Geld her, oder ich fall um

Lausige Qualität ist das eine. Geldgier das andere. Wie die Privat-Medien am Staatstropf hängen.

Ist es eigentlich eine gute Idee, dass die sogenannte Vierte Gewalt, die Kontrollinstanz der demokratischen Gesellschaft, die Aufdecker, Kritiker, unabhängig, nur ihrem journalistischen Gewissen verpflichtet, immer mehr am Staatstropf hängt?

Ist es überhaupt eine gute Idee, dass das, was reintropft, nach Abzug des Aufwands, in privaten Taschen landet? In den tiefen Taschen von vier Clans. Da wäre der Ringier-Clan, der Coninx-Clan, der Wanner-Clan und der Lebrument-Clan. Dann hätten wir noch den Sonderfall NZZ, und das war’s dann schon mit der pluralistischen Meinungsbildung im Bereich Tageszeitungen.

Wie formuliert da Bruno Hug, Präsident Verband Schweizer Onlinmedien (VSOM):

«Die Verleger werden zu Schosshündchen der Politik.»

Und die Journalisten sind schon längst zu Zierleisten geworden, die sich geschmeidig in die Richtung biegen, die dem Besitzer-Clan zusagt.

Der Gebührensender ist nicht wirklich ein Gegengewicht

Natürlich, es gibt als Informationsquelle noch die gesammelten Gebührensender von SRG, aber sind die wirklich ein valables Gegengewicht? Seitdem auch hier immer mehr die Bauchnabelbetrachtung Einzug gehalten hat, ist das noch mehr zu bezweifeln. Sandro Brotz, als Beispiel, sollte sich als Chef im Ring der «Arena» besonderer Zurückhaltung befleissigen in öffentlichen Meinungsbekundungen.

Nun beschimpft er Demonstranten gegen die Corona-Massnahmen der Regierung als «Flacherdler», also als Idioten. Kaum entfacht er damit einen Shitstorm, zieht er sich beleidigt zurück und darf sich dann in einer Sendung «Journalisten therapieren Journalisten» ausheulen.

Zurück zu den Steuergeldern, die in diese privaten Verlagshäuser ins Portemonnaie geworfen werden. Da gäbe es die Zustellungssubventionierung. 50 Millionen im Jahr. Plus rund 80 Millionen Corona-Hilfe. Plus, plus, plus, das läppert sich am Schluss ganz schön. Ein ganz dicker Brocken sind die zusätzlich-zusätzlichen Hilfen und Guetzli. Hier noch 20 Millionen drauf, und wenn wir schon in Fahrt sind, machen wir doch gleich 172 Millionen Corona-Hilfen. Für die nächsten zehn Jahre, versteht sich. Manche kriegen aus schierer Grösse nochmal speziell etwas obendrauf.

Geld schiesst aus allen Rohren in die Privat-Medien

Ticker-Meldungen von Keystone-SDA: geschenkt. Damit füllen viele Organe schon die Hälfte ihrer News-Seiten. Kurzarbeit? Natürlich geht das, gibt’s auch dafür noch Guetzli, wieso denn nicht.  Da freut sich der Steuerzahler. Unschlagbares Geschäftsmodell:

der Käufer liest in seiner Zeitung das, was er vorher subventioniert hat.

Gleichzeitig dünnt sich der Inhalt immer mehr aus, kassieren einige Medienhäuser (nicht alle) Kurzarbeitsgeld, auch mit freundlichen Grüssen des Steuerzahlers. Der dann natürlich nochmal abdrücken muss, und zwar happig, wenn er den blamabel-banalen Inhalt der Tageszeitung morgen im Briefkasten haben will. Oder ihn im Internet abrufen möchte.

Wer sich zuvorderst bei den Geldtöpfen anstellen darf? Das führte natürlich zu ein paar unschönen Szenen, bei denen gerempelt, getreten und gebissen wurde. Gesamtergebnis: der Steuerzahler drückt immer mehr an Mitleid erheischende Medienkonzerne ab. Bezahlt doppelt und dreifach für das Produkt.

Die Tageszeitungskonzerne wissen natürlich, wo ihr Platz ist. Um gut Wetter für die letzte Subventionsrunde zu machen, lobten sie die Massnahmen des Bundesrats über den roten Klee. Den sie vorher noch harsch kritisiert hatten. Inzwischen sind sie alle auf Linie. Coronamassnahmen-Skeptiker? Alles Corona-Leugner, brandgefährlich. Jede Art von Gegenwehr gegen staatliche Zwangsmassnahmen und den Verlust fundamentaler Freiheitsrechte? Alles verkappte Rechtsnationale, Hetzer, mit üblen Hintergedanken.

Was sind die wahren Ursachen für den blamablen Zustand?

Und wodurch ist diese Misere überhaupt erst entstanden? Durch Corona? Nicht wirklich. Sie ist daraus entstanden, dass die Clans über viele Jahre hinweg neben den Zeitungsdruckmaschinen eigentlich auch Gelddruckmaschinen hätten aufstellen können. Sie verdienten sich ganze Berge goldener Nasen. Dafür gaben sie das Geld natürlich nicht aus.  Aber für Villen, Yachten, Feriendomizile, Kunstsammlungen, schicke Autos, was man halt so alles braucht.

Kaum einen Rappen gaben sie für etwas mindestens so Wichtiges aus: wie soll’s denn weitergehen, nach Internet und seiner Gratiskultur? Ach, wird doch von selbst wieder verschwinden, dachten die Clans, davon lassen wir uns doch nicht vom Geldzählen abhalten.

Zukunftsperspektiven? Neue Spielregeln, neues Spiel? Wie bringt man Internet, elektronische Medien und Print sinnvoll unter einen Hut? Was haben eigentlich die ganzen Jahre die hochbezahlten Manager gemacht, die doch sonst gerne und ungefragt ihren Latz überall reinhalten? Und von der staatstragenden Aufgabe der Medien salbaderen?

Die Zeitungsbünde wurden immer dünner, die Redaktionen immer menschenleerer, die Eigenleistung immer kläglicher. Meinungskommentare, Fachleute interviewen, Hehlerei mit der Beute von Geschäftsgeheimnissen betreiben. Die Beine weit, aber ganz weit spreizen, wenn es um die Verwischung des Unterschieds zwischen redaktionellem Teil und bezahlter Werbung geht. Eigenleistung? Überschaubar, bescheiden, ärmlich.

Einmaliges Geschäftsprinzip: weniger Leistung, dafür teurer

Das hindert aber selbst die Kopfblätter nicht daran, die Abopreise immer wieder zu erhöhen. Kapitalismus absurd: mehr Geld für weniger Leistung. Da laufen die Direktzahler scharenweise davon. Lösung: mehr Staatskohle, noch weniger Content, Bezahlschranke hoch, runter, hoch und runter.

Wohin soll die Reise gehen? Könnte es sein, aus welchen Gründen auch immer, dass jeglicher zukunftsfähiger Ansatz fehlt? Bei allen? Da wüssten wir was: «Neues Deutschland» und «Prawda» gibt es heute noch. Beide nicht mehr im Besitz des sozialistischen Staates. So rum geht’s also. Wieso nicht die «Neue Schweiz» und «Die Wahrheit»? Die Unterschiede zwischen einem Tamedia-Kopfblatt und einem von CH Media sind ja heute schon nur schwer auszumachen.

Da kann gewaltig gespart werden. Die Konzerne werden verstaatlicht, die Clans bekommen ein letztes Mal einen Riesenbatzen Geld, und niemand muss mehr das verlogene Lied der staatsunabhängigen Vierten Gewalt singen.

Ex-Press XXXVI

Blüten aus dem Mediensumpf.

Da wir – ein Klassiker bei jedem Bond-Film – mit einem Kracher beginnen möchten, um dann unbemerkt nachlassen zu können, muss das jetzt sein.

Der News*letterIn des «Tages-Anzeiger*In»

«Wissen Sie, was eine Männin ist?» Nein, und eigentlich wollen wir’s auch nicht wissen. Aber da ist jemand natürlich gnadenlos, der weiterhin ungefähr die Hälfte der Leser leicht muff macht: «Guten Morgen, liebe Leser*innen».

Richtig, nach ihrer selbsterlebten und in Form eines «liebes Tagebuch»-verarbeiteten Reportage «Die Zadisten wollen bleiben bis zuletzt», die in normalen Zeiten vom Pult des Tagesleiters gelacht worden wäre, ist Salome Müller wieder da, diesmal schreibt sie (leider) kein Tagebuch, sondern den NL des Hauses Tamedia.

Wollen wir tolerant darüber hinwegsehen, dass sie sich einzig mit dem schrecklichen Schicksal der Frauen in Nordalbanien befasst. Die lebten nämlich dort als Männer. «Die Mannfrauen müssen mittels Schwur ihre Weiblichkeit abgeben, aber im Gegenzug bekommen sie: Freiheit.»

Frau oder Freiheit in den Wäldern Nordalbaniens. Das ist ein Thema von brennendem Interesse für jeden Tagi-Leser. Vorausgesetzt, er ist so monothematisch und auf den eigenen Bauchnabel fixiert wie Müller.

Männin geht noch, Wirklichkeit ist schon schwieriger

Sobald sie aber in die Realität eintauchen will, wird’s ein wilder Ritt durchs Kannitverstan. Die Autorin dieses aufrüttelnden Artikels, eine «Kosovo-Schweizerin», schreibe über die «Rollenbilder in ihrem Geburtsland». Auch auf die Gefahr hin, als diskriminierender Macho und Sexist beschimpft zu werden: Zwischen dem Kosovo und Albanien gibt es ein paar kleine Unterschiede. So wie wenn Müller behaupten würde, eine in Wien geborene Österreicherin würde über ihr Geburtsland Schweiz schreiben.

Aber das macht ja nichts, solange die Message stimmt. Was soll man sich von der blöden Realität reinreden lassen. Aber damit der Quälerei nicht genug. Einen richtigen Brüller hat sich Müller bis zum Schluss aufgespart. Sie unterschreibt nämlich mit «Salome Müllerin». Hä? Tja, da sind wir Männer einfach mal wieder zu blöd, um das zu verstehen.

Dabei hat sie ihren neuen Nachnamen sogar mit einem Link verbunden. Und der führt zu «Die schöne Müllerin», dargeboten von Friedrich Müller-Dieskau. Hä? Tja, das ist aus einem Liederzyklus von Franz Schubert. Der vertonte die Gedichtsammlung eines gewissen Wilhelm Müller. Hä? Nun, dieser Müller war offenbar in eine Müllerin verliebt, die ihn aber nicht erhörte. Also machte er Gedichte draus, über einen Wandersmann und Müller, dem das gleiche widerfährt und der sich deswegen im Fluss ertränkt. Hä?

Ist Müller nun eine Müllerin? Oder als Müllerin ein Müller?

Also ist Salome Müller nun eine Müllerin? Die umherwandernde Müller abweist und in den Tod treibt? Und wieso ist sie nun eine Müllerin, wo doch in Nordalbanien die Frauen ihre Freiheit gewinnen, indem sie zum Müller werden? Ich geb’ auf, unsere Männerhirne sind einfach zu klein für grosse Dinge. Aber wer weiss, eine Reportage über Initiationsriten von Männern auf den Andamanen könnte uns vielleicht weiterhelfen bei diesen Fragen.

Der Rahaharahmenvertrag

Ist’s schon vorbei? Nein. Gleich fünf (!) männliche (!!) Tagi-Redaktoren nehmen sich des Themas an: Verhandlungen über den Rahmenvertrag endlich gescheitert. So formulieren sie es natürlich nicht, den dieses einfache Ergebnis kann man auch auf fast 13’000 Anschlägen ausbreiten, als wäre es ein zusammenfassendes Kurzstück aus der «Republik». Aber trotz dieser eindeutig sexistisch ausgewählten Autorenschaft empfiehlt es Müller zur Lektüre. Daüber muss beim nächsten Videocall der 78 Unterzeichnerinnen dann aber mal geredet werden, meine Damen.

Ach, es gäbe noch so viel zu lachen bei diesem NL, aber wir lassen es mit einem letzten Beispiel bewenden. Ein weiterer Höhepunkt aus dem Schaffen einer Redaktion, die völlig ausser Kontrolle und Rand und Band geraten ist. Denn es gibt einen neuen Globi-Band. Der Papagei begegnet diesmal – Roger Federer. Das geht ja noch. Aber: gleich drei Kultur-Redaktoren (darunter, immerhin, eine Frau!) haben es für einen grossartigen Einfall gehalten, die Rezension – in Versform zu schreiben. Das kann man machen, wenn man’s kann.

Wenn man’s nicht kann, sollte man es vielleicht lassen. Aber wenn jede Schranke, jede Qualitätskontrolle, jede Scham vor Lächerlichkeit gefallen ist, dann tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Natürlich finden sie das Kinderbuch ziemlich scheisse, klar. Das zeigen sie schon im Titel: «Saubermann trifft Saubermann». Für diese Knittelvers-Schmiede sicher schon ein reimender Knaller.

Was kann man an einem Kinderbuch rummeckern? Gemach, vieles.

Was kann man denn an diesem Bilderbuch rummeckern? Aber bitte; man kritikastert nicht an dem, was drinsteht. Sondern natürlich an dem, was nicht drinsteht. Dieser Schluss ist nun dermassen furzblöd, dass man ihn nur als Bildzitat bringen kann, sonst übergibt sich der Computer:

Sollten diese drei Sturzkampfbomber des Kinderzimmers Nachwuchs haben, ist der nur zu bedauern. Nach einer solch traurigen Kindheit ist die längere Therapie programmiert.

CH Media auf dem Kriegspfad

Francesco Benini, die Einwechslung bei CH Media von der NZZaS, weiss, was man einen Nachzug nennt. Seine doppelseitige Nacherzählung der Ereignisse im welschen TV war nun nicht gerade taufrisch.

Aber nun hat er das, was man heutzutage wohl einen Primeur nennt: «SRF geht rigoros gegen die politische Meinungsäusserung der eigenen Mitarbeiter vor».

Wie pumpt man ein Skandälchen zu einem Skandal auf? Na, Altmeister Benini weiss, wie: «Die Menschenrechte sind universell und gelten für alle. Ausser für die Mitarbeiter des Schweizer Fernsehens.» Mit diesen Worten bringe ein Angestellter von SRF «seine Frustration auf den Punkt

Hui, nordkoreanische Zustände bei SRF? Hat Nathalie Wappler nun die Maske fallen lassen und sich als Diktatorin geoutet? Werden wir nur noch Jubelchöre im TV sehen, die die Genialität unserer Bundesräte besingen? Wenn Ueli Maurer mal wieder einen Grashalm verkostet, dessen Wunderwirkungen empfehen, gleich mit schmackhaften Rezepten?

Nun ja, eigentlich nicht. Die Chefredaktion beliebte, in einer Videokonferenz mal wieder darauf aufmerksam zu machen, was in den Leitlinien steht. Dass die Mitarbeiter sich nicht öffentlich mit einer politischen Sache gemein machen sollen. Auch keine politische Kommentare abgeben, zum Beispiel auf den Social Media-Kanälen.

Ein klärendes Wort von Sandro Brotz

Genau das hatte der Arena-Moderator Sandro Brotz getan und die Corona-Demonstranten in Liestal als «Flacherdler» beschimpft. Ein absolutes No-Go für den Moderator der letzten ein wenig konfliktiven Sendung. Darüber kann man sich nun beim besten Willen nicht erregen, dass so etwas nicht hingenommen werden kann. Aber, Halleluja, da wäre noch der Regenbogen-Button, den einige SRF-Mitarbeiter stolz im Internet tragen. Aber das Referendum gegen die «Ehe für alle» solle mit diesem Button bekämpft werden, also muss der weg.

Und da schleicht sich Nordkorea ein, springt der Skandal endlich heraus. Nicht mal die Fahne der LGBT darf man schwenken? Oder ihre Schwester, die Friedensfahne? Haben nicht schon die alten Inkas diese Fahne getragen? Und ein freier Schweizer darf das nicht?

Nun, mal wieder der Beweis: glücklich das Land, das solche Probleme hat.

 

Wieso kann das in der Schweiz keiner?

Credit Suisse hat ein paar Probleme. Im Milliardenbereich. Na und, sagen die CH-Medien.

Die Credit Suisse hat nur noch Swissness im Namen. Ihre grössten Aktionäre sind Ölscheichs und US-Hedgefonds. Ihr Business ist weltweit, von Asien bis USA. Der einzige sichere Gewinnbringer ist die Schweizer Einheit. Alles andere …

Mit einem Doppelschlag, vielleicht folgen noch weitere, zeigte die CS, dass sie den heutzutage wichtigsten Kontrollposten nicht im Griff hat: das Risk Management. Also die Abteilung, die bestimmen sollte, welche Risiken für die Bank akzeptabel sind – und welche nicht. Natürlich gibt es dabei immer Auseinandersetzungen mit bonushungrigen Bankern, für die das Risk Management einfach nur ein Spielverderber ist.

Bis hierher sind die Schweizer Medien vorgedrungen, das war’s dann aber auch. Keine abgemagerte Wirtschaftsredaktion der sogenannten Qualitätsmedien war in der Lage, den Ursachen für dieses Disaster weiter auf den Grund zu gehen. Auch keine Wirtschaftsfachzeitschrift. Wie beim Wirecard-Skandal in Deutschland gibt es auch hier eine Zeitung, die schmerzlich den Niveauunterschied deutlich macht.

Auch damals schon: Nur die FT recherchierte weiter.

Richtig, natürlich die «Financial Times» (FT). Vier Journalisten rollen auf, wie die CS «beim Risikomanagement gewürfelt – und verloren hat». Ausser «Inside Paradeplatz» hält es – nebenbei – kein anderes Schweizer Medium für nötig, wenigstens auf den Inhalt des Artikels einzugehen.

Denn er belegt, dass alles noch viel schlimmer war und ist, als man bei zwei Multimilliardenschäden annehmen muss. Denn es war offensichtlich nicht einfach Versagen durch Fehleinschätzung – es war absehbar und fahrlässig.

Nur fünf Monate vor dem Zusammenbruch von Greensill Capital präsentierte die CS ihren Topleuten in Asien einen mutigen Unternehmer, ein gefeiertes Beispiel dafür, mit wem man Geschäfte machen will: Lex Greensill.  Helman Sitohang, Asien-Chef der CS, hatte ihn eingeladen, um seinen Managing Directors zu zeigen: solche Partner brauchen wir, holt mehr davon.

Auf Watchlist, aber was soll’s

Nur zwei Monate vorher war Greensill auf eine Beobachtungsliste der CS-Risikomanager in Asien geraten, schreibt FT.

«Die Greensill-Explosion ist nur ein Glied in einer langen Kette von Risikomanagementfehlern bei der Credit Suisse.»

Abgewatscht mit immer neuen Bussen, versuchte die CS eine Kehrtwende mit dem Fischen in gefährlichen Gewässern, oder wie das ein Manager ausdrückt: «Die Credit Suisse schwamm am tiefen Ende des Teichs mit den Haien, tat dies jedoch mit einer Private-Banking-Denkweise. Deshalb würde sie immer gefressen werden.»

Das Problem personifizierte die Risk- und dann auch noch Compliance-Chefin Lara Warner. Die zweite Funktion war ihr von Thomas Gottstein übertragen worden, der damit durch das Ausmerzen von Doppelspurigkeiten 500 Millionen einsparen wollte. Damit hatte eine Person diese beiden Schalthebel in der Hand ­ – die über keine adäquate Ausbildung in diesen Bereichen verfügte. Sondern die Devise umsetzte, dass man mehr Gas geben soll, «kommerzieller» denken, nicht immer die Risiken in den Vordergrund schieben. Das führte dann unter anderem dazu, dass Warner ihre Risikomanager überstimmte, als die vor dem Gewähren eines weiteren Kredits in der Höhe von 160 Millionen Dollar an Greensill warnten.

Asien entwickelte sogar ein eigenes Risiko-Tool

Es wird noch aberwitziger: «Im Jahr 2016 begann das Asiengeschäft mit der Entwicklung eines Tools zur Abbildung der Risiken eines Kunden bei der Suche nach Problemen zweiter Ordnung, die sich auf die Bank auswirken könnten.» Wäre das nicht irgendwo im Gestrüpp der Bürokratie verschwunden, hätte die CS dieses Disaster vermeiden können.

Und auch das in den USA: «Es gab systematische Unempfindlichkeit auf allen Ebenen», zitiert die FT,  «wenn Sie der Risikoleiter sind und einen Verlust von 60 Mio. USD vorbeigehen lassen, dann einen Verlust von 200 Mio. USD, und Sie fragen nicht, was zum Teufel hier passiert, was machen Sie dann eigentlich?»

Vermächtnis des scheidenden VR-Präsidenten Urs Rohner

Was die FT hier glasklar aufzeigt: es ist nicht das übliche «shit happens» im Bankgeschäft. Es ist auch nicht das übliche «untere Chargen übertraten interne Vorschriften und bewirkten damit». Nein, diese Risikokultur, diese Fahrlässigkeit beginnt ganz oben in der CS. Sie ist das schlimmste Vermächtnis des scheidenden VR-Präsidenten Urs Rohner. Nicht nur die CS-Aktionäre mussten seit seinem Amtsantritt einen Verlust von 70 Prozent hinnehmen.

2,6 Milliarden für Beihilfe zur Steuerhinterziehung. 154 Millionen, um die Untersuchung von Manipulationen in einem Dark Pool beizulegen. Milliarden-Kredit an Mosambik, der zum Staatsbankrott führte und bis heute untersucht wird. Zahlung von 5,28 Milliarden, um einer Untersuchung wegen Fehlverkäufen von Hypopapieren vor der Finanzkrise eins zu entkommen. Verkauft für 900 Millionen Dollar Wandelanleihen von Wirecard. Kündigt an, dass es bis zu 680 Millionen Verluste geben könnte, durch einen US-Gerichtsfall wegen RMBS-Verkäufen 2007. Plus wohl 3 Milliarden durch Greensill, plus 4,7 Milliarden bei Archegos Capital. Die Liste ist nicht vollständig.

Will da noch jemand behaupten, dass diese Bank nicht systemisch krank ist? Dass das Feuern von ein paar Managern ausreicht? Solange die Schweizer Medien Gewehr bei Fuss stehen, könnte sich die CS-Führung in dieser Illusion wiegen. Wie auch Wirecard dachte, Reportagen von FT einfach aussitzen zu können.

Die Staatskohle hat ihren Preis

Der Wendehals lebt. Seitdem sich auch die grossen Medienhäuser Corona-Hilfe erbettelt haben, sind sie staatstragend.

Bei Tamedia erledigt das die Frau für alle Fälle. Claudia Blumer, Mitunterzeichnerin des Protestbriefs gegen Sexismus bei Tamedia, obwohl ihr laut eigener Aussage so etwas nie widerfuhr, lobt die neuste und natürlich weise Entscheidung des Bundesrats: «Die Normalität hat ihren Preis».

Er habe «zwei Botschaften verkündet», so ähnlich, als Moses vom Berg hinunterstieg. Die eine sei Lockerungen, «sehnlich erwartet». Bundesrat, wir danken dir. Die andere sei die Drohung «mit einer Zweiklassengesellschaft». Geimpft oder nicht. Das könnten nun «manche» als Impfzwang ansehen.

Sollen die doch, meint Blumer, denn «es ist die logische Folge der bisherigen Strategie.» – «Grosse Opfer, … gratis keine Rückkehr zur Normalität,  … weniger schmerzhaft», Blabla.

Wie schaut’s also aus?

«Richtig, dass der Bundesrat strategisch vorgeht und gut begründet. Das schafft Vertrauen.»

Echt jetzt? Dieses Geeier, diese Schlangenlinie, dieses multiple Versagen, zuletzt beim Impfen, das soll eine Strategie sein und zudem Vertrauen schaffen?

Wenn das «Neue Deutschland» die jüngsten Ratschlüsse des Politbüros oder Staatsrats der DDR lobte, hörte sich das genauso an.

Der Wendehals lebt; nicht nur als Vogel.

«Bersets Plan stösst auf Zustimmung», jubilieren die «Schaffhauser Nachrichten». Positiv sieht es auch CH Media und zitiert einen Flachsatz von Bundesrat Berset, als habe er gerade den Sinn des Lebens entdeckt: «Es gibt keine Abkürzung in einer Pandemie. Wir müssen den ganzen Weg gehen.» Das ist so gehaltvoll wie: Es gibt keine Abkürzung in der Zeit. Wir müssen die ganzen 24 Stunden gehen.

Alle grossen Meinungsbildner sind sich einig

«Schützen, stabilisieren, normalisieren», echot der «Blick» ehrfürchtig. Als hätte bislang ein einziger Plan des Bundesrats funktioniert. «In drei Schritten zur Normalität zurück», staunt auch die NZZ. Weil man hier für die gehobenen Stände schreibt, muss es ein wenig geschwollener sein: «Die Impfaktion erlaubt einen Paradigmenwechsel.» Aha, so sie denn klappen würde. Sonst müsste man vielleicht von einem disruptiven Moment sprechen.

Damit wären die grossen Meinungsbildner in der kargen Schweizer Medienlandschaft abgehandelt. Gibt es denn gar keine Widerworte? Im Mainstream nicht. Nur «Inside Paradeplatz», wo gerne gegen den Strom geschwommen wird, sieht man es etwas anders: «Berset kaschiert Versagen mit faktischer Impfflicht». Und auch die «Weltwoche» bewahrt kühlen Kopf: «Gesundheitsminister Alain Berset kündigt eine Impf-Apartheid an. Damit begibt er sich auf gefährliches Terrain».

Kann man so oder so sehen? Hat überhaupt nichts damit zu tun, dass Konzerne wie Tamedia Subventionen und Extrasubventionen kassieren, dazu Kurzarbeitsgeld, arschkalt gegebene Versprechen brechen und das «Berner Modell» wie erwartet beenden? Hat nichts damit zu tun, dass sich so der umfangreiche Coninx-Clan keine Sorgen machen muss, wenn mal wieder kein neuer Rolls, sondern eine neue Yacht fällig ist?

Für die gebildeten Stände unter unseren Lesern.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing; alte Journalistenregel. Ich erinnere mich an eine lang zurückliegende Redaktionssitzung beim «Blick». Gerade wurde mal wieder ein von Alternativen besetztes Haus samt Areal geräumt, was damals nicht ohne Rabatz abging. Die Mehrheit der am Tisch Sitzenden war links bis linksalternativ eingestellt, dazu «einerseits, andererseits»-Sozialdemokraten. Also hirnte man an der Schlagzeile auf Seite eins herum.

Wie üblich schwirrten Vorschläge über den Tisch, so in Richtung: Musste das sein? Der Chefredaktor begann, mit den Füssen zu scharren, immer ein Signal, dass er sich langsam erhitzte. Also griff er ein und schnitt alle diese Barkers einfach ab. Mit seiner leisen, aber sehr bestimmten Stimme sagte er:

«Ich denke da mehr an die Schlagzeile: Danke, liebe Polizei!»

Stille sank nieder, man hörte nur Schluckgeräusche. Bis sich der erste Opportunist meldete: «Genau, so kann man das auch sehen.» Gesagt, getan. Diejenigen, die noch in WGs wohnten, wussten, was spätestens am nächsten Morgen auf sie zukommen würde. Und besorgten sich auf dem Heimweg noch Flüssiges.

Einiges hat sich seither geändert. Diese Flexibilität von Wendehälsen, die auf Fingerschnippen von oben ihre Meinung in einer Sekunde um 180 Grad drehen können, die gibt es weiterhin.

 

Medial genial: unbezahlte Fragen und Antworten Teil 1

Mediensterben oder Fake News? Vierte Gewalt oder Bereicherungsmaschinen?

Wie steht es nach einem Jahr Corona um die Schweizer Medien? Wenn man diese Frage stellt, antwortet eine Kakophonie, als hätte man die Task Force to the Bundesrat um eine klare Meinung gebeten.

Laut Statista gab es 2010 in der Schweiz 14’177 Journalisten und Redaktoren. 2018, neuere Zahlen sind da nicht vorhanden, waren es 14’507. Dass die Qualität des Angebots schwer leidet, wird ausführlich beklagt. So gingen alleine in einem Jahr 600 Journalistenstellen verloren. Das konstatiert das Buch «News-Fabrikanten». Allerdings erschien es in aktualisierter Auflage – 2010.

Unbestritten ist lediglich, dass der Anzeigenmarkt dramatisch eingebrochen ist. Im Print bis zu 80 Prozent. Und online? Da lassen sich die grossen Verlage seit Jahren von den Riesen Google, Facebook & Co. die Butter vom Brot nehmen, und die grösste Scheibe vom Brot auch noch. Ein seltenes Armutszeugnis für hochbezahlte Manager.

Das ist etwa so, wie wenn sich der Finanzplatz Schweiz 80 Prozent des Online-Hypothekenmarkts von Internet-Giganten wegnehmen liesse. Und ausser gelegentlichem «das ist aber nicht schön» oder «Staat, Hilfe» nichts dagegen täte.

Die grossen Medienkonzerne sind Familienunternehmen

Die drei grossen überlebenden Konzerne, neben NZZ und tapferen Kleinverlagen, sind fest in privater Hand. Von ihnen ist lediglich Tx (wenn der Konzern immer noch so heisst) börsenkotiert, was eine gewisse Auskunftspflicht mit sich zieht. Ringier und CH Media sind es nicht. Aber ob sie das freiwillig freiwillig oder gezwungen preisgeben, bei allen drei Verlagen sprudeln die Gewinne für die Besitzer stetig und ungebremst. Damit dieser Zustand trotz garstigen Zeiten weiterhin anhält, entfalten sie eine hektische Aktivität.

Immer unter dem Slogan «Qualitätsjournalismus, vierte Gewalt, Service Public, unverzichtbar in einer Demokratie» wird vorgetanzt. Am liebsten zum Lied: «Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an». Ewige Begleiter sind:

«Wächterfunktion, niemals werden wir, im Zentrum steht der Journalismus, Verantwortung», Blabla und Blüblü.

Hinter diesem durchsichtigen Wortvorhang wird zusammengelegt, gespart, werden feste Zusagen am Laufmeter gebrochen. Tamedia sonnte sich einige Jahre im «Berner Modell», zwei sich konkurrenzierende Zeitungen am Platz, aus dem gleichen Medienhaus. Eine völlige Fusion sei «kein Thema», verkündete der Verlag markig. Gerade in der Bundeshauptstadt, Meinungsvielfalt, Verantwortung, Lülü. Bis es dann mal wieder hiess: «April, April. Es ist April, und das war’s mit zwei Redaktionen. Wir verabschieden uns zudem von 20 Vollzeitstellen. Ging nicht anders.»

Die Journis kreischen auf, verfassen ein «Manifest», die Gewerkschaften toben, missbilligen, fordern wenigstens einen anständigen Sozialplan, Politiker runzeln wieder die Stirne, ein paar Todesmutige versuchen ein Crowdfunding, um die «Meinungsvielfalt» zu retten. Die Karawane zieht weiter, und auch diese Aufregung wird sich legen.

Eines ist die reine Wahrheit: das Gewinnziel

Tamedia hat schon vor Jahren ein Gewinnziel von 15 Prozent vorgegeben. Pro Profitcenter, versteht sich. Das bedeutet zum Beispiel, dass die ins Internet abgewanderten Anzeiger (Stellen, Autos, Immobilien) als eigene Entität gelten, die davon abgetrennten Medien wie «Tages-Anzeiger» ebenfalls. «Quersubventionierung», weil diese Plattformen nur funktionieren, weil sie im Print aufgepäppelt wurden? Ganz falsch, sagt Pietro Supino, Meister des Return on Investment.

Aber das Problem wird sich sowieso demnächst erledigen, wenn Google, Facebook, Amazon & Co. auch noch diese Marktplätze erobern werden, die dann ihrerseits von Alibaba weggeräumt werden. Und die Schweizer Medienhäuser? «Ist aber nicht schön, Staat, Hilfääää!»

Eigentlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass die Familien Wanner, Coninx und Ringier die hohle Hand beim Staat machen, nachdem sie sich über Generationen goldene Nasen, Badewannen und Villen verdienten. Niemandem ist vorzuwerfen, dass er macht, was er darf und kann. Wenn Geld gratis angeboten wird, wieso nicht zugreifen?

Denn auch bei Medien gilt: wer laut jammert und dabei das Halszäpfchen sehen lässt, bekommt am meisten in den Rachen geworfen. Nur: ist das selbst beim staatlichen Gebührensender SRG richtig? Pardon, beim Verein SRG, der in völliger Staatsferne seinem Verfassungsauftrag nachkommt.

Die Schweizer Medienlandschaft.

Fortsetzung folgt.

Hilfe, mein Papagei onaniert VI

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch. Heute ausschliesslich Berichte aus dem Unterholz.

 

Der «Blick» geht auf den Strich

Also in seinem neuen Logo, versteht sich. Das schreibende Regenrohr fängt in seiner Traufe jeden Tropfen auf, der sich noch aus dem Fall Tschanun rausquetschen lässt.

Und läuft und läuft und läuft …

Seit wir das letzte Mal reingeschaut haben, hat das Blatt der tiefergelegten Bespassung ganze 13 Artikel nachgelegt. «Sie verliebten sich beim Latino-Tanz!», der Augenzeuge des tödlichen Velounfalls. Die IV-Rente. Die drohende Verfilmung seines Lebens, die Angst davor, dass er deswegen nochmal ausrasten könnte.

Selbst seine Kochkünste bleiben nicht unerwähnt. Was wir noch vermissen: Hatte er regelmässigen Stuhlgang? Gibt es ärztliche Unterlagen über den Zustand seiner Prostata? Nahm er Medikamente, wenn ja, welche? War da auch Viagra darunter?

Haltet Euch ran, Ihr Strichmännchen vom «Blick»

Die Strichmännchen bei «Blick» sollten wissen: Es gibt noch viel zu tun. Packt’s an, das Feld ist noch fast jungfräulich und unbeackert. Gilt natürlich neuerdings auch für Strichfrauchen (darf man das?). Oder, Ihr erholt Euch endlich mal davon, dass Michèle Binswanger vom «Tages-Anzeiger» Euch gezeigt hat, wie man eine Story richtig auserzählt.

Neid ist völlig unangebracht; die meisten anderen weiblichen Mitarbeiter dort betreiben lieber Nabelschau und möchten die Welt nur darüber informieren, welche neuen Leiden sie gerade an und in sich entdeckt haben.

Wats-off

Eigentlich wollte ich hier die schrägsten Sumpfblasen beim Tauchgang in die Niederungen des Journalismus darbieten, und dafür – bei diesem allgemeinen Niveau – muss man sehr, sehr tief unter null gehen.

Aber mit einigen gezielten Schlägen unter die Gürtellinie zwang mich «watson», schnell wieder nach oben zu schwimmen, um nach Luft zu schnappen.

Das konnte ich noch mit Atemtechnik wegstecken.

Bei den folgenden Schlägen wurde es dann immer schwieriger:

Hier verlor ich kurzzeitig die Atemkontrolle.

Wenn man nicht lesen kann, liest man so.

Philipp Loepfe ist immer gerne mit News von gestern schon morgen zur Hand.

Auch die Infantilisierung ist noch nicht bis zur Neige ausgeschöpft. Dazu ZACKBUM so

Die gekaufte «Republik»

Jubel- und Warnschreie zugleich stiess die «Republik» aus, weil es ihr gelungen sei, viel weniger Leser als auch schon zu verlieren und viel mehr bei der Stange zu behalten. Aber das könne sich dann auch wieder ändern, im Fall.

Auf jeden Fall arbeitet die «Republik» kräftig dran. Wir wollen uns natürlich nicht immer als leuchtendes Vorbild hinstellen (wieso eigentlich nicht?), aber rein quantitativ war der Ausstoss des Magazins in den letzten 7 Tagen sehr überschaubar. 26 Schriftwerke insgesamt. Wenn man Beigemüse und «Nachrichtenbriefings» (obwohl die auch schon mal über 16’000 Anschläge umfassen) und Inhaltsangaben weglässt, schrumpfen die auf 10 richtige Werke zusammen.

Das längste Stück widmet sich mal wieder dem Thema: Ist doch schon mehrfach in die Hose gegangen, wieso nicht nochmal? Eine eher bittere Niederlage musste die «Republik» bei ihrer Anklage gegen die ETH einstecken. Trotz zäher Gegenwehr und beachtlichem Geldverschleiss konnte sie mal wieder die meisten Anschuldigungen nicht halten. Weil anonym.

Aber auch Rache beginnt mit einem R. Also streut sie mal wieder rund 50’000 Anschläge über die «Eidgenössische Toxische Hochschule». Sie konnte einen internen Untersuchungsbericht ergattern, und den schlachtet sie aus. Garniert mit ausschliesslich anonymem Beiwerk, what else.

Düster, nass, drohend: Tatort ETH.

Oder doch nicht? Die schläfrigen Augen erblicken doch tatsächlich irgendwo mitten im Machwerk den Anfang eines Absatzes. «Als Anton Müller 2012 sein Büro auf dem Hönggerberg bezog, kam er nicht mehr aus dem Staunen heraus.» Der Leser wird schlagartig wach. Echt jetzt, ein realer Zeuge? Zwar nicht ganz taufrisch, aber man kann wohl nicht alles haben.

Natürlich folgt die grausame Enttäuschung auf dem Fuss: «Anton Müller, der in Wirklichkeit anders heisst …» Ich tue ja fast alles im Dienste meiner Leser, aber hier bin ich ausgestiegen.

Gekauft, gekauft, gekauft

Obwohl ja bekanntlich 50 Nasen weit über eine Million Franken Gehälter pro Jahr verbraten, fällt noch etwas auf. «Haydn im Plattenbau», hört sich interessant an, ist aber ein eingekauftes Essay. Thema «Suizid», immer wieder gern genommen, hier von einem freien Journalisten. Neues von der Flüchtlingskrise im Mittelmeer – eingekauft. Reportage über die Corona-Bekämpfung in Taiwan: eingekauft. Zudem, sorry: «Lernen von den Besten» heisst das Stück; was sagt dazu der Autor von «Von Laos lernen, heisst impfen lernen»?  Ein Anruf genügt, er sagt:

Das können wir leider nicht übersetzen.

Bleiben also noch ein halbes Dutzend eigener Werke. Die Wochenleistung von vielen, vielen Sesselfurzern im «Rothaus» – oder im Homeoffice. Sonst noch was Nennenswertes? Kann man so oder so sehen, die schreibende Schmachtlocke hat mal wieder zugeschlagen – und unter Beweis gestellt, dass viel Meinung, beruhend auf viel Gesinnung, ergänzt mit ganz, ganz wenig Wissen, eine sehr unbekömmlich Mischung ergibt.

Glücklicherweise muss man auch hier nicht weiterlesen, nach diesem Einstieg Daniel Binswangers: «US-Präsident Joe Biden will Gewinne globaler Konzerne weltweit zum gleichen Satz versteuern.

Für das parasitäre Schweizer Dumping­modell dürfte das einschneidende Konsequenzen haben.»

Der erste Satz enthält noch Spurenelemente der Realität. So etwas hat Biden tatsächlich angekündigt. Im Wissen darum, dass das niemals geschehen wird. Und mit der Absicht, vom Steuerhinterzieherparadies Nummer eins, vom Betreiber der weltweit grössten Geldwaschmaschinen, vom mit Milliarden von Drogengeldern verseuchten Wirtschaftsleben abzulenken. Also von den USA. Damit ergibt sich dann auch das mit dem parasitären Dumpingmodell der Schweiz.

Der Scheitel sitzt, der Kragen auch. Dazwischen ist nix.

Denn wem man heutzutage sichere Möglichkeiten für alle denkbaren Schweinereien im Finanzwesen aufzeigen will, dem empfiehlt man in erster Linie die USA. Dann England, Singapur. Frankreich und Deutschland sind auch nicht schlecht unterwegs bei Geldwäsche – aber sicher nicht die Schweiz. Das würde allerdings bedeuten, mal hinter der Locke vor den Augen die Wirklichkeit wahrzunehmen. Aber das mag Binswanger gar nicht.

 

Der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht

Der Bundesrat beschliesst eine Lockerung der drakonischen Massnahmen. Netz und Medien machen sich ganz locker.

Natürlich hat das Internet viele gute Eigenschaften. Dass hier jeder seine Meinung in die Welt hinausposaunen kann, gehört nicht dazu.

Der «Blick» hält sein Ohr ganz nahe ans Netz, und was hört er? «So viele Tote und Invalide hat noch kein Terrorist oder Attentäter je verursacht wie der Bundesrat mit seinem heutigen Entscheid.» Oder dieser Wutbürger ist auch toll: «Liebe Bundesrepublik Deutschland könnt ihr uns Schweizer bitte annektieren?»

Es ist zu befürchten, dass beide Pass und Stimmrecht besitzen. Natürlich wird auch die Stimme der Jugend gesucht und gefunden. Zum Beispiel Sean, 18, Schüler in Zürich: «Wirklich vernünftig sind die Lockerungen nicht.»

Auch der SDA bleibt nichts anderes übrig, als einen Breitband-Satz einzusetzen: «Von «zu langsam» über «vernünftig» bis «unverantwortlich» reichen die Reaktionen der grossen Parteien auf die Entscheide des Bundesrates vom Mittwoch. Alle fordern jedoch mehr Tempo beim Impfen.»

Der Oberchefredaktor von Tamedia verkündet in allen Kopfblättern: «Endlich hat der Bundesrat gehandelt. Jetzt müssen nur noch die bestellten Impfdosen eintreffen, damit endlich auch in der Schweiz die breite Bevölkerung geimpft werden kann.»

Wo bleiben Einordnung, Analyse und kompetente Meinung?

Die smd-Suche unter dem Stichwort «Lockerung» am Donnerstag ergibt ganze 350 Treffer, und das schon am Morgen. Gibt die Vierte Gewalt auch Orientierung, Einordnung, Analyse, eben all das, was der zahlende Leser für sein Geld erwartet?

Nun, es gibt ja nicht nur die Meinungen in den Medien; sie halten sich auch für so wichtig, dass es Pressespiegel gibt, die eine Meldung über die Meldungen machen.

Das ist aber in diesem Fall gar nicht so einfach; cash.ch kann es nur so formulieren: «Die überraschend offensiven Schritte des Bundesrates zur Lockerung einzelner Corona-Massnahmen werden von den Kommentatoren in den Schweizer Medien mit Erstaunen und Erleichterung, aber auch mit Sorge zur Kenntnis genommen.»

Damit wissen wir nun, woran wir sind. Immerhin, einige haben’s gemerkt, was der einzig interessante Punkt bei diesen Lockerungsübungen ist. Aber nur ganz wenige haben’s auch verstanden. In Deutschland wird, bei ähnlichen «Kennzahlen», die Schraube angezogen, in der Schweiz gelockert. Von den «fünf Kriterien» für eine Lockerung seien hierzulande ganze vier nicht erfüllt.

Trotz Kennzahlen, Indizes, Inzidenz: es wird gelockert

Dennoch wird gelockert. Das ist die gute Nachricht. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als: diese Kennzahlen sind Pipifax. Schon lange aus allen möglichen Blickwinkeln kritisiert und bezweifelt, scheint nun auch der Bundesrat zur Überzeugung gekommen zu sein, dass man sie genauso wenig wie die ewigen Unkenrufe der «Fachleute» zur Richtschnur des Handelns machen sollte.

Nachdem Marcel Salathé seine Schäfchen ins Trockene, bzw. sich selbst in eine angenehme neue Position gewarnt und geunkt hat, wollen wir nur kurz Christian Althaus zitieren. Genau, von dem hat man schon länger nichts mehr gehört, und er ist weiterhin in seiner alten Stellung in Bern anzutreffen. Also hat er Mitteilungsbedarf:

«Ich habe grosse Bedenken, wie sich die Epidemie in der Schweiz nun entwickeln wird.» Diese Bedenken sollten wir ernst nehmen, denn das ist schliesslich ein Fachmann. Gerne hätten wir gewusst, woraus sie denn konkret bestehen.

«Aufpassen, den Sommer nicht zu verspielen», murmelt Althaus noch.

Die Eidgenossen seien erst zu 20 bis 40 Prozent immun gegen Covid-19, das sei viel zu wenig. Also haben wir die Karte «Sommer» auf den Spieltisch gelegt, und weg ist sie, verloren.

Aber auch hier gibt es eine gute Nachricht: auf solches Geschwätz wird immer weniger gehört, denn da ist die Immunisierung viel weiter fortgeschritten. Obwohl Althaus immer noch, trotz all seinen krachenden Fehlprognosen, als «Corona-Experte und Epidemiologe an der Uni Bern» apostrophiert wird. Die Kurzfassung wäre: rausgeschmissenes Geld. Es wird auch noch erwähnt, dass er bis Januar der «Covid Task Force» to the Bundesrat angehört habe. Dieses Ehrenamt gab er dann auf, weil das wenigstens Schlagzeilen brachte und ihm dort andere Epidemiologen zu sehr in der Sonne standen.

Journis, hört die Signale!

In Bern geht das grosse Rausschmeissen weiter. Tamedia schafft durch Synergien höhere Qualität. Die Journalisten jammern.

Dort haben die Mitarbeiter von Tamedia zurzeit grösser Probleme, als sich mit der Frage zu beschäftigen, wie das Gendersternchen richtig verwendet wird und ob das Verhalten Mitarbeiterinnen gegenüber anständig, respektvoll und nicht diskriminierend ist.

Denn wie man das allen gegenüber fehlen lässt, hat Pietro Supino wieder mal gezeigt. Er liess aus dem Stehsatz zerren: «hohe journalistische Kompetenz», «schlagkräftige Redaktion», ««Berner Zeitung» und «Der Bund» bleiben zwei Titel mit unterschiedlicher Positionierung». Dazu noch «Herausforderungen, Transformation», Blabla.

War nicht gelogen: Es gab keine Debatte …

Ach ja, und «voraussichtlich 20 Vollzeitstellen» koste «diese Zusammenführung». Wunderbar formuliert, genauso wahrheitsgetreu wie die Schwüre vorher, dass das «Berner Modell» super sei, Respekt vor der Tradition, niemals und immer und Blüblü.

Schreibknechte, gebt Gas …

Aber da hält es die Geschäftsleitung von Tamedia so wie viele ihrer Journalisten: Ist doch völlig egal, was für einen Unsinn wir früher mal geschrieben oder gesagt haben. Und aufgepasst: wer meckert, fliegt als nächster, wer alte oder junge Schutzengel hat, kann bleiben. Also nichts Neues im Reich von Coninx-Supino. Früher hiess es mal: Galeerensklaven, rudert schneller, der Kapitän will Wasserski fahren. Heute heisst es:

Schreibknechte, gebt Gas, der Kapitän will sich eine neue Yacht kaufen.

Soweit, so normal für einen Medienkonzern, dem zwar auf Geschäftsleitungsebene nichts und wieder nichts eingefallen ist, wie man alte Modelle an neue Technologien anpasst. Wobei neu, das Internet gibt’s auch nicht erst seit gestern. Aber an der Profitrate gibt’s nichts zu rütteln. Und zwar in jedem einzelnen Profitcenter. Und wenn das nicht anders zu schaffen ist, dann wird halt gefeuert, what else?

Zwei Zeitungen, eine Redaktion. Geht doch.

Ach, die erbettelten Zusatzsubventionen? Was soll denn damit sein, die sind doch zu Bern beschlossen worden; schliesslich musste Tamedia deshalb noch unnütze Mitesser monatelang weiter durchfüttern.

Das macht die Geschäftsleitung, was machen die Journalisten? Auch nichts Neues, sie basteln ein «Manifest». Immerhin, früher wäre das als Flugblatt verteilt worden, heute kriegt es eine Webseite spendiert.

Stehsatz hüben und drüben

Aber auch hier, leider, herrscht der Stehsatz:

«Wir, die Belegschaft von Bund und BZ, wehren uns gegen die Fusion der beiden Zeitungen und den damit verbundenen Stellenabbau.»

Deshalb, kleiner geht’s nicht, wendet man sich «An die Berner Öffentlichkeit».

Die möchte man gerne darüber informieren, was denn die Angestellten von dieser Entscheidung und ihrer Begründung halten: nichts. Könnte man so kurz fassen, muss man aber nicht:

«Dieses Manifest tritt dieser einseitigen Darstellung entgegen. Es fasst Stimmung und Aussagen zusammen, die an einer Betriebsversammlung der Belegschaft am Tag nach der Fusionsankündigung geäussert wurden. Damit drücken die Redaktionen von Bund und BZ ihre Innenwahrnehmung der bevorstehenden Veränderungen aus, die sich deutlich von der offiziellen Message unterscheidet. Wir verstehen das als Beitrag zu einem differenzierten, ausgewogenen Bild der Entwicklung auf dem Medienplatz Bern, auf das die Öffentlichkeit angewiesen ist, um zu verstehen, was passiert.»

Ich hoffe, ich begrüsse noch mehr als drei nicht weggeschnarchte Leser. Denn so geht es noch ziemlich lang weiter. «drastische Verminderung, Leser werden für dumm verkauft, erkennen die schwierige ökonomische Situation, aber, Kommunikationsverhalten irritiert und befremdet, über die Zukunft im Dunklen

Forderungen in aller Öffentlichkeit

Der kleine Teil der Berner Öffentlichkeit, der bis hierher durchgehalten hat, wird dann mit sieben Forderungen aus dem Koma geholt. Die richten sich zwar an die Geschäftsleitung Tamedia und die Redaktionsleitung von Bund/BZ. Aber was erregten Frauen mit ihrem Protestschreiben recht ist, kann doch den tapferen Mannen und Frauen zu Bern nur billig sein.

Solche Forderungen verschickt man heute nicht mehr per Brief oder Mail an die Adressaten, sondern nimmt den Weg über die Öffentlichkeit. Logo, das sorgt sicher für mehr Verhandlungsbereitschaft.

Was für Forderungen? Kann man auf der Webseite nachlesen. Sind noch langweiliger als alles vorher. Weil sie sowieso nicht erfüllt werden. Ist auch eine gute Tradition im Hause Tamedia.

Ach, übrigens, sowohl syndicom wie impressum unterstützen diese Aktion. Also ich auch, allerdings ungefragt. Denn ich drücke aus alter Tradition weiterhin Geld für impressum ab. Gern geschehen.

Mörgeli als Nörgeli

Man schenkt sich gegenseitig nur wenig. Wenn die «Weltwoche» ein Ja ausstösst, dann antworten die Mainstream-Medien mit einem Nein.

Das sind die pavlovschen Reflexe in einer Medienlandschaft, die immer mehr zum Austausch binärer Meinungen und Positionen verkommt. Ja oder nein, gut oder böse, richtig oder falsch, dafür oder dagegen.

Zwischentöne, Nachdenklichkeit, oder gar die Grösse, einfach zu sagen: Ich weiss es nicht? Ausgeschlossen, keine Weichheiten. Immer unangenehmer wird auch die zunehmende Unfähigkeit zur Selbstreflexion. 78 Tagi-Frauen verlangen einen anständigeren und respektvolleren Umgang mit ihnen?

Das hindert eine Mitunterzeichnerin doch nicht daran, ohne jeden Anstand oder Respekt eine Frau in die Pfanne zu hauen. Und keinen stört’s. Natürlich ist das Phänomen auch bei der WeWo ab und an vorhanden: kein Vorwand zu klein, Besserwisser zu sein.

Mörgeli neigt zum Überbeissen

Wir nehmen dafür absichtlich einen eher kleinen Vorfall, der aber symptomatisch ist. Seit Christoph Mörgeli weder im Nationalrat sitzt, noch ein Uni-Institut leitet, betätigt er sich als Journalist in der WeWo. Durchaus als begabter Polemiker, einer der wenigen aus dieser Ecke. Aber, das dürfte ihm auch den Sitz im Nationalrat gekostet haben, manchmal hat er so etwas wie einen verbalen Überbiss. Er legt noch einen drauf.

Und verscherzt sich damit mehr Sympathiepunkte, als er dazugewinnt. Oder aber, er nimmt sich einen Anlass vor, an dem er das Kunststück vorführen will, eine Mücke zum Elefanten aufzublasen. Solche Experimente bekommen normalerweise weder der Mücke noch dem Aufbläser.

Als Morgenüberraschung für Freund und Feind servierte Mörgeli am Montagmorgen die Frage: «Der vierfache Mörder Günther Tschanun war SP-Mitglied. Was, wenn er zufälligerweise bei der SVP mitgemacht hätte?»

So viele Fragen, so wenig Antworten

Fragen darf man stellen, selbstverständlich. Intelligente, hypothetische, rhetorische oder bescheuerte. Was, wenn Jesus eine Frau gewesen wäre? Was, wenn Columbus bei seiner Überfahrt abgesoffen wäre? Was, wenn Donald Trump der demokratischen Partei angehören würde? Was, wenn Christoph Blocher überzeugter Anhänger der Klimajugend wäre?

Das Prinzip dürfte klar sein. Kehren wir kurz zur Mücke zurück. In der umfangreichen, gut recherchierten und einfühlsam aufbereiteten Geschichte, wie es wohl zu dem bis heute noch nachwirkenden Amoklauf von Günther Tschanun kam, was während seines Gefängnisaufenthaltes mit ihm geschah, und wie und wo er schliesslich seine letzten Lebensjahre verbrachte, breitet Michèle Binswanger eine Fülle neuer Informationen aus. Sie schafft es auch, im Gegensatz zu minder begabten Journalistinnen ihres Hauses, Parteinahme oder fehlende Distanz zu vermeiden, ohne damit auf Empathie zu verzichten.

In dieser Fülle hat Adlerauge Mörgeli einen nebensächlichen Hinweis entdeckt, zitieren wir ihn mit seinem Entdeckerstolz: «Der aus Österreich stammende Architekt wohnte zuvor in Rüfenacht im Kanton Bern, «wo er sich auch in der SP engagierte.»» Nun könnte der vorschnell urteilende Leser meinen, dass das eine Einleitung zum Österreicher-Bashing oder zu den unseligen Auswirkungen von Einwanderung wäre.

Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber nein. Das «Engagement in der SP» ist Mörgelis Mücke in der Suppe. Die fischt er heraus und schliesst eine Luftpumpe an. Mit einigen energischen Stössen bläht er sie auf. Es sei zwar «unbekannt», ob Tschanun sein Parteibüchlein bei der Anstellung in Zürich genützt habe. Das ist natürlich blöd, aber: «Zumindest in seiner österreichischen Heimat war solche «Parteibüchlwirtschaft» gang und gäbe.»

Die bürgerliche Regierung könnte einen SP-Genossen bevorzugen?

Das mag ja sein, aber dem damals bürgerlich dominierten Zürcher Stadtrat zu unterstellen, er betreibe nicht nur Anstellung nach Parteibüchlein, sondern bevorzuge einen Genossen, das ist schon kühn. Nun zieht Mörgeli sozusagen den Hebel der Pumpe wieder zurück; man könne natürlich der SP keinen Vorwurf machen, wenn ein Parteimitglied «austickt – selbst wenn das Ergebnis in einem Mehrfachmord besteht».

Das scheint grosszügig von Mörgeli zu sein, ist aber natürlich nur die Einleitung zu seinem letzten Luftstoss. Die «was wäre wenn»-Frage. «Die Frage stellen heisst, sie beantworten» weiss Mörgeli.

Welche Frage? Nun, da könnte der Leser problemlos selber draufkommen. Ob Tschanun wegen der linken Kuschelpolitik gegenüber Straftätern nach 14 Jahren wieder freikam? Guter Versuch, aber viel zu weit weg. Natürlich, Mörgelis Frage lautet: Wenn ein SVP-Chefbeamter dieses Blutbad angerichtet hätte, wäre dann «seine Parteimitgliedschaft medial auch so nobel verschwiegen worden?»

Im Gegensatz zu Mörgeli können wir diese Frage nicht beantworten. Denn es gab kein vergleichbares Blutbad eines SVP-Parteimitglieds.

Bum, Mücke geplatzt.

Noch schlimmer: selbst eine solche Untat, in der Gegenwart von einem SVP-Parteigänger verübt, würde die Frage nicht beantworten, ob das damals eine andere Rolle gespielt hätte.

Aus der Medizinhistorie: keine Mücke auf der Lippe.

Und um noch die Reste der Mücke wegzuräumen: Könnte Mörgeli vielleicht ein einziges Beispiel anführen, sagen wir so zwischen 1971, der Gründung der SVP, und 1986, wo bei einem Verbrechen die Parteimitgliedschaft nicht «nobel verschwiegen» wurde, sondern der Verbrecher als SVP-Mensch an den Pranger gestellt wurde?

U.A.w.g., wie man da sagt. Herr Mörgeli, so als Historiker, sollte doch kein Problem sein. Wir offerieren Ihnen Platz für eine unzensierte Replik. Aber bitte mit Faktencheck.

Die Meinung ist frei

Und sie darf auch frei geäussert werden. Eine Zensur findet nicht statt, heisst es markig in der Bundesverfassung. Über Bezahlung steht da nichts.

Nehmen wir einen heutzutage völlig normalen Vorgang. Ein gewisser Michael Hermann führt eine Kolumne im «Tages-Anzeiger», somit im ganzen Tamedia-Kopfblattimperium. Damit kann er ungefähr die Hälfte aller Deutschschweizer Tageszeitungsleser beschallen.

Seine Meinung ist frei und klar: «Die Kritik an der Impfstoffstrategie von Bundesrat und BAG ist billig». In seiner Kolumne kritisiert Hermann alle, die es im Nachhinein besser wissen wollen, die mit dem Vorteil der Perspektive von heute ungerecht damalige Entscheidungen kritisieren: «Ohne Fehlertoleranz jedoch werden wir an Krisen wie diesen nicht wachsen.»

Unbezahlte Meinung hinter Bezahlschranke.

Das ist sicher ein wahrer Satz. Vielleicht hätte es dem unschuldigen Leser des Qualitätsjournalismus aus dem Hause Tamedia geholfen, wenn auch bei Kommentatoren gewisse Interessensbindungen offengelegt würden. Das schränkt ja die Meinungsfreiheit keinesfalls ein, hilft aber dem Empfänger bei der Einordnung der Meinung.

Michael Hermann, der Nachfolger des Mannes mit der Fliege, ist nämlich in erster Linie Geschäftsführer der «Forschungsstelle Sotomo». Die widmet sich den Themen «Meinungsforschung, Politikstudien und -evaluation» und anderen Untersuchungen.

Ohne billige Kritik geht’s wieder bergauf.

Auch das ist nichts Ehrenrühriges, denn auch Hermann muss ja schauen, dass der Schornstein raucht. Mit seinen politischen Spinnenprofilen und politischen Landkarten gehört der Politikwissenschaftler zum festen Personal der «Fachleute», die in Funk, Fernsehen und auch im Print gerne herbeigezogen werden.

Vor allem von privaten Medienhäusern, bei denen die «Expertenmeinung» häufig den Höhepunkt der Recherche darstellt, die sonst per copy/paste, skype und Google durchgeführt wird.

Was dem einen sein Uhl, ist dem anderen seine Nachtigall

Stellen wir eine hypothetische Frage. Was würde Tamedia wohl dazu sagen, wenn in der «Weltwoche» eine Verteidigungsschrift zum Risk Management der CS erschiene? Und sich herausstellen würde, dass der Autor zu den Lieferanten oder Mandatsträgern der CS gehörte? Ohne dass das dem Leser offengelegt würde? Genau, ein Riesengebrüll würde Tamedia erheben, vom Ende der journalistischen Sitten, gekauften Meinungen, von Leserbeschiss wäre die Rede.

Von Doppelspiel, Unredlichkeit und was einem sonst noch so an Beleidigungen einfällt. Womit Tamedia allerdings völlig recht hätte. Es ist im Fall Hermann allerdings so, dass auch die Credit Suisse zu seinen Auftraggebern gehört. Macht ja nix, darüber schreibt er nicht.

Zu seinen regelmässigen Auftraggebern gehören auch Ämter, die SRG, die Bundesverwaltung und – das BAG. Hermann nimmt hier also eine Behörde in Schutz, auf deren Honorarliste er oder seine Firma steht. Hermann äussert sich hier also positiv zu den Leistungen von Behörden und des Bundesrats, wobei staatliche oder halbstaatliche Institutionen den Grossteil seiner ausgewiesenen Brötchengeber ausmachen.

Immerhin zeigt er auf seiner Webseite Transparenz und führt stolz eine ganze Liste von aktuellen und vergangenen Projekten auf; jeweils mit Thema und Auftraggeber. Das diese Dienstleistungen, inklusive Meinungsumfragen, weder gratis erbracht werden, noch sehr billig sind, versteht sich von selbst.

Auszug aus der Kundenliste.

Wir wollen Hermann auch keinesfalls unterstellen, dass er eine Mietmeinung sei, so wie der Bankenprofessor Peter V. Kunz, bei dem man ein «Gutachten» bestellen kann, das nötige Kleingeld vorausgesetzt.

Wir wollen aber diese mangelnde Transparenz im Hause Tamedia mit angeblich eisernen Regeln und Transparenz, der Basis für das Vertrauen, das der Leser seinen Produkten entgegenbringen soll, scharf kritisieren.

Hermann nimmt Stellung, Tamedia nicht

Hermann nimmt die Möglichkeit wahr, Stellung zu beziehen: «Ich finde Ihre Fragen bezüglich meiner Aufträge durchaus legitim.» Psychologisch geschickter Einstieg;

«wenn der Massstab wäre, alle Akteure in meiner Kolumne zu deklarieren, bei denen ich  schon Aufträge hatte, müsste ich dies bei praktisch jeder tun».

Hier lässt er etwas nach, denn: warum nicht? Aber schon kommt er wieder hinten hoch: «Gerade die Tatsache, dass wir ein so breites Kundenfeld haben, führt zugleich dazu, dass wir gegenüber keinem Kunden in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.»

Zudem sei das Hauptgeschäft Meinungsumfragen, keine strategische Beratung, zu der er sich in seiner Kolumne äussere. Immerhin, netter Versuch.

Tamedia hingegen ignorierte eine gleichlautende Anfrage; Arthur Rutishauser beauftragte nicht einmal die Medienstelle, per copy/paste zu schreiben: Diese Vorwürfe sind falsch.

Wieso überrascht das nicht?

 

 

 

 

https://sotomo.ch/site/projekte/