Kette der Belanglosigkeiten

Früher generierten Journalisten ihre Storys durch Mithorchen am Stammtisch oder einen anonymen Hinweis per Briefpost. Heute krallen sie sich zusammen, was sie auf Instagram und Co. finden. Zum Leidwesen der Leser.

Von Stefan Millius

«Angepöbelt, weil er Männer liebt»: Die Schlagzeile auf dem Lokalportal stgallen24.ch verspricht Drama. Gab es da wieder eine dieser inakzeptablen Hetzjagden auf einen Homosexuellen? War Gewalt im Spiel?

Nicht ganz. Der Artikel dreht sich nämlich um folgendes Ereignis: Ein 20-jähriger Mann, der offenbar durch eine Perlenkette auffiel, befand sich mit einem Kollegen in einem Fast-Food-Lokal. Zwei junge Männer begannen, sich tuschelnd und lachend über die beiden zu unterhalten. Was im Spruch gipfelte: «Schau dir mal diese hässliche Schwuchtel an.» Ende.

Anpöbeln ist anders

Nun ist das zwar nichts, was man über andere Leute hörbar sagen sollte und es deutet nicht auf eine nachhaltig erfolgreiche Erziehungsarbeit hin. Es entspricht aber nicht dem Wortsinn von «anpöbeln», es gab keine direkte Konfrontation, keine Bedrohung, nichts. Es geschah das, was Übergewichtigen, Pickligen oder allgemein aus der Norm stechenden Leuten bedauerlicherweise täglich passieren kann: Andere Leute starren und tuscheln.

Und das wird ernsthaft auf 7300 Zeichen ausgebreitet. Wie um das zu rechtfertigen, liefert der 20-Jährige ein weiteres Beispiel nach. Im letzten Winter habe ihm ein Mann auf Albanisch «Schwuchtel» nachgerufen. Wieso das im Artikel mit «Nick» benannte Opfer das überhaupt verstand, bleibt offen. Aber es geht in die Richtung der Fast-Food-Begegnung: Nicht schön, nicht richtig, aber kein öffentliches Ereignis.

«Pride Month» wird ausgewalzt

Denn so daneben es ist, mit einem Schimpfwort bedacht zu werden oder mitzukriegen, wie zwei andere abwertend über einen reden: Ist das echt eine Titelstory von halbepischer Länge wert? Die Auflösung kommt am Schluss: Anlässlich des «Pride Month» hat sich die Redaktion von stgallen24.ch vorgenommen, bis Ende Juni regelmässig Artikel rund um Homosexualität zu publizieren. Da muss ein dahingeworfenes «Schwuchtel!» in einer Fremdsprache wohl reichen, um Inhalte zu generieren.

Damit ordentlich Text zusammenkommt, weist die Autorin im Text auch gleich noch auf die Abstimmungsvorlage «Ehe für alle» hin und stellt «Grindr», ein Datingportal für Schwule vor. Weil das ja direkt zusammenhängt mit Anpöbeleien im öffentlichen Raum.

Nur Negatives schafft es weiter

An die Öffentlichkeit drang das Ganze schliesslich, weil Nick das jüngste Vorkommnis auf Instagram veröffentlichte und sich die Redaktion des Lokalportals drauf stürzte – juhu, einer aus unserer Gegend, das füllt! Das Problem der Zusammenhangskette «Von den sozialen Medien in die ‹richtigen› Medien» ist, dass die Perspektive des Publikums verzerrt wird. Hätte Nick auf Instagram berichtet, wie er freundlich auf seine wunderschöne Perlenkette angesprochen wurde und sich daraus ein konstruktives Gespräch über Homosexualität entspann: Da hätte man bei einer Redaktion höchstens müde gegähnt, aber garantiert nichts geschrieben. Den Weg in die Schlagzeilen finden nur Negativerlebnisse. Was in der Summe den Eindruck vermittelt, Nick und Co. würden täglich ein Spiessrutenlaufen erleben.

Ach ja, laut «Google Translator» heisst «Schwuchtel» auf albanisch übrigens «fanatik». In der Rückübersetzung wird dann aber das neudeutsche «Freak» ausgespuckt. Immerhin liefert die Nullstory noch einen Hauch Allgemeinwissen.

Schämt Ihr Euch gar nicht?

Ihr üppig verdienenden Nulpen an der Spitze Schweizer Medienkonzerne. Oder seid ihr wirklich schamlos indolent?

Pietro Supino ist VR-Präsident von Tamedia, bzw. von TX Group, formerly known as T. Hat irgendwas mit dem «Tages-Anzeiger» zu tun. Supino kassiert im Jahr rund 2 Millionen Franken. Ein Klacks gegen das, was seine Familie Coninx über die Jahrzehnte abgeräumt hat.

Was hat Supino eigentlich für all diese Kohle bislang geleistet? Publicitas beerdigt, ein Interview im eignen Blatt im letzten Moment zurückgezogen. Jede Menge Geld durch den Ankauf von Handelsplattformen verballert (Fashionfriends, jobs.ch, ricardo.ch). Die werden dann alle von Amazon, Facebook, Google und schliesslich Alibaba abgeräumt.

Viel von Qualitätsjournalismus geredet, noch mehr dafür getan, ihn totzusparen, Skelettredaktionen herzustellen, dann Zentralredaktionen, die alles versorgen und bestreichen sollen. Klargestellt, dass an Ertragszielen sicher nicht gerüttelt wird, es auch keine Quersubventionen gibt, wenn bspw. der Stellenanzeiger fast vollständig ins Internet abgeschwirrt ist.

Wenn Supino, die kalte Seele der Profitmaximierung, in die Harfe greift (oder greifen lässt), um mit Res Strehle, der sich nun wirklich für überhaupt nichts zu schade ist, ein «Handbuch Qualität in den Medien» zu schreiben, dann muss der Leser einen kugelsicheren Magen haben, damit es ihm nicht übel wird. Beim Lesen eines solchen Geschwurbels:

«Weil das Herstellen von Öffentlichkeit im Konflikt mit dem Interesse von Betroffenen stehen kann, erfordert unsere Arbeit Unabhängigkeit und ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Wir streben Fehlerfreiheit, Wahrheit im Sinne der Vollständigkeit der massgeblichen Fakten, Fairness und Transparenz auch über Korrekturen an, die im schnelllebigen Medienalltag kein Mangel, sondern ein Qualitätsmerkmal sind.»

Inzwischen zeigt Tamedia jeden Tag, wie man diesen grossartigen Prinzipien nicht nachlebt.

Krise? Hektik, Panik, Abtauchen

Schliesslich hat Supino eine ganz schlechte Falle beim Protestschreiben von 78 erregten Mitarbeitern bei Tamedia gemacht. Betroffenheit geheuchelt, es dann dem armen Arthur Rutishauser überlassen, damit fertigzuwerden. Der toppt ihn allerdings (ausser im Salär). Der Oberchefredaktor des Hauses, also der Verwalter all des Elends, der Verkünder von immer neuen Sparrunden. Der gleichzeitig das Niveau in den Keller fährt (Affaire Vincenz, Publikation von gestohlenen Geschäftsunterlagen, schöngeschrieben als Leaks oder Papers).

Schlechte Stimmung in den Zentralredaktionen, schlechte Stimmung in der verbleibenden Aussenredaktionen. Mit ausschliesslich anonymen Beispielen unterfüttert, behaupteten Mitarbeiterinnen, unter unerträglichen Zuständen zu leiden. Sexismus, Diskriminierung, dumme und anzügliche Sprüche. Das wurde dann gleich an die Öffentlichkeit durchgestochen, mittels eines anrüchigen Absenders.

Die Gelegenheit, endlich etwas für sein Geld zu tun. Stattdessen liess sich Rutishauser vorführen. Entschuldigte sich mal präventiv (für durch nichts und bis heute nicht bewiesenen Behauptungen von Fehlverhalten). Dann setzte er im Ernst eine der Unterzeichnerinnen, die selber in mehr als fragwürdige Recherchemethoden verwickelt ist, als Untersuchungsrichterin über die Stichhaltigkeit der Anschuldigungen ein. Dann stuhlte er sie zur «Ansprechperson» runter, schliesslich wurde sie zu «20 Minuten» entsorgt.

Im Fall Vincenz, wo sich Rutishauser immer wieder von interessierten Kreisen anfüttern und mit Unterlagen versorgen liess, schuf er ein einseitiges tendenziöses, den Ruf von Vincenz längst vor einer Verhandlung oder gar Schuldspruch restlos ruinierendes Werk, das in jeder Journalistenschule als Beispiel verwendet werden kann, wie man es ja nicht machen sollte.

Nabelschau statt Weltenschau

Und das alle in einem Verlag, wo Nabelschau wichtiger als Weltenschau geworden ist. Wo die Vergewaltigung der Sprache wichtiger als ihre Beherrschung geworden ist. Wo fast alles Publizierte von Meinung trieft. Unablässig Fanale und Zeichen gesetzt werden müssen. Die Welt nicht erklärt, sondern belehrt werden soll. Also ein Medienkonzern auf dem Weg nach unten. Bravo.

All die anderen? Nichts anderes

Ringier? Auch hier läuft sich die nächste Generation warm. Marc Walder zeigt währenddessen, dass man es mit Tennisspielen fast so weit wie Roger Federer bringen kann. Nämlich zum CEO und Mitbesitzer des Verlags. Leistungsausweis? Umbau zum Gemischtwarenladen, Wertschöpfungsketten mit Promis, die es in diesem Ausmass in der Schweiz noch nie gab.

Mehr Haare als Argumente: Meyer (l.), Walder 2013.

Wenn sich Marc Walder «auf einen Espresso» mit seinem Vordenker Frank A. Meyer über die 1:12-Initiative unterhielt, lacht man sich heute noch kaputt. Meyer ist dagegen, Walder hält sich bedeckt, beide hätten empfindliche Einkommensverluste hinnehmen müssen, wäre sie angenommen worden. Titel wie Format ist übrigens geklaut. Pardon, adaptiert. Nachempfunden. Ausserdem war’s bei Helmut Schmidt ein Zigarette. Ausserdem ist Meyer nicht Schmidt.

Ach, und auch da gibt es ja einen Oberchefredaktor. Christian Dorer ist der Name. Der steht dem vor, was mal eine machtvolle Meinungsmachmaschine war. Und bringt das Kunsstück fertig, die «Blick»-Familie Stück für Stück zu entmannen, auflagemässig in nie gekannte Tiefen zu fahren – und lächelt sich mit seinem Traumschwiegersohncharme durch alles durch. Während unter ihm ein munteres Gehen (weniger ein Kommen) herrscht. Auch das für ein Gehalt, das sicherlich bei einer halben Kiste liegen dürfte.

Lassen wir den Wanner-Clan (CH Media) für einmal aus; dort reicht es offenbar, von Beruf Sohn zu sein, um zu zeigen, dass man von elektronischen und digitalen Medien keine Ahnung hat.

Schliesslich die NZZ, angeführt vom meinungsstarken, nachtragenden und schneidend scharfen Eric Gujer. Der aber kein Problem damit hat, zusammen mit seiner Gattin sich in einem Wellness- und Diäthotel in Österreich zu erholen, dem Hotel-Newsletter huldvoll ein Interview zu gewähren, während seine Gattin auf zwei Seiten NZZ über Hotel, Diät und alles schwärmen darf. Sicher hat er selber bezahlt, sicher wurde damit nicht gegen hausinterne Regeln verstossen.

Wo bleibt das Gespür für Anstand?

Aber ein Chefredaktor, der nicht mal persönlich dazu Stellung nimmt, leises internes Gemurmel mit eisigem Blick zum Verstummen bringt, auch kein Problem damit hat, dass seine Göttergattin gleichzeitig seine Untergebene ist, die wiederum kaum auf Widerstand stossen dürfte, welchen Quark sie auch immer schreibt, darf das in einer NZZ sein? Ein Chefredaktor, der das bejaht, ist deutlich überbezahlt. Aber ganz deutlich. Wie viel der CEO der NZZ kassiert? Ebenfalls für einen Mann am Fenster, für einen Grüssaugust viel zu viel.

Die Medien bieten ein Bild des Elends. Mit unwürdigem Gebettel und Gebuckel haben sich die Privatkonzerne happig Subventionen erquengelt. Jammern kann die Chefetage. Kassieren auch. Schamfrei money for nothing kriegen: kein Problem.

Keine Idee haben, die auch nicht ausdrücken können. Kein Geschäftsmodell für die Zukunft. Sparen, rausschmeissen, abschmelzen, ausdünnen, weniger Angebot für gleich hohe oder sogar noch höhere Preise. Das mit markigen Worten über bedingungslose Qualität zusossen wollen. Das können sie.

Zuschauen, wie ein ehemals angesehener Beruf ruiniert wird. Verzwergt. Das können sie. Mal was tun für ihr Geld; Rettungsplan, originelle Ideen, Führungsqualitäten zeigen? Das können sie nicht. Scham? Kennen sie nicht.

Träumerei

Darf auch mal erlaubt sein: wir erträumen uns guten Journalismus. Wie es wohl war, als es den noch gab?

Keine Nostalgie, kein Dummvergleich früher (alles besser) mit heute (alles schlechter). Als der Besitz von Druckmaschinen eigentlich das Gleiche war wie die Lizenz zum Gelddrucken, wurde auch jede Menge Unsinn angestellt.

Wir konnten Info-Honorare von bis zu 100’000 anbieten. Ob das die Wahrheit verbog oder beförderte? Für schlecht gefälschte Hitler-Tagebücher wurden Millionen bezahlt, der Ruf einer angesehenen Illustrierten für Jahrzehnte ruiniert.

Faker, Erfinder, Hochstapler gab es schon immer. Auch gnadenlose Vorgaben wildgewordener Chefredaktoren, eine Story unbedingt hinzuwürgen. Meist mit legitimen, aber unverhältnismässigen Mitteln. Manchmal auch mit Tricks und Untergriffen.

Wir sassen morgen im Flieger, wenn heute eine besonders saftige kleine Meldung irgendwo erschien. Kinderhandel in Honduras, Arbeitssklaven in Afrika, Ausbeutung wie auf dem «Totenschiff» von B. Traven. Den hatte übrigens der gleiche Journalist aufgespürt, eine Riesenleistung, der dann mit den Hitler-Tagebüchern unterging.

Es gab noch Tugenden

Begleitet wurden solche Auswüchse aber von ein paar Tugenden. Witwenschüttler wurden von allen verachtet. Man rutscht nicht über das Leid eines Menschen in die Schlagzeilen. Agents provocateurs auch. Die brachten den Zündstoff selber mit, um dann zuzuschauen, wie was in die Luft flog – und um darüber exklusiv zu berichten. Einen cleanen Drögeler wieder auf den Drogenstrich zu schicken, um eine Reportage drüber zu machen, widerlich.

Passierte auch alles, aber der Mainstream war: die Aufgabe eines Journalisten ist, zu schauen, aufzuschreiben, verstehen zu versuchen. Verstehen, nicht verurteilen. Wenn damals bei der Themenfindung einer gefragt hätte: und was ist unsere These, was ist die Storyline? Er wäre auf völliges Unverständnis und die Antwort gestossen: Woher soll ich das denn wissen, ich habe ja noch gar nicht angefangen.

Es herrschte verdientes Vertrauen. Wie im angelsächsischen Journalismus bis heute wäre niemand auf die Idee gekommen, ein Interview zu autorisieren. Man vertraute dem Journalisten, dass der in de Lage und willens ist, das gesprochene Wort zu respektieren. Man war selbstbewusst genug, um die Banalität zu verstehen: gesagt ist gesagt. Wozu redet man sonst miteinander, wenn man’s anschliessend alles umschreibt?

Die Fakten, die Ergebnisse einer Recherche hatten meistens ein Gewicht, das kurz hinter einer amtlichen Feststellung lag. Wer früher auf dem Boulevard spazierte und Einblicke in seine Intimssphäre gewährte, wäre nie auf die Idee gekommen, sich zu beschweren, wenn das nicht für, sondern gegen ihn verwendet wurde.

Der Unterschied zu heute liegt im Kern des Geschäfts

Vor allem liegt aber der Unterschied zu heute in der Sache selbst. Der Fotograf fängt die Realität in einen Rahmen – und gibt sich eine Heidenmühe dabei. Der Journalist verdichtet und übersetzt die Realität in Buchstaben. Auch er gibt sich eine Heidenmühe dabei. Sucht nach dem treffenden Wort, dem richtigen Aufbau, der gerechten Gewichtung. Beide wissen um ihre Macht. Man kann jeden Menschen fotografisch fertigmachen, verschönern oder sein Wesen abbilden. Man kann jeden Menschen schriftlich hinrichten, zum Monster niederschreiben, schöner machen, als er jemals sein könnte. Oder versuchen, ihm gerecht zu werden.

Kann man gesehen haben. Ist aber unwahrscheinlich.

All das fehlt heute. Deshalb jauchzen wir, wenn wir eine gelungene Reportage lesen. Bei der nicht die Befindlichkeiten des Reporters im Zentrum stehen. Wie der sich fühlt, was das Erlebte bei ihm auslöst, ganze Zickenkriege, die zur Langeweile des Lesers geführt werden. Diese unselige Nabelschau der heutigen Kindersoldaten, die die Welt nur durch den Filter ihres narzisstischen Ichs sehen können – weil ihnen Kenntnisse, Methode und nicht zuletzt die Intelligenz fehlt, sich auf die überkomplexe, verwirrliche Wirklichkeit einzulassen.

Statt auch mal Brocken mit Kanten und Brüchen, die durchaus beim Lesen wehtun dürfen, gibt’s meistens Brei. Noch verdünnt und verwässert, wenn er zudem angeblichen Korrektheiten entsprechen soll.

Alle die, die mangels anderen Fähigkeiten stellvertretend für Unterdrückte, Schwarze, Frauen, Menschen aus anderen Kulturen und Zeiten geklautes Leiden feilbieten, sind die ewige Pandemie des modernen Journalismus. Totschläger des Widerspruchs, sie missbrauchen und vergewaltigen die Sprache, die sie gerechter machen wollen. Dafür verwenden sie nicht ganz verstandene Begriffe wie inkludiert oder diskriminiert. Mitgemeint oder mitgenommen.

Erwischt: der moderne Journalist bei der Arbeit.

Brei kann ich selber, sagt sich immer lauter der Leser; getretner Quark wird breit, und nicht stark, sagt sich der gebildete Leser, wenn er die Sprachdurchfälle der «Republik» liest. Nichts gegen lange Stücke. Man kann auch in der Dimension von «Krieg und Frieden» schreiben (Achtung, Nora Zukker, das ist so ein dicker Wälzer eines Russen, sollte man auch gelesen haben, übrigens ebenso «Leben und Schicksal», das ist ein anderer dicker Wälzer eines Russen).

Man sollte nur dann, wenn man kann

Aber nur, wenn man’s kann. Heutige Schreibstars (die sich selbst aber unter dem Mikroskop betrachten müssen, um Grösse zu vermuten) wollen Picasso oder Richter oder Pollock bieten. Sie wollen eine Kuh in drei Perspektiven gleichzeitig, hyperrealistisch und gekleckst darstellen. Aber nicht, weil sie schon längst über die naturalistische Kuh hinaus sind. Sondern weil sie nicht mal das malen oder schreiben könnten.

Wer aus dem Traum eines Journalismus in der Liga Kurt Tucholsky, Lincoln Steffens, Joseph Roth oder auch eines Tom Wolfe aufwacht, ist im Alptraum des heutigen Journalismus angekommen. Wo gestolpert, geholpert wird, schiefe Bilder zusammengenagelt, dummdreiste Ratschläge erteilt werden, viele Erkenntnisse laut gackernd als neu präsentiert. Nur, weil der Schreiber so ungebildet ist, dass er nicht weiss, dass das schon längst – und viel besser – formuliert wurde.

Nein, besser nicht träumen. Einfach abwarten, bis intelligente Textprogramme diese Bagage ersetzen. Schriftsteller und ein paar Ausnahmekönner für die happy few (so nannte Stendhal seine Leser, Nora Zukker, das war ein französischer, aber lassen wir das, hopeless) wird es auch immer geben. Nur nicht mehr diese Banalität des Blöden, die sich tagtäglich zu Buchstaben formt.

Politisch korrekte Farbenlehre

Man würde dem Wahnsinn ja gern aus dem Weg gehen, aber der steht mittlerweile förmlich überall. Neuestes Beispiel: Ein «Skandal» um Briefmarken.

Von Stefan Millius

Inzwischen reicht es bekanntlich nicht mehr, kein Rassist zu sein. Man muss neuerdings auch auf Schritt und Tritt erklären, dass man keiner ist und fortwährend Zeichen gegen Rassismus setzen. Proaktiv. Wer einfach so vor sich hinlebt und jeden Menschen lässt, wie er ist, schweigt ja gewissermassen trotz so viel Ungerechtigkeit auf der Welt. Damit ist er dann so etwas wie ein passiver Rassist.

Deshalb fand die spanische Post, sie müsse ein Signal aussenden, um zu zeigen, wie ernst es ihr ist mit der politisch korrekten Haltung. Das tat sie mit einer Briefmarkenserie, die grafisch nun nicht gerade eine Herausforderung war. Die Marken sind einfarbig, ohne Sujet – und symbolisieren die Hautfarben. Die hellste Briefmarke ist die teuerste und damit die wertvollste, mit der Marke im dunkelsten Farbton lässt sich die geringste Fracht spedieren.

Wer das liest, zuckt aus Erfahrungswerten heraus innerlich zusammen: Wie kann man eine dunkle Hautfarbe minderwertiger darstellen? Das kann ja nur in einem Shitstorm enden.

Leider um die Ecke gedacht

Gemach, sagt die Post in Spanien, das ist ja gerade der Witz an der Sache. Otto Normalverbraucher muss sich so zwingend Gedanken über rassistische Ungleichheiten machen, wenn er ein Paket frankiert und dafür viel mehr dunkle als helle Marken braucht. So wolle man «auf die Realität von farbigen Minderheiten aufmerksam machen».

Zeichensetzer Binswanger, wieso haben Sie hier nicht mitgemacht?

Da hat ein Marketingmensch offenbar um die Ecke gedacht. Mindestens 18 Mal. Und es ging gehörig schief. Denn die komplexe Botschaft hinter der hehren Absicht muss aufwendig erklärt werden. Das will niemand hören. Vom Twittermob verstanden wurde nur die verkürzte Version: Ach so, die spanische Post hält die dunkle Hautfarbe also für weniger wert als die helle! Rassistenpack!

Mit im Boot ist auch die Organisation «SOS racismo», die auch für Nichtspanischsprechende unschwer erkennbar Rassismus bekämpft. Auch dort hielt man das offenbar für eine gute Idee und darf sich nun durch wenig freundliche Zuschriften wühlen.

Auch umgekehrt ist nicht gefahren

Das provoziert das Gedankenspiel: Wäre es denn beklatscht worden, wenn man die Sache gedreht hätte? Also die dunklen Briefmarken die mit dem höchsten Wert gewesen wären? Kaum. Dann hätte es mit Sicherheit geheissen: «Die Post gaukelt mit ihrer Aktion etwas vor, das nicht der Realität entspricht und verharmlost damit das Problem!»

Auch die vereinten Methodisten sind dagegen. Alles wird gut.

Fazit: Nichts tun ist sträfliche Vernachlässigung der gesellschaftlichen Pflichten. Etwas tun ist meistens ein Schuss nach hinten, weil es nicht exakt dem Verhalten entspricht, dass die Aktivistenfront erwartet oder von dieser uminterpretiert wird. Ganz einfach, weil diese Leute eigentlich gar keine Signale gegen Rassismus sehen wollen, denn es ist wesentlich spannender, angebliche Rassisten an den Pranger zu stellen,

Wirklich risikofrei ist es eigentlich nur, in den sozialen Medien bei jeder möglichen oder unmöglichen Situation jemandem vorzuwerfen, er sei ein Rassist. Das ist nie verkehrt. Billiger kann man nicht beweisen, dass man zu den Guten gehört.

 

 

 

 

 

 

 

 

Corona-Kollateralschäden

Nicht nur Wissenschaftler, auch Medienschaffende können froh sein, dass sie völlig haftungsfrei sind.

Fordern, mahnen, erinnern. Die Lieblingsbeschäftigung vieler Journalisten heutzutage. Zu welchen Sumpfblüten das führt, haben wir schon mehrfach dargestellt.

Wissenschaftler, Politiker und Journalisten haben eins gemeinsam: sie müssen keinerlei persönliche Verantwortung übernehmen. Sie sind nicht haftbar für den Unfug, den sie quatschen. Ein Wissenschaftler hat höchstens eine kleine Delle im Renommee, wenn er sich mal für mal grauenhaft verhauen hat. Politiker können die Wiederwahl nicht schaffen, haben sich aber in der Zeit vorher so gut vernetzt, dass sie problemlos irgendwo ein warmes Plätzchen finden. So wie der Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger, der nach Abschluss seiner politischen Karriere flugs Implenia-VR wurde.

Dass er als Bundesrat genau dieser Firma Aufträge erteilt hatte führte, zuerst zu Gebrüll, dann zu seinem schnellen Abgang nach nur zwei Jahren. Journalisten sind für Geschreibsel oder Getwitter auch nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Pressefreiheit plus Meinungsfreiheit. Plus gut bestückte Rechtsabteilungen, die wohl 90 Prozent aller Meckereien wegräumen.

Der Baukonzern leidet auch unter Corona; so hat er viele Baustellen vorläufig still gelegt. Wie der Konzern aus diesem Schlamassel wieder rausfinden soll; schleierhaft. Im Bündnerland könnte sich der nächste Bauskandal anbahnen

Denn dort macht Implenia fast alle Standorte dicht. Nun könnte man sagen: also ein Baukonzern, bzw. seine Führungsetage, muss streng, aber gerecht sein. Und da es bei der Gerechtigkeit mangelt, die meisten Mitarbeiter auf staatliche Aufforderung hin Abstriche hinnehmen müssen, lässt es sich die Chefetage wohl sein.

Welche Folgewirkungen gibt es schon?

Wes Geistes Kind die dort Hockenden sind, ausgestattet mit gutem Gedächtnis und rauchender Zigarre, das ist dem Publikum immer wieder entgangen. Da muss ja eine Planung dahinter stecken, da kommt keiner mehr rein, keiner mehr raus.

Aber das ist ja nur der Eisberg; es gibt noch weitere Zacken und grade deren Folgewirkungen des umstrittenen Lockdowns? Pipifax. Beruhigt nicht wirklich. Pleitewelle von Fitnesscentern im Sommer, das unkt nicht irgend ein Verschwörungstheoretiker. Das wurde auf SRF genau so ausgestrahlt. Zuerst lange geschlossen, dann wieder eröffnet.

Kleine Wellen schlagen auch die vielen Meldungen, dass jugendpsychiatrische Einrichtungen an der Kapazitätsgrenze oder sogar darüber hinaus seien. Die Anzahl von Jugendlichen, die sich wegen Suizidgefährdung selber melden, ist sprunghaft angestiegen. Hat sich einer dieser Schreihälse in den Medien jemals Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen dieses Corona-Jahr auf Heranwachsende hatte?

Das Kollabieren ganzer Wirtschaftszweige; Hotellerie, Gaststätten, Reisebranche, Tourismuszulieferer: wenn man keinerlei Haftbarkeit hat, kann man frei von Verantwortung so viel gute Ratschläge raushauen wie der Tag Stunden hat.

Seit doch etwas für Irritationen sorgt, dass die Eidgenossen und die Reichsdeutschen aufgrund der gleichen Zahlengrundlage – die meisten Indizes in der Schweiz und in Deutschland sind ziemlich nahe beieinander – zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen kommen, hat sich die lautstarke Beschimpfung von Abweichlern deutlich in der Phonstärke gemässigt.

Ohne ständiges Nachschütten von Kompetenz …

Während man vorher ohne jegliche eigene Kenntnisse aufgrund von Parametern, denen die Wissenschaftler eine Bedeutung zumassen, lautstark Lockdown rufen und fordern konnte. Noch lautstärker als alle Aluhutträger und Selbstgefährder beschimpfen, die das anders sehen und sich sogar zu unerlaubten Demonstrationen zusammenrotten.

Da das aber nun auf Regierungsebene nicht so möglich ist, entweder die deutsche oder die Schweizer Regierung als völlig von der Realität abgehoben zu beschimpfen (es gibt in der Schweiz nur einen journalistisch tätigen Amok, der sogar das tut), wird das wohlfeile «da müsste man endlich, wenn man nicht, dann aber, alle sollten mal auf mich hören» schal und billig.

Und da hinter all diesem medialen Nachgeplapper nur selten eigene Kompetenz oder eigenes Fachwissen stehen, verstummen all die Heerscharen von frisch qualifizierten Corona-Experten in den Medien zunehmend.

Sie haben in der Schweiz ja bloss einen Beitrag dazu geleistet, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemiebekämpfung in Zahlen ausgedrückt wohl bei über 150 Milliarden Franken liegen. Nachbereinigungen durch gigantische Schadenersatzklagen noch gar nicht eingerechnet.

Da zuckt der Journalist mit den Schultern und hofft auf ein neues Thema. Gaza-Streifen gegen Israel und umgekehrt, wenn das eskaliert, kann der Medienschaffende endlich den weissen Wissenschaftlerkittel abstreifen und mit ernster Miene den Beteiligten und der ganzen Welt erklären, wie das Nahostproblem im Handumdrehen gelöst werden könnte.

Nur ganz schlaue Journalisten wundern sich immer mehr, dass immer weniger auf ihre Meinung wert gelegt wird. Und für Artikel mit Hand und Fuss statt copy/paste, dafür fehlt die Zeit und das Know-how. Also her mit der Staatsknete. Und alle Medienkonzerne in der Schweiz machen weiter Dehnungs- und Lockerungsübungen, wie man für Inserenten die Beine noch weiter spreizen könnte.

 

 

Vom Kritiker zum Leibwächter

Vierte Gewalt, unbestechlich, gerecht, kritisch? War mal, ist nicht mehr. Höchstens anders.

Um es zu sagen, wie es ist: die Massenmedien sind – nicht nur – aber vor allem – in der Schweiz auf den Hund gekommen. Das kommt halt davon, wenn man es drei Familienclans überlässt, die Medienszene immer mehr zu beherrschen und schliesslich zu einem Duopol zu degenerieren.

Mit sauber getrennten Gärtchen; wo CH Media regiert, ist Tamedia still, und umgekehrt. Dann gibt’s noch Ringier als nicht mehr so wichtigen, überregionalen Dritten, und die NZZ for the happy few.

Plus eine Latte von Spartenblättern, von Bedienern ihrer Klientel in der miefig riechenden Gesinnungsblase, wo Haltung fast alles, Analyse und Nachdenken fast nichts ist. Gibt es Lichtblicke? Natürlich, jede Menge eigentlich. Während die dummen und verfetteten Medienmanager bis heute noch keine sinnvolle Antwort auf das Internet gefunden haben, spriessen dort natürlich kreative Neupflanzen aus allen Bytes.

Gegenmassnahmen durchaus schräger als erwartet

Allerdings meistens mit sehr überschaubarer Einschaltquote. Aber es gibt auch Versuche, in die Breite zu wirken. Um nicht im Ungefähren zu bleiben, nehmen wir die Ostschweiz. Genau, alles im Einzugsgebiet eines Dialekts, der zu Recht als praktisches Verhütungsmittel angesehen werden kann.

So einfach holt man als Zürcher Sympathiepunkte im Wilden Osten der Schweiz. Nun braucht es nur noch eine kurze Packungsbeilage. Der Autor dieses Artikels publiziert regelmässig in «Die Ostschweiz». Die meisten Zahlen, die hier folgen, hat er überprüft, aber im Wesentlichen geklaut. Aus der «Ostschweiz», woher sonst.

Letzte Packungsbeilage: die Bande zur «Ostschweiz» verfestigten sich, als das «St. Galler Tagblatt» zwar mutig genug war, auf einer Doppelseite einen Artikel von mir über den in St. Gallen residierenden Sherkati-Clan zu veröffentlichen. Aber nicht mutig genug, einem von denen ausgesandten Büttel zu widerstehen, der zwar keinen einzigen sachlichen Fehler bemeckern konnte (ausser einem Dreher von Nach- und Vorname), aber natürlich mit Gewitter, Sturm und auch Hagel drohte.

Also verschwand der Artikel aus dem Netz, um in «Die Ostschweiz» wiederbelebt zu werden.

Die hatte keinen Schiss – und es passierte natürlich auch nix. Das die Ouvertüre.

Als reitender Bote hat’s der Mainstream schwer

Denn «Die Ostschweiz» klopft sich etwas auf die Schulter. Da erledigt ihr VR-Präsident Peter Weigelt persönlich.

«15. April: 46’000 Single Visitors an einem Tag. Rekord bislang.»

Es geht also offenbar, ein reines Internet-Newsmedium mit Tentakeln in die Realität wie ein Magazin zu lancieren. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber stetig.

Er hält aber nicht nur Nabelschau, sondern exemplifiziert die Misere der Medien in der Schweiz an ein paar einfachen Zahlen. «Alle vier grossen Medienkonzerne haben mit Blick auf massive staatliche Beihilfen – sprich Subventionen – ihre Aufgabe als 4. Gewalt im Staat aufgegeben. Sie haben sich zu reinen «Verlautbarungs-Medien» gewandelt», sagt VRP Weigelt.

Er untermauert das dann mit Zahlen. Zusammen mit der Posttaxenverbilligung, dem reduzierten Mehrwertsteuersatz und weiteren Vergünstigungen flossen den Tagblatt-Medien damit allein 2020 insgesamt über 10 Mio. Franken an staatlichen Unterstützungsbeiträgen zu. Also elektronische und Printmedien zusammengezählt.

In Zukunft sollen, nach den letzte Beschlüssen des Parlaments insgesamt jährlich rund 400 Millionen Franken an die Medien verteilt werden. Plus die 1,4 Milliarden Franken, die durch Radio- und TV-Gebühren in den staatsfernen Kleinstkonzern SRG fliessen. Wovon ein Bruchteil als Zückerchen an die Medienkonzerne abgegeben wird, die keine Mühe damit bekunden, ihre Meinung je nach Wetter- und Subventionslage anzupassen.

Auch andere Zeitungen sagten schon, sie seien unabhängig und staatsfern

Die Corona-Politik des Bundesrats ist nun wirklich echt unfähig? Dieser Kantonsrat muss weg? Wie kann der Nationalrat nur? Wären alles ganz schlechte Storyideen für einen subventionierten Konzern.

Nicht nur Kunst geht nach Brot. Es ist eine absurde Annahme, dass staatlich subventionierte Medien so kritisch bleiben wie staatlich nicht subventionierte Medien. Das ist so bescheuert, wie wenn die Parteizeitungen «Prawda» oder «Neues Deutschland» behauptet hätten, unabhängig von ihrer völligen Abhängigkeit vom Staat Berichterstattung zu betreiben. Nur und alleine der Wahrheitsfindung verpflichtet.

Ach, das haben die behauptet? Tja, da gab es aber nicht viele Leser, die das auch geglaubt haben.

 

 

Minenfeld Israel

Linke winden sich, die Tempelwächter des Staates Israel verbellen jede Kritik an seinen Taten.

Alle israelfreundlichen Kreise, aus welchen Motiven auch immer, versuchen nicht ohne Erfolg, jede Kritik an Handlungen dieses Staates durch Denunziation zum Schweigen zu bringen.

Als die US-Politwissenschaftler John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt 2006 die Untersuchung veröffentlichten: «Die Israel-Lobby und die US-Aussenpolitik», wurden sie niedergeschrien und niedergemacht.

Denn ihr These lautete, dass die weitgehend vorbehaltlose Unterstützung Israels durch die USA den Interessen der Vereinigten Staaten zuwiderlaufe und letztendlich beiden Staaten schade.

Den Artikel hatte «Atlantic Monthly» 2002 in Auftrag gegeben – und verweigerte den Abdruck. Erst 2006 wurde er in der «London Review of Books» publiziert. Eine erweiterte Fassung als Buch.

Es ist ein streng wissenschaftlicher Text, der mit der üblichen Methodik der Politwissenschaften dieses Verhältnis umfangreich dokumentiert darstellt. Und zu dieser These kommt.

Die englische Ausgabe ist noch lieferbar, die im Campus-Verlag erschienene deutsche Version nicht mehr. Das muss nun nicht den langen Arm der Israel-Lobby in Deutschland belegen, und die These der Wissenschaftler ist eine diskutable Position.

Spielen auf der Denunziations-Klaviatur

Die aber fast überhaupt nicht diskutiert wurde, sondern die beiden Wissenschaftler wurden aufs übelste beschimpft, ihnen wurde die übliche Klaviatur von Antisemit bis Anti-Zionist vorgespielt.

Genau gleich verhalten sich aktuell viele Meinungsbildner auch in den Schweizer Medien. Es geht dabei gar nicht darum, Partei zu ergreifen oder sich für eine der beiden Seiten im wiederaufgeflammten Krieg zwischen Palästinensern und dem israelischen Staat zu entscheiden. Und nur die Greueltaten der jeweils anderen Seite zu beklagen.

Eigentlich wäre hier, wenn das überhaupt möglich ist, Analyse und Erklärung gefordert. Ziemlich alleine auf weiter Flur steht zurzeit die NZZaS. Sie weist völlig zu Recht darauf hin:

«Der Auslöser für die Gewalt war die drohende Wegweisung palästinensischer Familien in Ostjerusalem. Ihre Häuser stehen auf Land, das einst Juden gehört hatte, bevor Jordanien Ostjerusalem nach dem israelisch-arabischen Krieg 1948 besetzte. Israel erlaubt den Erben dieser Eigentümer, ihren Besitz zurückzufordern. Palästinensern wird jedoch umgekehrt dieses Recht für ihre früheren Häuser in Westjerusalem, aus denen sie vertrieben wurden, nicht gewährt.»

Das war der Auslöser, der entweder überhaupt nicht oder nur am Rande erwähnt wird.

Barbarei und  Greueltaten gegen berechtigte Gegenwehr

Das zeugt einfach vom üblichen unterirdischen Kenntnisniveau der meisten Journalisten. Wer sich aber darin erschöpft, «gerechtfertigte Gegenwehr» zu erklären und zu verteidigen, treibt einen weiteren Sargnagel in das Ansehen des Journalismus. Denn eigentlich sollte er auch hier leisten: beschreiben, was sich dort abspielt. Versuchen, diese Ereignisse verständlich zu machen, analysieren, einordnen.

Vielleicht auch darauf hinzuweisen, dass der Konflikt existiert, existierte, weiter existieren wird, wenn keine Lösung dafür gefunden wird. Welche Methoden welcher Seite abscheulich, welche gerechtfertigte Notwehr, welche barbarisch, welche zivilisiert sind, das einzuordnen traue ich mir nicht zu.

Andere Art, die Analyse von Adolf Muschg zu bestätigen

Aber das Urteil schon, dass hier in einer Art negativer Dialektik die Argumentation gegen die Verwendung des Wortes «Auschwitz» durch Adolf Muschg durchexerziert wird. Denn auch hier wird sofort klargestellt, wes Geistes Kind jemand sei, der nicht eindeutig für Israel Partei ergreift. Der negiere die historische Schuld, sei deshalb nicht nur als Palästinenserfreund und damit auch gleich Anhänger von blutrünstigen Terrorgruppen zu denunzieren, sondern in enger Umarmung mit Rechtradialen, Holocaust-Leugner und ähnlichem Abschaum.

Dabei ist auch diese Debatte wieder ein Beleg für die Richtigkeit der Analyse von Muschg. Ausgrenzung und Stigmatisierung Andersdenkender, völlige Unfähigkeit zur Selbstrefelexion, weil man unter dem Gewicht der eigenen moralischen Überlegenheit kaum mehr laufen kann. Das sind Denkmuster, die zumindest unter Totalitarismus-Verdacht stehen. Und die absolute Überzeugung der Richtigkeit der eigenen Positionen, der Befähigung, moralisch und ethisch alles abkanzeln zu dürfen und müssen, das diesem Weltbild in der Weltblase nicht passt, das ist nun tatsächlich die road to Auschwitz.

Noch ein Rohner …

Der eine geht (endlich), der andere kommt wieder: Marcel Rohner is back. Leider.

Marcel Ospel ist tot. Und blieb nach dem UBS-Desaster schön in der Versenkung. Basler Fasnacht, gelegentliche Besuche in der Zürcher «Kronenhalle» (wo er nicht ausgebuht, sondern applaudiert wurde), das war’s.

Peter Wuffli, die Pfeife, die 2007 nicht ganz freiwillig als CEO der UBS zurücktreten musste. Vor der Finanzkrise hatte er es bereits geschafft, mit der Pleite des US Hedgefonds Dillon Read ein erstes Zeichen für kommendes Unheil zu setzen. Das natürlich auch nicht Schicksal, sondern zu grossen Teilen bei den beiden Schweizer Grossbanken hausgemacht war.

Dann war etwas Ruhe, schliesslich tauchte er lächelnd als Präsident des VR der Partners Group wieder aus der Versenkung auf. Ach, und 2010 veröffentlichte er das Buch: Liberale Ethik. Orientierungsversuch im Zeitalter der Globalisierung. Unlesbar, ungeniessbar, aber Ethik ist immer gut im Titel.

Auf und nieder mit ewig gleichen Figuren

Peter Kurer, eine weitere Pfeife, hinterliess einen bleibenden Eindruck, weil er immer wieder von «das Schlimmste hinter uns, gut aufgestellt» zu «stehen vor dem Abgrund» wechseln musste. Bis er dann auch ausgewechselt wurde. Längere Ruhephase, dann tauchte er als VR-Präsident des Telecom-Unternehmens Sunrise wieder auf.

Da blamierte er sich ein weiteres Mal, als er ums Verrecken den Ankauf von UPC Schweiz durchstieren wollte. Gegen den Ratschlag aller Fachleute, gegen den Widerstand seiner Grossaktionäre. Das Hallenstadion war schon für die ausserordentliche GV angemietet, alles vorbereitet, als Kurer im letzten Moment auf die Notbremse trat. Es war ihm klargeworden, dass er wohl keine Stimmenmehrheit für dieses geplante Millionengrab bekommen hätte.

Diese Peinlichkeit wollte er sich ersparen, also nix GV. Der ganze Spass dürfte Sunrise rund 120 Millionen Franken gekostet haben. Dann trat Kurer nach verrichteter Tat auch dort zurück, und schliesslich kaufte UPC Sunrise.

Würden Sie diesem Mann eine Bank abkaufen?

Marcel Rohner, der Ziehsohn von seinem Vornamensvetters Ospel, wurde 2007 UBS-Chef. Gut zwei Jahre später war’s das dann, die historischen 60-Milliardenrettung der Bank durch den Bund überlebte er nicht. Es war ihm offenbar nicht gelungen, sich einen Überblick über den wahren Zustand der UBS zu verschaffen.

Wuffli, Rohner, und dann kam Oswald Grübel und räumte auf. Auch Rohner machte auf low profile, wurde VR bei SVP-Giezendanner und bei der UBP, einer der letzten (noch) überlebenden Privatbanken. Über seine Immobilienbude ist er zudem mit 5 Prozent an der «Helvetischen Bank» des SVP-Nationalrats Thomas Matter beteiligt – und sitzt auch dort im VR.

Nun ist Rohner als nächster Präsident der Bankiervereinigung gewählt worden. Das sorgt für leises Rauschen im Blätterwald. Die Zeitung mit dem Regenrohr im Titel macht sich gleich Sorgen: «Trimmt Rohner die Banken auf Anti-EU-Kurs?» Schliesslich sitze er mit SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi in SVP-Matters Bank. Die sind vehement gegen das Rahmenabkommen, die Schweizerische Bankiervereinigung ist dafür. Bislang.

Dann ist noch eine ganz bedeutende Machtfigur fürs Rahmenabkommen. Ringiers Hausgespenst Frank A Meyer. Da weiss der «Blick» natürlich, welche Farbe das Wasser haben muss, das er durch das Rohr auf Rohner giesst.

Laue Lüftchen aus den Medien

Eher unentschieden ist der «Tages-Anzeiger»: «Einst bei der UBS abgesägt, bald an der Spitze des wichtigsten Bankenverbands», titelt er. Der Tagi zeigt einmal mehr: tiefe Kenntnisse und intelligente Analyse, das ist seine Sache nicht. Und die NZZ? Die hat sich schnell festgelegt: «Der finanziell unabhängige, meinungsstarke und liberale Schweizer bringt somit nicht nur viel Sachverstand und eigene Erfahrung aus allen Zweigen der Branche mit.»

Somit hat die NZZ dieser Wahl ihren Segen erteilt; damit dabei nix stört, wird die SVP-Connection von Rohner erst gar nicht erwähnt. Das tut zwar CH Media, aber auch dort wird ein Lobeslied auf den gefallenen, sich dann aber wieder hocharbeitenden Ex-Banker und Immobilienlöwe Rohner gesungen.

Das waren noch Zeiten …

Nur – wie meist – «Inside Paradeplatz»  stört den Jubelchor mit ein paar handfesten und fundierten Hinweisen; so eben darauf, dass Rohner nicht nur im VR von Matters Bank sitzt, sondern auch an ihr beteiligt ist. Was den übrigen Recherchiergenies offenbar entging.

Hinzuzufügen wäre noch, dass die einstmals so mächtige Bankiervereinigung – darin all den gefallenen Starbankern nicht unähnlich – längst an Bedeutung und Grösse verloren hat. Raiffeisen ist bereits ausgetreten, der Spalt zwischen den beiden Grossbanken, den Kantonalbanken und Kleinbanken wird immer grösser, da UBS und CS natürlich ganz andere Interessen haben als beispielsweise eine Regionalbank.

Das Bankgeheimnis muss auch nicht mehr verteidigt werden, weil Rohner, Rohner & Co. dafür gesorgt haben, dass es aufgegeben werden musste. Also ist bei Rohners Wahl überhaupt nicht wichtig, ob er nun die Haltung zum Rahmenvertrag beibehalten wird – oder nicht. Einzig interessant wäre die Frage: Ist er als Totengräber der Vereinigung gewählt worden? Weiss er das? Ist er einfach als Schuldiger ausgeguckt, wenn weitere Bankenverbände austreten werden?

Aber eben, da müsste man ja etwas nachdenken und recherchieren. Also ist das kein Thema in den Medien.

Das waren noch Zeiten …

Ein (vorläufig) letztes Mal Auschwitz

Wenn man ernsthaft über die Frage nachdenkt, ob und wie man das Wort verwenden darf.

Was immer mehr um sich greift: das geliehene Leiden, die geklaute Empörung. Die Stellvertretergefühle, weil innen drin alles aus Plastik ist und stumpf. Es gibt Menschen, die ritzen sich. Um sich zu spüren, um sich wenigstens durch Schmerz zu spüren.

Das ist bedauerlich und man wünscht Heilung. Aber es gibt immer mehr Rumkrakeeler, deren Geist, deren Wissen, deren Fähigkeit zur erkenntnisfördernden Debatte voller Löcher ist. Zerfranst, in Fetzen von ihren unschönen Leibern hängt.

Die sich nur über erfundene, nicht empfundene Leiden mitteilen können. Sich nur als Opfer sehen möchten. Sehr selten von Leiden, das ihnen tatsächlich zugefügt wird. Meistens von Leiden, das sie behändigt haben. Gestohlen. So wie es immer wieder traurige Gestalten gibt, die sich eine jüdische Familiengeschichte mit der Holocaust-Tragödie erfinden.

Das ist auch krank. Schwer heilbar, löst keinerlei Mitgefühl aus. Womit wir mitten im Thema wären. «Tanz den Adolf Hitler», titelte Jahre zurück mal einer in der deutschen taz, der täglichen Ausgabe der WoZ. Provokation, Aufschrei, Ziel erreicht. «Ich liebe den Geruch von frischem Napalm am Morgen», das zweitbeste Zitat aus «Apocalypse now». «Der Führer war ein armes Schwein, er hatte keinen Führerschein.» Darf man das witzig finden?

Wer darf was, und wer entscheidet das?

Durfte Charlie Chaplin «The great Dictator» machen? Er selbst sagte doch, dass er den Film vielleicht nicht gedreht hätte, hätte er um alle Greuel und Verbrechen der Nazis gewusst. Hätte dann auch Lubitsch «To be or not to be» nicht machen dürfen? Gibt es eine Banalität des Bösen, gibt es Worte, die in so dunkle Zonen führen, dass sie gemieden werden sollten? Hat Claude Lanzmann seine gewaltige Dokumentation «Shoa» umsonst gefilmt? Raul Hilberg sein Lebenswerk über die Vernichtung der europäischen Juden vergebens geschrieben? Kogon seinen SS-Staat, wurden alle Braunbücher umsonst verfasst? Das Tagebuch der Anne Frank? «Erfolg» von Feuchtwanger, die wohl präziseste Darstellung der Gesellschaft, aus der die braune Pest entsprang?

Haben sich alle vergeblich geopfert (oder sind geopfert worden), weht nur der Wind über die Gräber der 98-Prozent-Generation? Das ist der Jahrgang sowjetischer Soldaten und Helden, von dem nur zwei Prozent überlebten? Darf eine dumme Kuh wie Simone Meier schreiben, dass die Juden unter Hitler «gecancelt» wurden?

Ja, das darf sie. Unbedingt. Das verstösst gegen kein Gesetz, und das muss der einzige Massstab sein, um Worte zu verbieten. Sie darf sich unsterblich blamieren, lächerlich machen, Abscheu erregen mit ihrer Indolenz und Unfähigkeit zur Selbstreflexion. Sie darf auch entsprechend niedergemacht werden. Das gehört alles zur Debatte in einer freien Gesellschaft.

Wer gefährdet das freie Wort, die Debatte?

Davon gibt es nur kleine Inseln auf der Welt. Einige in Europa. Die USA. Englische Ex-Kolonien, denn dort überlebte Demokratie. In spanischen, portugiesischen oder holländischen wurde sie nicht einmal versucht. Auf diesen Inseln gilt das freie Wort. Noch. Das macht sie so erfolgreich. Deswegen werden sie von finsteren Gottesstaaten so beneidet. Die ihr mittelalterliches Dunkel wieder über Europa bringen wollen.

Mit Terror, Zerstörung und dem Appell an unsere Toleranz. Dass wir ihnen erlauben, ihr Werk zu verrichten und den Tschador des Grauens auch über die Schweiz zu legen. Dabei haben sie dumme Helfershelfer, die Religionsfreiheit krähen, die Toleranz fordern, Respekt auch, keine postkoloniale Arroganz. Das Annehmen, Tolerieren fremder Sitten und Gebräuche. Gut, Klitorisbeschneidung vielleicht nicht, auf jeden Fall nicht in der Schweiz. Aber sonst? Seid umarmt, finstere Gestalten des Mittelalters.

Wer solchen Brei im Hirn hat, spielt sich auch gerne als Grossinquisitor in vermeintlich eigener Sache auf. Gibt es etwas Lächerlicheres als weisse, verwöhnte Kids, deren grösste Erfahrung von Diskriminierung darin bestand, dass sie einmal nicht sofort das neue iPhone kaufen konnten? Gibt es etwas Lachhafteres, als wenn die niederknien, schuldbeladen das Haupt beugen und «Black Lives matter» grölen? Gestohlenes Leiden, unterfüttert mit einer erfundenen Geschichte der Beteiligung am Sklavenhandel der Schweiz.

Das ist ekelerregend. Die Gleichen, Arm in Arm mit vielen anderen, hören das Wort Auschwitz. Wie pavlovsche Hunde fangen sie an zu sabbern, zu winseln, zu bellen. Anlass, Umfeld, Zusammenhang, Absicht? Völlig egal, viel zu kompliziert. Der Autor des Wortes ist weder als rechtsradikaler Flachdenker, noch als skrupelloser Haudrauf bekannt? Na und? Der Autor hat mehr Kultur und Kenntnisse unter seinem linken Fingernagel als die meisten dieser Schreihälse im Kopf? Na und?

Glocke, Fresschen, sabber. So einfach muss das sein. Adolf Muschg, Vergleich mit Auschwitz, laber. Dem aufdringlichen Hund wird mit einem «pfui» begegnet. Ebenso dem Verwender des Wortes Auschwitz.

Die Kritik an der Ausgrenzung ist berechtigt

Wobei sich seine Kritiker nicht mal einig sind, ob man dieses Wort überhaupt nicht verwenden sollte, immer als Symbol für eine unvorstellbare Steigerung des Grauens, oder nur nicht als Vergleich zu irgendwas. Die Killing Fields der Roten Khmer in Kambodscha? Kein Auschwitz. Stalins Gulags? Kein Auschwitz. Die Massaker in Afrika der Kolonialherren? Kein Auschwitz. Die weitgehende Ausrottung der Urbevölkerung in Nord- und Südamerika? Kein Auschwitz.

Die völlig berechtigte, analytisch hergeleitete Kritik an der Abstemplung, Ausgrenzung durch diese fanatischen Rechthaber, im Besitz der Wahrheit und der Entscheidungskompetenz? Verbunden mit dem Wort Auschwitz? Niemals. Da sind diese Schreihälse sogar zu blöd, um zu merken, dass sie sich genauso verhalten, wie Muschg zu Recht kritisiert. Selten ist eine philosophische Betrachtung so direkt und brutal in der Realität bestätigt worden.

Die Gesinnungs-Guillotine

Ein unbedachter Satz genügt heutzutage. Mangels Kopf ab folgt die soziale Hinrichtung.

Es ist ein Beispiel aus Deutschland, das sich in der Schweiz jederzeit wiederholen kann. Da gibt es den Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann. Dessen aktive Karriere ist längst beendet; wie viele andere auch erwarb er die Trainerlizenz und tritt als Experte am TV auf.

Trat. Es ist bekannt, dass Fussballspieler, dazu gehört auch der Torwart, nicht zwischen der Weiterentwicklung der Quantenphysik oder dem Balltreten geschwankt haben. Kopfballduelle oder das mutige Hineinhechten gegen den anstürmenden Stürmer, das hinterlässt Spuren.

Gerade Lehmann war bekannt dafür, dass er prima Paraden immer mal wieder mit schweren Fehlern würzte. So einer ist ihm gerade wieder passiert, allerdings nicht im Tor oder als Trainer. Sondern auf WhatsApp. Da haute Lehmann ohne Rücksicht auf Verluste raus:

«Ist Dennis eigentlich euer qotenschwarzer?»

Damit beleidigte er seinen Kollegen und Experten beim TV-Sender Sky, Dennis Aogo. Damit nicht genug, diese Blutgrätsche schickte er auch noch versehentlich an Aogo. Volldepp, Eigentor. Aogo liess das nicht ungenützt verstreichen und veröffentlichte die Nachricht an ihn. Sauber versenkter Treffer, wenn auch aufgelegt.

Das war der Anfang vom Ende

Allerdings hagelte es dann nur so in Lehmanns Tor hinein, wobei natürlich dieser Tor selber dran schuld ist.  Schliesslich versuchte er noch verzweifelt, zu retten, was heutzutage nicht mehr zu retten ist:

«In einer privaten Nachricht von meinem Handy an Dennis Aogo ist ein Eindruck entstanden für den ich mich im Gespräch mit Dennis entschuldigt habe. Als ehemaliger Nationalspieler ist er sehr fachkundig und hat eine tolle Präsenz und bringt bei Sky Quote.»

Etwas spät für heutige Geschwindigkeit, aber immerhin. Sich zuerst persönlich entschuldigt, dann die Entschuldigung veröffentlicht. Samt Lobeslied auf den «Quotenneger». Aber das Urteil war natürlich längst gefällt. Rassistische Nachricht, da gibt es kein Pardon mehr.

Wenn das Internet hetzt, dann heucheln die Chefs. Wer schon mal dabei war, wie abschätzig in Redaktionskonferenzen über jeden und alles gesprochen wird; gibt es eine Überschwemmungskatastrophe in Afrika, sagt sofort einer: oh je, nicht schon wieder Neger mit ihren Füssen im Wasser. So ist halt der Talk, um möglichst abgebrüht rüberzukommen.

Ausgeladen, gefeuert, persona non grata

Aber hier bei Lehmann? Den rettet nichts mehr. Sky hat sich sofort von ihm distanziert, wird nicht mehr eingeladen. Seinen Job im Aufsichtsrat von Herta BSC Berlin ist er auch los. Das habe der Hauptinvestor des Fussballclubs so verlangt. Dabei handelt es sich um den Bankrotteur und mehrfach gescheiterten Unternehmer Lars Windhorst. Vorbestraft wegen Veruntreuung im Zusammenhang mit seiner Privatinsolvenz.

Alles vergeben und vergessen, Windhorst hat ja nur diverse Investoren um ihr Geld gebracht und es veruntreut. Das gibt ihm natürlich die moralische Autorität, sich vom «Rassisten» Lehmann eiskalt zu distanzieren.

Einmal «Quotenneger» geschrieben und dann noch blöderweise direkt an den geschickt. Natürlich hat es Lehmann dafür verdient, kräftig abgewatscht zu werden. Wegen der Verwendung dieses Ausdrucks, wegen der völligen Umnachtung, das an den «Quotenneger» abzuschicken.

Aber was macht Lehmann nun? Ohne Auftritte, ohne Posten, geächtet. Für lange Zeit wird an ihm hängenbleiben: Lehmann? Lehmann? Das war doch der mit dem «Quotenneger». Resozialisierung, Nachsicht, Vergebung? Bei einem kriminellen Bankrotteur ja. Der hat wenigstens nicht öffentlich das N-Wort verwendet.

Und was sagt eigentlich der so Beschimpfte? Der hat inzwischen ähnliche Probleme. Denn Aogo sagte doch tatsächlich auf Sky «trainieren bis zum Vergasen». Hui: «Dieses Wort darf man selbstverständlich in überhaupt keinem Zusammenhang verwenden», kroch er in der «Bild»-Zeitung, dem Organ der gehobenen Moral, zu Kreuze,

«das war ein großer Fehler, ich kann mich dafür nur aufrichtig entschuldigen».

Ein solches Eigentor kann inzwischen auch in der Schweiz jederzeit passieren. Ob Quotenneger, vergasen oder Auschwitz: die Liste der verbotenen Wörter wird täglich länger.