«Die Texte wurden sogar schon auf Beerdigungen als Nachruf verlesen»

Gudrun Sachse über ihre 15 Jahre als Macherin der Folio-Rubrik «Wer wohnt da»?

«Wer wohnt da» ist seit 2005 eine der heissgeliebten Merkmale des NZZ Folio. Die unter Gudrun Sachse erstmals erschienene Serie bietet feinfühlige Einblicke in Wohn- und Lebenswelten. Und den Kick, dass man als Leser selber mitraten kann, wer die Bewohner der vorgestellten vier Wände sind. Auch nach dem Redesign und dem Wechsel auf die Erscheinungsweise nur noch alle zwei Monate wurde an «Wer wohnt da» nicht viel geändert. Hinter der Erfolgsstory steht mit Gudrun Sachse eine 48-jährige Journalistin und Autorin, die Bücher publiziert, Reportagen schreibt und am MAZ die Kunst des Interviews lehrt. Im Gespräch mit ZACKBUM.ch geht es um blaue «OP»-Überschuhe, das Gegenlesen und  den inneren Zensor.

Gudrun Sachse, die Serie «Wer wohnt da» hat seit 2005 alle Folio-Neuerungen und Sparrunden überlebt. Warum ist die Rubrik so erfolgreich?
Bei Fremden ins Wohnzimmer zu schauen, ist per se spannend – wer kennt das nicht, wenn man abends durch die Strassen geht und Licht in den Wohnungen brennt, man einen Blick wagt und sich denkt: krass. Zur Befriedigung der Neugier kommt eine weitere Dimension, indem eine Psychoanalytikerin und ein Designer ihre Einschätzung abliefern. Sehen Fachleute dasselbe wie ich? Wie würden die aufgrund ihrer Einschätzung wohl mein Daheim beurteilen?

Seit 15 Jahren eine Erfolgsstory im Folio. Gudrun Sachses Rubrik.

Hatten Sie die Idee für die originelle Serie oder wie kamen Sie darauf?
Als ich 2005 beim Folio als Redaktorin begann, stellte sich die Frage nach einer Rubrik, die die Rubrik «Menschen und Räumen» meiner Vorgängerin und Folio Mitbegründerin Lilli Binzegger ersetzen sollte. Ich habe unter anderem Architekturgeschichte studiert, mag Architektur und die menschliche Psyche und so kam eins zum andern: ich gebar «wer wohnt da?». Und es läuft und läuft. Wenn das so weitergeht, werden diese drei Worte vermutlich auch mal auf meinem Grabstein stehen.

Können Sie abschalten oder «müssen» Sie bei jeder Einladung den inneren Scan laufen lassen?
Ich bin entspannt. Es ist immer ein langes, angenehmes Gespräch und meist merken die Bewohner nach kurzer Zeit gar nicht, dass ich beruflich dort bin. Durch diese Stimmung ist es möglich, ein persönliches Gespräch zu führen. Es ist immer wieder überraschend, wie rasch Fremde Vertrautes / Intimes offenbaren. Nach all den Jahren habe ich einen inneren Zensor, der weiss – warum mir jemand etwas erzählt und was ich davon auch wirklich weitergeben möchte. Jemanden der Unterhaltung zuliebe blosszustellen, ist der Rubrik nicht würdig. Die Leute sind beim Gegenlesen oft derart berührt von ihrem eigenen Leben, dass sie den Text als Resümee ihres Lebens sehen. Die Texte wurden sogar schon auf Beerdigungen als Nachruf verlesen.

Vor dem Redesign des Folio war die Rubrik grosszügiger gestaltet.

Erzählen Sie mal, welches war das lustigste, komischste, ärgerlichste Erlebnis in «fremden» Wohnungen?
Ungewohnt war es (lange Jahre vor Corona), als mich ein Bewohner blaue OP-Überschuhe anziehen liess. Es war eine etwas gruselige Stimmung. Und dann wollte er abends auch noch mit mir Essen gehen. Seither habe ich immer darauf geachtet, dass jemand mitbekommt, wo ich gerade eine Wohnung aufsuche. Es gab Bewohner, die tagelang durchgeputzt haben, bevor ich kam – obwohl ich immer darauf hinweise, dass ich den authentischen Stil in der Rubrik sehr schätze. Aber die wenigsten Menschen wollen ihre Socken über der Stuhllehne in Hochglanz sehen. Warmherzig wurde ich bei einer Bäckersfamilie empfangen, wo mir noch Gebäck für die ganze Familie mitgegeben wurde – bei anderen gibt’s nicht mal ein Glas Wasser – meist bei denen, die sich das durchaus leisten könnten.
Wie kommen Sie jeweils auf die Fallbeispiele?
Zu Beginn habe ich den Bekanntenkreis abgeklappert, bis die Rubrik ein wenig Bekanntheit erlangt hatte. Manchmal spaziere ich zufällig an Häusern vorbei, die mich interessieren und dann läute ich. Wenn ich Glück habe, kennen sie die Rubrik, das macht es einfacher. Einmal sagte einer: aber er bezahle nichts dafür. Ab und zu spreche ich auch Leute auf der Strasse an, kürzlich eine Frau an der Tankstelle, die einen riesigen Plüschtiger auf dem Rücksitz hatte. Da erwartet man schon ein besonderes Daheim – und so war es dann auch. Oder es ergibt sich etwas ganz spontan bei einer Recherche zu einem anderen Thema. Oder ich suche im Internet: nach einem Igelretter. Einem Alleinunterhalter. Ganz normalen Menschen mit Nöten und Freuden eben, die ich gern mal ans Licht holen möchte. Selten werde ich auch angefragt. Jeder Besuch ist einzigartig. Die Rubrik macht echt Spass. Nicht nur zu lesen – auch zu schreiben.

Dürfen die Portraitierten die Texte gegenlesen?
Ja. Der Porträtierte muss schliesslich damit leben.

Gibt es da nie Stunk?
In all den Jahren kam es zwei Mal vor, dass wer den Text umgeschrieben hat. Schulaufsatzmässig. Das ist wie ein Herzstillstand. Es wird dann geredet und erklärt und wieder umgeschrieben. Seither habe ich immer einen Ersatz-Bewohner parat.

Wie hoch ist eigentlich das Budget pro Artikel? Der Aufwand ist mit dem Besuch, Profifotos, den Urteile der Psychologen und Innenarchitekten, sowie Ihrem Beitrag unzeitgemäss hoch.
An der Rubrik sind vier Fachleute beteiligt. In der heutigen Zeit ein Luxus. Noch dazu werden alle entlöhnt – und meines Erachtens sogar fair, was in der Branche leider immer seltener der Fall ist. In meinem Part stecken viele, viele Tage Arbeit.

Sie haben ja 2012 ein Buch mit den «Best of-Portraits» herausgegeben. Ist ein weiteres Werk geplant?
Nein. Aber schön wäre es, zumal der erste Band vergriffen ist. Fehlt nur noch ein Sponsor.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Kurt W. Zimmermann: «Zackbum ist zu destruktiv»

Kurt W. Zimmermann nervt sich an der Hysterie

In den Fluren der Schweizer Verlage läuft der Sensemann. Jetzt geht es nicht mehr um Stellenstreichungen. Die Schweizer Illustrierte wird zersägt, CNN Money Switzerland ist gekillt und sogar der frühere Golden Boy «20 Minuten» soll auf das Schafott gelegt werden. Herr, im Himmel, womit haben wir das verdient? Die Frage geht an Kurt W. Zimmermann.

Zackbum: Herr Zimmermann: froh, nicht mehr 25 zu sein?

Kurt W. Zimmermann: Nein. Ich wäre gerne wieder 25. Es war exakt das Alter, als ich erstmals einen Vertrag als fest besoldeter Redaktor bekommen habe, bei der «Weltwoche» unter Hans. O. Staub. Journalismus hat wie damals auch heute eine hübsche Zukunft.

Was erleben wir momentan in der Medienszene?

Viel Hysterie und viel Apokalypse. Das ist überspannt. Von unseren vier grossen Verlagen TX Group, Ringier, CH Media und NZZ hat im ersten Halbjahr 2020 kein einziger einen operativen Verlust gemacht. Nein, sie haben in dieser Zeit zusammen über 70 Millionen an operativem Gewinn eingefahren. Ende Jahr wird es vermutlich das Doppelte sein. 140 Millionen Jahresgewinn mitten in der Corona-Krise – das hätte ich denen nicht zugetraut. Unsere Branche ist ganz gut in Form.

Ist das jetzt nicht etwas gar rosig dargestellt?

Die Zahlen zählen, und die sind besser als erwartet. Aber ich verstehe, warum derzeit alle lieber am Schwarzmalen sind. Von linken Online-Portalen wie der Republik bis zu bürgerlichen Verlagen wie CH Media sind nun alle scharf auf die lockenden Subventionen des Bundes. Wenn Du an die Staatskohle heranwillst, musst Du heulen und zähneklappern. Sonst wird das nichts mit der staatlichen Errettung aus dem Elend.

Welche Weichen hätten denn die Verlage vor der Jahrtausendwende stellen müssen?

Hinterher ist jeder schlau. Aber unsere Zeitungsverlage hätten schneller erkennen müssen, dass ihre früheren Goldgruben der Kleinanzeigen ins Internet abwandern. Hätten sie damals mehr in diese neuen, digitalen Handelsformen investiert, vielleicht auch international, dann stünden sie heute noch besser da. Leider realisierten sie das erst mit zehn Jahren Verspätung.

Was nervt Sie mehr: das Jammern der Medienleute oder all die neuen Geschäftsideen?

Jammern ist in unserem Gewerbe eine folkloristische Tradition. Als ich ums Jahr 2000 bei Tamedia war, haben auch alle gejammert, obwohl wir damals mit dem Geld, von den Redaktionen bis zu den Spesen, nur so um uns geworfen haben. Und neue Geschäftsideen gibt es in unserer Branche praktisch keine. Wir haben ja nur eine einzige Geschäftsidee. Wir kommen zu Geld, indem wir brauchbare Informationen an ein Publikum liefern. Alles andere sind Variationen davon.

Welche Medientitel wird es auch in 20 Jahren geben?

Vermutlich gibt es dieselben Angebote, die es vor 20 Jahren schon gab. Das sind die traditionellen Tageszeitungen und Gratisblätter, die bewährten Zeitschriften und die etablierten TV- und Radiokanäle. Wahrscheinlich erscheinen manche Titel nicht mehr gedruckt sondern nur noch online. Aber bei den grandiosen Endgeräten, die wir im Jahr 2040 nutzen werden, wird das kein grosser Unterschied mehr sein.

Und welche nicht?

Wie immer wird Kokolores verschwinden. Es sind ja seit Jahrzehnten, ausser bei Fusionen, kaum je gut eingeführten Medienmarken aus dem Markt verschwunden. Ausnahme ist die sozialdemokratische Presse, die von ihrer Partei ruiniert wurde. Verschwunden sind immer nur diese Eintagsfliegen, die auf einen scheinbaren Trend oder Zeitgeist aufspringen wollten. Ein gutes Beispiel ist etwa das nun eingestellte SI Style, das ein paar Jahre auf der Lifestyle-Welle surfen wollte, bis die Welle versandete. Oder nehmen Sie die Totgeburt CNN Money. Die Besitzer waren zwei Brüder aus der Baubranche in Bangladesch, die von der Polizei gesucht werden und die das Finanz-Fernsehen in der Schweiz erfinden wollten. Dass solch kurzsichtige Setups mittelfristig schief gehen, ist auch in Zukunft die Regel in unserem Geschäft.

Und was machen wir von Zackbum falsch?

Ich glaube, Zackbum ist zu destruktiv. Wenn ich Euch lese, dann besteht die überwiegende Mehrheit in den Medienhäusern aus Deppen, Nieten, Gaunern und Versagern. Ein solcher Ansatz ist kaum marktfähig. Ich würde diese Strategie überdenken. Denn schreiben, keine Frage, das könnt Ihr.

 

„Der Grundsatz des Gegenlesens ist wichtig“

Was einen erfahrener Mediensprecher an der Journalistenzunft gefällt, was ihn nervt und warum er das Gegenlesen sinnvoll findet.

Pio Sulzer*, Sie sind seit fast 19 Jahren Mediensprecher in der Stadtverwaltung Zürich. Was ist Ihnen lieber: agieren oder reagieren?

Um gut dazustehen, müsste ich jetzt behaupten, dass ich selbstverständlich viel, viel lieber agiere. Aber wenn ich in mich hineinhorche, dann finde ich es spannender, wenn etwas Überraschendes eintritt und eine Reaktion mit schnellem Denken, kühlem Kopf, konzentriertem Handeln und intensivem Teamwork gefragt ist. Da steckt wohl immer noch der Radiomann in mir.

Was war Ihre bisher kommunikativ heikelste Situation bei der Stadt Zürich?

Sobald ein einzelner Mensch in den Fokus rückt, ist der kommunikative Weg mit Fallstricken ausgelegt. Das war so, als Stadträtin Ruth Genner (Grüne) Anfang 2013 erkrankte oder als der damalige ERZ-Direktor Urs Pauli im Jahr 2017 entlassen wurde. Bei persönlichen Angelegenheiten gleichzeitig transparent zu sein und respektvoll zu bleiben, ist heikel.

Und Ihr Highlight?

Die Bepflanzungsaktion auf dem Münsterhof im Sommer 2019 war eine Wohltat. Bevölkerung, Politik und Medien waren so gut wie ausnahmslos begeistert, die positiven Kommentare auf Facebook nahmen lange kein Ende. Obwohl ich Kontroversen bevorzuge, war diese fast einhellige Freude eine schöne Abwechslung.

Wie sieht Ihr Wunschprofil an einen Journalisten aus?

Die ideale Journalistin geht vorurteilsfrei an ein Thema heran. Sie arbeitet in einem Team, in dem Anfänger auf alte Häsinnen zählen können. Und sie bekommt von ihrem Medienhaus genügend Zeit und Wertschätzung für ihre Arbeit. Ausserdem hat mein Wunsch-Journalist den Ehrgeiz, gutes Deutsch zu verwenden.

Und das Horrorprofil?

Jemand, der nicht wissen will, was ist. Oder noch schlimmer: Der es weiss, aber trotzdem etwas anderes erzählt.

Wie hat sich der Durchschnittsjournalist während Ihrer Tätigkeit bei der Stadt verändert?

Er hat weniger Zeit für seine Recherchen.

Sind Onlinemedien ein Fluch oder ein Segen für Sie?

Ein Segen. Online-Journalismus sehe ich als Bereicherung. Natürlich stellen sich spezifische Probleme, aber das ist bei jedem Medium so.

Was sind das für spezifische Probleme?

Die Kostenwahrheit ist noch nicht hergestellt, und der befriedigende Umgang mit unzutreffenden und hetzerischen Behauptungen in den Foren ist auch noch nicht gefunden.

Was nervt Sie am meisten an Journalisten?

Die Kombination von Ahnungslosigkeit und Überheblichkeit ist äusserst unangenehm. Das findet sich zum Glück selten.

Wie gross ist die Freude, wenn Ihre Medienmitteilungen 1:1 abgedruckt wurden?

Die Freude ist gering. Unsere Medienmitteilungen sollten Ausgangspunkte für Recherchen, Reportagen oder Kommentare sein, nicht Fertignahrung.

Wie finden Sie das ungeschriebene Gesetz in der Schweizer Medienszene, dass Interviews, aber auch Statements inkl. Kontext gegengelesen werden?

Dieser Grundsatz ist wichtig. Durch die Verschriftlichung, die Übersetzung ins Hochdeutsche und die Kürzungen, die die Redaktion vornehmen muss, können Aussagen verfälscht werden. Das braucht nicht mal absichtlich zu geschehen. Deshalb ist es ganz einfach fair, dass Interviewte die Zitate und deren Einbettung gegebenenfalls korrigieren können. Im Gegenzug darf das Gegenlesen nicht dazu führen, dass die ursprünglichen Aussagen zu blutleerem Image-Gewäsch degenerieren.

Sie waren vorher Journalist, zum Beispiel beim damaligen Radio Z. Was sind für Sie die grössten Unterschiede zwischen den beiden Gebieten?

Heute arbeite ich in einer komplexeren Struktur und muss wesentlich mehr Gesetze und Regeln beachten als damals, auch was die Ausdrucksweise anbelangt. Zudem konnte ich als Redaktor persönliche Kommentare abgeben, das ist in meiner heutigen Funktion tabu. Dieses Interview mit Ihnen ist eine Ausnahme, da ich hier für mich selber spreche, nicht für die Stadt.

Wie finden Sie es, dass beim ZHAW-Studium der Kommunikation die Grundausbildung in PR und Journalismus gemeinsam stattfindet?

Da bin ich unschlüssig. Beide Berufsfelder sind wichtig und haben Schnittmengen wie Wahrheit, Exaktheit, verständliche und korrekte Sprache sowie eine ansprechende Aufbereitung von Informationen. Deshalb ist eine gemeinsame Vermittlung der Grundlagen wohl vertretbar. Trotzdem möchte ich als Staatsbürger, der ich ja auch bin, die beiden Berufsfelder lieber weniger als mehr vermischen. Behördenkommunikation ist nochmals etwas anderes. Staatliche Stellen sollten zurückhaltend mit PR sein.

Haben Sie noch eine Bitte an die Journalisten, die Sie via ZACKBUM.ch veröffentlicht haben möchten?

Journalistinnen und Journalisten sind keine homogene Gruppe. Deshalb kann ich keine Bitte an den ganzen Berufsstand äussern. Stereotype sind mir ein Gräuel.

*) Pio Sulzer (57) leitet seit 2001 die Medienstelle des Tiefbau- und Entsorgungsdepartementes der Stadt Zürich. Seine bisherigen Chefs waren Kathrin Martelli (FDP), Martin Waser (SP), Ruth Genner (Grüne), Filippo Leutenegger (FDP) und aktuell Richard Wolff (AL).

 

Karl Lüönd (Copyright: Christian Lanz)

Karl Lüönd: „Zackbum ist ein fürchterlicher Name“

Der Doyen des Journalismus sieht nicht alles schwarz. Vor allem Fachzeitschriften hätten eine Zukunft, da der Streuverlust gering ist. Aber: Ohne Fachkompetenz funktioniert ist es nicht. Im Gespräch mit einem der letzten grossen Journalisten.

Karl Lüönd, Sie haben die Spezialzeitschrift «Jagd & Natur» gegründet und geleitet: Wie erlegt man am besten einen Hirsch?

Den Hirsch muss man ersitzen, nicht erlaufen. Stundenlang warten, bis er kommt; dann genau prüfen, ob er den Vorschriften entspricht, und abdrücken, wenn er breit steht.

Die Tätigkeit für eine Fachzeitschrift setzt Fachkenntnis voraus. Ist das so?

Sicher. Erfolgreiche Macher von Fach- und Spezialzeitschriften sind in ihrem Bereich sattelfest, zugleich sollen sie journalistische Reflexe haben und mit dem Besteck des Blattmachers umgehen können.

Angenommen, damals hätten sich auf ein Inserat nur ein Jäger und ein Journalist beworben. Beide gleich sympathisch – wer hätte bei Ihnen mehr Chancen gehabt?

Sympathie hat bei meinen Personalentscheiden immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Im Zweifel habe ich mich häufig für Kandidatinnen oder Kandidaten entschieden, die neben der Kernkompetenz noch auf einem zweiten, dritten Gebiet qualifiziert waren.

Man hat den Eindruck, den Fachzeitschriften gehe es besser als den übrigen gedruckten Medien. Stimmt das?

Wir sollten unterscheiden zwischen Fachzeitschriften – für beruflichen Gebrauch und wirtschaftliche Sparten – und Spezialzeitschriften – grob gesagt: für Hobbies aller Art. Unter diesen Oberbegriffen sehen wir in der Schweiz über 2500 Titel. Es gibt für diese Gattung kaum verlässliches Zahlenmaterial. Wir haben es mit einem ganzen Höhlensystem von Marktnischen zu tun. Einen generellen Trend für alle abzuleiten wäre mir bei dieser Datenlage zu gewagt. Was man aber sicher sagen kann, ist: Die Entwicklungen verlaufen in diesem Bereich weniger dramatisch als in den exponierteren Bereichen der gedruckten Medien. Dies vor allem, weil die meisten Titel weniger an Inserenten abhängig sind als zum Beispiel Tageszeitungen und weil viele Inserenten die Fach- und Spezialzeitschriften brauchen, um ihr Zielpublikum mit möglichst wenig Streuverlusten zu erreichen.

Haben Sie ein konkretes Erfolgsbeispiel?

Tatsächlich gibt es erstaunlicherweise immer wieder Platz für neue Nischen. Das wohl prominenteste Erfolgsbeispiel ist die «Landliebe» von Ringier, der die uralten Ratgeber-Themen Kochen, Wohnen, Einrichten, Basteln, Handarbeit usw. unter einer zeitgeistig genialen neuen Dachmarke versammelt und mit schöner Sinnlichkeit abhandelt.

Die Tageszeitungen haben in den letzten Jahren manche Spezialinteressen (Reisen, Auto, Wissenschaft etc.) entweder abgebaut oder an andere ausgelagert. Ein Fehler?

Manche sind halt in einer verzweifelten Lage und haben keine andere Wahl. Sie müssen inhaltlich abbauen und zugleich von den Leserinnen und Lesern immer mehr Geld verlangen, weil die Anzeigenerträge fehlen. Noch schlimmer als den Abbau finde ich den faktischen Verkauf dieser redaktionellen Inhalte. Eine direkte negative Rückkoppelung dieses Abbaus auf die Fach- und Spezialzeitschriften sehe ich nicht.

Laut WEMF-Zahlen haben 2019 auch die Fachzeitschriften in der Auflage abgegeben. Warum trifft’s nun auch diese?

Weil immer mehr Firmen ihre Marketingkommunikation umstellen, d.h. digitalisieren. Was die WEMF nicht erfasst hat, sind die Nutzerzahlen und Einkünfte aus den vielen kleinen, zum Teil tagesaktuellen digitalen Angeboten, die manche Fach- und Spezialtitel aufgebaut haben, und aus den mannigfachen Nebengeschäften, die manche Anbieter im Fach- und Spezialbereich erfolgreich betreiben. Hier werden nach wie vor gute Geschäftsfelder bespielt, ja, sogar mit Stellenanzeigen, aber auch mit allen erdenklichen anderen Angeboten: Kursen, Ferien, Reisen, Produkten.

Wie sehen Sie den heutigen Journalismus im Vergleich zu einige Jahrzehnte zurück?

Auch kleine Objekte sind vom Einprodukte-Unternehmen Zeitschrift zu Gemischtwarenläden geworden. Sie bieten Internet-Portale, Podcasts, Apps, Bücher, Sonderhefte an sowie viele nahe beim Fachbereich angesiedelte Produkte und Dienstleistungen. Journalisten und Verleger, die in diesem Umfeld bestehen wollen, müssen bereit sein, immer Neues auszuprobieren und gnadenlos wegzuwerfen, was nicht funktioniert («Kill your darlings!») Marktforschung gibt es nur im Massstab 1:1 auf dem Markt und vor den Augen der Konkurrenz.

Was halten Sie von der Kompetenz heutiger Journalisten?

Ich liebe solche zur Verallgemeinerung verführende Fragen nicht. Zur Kompetenz gehören auf alle Fälle Begeisterung für sein Spezialgebiet, Neugier und eine hohe Frustrationstoleranz.

Wird man ein Modell finden, mit dem man Internet-Auftritte finanziell lukrativ macht?

Viele haben es schon gefunden, aber sie hängen es nicht an die grosse Glocke, und, wie gesagt: Die Branchenstatistik ist in diesem Bereich besonders schwach. Auf der Suche nach Ideen würde ich mich mal intensiv im internationalen Markt der wissenschaftlichen Zeitschriften umschauen, zum Beispiel bei der RELX-Group (früher Reed Elsevier).

Welche Chancen geben Sie Zackbum.ch?

Da sich unsere Branche gern mit sich selbst beschäftigt, wird es an Beachtung nicht fehlen. Aber davon leben wird man wohl nicht können. Mich freut, dass die bisher gezeigte inhaltliche Qualität bedeutend besser ist als der Name, den ich fürchterlich finde.

Zur Person: Karl Lüönd (geb. 1945) hat nach einer bewegten Karriere als Journalist, Chefredaktor und Verleger («Blick», «Züri Leu», «Züri Woche») auch Spezialzeitschriften gegründet (z.B. «Jagd & Natur») und etwa ein halbes Dutzend Fach- und Spezialzeitschriftenverlage z.T. über Jahre hinweg als Berater und Coach begleitet. Heute beschäftigt er sich vor allem mit Sachbüchern zu wirtschaftshistorischen Themen. Im Schweizer Bibliothekskatalog (www.nebis.ch) sind unter seinem Namen ca. 60 Buchtitel in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Chinesisch verzeichnet.