Hass und Courage im Netz

Twitter ist die Plattform für die korrekte Lebensart – oder für Schlammschlachten.

Der Vorfall ist zur Genüge beschrieben worden. Totgeschrieben, möchte man formulieren – wenn man nicht Bedenken hätte, dass das gegen einen verwendet werden könnte. Journalistin sagt was von sozialem Todesurteil, eine anonyme Redaktion nimmt’s beim Wort und veröffentlicht eine geschmacklose Karikatur.

Grosse Aufregung, Entschuldigung, Rechtfertigung, Nachtreten, Zurückmopsen, das Übliche auf Twitter, bis sich die nächste Erregungswelle aufbaut, zum Beispiel über das Wort Sternchen.

Aber jede Welle lässt Endmoränen zurück, die nachbearbeitet werden müssen. So ist es der Kämpferin gegen Hate Speech und alles Üble im Netz unterlaufen, diese Karikatur mit einem Like zu versehen. Bevor auch sie sich davon distanzierte. Von der Karikatur.

Nun ist Jolanda Spiess-Hegglin auch Geschäftsführerin von #Netzcourage. Laut Selbstdarstellung «kämpft sie mit ihrem Verein gegen Hass im Internet». Ebenfalls mit «NetzPigCock» oder mit «#Netzambulanz» hat sie sich diesen Zielen verschrieben. Die werden als durchaus förderungswürdig beurteilt – und daher mit Steuergeldern unterstützt.

Unübersehbar: Jolanda Spiess-Hegglin auf der Webseite von #Netzcourage.

Mit knapp 200’000 Franken unterstützt das «Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau» diese Aktivitäten. «Öffentlich finanzierte Doppelmoral», donnerte die NZZ, stellt und beantwortet gleich selbst eine Frage: «Soll der Bund eine Aktivistin gegen Hass im Netz finanzieren, die ihrerseits die Grenzen überschreitet? Eher nicht.»

Die Heerscharen von rechts galoppieren heran

Natürlich galoppierten auch alle Kämpfer für einen gesitteten Umgang in der Auseinandersetzung los, angeführt vom SVP-Amok Andreas Glarner. Der veröffentlicht schon mal auf Facebook die private Telefonnummer und E-Mail-Adresse einer Lehrerin mit dem Hinweis, man solle sie anrufen und ihr mitteilen, was man davon halte, dass sie – in Umsetzung der offiziellen Linie – muslimischen Kindern erlaubte, während des Fests des Fastenbrechens zu Hause zu bleiben.

Natürlich musste nun auch aus dem Departement Berset der Verein «Netzcourage» zu einer Stellungnahme aufgefordert werden, wie er es denn mit diesem Like seiner Geschäftsführerin halte.

Im Sinne von Offenheit und Transparenz hat #Netzcourage Fragen und Antworten ins Netz gestellt. Unter dem Hashtag #Tamediagate. Ob das eine gute Idee war?

Begriffsverluderung sollte auch bekämpft werden.

Eine Tessiner Nationalrätin der Grünen antwortet namens des Vorstands

Geantwortet hat Greta Gysin, Nationalrätin der Grünen. Offenbar um Eindruck zu schinden, verwendete sie ihre parlamentarische Mailadresse und auch den entsprechenden Briefkopf. Wir dokumentieren hier ihre Antwort.

Es ist verblüffend, wie sich Rechtfertigungen aus allen Lagern ähneln, wenn es um den Umgang mit unangenehmen Fragen geht:

«Wir haben etliche Vorwürfe analysiert und empfinden sie als völlig haltlos und nicht berechtigt. Auch im aktuellen Fall … kann nicht von Hassrede seitens unserer Geschäftsführerin gesprochen werden.»

Ob das der Vorstand auch so sehen würde, wenn jemand Spiess-Hegglin als erste Kandidatin im Wettbewerb «Arschloch des Monats» vorschlagen würde? Oder von «Karma» spräche, sollte ihr etwas zustossen?

Nun ja, neben routinierter Verteidigung gehört auch der Gegenangriff zum üblichen Arsenal; da «der Chefredaktor des grössten Medienkonzerns» Spiess-Hegglin «ohne Rückfrage» mit den «Nationalsozialisten» gleichstelle, sei das natürlich ein weiterer Beweis für die Existenzberechtigung von #Netzcourage.

Alles andere mag erlaubt sein, aber zu diesem demagogischen Untergriff muss – auch ohne Rücksprache – etwas gesagt werden. Zunächst ist es bei einem Kommentar nicht nötig, üblich oder Brauch, «Rückfrage» zu nehmen. Bei einem Like auch nicht, obwohl Spiess-Hegglin damit gut beraten wäre. Zweitens hat der Chefredaktor diese Passage umgehend gelöscht, was hier nicht der Erwähnung würdig ist – könnte stören. Drittens hat er die Geschäftsführerin keinesfalls mit Nationalsozialisten gleichgestellt, was jeder nachlesen kann – so er will.

Die Absichten von #Netzcourage sind sicherlich lobenswert – und auch die Unterstützung mit Steuergeldern wert. Ob aber dieses Personal dazu geeignet ist, sie umzusetzen – das muss angesichts dieser uneinsichtigen und verbohrten Reaktion stark bezweifelt werden.

Neue Mächte in der Schweiz?

Recherchieren könnte helfen, muss aber nicht; schliesslich schreibt sich’s besser aus dem hohlen Bauch.

Ein Thema rauscht mal wieder durch den Blätterwald. Also durch die wenigen Blätter, die es da noch gibt und die im Wesentlichen zwei Medienkonzernen gehören.

Fangen wir mit der Ausnahme an: «Erst viermal wurden in der Geschichte der Schweiz mehr als 187 000 beglaubigte Unterschriften für ein Referendum eingereicht. Einige dieser Abstimmungen liegen mehr als hundert Jahre zurück», weiss die NZZ.

Da gab es doch mal die GSoA und ihren absoluten Weltrekord in der Schweiz: über 500’000 Unterschriften gegen den Kauf des F/A-18 Militärfliegers. Liegt nicht mehr als knapp 30 Jahre zurück. Ist aber irgendwie peinlich als Erwähnung, will es scheinen. Immerhin, Markus Somm weist darauf in seiner Kolumne in der SoZ darauf hin.

Damit er sich dennoch ungehemmt lobend über die 187’000 Unterschriften äussern kann, beckmessert er. Die «Freunde der Verfassung»  hätten nur 27 Tage dafür gebraucht, die GSoA dagegen 32, ätsch.

Die NZZ ist leicht schockiert:

«Mächtiger als Parteien und Verbände? Wie die Gegner des Covid-Gesetzes in nur drei Wochen fast 190 000 Unterschriften gesammelt haben»,

titelt sie. Blöd auch, wo doch die FDP gelegentlich baden geht, wenn sie Unterschriften für eine Initiative oder ein Referendum sammeln will.

Ansonsten hält sich die Berichterstattung aber in engen Grenzen.

 

Nix verstehen, aber trotzdem drüber schreiben: «watson» at its best.

Man ist sich allgemein nicht so klar, wie man diese Verfassungsfreunde genau verorten soll, wie man neudeutsch so schön sagt. Sind das finstere Rechtsradikale, Hetzer, ein U-Boot der SVP, gar finanziert vom Herrgöttli von Herrliberg? Man weiss nichts Genaues, kriegt auch nix journalistisch gebacken, also halt einfach Vorsicht in den Duopolmedien.

Klein, kleiner, am kleinsten: die Berichterstattung über diesen Sammelrekord.

Wie berichten die Medien über sich selbst, bzw. ihre Kohle?

Noch heikler ist natürlich das Thema Staatssubventionen nein. Da sammelt der «Verein NEIN zu staatlich finanzierten Medien» ebenfalls Unterschriften, um das gerade beschlossene, zusätzlich Medienpaket zu Fall zu bringen.

Das gab am Anfang etwas Hallo, in der Sonntagspresse war sogar ein grosses Porträt von Kurt Weigelt, neben Philipp Gut und dem Verleger Bruno Hug ein wichtiger Kopf im Referendumskomitee. Aber hier gleicht die Berichterstattung natürlich der Aussendung eines Reporters in ein Minenfeld. Ohne Schutzweste oder Minenaufspürgerät.

Denn mit viel Lobbyarbeit haben es die Grossverlage geschafft, zusätzlich zu den bestehenden Subventionen eine weitere Milliarde Steuergelder in den nächsten Jahren über sich regnen zu lassen. Als bittere Pille mussten sie nur schlucken, dass der Zwangsgebührensender SRG sein Internet-Angebot nicht einschränken muss – womit er im Newsbereich natürlich die Privatverlage konkurrenziert. Aber für nicht oder alternativ finanzierte digitale Angebote gibt es keine Batzeli; nur für die «Republik» wurde eine Ausnahme gemacht. Aber die rettet bekanntlich auch die Demokratie.

Alles in trockenen Tüchern, die Verlagsmanager freuten sich schon darauf, etwas Sommerpause zu geniessen. Auf der Yacht, im Rolls, beim Golfspielen. Und dann das. Wie aus dem Hinterhalt meldete sich das Referendumskomitee zu Wort und ist sehr optimistisch, bis Anfang Oktober ebenfalls die Hürde von 50’000 Unterschriften zu überspringen. Worauf über das Füllhorn aus Steuergeldern abgestimmt werden müsste.

Die Chefetage der Privatmedien muss sich erst mal sortieren

Die verschreckten Empfänger dieser Subventionen sortieren sich gerade noch. Da sie nicht mit einer solchen Gegenwehr rechneten, haben sie etwas Mühe zu erklären, wieso der Steuerzahler das Luxusleben der Medienclans unterstützen soll. Pardon, die grossen Verlage dringend nötige Unterstützung bei ihrer Aufgabe bekommen, die vierte Gewalt zu spielen.

Dabei taten sie so, als würde der schreiende Widerspruch niemandem auffallen. Die privaten Medienhäuser spielen sich als Kontrollinstanz auf, unverzichtbar in einer Demokratie. Dass es Beisshemmung auslösen könnte, den Staat, seine Ämter, seine Entscheidungen zu kritisieren, wo man doch von ihm immer abhängiger wird? Aber nein, das beeinflusst die tapfer-mutige Berichterstattung keinesfalls. So wie auch ein kritischer Bericht nach dem anderen über neue Automodelle erscheint. Klamotten, Modetrends, Kosmetika, Reisen und vieles mehr unerbittlich neutral abgehandelt wird.

Denn dass der Berichterstatter eingeladen wurde, die Autoimporteure zu den letzten treuen Inserenten gehören, Klamotten und Kosmetika in den Gebrauch der Journalisten übergehen, das spielt doch nun wirklich keine Rolle.

Dieser Unsinn wird nun auf den Prüfstand gestellt, auch diese 50’000 Unterschriften werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gesammelt werden. Und wenn sich dann noch dieses Komitee mit den «Verfassungsfreunden» zusammenfindet, dann wackelt aber die Luxusyacht im Meer, auf der sich der Coninx-Clan gerne erholt. Dann bleibt der Aston Martin in der Garage, mit dem im Hause Ringier gerne herumgekurvt wird.

Blöd gelaufen. Die Meinungsoberhoheit haben die Massenmedien schon längst verloren. Mögen sie auch noch so sehr darüber schimpfen, dass Populisten wie Donald Trump das Gleiche machen wie Lichtgestalten in der Liga Barack Obama: mittels anderer Kanäle direkt Kontakt mit der Öffentlichkeit aufnehmen.

Druckmaschinen sind schon längst keine Gelddruckmaschinen mehr, und digitale Geldquellen anzuzapfen, damit tun sich die Privatverlage weiterhin schwer. Sollten auch noch die Staatssubventionen nicht so munter sprudeln wie erhofft, muss Pietro Supino vielleicht den Grossumbau seiner Grossvilla auf einem Grossgrundstück in Zürich unterbrechen. Das können wir doch nicht wollen, der arme Mann wird ja auch nicht jünger.

Ein Mops kommt selten allein

Kopflose Satire, Dauerfeuer und andere Aufregungen. Es wird gemopst, gekeift und gefuchtelt.

In der öffentlichen Debatte schenkt man sich nichts. Vor allem, wenn es nicht mehr um inhaltliche Auseinandersetzungen geht, sondern um gegenseitiges Fertigmachen. Dabei kann man dann irgendwann nur noch Stilnoten verteilen oder eine Bewertung von Erfolg, bzw. Misserfolg vornehmen.

Im Schlachtgetümmel, das sind die Nebel des Krieges, ist schnell nicht mehr ersichtlich, was Ursache, was Wirkung, was Anlass, was Reaktion ist. Sobald der Deckel vom Topf fliegt und das Gebräu überkocht, ist das Thema Erkenntnisgewinn durch Debatte erledigt.

Tölpelei, Heuchelei, Unterstellungen, Unter- und Übergriffe, alles erlaubt, alles gern genommen. Dann wird einfach geholzt, gerempelt und die Blutgrätsche mehr oder minder elegant praktiziert.

Selten gibt es parallel zwei Beispiele dafür, bei denen vor allem unglaubliche Heuchelei auffällig ist. Zum einen regt sich Tamedia – zu Recht – über eine idiotische Karikatur eines anonymen Organs namens «megafon» auf. Das wiederum hatte sich über eine Bemerkung einer Tamedia-Journalisten aufgeregt, die häufiger mit Todesmetaphern arbeitet.

Man darf nicht alles. Freiheit muss Grenzen haben

Nun darf ungeniert geprügelt und gehauen werden, verbal und auch im Bild. Ausser, man verstösst dabei gegen Gesetze. Ob es gegen Sachen oder Personen geht: nicht alles, was dem Autor Spass macht, ist erlaubt. Die Bank X ist eine kriminelle Vereinigung – geht nicht. Person Y ist ein verlogener Betrüger – geht nicht.

Allerdings sind die Gesetze unvollkommen und auslegungsbedürftig. Wer sich einen guten Anwalt leisten kann, ist im Vorteil. Wer das durch Cleverness, Geschick, Verschleierung, Umschreibung ersetzt, auch. Wer primitiv holzt, kracht meistens früher oder später an die Bande der Grenzziehung durch entsprechende Artikel in den Gesetzbüchern.

Zum einen – anonym macht mutig – zeigte ein Kollektiv aus dem Umfeld der Berner Reitschule, dass man nicht in Windeln und kurzen Hosen bei den Grossen mitspielen sollte. Vor allem, wenn man die Spielregeln nicht beherrscht. Also desavouierten die eine durchaus bedenkenswerte Kritik an einer Formulierung durch einen schlichtweg brunzblöden Karikaturversuch. Nicht minder dumm solidarisierten sich einige Verwirrte, meistens ebenfalls anonym, mit dieser Geschmacklosigkeit, darunter auch die grosse Kämpferin gegen Hate Speech im Internet, Jolanda Spiess-Hegglin.

The Empire strikes back, of course

Daraufhin schlug das Tamedia-Imperium zurück und skandalisierte die Karikatur. Das rief natürlich politische Gegner der ganzen Reitschule-Veranstaltung auf den Plan, darunter so leuchtende Gestalten der gepflegten politischen Auseinandersetzung wie den SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Der hofft, dass durch diese positive Erwähnung seine Feindin Spiess-Hegglin staatliche Subventionierung gestrichen bekommt, «dafür sorge ich persönlich» droht er.

Keiner zu fein, Mops zu sein.

Andere, wie der SVP-Nationalrat und Chefredaktor der «Weltwoche» Roger Köppel, benützen die Gelegenheit, von symbolisch geköpften Journalisten zu real geköpften eine Blutlinie zu ziehen und damit die Urheber der Karikatur zu diskreditieren. Nach längerem Brüten wirft sich auch der Oberchefredaktor von Tamedia in die Wirtshausschlägerei und kündigt eine Strafanzeige an. Allerdings dachte auch er nicht lange genug nach und donnerte am Schluss seines rund 60 Stunden post festum veröffentlichten Kommentars, dass es sich hier um linke Volksverhetzung handle.

Den Zusatz «wie wir sie bei Rechtsextremen erwarten und wie wir sie eigentlich seit 1945 bei uns überwunden glaubten», streicht der Schriftleiter schnell wieder aus seinem Kommentar, nachdem ihm offenbar bedeutet wurde, dass das nun doch zu bescheuert sei.

Das «megafon» hatte schnell die Karikatur gelöscht und sich dafür bei der Betroffenen entschuldigt. Allerdings können es die anonymen Schreibtischtäter nicht lassen, mit einer länglichen «Stellungnahme» nochmals ihren Standpunkt zu verdeutlichen.

«Vorgeschichte, satirischer Flügel, hätte erledigt sein können, aus dem satirischen Kontext gerissen, eskaliert, irreführend».

Selbstgerechtes Gejammer über eine Geschmacklosigkeit, die auch durch Löschung nicht aus der Welt geschafft werden kann. Plus breitbeiniges Gehabe: «Der Strafanzeige des 935 Millionen schweren Medienkonzerns schauen wir mit Gelassenheit entgegen. Wir vertrauen darauf, dass die Satirefreiheit in der Schweiz auch für misslungene Werke gilt.»

Keiner zu klein, mopsig zu sein.

Gut, sie haben’s immer noch nicht kapiert, aber was soll’s. Zusätzlich für Verwirrung sorgten natürlich wilde Ausflüge in die Thematik «was darf Satire?». Gelehrtere Klugscheisser verwiesen auf Kurt Tucholsky, andere brachten «Charlie Hebdo» ins Spiel, man solidarisierte sich, brachte seinen Abscheu zum Ausdruck, verstieg sich in Verästelungen und Nebenschauplätze – wie üblich halt, wenn haltlose Intellektuelle schlaumeiern wollen. Verbale Gewalt, reale Gewalt, Anstand oder Freiheit, Klein gegen Gross, links gegen rechts. Schiessscharte auf, Feuer, Schiessscharte zu. Ungefähr so sinnvoll wie die Schlacht bei Verdun.

Kopf ab furchtbar, Theatermord entschuldbar

Gleichzeitig feuerte aber ausgerechnet Tamedia selbst aus allen Rohren gegen einen SVP-Posseli, der fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Ausdruck «Feuer frei!» verwendet hatte. Mit viel bösem Willen liess sich daraus konstruieren, dass er damit provozieren könnte, dass jemand diese Aufforderung ernst und wörtlich nehme. Erschwerend komme noch hinzu, dass sich ein SVP-Regierungsrat davon doch tatsächlich nicht «distanziere», dieser als Biedermann verkleidete Brandstifter.

Dass im gleichen Organ ein sogenannter Kulturredaktor auch schon einen Mordaufruf gegen Roger Köppel als im Kontext zu verstehenden «Theatermord» verniedlichte, das ist schon längst aus dem Kurzzeitgedächtnis der Öffentlichkeit gefallen. Aber angesichts dieser Heuchelei bei Tamedia erscheint die Haltung des «megafon» zumindest einigermassen reflektiert.

Falls die dort tätigen «Redaktor*innen» allerdings mal aus den Windeln herauswachsen wollen, sollten sie sich das zu Herzen nehmen: wenn man einen Stink gemacht hat, dann sollte man ihn – sobald dazu in der Lage – so schnell wie möglich wegräumen. Den Raum lüften und aufs Vergessen hoffen. Aber nicht noch weiter drin rumrühren, die Wände damit beschmieren und markig «Gelassenheit» markieren. Vielleicht könnte auch helfen:

  • Masse mindert Moral. Anonymität mehrt feigen Mut.

Wer wenigstens mit seinem Namen hinter seinen öffentlichen Aussagen steht, überdenkt sie vielleicht das Sekündlein länger, das dann ausreicht, um noch rechtzeitig den Weg zur Kloschüssel statt ins Netz zu finden.

Es darf gelacht werden: Feuer frei!

Knellwolf, übernehmen Sie! Es gibt noch mehr Gefahr, die von dieser Aufforderung zur Gewalt ausgeht.

Alles ist relativ. Ein SVP-Politiker, der sich nicht unbedingt nationaler Bekanntheit erfreut, verwendete in einer rund 100 Nasen umfassenden Chatgruppe den Spruch «Feuer frei!», um zur Gegenwehr gegen eine Forderung des Bundesamts für Gesundheit aufzurufen.

Das zwirbelte das Blatt der sensiblen Gewaltfreiheit zur Coverstory hoch und warnte in insgesamt drei Artikel davor, dass das brandgefährlich sei. Solche virtuellen Aufrufe könnten schnell real missverstanden werden, und dann könnte auf das BAG geschossen werden. Mit echten Kugeln.

Aber Thomas Knellwolf als ehemaliger Recherchier-Journalist hat natürlich nur an der Oberfläche gekratzt. Da wäre zum Beispiel die deutsche Band «Rammstein» mit ihrem Song «Feuer frei!». Schockierend: der wurde alleine auf YouTube bislang rund 140 Millionen (!) Male aufgerufen. Fast 600’000 Fans gaben ihm ein Daumen hoch.

Bitte nicht nachmachen: Videoclip von «Rammstein».

Wenn man sich vergegenwärtigt, was für ein Gewaltpotenzial hier wie Magma unter der Oberfläche brodelt: Knellwolf, es besteht dringlicher Handlungsbedarf. Das ist Faktor 1,4 Millionen mal mehr Gefährdungspotenzial als beim Aufruf zur Gewalt der SVP!

Hemmungslose Feuerorgie auf der Bühne. Ist das noch Kunst?

Es ist ja nicht nur der Schiessbefehl im Titel des Songs, auch das Lied selber enthält genügend Munition, um einem Knellwolf die Schweissperlen der Angst auf die Stirne zu treiben:

Wann fallen die ersten Schüsse, bei diesen Songzeilen?

Es ist bedauerlich, dass man einem so ausgewiesenen Recherchier-Journalisten weitere Fundstücke nachtragen muss:

Ein gut getarnter Aufruf zur Gewalt. Anleitung für Pyromanen.

Zumindest die Webseite im Aufbau könnte noch durch ein beherztes Eingreifen von Tamedia verhindert werden; dass selbst die NZZ, ja gar der Limmattaler mit dem Feuer spielt, ist so bedauerlich wie traurig; es wirft ein Schlaglicht auf den Sittenzerfall in unserer Gesellschaft, der nicht erst gestern begonnen hat.

Vielleicht könnte Tamedia – mit oder ohne Knellwolf – sein Recherche-Desk endlich mal für etwas Konstruktives einsetzen. Statt sinn- und zwecklos gestohlene Geschäftsunterlagen durchzuflöhen und absurd übertriebene Behauptungen aufzustellen, auf welche Abgründe man da wieder gestossen sei, wäre es doch verdienstvoll, der Gewalt im Internet den Kampf anzusagen.

«Feuer frei!» gegen «Feuer frei!», sozusagen. Die Folgen wären so unabsehbar wie segensreich. Endlich würde ein alter Traum wahr, Tamedia würde ein bisschen Frieden in die Welt bringen:

Damit ihr Traum endlich wahr wird …

Denn das bewegende Lied von Nicole ist bislang nur 6,5 Millionen mal aufgerufen und magere 32’000 mal gelikt worden. Das muss besser werden, damit die Welt eine bessere wird.

Alle können noch dazulernen

Aber nicht nur Knellwolf, auch sein oberer Vorgesetzter kann noch dazulernen, wie mehr Friede und weniger Feuer in die Welt kommt. Denn Arthur Rutishauser hat nach zweitägigem, vertieftem Nachdenken herausgefunden, dass eine kindische Karikatur, in der der Kopf seiner Mitarbeiterin Michèle Binswanger in eine Illustration der Hinrichtungen während der Französischen Revolution hineingemecht wurde, eine «Grenzüberschreitung» darstelle. Sogar eine «schwere».

Rutishauser gelangt in seinem mit langer Lunte entstandenen Kommentar zur Schlussfolgerung:

«Besorgniserregend ist, dass mittlerweile ein Teil der politischen Linken so intolerant geworden ist, dass sie auf jeglichen Anstand verzichtet und Volksverhetzung betreibt.»

Bittere und anklagende Worte des Oberchefredaktors von Tamedia. Nur: fällt ihm dieses Phänomen nicht in seinen eigenen Redaktionen auch auf? Existiert da dieser Teil der politischen Linken nicht? Und wenn wir schon dabei sind: kennt man dieses Phänomen bei der politischen Rechten nicht? Zumindest bei einem Teil davon?

Oder nochmal anders: Sind Grenzüberschreitungen in Richtung brunzdumm nicht noch besorgniserregender? Ein paar Knallköpfe aus dem Umfeld der Berner Reitschule werden mit einer Strafanzeige überzogen. Tamedia fällt wie das Jüngste Gericht über einen unbesonnenen Spruch eines SVP-Politikers her, weil der in der SVP ist.

Tiefergelegtes Niveau der Debatte

Allgemeines Wehgeschrei: die da sind ganz böse. Nein, selber böse. Nein, du böse. Nein, du mehr böse. Du Hetzer. Ha, du grosser Hetzer. Ich kein Hetzer, du aber. Ohne die Verwendung des Wortes Hetzer werden so Konflikte im Sandkasten ausgetragen, inklusive Zerstörung von Sandkuchen, Fuchteln mit Schäufelchen oder gar dem Ziehen an Haaren, Kratzen und Beissen, bis die Eltern eingreifen.

Kampfplatz, nach einer aktuellen Debatte …

Auf diesem ärmlichen Niveau ist ein Teil der politischen Debatte angekommen. Begleitet von Dialogverweigerung, Unfähigkeit, mit Kritik oder Gegenargumenten umzugehen. Mit Ballern aus dem Glashaus, aber feigem Wegducken, wenn zurückgeschossen wird. Rechthaberei und Belehrung ist hohl und lachhaft, wenn sie sich nicht der Debatte stellt. Wäffeln ist einfach, argumentieren anspruchsvoll.

Um nicht nur Männerriten und Pseudo-Martialisches wie von Rammstein zu denunzieren: auch die erregten Tamedia-Frauen haben nach ihrem Protestbrief bislang jede Gelegenheit ausgelassen, sich einer Debatte zu stellen. Auch so verzichtet man auf jeden Anstand.

Schiessscharte auf, rausballern, Schiessscharte zu und die Reaktion aussitzen. Das soll dann Erkenntnisgewinn durch Meinungsaustausch und Debatte sein?

 

Reisefreiheit und Impffreiheit

Wie steht es eigentlich mit ein paar Grundrechten und was sagen die Medien dazu?

Immerhin: innerhalb der Schweiz darf man frei reisen. Bislang. Zurzeit. Kann sich alles ändern. Bei der nächsten Welle. Oder davor. Oder danach. Oder so.

Natürlich ist es jedem Schweizer unbenommen, ob er sich impfen lassen will oder nicht. Sonst wäre das ja ein Impfzwang, und der verträgt sich nun schlecht mit einer freiheitlichen Gesellschaft, wo nicht einfach zwangsweise neue Vorschriften erlassen werden können.

Oder so. Nun ist es aber so, dass die Freiheit, sich nicht impfen zu lassen, keine unbegrenzte ist. Beispielsweise nicht über den Wolken. Wer nicht riskieren will, nur einen Teil seiner geplanten Flüge antreten zu können, wer nicht riskieren will, zwar anzukommen, aber dann nicht mehr weg, der impfe sich besser.

Spielregeln während des Spiels ändern

Besonders putzig ist dieser rechtliche Wildwest dann, wenn während eines Ferienaufenthalts die Spielregeln geändert werden. So gibt es zurzeit deutsche Touristen, die frohgemut nach Portugal aufbrachen. Einreise kein Problem, Rückreise nach Deutschland kein Problem. Hops, während man sich die protugiesische Sonne auf den Bauch scheinen liess, doch ein Problem, Neuerdings verlangen diverse deutsche Bundesländer eine 14-tägige Quarantäne für Rückkehrer aus Portugal.

Dumm gelaufen, wieso machen Deutsche auch nicht Ferien einfach in Deutschland? Ach so, weil es da auch je nach Bundesland der Herkunft und des Ziels die eine oder andere Hürde gibt? Die sozuagen mobil verschoben wird, je nach Lust und Laune und Willkür? Na ja, Ferien werden überschätzt. Geht doch auch auf dem Balkon. Oder in der Badeanstalt. Wieso muss man auch immer fortgehen?

Aber freie Schweizer dürfen immerhin noch frei von St. Margarethen nach Genf reisen, von Basel nach Chiasso. Das ist schön. Das Betreten des Auslands ist allerdings (immer Status jetzt, kann sich jederzeit ändern) mit einigen kleinen Hindernissen versehen.

Frei nach Radio Eriwan

Da gilt die Ansage von Radio Eriwan: im Prinzip ja. Im Prinzip ist Tourismus in EU-Europa möglich. Denn es gibt ab 1. Juli den EU-Gesundheitspass. Aber das Schweizer Covid-19-Zertifikat ist nicht anerkannt, sorry, hättet halt dem Rahmenvertrag zustimmen sollen, ihr renitenten Schweizer.

Zunächst die gute Nachricht: Schweizer dürfen ohne Quarantäne in die Schweiz zurückreisen. Ausser aus Grossbritannien. Ohne Impfung heisst’s da: Quarantäne. Sorry, ist halt so.

Wie steht’s mit dem Ausreisen?

Wer zurückreisen will, muss zuerst ausreisen. Nehmen wir mal die umgebenden Länder.

Frankreich: im Prinzip ja. Allerdings: bitte nur mit negativem Test oder mit Impfnachweis. Plus ausgefülltem Formular, in den letzten 14 Tagen keine Covid-Symptome und auch keine Kontakte mit infizierten Personen gehabt zu haben. Plus negativem Antigen-Test, nicht älter als 48 Stunden.

Italien. Im Prinzip ja. Allerdings muss man hier ein sogenanntes «europäisches digitales Passagier-Lokalisierungsformular» ausfüllen. Plus negativen Test, per favore.

Deutschland. Im Prinzip ja. Allerdings: Flugreisende haben einen negativen Test vorzulegen. Näheres regeln dann die Bundesländer, je nach Tagesform und Lust und Laune.

Österreich. Im Prinzip ja. Aber mit negativem Testergebnis im Gepäck. Wer das nicht hat, immerhin, kein Problem: das kann dann bis zu 24 Stunden nach der Einreise vor Ort nachgeholt werden, allerdings nur bei Voranmeldung. Pre-Travel-Clearance nennt das der Österreicher.

Endlich kommt der Thrill beim Reisen zurück

Man kann’s auch positiv sehen: endlich wird Reisen wieder etwas abenteuerlich. War doch langweilig, dass Schweizer im europäischen Hause, zumindest im Schengenraum, problemlos und frei reisen konnten. Keine Hürden, keine Hindernisse, kein Visum, überall die gleiche Währung, gähn.

Heutzutage kommt doch Stimmung und Spannung beim Grenzübertritt auf. Hat man alle Papiere dabei? Darf man die Grenze überqueren und das längst gebuchte Ferienziel ansteuern? Oder nicht? Hilft jammern? Ein Bakschisch? Die Suche nach einem unbewachten Grenzübergang? Das Planen von Alternativrouten? Oder sollte man es gleich lassen?

Was sagen eigentlich unsere kritischen Medien zu diesem Stacheldrahtverhau aus verschiedenen Vorschriften, Bedingungen, auszufüllenden Formularen, wechselnden Vorschriften, fehlender Rechtssicherheit?

Ach, die Debatte über die Verwendung des Gendersternchens in der Schule, in amtlichen Schreiben, in den Medien selbst, das ist doch ein Thema, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient. In den letzten 30 Tagen zählen wir 304 Treffer für den Suchbegriff «Genderstern» in der SMD. Für «Einreiseregeln» sind es 250. Man muss halt Prioritäten setzen. Völlig klar.

Die Genus-Vollklatsche

Vorläufig letzter Versuch. Genus ist nicht gleich Geschlecht. Kann doch nicht so schwer sein …

Wenn man ein ganzes Weltbild, eine ganze Kriegsführung auf einem Grundlagenirrtum aufbaut, ist das nicht etwas peinlich? Das ist oberpeinlich, blutrotpeinlich, zum Heimgehen und Schämen peinlich. Desasterpeinlich.

Wir erklären es nochmal gaaaaanz laaangsam. Es gibt das Geschlecht. Das sieht beim Menschen so aus:

In künstlerischer Freiheit und nicht proportional richtig dargestellt …

Normalerweise. Das nennt man auch Geschlechtsorgane. Davon abgeleitet unterscheidet man zwischen Männlein und Weiblein. Zum Geschlechtsakt vereinigen die sich. Üblicherweise. Es gibt auch Männlein, die sich zu anderen Männlein hingezogen fühlen, das kommt auch bei Weiblein vor. Ist nicht schlimm.

Es gibt auch asexuelle Wesen, die sich aus Sex und so nichts machen. Ist auch nicht schlimm. Ausser, es sind Priester, aber das wäre ein anderes Thema. Es gibt Menschen, die sich im falschen Körper geboren fühlen, sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen wollen. Gibt’s.

Es gibt ein paar Unterschiede zwischen Wirklichkeit und Widerspiegelung

Das ist die reale Welt. Nun fiel schon einem genialen Mönch im Mittelalter auf, dass es zwischen der realen Welt und den sie beschreibenden Worten einen gewaltigen Unterschied gibt. Daraus bastelte Umberto Eco einen Bestseller: «Der Name der Rose». Damit ist gemeint, dass eine reale Rose verwelkt, während ihr Name unverändert bleibt.

Noch alle an Bord, inklusive Tagi-Protestfrauen oder den Deppen Philipp Albrecht von der «Republik»? Wunderbar. Der freut sich nämlich «sehr, dass der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten neu die weiblichen Mitglieder in seinen Namen integriert». Trauen sie so einem Irrläufer zu, eine Bilanz lesen zu können? Obwohl die weiblich ist?

Nun kommen wir zu einer ganz, ganz, ganz anderen Baustelle. Nämlich zum Genus. Damit ist eine Unterteilung von Substantiven nach Gattung gemeint. Leider hat das irgendwann einmal ein Idiot mit «Geschlecht» übersetzt, damit das auch einfache Gemüter verstehen. Und seither haben wir den Salat. Wobei ja niemand, der ernstgenommen werden will, daraus schliessen würde, dass es Salat nur in männlicher Form gibt, daher die weibliche ausschliesst, daher mit «die Salatin» ergänzt werden müsste, oder als «Salat*, Salat:in, Salat_in, Salat!in» geschrieben werden müsste.

Der Grat, der Rückgrat? Nein? Wieso dann das Rückgrat? Das sind doch interessante Fragen …

Das Genus ist einfach eine Unterteilung, die manchmal, aber nicht immer, mit dem Geschlecht zu tun hat. Der Mann, die Frau, da macht es Sinn, reales Geschlecht und Genus des Substantivs analog zu verwenden. Nun gibt es Sprachen (wie das Deutsche), die drei Genera haben. Andere haben zwei, einige haben – keins. Deshalb bleibt den Ungarn, den Türken oder den Indonesiern dieser ganze Quatsch erspart, der aktuell auf Deutsch die Sprache verhunzt, vergewaltigt, von ihrer wichtigsten Funktion abhalten will.

Wo es Genus gibt, gibt es Sammelbegriffe. Die gelten unabhängig von der geschlechtlichen Ausformung der Bezeichneten, kümmern sich auch nicht darum, zu welchem der inzwischen mehr als 160 Gender sie gehören. Da spricht man vom generischen Maskulinum. Was bedeutet, dass die Verwendung eines Genus keinerlei Diskriminierung der anderen beinhaltet. Genauso wenig, wie man (!) auf die bescheuerte Idee käme, sich bei Person nicht angesprochen zu fühlen, weil das Genus feminin ist.

Sprache als Kommunikationsmittel, nicht als falsches Kampffeld

Deutsch hat zudem die Besonderheit, dass es im Plural keine Genera gibt. Die Frauen, die Männer. Hier regierte, ginge es nach den Gender-Wahnsinnigen, nur das weibliche Geschlecht. Aber keine Bange, dem ist nicht so.

Es gibt eine ganze Reihe von Substantiven, die sogar – nein, das ist keine Analogie zu Menschen – unsicher sind, welchem Genus sie angehören wollen. Bzw., eine Veränderung des Genus führt zu leichten Bedeutungsverschiebungen.

Noch verwirrender, aber nur für Verwirrte: «die Eltern» hat keinen Genus. Potzteufel auch, denn das Wort existiert nur im Plural. Das nennt man Pluraletantum. Aber keine Bange, dieses Wort verwenden nur Menschen, die sich in der deutschen Sprache auskennen, darum müssen sich die meisten Journalisten oder Inklusion fordernde Verwirrte nicht kümmern. Oder Leute, für die Kosten der Plural von Kost ist. Oder «das, was andere für mich bezahlen müssen».

Es war in Europa längere Zeit herrschende Meinung, dass die Erde nicht nur das Zentrum des Universums sei, sondern auch flach wie ein Pfannkuchen. Wer diesem Irrtum widersprach, hatte gute Chancen, auf dem Scheiterhaufen oder auf der Streckbank zu enden, um dort seinen Irrtum zu bereuen. Das machte zwar die Todesqualen nicht angenehmer, bot aber die Hoffnung, doch wieder in die göttliche Gnade und das Paradies aufgenommen zu werden.

Wer meint, das seien längst vergangene Torheiten: auch heute gibt es Kreationisten, die aufgrund einer möglichst wortgetreuen Auslegung der Bibel felsenfest davon überzeugt sind, dass das Universum, die Erde erst vor wenigen tausend Jahren entstanden. Dieser Unsinn verkleidet sich in verschiedene Namen, wie beispielsweise das «Intelligent Design». Bleibt aber Unsinn.

Die Sprache ausschliesslich als Herrschaftsinstrument missverstehen

Genau wie die Grundthese unsinnig ist und bleibt, dass die deutsche Sprache Ausdruck einer männerdominierten, frauenunterdrückenden Gesellschaft sei, ein Herrschaftsinstrument (!). Ob sie in primitiver Form, als «feministische Linguistik» oder sonst wie vorgetragen wird. Abgesehen davon, dass all diese Ausformungen dem gleichen Grundlagenirrtum unterliegen: Sprache gehört immer auch den Unterdrückten, kann von ihnen genauso als Mittel zum Umsturz und zur Aufhebung von Herrschaftsystemen verwendet werden – wie von Herrschenden zur Stützung und Verteidigung existierender Strukturen.

Sonst könnte es wohl kaum sein, dass ein dermassen signifikatives Wort in diesem Zusammenhang, «die Herrschaft», als Genus feminin ist. So wie viele Abstrakta (Philosophie, Ideologie, Wissenschaft, Forschung, etc.).

Dialektisch gesehen, aber da wird die Luft dann für viele recht dünn, könnte man sogar die These wagen, dass all diese Sprachhampeleien, dieses aufgeregte Geschnatter, als ob durch die Verwendung von Sprachverhunzungen wie dem Genderstern der feministischen Sache auch nur der geringste Dienst erwiesen würde, von eigentlichen Unterdrückungsphänomenen abgelenkt wird.

Lohnungleichheit, grauenhafte Misshandlung von Frauen in der Dritten Welt, im Islam, Barbareien wie bis heute millionenfach betriebene Klitorisbeschneidung: das wären ein paar wirkliche Probleme. Zudem sind Ausbeutungs- und Unterdrückungsstrukturen auch, aber längst nicht nur geschlechtsspezifisch.

Anders absurd formuliert: Ajatollah ist bekanntlich die Bezeichnung für einen schiitischen Rechtsgelehrten. Mann. Würde es am frauenverachtenden Islam irgend etwas ändern, wenn man die Forderung aufstellte, diese Wort neuerdings als Ajatollah*In, als Ajatollah_In oder wie auch immer zu schreiben? Träte dann an die Seite des Gelehrten auch die Gelehrte? Oder wird die katholische Kirche femininer, wenn man neben Papst auch Päpstin schreibt? Was für ein Humbug.

Wieso bekommt ein solcher Luftkampf mit angetauchten Schlachten so viel Bedeutung?

Bleibt die Frage, wieso dann ein solcher Unfug eine dermassen überproportionale Bedeutung bekommen kann. Womit wir wieder beim Mittelalter wären. Nur wer überzeugt ist, den Schlüssel zum ewigen Seelenheil, zumindest aber das Wissen um das Gute und Bessere und Richtige und Humanistische und Fortschrittliche in den Händen zu halten, der kämpft wie ein Berserker um seine Ziele. Der beschimpft, beleidigt, bedrängt alle Abweichler vom vermeintlich richtigen Pfad. Mit dem flackernden Blick des Fanatikers, beratungsresistent. Für kein Argument zugänglich. Verschlossen gegenüber Logik, Verstand und Beweisführung.

Was früher Ketzer und Ungläubige waren, sind heute Sexisten, Frauenverachter, Diskriminierer. Natürlich gibt es solche (geschlechtsunabhängig, übrigens). Aber das kann doch nicht im Ernst Anlass zu Kampfesarien, Protesten, Glaubenskriegen sein. Oder doch?

Hier spricht der Chäf

Tamedia: hier zählt die Meinung. Zuerst die von Pietro Supino. Von wem denn sonst?

Leichter Bauchansatz. Ansonsten locker im Auftritt; Newsroom, Jackett am Finger über den Rücken gehängt. Leicht zerknitterte Hose, blassblaues Hemd, immerhin Manschettenknöpfe. Keine Krawatte, kein sichtbares Monogramm zum Signalisieren: massgeschneidert.

Das ist mal ein Chef als Kumpel, der Mund zum Ansatz eines Lächelns leicht geöffnet. In dieser Haltung entscheidet Pietro Supino sicherlich auch jeweils über die nächste Entlassungswelle. Und beauftragt Corporate Communication, mal wieder das faule Ei, das er gelegt hat, golden anzumalen und mit Schleifchen zu dekorieren («schmerzlich, aber für die mittelfristige, Synergien, noch mehr als zuvor, Qualität, Vertrauen, Blüblü»).

Nun geht’s aber mal wieder um alles, also um: «Die Politik ist gefordert, die Pressefreiheit zu bewahren», behauptet der Verleger, VR-Präsident der TX Group, Oberboss von Tamedia und das Mitglied des Coninx-Clans. Gerade rumpelt der Beschluss, Schweizer Medien noch mehr Steuergelder reinzuschaufeln, durch die beiden Parlamentskammern. Höchste Zeit, findet Supino, in diesem Umfeld noch seinen Senf zu geben; bzw. geben zu lassen. Also griffen die Sprachkünstler in die Harfe und lassen engelsgleiche Töne sprudeln:

«Freie und unabhängig Medien sind für eine Demokratie unerlässlich, vor allem für eine direkte Demokratie, wie wir sie in der Schweiz pflegen.»

Zustimmend eine andere Grösse zu zitieren, das kommt auch immer gut: «Medien sind Weltbilderzeuger, wie es der Präsident der Eidgenössischen Medienkommission Otfried Jarren auf den Punkt bringt. Man könnte auch sagen Marktplätze, die zwischen Bürgern, Politik, Wirtschaft und Kultur vermitteln.»

Fast. Ehrlicher wäre gewesen: Man könnte auch sagen Marktplätze, die das Privatvermögen des Coninx-Clans mehren.

Weiter auf der Schleimspur: «… besondere Verantwortung verbunden … strengen Massstab an unsere Arbeit ansetzen … Erfüllung unseres medienethischen Anspruchs … unsere Glaubwürdigkeit ist unser grösstes Kapital.»

Wenn Tartuffe spricht …

Man leidet mit den armen Schweinen, die so was formulieren müssen und sich dann nicht mal den Finger in den Hals stecken müssen, um sich zu entleeren. So lässt also der nur an der Mehrung des Profits seines Clans interessierte Supino schwurbeln. Will er also der Verabschiedung weitere Millionenfüllhörner, die sich über die Schweizer Medien ergiessen werden, noch den letzten Schub geben? Aber nein, er weiss, dass da die Lobbyarbeit und die Abhängigkeit der Politik vom Transmissionsriemen Medien wie geschmiert funktioniert.

Nein, er will auf zwei weitere Themen hinweisen. Mit der vermeintlich harmlosen Streichung des Wörtchens «besonders» soll die Hürde für das präventive Verbot von Publikationen niedrigergelegt werden. Und der Ständerat will nichts daran ändern, dass das Öffentlichkeitsgesetz zwar den Zugang zu Behördenakten erleichtert, die aber mit prohibitiven Gebühren für das Erstellen eines verlangten Dossiers die journalistische Arbeit bewusst torpedieren.

Beides muss geändert, bzw. verhindert werden. In dieser Ansicht kann man Supino nur mit vollem Herzen, beiden Händen und aller Stimmkraft zustimmen. Dass für ihn aber journalistische Arbeit letztlich eine quantité negligable ist, zweitrangig, wenn es um klare Profitziele, um eine Segmentierung des Konzerns geht, wo jede Einheit unabhängig von der anderen das Vermögen der Familie Coninx mehren soll, das ist die andere, hässliche Seite der Medaille.

Dem alten Schlachtross Tagi sind Stellen-, Immobilien- und Fahrzeuganzeigen ins Internet abgeschwirrt und es wäre mehr als naheliegend, die dort erzielten Gewinne wernigstens teilweise in den Tagi zu stecken? Keine Quersubventionierung, dekretiert Supino, wenn der Tagi nicht rentiert, dann wird halt solange abgespitzt, bis sich das ändert.

Das grosse Vorbild. Nora Zukker, das war …

«Verantwortung, medienethischer Anspruch»? «Glaubwürdigkeit als grösstes Kapital»? Nein, Yacht, Auto, Villa, Kunstsammlung. Wer einen solchen Tartuffe als Chef hat, muss sich um seine Glaubwürdigkeit keine Gedanken machen. Sie ist nicht erkennbar.

 

Hilfe, mein Papagei onaniert X

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch. Heute: Journalismus mit Alzheimer.

Hubert Wetzel hat einen Rückfall. Das ist für ihn persönlich bedauerlich, für die Leser der Süddeutschen und somit auch zwangsweise der Produkte von Tamedia ärgerlich. Umso häufiger wir ihn hier zurechtweisen, desto schneller wiederholt er sich.

Wenn man das nur auch mit seinem Salär machen könnte. Solange er das Gleiche rezykliert, was er schon im November schrieb, bekommt er immer wieder den Verweis auf sein Novembergehalt. Vielleicht würde ihm das helfen, aus der Schleife des «Groundhog Day» auszubrechen. Das ist als Film lustig, aber real …

Mal so, mal so, wer erinnert sich schon an einen alten Kommentar?

Denn schon im November letzten Jahres sah Wetzel schwarz. Aber richtig schwarz. Damit hätte er prima den Pressesprecher der wissenschaftlichen Task Force to the Bundesrat abgeben können (darüber weiter unten noch mehr). Im November plusterte sich der Deutsche in den USA auf, dass Trump «offensichtlich» keine Ahnung habe, wie Wahlen in den USA funktionieren.

Da könnte die Welt, vor allem aber die alliierte Siegermacht USA, mal wieder am deutschen Wesen genesen. Tut sie aber nicht, daher war sich Wetzel schon damals sicher: «So sterben Demokratien». Das tat sie dann aber doch nicht, einen Monat später konnte Wetzel Entwarnung geben:

«Die USA sind im grossen und Ganzen eine erfolgreiche, stabile Demokratie»,

säuselte der wahrscheinlich durch einen Klon ersetzte Wetzel nun. Einzig, ob die Republikaner noch eine demokratische Partei seien, da hatte der Bayer so seine Zweifel. Die hatten zwar mitgeholfen, Deutschland vom eher undemokratischen Hitler-Faschismus zu befreien, aber das ist ja dann wohl verjährt.

Die Entspannung war nur von kurzer Dauer. Erst Ende Mai stauchte Wetzel nochmal den ehemaligen US-Präsidenten Trump zusammen. Der habe mit vielleicht legalen, aber keinesfalls legitimen «Tricks» versucht, im Amt zu bleiben. Aber hier ging es in erster Linie um Polizeigewalt, vor allem gegen Farbige. Daher war Wetzel für einmal der Zustand der US-Demokratie als solcher nicht so wichtig.

Das musste er aber nun nachholen:

«Noch eine Wahl wie 2020 werden die Vereinigten Staaten nicht überleben, nicht als Demokratie und nicht als vereinigte Staaten.»

Also die Demokratie dort stirbt bekanntlich seit November, oder ist seit Dezember recht stabil und erfolgreich. Aber nun auch wieder nicht. Nochmal so eine demokratische Wahl mit letztlich von allen faktisch akzeptiertem Ausgang (auch alles Geraune, dass Trump vielleicht nicht freiwillig aus dem Weissen Haus abtrete, hatte sich als Quatsch erwiesen), dann sei die Demokratie in den USA endgülitg am Ende, ebenso wie die USA selbst.

Demokratie, stabil oder zersetzt und am Ende. Was denn nun?

Ja was denn nun, Herr wohlbezahlter Analyst? Alles zusammen, je nach Ihrer Biokurve, geht nicht. Aber sein dummes Geschwätz von gestern interessiert Wetzel ungefähr gleich viel wie den Leser sein dummes Geschwätz von heute: Trump sei zwar nicht mehr Präsident, räumt Wetzel immerhin ein, aber die von ihm «freigesetzten Korrosionskräfte» (welch ein Magier, dieser Trottel Trump) «zersetzen die Institutionen, die der Demokratie Halt geben. Sie vergiften den öffentlichen Raum und hetzen die Menschen gegeneinander auf. Auf Trumps Partei, die Republikaner, kann man nicht hoffen. Sie ist dem narzisstischen Demagogen hörig.

Die Partei von Abraham Lincoln  huldigt heute einem Golfclub-Autokraten, der nur an sich und seine Lügen glaubt.»

Wir wissen nicht, ob Wetzel auch Golf spielt. Wenn nicht, wäre das immerhin ein Unterschied zu Trump.

Carla Del Ponte hat mal wieder ein Buch geschrieben. Mit dem schwülstigen Titel «Ich bin keine Heldin – Mein langer Kampf für Gerechtigkeit». Das ist nun vom aufmerksamen Feuilleton der «Weltwoche» offenbar einem eher Unkundigen zur Rezension übergeben worden. Er erwähnt zwar, dass Del Ponte zur «Gilde der glücklosen Bundesanwälte» gehört habe.

Del Ponte erreichte keine einzige Verurteilung …

Das ist nun leicht untertrieben. Sie hinterliess während ihres gesamten Wirkens als Staatsanwältin nur eine Schneise der Verwüstung. Mafia-Jägerin? Ein Witz, gepanzerte Limousine und Bodyguards waren völlig überflüssig. Die ehrenwerte Gesellschaft wünschte dieser Versagerin ein möglichst langes Leben. Denn sie brachte niemals, kein einziges Mal eine Anklage zur Verurteilung. Verursachte aber happige Schadenersatzforderungen, die natürlich der Schweizer Steuerzahler zu begleichen hatte.

In der gleichen «Weltwoche» blätterte Christoph Mörgeli unter dem Titel «Eine schreckliche Staatsanwältin» den Fall des Del-Ponte-Opfers Hans N. Zemp auf. Der kämpft bis heute um Wiedergutmachung für die Schäden, die Del Ponte bei ihm angerichtet hat. Aber gut, der Artikel erschien vor fast drei Jahren. Wie sollte das der Rezensent heute noch wissen.

Ausserdem handelt das Buch scheint’s von Del Pontes Tätigkeit als Chefanklägerin des internationalen Strafgerichtshofs im Haag – dort insbesondere bei den Prozessen über Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien. Der clevere Leser muss nur einmal raten, wie diese Tätigkeit endete. Richtig, ohne eine einzige Verurteilung. «Von 2011 bis 2017 gehörte Del Ponte sodann zu einer UNHCHR-Kommission, die Menschenrechtsverletzungen im Bürgerkrieg Syriens untersuchte.»

Selbst der eher beschränkte und IQ-mässig unterdotierte Leser (den es auf ZACKBUM sowieso nicht gibt) ahnt: auch diese Untersuchungen verliefen im Wüstensand. Del Pontes angeblicher Kampf für Gerechtigkeit ist in Wirklichkeit reines Reputationsmanagement einer Rundumversagerin. Das hätte die WeWo vielleicht nicht so schnell vergessen sollen.

Markus Somm ist Chefredaktor vom «Nebelspalter». Wovon? Na, dieser Internetseite, die nun schon seit Monaten unter dem Radar der öffentlichen Beachtung fliegt. Sich einem Scharlatan von Webmaster anvertraut hat, der genau weiss, wieso er auf Fragen von ZACKBUM nicht antwortet. Der als Geschäftsführer wohlweislich keine Zahlen über Single Visitors, Abonnenten, Einnahmen, Inserate bekannt gibt.

Hier wirkt und schreibt Somm also unter der Wahrnehmungsschwelle. Aber er hat ja noch seine Kolumne in der «SonntagsZeitung».  Die missbraucht er zu anhaltender Trump-Verteidigung. Oder dazu, den zwei Masken-Kids nachträglich ein Kränzlein zu winden, die durch den Verkauf von teilweise nicht zertifizierten Masken zu exorbitanten Preisen mehrere goldene Nasen verdienten. Und sich dann psychologisch geschickt mit Protzautos zeigten und sowohl Wohn- wie Firmensitz in ein steuergünstiges Umfeld zu verlegen. Inzwischen laufen diverse Strafuntersuchungen gegen die beiden.

Für Somm ein Grund, den sonst aus dem öffentlichen Interesse zurzeit entschwundenen Fall nochmal aufzurollen. Allgemein wartet man ab, wie oft und wann die beiden Bengel verurteilt werden. Das sieht Somm aber anders, ganz anders: «Emix, so heisst die Firma, die vor Jahren in einem Mehrfamilienhaus in Uster entstanden war, hat uns gerettet. Wären Luca Steffen und Jascha Rudolphi, so die Namen der beiden, nicht zur Stelle gewesen, wer weiss, ob wir vergangenes Jahr je genügend Masken erhalten hätten? Sie sind Unternehmer. Sie sind Wohltäter.

Als wir in Not waren, haben sie gehandelt.»

Vielleicht will sich Somm damit als Mediensprecher oder Biograph (das kann er) beliebt machen. Denn bis zur Pensionierung dürfte es bei der Burn Rate mit dem Nebi nicht reichen. Aber muss man so peinlich ein öffentliches Bewerbungsschreiben einreichen?

Ach ja, dann gibt es noch eine halbwegs gute Nachricht. Die wissenschaftliche Task Force to the Bundesrat wird aufgelöst. Nein, leider nicht. Aber immerhin, deutlich verkleinert. Ein Mann tritt ab, eine Frau übernimmt. Das müsste zumindest bei allen medialen Vorkämpfern für Feminismus, Emanzipation und Gleichbehandlung spitze Lustschreie auslösen, Hört man aber wohl nicht hinter der Maske.

Überraschenderweise werden in Genf ziemlich hohe Sicherheitsmassnahmen umgesetzt, vor dem Gipfeltreffen Biden – Putin. Damit können immerhin zu früh dorthin entsandte Korrespondenten beschäftigt werden.

Leistungsabfrage

Salome Müller, bald Ex-Tamedia, und Aleksandra Hiltmann: was leisten die eigentlich?

Die beiden haben sich etwas geleistet. Einen gelungenen Versuch, mit bislang völlig unbelegten Behauptungen den Ruf ihres Arbeitgebers zu bekleckern. Unerträgliche Zustände, triefend vor Sexismus, Frauendiskriminierung, demotivierend, gravierend, in die Flucht treibend.

So ihr vernichtendes Fazit in einem Protestschreiben, das sie pünktlich zum Tag der Frau vor drei Monaten auf die Rampe schoben und durch Jolanda Spiess-Hegglin in die Öffentlichkeit schieben liessen. Ohne dass das alle Unterzeichnerinnen gewusst oder gar gebilligt hätten.

Tamedia eierte (Pardon) eine Weile rum, um dann markig zu verkünden, dass nun das Bestreben sei, auf allen Hierarchiestufen 40 Prozent Frauenanteil zu etablieren. Seither wird gemunkelt, dass sich im Geheimen Männerverteidigungsgruppen bilden, die konspirativ ihren Überlebenskampf vorbereiten.

Weil man von den beiden Rädelsführerinnen nach ihrem Auftritt bei «10 vor 10» nicht mehr viel hörte: was tun die eigentlich sonst so? Stehen doch bei Tamedia, diesem Schweinebackenkonzern, auf der Gehaltsliste und verdienen ziemlich gut, sowie sicher und mit Fringe Benefits sowie generösen Fortbildungsmöglichkeiten.

Leistung in einem Mondzyklus gemessen

Also, neben motzen, fordern und leiden, wie sieht denn die Leistungsbilanz aus? Nehmen wir einen Mondzyklus, moderner formuliert: den Ausstoss in den letzten 30 Tagen. Wir schicken voraus, dass beide Journalistinnen den Verlag zusammen so rund 20’000 Franken gekostet haben dürften. Lohn, Lohnnebenleistungen, Sozialversicherungen, Arbeitsplatz plus Infrastruktur.

Wir nehmen auch hin, dass ZACKBUM hier mal wieder typisch männliches Leistungsbewusstsein, Konkurrenzdenken, Längenvergleich usw. an den Tag legt; also all das, was sensible Frauen so hassen. Zu Recht, kann man bei diesen beiden Grossschriftstellerinnen nur sagen. Ganz knapp die Nase vorn hat in diesem Zeitraum – Aleksandra Hiltmann. Sie hat einen Output von ganzen zehn Wortmeldungen. Grob unterteilt in 3 Kommentare und 7 Artikel, worunter auch Interviews fallen.

Also jeden dritten Tag durfte man etwas von Hiltmann lesen. Wir hier bei ZACKBUM.ch halten es umgekehrt; jeden Tag drei Stücke. Dafür unbezahlt. Aber eben, blödes Machogetue. Ausserdem kommt es doch auf den Inhalt, nicht die Menge an. Nun ja, eine einfühlsame Kolumne über ihren «Impfarm», ein Stück über die Unsichtbarkeit von Menstruationsblut in der Öffentlichkeit, das setzt natürlich ein Niveau, zu dem wir hier nichtmal hinaufblicken können. Oder hinab? Egal, Output 10.

Im Schlafwagen durch den Journalismus

Salome Müller bringt es in der gleichen Periode, also in einem Monat, Pardon, auf ganze 8 Stück. 1 Kommentar, 5 Artikel und zweimal ist sie als Mitautorin erwähnt. Also alle vier Tage wurde die Welt besser, weil sich Müller zu ihr äusserte. Ist ja auch nicht nix. Aber auch nicht viel mehr.

Kassensturz: 1111 Franken liess sich Tamedia jedes Werk der beiden Damen kosten. Ein teurer Spass, eigentlich, viel Spass hat’s auch nicht gemacht. Nicht mal den Autorinnen, denn sie mussten ja ihr Werk weiterhin unter frauenunwürdigen Zuständen verrichten, demotiviert, belästigt, ohne Anstand behandelt.

Aber immerhin, Müller hat sich – völlig freiwillig – für die Freiheit entschieden, den Ausbruch, den Aufbruch. Zukünftig müssen sich die triebhaften Machomänner von Tamedia ein anderes Objekt ihrer unsauberen und unanständigen Gedanken suchen. Denn Müller wird demnächst eine Lücke hinterlassen, die sie nicht nur vollständig und unmerklich ersetzt. Sondern es geht jetzt schon ein Aufatmen durch die Reihen. Der Männer, selbstverständlich. Aber auch der Leser, die nicht mehr länger mit Gendersternchen und ähnlichem Unsinn belästigt werden.

Wenn dir dein eigener Vertreter in den Fuss schiesst

Jürg Bachmann ist Präsident des Verbandes Schweizer Privatradios. Ohne ihn wären die besser dran.

Bachmann hat mitgekungelt, als sich die Privatradios mit der Zusage, dass sie sich nicht nochmals um die eigentlich fällige Neuvergabe der Funklizenzen bemühen müssten, ihre Zusage zum Abschalten der UKW-Ausstrahlung abhandeln liessen.

Schien damals eine gute Idee, denn die grossen Verlage waren dermassen unfähig, dass einer zwischenzeitlich die Lizenz für seine Privatradio-Station verlor; zu schlampig das Gesuch abgefasst.

Also lieber nicht noch mal, und nachdem schon mit DAB und DAB+ Millionen in den Sand gesetzt worden waren, könnte man doch nun ganz aufs Internet setzen. Aber schon damals hatte es einen gegeben, der dieser Kungelei nicht zustimmte. Genau, Roger Schawinski.

Ach, der schon wieder, dachten die anderen grauen Mäuse, die Radio-Manager, die vielleicht eine Ahnung von einer Finanzflussplanung haben (was nicht heisst, dass sie sie auch beherrschen), aber null Interesse an diesem Medium. Radiowellen, Druckerschwärze, TV-Übertragung, Verkauf von Windeln, Konzerten, Kaffeemaschinen: alles das Gleiche, kann alles gemanagt und in den Sand gesetzt werden.

Ach, der schon wieder, dachten Schawinskis Gegner Mal um Mal

Ach, der schon wieder, dachten diese Kurzdenker, als Schawinski seine Petition «Rettet UKW» startete. Will im Herbst seines Lebens noch ein wenig Stunk machen, bevor er endgültig abtritt, der alte Sack. Gar nicht erst ignorieren, hat keine Chance, blöder Querulant, könnte doch einfach mal die Schnauze halten.

Der einzig wegen seines Berufs Sohn zur Position des Chefs der grössten Ansammlung von Privat-Radiostationen gekommene Wanner-Filius schmunzelte über Schawinski, Bachmann sah keine Chance, dass da noch etwas geändert werden könne.

Das enthält eine Anzahl von Fehlern, die eigentlich in jeder Organisation, wo Amt noch irgendwas mit Verantwortlichkeit und Kompetenz zu tun hat, zum sofortigen Abgang – freiwillig oder unfreiwillig – von Bachmann führen müsste. Der war nämlich zudem etwas absorbiert, um sich sein neustes Hütchen – Präsident von Kommunikation Schweiz, dem Dachverband Schweizer Werbung – auf dem Haupt zurechtzurücken.

Also beschränkte sich seine öffentliche Gegenwehr gegen die Attacke von Schawinski auf ein hingeknödeltes Gefälligkeits-Interview bei Tamedia, bei dem er weiterhin UKW «keine Chance» gab. Währenddessen übersprang Schawinskis Unterschriftensammlung locker die Grenze von 50’000. Bei einem seiner vielen Auftritte in einer Debatte bei «Tele Züri» (wer hat’s erfunden?) ergab die anschliessende Publikumsbefragung geradezu nordkoreanische Zustimmung zu seiner Position; der Chefredaktor der in die Bedeutungslosigkeit abgeschwirrten «Medienwoche» hatte mit seiner «schaltet es ab»-Position keine Chance.

Schlag auf Schlag, so macht man das

Nun ist Schawinski der nächste Coup gelungen. Selbst die für den damaligen Entscheid verantwortliche Medienministerin, die Ex-Bundesrätin Doris Leuthard, ist inzwischen für einen Marschhalt, räumt ein, dass man damals falsch entschieden habe. Immer mehr Politiker springen auf den rollenden Zug auf, während Schawinski vorne für Dampf im Kessel sorgt. Denn er hat mindestens drei Vorteile gegenüber dieser Riege von Verwaltern. Er ist mit Herzblut dabei. Er weiss, wovon er spricht. Er ist nicht irgendwer, sondern hat durchaus seine Verbindungen. Und er hasst es bis ins höhere Alter, zu verlieren.

Bachmann? Der hat keine dieser Eigenschaften, inzwischen drückt er sich einfach etwas vorsichtiger aus, wenn er gefragt wird, ob die Abschaltung des UKW-Netzes noch realistisch sei: «Es wäre jedenfalls vernünftig», behauptet er in einem Interview auf persoenlich.com. Warum wäre es das? «Weil über die Hälfte der Autos mit DAB+-Empfangsgeräten ausgerüstet» sei. Womit er um die offizielle Zahl, dass mehr als die Hälfte aller Autofahrer unterwegs UKW hört, herumkurvt.

Dazu gar nicht merkt, wie bescheuert diese Behauptung ist, da ja auch DAB+ nicht die Zukunft darstellt. Der zunehmende Gegenwind auf allen Ebenen? Ach, «zu wenig Interesse an den Fakten», da liessen sich alle «von einer emotionalen Welle mitreissen». Na, dann mal die Fakten auf den Tisch, was spricht nun gegen die Fortsetzung der UKW-Ausstrahlung?

«Es würde viel Geld kosten.»

Was Bachmann auch nicht mitgekriegt hat: dieses erste Argument, das hilflos aus dem Ärmel geschüttelt wurde, konnte nie mit Zahlen untermauert werden.

Das Bettlakengespenst Bachmann

Einzig Schawinski hat die Zahlen für sein «Radio 1» auf den Tisch gelegt: Im Promillebereich, vernachlässigbar, kein Problem. Dagegen Bachmann, der sich mangels anderer Argumente hinter einen Vorhang stellt, hineinbläst und «buhu» sagt. In der vergeblichen Hoffnung, dass «kostet eine Stange Geld» schon irgendwie verfangen könnte.

Nun wünscht man Schawinski wenigstens valable Gegner; es kann ja keinen Spass machen, auf einem Kartoffelsack rumzutrampeln. Daher mit aller gebotenen Neutralität, da ZACKBUM (noch) keine private Radiostation betreibt: Lieber Verband, zieht doch nicht bei UKW, sondern bei Bachmann den Stecker raus und sucht Euch einen Präsidenten, der wenigstens so tut, als sei er nicht scheintot. Und zur allgemeinen Beförderung der Debatte es vielleicht mal mit einem Gegenargument mit Hand und Fuss probiert.

Dann kann sich Bachmann vollamtlich seinem nächsten Versuch widmen, dem Dachverband der Schweizer Werbung das Dach wegfliegen zu lassen.