber so, und du als Mann kannst dich da gar nicht reindenken»?

Wie auch immer ist damit die Tätigkeit dieser Arbeitsgruppe, in der auch Oberchefredaktor Arthur Rutishauser und Co-Chefredaktor Mario Stäuble sitzen, desavouiert. Um es sanft zu formulieren. Ganz abgesehen davon, dass Tamedia nun mit Häme überschüttet wird, dass die Journalisten in x Kommentaren und Berichten Frauendiskriminierung in jeder Form beklagen, denunzieren, Veränderung fordern. Aber im Glashaus der Redaktion sollte vielleicht nicht mit Steinen geworfen werden.

Die Chefetage entschuldigt sich und kniet nieder

Schliesslich: Welche Handlungsoptionen hat nun die Chefetage von Tamedia? Haupt senken und Besserung geloben? Aussitzen? Ranzig werden und wegen Geschäftsschädigung und Verstoss gegen Treu und Glauben Verweise verteilen? Vorläufig haben sich Amstutz und Rutishauser zum Kotau entschlossen. Tropfen vor «Betroffenheit», halten das im Anklageschreiben Dargestellte für inakzeptabel. Tun also so, als ob ihnen das alles neu wäre. Tun so, als ob anonyme Behauptungen gleichzusetzen sind mit der Wahrheit.

Zudem gibt es noch einen nicht unwichtigen finanziellen Aspekt. Im Protestschreiben wird auch eine deutliche Lohnungleichheit durch Geschlecht kritisiert. Im sicherlich rein zufällig am gleichen Tag versandten Schreiben der Tamadia-Geschäftsleitung heisst es aber: «Die Lohngleichheit wird regelmässig mittels Lohnanalysen überprüft. Diese zeigen, dass es keine Hinweise auf systematische Unterschiede gibt.»

Einer von beiden lügt hier, die Protestierenden oder die Geschäftsleitung.