Zensoren und Grossinquisitoren

Sonst mit Hang zur Verstaatlichung, fordern vor allem Linksgrüne die Privatisierung der Zensur.

Der Genderwahn, also die auf einer Verwechslung von Genus mit Geschlecht beruhende Sprachvergewaltigung mit Sternchen, Binnen-I und anderem Schwachsinn, ist zwar ärgerlich, aber in erster Linie lächerlich.

Seit Voltaire den Schlachtruf «écrasez l’infâme» schuf (zermalmt das Niederträchtige), wogt ein ständiger Kampf gegen Intoleranz, Zensur und Fanatismus. Damals vor allem verkörpert von der Kirche, heute von Kreisen, die im Besitz der Wahrheit für das Gute und somit gegen das Böse zu kämpfen meinen.

Mit Forderungen nach Ausgrenzung, statt Debatten über Argumente werden angeblich dahintersteckende Gesinnungen, Haltungen denunziert. Nach der schäbigen Methode, sich jede geistige Anstrengung zu ersparen, indem man behauptet, wer so etwas sage, sei ein Ignorant, ein Hetzer, ein Unmensch, ein Rechtsradikaler, oder einfach ein Idiot.

Zurzeit ausser Betrieb: Scheiterhaufen für Hexenverbrennungen.

Während es früher – unter Ausnützung der von den Aufklärern, darunter Voltaire, erkämpften Meinungsfreiheit – lebhafte Debatten über Inhalte gab, werden heute Gräben ausgehoben und Stacheldrahtverhaue errichtet, in denen solche Diskussionen verröcheln.

Als Mob schützen vor Todesgefahr

Viel besser geeignet als doch eher abstrakte Themen wie Klimawandel, Sklaverei, Rassendiskriminierung ist die Pandemie. Hier geht es endlich mal um nicht kulturimperialistisch angeeignete Probleme, sondern angeblich um Leben oder Tod. Jeder Infizierte, dem man auf der Strasse begegnet, kann zum Mörder werden; dagegen müssen wir uns doch schützen.

Nicht nur mit Mundmasken, natürlich auch mit Maulkörben. Und als Mob. Wer sich fragte, wie eine Menschenmeute zur Bestie werden kann, Menschen durch die Strassen jagt, zur Selbstjustiz greift, nur noch blindem Hass folgt, sollte sich nur einen beliebigen sogenannten Shitstorm auf den sozialen Medien anschauen.

Mutig durch Anonymität wird hier Recht und Ordnung durch Willkür und Selbstjustiz ersetzt. Glücklicherweise meistens nur von Maulhelden, zu feige für jegliche andere Art der Aktion. Aber durch die Notwendigkeit, immer extremer zu werden, um überhaupt noch Aufsehen zu erregen, tobt und keift der Mob immer ungehemmter. Wer sich zum Beispiel die absurden Vorwürfe gegen die aufrechte SP-Genossin anschaut, die völlig zu Recht und wie von Obama abwärts viele Kommentatoren darauf hinwies, dass dunkelhäutige Menschen gut tanzen können, blickt in eine gähnende Leere.

Bewaffnet mit der Wahrheit einer besseren Welt

Gefüllt mit absurden Begriffen wie «struktureller Rassismus», gar «positiver Rassismus», also auch eine lobende Erwähnung von Eigenschaften sei natürlich rassistisch. Und wer entscheidet darüber? Natürlich die Besitzer der absoluten Wahrheit. Früher nahm das die Kirche für sich in Anspruch. Heute kann das jeder Idiot tun, der sich als Kämpfer für eine bessere Welt versteht.

Natürlich gehören solche künstlich befruchtete Dauererregungen schon länger in die Abteilung «Wahnsinn ist ansteckend», wirken nur noch lachhaft, wenn zum Beispiel argumentiert wird: «Auch die Absicht dahinter ist irrelevant, denn die Verletzung bleibt dieselbe. Auch wenn wir jemandem unabsichtlich mit einem Hammer auf den Daumen hauen, tut’s weh.»

Dazu kann man nur absichtlich sagen: Wieso tut es nicht weh, so einen Stuss mit ernstem Gesicht abzusondern? Aber der feministische, klimabewegte, antirassistische, Diversität verteidigende, fordernde und ablehnende Mob im Internet ist letztlich harmlos. Durchgedrehte Genderforscher, von Steuergeldern bezahlt, die rigorose Sprachregelungen an ihren Unis durchsetzen wollen, sind schon eine Runde gefährlicher.

Meinungen? Nein, Menschen, Haltungen, Gesinnungen

Durch die absichtliche Verwechslung von Meinung und Mensch liegt es natürlich nahe, nicht nur die Zensur seiner Meinung zu fordern, sondern gleich des ganzen Menschen. Deshalb wurde weitherum applaudiert, dass ein Lügner, Hetzer und Unmensch wie Donald Trump der Stecker gezogen wird. Fertig Twitter, fertig Facebook, fertig direkter Zugang zu seinen Anhängern.

Das wurde nicht nur von vielen linksgrün-feministisch bewegten Inquisitoren begrüsst. Auch viele Medien konnten der Aktion durchaus etwas abgewinnen. Logisch, weil Trump als Erster in diesem Ausmass ihnen vorgeführt hatte, dass er nicht von Massenmedien als Multiplikatoren oder Lautsprechern abhängig ist, um seine Ansichten unters Volk zu bringen.

Welche Ansichten das sind, wie man die qualifizieren muss, darüber herrscht ausserhalb der «Weltwoche» allgemeine Einigkeit. Aber eben nicht darüber, was man davon halten soll, dass ein autistischer Milliardär, ein etwas abgedrehter Erfinder eines Kurnachrichtendiensts, die Entwickler einer monopolistischen Suchmaschine, darüber entscheiden dürfen, was auf ihren Plattformen geht und was nicht.

Über viele Jahre hinweg entledigten sich die Besitzer sozialer Plattformen jeder Verantwortung, was auf ihnen getrieben wird, mit dem Argument, dass sie ja nur die Infrastruktur für privaten Meinungsaustausch zur Verfügung stellten; ausserdem sei es schlicht unmöglich, Milliarden von Posts ständig darauf zu kontrollieren, ob sie auch gesetzeskonform seien.

Milliardengewinne mit Trotteln, die alles für gratis halten

Zudem wiesen sie als völlig abwegig zurück, dass ihre Plattformen für politische Agitation, ja sogar Manipulation missbraucht werden könnten. So scheffelten sie in Ruhe mit geringem Aufwand Milliarden, während sich die Nutzer darüber freuten, dass ihnen hier angeblich völlig umsonst und aus Menschenfreundlichkeit gratis Tools zur Verfügung gestellt wurden, mit denen sie ihrer Einsamkeit oder Bedeutungslosigkeit entfliehen konnten.

Erst Bewegungen wie der arabische Frühling oder nachgewiesene Wahlbeeinflussungen durch ausländische Hackerarmeen oder üble Manipulatoren wie Cambridge Analytica sorgten für einen Meinungsumschwung.

Eine weitere Verteidigungslinie war, dass Äusserungen von Politikern einen Sonderstatus besässen, weil man ja politisch neutral bleiben wolle und deshalb nicht einfach zensurierend eingreifen könne. Aber am Beispiel Trump wurde dann auch das über Bord geworfen.

Bankrotterklärung des Rechtsstaats

Reine Heuchelei, nachdem man sich auch an ihm mit seinen Millionen Anhängern durch Werbung und Datenverkauf dumm und krumm verdient hatte. Aber als nur noch zwei Wochen seiner Amtszeit übrig waren, wurde der Abschaum, der das Kapitol stürmte, zum Vorwand genommen, mit staatstragender Miene seine Accounts zu sperren.

In Wirklichkeit ist das eine Bankrotterklärung des Rechtsstaats. Schon wieder, nachdem wir das finstere Regime der Kirche überwunden haben, wird das unverzichtbare Prinzip, dass nur ein Rechtsstaat nach Gesetzen und mit der Möglichkeit zur Gegenwehr der freien Meinungsäusserung Grenzen setzen darf, neuerlich durchlöchert.

Man kann nur froh sein, dass all diese kleinen Möchtegern-Inquisitoren, diese Westentaschen-Torquemadas, diese Sprachdenunzianten, diese Gesinnungspolizisten, die mit Willkür und Geschrei richten wollen, im Gegensatz zur richtigen Inquisition nur über begrenzte Mittel verfügen.

Die aber auch nicht zu unterschätzen sind. Welch unheilvolle Entwicklung sich hier abspielt, kann man einfach selbst herausfinden. Man vergleiche nur mal, was vor 20 Jahren noch im öffentlichen Diskurs möglich war, und was heute. Das ist keine Verbesserung, keine Reinigung, keine Ent-irgendwas. Das ist einwandfrei ein Highway to Hell.

Klare Sache für Moral-Ayatolle.

Neue Chefredaktoren gesucht

Gleich bei zwei Branchenmagazinen braucht’s neue Chefs.

Der Schweizer Journalist muss künftig ohne CR David Sieber auskommen und auch beim Gewerkschaftsheft Edito ist Nina Fargahi nicht mehr dabei. Während Sieber schon seit einigen «SJ»-Ausgaben angezählt wirkte, kam die Kündigung von Fargahi doch eher überraschend.  Gegenüber dem Onlineportal persoenlich.com sagte sie: «Nach über drei Jahren ist die Zeit für mich gekommen, Neues zu wagen.» Sie jubiliert ähnlich wie ein Fussballtrainer, der ein besseres Angebot bekommen hat. Als Grund des Wechsels gibt sie an: «CH Media hat eine grossartige Publizistik und ich freue mich auf die Berichterstattung aus Bundesbern sowie auf die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen.» Das tönt nicht unbedingt nach einer unabhängig-versierten Medienkritikerin. Aber die Abstecher ins Metier der Medienkritik ist nun ja vorderhand auch Geschichte. Damit zur grossen Frage, wer die Nachfolge antritt. Beide Verlage wollen in Kürze informieren.

Zeit für ein wenig Werweissen

Kronfavorit für den Schweizer Journalisten ist ohne Zweifel Dennis Bühler.  Der talentierte und kritische Schreiber ist zwar erst 34-Jährig. Er hat aber einen eindrucksvollen Werdegang hinter sich. Taktisch klug hat er regelmässig die Stelle gewechselt und kennt sich somit hervorragend in der Medienwelt aus. Seit 2018 berichtet er für das unabhängige Magazin Republik aus Bundesbern. Wie bei Nina Fargahi wäre nun ein Karrieresprung angezeigt. Positiv für die Ausgewogenheit des Schweizer Journalisten wäre zudem, dass Dennis Bühler seit April 2016 Mitglied der 1. Kammer des Schweizer Presserats ist.

In die engere Auswahl kommt – und ja, warum nicht – Nina Fargahi. Sie hat nämlich nur einen befristeten Vertrag bis Ende Jahr bei CH Media. Nach der Männerdominanz beim Schweizer Journalisten wäre sie eine durchaus starke Antwort. Denn vor David Sieber war Kurt W. Zimmermann am Ruder, er folgte auf Markus Wiegand, der das Blatt 2005 fulminant in bisher unerreichte Höhen führte. Weitere herumgereichte Namen: Rafaela Roth (33), die bei der NZZaS ein wenig zu versauern scheint, sowie Adrienne Fiechter, welche dem online angestaubten Branchenblatt neuen Schub verleihen könnte.

Bleibt die Frage, was mit dem Edito, dem Gewerkschaftsheft, geschehen soll. Man muss es offen sagen: In der heutigen Form hat das Magazin keine Zukunft. Die Papierausgabe hinkt enorm hinter dem aktuellen Geschehen hintennach. Die Recherchetexte wiederum riechen zu stark nach gewerkschaftlichen Gefälligkeiten. Das ist darum stossend, weil die Journalistengewerkschaften keinen Stich haben, wenn es ums Eingemachte geht. Siehe die Fusion von CH Media, siehe das Trauerspiel bei Tamedia. Dass ZACKBUM das Edito übernimmt und es vom Gewerkschaftsmief befreit, ist übrigens nicht mehr als ein Gerücht. Und diese werden nicht kommentiert, wie die Pressestelle von ZACKBUM zu sagen pflegt.

Frage an die ZACKBUM-Leserschaft: Wer ist für Dennis Bühler? Wer für …. ? Und was soll mit dem Edito geschehen?

 

 

 

 

Stöhlker im tiefen Tal vor hohen Bergen

Der Mann wird dieses Jahr 80. Leider hat auch er den Moment verpasst, wo’s dann mal gut ist.

Das erste Mal hörte ich den Namen Stöhlker, als Elisabeth Kopp ins Kreuzfeuer der Medien geraten war. Man konnte nicht mehr mit der bald einmal Alt-Bundesrätin direkt kommunizieren, sondern wurde an einen Klaus J. Stöhlker verwiesen. «Beratung, Öffentlichkeitsarbeit», das war 1988 in der Schweiz was Neues.

Bis heute pflegt Stöhlker sein deutsches Schweizerdeutsch, das jeden Eidgenossen die Wände hochtreibt. Um Sympathiepunkte ging es ihm nie, typisch deutsche Arroganz und Besserwisserei verbarg er nie. Genauso wenig, dass er zu eigentlich allem sofort eine Meinung hat, die natürlich die einzig richtige ist.

Sein Geschäftsprinzip, mal erfolgreicher, mal weniger, war immer: man muss mich nicht mögen. Aber wenn man mich braucht, liefere ich. Lange Zeit war er auf seinen Gebieten konkurrenzlos, bis immer neue Heerscharen von um ihre Zukunft fürchtenden Journalisten auch die Einkommensquelle «kommunikative Beratung jeder Art» entdeckten.

Mit der Zeit wurde es voller beim Angebot von Beratungen

Die Konsulenten und Co. über ihm, Katastrophen-Sacha Wigdorovits unter ihm, die Angebote wucherten, aber Stöhlker hielt sich über Wasser. Bis er dann 2003 seinen Söhnen Fidel und Raoul die Geschäftsleitung übergab, um sich der Rolle des «grumpy old man» zu widmen. Als grantiger, griesgrämiger Kommentator der Weltläufe und der Schweiz. Sozusagen Waldorf und Statler in einer Person, aus der Loge ins Publikum motzend. Aber nur selten so witzig wie die Zwei.

Was ihn auch auszeichnet, ist die Pflege seines Images als unguided missile. Da ohne eigene Haltung, entschied er sich oftmals spontan für eine Position. Unvergesslich, wie das Markus Gilli bei einem Talk recht ins Schwitzen brachte. Er hatte Stöhlker als Verteidiger des Finanzplatzes Schweiz eingeladen, mich als Bankenkritiker. Aber schon mit seinem ersten Votum schlug sich Stöhlker auf meine Seite und gab mir völlig recht.

Leider konnten die Zuschauer das lange Gesicht von Gilli nicht sehen, der dann – als gewiefter Talkmaster – halt selber die Rolle des tapferen Verteidigers der Gierbanker übernehmen musste. In Stereo beharkt von Stöhlker und mir.

Soft-Rassimus gegen einen eloquenten Deutschen

Es gibt allerdings ein Thema, bei dem entgleist Stöhlker schnell. Als vor einigen Jahren Roger Schawinski in seiner Talkshow die naheliegende Frage stellte, ob die Wahl der Vornamen seiner beiden Söhne vielleicht etwas mit den Gebrüdern Castro zu tun haben könnte, wurde Stöhlker unwirsch. Denn darauf wird er zwar häufiger angesprochen, verweigert aber jede Erklärung. Als ihn Schawinski daran erinnerte, dass Stöhlker wegen «unlauterer Geschäftsmethoden» aus dem Schweizer PR-Verband ausgeschlossen wurde, feuerte Stöhlker zurück, dass das eine Art von Soft-Rassismus sei, gegen einen eloquenteren Deutschen. Und überhaupt, Schawinski diskreditiere doch wegen seiner Herkunft laufend Moslem und Araber.

Als Schawinski dies klar dementierte und nachhakte, worauf sich Stöhlker beziehe, meinte der wichtigtuerisch, er habe dazu viele Belege in seinem Dossier über Schawinski. Sozusagen ein Klein-Cincera, ältere Semester erinnern sich noch. Schawi, verständlicherweise hartnäckig, hakte nach und verlangte diese Unterlagen. Stöhlker teilte ihm schliesslich lapidar mit, es gebe gar keine solchen Dossiers. Dazu Schawinski: «Ich empfand sein Verhalten als schändlich. Das war’s für mich. Ich wollte mit diesem Typen nie mehr etwas zu tun haben.» Vergangen, aber die Beschreibung ist nötig, um es mit Stöhlkers heutiger Darstellung zu vergleichen.

Deutsche und Juden, bis heute ein schwieriges Verhältnis

Man könnte den Mantel des Vergessens, die Gnade der späten Geburt über einen Ausraster Stöhlkers legen. Wenn er nicht kürzlich sich ohne Anlass oder Not des Themas Juden wieder angenommen hätte. In einer – gelinde gesagt – absonderlichen Art. So schreibt er auf «Inside Paradeplatz»: «Einer der bekanntesten Juden in Zürich ist Roger Schawinski, der Radio- und TV-Pionier. Seine freche und manchmal beleidigende Interviewtechnik machte ihn zur Kultfigur. Er holte mich für mehr als ein Jahrzehnt in die beste Talksendung der Schweiz, den «SonnTalk» von TeleZüri. Wir lieferten uns Schlachten.»

Schon hier ist alles drin, was den Text – und damit Stöhlker – unter Verdacht stellt. Denn Schawinski ist nicht «einer der bekanntesten Juden», sondern einer der bekanntesten Medienunternehmer, Publizisten, Talkmaster. Gleichzeitig kann’s Stöhlker nicht lassen, sich in Eigenlob zu baden. Grundfalsch, wie so oft bei Stöhlker, ist auch seine Behauptung von «mehr als ein Jahrzehnt» Sonntalk. Schawinski war nur sieben Jahre, von 1994 bis 2001, Besitzer und Chef von Telezüri. Stöhlker sass nur während eines Bruchteils dieser Zeit in einer regelmässigen Runde mit Schawinski und Peter Rothenbühler.

Nun muss man wissen, dass das Verhältnis von Deutschen zu Juden bis heute ein ganz anderes ist als das von Schweizern. Dass Schawinski jüdischen Glaubens ist, hat er nie ins Schaufenster gestellt oder im Sinn der Nazikeule verwendet. Also zum Austeilen von Beschimpfungen wie «das ist brauner Antisemitismus» oder «ich darf das so sagen, ich bin Jude». Erst in seiner Autobiographie geht er auf dieses Thema ein.

Stöhlkers Meinungsstück ist überschrieben mit «Kein Platz mehr für Juden im Saastal». Dessen Einwohner hätten «erneut ein Zeichen gesetzt, dass jüdische Touristen in der Schweiz nicht unbedingt willkommen sind».

Das könnte man noch als Kritik an dieser Haltung verstehen. Aber Stöhlker streut noch weitere Beispiele in den Text, als letztes eins aus Crans-Montana: «Der Besitzer der dortigen Bergbahnen, einiger Hotels und vieler Wohnungen, ist ein tschechischer Hedge Fund-Manager jüdischen Glaubens, der laufend im Konflikt mit den Behörden steht.»

«Die aus New York eingeflogenen Sänger waren Weltklasse»

Von diesem reichen und konfliktiven, ausländischen Juden wechselt Stöhlker dann nach Zürich. Dort lobt er zuerst deren «brillanten Köpfe in der Wissenschaft, als Unternehmer oder Künstler». Als Rückversicherung erwähnt er noch: «Immer wieder besuchte ich mit meiner Frau Kulturanlässe konservativer Juden in Zürich. Die jiddischen Lieder sind grossartig. Die aus New York eingeflogenen Sänger waren Weltklasse.» Ein gerne verwendetes Argument: Ich mag schwarzen Blues, wie kann ich da Rassist sein?

Auch hier entgleist ihm das Lob, «die aus New York eingeflogenen Sänger», man hat’s ja, als Jude. Dann die «Golan-Höhen» im Zürcher Enge-Quartier, der staunende Gast in jüdischen Protzvillen: «Jeder einzelne Raum ist von einer Pracht, die auch am reichen Zürichberg immer weniger anzutreffen ist.»

Sie sind halt auch ewige Wanderjuden: «Sie kommen aus aller Welt in unsere Berggebiete und erwarten, dass man auf sie eingeht. Niemand sollte erwarten, dass sie auf uns eingehen. Sie, die Frauen vor allem, tragen gerne Vollkörper-Badeanzüge im Pool. Sie essen nur koscher. Das gefällt nicht allen unseren Hoteliers und Wirten. Solche, die sich nicht gerne umstellen.»

Respekt und Toleranz, dann geht das schon mit den Nachbarn

Am Schluss dann ein Aufruf zu «Respekt und Toleranz», der in Zürich wie im Wallis erschalle und ein optimistischer Blick in die Zukunft: «Dann gehören die Konflikte zwischen der Grüezi- und der Koscher-Kultur bald der Vergangenheit an.»

Aber nur, wenn Stöhlker, wie viele Deutsche, die noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, zu diesem Thema die Schnauze hält. Nicht weiter grund- und sinnlos so ziemlich alle Klischees bedient, die das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden bis heute schwierig machen. Obwohl Stöhlker sich als Schweizer versteht und so auch die ewige Einleitungsfrage von Schawinski «wer sind Sie?» beantwortete, ist er beim Thema Juden ein in der Wolle gefärbter Deutscher. Mit welcher Farbe, das kann jeder Leser selbst entscheiden.

Packungsbeilage: René Zeyer publiziert gelegentlich auf «Inside Paradeplatz» zu wirtschaftlichen Themen.

Feminismus fatal

Absurde Koalitionen zwischen Schleier-Feministinnen und harten Rechtsliberalen. Die Verhüllungsinitiative enthüllt aschgraue Abgründe.

Der streitbare Markus Somm («können sich einen anderen Stammgast suchen») ist gegen die Burka-Initiative. «Bewirkt nichts», meint er kurz und bündig in seiner Kolumne in der «Sonntagszeitung». Religionsfreiheit, viele für uns merkwürdige Kleidervorschriften wie die der orthodoxen Juden, geht nicht. Ob sich die SoZ eigentlich auch bald einen neuen Stammkolumnisten suchen muss, wenn Somm den «Nebelspalter» ins Internet wirft?

Der gleichen Meinung ist Nicole Althaus in der NZZaS. Das Mitglied der NZZ-Chefredaktion muss sich allerdings in eine Schlangenfrau verwandeln, um kurvig zum Ergebnis zu kommen, «dass ein solches Verbot nicht nur das Individuum unter dem Schleier betrifft, sondern liberale Werte unserer Gesellschaft tangiert». Aber auf der anderen Seite: «Letztlich will die Burka die körperliche Präsenz der Frau aus der Welt tilgen.»

Feministin erklärt ihre Haltung zur Vollverschleierung.

Nun kommt der Höhepunkt jeder Schlangenfrau-Darbietung; das Finale: «Ein liberaler Staat darf etwas nicht einfach deshalb verbieten, weil es manchen als unmoralisch scheint.» Mir erscheint der Vollpräservativ oder auch nur die Gesichtsvollverschleierung aber nicht als unmoralisch. Sondern ich stimme der wohl dienstältesten und intelligentesten Feministin Alice Schwarzer zu, die in der NZZ sagte: «Die Verschleierung der Frauen ist die Flagge des politischen Islam. Aber ist es das, was wir nach 200 Jahren Aufklärung und 50 Jahren Kampf um Gleichberechtigung in unseren Demokratien wollen?»

Deshalb spricht sich Schwarzer bedingungslos für ein Ja zur Initiative aus. Obwohl ihr das in Deutschland schon den absurden Vorwurf eingetragen hat, eine «Rechtsfeministin» zu sein. Zum viel grösseren Lager der Blöd-Feministinnen gehört hingegen Tamara Funiciello. Denn der SP-Nationalrätin und «Co-Präsidentin der SP-Frauen Schweiz» ist nichts zu blöd, um Aufmerksamkeit zu erregen:

Funiciello links (bzw. rechts), ohne BH, aber mit Megaphon.

Nicht als BH, aber als Gegengift zu Somm darf Funiciello auch eine Kolumne in der SoZ schreiben. Leider. Dort ist auch sie völlig einer Meinung mit Somm: Einerseits lehne sie die «Ideologie des radikalen Islamismus ab». Aber natürlich auch eine andere Ideologie: «Rechtsextreme Ideologien sind immer patriarchal, erzkonservativ, fremden- und frauenfeindlich. Genau darum sollten wir sie alle ausnahmslos bekämpfen.»

Frauen sollen doch anziehen, was sie wollen …

Dazu gehört dann auch diese Initiative, weil sie, furchtbar, aus SVP-Kreisen stammt. Und überhaupt: «Wir müssen Frauen das Recht lassen, anzuziehen, was sie wollen.» Dieser Meinung bin ich auch; vor allem, wenn Frauen Strapse und Nylonstrümpfe anziehen wollen. Nun wollen Frauen allerdings nicht eine Vollverschleierung tragen, sondern sie müssen es. In vielen islamisch beherrschten Ländern, obwohl das der Koran keinesfalls vorschreibt. Als Symbol dafür, dass sie Menschen zweiter Klasse sind, Besitz ihres Mannes, der als Einziger das Recht hat, sie anschauen zu dürfen.

Frau, Party, Männer anwesend, Alkohol: 28 Stockschläge im Iran. Ebenso für schleierfrei in der Öffentlichkeit.

Funiciello will wohl keinen Nikab tragen, was sie unter irren religiösen Regimes müsste, aber ihre ideologische Brille ist so nachtschwarz, dass sie blind vor der Realität steht. Stutenbissig alles hervorkramt, was man gegen die (leider) vorhandenen Feministinnen sagen kann, die selbstverständlich für diese Initiative sind. Schweizer Feministinnen seien uneins, kolportiere die (sicherlich männerbeherrschte) Presse. Quatsch, verkündet Funiciello, diverse Frauenorganisationen seien dagegen. Diesen Unsinn hätte man spätestens dann enttarnen müssen, «als man Alice Schwarzer einfliegen musste, um eine namhafte deutschsprachige Feministin zu finden, die sich für das Verbot ausspricht».

Grossartig, wie hier eine feministische Zwergin die langjährige Kämpferin für die Rechte der Frau anbellt.

Aber, es gibt immer noch Zeichen und Wunder, der Chefpolemiker gegen den Führer aus Herrliberg, der SVP-Drescher, der Köppel-Gegner, der reflexartig auf alles mit Pech und Schwefel reagierende Hausideologe Frank A. Meyer hat eine Kolumne im SoBli geschrieben, die es in sich hat.

Ein langjähriger Kämpfer gegen den frauenverachtenden Islam

Schon seit Jahren schreibt er gegen die Irrungen und Wirrungen von Feministinnen an, die das Unterdrückungssymbol des fanatischen Islamismus zur Selbstbestimmung der sich nicht unserer sexualisierten Gesellschaft aussetzen wollenden Frauen umlügen.

Bei «Genossinnen im Irrgarten» läuft Meyer zu grossen Formen auf. Wie es nur einer schreiben kann, der wirklich emotional und intellektuell engagiert ist und der die Sache kurz und knapp auf den Punkt bringt. In vier didaktischen Schritten:

  1. «In islamischen Diktaturen werden Frauen, die sich gegen die religiösen Kleidervorschriften zur Wehr setzen, eingesperrt und gefoltert, zur Abschreckung gern auch öffentlich ausgepeitscht. Selber schuld: Warum tun sie auch nicht freiwillig, was die Glaubenswächter befehlen!»
  2. «Kopftuchzwang? Burkazwang? Nach Auffassung der Linken, die sich hinter Frau Funiciello versammelt haben, sind das offenbar Fake News.»
  3. «So funktioniert der Unterdrückungstrick religiöser Dogmatik nun mal rund um den Erdball: Die korrekte Unterwerfung wird freiwillig vollzogen.»
  4. «Oder sollte die Gender-Verblödung schon so weit fortgeschritten sein? Wenn sie es aber wissen, weil sie ihre linke Kraft zur rationalen Analyse noch nicht verloren haben, dann lügen sie sich etwas vor. In der Politik jedoch wird aus dem Sich-selbst-Belügen leicht das Belügen anderer – der Bürgerinnen und Bürger.»

Als letzten Fangschuss erledigt Meyer dann noch das Argument, dass nicht der Nikab oder andere Kleidervorschriften das Problem seien, sondern «das Patriachat»:

«Folgerichtig muss man das Patriarchat verbieten. Und nicht, beispielsweise, das katholisch inspirierte Abtreibungsverbot in Polen bekämpfen

Immerhin, die Debatte hat bislang zwei gute Wirkungen. Viele Linke, viele linke Frauen outen sich mal wieder als ideologieverblendete Dummschwätzer, die den Kampf gegen das «Patriarchat» propagieren, statt sich konkret für Frauengleichberechtigung einzusetzen. Die zweite: Wenn Meyer mit diesem Furor weiterschreibt, kaufe ich mir wieder den SoBli.

 

Die Langweilerin des Jahres

SRF-Sendungen mit Einschaltquoten von 0,0 Prozent.

Letzten Mittwoch sackte die Einschaltquoten von SRF 1 auf den Nanobereich ein. 1000 Zuschauer (Zielgruppe 15-59 Jahre) verfolgten die langweilige Sendung «Wunderwelt Kräuter: Liebstöckel / Thymian / Salbei». Das entspricht 0,8 Prozent in der Zielgruppe.

«Im Labor», so der Einstieg in die Kräutersendung, «wollen die Forscher die unbekannten Seiten des Liebstöckels kennen lernen.» Mit dem Rasterlektronenmikroskop gab es dann schöne Bilder.

Auch am Vortag rutschte SRF 1 am Nachmittag einmal unter 1 Prozent. Und am Montagnachmittag schaffte der «G&G Flash» sogar 0,0 Prozent. Eine Stunde früher machte auf SRF 2 die  Sendung «Zäme stah» gleich viele Zuschauer glücklich, nämlich null. Sogar unter dem Mikroskop sieht es nicht besser aus.

Wer die aktuellen Einschaltquoten von SRF 1 und 2 studiert, erkennt folgendes Muster: Die «Tagesschau» am Abend ist der Renner. Nach Jahren der Stagnation schafft die Sendung wieder über eine Million Zuschauer vor dem Fernseher zu versammeln. Davor und danach sieht es düster aus.

Vor allem um das Vorabendprogramm sieht es schlecht aus. In den letzten Jahren kam es zu keinen Neuerungen. Sogar das «Guetnachtgschichtlichi» hat massiv abgegeben. Am Montag guckten in der ersten Zielgruppe (3 Jahre und älter) nur 26’000 Personen zu. Das gibt eine Quote von 5,3 Prozent. Die Sendung «Kater Miro – Dracheflüge», ein billig produzierter Animationsfilm, ödet selbst Dreijährige an.

Daran schuld ist in erster Linie SRF-Direktorin Nathalie Wappler. Sie ist bald zwei Jahre Chefin. Ausser Entlassungen hat sie bisher keine Spuren hinterlassen. Welche Sendung hat sie neu eingeführt? Welche Mitarbeiter hat sie gefördert? Welche Innovationen tragen ihren Stempel?

Und ausgerechnet diese Frau hat der Ex-Chefredaktor des «Schweizer Journalist», David Sieber, zur «Medienmanagerin des Jahres» gekürt. Mit dem Argument: «Während sie auf der einen Seite alte Zöpfe abschneidet (…), investiert sie auf der anderen Seite in den Journalismus.»

Wer so einen Blödsinn schreibt, taugt nicht einmal zum Coiffeur.

Auf die Fresse gehauen

Der Tages-Anzeiger, das Agglo-Blatt.

Die Karikatur im gestrigen Tages-Anzeiger war blutig. Felix Schaad zeichnete dem von einem Polizeiauto überfahrenen Zürcher Stadtrat Richard Wolff mindestens eine gebrochene Nase. Das Schleudertrauma meldet sich wohl später.  Kopfweh wird dem Stadtrat der linken Partei AL auch der Kommentar von Marius Huber bereiten. Er prügelt auf dem Tiefbauvorsteher herum, wie wenn es kein Morgen geben würde.

Ein Kommentar, der in den NZZ-Mief der 1990er-Jahre passt. Damals stand Andreas Honegger der NZZ-Lokalredaktion vor und sorgte für fast tägliche Attacken gegen ein Zürich, das heute trotzdem – ja zum Glück – prosperiert. Zürich als Bürozentrum, wohnen bitte ausserhalb, lautete damals die Devise nicht nur von der NZZ. Stadträtin Ursula Koch (SP) musste gegen die NZZ und gegen den Kanton Zürich kämpfen, damit in Neubaugebieten nicht nur Bürogebäude hochgezogen wurden. Heute, in der Coronakrise, wird noch klarer, wie recht Ursula Koch hatte und wie wichtig zentrales Wohnen ist. Und wie volatil die Nachfrage nach Büroraum ist. Experten gehen heute davon aus, dass gegen die Hälfte der heutigen Büroflächen nicht mehr gebraucht wird. Homeoffice wird oft Standard. Die Firmen werden so Milliarden an Betriebskosten sparen.

Doch zurück zu Richard Wolff. Man kann dem ehemaligen Linksaussen-Politiker eine gewisse Amtsmüdigkeit vorwerfen. Aber ihn verbal und visuell so vierzuteilen, ist mehr als antizyklisch. Es ist ein Kniefall vor der Goldküstenbevölkerung, die an der vierspurigen Einfallsachse Bellerivestrasse und Utoquai festhalten will. Dabei macht Marius Huber auf Toleranz, wenn er schulbuchmässig Punkte verteilt. Es sei nichts einzuwenden gegen mutige Politikerinnen und Politiker, die sich etwas trauen und konkrete Ideen lancieren, statt nur unverbindlich zu lavieren, vor lauter Angst, einen Fehler zu machen. Aber es gebe einen feinen Unterschied zwischen Mut und Übermut.

Übermut, 2021 den vierspurigen Utoquai und die Bellerivestrasse zu hinterfragen? Eine aus der Zeit gefallene Stadtautobahn, die bis zum Bellevue reicht und einen der schönsten Orte Zürichs fast so sehr teilt wie es die berühmtberüchtigte Rosengartenstrasse tut? Das Herumgehacke des Tagi auf Richard Wolff ist ein Vorgeschmack darauf, wenn die Fusion der Regionalredaktionen bei Tamedia (Tages-Anzeiger, Zürichsee-Zeitung, Zürcher Unterländer, Landbote) mal vollzogen ist. Der konservativere Leser der Zürichsee-Zeitung und des Unterländers muss bei Laune gehalten werden. Die ehemals links-liberale Haltung des Tages-Anzeigers ist passé.

Neuer Kulturkampf in Zürich

Wir können auch positiv. Der Pfauen soll so bleiben, wie er ist. Richtig und bravo.

Ausgerechnet eine rot-grüne Stadtregierung, die sich nicht zu blöd ist, ein x-tes teures Gutachten über die Kunstsammlung Bührle erstellen zu lassen, will klotzen statt kleckern. Theatersaal Pfauen? Prädikat künstlerisch wertvoll.

Prädikat historisches Monument. Hier war ein Kristallisationspunkt des kulturellen Widerstands gegen die Barbarei des Nazi-Regimes. Bertolt Brecht, der grösste Stückeschreiber des 20. Jahrhunderts, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, der Saal strotzt vor Gehalt, dem man, auch als Kulturbanause, mit Respekt begegnen sollte.

Matthias Ackeret bringt’s in seinem neusten Blog auf persoenlich.com auf den Punkt: «Stadtpräsidentin Corine Mauch und Hochbauvorsteher André Odermatt wollen den Saal in einem Akt der Geschichtsignoranz für rund 115 Millionen Franken abreissen und umbauen.»

Ausgespielt und kann weg? Saal des Schauspielhauses Zürich.

Glücklicherweise lässt es Ackeret nicht bei schriftlichem Protest bewenden. Er hat das Komitee «Rettet den Pfauen» gegründet. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal auf der gleichen Unterschriftenliste wie Mietmeinung Peter Hartmeier, Ringier-Gespenst Fibo Deutsch oder Spesenreisender Andy Gross stehen würde.

Die Richtigen stehen auf der richtigen Seite

Auf der anderen Seite tröstet, dass auch Prof. Peter von Matt, Jean Ziegler oder Martin Walser mit ihrer Unterschrift bezeugen, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Die üblichen Verdächtigen, die Kulturschickeria Zürichs, fetzt sich lieber um ihr vom Steuerzahler finanziertes neues Spielzeug Kosmos. Da ihr recht viele Möchtegerns und recht wenig Bildungsbürger angehören, halten sie den Pfauen vielleicht für ein neues Gebäude im Zoo.

Nun schlägt aber das Imperium zurück, wie Ackeret bemerkt hat. Komitee, das können wir auch, sagt sich der «Verwaltungsrat der Schauspielhaus Zürich AG». Und stampft die eigene Aktion «Pfauen mit Zukunft» aus dem Boden. Aber leider, leider, vergreift man sich hier schon bei der Anrede im Ton. Denn man fordert «eine Diskussion ohne Denkverbote».

Pfauen erhalten bedeutet Denkverbot?

Mit der absurden Begründung, dass eine Gegenwehr gegen die bereits konkretisierte Absicht der Kulturbanausen im Stadtrat, den Theatersaal abzureissen, einem Denkverbot für mögliche Alternativen gleichkomme. Denkverbote sind normalerweise eine Spezialität der von der einzigartigen Richtigkeit ihrer Position überzeugten Gesinnungsmenschen.

Schlecht imitieren ist besser als schlecht erfinden, sagen sich die Macher des Gegenwinds, und haben ebenfalls eine Unterstützerliste veröffentlicht. Dass sich hier in der Mehrheit von Staatsbatzeli Abhängige tummeln, ist so klar wie verräterisch. Aber auch der Präsident des Zoo Zürich hat den Namen Pfauen wohl zu wörtlich genommen. Wer hier nicht aufgeführt ist, vermeidet damit immerhin den Nahkontakt mit Ruedi Noser, Laura sowie Roger de Weck oder Historiker Georg Kreis.

Wieso sich allerdings Sibylle Berg, Pipilotti Rist oder Viktor Giacobbo hierher verirrt haben? Echt jetzt, Angst vor Denkverboten? Oder mangelndes Denkvermögen? Man weiss halt nie, was in Künstlern so vorgeht. Ausser bei Berg. Die führt den ersten «Tender Talk» online und wird vom Schauspielhaus so angekündigt: «Unsere Hausfreundin und Lieblingsautorin Sibylle Berg.» Geist geht nach Geld, nichts Neues unter dem Himmel.

Der VR als Filz, Fett und Klüngel

Der Verwaltungsrat des Schauspielhauses ist grösstenteils mit Vertretern von Stadt und Kanton Zürich besetzt. Als Präsident und Vertreter des Zürich-Filzes amtiert Markus Bachofen Rösner, bis 2015 in der Geschäftsleitung der ZKB, seither bestens vernetzt und selbständig. Quotenfrau und Vizepräsidentin ist Anne Keller Dubach, bei Swiss Re für Kunst zuständig. Natürlich darf auch Ruedi Noser, der wohl begabteste Netzwerker am Platz, nicht fehlen.

Bevor Corona auch hier zuschlug, betrug die durchschnittliche Auslastung am Pfauen 67 Prozent. Von der Stadt Zürich werden rund 38 Millionen ins Schauspielhaus gesteckt. In der letzten regulären Spielzeit kassierte der Pfauen rund 5 Millionen Eintrittsgelder. Das bedeutet, dass jeder Theaterwillige mit knapp 300 Franken pro Eintritt subventioniert wurde. Also nicht aus dem Kässeli von Stadtpräsidentin Corine Mauch. Sondern vom Steuerzahler natürlich. In diesem Zusammenhang ist interessant, wer denn den Webauftritt des Verwaltungsrats finanziert.

Es ist von Alters her eine Begleiterscheinung des Siegs einer Gesellschaftsordnung über ihren Vorgänger, dass Bauten abgerissen werden und durch neue, symbolisch für das Neue stehende Gebäude ersetzt werden. Das beste Beispiel dafür aus jüngerer Geschichte ist der «Palast der Republik» in Berlin. Als er sich noch am Marx-Engels-Platz in Berlin, Hauptstadt der DDR befand, ersetzte er das Berliner Schloss, die Residenz der Hohenzollern von 1443 bis 1918. Das war zwar durch die Folgewirkungen ihrer Herrschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs recht lädiert, wurde dann in einem symbolischen Akt 1950 völlig in Trümmer gelegt.

Gebäude müssen weg oder wieder her – je nachdem, wer der Sieger ist

1994 wurde der Ort in Schlossplatz und Lustgarten umbenannt, bis 2008 wurde dann der Palast der Republik eingeebnet. Und tatsächlich das Berliner Schloss wieder originalgetreu aufgebaut. Mit Kultur und Kunst gefüllt und von einer Humboldt-Stiftung geführt. Typisch für Berlin: zumindest eine Teileröffnung sollte zum 250. Geburtstag des Universalgelehrten Alexander von Humboldt am 14. September 2019 erfolgen. Inzwischen ist von einer Volleröffnung Mitte 2021 die Rede. Selbstredend wurden auch die ursprünglich geplanten Kosten, trotz eifriger Spendensammelei, grosszügig überschritten.

Hier wollte zuerst die DDR, dann die BRD zeigen, für und gegen welche historische Tradition man ist. Die DDR wollte nichts mehr mit dem Junker-Adel zu tun haben, den reaktionären preussischen Landbesitzern. Die BRD wollte eines der Symbole des ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden nicht stehenlassen.

Deutsche Tragödie, Schweizer Groteske

Während das eine typisch deutsche Tragödie ist, spielt sich am Pfauen eine Schweizer Groteske ab. Eine für alles Gute und Bessere, Diverse, Autofreie und eine gendergerechte Sprache eintretende Stadtregierung will nicht etwa eine Erinnerungstafel anbringen, wer in diesem Theatersaal schon seinen Beitrag zur Verbesserung der Welt leistete.

Nein, weg damit, sei für angeblich «modernes Theater» nicht mehr geeignet. Deshalb muss er mit 115 Millionen Steuerfränkli modern gemacht werden, was dann wohl bedeutet, dass er für altes Theater wie von Lessing, Shakespeare, Büchner und anderen Allzeitgenies, nicht mehr geeignet wäre.

Die lange und reiche Geschichte des Pfauen

Die Schauspielhaus AG existiert seit mehr als 82 Jahren. Hinter ihr steht eine wechselvolle Geschichte, Kämpfe zwischen Kulturbanausen und bahnbrechenden Inszenierungen, die Stimmbürger wollten es 1952 nicht der Witwe des letzten Besitzers abkaufen; in einer ihrer wenigen guten Aktionen sprang dafür die damalige SBG (heute UBS) ein.

Wollen wir die lange Reihe von Uraufführungen, Regisseuren, Schauspielern von Weltrang aufführen? Wollen wir an die Zeiten erinnern, als das Schauspielhaus das Zentrum des Emigrantentheaters wurde? Wollen wir an die Blütezeit unter Christoph Marthaler erinnern? Ein eher moderner Intendant, der sich nie über den angeblich ungeeigneten Saal beschwerte.

Also, für einmal: bravo, Matthias, hoffentlich gelingt es, diesen grün-rot-blöden Schildbürgerstreich zu verhindern.

Schreibstau bei den «Republik»-Stars?

Wir haben – gendermässig weitgehend korrekt – den Output von Anja Conzett und Constantin Seibt im Verlauf des Jahres 2020 angeschaut. Meist lang, dafür nicht oft.

Wie sagte schon Helmut Kohl so unsterblich richtig: Am Schluss kommt es darauf an, was hinten rauskommt. Damit meinte er, grosses Buha, Erklärung von Prinzipien, Absichten, edlen Zielen wie die Rettung der Demokratie, das ist ja Pipifax. Was wird geliefert, das ist entscheidend. Oder wie der Jasser so weise sagt: «ufm Tisch müends verrecke».

Also legen wir mal auf den Tisch, was die beiden Schreibstars vom 1. Januar bis 31. Dezember 2020 geleistet haben. Geschlechtlich gleichberechtigt haben wir alle Artikel gezählt, dabei zwischen Allein-Autorenschaft und Gemeinschaftswerk unterschieden. Zudem haben wir vermerkt, wenn das gleiche Thema mehrfach abgearbeitet wurde. Beteiligungen an den sogenannten «Kurzbriefings», die aber manchmal länger sind als ein Wochenausstoss hier, wurden nicht berücksichtigt.

Ebenso wenig die Menge der Buchstaben. Dass da Quantität nicht der Qualität förderlich ist, wurde ja schon mehrfach festgestellt. Zunächst kann man auch lobend erwähnen, dass beide «Republik»-Mitarbeiter in keinen der Flop-Skandale verwickelt waren. Nicht in die «Globe Garden»-Kiste, nicht in die mit Gegendarstellungen erledigte ETH-Story und auch nicht in die SNB-Frauenmobbing-Fanatsie.

Wir entschuldigen uns bei «Republik»-Lesern, dass dieser Artikel mit 6400 Anschlägen nur ein Drittel so lang wie ein «Kurzbriefing» ist.

Damit sind wir aber leider mit dem Lobenswerten schon durch. Lassen wir etwas sprechen, womit die «Republik» bis heute Mühe hat: Zahlen.

Wir legen die Zahlen auf den Tisch

Ladies first, gentlemen later: Anja Conzett hat im vergangenen Jahr bei 13 Artikeln als Autorin gezeichnet. Darunter so anspruchsvolle Porträts wie über Doris Fiala oder die Besitzerin des Modeladens «Thema Selection». Ganze drei Mal widmete sich Conzett dem Bündner Justizskandal.

Vier dieser Artikel bastelte sie mit einem oder mehreren Co-Autoren. Dann ist noch zu erwähnen, dass der «Basel-Report» als Teil eins und zwei erschien, was nur einmal gezählt wurde. Sieht man es von den Themen her, so widmete sich Conzett im ganzen Jahr ganzen fünf.

13 Stück bei der Schreiberin, und wie viele beim Schreiber?

Wie steht es bei der Edelfeder, dem Grund für viele, die «Republik» zu verlegen, also schlichtweg einen Haufen Geld zu zahlen, wie sieht’s bei Constantin Seibt aus? Keine Ahnung, ob das sowohl bei ihr wie bei ihm mit 13 Monatslöhnen zu tun hat: 13 Artikel hat er auf seinem Zähler. 5 davon mit einem oder mehreren Co-Autoren. Bei den verbleibenden 8 widmete er sich viermal Trump, schrieb dazu einen Nachruf und eine Buchrezension.

Also kommt man bei Seibt auf drei Themen im eigenen Ausstoss, dabei unvermeidlich der Brexit und der Vaterschaftsurlaub. Wer da verblüfft fragt: Ist das alles für jeweils schätzungsweise rund 120’000 im Jahr brutto? Aber nein, im Fall von Seibt müssen unbedingt seine 15 ADHS-Kolumnen gewürdigt werden. Nachdem er schon im «Piloten» der Öffentlichkeit gestand, dass er erst im fortgeschrittenen Alter mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert wurde.

Geistig deutlich überqualifiziert?

Das ist natürlich strange, denn normalerweise wird das bereits im jugendlichen Alter festgestellt. Wie auch immer, andere hätten sich vielleicht in diese Krankheit verloren. Denn Symptome, Typen, Schweregrade, Ursachen und Therapiemöglichkeiten sind fast unendlich grosse Themengebiete.

Aber eine Edelfeder macht das daraus, was ein guter Schreiber aus allem machen muss: eine Kolumne. In bereits 15 Folgen, und ein Ende ist nicht absehbar. Vielleicht sollte Seibt mal darüber nachdenken, was von mittelschweren Fällen gesagt wird: «Unter Umständen ergreifen sie einen Beruf, für den sie geistig deutlich überqualifiziert sind.»

Deutlich überqualifiziert, das ist das Stichwort für ZACKBUM.ch

Geistig überqualifiziert, das ist die geeignete Überleitung zu ZACKBUM.ch. Wir wollen hier in keinen Nahkampf über die Inhalte, das Gewicht und die geistige Tiefe der Beiträge eintreten. Höchstens, dass häufig von der Anzahl Buchstaben her unser Wochenausstoss nicht länger ist als ein Tagesausstoss der «Republik». Der dadurch aber keinesfalls besser wird.

Aber zurück zu den Zahlen. Unser glückliches, kleines Dreier-Dreamteam hat seit dem Start von ZACKBUM.ch bis gestern genau 562 Artikel veröffentlicht. Plus einen Videocast. Das macht in genau 202 Tagen, wir arbeiten übrigens 7 Tage die Woche, pro Tag 2,8 Artikel. Wie Roger Schawinski schon richtig bemerkte: Das ist ungefähr gleich viel wie von der «Republik». Nur sind es dort 50 Nasen und der Spass kostet über 6 Millionen im Jahr. Bei uns sind’s drei, und es kostet den Leser nix.

Pro Monat ist das ein Gesamtoutput von 85. Oder pro Nase und Monat 28. Also so viel in einem Zwölftel der Zeit, die Conzett und Seibt zusammen für 26 Artikel brauchen, wenn man seine Kolumnen nicht mitzählt.

Tut man das, hat jeder von uns in einem Monat so viel Produktion wie Seibt in einem ganzen Jahr. Ach, und Gegendarstellungen, berechtigte Kritik am Faktischen unserer Artikel hatten wir bislang null. Wenn man von unserer Schwäche absieht, Namen und Geschlecht von vorkommenden Personen nicht immer korrekt niederzuschreiben.

Kann man überhaupt vergleichen?

Ach, und wir wenden dann auch noch einige Zeit dafür auf, dass wir trotz der Gratisarbeit hier die Miete und die Heizung zahlen können. Kann man wie bei Corona so oder so rechnen, jeweils herauszupfen, was Wasser auf die eigene Mühle ist?

Was ist schon eine hingeschmetterte Kolumne, Polemik oder Analyse bei ZACKBUM.ch gegen eine – nun ja – hingeschmetterte Kolumne, Polemik oder Analyse bei der «Republik»? Was ist schon ein Nachruf auf Roman Brodmann zum 100. gegen einen Nachruf auf die Bildchefin Brigitte Meyer?

Sind bei der «Republik» die einzelnen Beiträge zu lang, aber tiefschürfend recherchiert und gedacht und von x Instanzen durchgesehen? Während bei uns die einzelnen Beiträge (meistens) knackig kurz sind, durchaus auch tiefschürfend recherchiert und gedacht und nur nach dem Vier-Augen-Prinzip durchgesehen?

Wir rechnen in aller Bescheidenheit unser Monatsgehalt durch, wenn wir bei der «Republik» wären

Kann man so sehen. Aber: Sind Conzett und Seibt, zum Beispiel, mit ihrem Output wirklich (ohne Spesen) 240’000 Franken im Jahr wert? Oder wären wir, bei gleichem Output im Monat, für ein Monatseinkommen von 240’000 prädestiniert? Oder räumen wir selbstkritisch ein: Wir sind zehnmal schlechter, unwichtiger, unfähiger, uninteressanter, langweiliger als die beiden «Republik»-Stars. Dann wären wir aber immer noch pro Nase 24’000 pro Monat wert.

Wir finden, das ist der Moment, in dem die «Republik» aus Solidarität und zur Abwechslung mal nicht für sich selbst, sondern für uns betteln gehen könnte.

Ex-Press XXIII

Blasen aus dem Mediensumpf.

Wir wissen nichts Genaues, aber anpinkeln ist immer eine gute Idee.

 

Humorloser Tages-Anzeiger

Geraune ist die neue Währung im Gesinnungsjournalismus bis zur Besinnungslosigkeit. Und anpinkeln. Ein Meister dieser Kunst ist der Kulturredaktor Andreas Tobler vom kulturlosen «Tages-Anzeiger». «Hass ist keine Meinung», meinte Tobler hasserfüllt, als er über den deutschen Musiker Naidoo herzog. Aber er ist ein typischer Angstbeisser.

Als er sich mit Roger Schawinski anlegte, Plagiat und unsaubere Zitiermethode unterstellte, bot ihm der an, das vor offenem Mikrophon auszufechten. Tobler lehnte feige ab.

Als man von ihm wissen wollte, wieso er die Schlingensief-Imitation «Roger Köppel tötet. Tötet Köppel Roger.» verständnisvoll als «Theatermord» verharmloste – kniff er.

Wenn er nicht kneift, schreibt er ab.

Bei der WoZ im Fall der Sammlung Bührle; «Instagram löscht SVP-Video», verbellt er eine Meldung des Katzenvideo-Organs «watson». Wenn man ihm Gelegenheit zur Stellungnahme geben will, richtig, kneift er.

Bei Tobler brodelt der Bodensee – oder nicht

Jetzt hat sich der lebende Beweis, dass es im Hause Tamedia wirklich keine Kulturredaktion mehr braucht, des «Nebelspalters» angenommen. «Kampf um Satirezeitschrift», titelt er. Was für ein Kampf? Egal: «Züchtet Somm ein rechtsgerichtetes «Biest»?», fragt er dann bang. «Brodelt es am Bodensee?», so leitet er seinen wie mit der Klosettbürste geschriebenen Schmähartikel ein.

Dann benützt er fleissig das beste Hilfsmittel eines Denunzianten: den Konjunktiv in allen Abwandlungen. «Stimmung scheint angespannt, könnte für gröbere Konflikte sorgen, sei telefonisch nicht erreichbar, scheint für Gesprächsstoff gesorgt zu sein.» Wo der Konjunktiv abtritt, kommt der Vermutungsjournalismus:

«Die Befürchtung, Teil eines radikalen Umbaus zu werden, ist stark verbreitet.»

Dann werden 2 von 200 freien Mitarbeitern zitiert, die nicht mehr für den «Nebelspalter» arbeiten wollen. Und schliesslich wird ein Zitat von Andreas Thiel vergewaltigt, damit «Biest» in den Titel kann. Selbst aus der Liberalität Somms, der kein Problem damit hat, sich im eigenen Organ karikieren zu lassen, macht Tobler noch eine Sottise: «In der Zeitschrift wird er verspottet.» Das wäre nicht einmal bei Tobler innerhalb von Tamedia möglich.

Ach, übrigens: weder Mannschaft, noch Inhalt, noch Ausrichtung ist bislang mehr als nebulös bekannt. Man könnte ja auch auf das Erscheinen warten. Aber warum nicht schon vorher unken.

 

Hinterlistige SonntagsZeitung

Ende September 2020 titelte die SoZ: «Rassismus-Vorwürfe an der HSG». In bester Boulevardmanier legte sie los: «Ein ehemaliger Student und Anwalt packt aus.» Er sei abgezockt, ausgegrenzt, in eine persönliche Krise gestossen und abserviert worden. Logisch, als Brasilianer. Garniert wurde das mit den üblichen «anonymen Quellen», die von einem «institutionellen Rassismus» sprachen.

Die HSG zuckte auf Anfrage damals zusammen, nahm die ihr vorher unbekannten Vorwürfe «sehr ernst» und versprach eine Untersuchung. Die fand statt, dauerte vier Monate und kam zum Ergebnis: Alle namentlich erhobenen Vorwürfe liessen sich nicht verifizieren, alle anonymen erst recht nicht. Da diese externe Expertenkommission durchaus prominent besetzt war, fällt es schwer, ihr bezahlte Weisswäscherei vorzuwerfen.

Auf die Anfrage, ob die SoZ nun auch ausführlich dieses Untersuchungsergebnis publiziere, wich man aus; man habe zwar Einblick verlangt, aber keinen bekommen. Und die im Artikel aufgeführten Ankläger, bzw. Opfer seien nicht einmal kontaktiert worden. Was für eine Untersuchung sei denn das.

Allerdings: Das war eine vertrauliche Untersuchung, ohne Einblicksrecht für die Medien. Und die angeblich «Betroffenen», von denen nur einer namentlich bekannt wurde, sind nicht kontaktiert worden, weil sie ihre Vorwürfe niemals, mit oder ohne Namen, der HSG mitgeteilt hatten.

Ein typischer Fall, wie man einem Studienversager auf den Leim kriecht, der der HSG noch eine reinwürgen will, weil man ihm klar bedeutete, dass er den Masterkurs wohl nicht bestehen wird.

 

Unanständige NZZaS

Alt Bundesrat Moritz Leuenberger ist dafür bekannt, dass er sich für einen begabten Worteschmied hält, der auch als Satiriker bestehen kann. Leider oftmals in eigener Sache. Etwas verschwurbelt wollte er in einem Interview mit der NZZaS tiefgründelnd der Frage nachgehen, ob Lügen in der Politik manchmal legitim seien. Nach einem längeren Exkurs auf die Frage, ob er denn selbst schon gelogen habe, plauderte er munter weiter: «Kommt eine Geisel frei, ist wohl meist bezahlt worden.» Das abzustreiten, sei eine legitime Lüge.

Manchmal sollte es die Aufgabe des Journalisten sein, zumindest in seriösen Blättern, einen unter Aufmerksamkeitsmangel leidenden, schon immer an der Welt und an vielem leidenden Ex-Bundesrat vor sich selbst zu schützen. Aber wenn man einen Mitarbeiter beschäftigt, der vorher auf dem Boulevard seine Brötchen verdiente, ist’s mit solchem Anstand vorbei.

Schwafelnde NZZaS

Felix E. Müller ist eigentlich pensionierter Chefredaktor. Aber wenn Sparzwang auf Mitteilungsdrang trifft, dann werden natürlich auch Rentner reaktiviert. Denn sowohl in der NZZ wie in der NZZaS wurden die Medienkritiker nach Hause geschickt. Aber ein wenig darf’s schon sein, und bei Müller kann man sich sicher sein, dass er garantiert nicht seinen ehemaligen Brötchengeber und Zahler einer üppigen 2. Säule kritisieren wird.

Das ist sowieso nicht seine Sache, ob er sich als Fachexperte für Auslandreisen verdingt oder einem Bundesrat ein liebedienerisches Grossinterview schenkt: Müller weiss, wo er nett sein muss. Da natürlich auch Kritik an den anderen grossen Medienhäusern als NZZ-Konzernjournalismus gewertet werden könnte, wird das Personal rar, über das man herziehen könnte.

Roger Köppel ist immer ein sicherer Wert, Markus Somm war’s mal und wird’s wieder, Christoph Blocher war’s auch mal, wird’s aber immer weniger, aber die SVP im Allgemeinen und Christoph Mörgeli im Speziellen ist auch immer eine Sottise wert. Neuerdings auch René Zeyer.

 

Eiernde CH Media

Das Zitat des Monats kommt von CH Media. Da werden namenlose «PR-Profis» zitiert, die sich gleich selber in die Pfanne hauen, ohne es zu merken: «Anonyme Stimmen hätten im Kampf um die Deutungshoheit keine Glaubwürdigkeit», sagen die anonymen PR-Blödis.

 

Mittendrin statt nur dabei

persoenlich.com: Wie ein Branchenportal zum Symbol der Krise wurde.

Eine wichtige Einleitung: Als Kind war ich ein grosser Fan von Kugelstösser Werner Günthör. Im Sommer 1988 warf ich mit meinem Freund Röbi schwere Steine in den Garten unseres Nachbars. Ich war Werner, Röbi war Ulf Timmermann (DDR). Mächtige Männer beeindruckten mich ungemein.

Matthias Ackeret auch. Dem Doktor der Rechte imponieren meinungsstarke Männer. Ackerets Hochachtung vor Christoph Blocher, Roger Schawinski und Martin Walser ist aufrichtig, fast schon verklärend. Er selber schwingt selten die schwere Wortkeule. Ackeret versucht ständig, zu erklären und zu schlichten. Auf die Dauer macht das ein bisschen aggressiv.

Auf «Radio 1» führt er mit dem Moderator Marc Jäggi eine wöchentliche Diskussion: «Shortlist». Wenn die beiden miteinander diskutieren, ist das nur in den seltensten Fällen ergiebig. Das Problem: Beide denken gleich. Es kommt deswegen gar nicht zu einer richtigen Diskussion, das ist Jäggi und Ackeret bewusst. Und so versuchen sie manchmal Disharmonie vorzuspielen. Beispiel letzte Sendung. Es ging um die Einführung des Frauenstimmrechts vor 50 Jahren:

Marc Jäggi: Was war das früher für eine Mentalität? (…) Offenbar hatten die Männer damals Angst gehabt, oder, oder, oder, äh, oder was ist das Problem gewesen?
Matthias Ackeret: Ja, das ist sicher Angst gewesen, vor dem starken Geschlecht, hehehe
Marc Jäggi: Hehehe

Wenn ich den beiden zuhöre, erinnere ich mich häufig an meine Steinwürfe vor über 30 Jahren. Das Format «Shortlist» ist ein weiterer Beweis, dass nach Schawinski und Blocher niemand mehr etwas zu erzählen hat. Wahrscheinlich entspricht «Shortlist» dem Zeitgeist und wahrscheinlich mögens die Zuhörer.

Auch auf seinem Portal «Persönlich» erzählt Ackeret keine brisanten Geschichten. Zu sehr ist der Chefredaktor eingespannt zwischen Interessensabwägungen und heiklen Dossiers. Das zeigt sich exemplarisch in der Bekanntmachung, ein Sonderheft zum Start von Watson Romandie herauszugeben. Wer das macht, wird nie wieder kritisch und ehrlich über Watson schreiben.

Ist das der Fluch der Zeit? Ja, das ist er. Aber es tut in der journalistischen Brust weh, das Produkt «Persönlich» anzusehen. Gewiss, ein Branchenblatt kann nicht drauflosbolzen. Das hat sich wahrscheinlich auch David Sieber gedacht, der mit seinem «Schweizer Journalisten» aus meiner Sicht krachend gescheitert ist.

Im Grunde genommen ist Ackerets grösste Leistung, Arbeitsplätze für eine Redaktion mässig-begabter Journalistinnen und Journalisten zu bieten. Und das meine ich ohne Häme. So ist es leider.

Die ausgewiesenen Leistungen sind dermassen dürr, dass ich mich immer wieder frage, warum ich eigentlich jeden Tag die Homepage von persoenlich.com aufsuche. In der letzten Zeit wirken die Entlassungen nämlich besonders bizarr: Alle finden es toll, dass sie gerade entlassen wurden. Ein 60-jähriger Moderator geht weg von SRF und will sich journalistischen Projekten widmen, die Karriere eines jungen Kadermitglieds bei «20 Minuten» wird jäh abgeschnitten und der junge Familienvater unkt über seine Gartenleidenschaft.

Wer bei dieser Komödie mitmacht, hat keinen Mut, keine journalistische Neugierde und vor allem: hat nichts zu erzählen. Aber vielleicht ist persoenlich.com nicht nur ein Menetekel, sondern das Symbol der Medienkrise.