Ex-Press XVIII

Blasen aus dem Mediensumpf.

Die deutsche Sprache wird sozusagen von zwei Seiten in die Zange genommen. Zum einen von Kampffeministen, die nicht zwischen Genus und Geschlecht unterscheiden können und deshalb meinen, jede Form von Genderisierung der Sprache sei ein echter Fortschritt für die Sache der Frau.

Zum anderen sind immer mehr Journalisten auf ihre eigenen Orthografie-Kenntnisse zurückgeworfen, und auch da kommt die deutsche Sprache meistens nicht unbeschädigt davon.

Oder aber, Korrektoren in Banja Luka oder anderen Niedriglohngegenden der Welt, die vorgeben, die deutsche Sprache zu beherrschen, und auch gans billik, Erenword, zeigen selbst bei Titeln, was ein gut gesetzter Deppen-Apostroph doch bewirken kann.

Wenn’s durchs wilde Kannitverstan geht.

Dass offensichtlich aber auch keinem am Herstellungsprozess beteiligten Qualitätsjournalisten aufgefallen ist, dass hier der Apostroph genauso überflüssig ist wie bei Rita’s Restaurant, das ist mal wieder oberpeinlich.

Reden wir erst gar nicht vom Inhalt, reden wir von der Form. Wer dermassen eine Schneise der Zerstörung in der deutschen Sprache hinterlässt, gleichzeitig aber grossen Wert auf Leser*in, LeserIn, Leserin* oder anderen Schwachsinn legt, dafür erst noch Geld verlangt, muss sich wirklich nicht wundern, wenn er keins kriegt. Vielleicht sollte sich CH Media mehr aufs (oder auf’s, wie das Medienhaus schreiben würde) gesprochene Wort verlegen, genügend TV- und Radiostationen hat man doch.

 

Reiche Ernte beim Tagi

Das Blatt der richtigen Lebensart unterscheidet mal wieder klar zwischen Realität und Irrealem, um nicht zu sagen Irren.

«Eine Konkurswelle kommt auf uns zu», konstatiert Milan Prenosil von der Zürcher City-Vereinigung nüchtern. «Ich kenne einige langjährige, gute Unternehmer, die letztes Jahr Konkurs angemeldet haben. Familienunternehmen, deren Existenz innerhalb eines Jahres ausgelöscht wurde.» Prenosil weiss, wovon er redet.

Der frisch ins zweite Glied zurückgeschobene Co-Unterchefredaktor Mario Stäuble* hingegen tut das, was Journalisten am besten können: Er schreibt über ein Thema, von dem er keine Ahnung hat. «So brutal die neuerliche Stilllegung der Schweiz ist, so unvermeidlich ist sie

Dann outet sich Stäuble noch als Epidemiologe und Virologe: «Angesichts der Virusmutation wird es zuerst nochmals schlimmer, bevor es besser wird.» Offensichtlich bezieht Stäuble seine Welterkenntnis vom bekennenden Tagi-Amok Marc Brupbacher, der schon den gesamten Bundesrat für übergeschnappt erklärte, bevor er über Alain Berset endgültig den Stab brach.

Es ist schon erstaunlich, wie offensichtlich über ihre Kompetenzgrenze hinweg beförderte Nullen, die ja eigentlich und unermüdlich nur das Beste für ihre Mitmenschen wollen, vor allem für Marginalisierte und Diskriminierte, dermassen menschenverachtend, zynisch und ohne Empathie aus der Zuschauerloge heraus gnadenlos brutale Massnahmen befürworten.

 

Fröhlich ins Abseits

Eines muss man Roger Köppel lassen: Er knickt nicht ein, nicht mal vor der Realität. Obwohl Doppel-Impeachment-Trump alle mit in seinen Untergang reisst, die ihm immer noch die Stange halten, kennt der Politstratege Köppel nichts.

Das vernichtendste Urteil über sein neustes Werk fällt sein eigener Redaktor Eric Ebneter: «Schlechter Journalismus beschreibt Fiktion als Wirklichkeit.» Damit mokiert sich Ebneter zwar über einen neuen Erguss von Lukas Bärfuss, der den renommierten Büchner-Preis weiter verzwergt. Aber das trifft noch besser auf seinen eigenen Chefredaktor, Verleger und Besitzer zu.

Gleich viermal wird der Angriff des Abschaums auf das Capitol und die Rolle von Trump thematisiert. Eher leichtfüssig von Christoph Mörgeli, der völlig zu Recht auf Ähnlichkeiten zwischen dem «urigen Vieh, das bei der Stürmung des Kapitols gesichtet wurde» und dem Uristier aus dem gleichnamigen Urkanton hinweist. Ohne die Urner zu fragen, was sie von dieser kulturellen Aneignung ihres Wappens durch einen Vollbekloppten halten.

Gleich zweimal ergreift Köppel selbst das Wort. Zunächst singt er das alte Klagelied «zweierlei Mass». Antifa und «Black Lives Matter» tobt in den Innenstädten der USA, das werde schöngeredet. Aber «Amerika geht nicht unter, wenn ein unbewaffneter Mob ins Parlament einbricht». Zudem: «Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen Ursache (Trump) und Wirkung (Einbruch ins Kapitol).»

Schliesslich habe Trump seine Anhänger aufgefordert, «friedlich und demokratisch» zu protestieren. Was natürlich die Medien ausblenden würden. Dann geht Köppel in eine gewagte Grätsche: «Krawalle sind immer zu verurteilen.» Was Trump ja auch mit klaren Worten tat: «Ich kenne Euren Schmerz. Uns ist ein Erdrutschsieg gestohlen worden. Geht nach Hause, we love you. Ihr seid ganz spezielle Leute.»

Eine Liebeserklärung an den Mob, den er zuvor aufgefordert hatte, die Pennsylvenia Avenue (die zum Kapitol führt) hinunterzumarschieren und Stärke zu zeigen. Aber man kann ja, ausserhalb des köppelschen Universums, nicht mehr ernsthaft darüber diskutieren, dass der Abgang Trumps schändlich ist.

Auf ganz dünnes Eis begibt sich Köppel, wenn er wortreich den Tod einer «unbewaffneten» Demonstratin beklagt, die von der Polizei mit einem «Schuss in den Nacken», also einem Genickschuss, getötet worden sei. Diesen Tod zu beklagen, heisst gleichzeitig, den Tod der anderen, darunter auch ein Polizist, zu verschweigen. Das ist nicht mehr Demagogie, das ist einfach dumm.

Aber Köppel kann noch einen draufsetzen. In der gleichen verzweifelten Tonlage, in der Che Guevara von einem Endkampf zwischen Sozialismus und Imperialismus fantasierte, während er in Bolivien seiner Verklärung zum Märtyrer entgegenwankte, vergleicht der rasende Roger Trump sogar mit dem Terminator. Wohl zunächst, weil das so schön alliteriert, dann aber auch, damit er etwas von einem «Genie der Unzerstörbarkeit» fantasieren kann. Denn wie der (in diesem Sequel bösartige) Roboter, der auch mit halbem Körper noch weiterkämpft, fighte auch Terminator Trump weiter.

Seit Jüngers Stahlgewittern hat wohl kaum einer eine so martialische Sprache verwendet. Wo Köppel fightet, ist sein Trump-Groupie Urs Gehriger nicht weit. Da Steve Bannon gerade unpässlich ist, so abgehalftert, dass nicht mal in grosser Verzweiflung seine Meinung gesucht wird, muss Gehriger einen anderen Trump-Verteidiger aufspüren und zum Interview bitten.

Kein Problem, da gibt es Victor Davis Hanson. Was, Sie kennen DEN Hanson nicht? Bestsellerautor, «der Historiker und Stanford-Professor gehört zu den prominentesten Kommentatoren Amerikas». Nun, er ist Militärhistoriker und befasst sich gerne mit den Kriegstaktiken im Altertum. Als Kolumnist fiel er eigentlich nur einmal auf, als eine Kolumne von ihm weitherum als «blöder Ratschlag» (The Atlantic) oder gleich als «spektakulär dumm» (Andrew Sullivan) belächelt wurde. Der Inhalt war weiter nicht nennenswert.

Doch nun wird Hanson zur kompetenten Stimme aufgepumpt und darf mit Pirouetten, Grätschen am Pferd und an den wenigen kritischen Fragen vorbeiplaudernd, sein Klagelied über die ungerechte Behandlung Trumps in den Medien singen.

Wir können nur hoffen, dass uns die WeWo nicht noch mit einem Trump-Interview überrascht, wenn der zwischen Gerichtsterminen dafür Zeit finden sollte.

Bli-Blü-Blick

Etwas unfokussiert kommt zurzeit der «Blick» daher. Er informiert seine Leser alarmistisch über etwas, was sie schon längst mitbekommen haben. Ausser, sie liegen im Bett: «30 Zentimeter Schnee im Flachland!» Wahnsinn, nach dem Killervirus nun auch noch der Killerschnee. Dabei liefert er viel weiter unten und klein eine Story, die sich für ein Boulevardblatt gut eignet: «Unfall in Chur: Schneepflug erfasst Passantin (44)». Das wäre ausbaufähig; obwohl die Fussgängerin nur «leicht verletzt» wurde; dem Fahrer des Schneepflugs wurde der Führerausweis und eine Blutprobe abgenommen.

Apropos Blutprobe, endlich kann der «Blick» an der Corona-Front mit neuen Formen des Schreckens arbeiten, nicht mehr mit der Wiederholung des Ewiggleichen: «Wissenschaftler fürchten sich vor neuen Mutationen.» KMU-Besitzer fürchten sich vor dem Bankrott, Angestellte fürchten die nächste Entlassungswelle, Beizer fürchten sich gar vor dem Abgrund. Und die Sonntagszeitungen fürchten sich vor weiteren Einbrüchen bei den Verkaufszahlen.

Einsam im Wald: Bezahl-Kasten des SoBli. © Urs Oskar Keller

Da hilft nur eins: weiterkämpfen wie der Trump-Terminator. Aber immer darauf achten, dass die Frisur sitzt.

 

*Dank eines Leserhinweises konnte hier die Falschschreibung des Namens behoben werden.

 

Fies, reich, aber nur auf dem ZDF

40 Jahre «Denver-Clan»: SRF zelebriert ein Jubiläum, das gar nie auf SRF gezeigt wurde.

Die Tagesschau-Hauptausgabe vom 12. Januar widmete ihren obligaten Kulturbeitrag einer klassischen Soap. «Der Denver-Clan wird 40 Jahre alt», jubilierte Florian Inhauser mit sichtlichem Vergnügen. «Wer in den 80er Jahren ein Fernsehgerät bedienen konnte, kam an ihnen nicht vorbei», so seine spezielle Einschätzung. «Eine Erfolgsserie mit einer komplett disfunktionalen Ölmillionärsfamilie und der wahrscheinlich höchsten Dichte an Föhnfrisuren der TV-Geschichte». 2 Minuten und 46 Sekunden widmete das Schweizer Fernsehen dem Ereignis. Am 12. Januar 1981 feierte der «Denver-Clan», im Original «Dynasty» genannt, Premiere in den USA.

Auch «Biest» Joan Collins spielte mit. (Screen: SRF)

Die Seifenoper spielt in Denver Colorado – im Mittelpunkt steht der Öl-Magnat Blake Carrington und seine Frau Krystle. Zum Publikumshit wurde die Soap-Opera dank der Figur von Alexis Carrington-Colby-Dexter-Morell. Ähnlich berühmt war schon Dallas, eine von 1978 bis 1991 produzierte US-amerikanische Fernsehserie, die in der gleichnamigen texanischen Stadt Dallas spielt und die Verwicklungen der fiktiven Familie Ewing darstellt. Ihr Milieu: eher das Neo-Cowboy-Styling.

Beide Erfolgsserien hatten eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit. Sie wurde nie auf SRF ausgestrahlt, wie die Medienstelle auf Anfrage mitteilt. So bekommt Florian Inhausers Moderationseinstieg eine spezielle Note.

Dass das Schweizer Volk damals in die Röhre guckte oder auf ausländische Sender ausweichen musste, war im Tagesschau-Bericht kein Thema. Zum Glück gab es das ZDF, ARD und das ORF. Wenn man die Sender via Antenne störungsfrei ins Haus bekam.

Bald das Motel-Jubiläum

Ob SRF 2024 wieder einen ähnlichen Bericht bringt? Dann feiert die umstrittene Serie «Motel» ihren 40. Geburtstag. Diese Serie wurde – im Gegensatz zu Dynasty und Dallas, nie auf einem ausländischen Sender gezeigt. Hier für alle Nostalgiker die genauen Sendetermine von «Denver Clan» und von «Dallas», freundlicherweise zur Verfügung gestellt von SRF.

Ältere Semester erinnern sich bestens an die DRS-Serie von 1984 «Motel» u.a. mit Jörg Schneider.

Verlängerter PR-Arm

Branchenportale glänzen durch Verlautbarungsjournalismus.

Tamedia fusioniert die Regionalredaktionen des Tagesanzeigers, der Zürichsee-Zeitung, des Zürcher Unterländers und des Landboten. Damit verschwindet die lokale Sicht auf kantonale Themen. Zürcher Einheitsbrei ist mit diesem neuen Mantelresort programmiert. Nun hat’s natürlich zu viele Journalisten. «Natürliche Fluktuationen, interne Wechsel, Anschlusslösungen», heisst es von der Medienstelle gegenüber Keystone-SDA. Wer nicht kündigt, muss gehen. Möglich sei auch ein Sozialplan. Den braucht‘s laut Gesetz nur bei einer Massenentlassung.

Ein Päckli, ein vorproduziertes Interview?

Soweit, so schlecht. Nicht geglänzt haben bei dieser Hiobsbotschaft bisher die Branchenportale. Persönlich.com hat zwar das Kunststück fertiggebracht, ein langes Interview mit den drei Superchefredaktoren aufzuschalten. Kunststück darum, weil es wenige Stunden nach der Medienmitteilung der TX Group schon online war. Wie war das nur möglich? Wer das zahnlose PR-Interview gelesen hat, kann sich die Entstehungsschichte ausmalen. Die geht etwa so: Die Abbaufirma bietet einem Branchenportal ein Exklusivinterview an. Dafür darf man es gegenlesen. Und ja, wichtig sind die Stichworte «Innovation», «Zeitungsverbund», «Redaktionsnetzwerk» und «Stärkung», wird von der Medienstelle ganz kollegial nachgeschoben. Gesagt, getan. Ein herrliches Beispiel von Verlautbarungsjournalismus.

Neuer Vorgesetzter Benjamin Geiger

Interessant ist die nebenbei erwähnte Personalia. Neuer Chef des hochgelobten Zeitungsverbundes wird das bewährte Schlachtross Benjamin Geiger. Es bestätigt gegenüber persönlich.com, es werde Vorgesetzter von Priska Amstutz und Mario Stäuble. Gerade kürzlich hat man die Beiden als neue Hoffnungsträger für den «Tagi» gefeiert. So schnell kann’s gehen.

Standorterhalt – wer’s glaubt?

Die Beteuerung, dass die bisherigen Standorte behalten werden, ist natürlich Blödsinn. Aus zwei mach eins, die Schrumpfung der Zürichsee-Zeitung vom Standort Stäfa an die Aussenstelle Wädenswil war nur der Anfang. Corona zeigt, dass Journalisten ihr Handwerk auch von zuhause aus ausüben können. Dass die Nähe zum Geschehen leidet, nimmt man in Kauf.

Der Kleinreport

Der  Kleinreport machte sich die Aufgabe noch einfacher. Unter dem Titel «Tamedia gründet Redaktionsnetzwerk Zürcher Zeitungsverbund» übernahm er  grossomodo die Medienmitteilung.

Medienwoche und edito.ch in Schockstarre

Geht’s noch einfacher? Leider. Die einst durchaus lesenswerte Medienwoche brachte  – gar nichts. Ausser in der Unten-links-Rubrik «News» ein Link auf den Persönlich.com-Artikel. Die Katze, die sich in den Schwanz beisst.

Leere gab’s auch auf edito.ch, immerhin die Plattform der Medienberufsverbände Impressum und Syndicom.  Es scheint, wie wenn sich eine Art Schockstarre breit gemacht hätte.

Nachtrag: 24 Stunden nach Erscheinen dieses Textes schob der Kleinreport einen gepfefferten Insiderbericht über den TX-Group-Entscheid nach, aus inoffizieller Redaktionssicht des Tages-Anzeigers.

Blablajour: Das haben nicht mal die Basler verdient

Schon Kurt W. Zimmermann beschimpfte die Basler als mediale Trottel. Recht hat er.

Fehler machen kann jeder. Als der Basler Daig mit offenen Mündern zuschaute, wie ihre grossartige Verlegerdynastie die «Basler Zeitung» an den Rand des Ruins führte, hätte es theoretisch die Möglichkeit gegeben, dem unfähigen Hagemann Junior sowohl finanziell wie strategisch unter die Arme zu greifen.

Lieber nicht, sagte sich der Daig. Als sich dann enthüllte, dass der Gottseibeiuns für viele Basler Linke, Edellinke und Daig-Linke, dass Christoph Blocher die «Basler Zeitung» gekauft hatte, begann sogar der Daig zu blubbern und Pickel zu kriegen.

Und als dann auch noch der kleine Gottseibeiuns die Chefredaktion übernahm, da war es fast allen in Basel klar: So geht das nicht. So geht das überhaupt nicht. Statt eine langsam in den roten Zahlen ersaufende, dafür aber Basler BaZ haben wir nun ein von Zürich aus gekapertes Blatt, das so rechtspopulistisch sein wird, dass nur noch die rechte Randspalte bedruckt wird.

Die Rettung nahte: Geld wie Heu

Was tun, fragte sich da der Daig, wie weiland Lenin. Wie es sich gehört, fanden diskrete, aber erregte Gespräche statt. Viele Redaktoren der BaZ waren natürlich zutiefst entrüstet, dass sie nun sicherlich statt von links nach rechts von rechts nach links schreiben mussten. Niemals, sagten sie, aber blöd auch, aufrecht kündigen wäre einfach, einen neuen Job suchen nicht so sehr.

Aber die Rettung nahte, eine reiche Pharma-Erbin öffnete die Portokasse ihrer Portokasse und schmiss ein paar Millionen auf. Damit kann man etwas anfangen, sagten sich viele Journalisten, auch bei der BaZ, die zwar ums Verrecken keinen Anlass fanden, um dem neuen Chefredaktor Markus Somm in irgendeiner Form Zensur, Eingriffe, politische Vorgaben vorwerfen zu können.

Das alles sollte erst noch kommen, denn nach vielen öffentlich solidarisch, aber insgeheim natürlich intrigant geführten Debatten entstand die «TagesWoche». Nun konnten einige BaZ-Journalisten, nicht gerade die besten, endlich die Konsequenz daraus ziehen, dass sie zwar nicht auf rechtspopulistische Linie getrimmt werden sollten, aber grundsätzlich und aus Prinzip nicht für ein Blocher-Somm-Organ arbeiten konnten.

Statt Begeisterung sehr schnell Ernüchterung

Am 28. Oktober 2011 erblickte die erste Ausgabe das Licht der Welt; mit dem grossartigen Slogan: «Die Welt im 21. Jahrhundert braucht Medien aus dem 21. Jahrhundert.» Das mag so sein, aber während Gottseibeiuns Blocher zusammen mit Eisenfuss Bollmann den Trümmerhaufen BaZ aufräumte und sanierte (nicht zuletzt mit dem Einschuss von Geld in die Pensionskasse), holperte die «TagesWoche» von Anfang an vor sich hin.

Anspruch und Einlösung, mit vollen Händen das Startkapital ausgeben, aber keinerlei Businessplan, wie es nach einer Anschubfinanzierung aus eigenen Kräften weitergehen sollte: die erste Begeisterung, es den Zürcher Invasoren gezeigt zu haben, machte sehr schnell einer grossen Ernüchterung Platz.

Wie es sich gehört, begannen auch ziemlich schnell die offen ausgetragenen Intrigen und Machtkämpfe im Kollektiv. Schon nach anderthalb Jahren wurde der Gründungschefredaktor abgesägt. Ein knappes Jahr später wurde Urs Buess offiziell entsorgt. Dem Trio um Dani Winter wurden zwar exzellente Beziehungen zur Mäzenin nachgesagt, aber Performance, Erfolg, Führung, das waren nicht so ihre starken Seiten.

Schritt für Schritt konsequent zum Ende

Den Anfang vom Ende leitete das Bekanntwerden eines übelriechenden Deals ein. Mehr als die Hälfte der beglaubigten Printauflage verstopfte gratis die Flughäfen Basel und Zürich. Machen auch andere, aber nicht gleich mit dem grösseren Teil der Auflage. Auch die tolle «Community» mit angeblich ziemlich aktiven 10’000 Mitgliedern erwies sich als ein Luftschloss. 70 Prozent von ihnen waren laut den eigenen Statistiken der TaWo noch nie aktiv geworden.

2015 wurden dann auch Dani Winter samt Gefolgschaft per sofort rausgeworfen. Ab Januar 2016 versuchte es noch ein Neuer, aber auch Christian Degen verliess das sinkende Schiff ein Jahr später. Am 5. November 2018 überraschte dann die Herausgeberschaft die wenigen verbliebenen Leser und Mitarbeiter mit der Nachricht, dass das Blatt zugeklappt werde. Sicher reiner Zufall, dass das eine Woche nach dem Abschluss des Verkaufs der BaZ an Tamedia bekannt gegeben wurde.

Hat die reiche Mäzenin etwas aus diesem Desaster gelernt?

Ende der Fahnenstange, 30 gefeuerte Mitarbeiter verbrachten fröhliche Weihnachten. Nun könnte man ja einige Schlussfolgerungen daraus ziehen. Zum Beispiel, dass ein Organ «gegen» damit keine Existenzberechtigung  für irgendwas bekommt. Zum Beispiel, dass sich die TagesWoche eigentlich als Lokalblatt positionieren wollte, ihre Redaktoren aber natürlich lieber die grosse, weite Welt als ihr Thema sahen.

Und schliesslich, eine millionenschwere Anschubfinanzierung ist eine tolle Sache, aber irgend etwas oberhalb von «wird schon irgendwie» als mittelfristiger Businessplan, das sollte es schon mal geben. Gab’s nicht, stattdessen Intrigen, Stühle wegziehen, Beschiss.

Unverdrossen, denn es leert sich ja weiterhin nur die Portokasse der Portokasse, wurde neuerlich eine Million pro Jahr als Anschubfinanzierung für irgendwas ausgelobt. Ausgerechnet dem begabten Millionenverröster Hansi Voigt den Zuschlag zu erteilen, der gerade nicht ganz freiwillig die Geldvernichtungsmaschine «watson» verlassen hatte, zeugte nicht gerade von Weitblick und gewonnenen Erkenntnissen.

Schon wieder riecht es streng nach Untergang

Wie schon mehrfach berichtet, brüstet sich bajour.ch inzwischen mit «2427 Member». Da Voigt sich leider weigert, unsere Fragen zu beantworten, weiss niemand, ob die wirklich oder nur digital existieren. Aber selbst wenn, wie bajour mit seiner aufgeblähten Mitarbeiterstruktur mit bloss 100’000 Franken im Jahr durchkommen will, wenn dann mal die drei zugesagten Millionen verbrannt worden sind, das steht in den Sternen. So viel verbraucht bajour bei jämmerlichem Output für Gehälter und Infrastruktur. Pro Monat.

Aber im Gegensatz zur «TagesWoche» überzeugt bajour doch sicher durch eine umfangreiche und aktuelle Berichterstattung aus Basel? Nun ja, dem vielköpfigen Team um Voigt ist es in diesem Jahr gerade mal gelungen, ganze sechs Stücke rauszupusten. Darunter ein Gastkommentar und ein Bericht über nachkolorierte alte Aufnahmen von Basel.

Zuoberst ein Nachruf auf Genosse Pfister, ein Klimaprozess, die Eröffnung eines Second-Hand-Shops. Und dann das.

Schon ins alte Jahr zurück führt das Trendthema Sexualität. Einmal als «Transboys will be Boys and only Boys? Blödsinn!» (muss man nicht verstehen) oder als

«Ich hasste es, eine Frau zu sein.»

Ein erschreckender Bericht über Endometriose; fünf Betroffene berichten (muss man nicht kennen). So der Stand am 5. Januar 2021.

Für diese magere und tropfenweise verabreichte Kost sollen tatsächlich knapp 2500 Basler je 40 Franken springen lassen? Und sich wunschgemäss verzehnfachen, wenn bajour in zwei Jahren aus eigenen Kräften über die Runden kommen soll? Also

so vertrottelt können nicht einmal die Basler sein,

Zimmermann hin oder her.

 

Packungsbeilage: Ich publizierte in der BaZ unter Somm. Über alles, was ich wollte. Wie ich wollte. Niemals zensiert, niemals umredigiert.

Tot. Aber kein Corona-Toter

Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut in Krisenzeiten. Davon hat das BAG noch nie was gehört.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist normalerweise eine der vielen Schnarchbehörden zu Bern, wo über 600 Staatsangestellte zwischen «guten Morgen» und «schönen Abend» Dinge tun, nun ja, also «Sinnvolles für die Schweizer Bevölkerung» bewirken. Was immer das auch sein mag.

Bekannt ist das BAG vor allem für sein einmal im Jahr stattfindendes Stirnrunzeln, wenn die neuen Krankenkassenprämien bekannt gegeben werden. Deren Dämpfung gehört zu den vornehmsten Aufgaben des BAG. Bravo, die Schweiz liegt weltweit nur auf Platz zwei des Wettbewerbs: Wer hat das teuerste Gesundheitssystems.

Seit Ausbruch der Pandemie leidet das BAG sichtlich unter der stetigen Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. Zum Corona-Virus werden regelmässig Pressekonferenzen abgehalten, auch wenn die schwer an Attraktivität verloren haben, seit Mr. Corona sich nicht mehr rettungslos in Satzfragmenten verliert, aber dabei eine einschläfernde Vertrauensstimme zum Einsatz bringt.

News ist für das BAG ein sehr dehnbarer Begriff

Die übrigen «News» auf der Webseite dehnen etwas den Begriff; die Untersuchung, welche Auswirkungen Covid-19 auf die Psyche hat (es sei hier verraten: keine positiven), stammt von November 2020. Das ist aber noch brandaktuell, schon die dritte News, die ebenfalls überraschungsfrei verkündet, dass Sucht Milliardenschäden anrichtet, stammt vom Oktober 2020.

Das könnte als die übliche Kauzigkeit und Absonderlichkeit einer still verstaubenden Behörde belächelt werden. Wenn das BAG nicht Stück für Stück seine Glaubwürdigkeit verspielte. Lahmarschige Datensammlung, so unvollständige Daten, dass private Anbieter oder selbst eine US-Uni lieber als seriöse Auskunftsquellen benützt werden.

Dank überlegener Technologie, also dem Einsatz von brandneuen IT-Wundern namens Fax, kommt es auch ab und an zu kleinen Übertragungsfehlern, so wird ein 90-Jähriger schon mal zum 9-Jährigen, mehr als einmal müssen Daten nachträglich korrigiert werden.

Grenze zwischen Fahrlässigkeit und böswilliger Unfähigkeit

Aber auch das könnte man noch unter «irren ist bürokratisch» abbuchen. Wenn das BAG nicht die Grenze zwischen Fahrlässigkeit und böswilliger Unfähigkeit überschreiten würde. Nachdem von Anfang an feststand, dass die Hochrisikogruppe alte Menschen mit Vorerkrankung sind, was den Medianwert der Corona-Toten auf 85 Jahre legt, wird mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt, ob und wann es denn mal einen Toten unter 30 gibt.

Und siehe da, was nicht nur den bekennenden Amok Marc Brupbacher erwartungsgemäss zum Hyperventilieren bringt: In der letzten Dezemberwoche meldete das BAG den ersten Toten in der Altersklasse 20 – 29. Und einen Toten von 0 – 9. Und dann gleich nochmal einen jungen Erwachsenen, der an Covid-19 gestorben sei.

Diese amtlichen Mitteilungen, kurz nachdem die Existenz einer angeblich viel ansteckenderen Mutation des Virus auch in der Schweiz bekannt gegeben wurde, verunsichert natürlich die Bevölkerung und befeuert Krakeeler, die ständig einen strikten Lockdown und Impfpflicht und andere drakonische Massnahmen fordern.

Das BAG verbreitet auch mal Fake News

Nur: es handelt sich um Fake News. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich bestätigte «20 Minuten», neben «Blick» das einzige Organ, das solchen Fragen nachgeht, dass der Ende Dezember verstorbene Jugendliche definitiv nicht an Corona verschied. Die Todesursache des in St. Gallen verstorbenen Buben ist unklar. Und auch der zweite Jugendliche, der im Wallis verstarb, hatte diverse Vorerkrankungen. Die Ostschweiz hat immerhin «Die Ostschweiz», die solchen Ungereimtheiten auch nachgeht. Richtig, dort schreibe ich auch.

Diese Falschmeldungen haben zunächst damit zu tun, dass jeder ins Spital eingelieferte Patient obligatorisch einem Corona-Test unterzogen wird. Liegt dessen positives Resultat vor, bevor der Patient an seinem Herzinfarkt, seinen schweren Unfallverletzungen oder seinem Krebs im Endstadium erliegt, hat er gute Chancen, als Corona-Toter gezählt zu werden.

Aber wie kommt das BAG auf die Idee, mit solchen Falschmeldungen seinen Ruf zu ramponieren? Dafür gibt es eine Erklärung, die nur einem Beamtenhirn einfallen kann. Da diese Verstorbenen vorher in der Statistik «Corona-Erkrankte» geführt wurden, müssen sie ja da raus, weil sie gestorben sind. Also bettet man sie in die Liste der Corona-Toten um.

«Die Todesfälle unter jüngeren Personen häufen sich»

Daraus machen die beiden Monopolisten im Tageszeitungsmarkt – nichts. Aber der «Leiter Interaktiv-Team» beim «Tages-Anzeiger» japst auf Twitter: «Todesfälle unter jüngeren Personen häufen sich.» Nein, drei Falschmeldungen machen noch nicht mal einen Haufen.

Stolz lässt Brupbacher seinen 2. Platz bei der Wahl des «Recherche-Journalisten des Jahres» angeheftet oben in seinem Account glänzen. Ein weiteres Beispiel aus dem grossen Haufen der völlig deplatzierten Wahlen des «Schweizer Journalist». Aber da Brupbacher ja ständig alle anderen dazu auffordert, endlich mal verantwortlich zu handeln, wird er diesen 2. Platz sicherlich freiwillig zurückgeben.

«Es zeigt sich das Versagen der alten Herren»

«Kleine und mittelgrosse Verlage inklusive CH Media sollten sich besser aus der Geiselhaft der Konzerne befreien» findet Kaspar Surber (40) von der WoZ im Vorfeld der Dreikönigstagung des Verlegerverbandes.

Die Dreikönigstagung des Verlegerverbandes Schweizer Medien (VSM) gilt schon länger als Kongress der Dampflokomotiven-Hersteller. Immerhin wird sich am 6. Januar 2021 nicht mehr in einem piekfeinen Fünfstern-Hotel zugeprostet wie sonst meist. Doch das neunköpfige Präsidium präsentiert sich wie aus der Zeit gefallen. Alles gesetzte Herren mit den Dinosaurier Hanspeter Lebrument (79) und Hans Heinrich Coninx als Alters-Ehrenpräsidenten. Wo gibt’s das sonst noch? Auch die online einsehbare Liste der Mitglieder ist nicht ganz à jour. Es fehlt Ringier, obwohl die Verlagsnummer 2 der Schweiz wieder dabei ist. Und Bernhard Maissen wird immer noch als Chefredaktor von Keystone-SDA geführt, obwohl er seit zwei Jahren BAKOM-Chef ist. Doch genug gemäkelt. Fragen wir doch Kaspar Surber, Redaktionsleiter der «Wochenzeitung WoZ» , was er vom Verlegerverband hält. Surber (40) hat vor vier Jahren Schlagzeilen gemacht, weil er fürs Präsidium des Verlegerverbandes kandidierte. Natürlich erfolglos.

Kaspar Surber, 2016 kandidierten Sie fürs Präsidium. Warum versuchen Sie es nicht nochmals?
Leider ist meine Kandidatur damals am Machtkartell im Verlegerverband gescheitert. Im VSM gibt es ja ein Zensuswahlrecht. Dabei hatte ich eine flammende Rede auf die Medien und die Demokratie gehalten.

Sogar Liliana Lebrument, die Gattin des damaligen Verlegerpräsidenten, hat mir dazu gratuliert.

Weil man unsere Dienste nicht in Anspruch nehmen wollte, sind wir danach aus dem VSM ausgetreten. Wir haben den Verband «Medien mit Zukunft» mitgegründet, der sich seither sehr erfolgreich entwickelt.

Eine Unruhe im Präsidium des VSM täte dem Gremium aber schon gut, oder?
Mir scheint gerade, dass die Mitglieder des VSM schon genug Unruhe unter sich haben. Bei der Diskussion über die Medienförderung hörte man vom Präsidium ziemlich widersprüchliche Signale: Die Interessen der Konzerne und der kleineren Verlage lassen sich offensichtlich immer weniger unter einen Hut bringen.

Der Hardcore-Sanierer Pietro Supino als Verlegerpräsident. Ist das nicht stossend wegen seiner Doppelfunktion?
Dass einer der Verleger gleichzeitig der Präsident sein muss, ist schon logisch. Stossend finde ich viel eher, dass  Supino sich und dem Coninx-Clan über Jahre eine Millionendividende auszahlte und gleichzeitig beim Journalismus sparte. Kann so ein Präsident ein Vorbild für die ganze Branche sein?

Repräsentiert das 9-köpfige Präsidium die sich verändernde Medienwelt genügend?
Ich habe extra nochmals nachgeschaut: Es sitzen tatsächlich neun Männer und keine Frau im Präsidium. Das ist 2021 doch alles andere als zeitgemäss.

Und wie ich schon antönte: Die kleinen und mittelgrossen Verlage, dazu zähle ich auch Peter Wanners CH Media, sollten sich besser aus der Geiselhaft der Konzerne befreien.

Sie können sich auch gerne dem Verband der Medien mit Zukunft anschliessen: Wir freuen uns über alle neuen Mitglieder, die im Journalismus ihr Kerngeschäft sehen.

Die Tamedia kassierte allein bis September 4,2 Millionen Kurzarbeits-Gelder. Was sagen Sie dazu?
2020 gab es soviel zu berichten wie nie.

Wie man da Journalistinnen und Journalisten auf Kurzarbeit setzen kann, kann ich nicht nachvollziehen.

Selbstverständlich will ich die Werbekrise in unserer Branche nicht kleinreden. Aber die starke Nachfrage nach qualitativ guten Berichten zeigt, dass der leserfinanzierte Journalismus durchaus eine Chance hat. Diesen muss man vorantreiben.

Keystone-SDA ist in arger Schieflage. Was halten Sie von der Stützung durch den Staat von 4 Millionen Franken für 2021?
Das finde ich eine äusserst sinnvolle Form der staatlichen Medienförderung: für die SDA, für die Regionalzeitungen, für alle. Richtig wäre es als nächster Schritt, die SDA zu vergemeinschaften und wie die SRG zum Service Public zu machen.

Auch hier zeigt sich das Versagen der alten Herren aus dem VSM: Sie konkurrieren die Nachrichtenagentur, an der sie selbst als Aktionäre beteiligt sind, mit eigenen Angeboten.

Der Bund sollte ihre Aktien übernehmen und die SDA in eine unabhängige Genossenschaft überführen, damit das Trauerspiel endlich ein Ende hat, gerade für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SDA.

Noch eine Frage zur Republik: Was halten Sie von der bisherigen journalistischen Leistung des Teams, gerade verglichen mit der WoZ.
Die Republik macht journalistisch gute Arbeit und setzt auf ein nachhaltiges Finanzierungsmodell. Wir freuen uns, dass wir einen Partner haben, der in eine ähnliche Richtung arbeitet wie die WOZ. Was gibt es Besseres, als sich am Morgen bisweilen über eine Geschichte zu ärgern, weil man sie auch gerne im Blatt gehabt hätte? Konkurrenz belebt das Geschäft – sofern sie auf Journalismus setzt und nicht auf Contentproduktion.

Das Gespräch wurde schriftlich geführt.

Wer teilnehmen will an der Dreikönigstagung des  Verlegerverbandes Schweizer Medien, kann dies kostenlos tun. Der Kongress findet erstmals online statt: Hier geht’s zur Anmeldung.

Und wer sich selber ein Bild machen will vom VSM, hier der Link zum aktuellen Jahresbericht des Verlegerverbandes.

SRF lügt Journalisten an

Ein Comedy-Kanal von SRF verschickt unter falschem Namen Medienmaterial an Redaktionen, das erstunken und erlogen ist. Mit einer Entschuldigung tut sich SRF schwer.

Irgendwie war die Geschichte so dreist und fies, dass sie von Medienschaffenden nicht gross aufgenommen wurde. Persoenlich.com brachte eine Kurzmeldung, ebenso Blick. Sonst blieb es eher ruhig. Eigentlich erstaunlich. Denn SRF hat Journalisten schamlos angelogen und die entstandenen Geschichten ausgenutzt, um mehr Klicks auf dem SRF-Portal zu generieren.

Der Poetry Slammer Fitim Lutfiu fragte nochmals nach auf den Redaktionen

Am Anfang stand ein E-Mail mit Fotos und ein zusätzlicher Telefonanruf an verschiedene Redaktionen. Tele Züri, Blick, Tages-Anzeiger. Die Lokalinfo* mit verschiedenen Quartierzeitungen in Zürich. Ein Leser habe einen Wolf gesehen am Üetliberg. Weil am Tag zuvor in Niederweningen fünf Schafe gerissen wurden, war die Sichtung nicht 100 Prozent abwegig. So recherchierten TeleZüri und auch die Lokalinfo. Albion Ademi, der Spaziergänger, der den Wolf gesehen haben wollte, erzählte die Geschichte durchaus glaubhaft. Grün Stadt Zürich sagte auf Anfrage, man gehe eher von einem Hund aus. Später deckte der Blick auf: Alles gelogen. Der Wolf war ausgestopft. Die vermeintliche Sichtung hatte nichts zu tun mit den toten Schafen in Niederweningen. Es war ein Scherz der Comedy-Abteilung von SRF. Journalisten aufs Glatteis führen? Sich als Gebührensender lustig machen über Journalistenkollegen? In Zeiten von Fake-News ist das nur mässig lustig.

Das Hin und Her bei den den Antworten

Auf Anfrage versuchte sich SRF herauszureden. Die Medienstelle beantwortete den folgenden Fragenkatalog pauschal.

  1. Warum log SRF Medienschaffende bewusst an?
  2. Warum erfolgte nicht wenigstens von sich aus eine Richtigstellung, resp. Entschuldigung?
  3. Welches sind die Konsequenzen für die beiden SRF-Angestellten Julian Graf (28) und Ramin Yousofzai (28)?
  4. Was kostete die Miete des ausgestopften Wolfs und das Engagement des Schauspielers «Albion Ademi»?
  5. SRF bediente sich eines negativen Klischées über Ausländer. Schlechtes Deutsch, nicht ganz dicht. Was soll daran lustig sein?
  6. Könnten wir bitte noch eine offizielle Entschuldigung haben von SRF, die wir publizieren können?

Immerhin. Irgendwann rief Manuel Thalmann, Bereichsleiter Jugend, SRF, an und entschldigte sich mündlich. Später folgte eine Antwort der SRF-Medienstelle, als O-Ton Manuel Thalmann zugeordnet: «Bei «Zwei am Morge» handelt es sich um einen Comedy-Kanal. Da gehört es dazu, Charaktere überzeichnet darzustellen und Akteure auf die Schippe zu nehmen. Zudem wurde im Video klar aufgezeigt, weshalb dieser Weg gewählt wurde. Leider haben wir es versäumt, die Aktion bei allen von uns angegangenen Medien aufzulösen. Dafür entschuldigen wir uns. Das «Zwei am Morge»-Team hatte keinerlei Absicht, jemanden zu verletzen oder blosszustellen.»

Die weiteren Fragen wurden nicht beantwortet. Erst auf nochmalige Anfrage dann diese Antworten:

Gerne verweise ich Sie auf unser bereits genanntes Statement, das die Fragen 1, 2 und 6 bestens beantwortet:

Welches sind die Konsequenzen für die beiden SRF-Angestellten Julian Graf (28) und Ramin Yousofzai (28)? Wie bereits im Statement genannt, handelt es sich bei «Zwei am Morge» um einen Comedy-Kanal, bei dem es dazugehört, Akteure auf die Schippe zu nehmen. Selbstverständlich wird die Aktion folglich keine Konsequenzen haben für Julian Graf und Ramin Yousofzai.

Was kostete die Miete des ausgestopften Wolfs und das Engagement des Schauspielers «Albion Ademi»? Der Wolf hat 100 Schweizer Franken Miete gekostet und die Gage des Poetry Slammers Fitim Lutfiu belief sich auf 300 Schweizer Franken.

SRF bediente sich eines negativen Klischées über Ausländer. Schlechtes Deutsch, nicht ganz dicht. Was soll daran lustig sein? Wie bereits im Statement genannt, handelt es sich bei «Zwei am Morge» um einen Comedy-Kanal, bei dem es dazugehört, Charaktere überzeichnet darzustellen. Es liegt zudem in der Natur der Sache, dass nicht jedes Comedy-Element den Geschmack aller trifft.

Aufs Glatteis geführt

Was bleibt? SRF baut nicht nur seine Online-Berichterstattung aus. SRF führt auch redliche Redaktionen aufs Glatteis. Gerade Tele Züri macht im Lokalen einen guten Job, ebenso wie Schweiz aktuell von SRF. Letztere aber mit einem zehnmal höheren Budget.  Hoffentlich bleibt die Wolfgeschichte also ein Einzelfall.

*Packungsbeilage: Der Autor arbeitet zu 90% bei der Lokalinfo und hat die Fake News von SRF hautnah miterlebt.

 

Stinkt zum Himmel

Parteilichkeit? Na und, sagt sich da das Schweizer Farbfernsehen.

Seit der Wald dann doch nicht gestorben ist, suchen Grünbewegte verzweifelt nach anderen Themen. Klimaschutz ist gut, aber doch etwas allgemein und abstrakt. Scheint ausserdem eine Eintagsfliege zu sein, nicht nur wegen Corona sind die «Fridays for Future» eingeschlafen. Schade aber auch, war die genialste Begründung für Schulschwänzen aller Zeiten.

Also, was gibt es denn noch? Sozusagen näherliegend, zum Anfassen, zum Bebildern, und nicht mit abbrechenden Eisbergen in der Arktis. Grübel, kopfkratz. Heureka, gefunden. Nicht nur die Kühe furzen uns zu Tode, nein, schlimmer noch: die Fäkalien der Tiere, auch als Gülle bekannt, verseuchen unser Trinkwasser, verpesten unsere Umwelt. Verdammte Schweinerei. Ja, genau, vor allem Schweine sind gemeint.

Aber das ist noch nichts gegen die Pestizide. Ja, diese chemischen, künstlichen Schädlings- und Unkrautvernichtungsmittel. Dagegen sind gleich zwei Initiativen eingereicht worden, über die Mitte nächsten Jahres abgestimmt wird. Gut, ist noch ein Weilchen hin. Aber man kann ja mal in die Startlöcher gehen.

Schöne Kampagne zur Stimmungsmache

Wie die «SonntagsZeitung» diesen Sonntag schön aufzeigt, legt sich SRF schon mal in die Kurve. Als hätte das Schweizer Fernsehen bei Kampagnenmeistern gelernt, setzt es gleich zum Doppelschlag an. Zunächst zeigt sich der «Kassensturz» erschüttert. Diese Bauern wollen uns alles vermiesen. So fand man durch Laboruntersuchungen «wahre Cocktails mit bis zu neun verschiedenen oder gar verbotenen Pestiziden» in unserem Wein.

Schluck. Ist man gleich tot oder kriegt man nur ein Magengeschwür bei eifrigem Genuss unserer Schweizer Weine? Nun, zunächst: bei Bioweinen ist das nicht so. Da streichelt der Weinbauer noch jede Traube von Hand. Während, das lief im Hintergrund im «Kassensturz», von einem Helikopter aus gesprüht und flächendeckend eingenebelt wurde. Dass dieser Helikopter aber Mittel wie Kupfer, Algen und Milch verteilte, die auch im Bioanbau zugelassen sind, na und, es geht hier um die Symbolkraft.

Wenn schon, dann richtig draufhauen

Was braucht’s noch? Genau, natürlich den Fachmann. Da hört sich «ETH-Biochemiker» schon mal gut an. Nun kann auch der an der Tatsache nicht verbeirudern, dass die gemessenen Quantitäten von Pestiziden allesamt unter den Grenzwerten liegen, unbedenklich sind. Aber für solche Fälle hat der Experte natürlich auch das passende Wort im Gepäck: Es sei dennoch «problematisch».

Vielleicht würde seinem Ansehen als streng wissenschaftlicher ETH-Biochemiker etwas schaden, wenn der Zuschauer erfahren würde, dass er ein Interessenvertreter des Biolandbaus ist, der an der ETH studierte, merkt die SoZ spitz und genüsslich an.

Einmal draufhauen ist gut, zweimal ist besser.

Anwaltschaftlicher Journalismus?

Also darf auch «Netz Natur» liebenswürdige Biobauern gegen lärmende Traktoren und fliegende Helis ins Feld führen. Die SoZ macht da einen seltenen, aber lobenswerten Ausflug in Ironie: In der Heidi-Schweiz der Biobauern «krabbeln die Käfer, kriechen die Raupen, flattern die Schmetterlinge».

Da wird uns ganz nostalgisch und warm ums Herz. Das erkaltet aber schnell wieder, wenn man die Stellungnahme von SRF hört, wieso denn in den ganzen 45 Minuten weder ein Vertreter noch die harsch kritisierten konventionellen Bauernbetrieb zu Wort kamen: «Einzelne Beiträge müssen nicht zwingend ausgewogen sein, und» – jetzt kommt’s –

anwaltschaftlicher Journalismus sei Bestandteil der Programmautonomie von SRF,

sagt der SRF-Sprecher.

Anwaltlich, autonom, oder einfach: Wir machen, was wir wollen?

Die «Publizistischen Leitlinien» unseres Gebührenfernsehens umfassen immerhin 58 Seiten. Aber den Begriff «anwaltschaftlicher Journalismus» habe ich darin nicht gefunden. Hingegen, wenn wir eine Etage höher gehen, steht in der Bundesverfassung als Programmauftrag:

«Sie (die Sendungen) stellen die Ereignisse sachgerecht dar und bringen die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck.»

Damit ist selbstverständlich nicht gemeint, zahn- und kritiklos zu sein (obwohl das SRF gegenüber hohen Staatsvertretern meistens ist). Es ist auch nicht gemeint, dass auf jede Aussage einer Seite ein Kommentar der anderen Seite kommen muss. Aber was nicht geht: Zwei Sendungen lang werden die Biobauern gestreichelt und die konventionelle Landwirtschaft geprügelt. Vielleicht sogar zu Recht, keine Ahnung, ich bin kein Bauer. Aber dabei der anderen Seite null Sendezeit einzuräumen, das ist nassforsch.

Und das mit anwaltschaftlichem Journalismus zu begründen, würde voraussetzen, dass unser Staatsfernsehen nicht nur mächtig, sondern allmächtig wäre und genau wüsste, welche Positionen man anwaltlich zu vertreten habe. So wie damals die Sache des Waldes, der durch sauren Regen und andere Schweinereien schon bald verschwunden sein wird. Was er aber bisher unterliess.

Haltet dem Mann ein Bett im Spital frei!

Marc Brupbacher ist «Leiter Interaktiv-Team» beim «Tages-Anzeiger». Aber leider hyperaktiv.

Früher, ja früher einmal, da war eine leitende Stellung im Journalismus mit einer gewissen Reputation verbunden. Diese wiederum zwang den Amtsinhaber dazu, sich öffentlich etwas gewählter als am Stammtisch nach dem zuvielten Halbeli auszudrücken.

Aber wenn jemand trotz jungen Jahren in Schnappatmung und Gehirnstarre verfällt, dazu noch den Fehler macht, zu twittern, dann wird es zappenduster.

Mal eine kleine Auswahl seiner hysterischen spitzen Schreie, nur aus 24 Stunden. «Dieses Märchen von Sommaruga», für ihn ein milder Tadel, «unsere obersten Zauderer zaudern weiter», er kommt auf Betriebstemperatur, «jetzt sind sie komplett übergeschnappt», diagnostiziert Brupbacher den Bundesrat. Dann findet er das Notdampfablassventil nicht: «Wer nach zehn Monaten Pandemie immer noch nicht versteht, blabla, verfügt über die Hirnleistung eines Einzellers.»

Was nur Brupbacher weiss: Der Bundesrat ist komplett übergeschnappt.

Wenn dieser Zweizeller nicht schimpft, dann fordert er: «Skigebiete müssen sofort geschlossen werden.» Oder ihm fehlen dann doch japsend die Worte: «Dumm und dümmer.»

Nein, so viel Selbsterkenntnis ist ihm nicht gegeben. Dafür aber ein strahlendes Selbstbewusstsein. Das führte allerdings am 13. Dezember, kein glücklicher Tag für die Wissenschaft, zu dieser Höchstleistung an dumpfbackig-schnöseliger Unverschämtheit: «Hey, Uni Luzern, nehmt den Dreck runter, entschuldigt euch bei C. Althaus und publiziert eine Richtigstellung. Und bevor ihr nächstes Mal solche Verschwörungstheorien bewirbt, macht ihr in Zukunft minimales Factchecking.»

Dreck runternehmen: Wäre ein guter Ratschlag für Brupbacher.

Wir empfehlen in solchen Fällen einen Beruhigungstee, falls wirkungslos, könnte auch eine Zwangsjacke zum Einsatz kommen; wird es dabei lautstark, gibt es in gewissen Institutionen schallisolierte Räume mit gummigepolsterten Wänden. Ach, und ein sehr kräftiger Klaps auf den Hinterkopf könnte auch nicht schaden.

Vernünftig und faktenbasiert ist nicht so Brupbachers Ding

Welchen angeblichen «Dreck» soll die Uni Luzern denn «runternehmen»? Den weissglühenden Unmut des Tagi-Laien hat ein Buch der beiden Uni-Dozenten Konstantin Beck und Werner Widmer verursacht. Der eine hat das Fachgebiet Versicherungsökonomie, der andere Spitalmanagement. Beide haben, im Gegensatz zu Brupbacher, einiges vorzuweisen. Widmer war Direktor in vier Spitälern, darunter USZ, Stiftungsrat der Schweizerischen Patientenorganisation, VR Careum, Präsident der Krebsliga. Beck unterrichtet an den Unis Luzern, Basel, Lugano, Lausanne, ist Versicherungsmathematiker, etc.

Die beiden Fachleute werfen einen kritischen Blick auf die Pandemiepolitik der Schweiz und plädieren für ein evidenzbasiertes Vorgehen. Das ist zwar vernünftig, aber natürlich nicht die Methode Brupbacher. Und wieso sollen sich die beiden bei der Alarmsirene Christian Althaus entschuldigen? Der erschreckte schon mehrfach die Schweiz mit keinesfalls evidenzbasierten Horrorzahlen von Tausenden Toten, von bis zu 30’000 Toten. Also ein verantwortungsloser Selbstvermarkter.

Verschwörungstheorie? «Da sich die Virologen bis anfangs 2020 kaum für das Coronavirus interessiert haben und die Epidemiologen auch nur erste Studien vorlegen konnten, plötzlich aber weltweit massiv geforscht und publiziert wurde, verkam die Pandemie-Politik zu einer Art «angewandter Epidemiologie auf dem aktuellen Stand des Irrtums».»

Früher standen solche Leute auf Holzkisten und beschallten die Menge

Diese Stellungnahme in einem Interview hat nichts mit Verschwörungstheorie, aber sehr viel mit Faktencheck und überhaupt nichts mit gekeiften Verbalinjurien zu tun. Es mag durchaus sein, dass sich die beiden Dozenten täuschen. Aber da sie ihre Erkenntnisse auf einem wissenschaftlichen Niveau vorlegen, sollte man auch bei Gegenargumenten dieses Niveau nicht verlassen.

Da erwischen wir Brupbacher auf dem falschen Fuss. Ausser ein paar Grafiken, die sich jeder so oder anders basteln kann, ausser dem verbissenen Gekeife eines Fanatikers, der sich im Besitz der einzigen Wahrheit wähnt, hat er nichts zu bieten.

Früher standen solche Leute auf irgendwelchen Kisten und beschallten die Menge mit düsteren Untergangsprophezeiungen, wenn nicht sofort eingehalten werde und den Ratschlägen des Redners gefolgt.

Heute ergiesst sich solcher Dreck ins Digitale, wodurch er einen gewissen aseptischen Anstrich bekommt. Aber dieses primitive Austeilen in alle Richtungen, «komplett übergeschnappt» zum Bundesrat, aber völlig argumentefrei, das würde eigentlich nur Beunruhigung über den Geisteszustand des Grantlers auslösen.

Nur einer ist noch normal in diesem verrückten Land

Die Beunruhigung steigert sich zur Besorgnis, wenn man diesen Ausbruch Brupbachers liest: «Sind jetzt eigentlich alle komplett durchgeknallt in diesem verrückten Land?» Wer diese Frage stellt, beantwortet sie für sich selbst: Ich bin hier der einzig Normale, umzingelt von Wahnsinnigen.

Absurdester Ausbruch ever: alle spinnen, nur einer nicht.

Wenn es sich bei der Schimpfkanone zudem um ein führendes Mitglied des Duopols handelt, das den Schweizer Tageszeitungsmarkt unter sich aufteilt, dann steigert sich die Besorgnis zur Befürchtung: Wie ist es möglich, dass Tamedia das zulässt? Warum hindert diesen Amok niemand daran, das Image des Journalisten noch mehr in den Dreck zu ziehen? Man weiss es nicht, aber man wundert sich über nichts mehr.

Auch nicht darüber, dass Brupbacher die Gelegenheit zur Stellungnahme auf einen übersichtlichen Fragenkatalog nicht wahrnahm. Das ist bei Angstbeissern und Grossmäulern durchaus üblich, dass sie kneifen, wenn man sie konfrontiert.

 

Preisträger erfinden Zitate

Hört das denn nie auf? Diesmal haben Christof Gertsch und Mikael Krogerius knackige Dialoge erfunden – und damit einen Preis geholt.

Die gute Nachricht: Christof Gertsch und Mikael Krogerius haben beim Deutschen Reporterpreis Rang 1 geholt in der Kategorie «Sport». Das den Preis vergebende Reporterforum beschreibt ihren Entscheid so: «In ihrer Geschichte Der Boxer, der keiner sein wollte, erschienen im Magazin des «Tagesanzeiger», zeichnen sie nach, wie sich ein junger Mann Anfang der 90er Jahre an die Weltspitze boxt – und sich letztlich selbst besiegt. Sie brechen mit dem Klischee vom bitterarmen Straßenschläger, der über Leichen geht, sondern zeigen einen sensiblen Mann, der in dieser rauen Männerwelt eigentlich nichts verloren hat, der sich sehnt nach Anerkennung, Glück und der Liebe seines Vaters. Ein Stück, das berührt, das ausgeht vom Boxen, vom Sport, und am Ende bei den ganz großen Fragen landet.»

Die schlechte Nachricht:
Der Dialog am Anfang der Reportage ist erfunden. Die Gespräche in direkter Rede zwischen Mutter und Vater von Boxer Buster Douglas und von Mutter und Sohn Douglas haben vielleicht sinngemäss so stattgefunden. Aber sicher nicht in so geschliffener, klarer Sprache.

«Stimmt es,was man über den Gegner unseres Sohnes sagt?», fragt die Mutter. «Stimmt es, dass er ein Tier ist?»
«Ja», sagt der Vater.
«Ist er …. so wie du?»
«Ja», antwortet der Vater, früher selbst ein gefürchteter Boxer. «Ja, er ist wie ich. Er ist ein Killer.»

Und so weiter und so fort. Stattgefunden habe der Dialog am Neujahrstag 1990. Also vor 30 Jahren. Damals war Gertsch 8 Jahre alt, Krogerius immerhin schon 14.

Gertsch und Krogerius versuchen sich in der Reportage herauszureden: «Die Szenen klingen zwar wie ausgedacht, aber genau so schildern sie sowohl Buster wie auch sein jüngerer Bruder Billy.»

Seite 1 der Reportage mit dem knackigen Dialog.

Doch das geht gar nicht. Direkte Rede bringen Journalisten nur, wenn sie das Gespräch aufgenommen oder mitgeschrieben haben.
Bezeichnend ist, dass der Deutsche Reporterpreis bis 2018 viermal an Claas Relotius ging. Nachträglich versuchte sich das Reporterforum in ellenlangen Erklärungen zu rechtfertigen.
Cigdem Akyol, freie Journalistin, Zürich, schrieb 2019 zum Beispiel entschuldigend: «Es gibt durchaus Geschichten aus dem Ausland, die mich stutzigmachen: Manche Szenen und Dialoge passen einfach zu gut in dieDramaturgie, es wirkt perfekt.»

Umso fragwürdiger ist also der Einstieg in die Reportage.

Da kommt einem die legendäre Reportage von René Pfister in den Sinn. Unter dem Titel «Am Stellpult» hatte er die private Seite des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer als Modelleisenbahner dargestellt. Das durchaus originelle Bild: René Pfister  verglich die Herrschaft über Seehofers Miniaturwelt mit jener über den Freistaat in Beziehung. Später gab der Autor allerdings zu, dass er die Modellbahn im Keller von Seehofers Ferienhaus nie selbst gesehen hatte. Er musste den  Henri-Nannen-Preis in der Kategorie «Reportage» wieder zurück geben.

Was beim Reporterpreis 2020 und den erfundenen Dialogen in der Kategorie «Sport» passiert, ist noch offen. Es ist «eine der ganz grossen Fragen», wie es im Jurybericht unfreiwillig zweideutig heisst.