Ombudsstelle: Die beiden Comedian Disharmonists

Noch viel Arbeit für die Anfänger

Kurt Schöbi und Esther Girsberger bilden seit April 2020 die neue Ombudsstelle der SRG. Die beiden sind bereits jetzt ziemlich erledigt. Vor zwei Wochen schrieben sie einen Erfahrungsbericht, der sich eher wie ein dringlicher Erschöpfungsbericht anhört: «Der Coronapandemie hat es die Ombudsstelle zu «verdanken», dass bis Mitte September 760 Beanstandungen eingegangen sind und damit schon mehr als im gesamten Jahr 2019.»

Ein Beanstander habe sogar zehn Beanstandungen eingereicht, klagen Schöbi und Girsberger. Was besonders schwer wiegt: Dieser Typ zählt zu den «mühsamen» Verschwörungstheoretikern. Eine Zumutung für die neuen Ombudsleute. Und dann diese überstundenvielen Beanstandungen! Für den unbekannten Herr Schöbi und die zu vernetzte Frau Girsberger ein Ablöscher.

 

Damit die Leute da draussen auch einmal ein bisschen auf dem Balkon klatschen, haben Schöbi und Girsberger einen Comic in Auftrag gegeben: Darin sieht man eine Kurve, die exponentiell in die Höhe und durch den Bilderrahmen schiesst. Handelt es sich dabei um Corona-Fälle?  Nein, alles noch viel schlimmer: Die Kurve zeigt die Beanstandungen bei der Ombudsstelle an. So lustig.

Was ist eigentlich noch schlimmer als Stress und unpassende Witze? Falsches Berufsverständnis. Auf die selbst gestellte Frage, wie sie auf diese vielen Fragen adäquat reagieren sollen, antworten sie: «Indem wir versuchen, die Redaktionen ihrer primären Aufgabe nachgehen zu lassen, nämlich ihrer journalistischen Arbeit.» Falsch. Die Ombudsstelle, so steht es in der Eigenbeschreibung, «prüft die Beanstandung, fragt unter Umständen nach und vermittelt zwischen den Beteiligten.»

Das sollte die Kernaufgabe sein: die Vermittlung zwischen Gebührenzahler und den Journalisten. Aber sicher keine Veräppelung durch einen Comic, auch wenn das Schöbi und Girsberger auf Anfrage anders sehen: «Für uns stellt der Comic keine Veräppelung dar.» Und was der Comic gekostet hat, wissen sie entweder nicht oder wollen es uns nicht wissen lassen: «Kein Kommentar».

 

Aufgefallen I (Anna Rosenwasser)

Aus der Reihe: wichtige Texte aus der Schweiz

In loser Abfolge wollen wir kurz vor Jahresende herausragende Texte erwähnen, die in diesem schönen Jahr besonders aufgefallen sind. Mich hat vor allem ein Text der Journalistin Anna Rosenwasser erheitert. Die junge Frau hat in der «Annabelle» einfühlend über ihre Brüste geschrieben.

Rosenwassers Problem: Die beiden Dinger sind gross, enorm gross: 80D. Im Motorsport wären das 400 PS. Die Journalistin versichert der Leserschaft mehrmals, dass sie über ihren Busen eigentlich nicht schreiben will. Das macht den Artikel aber nur noch spannender.

Das Problem von Riesenbrüsten ist anscheinend: «In Zürich ist es einfacher, an Koks ranzukommen als an einen passenden BH.» Das wusste ich nicht. Aber stimmt diese Information wirklich? In der Migros gibt es den «Sloggi BH B-Cup Sensual Fresh weiss» sogar in der Körbchengrösse 85C. Und der Manor verkauft den BH Doreen auch in der Grösse 95B. Der jüngste Kommentar einer anscheinend glücklichen Kundin lautet: «Sitzt angenehm, schneidet nicht ein.»

Trotzdem finde ich den Text sehr gelungen. Rosenwasser hat eine provokative Schreibe und wagt sich an Themen heran, an die sich Frauen normalerweise nicht getrauen.

Die Journalistin lässt auch die Bemerkungen nicht aus, die sie leider immer wieder hören muss. Ich finde es schrecklich, dass Männer im Jahr 2020 diffamierende Bemerkungen wie «Riesenglocken» verwenden. Der Ausdruck «Rosenglocken» wäre passender, finde ich.

Rosenwasser schreibt: «Grosse Brüste sind keine Einladung. Erst eine explizite Einladung ist eine Einladung.» Das stimmt.  Am besten schriftlich. «Ob Brüste hot, praktisch oder irrelevant sind, bestimmt in jedem einzelnen Moment einzig und allein die Person mit den Brüsten.»

Da bin ich wieder anderer Meinung. Als «irrelevant» würde ich weibliche Brüste nicht nennen. Auch nicht als Frau. Ich wünsche mir für das kommende Jahr aber noch mehr solche Texte. Bravo!

Unser Ranking zum Schweizer Journalisten: the winner is …

Zackbum hat auch gevotet. Journalist des Jahres ist …. Roger Schawinski.

Etwa 800 Leserinnen und Leser des Schweizer Journalisten machten mit bei den diesjährigen Wahlen. Das sind immerhin gut viermal mehr, als bei den «Mediensprechern» des Jahres voteten. Aber jetzt mal Tacheles gesprochen. Journalistinnen und Journalisten sind doch Wesen mit eigenem Denkapparat. Ist es da wirklich demokratisch, wenn man nur auswählen darf? Wenn man nur Kreuzchen machen darf? Da kommt einem die unselige Geschichte der «Besten Sportler und Sportlerinnen der vergangenen 70 Jahre» von SRF in den Sinn. Tennisgöttin Martina Hingis wurde nicht nominiert, weil sie früher mal für ein Dopingvergehen gesperrt war. Hä?

Langer Rede, kurzer Sinn. Hier das ZACKBUM-Ranking der besten – und der schlechtesten – Journalisten der letzten Zeit.

+ bedeutet anerkennend und ernst gemeint
– bedeutet bitterböse, aber auch ernst gemeint

Journalist des Jahres
+ Roger Schawinski (Radio 1) Schawinski trägt persönlich enorme Verluste wegen fehlenden Werbeeinnahmen, hat aber niemandem gekündigt. Hat sein Angebot sogar während der Krise ausgebaut. Und er ist als Moderator wegen Corona zu neuen Höchstleistungen aufgestiegen, mit seinem Talkradio. Zudem ist sein Doppelpunkt nach wie vor das Mass aller Interviews.

Allerdings wurde Roger Schawinski vom Schweizer Journalisten noch nie in dieser Funktion ausgezeichnet. Erstaunlich…

Chefredaktion
+ Kaspar Surber (WoZ)
Weil das Original doch besser ist als die Republik.
– Arthur Rutishauser (Tamedia)
Als Obersuperchefredaktor schreibt er unglaublich viel, lässt dafür seine Redaktionen ausbluten.
+ Gaudenz Looser (20Min)
Ein Macher, der Online-Titel gerne umschreibt, um mehr Klicks zu generieren. Der Erfolg gibt ihm recht.

Reporter
+ Andreas Schmid NZZaS
Jeden Sonntag liefert der stille Schaffer Primeurs. Etwa jenen des Mörserpanzers der Armee, der nur bei schönem Wetter funktioniert.
+ Ralf Kaminski (Migros-Magazin) Immer wieder schön am Puls der Zeit und unaufgeregt. Stellt sich selber nicht in den Vordergrund.

Sport
+ Steffi Buchli
Sie ist und bleibt die «Gute-Laune-Moderatorin», ob bei UPC oder beim Blick.

Recherche
– Roman Zeller, Weltwoche. Wie er Salomé Balthus ausführte und das Balzgespräch nachher zu Papier bringen konnte, ist brillant.

Gesellschaft
+ Eva Hediger, Chefredaktorin Hello Zurich
Setzt um, was tsüri.ch immer nur in Aussicht stellt

Politik
– Dennis Bühler (Republik)
Der  Bundeshausjournalist, der auch beim Schweizer Journalisten den Takt angibt. Stellvertretend steht Bühler für ein Portal, das sich völlig kritikunfähig gibt.

Wirtschaft
+ Lukas Hässig (Inside Paradeplatz) Es kann einfach niemand anderen geben. Hässig stellt alle anderen Wirtschaftsjournalisten in den Schatten.
+ Arthur Rutishauser (Tamedia)
Erstaunlich, was er als Obersuperchefredaktor für Storys ausgräbt.

Kolumne
+ Ruedi Widmer (WoZ)
Ruedi ist nicht nur ein begnadeter Cartoonist, er hat auch eine brillante Schreibe. Aber weil er mit seinen charakteristischen Männchen so gut ankommt, kommt er viel zu wenig zum Schreiben. Schade.

Kultur
+ Daniele Muscionico
Seit vielen Jahren die Instanz für Theaterkritik. Jetzt schnöde abserviert von der NZZ.

Newcomer
+ Anielle Peterhans. Volontärin bei SRF und Teil des Rundschau-Cryptoleaks-Rechercheteams. Das muss man auch erst einmal zustandebringen.
+ Dembah Fofanah & Ben Pauli, die beiden Gründer des Kollektivs Voda.ch. Sie benennen Diskriminierung und Rassismus in der Schweiz.
+/- Die ZACKBUM-Macher: man liebt sie, oder man hasst sie.

Nachtrag: In einer ersten Version ist die Rubrik «Local Heroes» nicht erschienen. Wir liefern sie hier nach.

Local heroes
+ Nadia Rohner (CH Media)
Die Lokalredaktorin der Aargauer Zeitung ist zuständig für die Gemeinden Aarau, Buchs, Auenstein, Biberstein, Küttigen, Densbüren und Erlinsbach zuständig. Daneben engagiert sie sich beim Verein Medienfrauen Schweiz.
+ Ruedi Baumann (Tagi)
Das Urgestein hat fast 50 Jahre lang jeden Tag einen Text über den lokalen Mikrokosmos geschrieben – zuletzt für den Tages-Anzeiger. Er ist vor wenigen Wochen in den verdienten Ruhestand getreten.

 

 

 

 

 

SRF lügt Journalisten an

Ein Comedy-Kanal von SRF verschickt unter falschem Namen Medienmaterial an Redaktionen, das erstunken und erlogen ist. Mit einer Entschuldigung tut sich SRF schwer.

Irgendwie war die Geschichte so dreist und fies, dass sie von Medienschaffenden nicht gross aufgenommen wurde. Persoenlich.com brachte eine Kurzmeldung, ebenso Blick. Sonst blieb es eher ruhig. Eigentlich erstaunlich. Denn SRF hat Journalisten schamlos angelogen und die entstandenen Geschichten ausgenutzt, um mehr Klicks auf dem SRF-Portal zu generieren.

Der Poetry Slammer Fitim Lutfiu fragte nochmals nach auf den Redaktionen

Am Anfang stand ein E-Mail mit Fotos und ein zusätzlicher Telefonanruf an verschiedene Redaktionen. Tele Züri, Blick, Tages-Anzeiger. Die Lokalinfo* mit verschiedenen Quartierzeitungen in Zürich. Ein Leser habe einen Wolf gesehen am Üetliberg. Weil am Tag zuvor in Niederweningen fünf Schafe gerissen wurden, war die Sichtung nicht 100 Prozent abwegig. So recherchierten TeleZüri und auch die Lokalinfo. Albion Ademi, der Spaziergänger, der den Wolf gesehen haben wollte, erzählte die Geschichte durchaus glaubhaft. Grün Stadt Zürich sagte auf Anfrage, man gehe eher von einem Hund aus. Später deckte der Blick auf: Alles gelogen. Der Wolf war ausgestopft. Die vermeintliche Sichtung hatte nichts zu tun mit den toten Schafen in Niederweningen. Es war ein Scherz der Comedy-Abteilung von SRF. Journalisten aufs Glatteis führen? Sich als Gebührensender lustig machen über Journalistenkollegen? In Zeiten von Fake-News ist das nur mässig lustig.

Das Hin und Her bei den den Antworten

Auf Anfrage versuchte sich SRF herauszureden. Die Medienstelle beantwortete den folgenden Fragenkatalog pauschal.

  1. Warum log SRF Medienschaffende bewusst an?
  2. Warum erfolgte nicht wenigstens von sich aus eine Richtigstellung, resp. Entschuldigung?
  3. Welches sind die Konsequenzen für die beiden SRF-Angestellten Julian Graf (28) und Ramin Yousofzai (28)?
  4. Was kostete die Miete des ausgestopften Wolfs und das Engagement des Schauspielers «Albion Ademi»?
  5. SRF bediente sich eines negativen Klischées über Ausländer. Schlechtes Deutsch, nicht ganz dicht. Was soll daran lustig sein?
  6. Könnten wir bitte noch eine offizielle Entschuldigung haben von SRF, die wir publizieren können?

Immerhin. Irgendwann rief Manuel Thalmann, Bereichsleiter Jugend, SRF, an und entschldigte sich mündlich. Später folgte eine Antwort der SRF-Medienstelle, als O-Ton Manuel Thalmann zugeordnet: «Bei «Zwei am Morge» handelt es sich um einen Comedy-Kanal. Da gehört es dazu, Charaktere überzeichnet darzustellen und Akteure auf die Schippe zu nehmen. Zudem wurde im Video klar aufgezeigt, weshalb dieser Weg gewählt wurde. Leider haben wir es versäumt, die Aktion bei allen von uns angegangenen Medien aufzulösen. Dafür entschuldigen wir uns. Das «Zwei am Morge»-Team hatte keinerlei Absicht, jemanden zu verletzen oder blosszustellen.»

Die weiteren Fragen wurden nicht beantwortet. Erst auf nochmalige Anfrage dann diese Antworten:

Gerne verweise ich Sie auf unser bereits genanntes Statement, das die Fragen 1, 2 und 6 bestens beantwortet:

Welches sind die Konsequenzen für die beiden SRF-Angestellten Julian Graf (28) und Ramin Yousofzai (28)? Wie bereits im Statement genannt, handelt es sich bei «Zwei am Morge» um einen Comedy-Kanal, bei dem es dazugehört, Akteure auf die Schippe zu nehmen. Selbstverständlich wird die Aktion folglich keine Konsequenzen haben für Julian Graf und Ramin Yousofzai.

Was kostete die Miete des ausgestopften Wolfs und das Engagement des Schauspielers «Albion Ademi»? Der Wolf hat 100 Schweizer Franken Miete gekostet und die Gage des Poetry Slammers Fitim Lutfiu belief sich auf 300 Schweizer Franken.

SRF bediente sich eines negativen Klischées über Ausländer. Schlechtes Deutsch, nicht ganz dicht. Was soll daran lustig sein? Wie bereits im Statement genannt, handelt es sich bei «Zwei am Morge» um einen Comedy-Kanal, bei dem es dazugehört, Charaktere überzeichnet darzustellen. Es liegt zudem in der Natur der Sache, dass nicht jedes Comedy-Element den Geschmack aller trifft.

Aufs Glatteis geführt

Was bleibt? SRF baut nicht nur seine Online-Berichterstattung aus. SRF führt auch redliche Redaktionen aufs Glatteis. Gerade Tele Züri macht im Lokalen einen guten Job, ebenso wie Schweiz aktuell von SRF. Letztere aber mit einem zehnmal höheren Budget.  Hoffentlich bleibt die Wolfgeschichte also ein Einzelfall.

*Packungsbeilage: Der Autor arbeitet zu 90% bei der Lokalinfo und hat die Fake News von SRF hautnah miterlebt.

 

Corona sei Dank

Am Unispital Zürich geht es zu und her wie in einer Metzgerei. Skandal nach Skandal. Segelt aber unter «ferner liefen».

Es gibt die (wenigen) Guten in diesem unglaublichen Skandal. In erster Linie ist das Professor Paul Vogt. Als es Anfang dieses Jahres nicht gelang, anschwellendes Gemurmel bezüglich der Herzklinik des Uni-Spitals und ihres damaligen Leiters unter dem Deckel zu halten, liess sich die Spitalleitung mühsam zu einer externen Untersuchung tragen.

Als dann verdienstvollerweise der «Tages-Anzeiger» und «Inside Paradeplatz» immer tollere Stücke aus diesem Tollhaus veröffentlichten, sah sich die Spitalleitung gezwungen, ihren bis dahin hochgelobten Herzchirurgen, weltbekannten Experten, hochangesehenen Professor Dr. Francesco Maisano, zu beurlauben. Nur für die Zeit der Untersuchung, die dann, Überraschung, ein paar kleine Fehler fand, aber eigentlich nichts Gravierendes.

Was einer alleine alles ausrichten kann

Aber während die Spitalleitung bis hinauf ins Kontrollgremium Spitalrat meinte, in Vogt einen stillen Verwalter in Notzeiten gefunden zu haben, täuschte sie sich schwer. Denn der stiess innert kürzester Zeit auf einen ganzen Berg von Schweinereien. Was Operationen, den Einsatz eines nutzlosen Ersatzteils, das aber von einer Firma hergestellt wird, an der Maisano beteiligt war, aber auch, was finanzielle Ungereimtheiten betrifft.

Was die Spitalleitung falsch eingeschätzt hatte: Vogt ist nicht nur völlig unabhängig, er ist auch ein Arzt, dem es nicht in erster Linie um das Wohl seines Portemonnaies geht, sondern um das der Patienten. Also setzte er die Spitalleitung so lange unter Druck, bis die die Beurlaubung Maisanos auf unbestimmte Zeit verlängerte.

Was den aber nicht daran hinderte, unter Ausnützung seiner Seilschaften an der Klinik, weiterhin sein Büro und die Infrastruktur zu benützen. Schliesslich räumt Vogt weiter auf; es gibt einen Exodus von rund 10 Maisano-Anhängern, der ehemalige Klinikdirektor wird dann fristlos gefeuert und es wird Strafanzeige wegen Urkundenfälschung gegen ihn eingereicht. Es besteht der Verdacht, dass Maisano Patientenakten manipuliert haben soll.

Ein völlig überforderter Spitalratspräsident

Dass der Whistleblower, der den ganzen Fall ins Rollen brachte, zuerst entlassen wurde, dann wieder eingestellt, dann nochmals entlassen, das ist nur eine Groteske am Rande. Nachdem sich der völlig überforderte Spitalratspräsident Martin Waser zunächst mit dem üblichen «es wurden Fehler gemacht» aus der Verantwortung stehlen wollte, muss er unter zunehmendem Druck zurücktreten.

Scherbenhaufen neben Scherbenhaufen; auch andere Klinikdirektoren sollen sich unrechtmässig bereichert haben, wurden entweder stillschweigend entsorgt oder zum Rücktritt getragen. Der Fall Maisano ist noch längst nicht abgeschlossen. Neben möglichen Operationsfehlern mit tödlichen Folgen, was zu unabsehbaren Haftungsfolgen führen wird, ist es auch nur dem Insistieren des Sohnes einer in der Herzklinik verstorbenen Patientin zu verdanken, dass sich an ihrer horrenden Rechnung bestätigte, was vorher schon vermutet wurde.

Krankenkasse zahlt, also kann abgezockt werden

Dass es zum guten Brauch, nicht nur an der Herzklinik, gehört, dass Ärzte sich für Operationen einschreiben, die sie gar nicht selbst durchführen. Dass sie an Besprechungen teilnehmen, die dann vierstellig in Rechnung gestellt werden, obwohl sie nicht gleichzeitig an vier oder mehr Meetings teilnehmen könnten oder sicher nicht sieben Stunden eines Arbeitstags damit verbrachten.

Das alles führte im Fall dieser betagten Patientin, über die noch beratschlagt wurde, als sie bereits im Koma lag, zu einer Gesamtrechnung von fast 200’000 Franken. Inklusive Eingriffen, Operationen, die von Fachleuten als völlig überflüssig taxiert werden. Aber das Problem ist: Krankenkasse zahlt, Kanton St. Gallen als Überweiser zahlt, dem Sohn blieb ein Selbstbehalt von lediglich 100 Franken.

Deswegen macht normalerweise niemand ein Büro auf, aber hier ging es einmal einem Unternehmer ums Prinzip. Alleine schon, um Einsicht in die detaillierte Rechnung zu bekommen, musste er einen Regierungsratsentscheid aufbieten; das Spital weigerte sich.

Ein Riesenskandal auf kleiner Flamme gekocht

Alles in allem ein Riesenskandal. Ein völlig unfähiges Kontrollgremium, das wie viele solcher staatlich dominierter Aufsichtsräte nicht nach Kompetenz, sondern nach Parteibuch und Seilschaften besetzt wird. So kam ein Waser, ehemaliger Lehrer und Stadtrat für Schulen, zu diesem Amt, da man noch ein Abklingbecken bis zur Pensionierung für ihn brauchte – mit einem netten jährlichen Salär.

Bislang im Amt halten konnte sich der Spitaldirektor Gregor Zünd. Er laviert geschickt damit, dass die unmögliche Struktur des Spitals – eine Kreuzung zwischen Uni Zürich und Kanton Zürich, ihm gar nicht die Möglichkeit gäbe, richtig durchzugreifen. Dann noch die Leier von bedauerlichen Einzelfällen, durchaus Handlungsbedarf, aber das sei oberhalb seiner Gehaltsklasse.

Maisano fuhr gewaltige Geschütze auf

Maisano zeigte zusätzlich, was man heutzutage alles auffahren kann, wenn man genügend Geld aufwirft. Er liess sich ein ihn völlig entlastendes Gutachten erstellen, mit dem er sich als unschuldiges Opfer darstellen konnte. Er motivierte die «Weltwoche» dazu, eine mehrteilige Kampagne gegen seinen Nachfolger und für Maisano zu fahren, der hier auch als Opfer finsterer Machenschaften verteidigt wurde.

Bis immer mehr Ungereimtheiten zum Vorschein kamen und die WeWo abrupt in ihrem Kreuzzug pro Maisano stoppte und verstummte. Ebenso wie die Solidaritätsadressen versiegten; nur das Kantonsspital St. Gallen war so blöd, sich stramm hinter Maisano zu stellen.

Anhaltend kranke Zustände am Spital

Also alles in allem ein anhaltender Skandal. Das wichtigste Spital des Kantons Zürich ausser Kontrolle. Versagen auf allen Ebenen. Gefährdung des Patientenwohls, Ärzte als gierige Beutelschneider zum Wohl der eigenen Geldbörse. Unfähige Aufsicht, unfähiger CEO, und was passiert? Ein paar Rücktritte, ein paar übliche Ankündigungen – und die berechtigte Hoffnung, dass man das aussitzen kann.

Corona sei Dank. Denn wenn das Unispital in den Medien auftaucht, dann als Mitsänger im Chor, dass dringend die Fallzahlen gesenkt werden müssten, man sei wieder an der Kapazitätsgrenze, schon erste Operationen mussten verschoben werden.

Missmanagement, über Jahre hinweg geduldet, offener Betrug auf Kosten der Krankenkassen und des Steuerzahlers? Jahrelang geduldet. Versagen aller Kontrollinstanzen und der Spitalleitung? Jahrelang geduldet. Abhilfe in Sicht? Nicht mal am Horizont. Corona sei Dank.

Praktisch keine Eigenleistung der Medien

Und den Medien, die auch hier weitgehend ihre Funktion als vierte Gewalt eingebüsst haben. So aufsehenerregend auch die Enthüllungen im Tagi und auf «Inside Paradeplatz» waren: Das war alles angefüttert, zugehalten. Keine Eigenleistung. Ausser vielleicht, sich juristisch abzusichern.

Genauso machte es Maisano auf der anderen Seite. Er beschäftigte sogar eine der üblichen, sackteuren und völlig ineffizienten Agenturen, die zunächst eine Riesenstrategie entwickeln, einen nicht minder riesigen Vorschuss kassieren, um dann kläglich zu versagen. Und die übrigen Medien machten das, was sie inzwischen am besten können: copy/paste.

Preisträger erfinden Zitate

Hört das denn nie auf? Diesmal haben Christof Gertsch und Mikael Krogerius knackige Dialoge erfunden – und damit einen Preis geholt.

Die gute Nachricht: Christof Gertsch und Mikael Krogerius haben beim Deutschen Reporterpreis Rang 1 geholt in der Kategorie «Sport». Das den Preis vergebende Reporterforum beschreibt ihren Entscheid so: «In ihrer Geschichte Der Boxer, der keiner sein wollte, erschienen im Magazin des «Tagesanzeiger», zeichnen sie nach, wie sich ein junger Mann Anfang der 90er Jahre an die Weltspitze boxt – und sich letztlich selbst besiegt. Sie brechen mit dem Klischee vom bitterarmen Straßenschläger, der über Leichen geht, sondern zeigen einen sensiblen Mann, der in dieser rauen Männerwelt eigentlich nichts verloren hat, der sich sehnt nach Anerkennung, Glück und der Liebe seines Vaters. Ein Stück, das berührt, das ausgeht vom Boxen, vom Sport, und am Ende bei den ganz großen Fragen landet.»

Die schlechte Nachricht:
Der Dialog am Anfang der Reportage ist erfunden. Die Gespräche in direkter Rede zwischen Mutter und Vater von Boxer Buster Douglas und von Mutter und Sohn Douglas haben vielleicht sinngemäss so stattgefunden. Aber sicher nicht in so geschliffener, klarer Sprache.

«Stimmt es,was man über den Gegner unseres Sohnes sagt?», fragt die Mutter. «Stimmt es, dass er ein Tier ist?»
«Ja», sagt der Vater.
«Ist er …. so wie du?»
«Ja», antwortet der Vater, früher selbst ein gefürchteter Boxer. «Ja, er ist wie ich. Er ist ein Killer.»

Und so weiter und so fort. Stattgefunden habe der Dialog am Neujahrstag 1990. Also vor 30 Jahren. Damals war Gertsch 8 Jahre alt, Krogerius immerhin schon 14.

Gertsch und Krogerius versuchen sich in der Reportage herauszureden: «Die Szenen klingen zwar wie ausgedacht, aber genau so schildern sie sowohl Buster wie auch sein jüngerer Bruder Billy.»

Seite 1 der Reportage mit dem knackigen Dialog.

Doch das geht gar nicht. Direkte Rede bringen Journalisten nur, wenn sie das Gespräch aufgenommen oder mitgeschrieben haben.
Bezeichnend ist, dass der Deutsche Reporterpreis bis 2018 viermal an Claas Relotius ging. Nachträglich versuchte sich das Reporterforum in ellenlangen Erklärungen zu rechtfertigen.
Cigdem Akyol, freie Journalistin, Zürich, schrieb 2019 zum Beispiel entschuldigend: «Es gibt durchaus Geschichten aus dem Ausland, die mich stutzigmachen: Manche Szenen und Dialoge passen einfach zu gut in dieDramaturgie, es wirkt perfekt.»

Umso fragwürdiger ist also der Einstieg in die Reportage.

Da kommt einem die legendäre Reportage von René Pfister in den Sinn. Unter dem Titel «Am Stellpult» hatte er die private Seite des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer als Modelleisenbahner dargestellt. Das durchaus originelle Bild: René Pfister  verglich die Herrschaft über Seehofers Miniaturwelt mit jener über den Freistaat in Beziehung. Später gab der Autor allerdings zu, dass er die Modellbahn im Keller von Seehofers Ferienhaus nie selbst gesehen hatte. Er musste den  Henri-Nannen-Preis in der Kategorie «Reportage» wieder zurück geben.

Was beim Reporterpreis 2020 und den erfundenen Dialogen in der Kategorie «Sport» passiert, ist noch offen. Es ist «eine der ganz grossen Fragen», wie es im Jurybericht unfreiwillig zweideutig heisst.

Preisträger: Alles Frauen oder was?

Der «Schweizer Journalist*In» fährt auch die Preisverleihung an die Wand.

Rankings, Auszeichnungen, immer eine gute Sache, um Aufmerksamkeit zu erregen. Damit konnte der «Schweizer Journalist» jahrelang punkten; ähnlich wie die «Bilanz» mit ihren «300 Reichsten».

Meistens waren die Preise verdient, und der Publikumspreis wurde unter lebhafter Beteiligung des Publikums vergeben. Das ist dieses Jahr alles ein wenig anders. Das Publikum bestand aus 892 Abstimmenden. Nun ja.

Ein Sportjournalist ist der einzige männliche Preisträger

Journalist des Jahres wurden die drei Journalistinnen der «Rundschau», die einen Beitrag zur Aufdeckung des Crypto-Skandals geleistet haben. Dass auch das ZDF und die «Washington Post» – die nebenbei am besten darüber berichtete – dabei waren: nun ja, beide sind nicht weiblich.

Das Geschlecht muss dieses Jahr eine herausragende Rolle gespielt haben, denn gerade ein einziger Mann schaffte es, Kategoriensieger zu werden. Noch-Präsident Trump würde da sicher von Betrug twittern, aber uns ist das Geschlecht von Preisträgern völlig egal. Die Frage, ob sie ihn auch verdient haben, beschäftigt uns schon mehr.

Welche Meriten, ausser das richtige Geschlecht?

Nehmen wir zum Beispiel die «Kulturjournalistin des Jahres». Dabei soll es sich um eine Namensvetterin von Simone Meier von «watson» handeln. Denn diese Meier kann nicht gemeint sein, für die ist Kultur ein Schreibfehler von Kult. Deren kultureller Horizont liegt so tief, dass sie geschmacklos davon schreibt, dass im Dritten Reich Juden «gecancelt» wurden. Und nicht mal einen Grund dafür sieht, sich wenigstens zu entschuldigen.

Gleich drei Preise regnen auf drei Frauen der «Republik» herunter. Darunter Wirtschaftsjournalistin des Jahres: Olivia Kühni. Nichts gegen sie, aber aufgrund welcher Leistung? Womit genau tritt sie in die Fussstapfen von Lukas Hässig, zum Beispiel? Die anderen beiden Preisträgerinnen der «Republik» sind leider namentlich oder leistungsmässig nicht bekannt.

Eine philosophische Gesellschaftsjournalistin, eine Kurzzeit-Chefredaktorin

Dann hätten wir noch die Nachfolgerin von Michèle Binswanger als Gesellschaftsjournalistin des Jahres: Barbara Bleisch von «Sternstunde Philosophie». Echt jetzt? Für ihre philosophischen Höchstleistungen wie diese, gegen die Platons Höhlengleichnis gewaltig abstinkt: «Wer das Schlangenbrot am Holzstecken in die lodernden Flammen hält, statt auf die Glut zu warten, muss einen Teigklumpen verspeisen, der aussen verkohlt und innen roh ist.» Mit solchen Sottisen sorgt sie im «Tages-Anzeiger» regelmässig für Heiterkeit, aber was soll das mit Gesellschaftsjournalismus zu tun haben?

Riesenfreude auch bei Nicole Meier von Keystone-SDA. Sie wurde zur «Chefredaktorin des Jahres» gewählt. Meier ist seit einem Jahr die Chefin der Nachrichtenagentur. Auf eine Ausschreibung wurde damals verzichtet. Das hat innerhalb der Redaktion zu Misstönen geführt. Sie sei eben «Wunschkandidatin der Geschäftsleitung» gewesen, heisst es auf Anfrage. «Unter diesen Umständen wurde konsequenterweise auf eine Ausschreibung verzichtet.»

Die rasende Reporterin des Jahres

Nehmen wir noch eine letzte Preisträgerin. Sarah Serafini von «watson» ist «Reporterin des Jahres». Mal ein Blick auf ihre letzten Reportagen, in chronologischer Reihenfolge: «Corona-Impfung: Was du über den Impfstoff wissen musst», «Coronavirus: Deutschland will Schulferien über Weihnachten verlängern», «Johnson sieht «hohe Wahrscheinlichkeit» eines No-Deal-Brexits». Und: «Skandalflug aus Surinam – Fifa-Chef Infantino steht vor Strafverfahren.»

Also entweder reiste die rasende Reporterin in den letzten Tagen nach Deutschland, London und fand noch Zeit für einen Abstecher nach Surinam – oder sie ist gar nicht so rasend. Das muss ja nicht gegen sie sprechen, aber «Reporterin des Jahres»?

Vielleicht nicht ganz alles verstanden

Vielleicht hat der neue Chefredaktor des «Schweizer Journalist» den zweiten Teil der guten Masche, durch Rankings und Auszeichnungen Aufsehen zu erregen, nicht verstanden. Oder vielleicht wollte er mit fast ausschliesslich weiblichen Preisträgern ein Zeichen setzen. Wie auch immer, Preise mit preiswürdigen Preisträgern sind gut. Preise, um ein Zeichen zu setzen oder um Preisträger zu küren, die nicht unbedingt preiswürdig sind, das ist schlecht. Denn wer möchte denn zum Beispiel gerne Nachfolger der Westentaschenphilosophin Bleisch werden? Oder der kulturfernen Simone Meier?

Also ich nicht. Aber ich bin ja auch disqualifiziert. Als Mann.

 

Ätzend, neutral, anbiedernd

Nachrufe à la Tagi, NZZ und Blick über Lucien Favre.

Der Bundesligafan aus der fernen Schweiz hatte es am Wochenende wieder mal ziemlich schwer. Zwar holte sich Union Berlin mit Trainer Urs Fischer aus Zürich-Affoltern einen Punkt gegen den Ligakrösus Bayern München. Aber am Sonntagmittag wurde Lucien Favre bei Borussia Dortmund entlassen. Die 1:5-Pleite gegen den Aufsteiger VfB Stuttgart war eine zu viel, wie es jeweils heisst. Wie so oft, wussten natürlich alle Sportjournalisten sofort, warum die sofortige Trennung die beste Lösung für den Malocherclub aus dem Ruhrpott ist. Oder wie es wir Schweizer bezeichnen: «Es ist der Totomat, der zählt», frei nach dem FC-Sion-Präsident Christian Constantin.

Eismeister Klaus Zaugg

Sportjournalisten sind ein spezielles Völkchen. Redaktionsintern stehen sie knapp über dem Autojournalisten, aber weit unter dem Ausland, der Wirtschaft und sogar der Kultur. Immerhin: Weil nichts älter ist als eine Sport-Vorschau nach dem Rennen, dem Match, dem Lauf, kann man sich viel erlauben. Paradebeispiel ist natürlich Doyen Klaus Zaugg. Er hat seine Sporen beim «Sport» abverdient und bekommt heute sein Gnadenbrot bei «Watson». Zwar schreibt er oft originell. Aber oft auch einen solchen Stuss, dass er nicht mehr ernst genommen wird in der Sportcommunity, geschweige denn von den Medienchefs in den Eishockeyvereinen. «Warum der SCB-Trainer gehen musste» oder «Warum sich Florence Schellings Wahl bis 2025 auszahlen wird» sind typische Arbeitsproben von «Bandengeneral und Eismeister» Zaugg.

Doch zurück zur Entlassung von Lucien Favre, dem international erfolgreichsten Schweizer Fusssballtrainer. Wie berichten die NZZ, der «Tagi» und der Blick? Interessanterweise höchst unterschiedlich.

Vorbildlich die NZZ. Stefan Osterhaus, seit vielen Jahren verlässlicher Bundesliga-Korrespondent der NZZ, schrieb am Montag einen differenzierten Nachruf. Er skizzierte die Ambivalenz der Klubführung und der Fans zum Thema Favre. Sein Fazit: Immerhin hatte man die vergangenen zwei Saisons unter Favre so viele Punkte geholt wie nie zuvor. Aber man wurde «nur» Zweiter. Am Dienstag folgte eine launische, aber faire Aufstellung über den Trennungsschmerz, den Favre bei seinen Abgängen seit dem Jahr 2000 ausgelöst hat. Etwa bei Yverdon, dem FCZ, Hertha Berlin und bei Mönchengladbach.

Ganz anders und viel ungnädiger der Tages-Anzeiger. Der Sonntagsdienst bediente sich schnöde bei der «Süddeutschen» und rückte den bösartigen Verriss eines Freddie Röckenhaus ins Batt. Röckenhaus, 64-jährig und in Dortmund geboren, zog über Favre her, wie das nur ein eingefleischter «Schwarz-gelb»-Fan tun kann. «Ein letzter Gruselschocker», so der Titel des Favre-Verrisses. Es ist immer sehr einfach, Entscheidungen zu kommentieren. Noch ein Beispiel: Endlich weg, «nun muss der sportliche Scherbenhaufen zusammengekehrt werden». Kein nettes Wort über den feinfühligen Romand. Nur «Stagnation und Verwirrtheit», so Röckenhaus. Für ihn als BVB-Fan ist die Sache sowieso einfach. Er wird wohl nie wieder zu tun haben mit Lucien Favre.

Das mit dem «aus den Augen, aus dem Sinn»  ist beim Blick nicht ganz so sicher. Fussball-Chef Andreas Böni würdigte Favre denn auch so: «Was Favre mit Spielern wie Jadon Sancho, Erling Haaland oder Giovanni Reyna gemacht hat, verdient grossen Respekt und Anerkennung. Auch wenn der BVB nun nach dem 1:5 gegen Stuttgart die Reissleine gezogen hat: Favre kann den Ruhrpott erhobenen Hauptes verlassen.»  Böse Zungen sagen nun aber, dass Favre ja dereinst Basel, YB oder seinen Stammverein Servette übernehmen könnte. Und dann muss man es als Blick gut haben mit dem Trainer in der kleinen Schweiz. Ausser er heisst Artur Jorge.  Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

In einer ersten Version war der Nachname von Andreas Böni (Blick) falsch geschrieben.

Drei Meldungen, eine Geschichte

Peter Wanner schreibt einen Brief, Jean-Martin Büttner muss gehen. SRF baut ab und um.

Er ist wohl das, was man ein Urgestein nennt. Noch länger als Rainer Stadler bei der NZZ harrte Jean-Martin Büttner beim Tagi, bei T, bei TX, bei Tamedia aus. 37 Jahre verbrachte er dort, sein ganzes Berufsleben.

Er ist Jahrgang 1959, fing 1983, nach Abschluss seines Studiums, beim Tagi an. Das heisst, dass er ein paar Jahre zu früh gefeuert wurde, um problemlos ins Rentnerdasein zu rutschen. Aber solche Kleinigkeiten spielen heutzutage keine Rolle mehr.

Wanner hat einen Brief mit Beilage geschrieben

Wie persoenlich.com exklusiv vermeldet, hat Hausherr Wanner allen Journalisten bei CH Media einen Brief geschrieben. Weihnachtsgrüsse, schwierige Bedingungen, «schätzen Ihren Einsatz sehr», Blabla.

Da dem Schreiben kein Zehnernötli beilag, obwohl sich ja auch dieser Verlag das traditionelle Weihnachtsessen sparen kann (der Zunft geschuldet mehr ein Weihnachtstrinken; welche fabulöse Alkoholrechnungen enthemmte Journalisten verursachen können, sagenhaft), schauten sich die Betroffenen eine Beilage genauer an.

«Leitlinien für den Lokaljournalismus», so der Titel des E-Mail-Anhangs. Interessant. Wird hier erklärt, wieso die Leitlinie daraus besteht, Aussenstationen zuzuklappen, Lokaljournalisten rauszuschmeissen oder zu Regional-, wenn nicht Kantonaljournalisten zu machen?

Leitlinien im luftleeren Fantasieraum

Das ist zwar die bittere Realität, aber davon will sich ein publizistischer Ausschuss doch nicht seine Illusionen nehmen lassen. Der Lokaljournalist müsse «den Stallgeruch spüren», vor allem «nahe dran bleiben», nicht zuletzt: «Man muss ihn mögen, damit er an Informationen herankommt.» So stellt sich das ein Club von überwiegend älteren Herren vor, die noch nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr so etwas wie Lokaljournalismus gemacht haben.

Schliesslich sitzt der «Kommunikationsberater» Peter Hartmeier* dem «Publizistischen Ausschuss» von CH Media vor, unterstützt von Koryphäen wie Esther Girsberger oder Peter Wanner himself. Natürlich darf auch die publizistische Leiter nach unten nicht fehlen, Pascal Hollenstein.

Man ahnt es, da kann ja nichts Gutes herauskommen. Nachdem man das den älteren Herren erklärt hat, sind sie nun überzeugt: «Mobile first». Irgendwie. Denn dank des Internets wisse man jetzt, «welche Titel und Artikel besonders gut klicken.» Da hat’s auch beim publizistischen Ausschuss (nomen est omen) spät, aber immerhin klick gemacht. Denn wenn man schon beim digitalen «Change» ganz vorne dabei ist, weiss man auch: «Der moderne Journalist ist ein Video-Journalist.» Denn auch das klickt ungemein.

Neuigkeiten von der Fernbedienung

Wunderbar, man hat sich sagen lassen, dass man nicht mehr nur mit der Fernbedienung, sondern auch mit – wie heisst das Zeugs schon wieder – Streamen bewegte Bilder anschauen kann. Multichannel, you know, Text ist so was von gestern, heute ist Bild und Ton und Text und Illu und Link, und Blog, und Social Media, und, und, und.

Wie macht das der moderne Journalist? Na, piece of cake, wie da der Digital Native sagt: «Mit Video‐ und Audio‐Schnipseln und Fotos bastelt der Journalist eine multimediale Story.» Manchmal gelingen selbst Pfeifen Sätze, die jeden weiteren Kommentar erübrigen. Ausser, dass noch nicht klar ist, ob das der Video-Journalist mit eigenen Mitteln und Selbststudium basteln soll oder nicht.

Bei SRF gibt es keine Bastelstunde

Entschieden weiter mit Video- und Audioschnipseln und überhaupt im Netz ist SRF. Als die Direktorin Nathalie Wappler im Livestream (nimm das, publizistischer Ausschuss) ihre Untergebenen darüber informierte, dass es ihr wirklich ernst ist mit dem digitalen Umbau, meinte man gigabyte-mässig immer noch Unglauben und «lassen uns doch nicht die Festtage völlig versauen» zu spüren.

Denn Wappler kündigte konkret an, dass im Januar die ersten 66 Vollstellen gekündigt werden. Sozialplan vorhanden. Insgesamt verabschiedet sich SRF in den nächsten zwei Jahren von 211 Stellenbesitzern. Das ist bei rund 3000 Angestellten nicht mal 10 Prozent, aber dennoch ist das üppig bezahlte Personal erschüttert, gerüttelt, gerührt und angefasst.

Gleichzeitig aber werden in einem ersten Akt 89 neue Stellen geschaffen. Was bedeutet, dass offenbar viele des Bastelns von Videos und Audios mächtige Mitarbeiter nicht in der Lage sind, ins Modern-Digitale umzusteigen. Eine Zeitenwende wie damals, als man den letzten Printjournalisten ihre Schreibmaschine wegnehmen musste und sie darauf aufmerksam machen, dass faxen nicht mehr die beste Übertragungsmethode ist.

Drei Meldungen, drei Erkenntnisse, eine Frage

Was sagen uns diese drei Ereignisse? Sie verschaffen drei Erkenntnisse. Texte von Büttner wären garantiert nicht besser geworden, wenn er sie mit Video- und Audioschnipseln verunstaltet hätte. Schlichtweg schon deshalb, weil ein guter Schreiber kaum auch ein guter Fotograf, Radio-Reporter oder gar VJ ist.

Was CH Media hier als Blick in die Zukunft vergeigt, ist das typische Resultat eines abgehobenen Altherrenvereins, der selbst vom Millionengrab watson.ch nicht gelernt hat, dass Internet nicht einfach Flimmern statt Drucken bedeutet. Und dass ein Lokaljournalist mit Kamera normalerweise schlechter ist als ohne. Insofern es ihn überhaupt noch gibt.

SRF hingegen, gebadet in genügend Zwangsabgaben, kann es sich leisten, bei der digitalen Transformation Nägel mit Köpfen zu machen. Zuerst ein wohlüberlegter Plan, dann die Strategie zur Umsetzung, dann die personellen Konsequenzen. Muss auch nicht unbedingt funktionieren. Aber im Vergleich zu Tamedia oder CH Media liegen Welten dazwischen.

Zwei Grosskonzerne ohne Konzept, ausser nach Staatshilfe zu krähen. Und ein mehr oder minder Staats-TV, dass verblüffenderweise nicht der Letzte im Umzug ist, wenn es um Paradigmenwechsel geht, sondern den Umzug anführt. Wie absurd ist das denn?

 

*Da sieht man, wie schnell ich abschalte, wenn sein Name erscheint. So heisst er richtig, nicht Hartmann. Schon wieder. Ich schreibe hundert Mal an die Wandtafel: Ich muss meinen Namens-Check verbessern. Aber immerhin, Dürrenmatt habe ich im ersten Anlauf richtig geschrieben.

 

Das «Päckli» von Gilles Marchand und Nathalie Wappler

Die SRG schweigt Sexismusdebatte im eigenen Magazin tot.

«link» heisst das Mitarbeiter- und Mitgliedermagazin von der SRG Deutschschweiz. Der Namen ist wohl abgeleitet vom englischen «link» für Verknüpfung. Oder «Das Glied einer Kette». In der aktuellen Dezemberausgabe ist das «Glied» – um diese zugegebenermassen mittel originelle Brücke zu schlagen – aber in keinerlei Hinsicht ein Thema. Obwohl die SRG-Führung wegen dem Star-Moderator Darius Rochebin vom Westschweizer Fernsehen (RTS) und seinen im Raum stehenden sexuellen Übergriffen arg unter Druck steht. Was viele SRG-Mitarbeitende beschäftigt, wird totgeschwiegen. Doch der Reihe nach.

«Keine Kenntnis gehabt»

Rochebin soll seine berufliche Stellung und sein Ansehen ausgenutzt haben, um zu Sex zu kommen. Ein weiterer Kadermitarbeiter sei ebenfalls übergriffig geworden, und «alle hätten davon gewusst». Darum forderten 550 Mitarbeitende von RTS, immerhin gut ein Drittel der ganzen Belegschaft, in einer Petition die Absetzung der beiden Kaderleute und eine externe Untersuchung. Und was hat das mit der SRG zu tun? Der heutige SRG-Generaldirektor Gilles Marchand war von 2001 bis 2017 RTS-Direktor. Gegenüber watson.ch sagte die SRG-Medienstelle, Marchand habe von den falschen Facebook-Profilen Rochebins, nicht jedoch den Vorwürfen der sexuellen Belästigung Kenntnis gehabt. Sein Nachfolger als RTS-Direktor habe im Herbst 2017 «Massnahmen gegen Rochebin bezüglich der Einhaltung der Berufsregeln» ergriffen, über die Marchand informiert worden sei. Nun fordern kritische SRG-Angestellte und Mediengewerkschaften gar den Rücktritt von Marchand.

Ladina Heimgartner als Nachfolgerin?

Felix E. Müller gab kürzlich in der NZZaS noch einen drauf und brachte Ladina Heimgartner als Nachfolgerin ins Spiel. Sie ist seit gut einem Jahr bei Ringier, vorher arbeitet sie lange bei der SRG. Sie hat einige Vorteile gegenüber Marchand. Sie ist eine Frau, sie ist in der rätoromanischen Schweiz aufgewachsen. Und sie ist erst 40-jährig. Das ideale Alter, um den angestrebten «Transformationsprozess» der SRG auch durchzuziehen. Sprich, mehr digital, weniger Gewicht auf linear ausgestrahlte Sendungen.

«Lassen Sie mich das erklären»

Aber was hat das nun mit dem SRG-Heftli zu tun? Viel und nichts. Denn das Thema Rochebin-Sex-Marchand ist auch in Leutschenbach allgegenwärtig. Viele Mitarbeitende sind sauer, wie die SRG und demzufolge auch SRF das Problem angehen. Man bekommt den Eindruck, wie wenn die Chefs einander decken wollten. Aussitzen lautet die Devise. Dass in den nächsten Wochen Kündigungen anstehen, spielt dem Kader sicher in die Karten. Wer will schon aufmucken, wenn seine Stelle in Gefahr ist? In diese Strategie des Schweigens und Aussitzens passt nun eben die neuste Ausgabe von «link». Kein Wort über das Rochebin-Thema. Kein Wort. Dafür schreibt SRF-Direktorin in salbungsvollen Worten viel und doch wenig Konkretes über das «Transformationsprojekt SRF 2024». «Lasen Sie mich das Prinzip der Transformation am Beispiel der Volksmusik erklären», schreibt die Chefin etwa. Gestelzter geht fast nicht. Und das in einem Mitarbeiterheft, einem internen Produkt von und für Mitarbeitende. Theoretisch. Immerhin erfährt der Laie nebenbei, dass bei SRF heute weniger als 10 Prozent «unserer Mittel ins Onlineangebot fliessen, in einem Jahr sollen es etwa 20 Prozent sein.» Der Verlegerverband wird sich freuen.

Wie eine Programmzeitschrift

Was bleibt sonst vom «link»? Das Heft wirkt wie eine Programmzeitschrift. Der Text «Play Suisse» könnte auch im «Tele» stehen. Ebenso wie die Rubrik «Neu im Programm». Dafür kommen porträtierte Mitarbeiter eher zu kurz. Das Heft wirkt ziemlich unpersönlich, ja fernab von der Basis. Da ist das von zackbum.ch auch schon kritisierte Ringier-Blatt Domo noch um einiges menschlicher. Doch hier wie dort zeigt sich, dass die Chefs das letzte Wort haben. Darum ist im «link» kein Wort zum Thema Sexismus und Darius Rochebin zu finden.

In einer ersten Version wurde «link» als Mitarbeitermagazin bezeichnet. Das stimmt nicht ganz. Es richtet sich neben den Mitarbeiteiterinnen und Mitarbeitern auch an die Mitglieder der SRG. Die Auflage beträgt gut 16000 Exemplare.