Neues von den Tagi-Antifeministen

Wir sind erschüttert. Das wollten wir mit unserer Kritik an übertriebenem Kampffeminismus nicht bewirken.

Salome Müller pflegte am Dienstag im Newsletter weiterhin ihre Sternchen-Vergewaltigung der deutschen Sprache. Ihre «liebe Leser*innen» führte sie in den Tag ein, nicht ohne ihnen gleich «vier Heldinnen» vorzustellen. Bis hierher ist also gendermässig, thematisch und überhaupt alles in Ordnung.

Aber dann blättert man bis zur Kehrseite 14 und erstarrt: «Beweg deinen Hintern!», fordert hier ein Christoph Gurk aus Buenos Aires (Argentinien). Er gehört, der Kalauer muss sein, zur Gurkentruppe der Süddeutschen Zeitung, von der Tamedia fast die gesamte Auslandberichterstattung übernimmt.

Hier preist Gurk einen «Baile-Funk-Song» an, der in Brasilien zur «Impfhymne» geworden sei. Es handelt sich um ein Werk von MC Fioti, mit dem eingängigen Titel: «Bum Bum Tam Tam». Angeblich beruhend auf einem Flötenstück von Johann Sebastian Bach. So trillert Gurk:

«Dazu ein Text, in dem es zwar auch um Blasinstrumente geht, vor allem aber um den Bumbum, den Hintern, den man bewegen soll.»

Wobei «man» nicht ganz der richtige Begriff ist, wie das Video in aller Eindeutigkeit zeigt. Da sitzt der Macho-Pascha auf dem Sofa und lässt sich von Hüften und Popo schwingenden, leicht bekleideten Damen umschwärmen und verwöhnen. Ich bin überzeugt: Jede aufrechte Tagi-Redaktorin müsste sich übergeben, wenn sie dieses Männertraum-Video anschauen würde. Unvorstellbar, die Reduktion der Frau auf ein Sexobjekt, willig, verführerisch, während der Mann nur mit den Fingern schnippen muss.

In meine Erschütterung hinein saust der nächste Macho-Hammer

Selbst ich bin erschüttert. Aber kaum hatte ich mich wieder einigermassen eingekriegt, saust gleich der nächste Hammer auf mich nieder. Seite 31, «Kultur und Gesellschaft». Silke Wichert, auch aus der Münchner Gurkentruppe, verschwendet hier fast eine ganze Seite zum Thema «Neuer Look im Weissen Haus». Das sei «eine Stilkritik».

Der Ex-Präsident der USA habe sich überall mit «dem gleichen Typ Frau umgeben». Idealtypisch dargestellt von Ivanka Trump. Pfuibäh, das sei Ausdruck «eines sehr beschränkten Weltbildes, das auf Verpackung statt auf Inhalte setzt». Vorzugsweise blond, geföhnt, viel Make-up und Mörderheels. Das war natürlich «zum Gähnen, zum Gruseln».

Aber, auch da naht Rettung: «Optisch wird alles anders.» Angefangen bei der Vizepräsidentin, die zugegebenermassen etwas anders aussieht als ihr Vorgänger. Aber auch der Blondie-Touch ist vorbei, die neue Kommunikationschefin und neue Pressesprecherin sind beide «eher rothaarig». Richtig in Hitzeschübe gerät aber Wichert bei der «persönlichen Sprecherin» oder «neuen Beraterin» – da ist sich der Tagi nicht ganz sicher – der Vizepräsidentin: «Heimliche Favoritin der Stilkritiker ist Symone Sanders, die einen raspelkurzen Afro trägt und offensichtlich eine Vorliebe für leuchtenden Lippenstift und markanten Schmuck hat.»

Wir vermissen nur die Angabe der Körpermasse.

Liebe Frau Wichert, kein Mann, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde es wagen, die alte und die neue weibliche Crew dermassen auf Äusserlichkeiten reduziert einander gegenüberzustellen. Unvorstellbar. Was haben die Damen drauf (oder allenfalls nicht)? Welche Qualifikationen bringen sie mit, welche Ausbildung, wo haben sie sich schon ihre Sporen abverdient? Was sind sie für Persönlichkeiten, was haben sie im Kopf, so unter blonden, rötlichen oder raspelkurzen Haaren? Was sagen sie, auch mit einem Mund, der mit leuchtend rotem Lippenstift geschminkt ist?

Gleicher Text, männlicher Autor: au weia

Die Welt ist ungerecht und wird es immer mehr. Hätte diesen Artikel ein Redakteur gezeichnet, er hätte froh sein können, wenn er nur in mehrere Sensibilisierungskurse geschickt, zum hundertfachen Bäume-Umarmen verknurrt und zu öffentlicher Selbstkritik gezwungen worden wäre. Statt gleich geteert und gefedert und mit Schimpf und Schande aus den Redaktionsräumen geprügelt. Doch Wichert, weil weiblich, kann es bei der nonchalanten Bemerkung bewenden lassen: «Natürlich sind das alles Äusserlichkeiten.»

Aber immerhin, einen klitzekleinen Lichtblick gibt es auf der gleichen Seite. Der besteht nur aus einer Randspalte, aber man nimmt ja alles, heutzutage. Vor allem, wenn eine Autorin Intelligenz und Schalk aufblitzen lässt. In diesem Fall Michèle Binswanger, die unter dem Titel «Echten Rassisten ist Empörung egal» sich vernünftige Gedanken zum Shitstorm macht, der sich über die SP-Genossin Yvonne Feri ergiesst. Wegen einer nervösen Bemerkung mit null rassistischem Inhalt, für die sie sich bereits entschuldigte.

Was ihr aber nichts nutzt, weil ein Schuldeingeständnis, eine Selbstgeisselung als Rassistin, als jemand, der den «strukturellen Rassismus» bedient, der alles umfasst, selbst wenn man lobend erwähnt – auf die bescheuerte Frage, welche Musik sie der Vizepräsidentin zum Herunterkommen empfehlen würde –, dass die als dunkelhäutige Frau sowieso gut tanze.

Nochmal erschütternd: auch Obama ist ein struktureller Rassist

Auf der gleichen Seite, im gleichen Blatt, wo Frauen auf ihr Äusseres reduziert werden, auf ihr Bumbum, aber keine Gruppe von Kampffeministinnen regt sich darüber auf. Aber Binswanger hat noch eine grossartige Schlusspointe im Köcher. Barack Obama sei während seines Präsidentschaftswahlkampfs 2008 gefragt worden, ob er der Aussage der berühmten Autorin Toni Morrison (erste schwarzamerikanische Literaturnobelpreisträgerin) zustimme, dass Bill Clinton der erste schwarze Präsident der USA gewesen sei.

Tricky, wie antwortet man da? Nun, das kann Obama, und seine Antwort war eine Spitzenleistung: «Ich müsste zuerst prüfen, ob er tanzen kann.» Wir erschrecken nochmals: Hätten wir gedacht, dass auch Obama zumindest ein struktureller Rassist ist? Als Schwarzer? Unglaublich, diese Welt. Schwarze sind Rassisten, Frauen beschreiben Frauen nur nach Äusserlichkeiten, ein Mann jubelt über einen Macho-Bumbum-Disco-Heuler, nur eine einzige Frau hält das Banner des Sprachfeminismus hoch. Ebenfalls eine ganz einsame Frau zeigt wenigstens, dass sie denken kann, analysieren und eine Schlusspointe setzen.

Da bleibt mir nichts anderes übrig, als mir einen violetten Pullover zu kaufen, gegen die Feuchtigkeit einen Karton auf die Strasse zu legen, niederzuknien und zu skandieren: «Black Live Matters», im Wechsel mit: «Frauen sind auch Menschen.»

 

Konjunktur und Baisse

Themen kommen, blühen auf, und gehen wieder. Das Schicksal des Betroffenen bleibt.

Mit News-Themen ist es wie mit der Börse. Sie steigen, sinken oder bleiben stabil. Wie sich das entwickelt, ist so unvorhersehbar wie der Kurs des Bitcoin.

Es gibt allerdings einen kleinen Unterschied zwischen Börse, Bitcoin und betroffenen Menschen. Mit dem Suchbegriff Pierin Vincenz findet man im Medienarchiv für das gesamte Jahr 2020 gewaltige 2100 Treffer. Das bedeutet, dass dieser Name rund 6 mal erwähnt wurde. Tag für Tag, jeden Tag.

Im noch jungen Jahr 2021 wurde er ganze 4 mal genannt. Nun kann man natürlich einwenden: Sicher, aber das sind ja nur 18 Tage. Auch da hilft eine Extrapolation. Geht das so weiter, wird der Name Vincenz im ganzen 2021 ziemlich genau 80 mal in den Medien genannt werden.

Tiefe Täler, steile Berggipfel

Wenn nicht, um diese Prognose wie ein Bankkundenberater zu relativieren, noch dieses Jahr der Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich beginnt. Dann wird es eine deutliche Übererwähnung geben, wenn der Termin bekannt gegeben wird. Übertroffen natürlich während des Prozesses, so wie die Tage vorher. Da nicht anzunehmen ist, dass das Urteil am letzten Prozesstag verkündet wird, ist dann wieder Ruhe.

Einen dritten Peak wird es bei der Urteilsverkündung geben. Unbeschadet davon, dass entweder Staatsanwalt oder Angeschuldigte, je nachdem, das Urteil sowieso weiterziehen werden: Die Bekanntgabe des Urteils ist ja eher banal. Also wird das selbstverständlich mit Kommentaren, Einschätzungen, Rückblicken, Interviews mit Experten, neuen Versuchen, mit den Angeschuldigten ein Interview zu führen, Gegenmeinungen von anderen Experten, Stellungnahmen von Raiffeisen, von Aduno, von Raiffeisen-Genossenschaftern, von Menschen auf der Strasse umrankt werden.

Weitere Nachzüge, wie man das im Jargon nennt

Denn so einen Knaller gilt es auszuschlachten. Dann kommen die Gegenexperten, die sich etwas Ruhm und Aufmerksamkeit abschneiden wollen, indem sie schon interviewten Experten scharf widersprechen. Nicht fehlen dürfen auch die angeblich mit dem Fall vertrauten oder den Angeschuldigten nahestehenden Personen, die – auch in der Schweiz – nicht gratis Insiderwissen verkaufen.

Vincenz ist am Boden zerstört, «ich mache mir Sorgen um ihn», «Vincenz ist ungebrochen kampfesmutig, er ist sich sicher, dass er seine Unschuld beweisen kann». Und alles, was dazwischen liegt. Dann ist wieder Sendepause, bis zur nächsten Instanz.

Natürlich kann man sagen: so funktioniert der Journalismus halt. Von einem Tag auf den anderen popt etwas Neues auf. Man erinnert sich vielleicht noch an den Fall Jörg Kachelmann. Es wurden Gigabyte verschwendet; Analysen, Einschätzungen, selbst Gerichtsreporterinnen von «Spiegel» und «Zeit» sahen ihre Chance gekommen, sich endlich mal selber ins Scheinwerferlicht zu rücken. Dann Prozess, Urteil, und seither? Nichts, nada null.

Obwohl Jörg Kachelmann selber mit allen Mitteln versuchte, sich im Gespräch und in den Medien zu halten. Um sich über deren grausamen Voyerismus zu beschweren. Sozusagen ein frühes Vorbild von Jolanda Spiess-Hegglin.

Aber wenn man selber schweigt und zusehen muss?

Was passiert aber mit einem, wenn man stumm zuschauen muss, wie man bis ins Intime hinein durch die Medien geschleift wird? Wenn es überhaupt keine Rolle spielt, dass Vincenz in den fast drei Jahren, seit der Fall mit seiner Verhaftung für Schlagzeilen sorgte, ein einziges Mal ein kurzes Statement veröffentlichte, dass er die Erfahrung seiner Untersuchungshaft nicht mal seinem schlimmsten Feind wünsche und sich mit allen Mitteln gegen diese ungerechtfertigten Anschuldigungen zur Wehr setzen werde.

Wenn der zweite Hauptangeschuldigte noch nie ein öffentliches Wort gesagt hat, dennoch als Titelbösewicht für die «Bilanz» diente, als der Mastermind hinter Vincenz, als der «Schattenmann»?

Interessiert das die Medien in ihrer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit, nach Gerechtigkeit? Diese angebliche Suche ist ein Witz, reine Heuchelei. Es gilt das Herdenverhalten, das Anfüttern.

Wie an die Herde zum Galoppieren bringt

Einem Medium wird ein Häppchen hingeworfen, exklusiv, Dokument, Knaller. Das Organ macht daraus «wie unsere Recherchen ergaben» und plustert sich auf. Die Konkurrenz muss zähneknirschend abschreiben. Der Chefredaktor, oder der Oberchefredaktor, blickt streng in den Newsroom und sagt: Wieso haben wir nichts? Einen Nachzug? Eine eigene Enthüllung? Wenigstens einen Experten? Nehmt endlich mal den Finger raus.

So verelendet der moderne Journalismus. Und wundert sich tatsächlich darüber, dass immer weniger Konsumenten für diesen Schrott auch noch etwas zahlen wollen. Statt sich auf die Kernkompetenz, das Verkaufsargument zurückzubesinnen: Wir liefern Nachrichten; gerafft, eingeordnet, analysiert, betteln die Konzerne nun um Staatshilfe.

Vierte Gewalt, Kontrolle, unverzichtbar, Eckpfeiler der Demokratie, aber hallo. Gleichzeitig gönnen sich die Verlage gegenseitig nicht die Butter aufs Brot und schleimen sich bei den Entscheidungsträgern schonmal ein, selbst wenn sie dafür die Corona-Politik eines Alain Berset toll finden müssen. Die Debatte, die Bedeutung als Meinungsforum, wenn es nur noch eine Tageszeitung in der Stadt gibt, haben sie schon längst durch Gesinnungsjournalismus im Rahmen dessen, was die Kundschaft hören will, abgelöst.

Alleskönner Praktikant bei Watson

Eine Praktikumsstelle bei Watson für journalistische Werbetexte lässt tief blicken.

Auf medienjobs.ch gibt es immer allerlei Wissenswertes zu entdecken. Es ist ein wenig der Indikator, wie es der Branche so geht. Aktuell sucht watson.ch «einen Praktikant Native Ad 100% (w/m)». Dass im Inserat der Akkusativ verloren ging, egal! Viel wichtiger ist das Jobprofil:

Du konzipierst und koordinierst die Abwicklung von Sonderwerbeformen.

Du arbeitest dabei an der Schnittstelle zwischen Redaktion, Verkauf und Innendienst.

Du übernimmst die Stellvertretung der «Redaktionsverantwortichen Native Ad» während ihren Ferienabwesenheiten.

Du ergänzt das Team aufgrund unserer Expansion in die Romandie.

Als bestandener Journalist und Redaktor muss man leer schlucken. Das sind doch einige recht anspruchsvolle Voraussetzungen. Vor allem Schnittstellenfunktionen setzen normalerweise eine gewisse Erfahrung voraus. Und dann dies: Ferienstellvertretungen der «Redaktionsverantwortlichen Native Ad». Zumindest für den Lebenslauf ist das natürlich toll: Schon als Praktikant Verantwortung übernommen und den Chef vertreten.

Für ZACKBUM-Leser (allenfalls) zur Info: Native Advertising (zu Deutsch «Werbung im bekannten Umfeld») ist eine Werbeform, die «nur schwer von redaktionellen Artikeln zu unterscheiden ist und die Aufmerksamkeit der Nutzer durch Tarnung auf sich zieht».

Watson wünscht sich von den Bewerbern «abgeschlossene Grundausbildung, idealerweise Grundstudium». Das ist mittlerweile fast schon normal, auch wenn gemäss Definition ein Praktikant das ist: «Arbeitnehmer, der sich einer bestimmten Tätigkeit und Ausbildung in einem Betrieb unterzieht, die Teil oder Vorstufe einer anderweit zu absolvierenden Ausbildung (z.B. Hochschulstudium) ist.»

Praktikum, Volontariat?

Zuerst Praktikum, dann Studium abschliessen. Sonst wäre es ein Volontariat. Das zum Beispiel macht aktuell Anielle Peterhans beim Tages-Anzeiger. Sie hat schon einige Lorbeeren eingeheimst, etwa den Titel «Journalistin des Jahres» mit der Crypto-Leaks-Recherche.

Aber wir sind ja «erst» beim Praktikum: Bei watson muss man für den Nativ Ad-Job «erste berufliche Erfahrungen im journalistischen Bereich» haben. Das ist darum speziell, weil gerade watson immer wieder betont, wie strikte Redaktion und Werbeabteilung getrennt seien. Oder sonst konstruiert watson eine eigenartige Parallelwelt. In einer Antwort an den Presserat schrieb watson 2017: «Um zu gewährleisten, dass die RedaktorInnen Inhalte nicht im Sinne der Werbepartner erstellen (…), wissen die AutorInnen nicht, wer der Kunde ist. Sie wissen zwar, dass es sich um ein NativeAd handelt, der Absender (…) ist ihnen aber so lange unbekannt, bis dieses von der Chefredaktion oder dem Chef vom Dienst publiziert wird.» Eine leicht schräge Argumentation, die in der Szene immer wieder Kopfschütteln oder zumindest ein Schmunzeln auslöst.

2000 Franken für einen «Vollwert-Job»?

Aber sei’s drum. Immerhin bekommt man bei watson.ch mit 2000 Franken relativ viel Lohn für ein Praktikum. Dafür ist man aber, zumindest wenn man den Job als «Praktikant Nativ Ad» bekommt, sofort eine vollwertige Arbeitskraft. «Learning by doing», heisst das wohl. Die Abteilung Nativ Ad ist ein wichtiges finanzielles Standbein von watson. Mindestens 20 – 25 % des watson-Umsatzes stammt aus dem Erlös von NativeAds.

Der Verband «Junge Journalistinnen und Journalisten Schweiz» hat eine Umfrage gemacht zu Praktikantenstellen und Löhnen. Die Umfrage stammt zwar von 2017, aber es ist nicht anzunehmen, das man heute mehr Geld bekommt. Eher, dass man mehr leisten muss, siehe watson.

 

 

 

 

 

Embolo, oh Embolo

Die Blick-Fussballredaktion stiehlt sich aus der Verantwortung.

Wie gewonnen, so zerronnen. René Fasel, bald abtretender oberster Eishockeyfunktionär der Welt, wird von allen Journalisten fallen gelassen. Sein Fehler: Er zeigte sich in Minsk allzu kollegial mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko. Die «Schweizer Illustrierte» etwa, sonst immer offen für eine Homestory, urteilte: «Bitte keine Diktatoren umarmen! Gar nicht! Nie! Auch wenn’s um Hockey geht.» Kein Problem: Fasel ist 70, tritt bald zurück und ist dann nicht mehr interessant für Journalisten.

Anders sieht es beim erst 23-jährigen Nationalspieler Breel Embolo aus. Der wuchtige Fussballer von Borussia Mönchengladbach mit breitestem Basler Dialekt hat ein gröberes Problem. Er soll an einer Party «mit leichtbekleideten jungen Damen» dabei gewesen sein. Sein Alibi: Nicht gerade hieb- und stichfest. Was macht nun der «Blick»? Natürlich bringt er die Story und einige Nachzüge. Aber er bedient sich eines Kniffs. Gezeichnet sind die Artikel («Neue, pikante Details zur Skandal-Party», «Polizei bringt Nati-Star Breel Embolo in Erklärungsnot!») mit «Fussball-Redaktion» – oder gar nicht. Etwas, das in der Schweiz nicht üblich ist, und eigentlich gar nicht geht. Doch die Fussball-Experten von «Blick» wollen es sich nicht verscherzen mit Breel Embolo. So bleibt offen, wer nun Embolo im Blatt kritisiert hat. Alle und niemand. So ist eher gesichert, dass Breel Embolo vor der Fussball-WM in Katar 2022 den «Blick» in seiner Loft in London oder Liverpool empfängt – exklusiv!

 

Geheime Tipps für noch mehr Klicks

Der Titel ist schon mal Bauernfängerei. Und nun kommt noch der Sex ins Spiel.

Fragen im Titel? Das, wurde einem früher eingebläut, geht im Journalismus gar nicht. Man soll nicht werweissen, sondern informieren. Doch im Online-Journalismus gilt diese eiserne Regel nicht mehr. Denn ein klarer Titel verführt weniger zum Klicken. Und Klicks – Visits – bedeuten mehr Werbung. Gaudenz Looser, Chefredaktor von «20 Minuten», weiss, wie das geht. Wer unter ihm arbeitet, kann ein Lied davon singen. Der Titel muss sitzen und der kurze Text sofort reinziehen. Ein immer noch treffender Artikel in der NZZ am Sonntag (März 2020, hinter Bezahlschranke) bringt das auf den Punkt. Der Druck sei hoch, es gebe interne Rankings, ein Video müsse bei jedem Ausrücken her, wenn es pressiere, schreibe man ein Zitat und frage bei den Politikern, ob das so ok sei. Den letzten Vorwurf wies Looser vehement zurück. Auch die anderen Beispiele hielt Looser für realitätsfremd, «da sie von anonymen Quellen stammen». Nur, wer in der Schweiz offen Kritik übt am System, hat es schwierig im Medienkuchen. Wenn Klicks so sehr zählen, schreibt man entsprechend. Sex geht immer, Fragen im Titel sind bald Standard.

Clever ist hier der «Blick», der eine gute alte Publireportage fast schon als Investigativ-Text aufmacht. Und dann 5000 Zeichen darüber bringt, wie verantwortungsvoll Philip Morris doch ist.

«20 Minuten» lässt oft im Titel und im Lead die Katze nicht aus dem Sack. Man wird aber gwundrig und schon hat man geklickt. Drei schöne Beispiele hier:

Natürlich und wie gesagt. Sex geht immer. Auch wenn der Teaser-Text (vom Dienstagmittag) leicht überholt daherkommt: «Neben Boutiquebesitzern und Restaurantinhabern haben sich Single-Frauen wohl am meisten auf die Lockerung des Lockdowns gefreut. Jetzt kann das Sexdating endlich wieder losgehen.»  Da kann ZACKBUM.ch nur sagen: schlechte Qualitätskontrolle bei 20 Minuten.

Auch nicht schlecht ist die Masche mit den Listicles, auch wenn dieser Trend eher wieder abzuebben scheint. Die «Du-Form» geht natürlich nur bei «20 Minuten». König der Listen (und der Katzenbilder) ist aber eigentlich das Millionengrab watson.ch. Aber davon ein andermal.

Swissinfo.ch: Die 10 Plagen

Schweizer Schnarch für Chinesen und Araber.

Wer sich bei der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenplattform swissinfo.ch vorstellen darf, sollte darauf achten, beim Bewerbungsgespräch nicht zu lügen oder zu spät zu erscheinen. Wahrscheinlich haben das in der Vergangenheit zu viele Bewerber getan. Das HR hat deswegen die Richtlinien auf der Website aufgeschaltet. Ach ja, «Unterbrüche durch Mobiltelefone usw.» schmälern ebenfalls die Chancen für eine Beschäftigung.

Swissinfo.ch ist eigentlich der Gegenbeweis zu Ueli Maurers Behauptung, dass sich die Schweiz keinen zweiten Lockdown leisten kann. Wohl kein Land der Welt gönnt sich eine Nachrichtenplattform für Ausländer in den Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Chinesisch und Japanisch. Eine Sprache vergessen? Ja, Arabisch.

In Zeiten von Fake-News sieht sich swissinfo.ch als Garant für unabhängige Nachrichten. Der Servce public habe dann «international einen besonders grossen Wert». Die Macher haben ausgerechnet: «Mit unseren 10 Sprachen erreichen wir potenziell rund 75 Prozent der Weltbevölkerung.» Warum «potenziell», warum so bescheiden? Ist es nicht so, dass rund 5 Milliarden Menschen die spannenden Artikel von swissinfo.ch lesen?

Maturaarbeit Salz

Zum Beispiel den Artikel «Salz in der Schweiz, so alltäglich und doch so wichtig», ein superduper aufwendiger Artikel, hinter dem vier Nasen steckten. Der Artikel kommt wie eine Maturaarbeit daher und wirft zwei Fragen auf: Müssen das wirklich 5 Milliarden Menschen lesen, und wie viel Geld steckt eigentlich in swissinfo.ch?

Die Zahlen sind gigantisch: Über 18 Millionen Franken kostet das 10-Sprachen-Ding. Über 100 Mitarbeiter sind für das Portal zuständig. Sonntagsarbeit ist beim Luxus-Portal aber anscheinend verpönt. Ein einziger selbstverfasster Artikel wurde letzten Sonntag aufgeschaltet, die anderen sieben stammten von Keystone-SDA.

Die 18 Millionen Franken stammen zu je 50 Prozent  aus den Gebührengeldern und Bundesgeldern, verwaltet durch das Bundesamt für Kommunikation (Bakom).

Das Babylon bei swissinfo.ch hinterlässt seine Spuren in den Texten. Bei einem Artikel über die Schweizer Uhrenkrise erscheint zum Beispiel plötzlich eine Grafik in Russisch. Und manche Sachen sind so schlecht geschrieben, dass sie hoffentlich in der arabischen Übersetzung noch knapp verstanden werden:

Ex-Press XIX

Blasen aus dem Mediensumpf.

Werfen wir zunächst einen Blick auf ein gutes Stück Qualitätsjournalismus aus dem Hause Tamedia:

Interessen der deutschen Sprache in Untergewichtung.

Da muss man wie beim Schneeräumen geordnet vorgehen, um die Fehlersammlung vollständig wegzuräumen.

Fangen wir mit dem Einfachen an: Saudi-Arabien schreibt man so. Macht nix, ist ja auch irgend so ein Morgenland, und Pilatus ist im Fall richtig geschrieben.

Das gilt dann aber nicht für «Heraushaltung». Man ahnt zwar, was damit gemeint ist, aber leider existiert das Wort nicht. Obwohl es eine Lieblingsmarotte des Beamtendeutschs ist, alles, was nicht schnell genug davonläuft, zu substantivieren.

War’s das? Nein, bei so vielen Buchstaben kann man doch auch inhaltliche Fehler nicht vermeiden: «Welche Interessen sind höher zu gewichten …, oder Arbeitsplätze und der Technologiestandort Schweiz?» Da möchte man gerne wissen, welche Interessen denn Arbeitsplätze artikulieren, vom Technologiestandort ganz zu schweigen. Und durch die gewählte Form des Satzes kann der Hersteller vermeiden, die entscheidende Auskunft zu geben: wer gewichtet denn diese Interessen? Das Bundesverwaltungsgericht? Der Autor? Wir?

Man muss schon sagen: So wenig Wörter, so viele Fehler. Da weiss man doch wieder, wieso sich Geldausgeben für eine Zeitung lohnt.

Ein Wirtschaftschef im roten Bereich

Die Rechtschreibung hat hingegen Peter Burkhardt (oder der Korrektor der SonntagsZeitung, wenn es ihn noch gibt) im Griff. Der Wirtschaftschef des Hauses Tamedia ist normalerweise ein konzilianter Mensch, eher auf Ausgleich statt Konflikt bedacht.

Aber tiefe Wasser schlagen hohe Wellen, wenn sie mal aufgewühlt sind. So verwandelt Burkhardt das Editorial der aktuellen SoZ, den Leitartikel, in einen Leidartikel. In eine Schimpfkanonade ungekannten Ausmasses. Den ersten Pflock schlägt er bereits im Titel ein: «Die Schweiz – ein Opfer rechtsbürgerlicher Ideologie».

Solche Töne ist man sonst von der WoZ gewohnt. Auch in der Fortsetzung wirft Burkhardt nicht mit Schneebällen, sondern setzt seinen revolutionären Durchmarsch fort, es wird scharf geschossen. Mit einer klassischen Nummer. Zuerst lobt er Finanzminister Ueli Maurer. Der habe «vieles richtig gemacht», die Staatsfinanzen in Ordnung gehalten, bravo. Nur: «vor der Corona-Krise.»

Seither gilt: «Jetzt, in der Not, macht Maurer vieles falsch.» Warum? Weil Burkhardt etwas hat, was Maurer fehlt: «der Blick fürs grosse Ganze.» Was übersieht Maurer da? Bei der Bekämpfung der Pandemie brauche es «scharfe Massnahmen», weiss Pandemiologe B. Plus «grosszügige, rasche Geldspritzen», ergänzt der Wirtschaftskenner.

Denn, so die glasklare Logik, zunächst können wir uns das leisten. Geringe Staatsverschuldung, Negativzinsen, eine Pleitewelle «wegen unterlassener Hilfeleistung» sei dann im Fall noch schlimmer.

Nach Anlauf im Volldampf-Modus

Soweit aufgewärmter, kalter Kaffee von vorgestern. Aber bis hierher hat Burkhardt nur seine Betriebstemperatur erreicht und den Druck im Kessel erhöht. Nun lässt er aber richtig Dampf ab: «Die Schweiz ist in Geiselhaft rechtsbürgerlicher Ideologien.» Ausgerechnet die «Wirtschaftsparteien» FDP und SVP «gefährden damit die Wirtschaft». Das führt Burkhardt dann zu Volldampf am Schluss: «Wer behauptet, unser Land könne sich konsequente Massnahmen nicht leisten, setzt nicht nur den Wohlstand aufs Spiel – sondern nimmt letztlich Tote in Kauf.»

Aber hallo, FDP und SVP gehen über Leichen? Rechtsbürgerliche Ideologie will die Wirtschaft abwürgen, nimmt auch tote Eidgenossen hin? FDP und SVP als Totengräber des Kapitalismus? Wahnsinn. Wir sind allerdings verwirrt. Lautete der Vorwurf bislang nicht, dass wirtschaftsfreundliche Parteien Geld und Wirtschaft höher gewichten als Leben und Gesundheit?

Fehlt Maurer wirklich der Blick fürs grosse Ganze, wenn er – als einziger Bundesrat – darauf hinweist, dass hier Entscheidungen übers Knie gebrochen werden, die Auswirkungen für die nächsten 15 Jahre haben?

Money for free – jetzt auch von Wirtschaftschefs gefordert

Ist Burkhardt in seinem Zorn wirklich entfallen, dass Schuldenmachen, vor allem für Staaten, tatsächlich kinderleicht ist, dass aber konsumiertes Geld einfach weg ist, keine Wertschöpfung schafft, einfach Ersatz ist für vorher betriebene Produktion? Meint Wirtschaftschef Burkhardt wirklich, man könne eine Schraubenfabrik ins Koma versetzen, die Belegschaft nach Hause schicken, all das mit Hilfsgeld zuschütten, und das sei problemlos und zukunftsträchtig?

Money for free, das ist der uralte, feuchte Traum der Etatisten, der Gläubiger eines allmächtigen Staats mit tiefen Taschen. Das ist diese «kann sich doch die reiche Schweiz leisten»-Haltung. Dass so etwas von SP-Genossen propagiert wird, deren einziger Kontakt zur Wertschöpfung, zur Wirtschaft darin besteht, vom warmgefurzten Funktionärssessel aus gute Ratschläge zu erteilen, ist zumindest logisch.

Aber der Wirtschaftschef eines der beiden Duopolmedien der Schweiz? Fehlt nur noch, dass er eine Sondersolidaritätsabgabe von den Reichen fordert, denn die haben’s ja. Er hingegen hat wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

 

Jedem sein eigener «Experte»

Was die «Weltwoche» mit ihren irgendwo ausgegrabenen «Experten» kann, die noch ein nettes Wort zu Trump sagen, kann der SoBli erst recht. Nachdem nun wirklich von allen alles über den Abgang Trumps gesagt wurde, es bis zum nächsten Höhepunkt, der Amtseinführung, noch etwas hin ist, was tun?

Glücklicherweise sind die USA gross genug, dass man immer einen Spezialisten für alles findet. SoBli proudly presents: Eric Ward. DEN Extremismus-Experten, den verdienstvollen Mitarbeiter einer Bürgerrechts-NGO. Mehr Informationen über ihn zu finden, ist etwas schwierig, er hat im Internet nur wenige Spuren hinterlassen. Aber was soll’s, der richtige Gesprächspartner für die Frage, wie’s denn mit Trumps Partei weitergehen soll. Ward als alter Hase weiss natürlich, dass es bei solchen Interviews vor allem um ein titelfähiges Quote geht, und das liefert er: «Der Bürgerkrieg in der Republikanischen Partei hat begonnen». Um das zu merken, muss man allerdings Extremismus-Experte sein.

 

Noch ein Experte für alles und noch viel mehr

Ein anderer Experte für eigentlich alles und noch mehr kommt trotz fortgeschrittenem Alter in geradezu jugendliche Lockerheit und wagt den Kolumnen-Titel: «Huaweia». Dann drischt Frank A. Meyer mit ungestümer Energie auf den chinesischen IT-Konzern Huawei ein. Wunderbar, muss mal gesagt sein. Kleines Problem: Er stützt sich dabei auf eine weitere Grossreportage der «Republik». Mal wieder 41’000 Buchstaben brauchte die Plattform, um im Verbund mit anderen grosse Schweinereien eines grossen Konzerns aufzudecken.

Leicht unverständliche Illustration: Screenshot «Republik».

Auch wunderbar. Nur: bislang ist die «Republik» mit solchen «Enthüllungen» regelmässig auf die Schnauze gefallen. Mit ihren Vorwürfen gegen die ETH Zürich, mit ihren Verleumdungen gegen den Kita-Betreiber Globegarden als jüngste Beispiele. Das liegt meistens daran, dass die «Republik» konsequent mit anonymen (oder «anonymisierten», wie sie zu sagen pflegt) Informanten arbeitet. Deren Motivation, der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen sind für Redaktion und Leser nicht erkennbar. Da es sich fast immer um ehemalige Mitarbeiter handelt, muss ein weiteres Fragezeichen hinter ihre Wahrheitsliebe gesetzt werden.

Deshalb hat auch bei Globegarden eine externe und umfangreiche Untersuchung ergeben, dass kein einziger der Vorwürfe, die die «Republik» erhoben hatte, verifiziert werden konnte. Keiner, null, nada. Dass hingegen einige Vorwürfe nicht überprüft werden konnten, weil ausser der anonymen Aussage keine weiteren Angaben vorhanden waren.

Von wem möchte man gerne abgehört werden?

Das ist im Fall Huawei natürlich etwas anders. Ein Riesenkonzern aus China mit undurchsichtiger Besitzerstruktur, ihm wird Staatsnähe und mögliche Spionage oder Aushorchung im Dienst des chinesischen Regimes nachgesagt.

Die Betonung liegt auf nachgesagt; belastbare Beweise fehlen bis heute. In erster Linie schimpfen die USA über Huawei und verbieten ihm, als Mitbewerber bei IT-Projekten aufzutreten. Verständlich, denn Huawei ist vor allem bei 5G seinen Mitbewerbern meilenweit voraus. Er bietet die Infrastruktur stabiler, besser und billiger an als die US-Konzerne.

Für den Nutzer kann man es sicher so sehen: Ob seine Kommunikation von der NSA oder von China abgehört wird – oder von beiden –, kann ihm eigentlich egal sein.

Nun verwendet die «Republik» auch hier wieder ihr vermeintlich bewährtes Prinzip. Es gibt als Zeugen für das Innenleben von Huawei Joe, Sam und Ana. Richtig, die heissen nicht so, wollen auch nicht erkannt werden. Aber dienen als Kronzeugen der Kritik an Huawei. Plus «einen ehemaligen Mitarbeiter von Huawei treffen wir in London».

Das soll à la «Spiegel» Weltläufigkeit ausdrücken, Detailtreue: «Die kanadischen Beamten stecken Mengs Huawei-Telefon, ihr iPhone, ein roségoldenes iPad und ein rosafarbenes Macbook in Sicherheits­taschen, die jeden Versuch, sie aus der Ferne zu löschen, unmöglich machen.»

So beschreibt die «Republik» die Verhaftung der Finanzchefin von Huawei, der Tochter des inzwischen milliardenschweren Firmengründers in Kanada. Im Gegensatz zu Relotius beim «Spiegel» räumt die «Republik» immerhin ein, das von «Wired» abgeschrieben zu haben. Dann muss es ja stimmen.

 

Garniert mit dem üblichen «Republik»-Gedöns

Garniert werden diese anonymen Beschuldigungen mit dem üblichen «Republik»-Gemüse. Anschuldigungen, Dementis, Vorwürfe, von Huawei bestritten. Aber das gibt natürlich den Geräuschteppich für die These: Huawei ist ein ganz übler Ausbeuter. Ein wunderbares Beispiel: Dem «Recherche-Netzwerk» ist eine Excel-Tabelle in die Hände gefallen, in der die Arbeitszeiten von europäischen Mitarbeitern eingetragen sind. Könne man nicht meckern, räumt die «Republik» ein, auf dem Papier sehe alles ordentlich und gesetzeskonform aus.

Wer ahnt das Aber? Natürlich, anonyme Ex-Mitarbeiter behaupten, in Wirklichkeit werden die Arbeitszeiten nicht eingehalten, besonders, wenn ein Grossprojekt vor dem Abschluss stünde. Dann würden sogar, unglaublich, zusätzliche Kräfte aus China eingeflogen. Das kann vielleicht der Grund dafür sein, dass Huawei im Vergleich zu seinen Mitbewerbern als ausnehmend pünktlich gilt. Wer schon einmal mit gröberen IT-Arbeiten zu tun hatte, weiss, was das wert ist.

Leider ist die «Republik» wie Antifalten-Creme

Nebenbei: Militärischer Jargon in einer Firma, die von einem Militär gegründet wurde, die eine oder andere Schweinerei gegenüber fast 200’000 Mitarbeitern: unbestritten, üblich; mit drei anonymen Zeugen und viel Geraune nicht im Ansatz als systemisch bewiesen.

Es ist Meyer zu gönnen, dass seine Lektüre der «Republik» verjüngend auf ihn wirkt. Nur: auf den Wahrheitsgehalt von deren Storys sollte er sich nicht verlassen.

 

 

Die grosse Hoffnung der Journalisten

Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Und schneller vergessen. Gut für Journis.

Arthur Rutishauser, Oberchefredaktor bei Tamedia, servierte der staunenden Leserschaft unermüdlich und Jahr für Jahr die gleiche News: Die Strafuntersuchung im Fall Vincenz stehe kurz vor dem Abschluss, demnächst werde die Anklageschrift eingereicht.

Das tat er im Frühling, im Herbst, wenig variantenreich und unbekümmert darum, dass es nie eintraf. Aber wie eine stehengebliebene Uhr, die auch zweimal am Tag die richtige Zeit anzeigt: Endlich hat’s dann, nach drei Jahren, doch mal geklappt.

Es war zwar nicht demnächst, auch nicht im August, aber Ende Oktober 2020. Uff. Wieso kam er damit durch? Ganz einfach: Er setzte auf das Kurzeitgedächtnis der Öffentlichkeit. Auf ihre Fähigkeit zum schnellen Vergessen. Darauf, dass sich doch niemand mehr daran erinnert, was Rutishauser vor einem halben Jahr angekündigt hat. Wohl nicht mal er selbst.

Keiner zu klein, Rutishauser zu sein

Wie der Herr, so’s Gescherr. Seitdem Mario Stäuble zum Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» aufgestiegen ist, erblüht er als Kommentator. Innert kürzester Zeit hat er sich dabei das Rüstzeug angeeignet, um im Chor mit vielen anderen Ratschläge zu geben, Kritiken anzubringen und zu zeigen, wo’s langgeht:

«So funktioniert das mit der Quarantäne nicht»,

«wir müssen verschärfen», selten sieht er Anlass zu Lob: «Endlich klemmt der Bundesrat das «Gstürm» ab».

Trost zu spenden ist seine Sache nicht: «Was für die betroffenen Branchen brutal klingt, ist in Wirklichkeit ein Schritt vorwärts», behauptet der Angestellte Stäuble. In Wirklichkeit ein brutaler Schritt über die Klippe für Tausende von KMU, aber was soll’s. Auch Stäuble profitiert davon, dass sich doch einen Tag später keiner mehr an sein dummes Geschwätz erinnert.

Das gilt auch für seine Kollegin Priska Amstutz. «I am speaking», dieser kleine Satz der zukünftigen Vizepräsidentin der USA hat für Amstutz «globale Strahlkraft», wie sie backfischartig schwärmte. Aber auch das, zusammen mit ihrem Betty-Bossi-Rezept, das sie als von «Grossmüetti Amstutz» ausgab, ist längst vergessen.

Auch das Fussvolk spielt mit

Wie das Gescherr, so das Fussvolk. Im Newsletter wird der männerdominierten Sprache Saures gegeben, bis sie nur noch Sternchen sieht. Ein anderer Amok twittert, dass die Uni Luzern ein Interview mit zwei renommierten Wissenschaftler von ihrer Webseite nehmen sollte. Oder wie er zu formulieren beliebt: «Hey, Uni Luzern, nehmt den Dreck runter, entschuldigt euch bei C. Althaus und publiziert eine Richtigstellung.»

Aber was ist vom einem «Leiter digitales Storytelling» zu erwarten, der auch schon mal dem gesamten Bundesrat attestiert:

«Jetzt sind sie komplett übergeschnappt.»

Auch er rüpelt so vor sich hin, weil er auf das schnelle Vergessen hofft. Und auf die eigene Belanglosigkeit, obwohl er das natürlich nie zugeben würde.

Auch die übrigen Chefkommentatoren zählen auf Vergesslichkeit

Selbstverständlich ist Tamedia nicht alleine. Auch Christian Dorer, der Amtskollege von Rutishauser bei Ringier, hofft auf schnelles Vergessen: «Ski fahren, snowboarden, langlaufen, Schneeschuhtouren machen oder ausgedehnte Winterspaziergänge – es wäre falsch, ausgerechnet das zu verbieten, was Geist und Körper in dieser Jahreszeit am besten stärkt.»

So jauchzte er noch Ende November letzten Jahres. Schon Ende Februar 2020 wusste Dorer: «Klarmachen sollten wir uns aber auch:

In ein paar Monaten ist der Spuk vorbei.»

Nein, damit meinte er nicht die Amtszeit von Präsident Trump, dem er mit seinem Schwiergmutterschwarm-Charme eine Unterschrift auf sein Blatt abgenötigt hatte. Er meinte Corona.

Im April sah Dorer dann eine originelle Chance, dem drohenden Wirtschaftsabschwung zu begegnen: «Feiern Sie das Ende des Lockdowns im Restaurant! Decken Sie sich mit der aktuellen Frühlingsmode ein! Richten Sie Ihr Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer neu ein! Holen Sie sich den neuen Computer! Kaufen Sie das Auto, von dem Sie schon lange träumen!» Aber schon im September tönte er fast resigniert: «Lernen wir, mit dem Virus zu leben.»

«Historisch einmalig, nie dagewesen»

Auch CH Media ist auf das schnelle Vergessen angewiesen. So positionierte sich der dortige Überchefredaktor Patrik Müller bereits am Anfang von 2020 leicht gereizt: «Jeden Tag Weltuntergang – es nervt». Denn nun sei neben dem Klimawandel auch noch im fernen China ein Virus ausgebrochen. Mitte April 2020 verfällt er dann in einen tiefen Pessimismus:  «Um Massenarbeitslosigkeit abzuwenden, muss die Wirtschaft behutsam, schrittweise wieder geöffnet werden. Sonst drohen wirtschaftliche und auch gesundheitliche Schäden, die beispiellos, historisch einmalig, nie da gewesen sind.»

Ende Juli redete er den Eidgenossen ins Gewissen:

«Ferien im eigenen Land! Die Schweiz bietet fast alles.»

Gegen Ende Jahr können dann die Politiker aufatmen: Der Präsenzunterricht beginnt in der Regel am Montag wieder. Das ist richtig.» Genauso richtig wie, dass von seinen immerhin über 200 Kommentaren wohl die meisten überflüssig waren.

Selbst, um nichts auszulassen, selbst der NZZ passieren manchmal kleinere Flops, die man dann gerne ebenfalls im Archiv von «schnell vergessen» versorgt. So wollte sie, nach einigen Erfolgen bei der Credit Suisse, auch im Fall Vincenz mal vorne mitspielen. Also setzte sie, natürlich wie immer «von informierten Kreisen nahe am Verfahren» angefüttert, das Gerücht in Umlauf, dass es noch vor der Einreichung der Anklageschrift zu einem Deal kommen werde. Strafbefehl gegen Schuldeingeständnis. War dann nix.

 

Wendler verpixelt und verstummt

Auf RTL ist ein bemerkenswertes Stück Mediengeschichte mitzuerleben.

Die Redaktionen, die sich ums Showbusiness kümmern, haben es momentan schwer. Wegen der Corona-Krise gibt’s keine VIP-Anlässe, keine Premieren, keine Preisverleihungen. Für Klatschheftli und analoge TV-Formate wie Exklusiv (RTL) der Horror. Es gibt fast nichts zu berichten. Umso dankbarer wird die sogar strafrechtlich relevante verbale Entgleisung von Sänger Michael Wendler thematisiert. Er verglich Deutschland wegen den harten Coronamassnahmen mit einem «KZ». Später machte er alles nur noch schlimmer, indem er seine «KZ»-Bezeichnung als «Krisen-Zentrum» verstanden haben wollte.

Wendler: Klassische Krisenkommunikation, die alles nur noch schlimmer macht. 

Zumindest in der Schweiz könnte sich Wendler damit strafbar machen, wie ein Anwalt gegenüber «Watson» sagte. Die Holocaust-Verharmlosung des Schlagersängers könnte unter den Straftatbestand der Volksverhetzung fallen, der in § 130 Strafgesetzbuch (StGB) geregelt ist. Eine Busse oder gar das Gefängnis wären die Folge. Doch wo kein Kläger, keine Strafe. Und dann müsste Wendler ja noch in die Schweiz einreisen. A propos Schweiz: Hier ist oder war zumindest bis vor Kurzem der Begriff «KZ» Standard in der Soldatensprache der Schweizer Armee. «KZ»=Krankenzimmer. Neuerdings heisst das offiziell «KA» für Krankenabteilung.

Wie Fettflecken

Doch zurück zu Wendler. Die Konsequenzen zog RTL schon vor einer Woche. Der TV-Sender schnitt den Juror Wendler in der aufgezeichneten Castingshow «Deutschland sucht den Superstar» heraus. Wo möglich wurden die Sequenzen mit seinen Urteilen gelöscht. Speziell: bei Aufnahmen mit der ganzen, vierköpfigen Jury, wurde «Wendler» verpixelt. Oder verschmiert, wie es der «Spiegel» spöttisch nannte. «Wie wenn der Bildschirm Fettflecken hätte».

Das war noch vor der Retouche: Wendler (ganz links) als RTL-Juror.

Wo Wendler doch noch etwas sagte, ersetzten Comic-artige Sprechblasen seine Wortmeldungen. Dazu blendete RTL wie von Zigarettenpackungen bekannt mit weißer Schrift vor schwarzem Bildschirmhintergrund einen redaktionellen Hinweis ein. «Ein Juror hat Verschwörungstheorien verbreitet». Wegen «völlig untragbarer Äusserungen» habe man ihn aus den 2020 aufgezeichneten Folgen herausgeschnitten.

Warum nicht ganz neu inszeniert und abgedreht?

Konsequent wäre aber die Absetzung, respektive Neuverfilmung der ganzen Staffel gewesen. So bleibt ein Nachgeschmack. Denn seinen medialen Auftritt hat Wendler gleichwohl. Vollends absurd wird es, wenn ein Kandidat ein Lied von Wendler vorträgt. RTL dann aber den Ton abstellt, weil ja Wendler nicht mehr genehm ist. Das gerade stärkt die Anhänger von Wendler und vielleicht auch die Anhänger von Wendlers übler Theorie. Es ist die Theorie der Märtyrer, die sich opfern für das Gute, für die Freiheit, für die offene Meinungsbildung. Der Umgang mit solchen Ansichten und den Menschen dahinter ist nicht einfach. Negieren, diskutieren, lächerlich machen?

Bildbearbeitungen sind eine eher simple Sache. Wie Stalin (UdSSR) und Ulbricht (DDR) Fotos retouchieren liessen, ist legendär. So liessen sich Regimekritiker ausradieren. «Welt.ch» hat das kürzlich eindrücklich zusammengetragen.

Dumm nur, das sich der ZACKBUM-Autor nur schon mit diesem Vergleich auf extrem dünnes Eis begibt. Aus dem Zusammenhang gerissen würde das dann etwa so lauten: «Wendler passierte das gleiche wie früher Kommunisten-Kritiker: sie wurden wegretouchiert. Dabei gab ihnen der Lauf der Geschichte recht». Ein Beispiel, wie kompliziert die Welt ist.