Tschanuns Auferstehung

Es gibt wenige Bluttaten, die so in Erinnerung bleiben wie der Amoklauf von Günther Tschanun.

Es geschah am helllichten Tag und am 16. April 1986. Als wären wir in den USA, lief Günther Tschanun durch das Zürcher Amtshaus IV und erschoss gezielt vier seiner Mitarbeiter. Einen fünften verletzte er schwer.

Nach kurzer Flucht wurde er verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Wegen guter Führung kam er im Jahr 2000 frei. Spätestens hier verlor sich seine Spur, bis die Journalistin Michèle Binswanger sich Einsicht in die Fallakten erzwang. In einer grossen Story zeichnete sie das Leben, die Bluttat, den Gefängnisaufenthalt und schliesslich das Leben unter Pseudonym im Tessin nach. Im Februar 2015 beendete ein Velounfall Tschanuns Leben. 

Natürlich beschäftigt alle bis heute, wie es zu einer solchen Bluttat kommen konnte. Die in der Schweiz eher singulär dasteht. Vergleichbar: Im Juli 2004 verletzte ein Kadermitglied der ZKB in der Filiale Enge durch Schüsse zwei Vorgesetzte so schwer, dass sie anschliessend im Spital verstarben, Dann richtete er sich selbst.

Es war ebenfalls – wie im Fall Tschanun – mehr eine Abrechnung als eine Amoktat. Denn in einer Sitzung, in der auch andere anwesend waren, zückte der Finanzberater plötzlich eine Pistole und schoss zwei Vorgesetzten in den Kopf. Daraufhin flüchtete er in sein Büro einen Stock höher und erschoss sich selbst.

2018 macht der Amoklauf eines offensichtlich geistig Verwirrten Schlagzeilen, der zuerst einen ehemaligen Freund mit einem Messer grausam ermordet und danach in einer Moschee drei dort betende Menschen schwer verletzt hatte. Schliesslich richtet auch er sich selbst.

Der fundamentalistische Terror übertrifft alles Vorherige

Der Amoklauf im Zuger Parlament, bei dem 14 Menschen erschossen werden und 10 weitere verletzt: Das war der grösste Blutzoll durch einen Einzeltäter bis heute. Auch hier richtet sich der Mörder anschliessend selbst. Glücklicherweise ist die Schweiz vom Ausmass und der hohen Frequenz solcher Amokläufe, wie sie in den USA üblich ist, bislang verschont geblieben.

Durch den islamistischen Terrorismus sind solche Blutbäder leider in Europa keine Seltenheit mehr. Aber Tschanun war nicht geistesgestört, kein fanatischer Terrorist. Er war offensichtlich von seiner Tätigkeit überfordert, damals kannte man den Begriff Burn-out noch nicht. Ebenso wenig die Symptome, die auf ein mögliches Ausrasten hinweisen könnten.

Damit ist Binswanger ein Primeur gelungen, rechtzeitig zum Jahrestag der Bluttat, der im Journalismus weiterhin eine grosse Bedeutung geniesst. Besonders bitter ist das für die Angehörigen der Todesopfer, die dadurch diese Schreckenszeit nochmal durchleben.

Aber richtig bitter ist es auch für den «Blick». Sein unermüdlicher Gerichtsreporter Viktor Dammann war schon damals dabei und darf auf «Blick tv» seine Artikel über den Prozess in die Kamera halten. «17 Jahre! Aber Tschanun blieb eiskalt», lautete einer seiner Titel. Das waren noch richtig schöne Boulevard-Zeiten. Und nun das. Man konzentrierte sich auf Pipifax wie ein neues, verunglücktes Logo, währenddessen zog Tamedia am «Blick» vorbei, und zwar vom Gröberen.

Der dienstälteste Profi und Gerichtsreporter Viktor Dammann.

Das konnte «Blick», mit oder ohne Regenrohr im Logo, nicht auf sich sitzen lassen. Also ballerte er gleich einen Strauss von Artikeln raus. «So gut lebte Tschanun», «so erhielt der Vierfachmörder eine neue Identität», «so starb der Vierfachmörder», dann ging «Blick» das «So» aus: «Hier ruht Vierfachmörder Günther Tschanun».

So lange Schlagzeilen wären damals undenkbar gewesen, im Bereich der grossen Buchstaben. Aber das alles nennt man im gepflegten Boulevard-Journalismus «Rehash». Also Bekanntes neu gewürzt, leicht ergänzt, gut gemixt – und nochmal serviert. Aber wo bleibt das Neue, wo bleibt die Story, zu der man mal wieder «Exklusiv» schreiben kann, sich auf die Schulter klopfen?

Endlich ein Durchbruch; Donghi kann sagen: ich bin dabei

Da kann es heute beim «Blick» nur einen geben: Ralph Donghi. Eine der letzten richtigen Boulevardgurgeln, hier im Duett mit Daniel Riedel. Der machte sich auf die Suche, schnüffelte und schüttelte und kam endlich mit der Story nach Hause. Er konnte mit dem Sohn der damaligen Freundin von Tschanun sprechen.

Donghi kann sein Glück kaum fassen. «Geliebte verriet Vierfachmörder bei der Polizei», «sie waren schon vor der Tat ein Paar», «Sohn von Clara F. packt aus». Allgemeines Aufatmen beim «Blick» . Auch beim Oberchef Christian Dorer, der gerade von seinem Reisli mit Aussenminsiter Cassis zurück ist. Nach seinen Schulaufsätzen darüber – furchtbar heiss hier – wunderte sich Dorer sicher über die Schweizer Temperaturen.

Aber nach dieser Story wurde ihm wieder warm ums Herz. Ganze 11 (!) Storys ballerte das schreibende Regenrohr in den letzten zwei Tagen insgesamt raus. Und was sagt der Dritte im Bunde, im Tageszeitungs-Duopol der Multi-Kopfblätter? Nicht viel sagt CH Media. Nur Oberchefredaktor Patrik Müller setzte zu einer Kollegenschelte in Richtung Christoph Mörgeli an: «Mörder Günther Tschanun war SP-Mitglied – spielt das eine Rolle?» Wie Mörgeli da sagen würde: «Die Frage stellen, heisst sie beantworten.»

Bleibt nur noch die Frage, ob das Thema damit ausgewrungen ist – oder ob irgend eine verborgene Stelle in Tschanuns Leben Anlass zu weiteren Nachzügen gibt. Oder ob die Mitbetroffenen wieder Ruhe haben.

Gang durchs Grauen

Tatort «Tages-Anzeiger». Ausgabe vom 13. April 2021. Schlachtfeld: Seite 2, Meinung.

Das wird ein mutiger Gang durch die Niederungen des einstmals angesehenen Gefässes «Kommentar». Nichts für schwache Nerven; wir übernehmen keine Verantwortung für Nebenwirkungen.

Wo fangen wir an? Ladies first. Die «Philosophin» Barbara Bleisch ergreift das Wort. Die einzig gute Nachricht: Dafür ist Laura de Weck stumm. Bleisch versucht’s diesmal mit Schwulstschwätzen, mit dieser vermeintlich hingehauchten Empfindsamkeit, die Widersprüchen nachgehen will. Allerdings dort, wo keine sind.

Es raunt schon der Titel: «Warum wir die Stille sprechen lassen sollten». Ja warum nur, dann wäre sie doch nicht mehr still. «Stehend und schauend» vor einem Gemälde Gerhard Richters. Ja Wahnsinn, der teuerste und meistüberschätzte Maler der Gegenwart. Aber Bleisch bringt er zum Erschauern. Das will man eigentlich nicht erleben, aber sie zwingt es einem auf: «Die wortlose Beredtheit des Bildes ergreift einen unmittelbar.»

Wir wagen nur einen Ausriss …

Wenn man aus dieser Sprachblase die Luft rauslässt, dann bleibt – das blanke Nichts. Aber Bleisch weiss, dass sie mit solchem Geblubber nicht eine ganze Kolumne füllen kann; das Problem ist von de Weck bekannt.

Mitleiden mit Wittgenstein, der auch nichts dafür kann

Also, einmal darf der einigermassen gebildete Leser raten, genau, muss noch Ludwig Wittgenstein dran glauben. Bei diesem Missbrauch würde er noch aus dem Grab heraus stottern, aber wir hoffen für ihn, dass er nicht mehr «transzendent» vorhanden ist. «Diskursiv adäquat vermitteln», «metaphysische Gefühle transportieren», «Vermittlung transzendenter Erfahrung».

Stehend und schauend vor der wellenlosen Stummheit. Oder so.

Wir hissen die weisse Flagge und betteln um Gnade. Aber Bleisch kennt keine: «Die wortlose Beredtheit des Bildes ergreift einen unmittelbar.» Wir haben’s ja kapiert, auf diesem unsinnigen Widerspruch bastelt sich Bleisch ein ganzes Werk. Für die, die’s immer noch nicht kapiert haben, endet sie damit, welche Wohltat es sei, «in einer Zeit kommunikativer Dauerberieselung dem Unsagbaren zu lauschen.» Ja, bitte, das ist die Idee, geben Sie sich ihr hin, Frau Bleisch!

Dann gibt Claudia Blumer noch «Höchstrichterliche Beziehungstipps». Die Frau ist völlig schamfrei, indolent, eine Schande für den Journalismus. Aber auf dieser Seite in guter Gesellschaft.

Ein Epidemiologe rechnet scharf ab und fordert

Zuoberst, allerdings nur im Seitenspiegel, rechnet der Epidemiologe Fabian Fellmann scharf ab. «Die Wirtschaftsverbände haben sich im marktschreierischen Wettbewerb der Lockerungsforderungen verrannt», kreischt der billige Jakob auf dem Markt der Meinungen. Mit «dieser Verharmlosung» schädigten sie «das Vertrauen der Bevölkerung». Öhm, man versuche, dieses Sprachbild zu entwirren.

Aber sei’s drum, kein Kommentar ohne klare Forderungen, damit das Virus endlich besiegt wird. Erstens, zweitens und drittens, zählt Fellmann auf. Impftempo steigern, Massentests, und der Bundesrat habe gefälligst «nachvollziehbar» darzulegen, wann welche Lockerungen erlaubt seien. Mit anderen Worten: So, dass es auch Fellmann kapiert und akzeptiert. Wenn nicht? Nun, wehe dir, Schweiz, dann wird es ganz duster.

Gut, dass der Politologe Fellmann ab Sommer aus den USA berichtet. Das ist den USA ziemlich wurst, und hierzulande wird das auch keinen Erkenntnisgewinn auslösen, wenn er dem US-Präsidenten erklären wird, was der zu tun und zu lassen habe.

Kommentare nur für Schwindelfreie.

Fehlt noch ein Thema? Aber sicher, ich sage nur Genderstern, Diskriminierung, Mohrenköpfe und andere rassistische Ausdrücke? Nein, auf einer Seite hat leider nicht alles Platz. Aber ein Thema schon. Vor allem, weil es bedauerlicherweise in den Hintergrund gedrängt wurde. Welches?

Klimaschützer sind nicht «schockiert», sie zeigen sich nur so

Aber bitte: «Selbst mit dem neuen CO2-Gesetz wird es für die Schweiz schwierig, das verschärfte Klimaziel zu erreichen.» Dabei muss das ja erst noch angenommen werden, kommt erschwerend hinzu. «Klimaschützer zeigen sich «schockiert» über die 2019er-Bilanz», fühlt Stefan Häne mit ihnen. Die Umwelt- und Klimakreische des Hauses Tamedia. Immer den Klimakollaps vor Augen, seit das Waldsterben dafür sorgte, dass die Schweiz ohne Baumbestand so kahl ist wie Foucaults Kopf. Aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Sind wir durch? Ja, lieber Leser, auch ich kann keine Rücksichten auf Empfindsamkeiten nehmen. Mitleid habe ich auch nicht, denn ich musste ja diese Seite voll von gerütteltem Flachsinn auch lesen. Jetzt muss ich schauen, ob ich aus dieser Expedition ins Grauen unbeschädigt an Leib und Seele zurückgekommen bin.

Lob der NZZaS

Wieder mal eine –seltene – Gelegenheit. Wir loben die NZZaS. Warum? Sie hat über die Credit Suisse berichtet.

Nur der völlig unschuldig-naive Zeitungsleser kann sagen: na und? Alle anderen haben doch auch geschimpft. Das stimmt, aber hinter Mundschutz. Mit Schalldämpfer. In einem Tonfall, den man auch bei einem widerspenstigen Kind anschlägt. Leichte Gereiztheit, aber von pädagogischem Geist beflügelt.

Die NZZ selbst schaffte ein Interview mit dem CEO Thomas Gottstein. So viel Subersivität kann man ihr nicht zutrauen, dass sie ihn absichtlich so viele Bankerblasen blubbern liess, dass er sich damit innerhalb und ausserhalb der CS zum Deppen machte.

Aber nun kommt die NZZaS. Da geht’s schon mit dem Titel los: «Wie die Credit Suisse Milliarden verbrennt». Wie tut sie das? Nun, über das katastrophale Risk Management und die immer wieder erwiesene Unfähigkeit der Gierbanker wurde schon kräftig geschimpft.

Die NZZaS weiss eben, wie man das wirkliche Problem adressiert, nicht mit dem Finger in der Luft fuchtelt, sondern ihn schmerzhaft in die Wunde bohrt. Oder die Geldvernichtungsmaschine CS gnadenlos auseinandernimmt.

Mit wenigen Schnitten zum Kern des Problems durchgedrungen

Mit drei vermeintlich einfachen, aber punktgenau gesetzten Sonden.

  1. Schon 2011 wurde der CS von der Anlagestiftung Ethos vorgerechnet, dass ihre grossartige Investmentbank bislang 7 Milliarden Fr. Verlust produziert hatte. Der in zwei Wochen abtretende VR-Präsident Urs Rohner meinte damals noch arrogant: «Ich halte nichts von der Idee, aus der CS eine Art übergrosse Schweizer Privatbank zu machen
  2. Seit dem Amtsantritt dieses Versagers hat die CS zwar kumuliert einen Gewinn von 8,1 Milliarden erzielt. Allerdings: mit zehnmal weniger Angestellten hat das die ZKB in ähnlicher Höhe auch geschafft.
  3. In der Schweiz hat die CS auch kumuliert 15 Mrd. Fr. seit 2011 verdient. Also hat das weitergführte Abenteuer bei den Big Boys im Investmentbanking weitere 7 Milliarden Verlust beschert.

Sonst noch Fragen? Eigentlich nicht, aber noch ein paar weitere Antworten. Geradezu symbolisch für den Drang, ganz gross rauszukommen, war der Kauf von DLJ im Sommer 2000 für einen absurd hohen Preis. Dann platzte die Dotcom-Blase, und DLJ  wurde zur unglaublich schrumpfenden Investmentbank.

Sehr interessant ist auch der Gewinn-Vergleich zwischen CS und ZKB. Aber noch interessanter ist die Grafik daneben.

Links rot Gewinne und Verluste der CS, rechts blau die Anzahl der Geldvernichter.

Denn hier lodert das Fegefeuer, in dem Milliarden verröstet werden. Es handelt sich um die sogenannten «Key Risk Taker». Das ist das Fettauge auf den «Managing Directors». Von diesen «Risikonehmern» gibt es inzwischen rund 1400 in der CS (rechts blaue Linie). Die vermehrten sich wie die Schmeissfliegen. Von etwas über 400 auf über 1400 in zehn Jahren.

Die meisten arbeiten – where else – in London oder New York. Und haben als Söldnerseelen keinerlei innere Bindung an die CS. Eine sehr enge aber an den eigenen Geldbeutel. Diese Pfeifenbande hat ebenfalls seit 2011 bis heute sagenhafte 14 Milliarden Franken kassiert. Von verdient kann da keine Rede sein.

Das entspricht wiederum dem Doppelten des Gewinns, den der ganze Konzern mit seinen immer noch 40’000 Mitarbeitern in dieser Zeit erwirtschaftet hat. Das wurde diesen Multimillionären nachgeschmissen. Für welche «Risiken» denn? Nein, natürlich nicht für deren eigene, die Risiken musste immer die CS übernehmen. Und dafür Milliarden um Milliarden Verluste kassieren.

Milliardenverluste mit Milliardengehältern erkaufen? Macht Sinn

Wir fassen zusammen. Für einen Verlust von 7 Milliarden Franken (die aktuellen Klatschen noch gar nicht eingerechnet), hat die CS 14 Milliarden bezahlt. Das konnte sie (bislang) nur wegstecken, weil der Teil, auf den Rohner die CS auf keinen Fall reduzieren wollte, nämlich der Schweizer Ableger, Jahr für Jahr stabile Gewinne abwarf.

Noch Fragen? Ach, wieso die CS einen solchen Wahnsinn zehn und mehr Jahre durchzieht? Ein Geschäftsmodell, zu dem jeder Knirps sagte, der eine einfache Addition und Subtraktion an den Fingern abzählend beherrscht: «völlig gaga»?

Alles im grünen Bereich. Allerdings auf bescheidenem Niveau …

Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir auch keine Antwort ein. Ausser einer Anregung, die ich schon in St. Gallen deponierte. Dort ist die Polizei doch sehr erfahren in Wegweisungen. Zürich müsste auf den Knien um die Entsendung eines Detachements bitten. Es dann um die CS herum aufstellen und jeden, den eine Krawatte, Anzug und Bürolistenschuhe, sowie ein leicht arroganter Gesichtsausdruck als Banker enttarnt, sofort wegweisen.

Angesichts des Schadens, den er anrichten könnte, ist auch der Einsatz des Schlagstocks, von Reizgas und eine Verhaftung mit Kabelbinder und einem kräftigen Stoss in den Transporter absolut verhältnismässig.

Banker im Tränengas. Allerdings in Hongkong.

Leichenfledderei

War Robespierre Masochist? Nahm Nietzsche wirklich die Peitsche mit zum Weibe? Oder war Foucault pädophil?

Wenn eine Ideologie totalitär durchdreht, dann will sie nicht nur feste Regeln für richtiges Verhalten in Gegenwart und Zukunft aufstellen. Sondern auch die Vergangenheit säubern. Geradezu pervers wird das, wenn Verstorbenen aus heiterem Himmel sexuelle Abartigkeiten vorgeworfen werden.

Solche posthume Anschuldigungen gehen gerne viral. Sie brauchen nur drei Bestandteile. Ein toter, aber berühmter oder nachwirkender Mensch. Ein «neuer» Vorwurf, gerne auf sexuellem Gebiet, der aber jahrzehntelang stumm geblieben war. Und dann die Exegese durch Journalisten, die dann das tun, was auch Geier lieben: Leichenfledderei.

Das jüngste Beispiel ist der französische  Philosoph Michel Foucault. Es ist eigentlich erstaunlich, dass nicht schon viel früher solche Vorwürfe gegen einen der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts erhoben wurden.

«Wahnsinn und Gesellschaft», «Die Archäologie des Wissen», «Die Ordnung der Dinge», «Überwachen und Strafen» und schliesslich «Sexualität und Wahrheit», alle seine Werke schlugen wie Bomben in den Wissenschaftsbetrieb, in die Philosophie ein.

Wie zeigt sich Macht in der Gesellschaft?

Seine Forschungen drehten sich immer um eins: um die Ausformungen von Macht. Strukturalistisch in der Methode, spürte er den verschiedensten Machtstrukturen nach; durch Unterscheidung zwischen Vernünftigen und Wahnsinnigen, durch alle Formen der Ausgrenzungen in Gefängnissen, in anderen Institutionen der Gesellschaft.

Vornehmlich auch im Bereich der Sexualität, eine der wichtigsten Kampfplätze der Machtausübung, durch Ausgrenzung, durch Definitionen von Perversion, durch das Einpflanzen moralischer Imperative, die mit sexuellen Wünschen in Konflikt geraten.

Foucault war ein radikaler Denker, der enzyklopädische Streifzüge durch die Geschichte, die Kunst, durch Strukturen der Machtausübung unternahm. Er lebte genauso radikal; nahm Drogen, war homosexuell und starb 1984 an Aids. Die Beschäftigung mit seinen Werken lohnt sich bis heute.

Aber für Flachepigonen wie Andreas Tobler ist eine andere Frage viel wichtiger: «War der Starphilosoph pädophil?» Im typischen Spekulationston stellt Tobler in den Raum: «Michel Foucault soll Buben missbraucht haben.» Wenn das so wäre, wäre das widerlich. Aber: was tut das fast 40 Jahre nach Foucaults Tod zur Sache? Welche Belege gibt es dafür?

Ein mässig erfolgreicher Publizist macht damit in der «Sunday Times» Ende März 2021 auf sich aufmerksam. Er berichtet von einem Besuch bei Foucault, der damals in Tunesien lebte. Er will gesehen haben, dass acht-, neunjährige Kinder Foucault hinterhergerannt seien und «nimm mich» gerufen hätten. Der Denker habe ihnen Geld zugeworfen und gesagt, man treffe sich um zehn Uhr nachts am «üblichen Ort». Das sei der Friedhof gewesen, wo Foucault auf Grabsteinen Sex mit den Buben gehabt habe, will Guy Sorman wissen.

Erinnerung nach über 50 Jahren

Das soll sich an Ostern – 1969 abgespielt haben. Wieso Sorman diese Anekdote über 50 Jahre für sich behielt, erklärt er nicht. Der damalige Lebensgefährte von Foucault erklärt kategorisch, dass diese Vorwürfe «chronologisch und objektiv falsch» seien. An Ostern 1969 sei Foucault gar nicht in Tunesien gewesen, zudem sei zu dieser Zeit offene Pädophilie in diesem arabischen Land höchst gefährlich und geradezu selbstmörderisch gewesen.

Auch sonst mag sich eigentlich niemand an dieses Ereignis oder an pädophile Verhaltensweisen von Foucault erinnern. Ausser einer ehemaligen Lebensgefährtin von Sorman, der es plötzlich auch wieder eingefallen sei.

Es ist ein Leichtes, selbst für philosophische Leichtmatrosen wie Tobler, damalige Manifeste heranzuziehen, die sich für eine Entkriminalisierung sexueller Praktiken, beispielsweise, aber nicht nur, von Homosexuellen einsetzten. Das war damals Zeitgeist, zusammen mit der Stundentenrevolte 1968 ging der Ruf nach sexueller Befreiung, Enttabuisierung. Nicht nur in Frankreich, auch die deutschen Grünen veröffentlichten noch Jahre später Positionen zur «Befreiung» sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, solange diese «im gegenseitigen Einverständnis» stattfinden sollten.

Selbst der grosse Pädagoge Jürg JeggeDummheit ist lernbar») wurde Jahrzehnte später von damaligen Handlungen eingeholt und damit in seiner Reputation schwer beschädigt, obwohl er sich offen erklärte und keinesfalls Fehlverhalten bestreiten oder beschönigen wollte.

Nun also Foucault. Der Rundruf von Tobler bei Foucault-Kennern, ein Gespräch mit Foucaults Lebensgefährten, ergibt keine brauchbaren zusätzlichen Indizien. Der Verursacher der ganzen Aufregung weigert sich, weitere Belege anzuführen, zum Beispiel eine Kopie des damaligen Einreisevisums in seinem Pass.

Typischer Fall einer Null-Story

Als Tamedia noch Wert auf Qualität legte, wäre das ein typischer Fall einer zu Tode recherchierten Geschichte gewesen. War nix, aber war den Versuch wert, macht nix. Das geht heutzutage natürlich nicht mehr, also muss Tobler über 13’000 Anschläge absondern, als hätte er den Auftrag gefasst, für die «Republik» ein ganz kurzes Stück zu schreiben.

Im Wesentlichen darüber, dass da nichts ist. Das erinnert an die vernichtende und völlig richtige Kritik meines Freundes Hugo Loetscher an einer meiner ersten Reportagen über Kuba. «Nimm’s mir nicht übel», sagte er, «aber das liest sich wie eine Beschreibung, wie jemand nicht an irgendwas rangekommen ist und sich furchtbar darüber beklagt.»

Ich war einen Moment tief beleidigt, musste ihm aber uneingeschränkt Recht geben. Gut, dass er mich davor bewahrte, mich öffentlich lächerlich zu machen. Aber solche Skrupel hat Tobler schon lange nicht mehr.

Nur fällt selbst ihm auf, dass er versuchen muss, eine Begründung für diesen Sermon von «da ist wohl nichts» zu geben. Aber woher nehmen, und nicht stehlen?

Man merkt den abschliessenden Zeilen überdeutlich an, dass sie nach ausführlichem Kopfkratzen und einem länger anhaltenden Schreibstau entstanden sind. «Man» (wer ist man?) halte es «doch für ratsam, Foucaults Theorien mit der Möglichkeit eines Missbrauchs zu konfrontieren – also auszutesten, ob diese Texte nicht etwas zuarbeiten, was abzulehnen wäre.

Und Foucaults Theorien allenfalls zu modifizieren, sowie durch eine Ethik zu ergänzen, an der Foucault in seinen letzten Lebensjahren zu arbeiten begann».

Man kann Foucault nur wünschen, dass ihm diese Leichenfledderei an seinem philosophischen Monument erspart bleibt. Seine Theorien «modifizieren»? Durch Tobler? Himmel, alle Postrukturalisten der Welt, alle, die Kant von Hegel unterscheiden können: eilt Foucault zu Hilfe, beschützt ihn. Das hat er wirklich nicht verdient.

 

Hilfe, mein Papagei onaniert V

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch. Diesmal die Jugendunruhen in St. Gallen.

 

Die Leerstelle

Normalerweise schreiben wir über realisierte Attacken auf die deutsche Sprache, die Logik, die Wirklichkeit oder journalistisches Ungenügen in jeder Form. Diesmal müssen wir uns aber über eine Lücke sorgen.

Blick himmelwärts gerichtet.

Das dürfte der Flughöhe des neuen «Nebelspalter» entsprechen. Das Auge erfreut sich an einem wunderschönen Sonnenaufgang; welche Farben, welches Gemälde. Das ist schön, nur: die Wirklichkeit liegt unter der Nebeldecke.

Der grösste Skandal, der zurzeit die Schweiz umtreibt, liegt unter der Nebeldecke. Für den «Nebelspalter». Ist die Ankündigung eines neuen Virus-Typs aus Brasilien tatsächlich Corona-Hysterie? Ist das Porträt einer 24-jährigen Präsidentin des «Energie Club Schweiz» ein Must? Nur weil sie für Atomkraft ist?

Sind das wirklich die Themen nach Ostern? Fehlt da nicht was? Fehlt da nicht einiges? Natürlich soll der «Nebelspalter» offensichtlich keiner Berichtspflicht genügen müssen. Das ist auch völlig okay.

Zwei Überthemen in der Schweiz aktuell, neben Corona

Was nicht okay ist: Bei der Credit Suisse spielt sich gerade wieder einmal ein Skandal ab, der nicht nur wegen des Doppelschlags der Hiobsbotschaften singulär ist. Der Bank drohen Multimilliardenverluste. Ihr Risk Management ist weiterhin unter jeder Kanone. Dem abtretenden VR-Präsidenten Urs Rohner droht das gleiche Schicksal wie weiland Marcel Ospel.

Es ist keinesfalls klar, ob die CS dieses Desaster in ihrer heutigen Form überleben wird. Ob sie Staatshilfe als systemrelevante Bank anfordern muss. Wer von der aktuellen Geschäftsleitung und vom Verwaltungsrat spätestens nach der GV noch im Amt sein wird, ist völlig unklar. Das ist nun ein absolutes Must-Thema, selbst wenn man nur beitragen könnte, dass einem die Krawatten von Rohner noch nie gefallen haben.

Aber: Pausezeichen. Nicht mal Nebel. Nichts gespalten. Null. Dann gäbe es noch die rechtsstaatlich mehr als fragwürdige Aktion der St. Galler Polizei, über 600 ihnen verdächtig vorkommende Jugendliche ohne grosse Anhörung wegzuweisen. Nicht etwa für 24 Stunden, sondern für die maximale Dauer von 30 Tagen.

Dazu muss ein sich als «klar liberal» bezeichnendes Magazin etwas sagen. Müsste.

Da wir als Bezahlschranken-Leugner nur sehr beschränkten Zugang zum Inhalt haben, liessen wir mal von zwei Fachleuten die Performance der Webseite analysieren. Deren vernichtendes Urteil werden wir demnächst veröffentlichen. Hier nur ein erster Kommentar: «Die Homepage hat den Charme eines Wühltischs.»

Wegweisen, warum nicht?

Selbst der «Blick», der sich wohl nicht als «klar liberal» bezeichnen würde, kümmert sich um die Frage: «Sind die Rayonverbote legal?» Eigentlich nicht, ist das unsichere Ergebnis, aber.

Hier zeigt auch der «Blick» eine bedenkliche Schwäche bei der Verteidigung des Rechtsstaats. Unbestritten, dass die Ordnungskräfte diese Kompetenz haben. Aber: sie sollte nur mit Vorsicht ausgenützt werden, denn hier gilt sozusagen die Beweisumkehr. Nicht die Staatsmacht muss Absicht oder Schuld nachweisen, um sanktionieren zu können. Der Jugendliche, der am Ostersonntag den Fehler machte, vom St. Galler Hauptbahnhof aus zu welchem Behuf auch immer in die Stadt zu spazieren, musste belegen, dass er das nicht in der Absicht tut, dort Randale zu veranstalten.

Wie kann er das? Selbst wenn er die Bestellung für ein Sushi auf seinem Smartphone vorweisen kann: was spricht dagegen, dass er so gestärkt zum Gewalttäter wird? Es kommt hinzu, dass prinzipiell Wegweisungen für 30 Tage ausgesprochen wurden. Dieses Maximum erfordert obligatorisch eine Anhörung des Betroffenen. Das sei angesichts der vielen Jugendlichen nicht möglich gewesen, räumt die Polizei ein.

Wie steht es denn mit Jugendlichen, die in der Stadt arbeiten oder zur Schule gehen? Der Sprecher der Stadtpolizei darf im «Blick» unkommentiert sagen: «Wer Zweifel hat, ob er zur Schule darf, kann uns anrufen und fragen.» Dümmer als die Polizei erlaubt; das gilt offenbar nicht für die Polizei selbst.

Leider offenbart der «Blick» auch kleine Schwächen bei seinen Kernthemen.

Ist die NZZ klar liberal?

Immerhin, sie weicht dem Thema nicht aus und erteilt einem Strafrechtsprofessor das Wort. der ist nun in erster Linie Staatsangestellter, also temperiert er seine Kritik an dieser Massnahme auf lauwarm runter. Er hält Wegweisungen für ein taugliches Mittel, logo, ist aber «überrascht» über die Ausnützung der Maximaldauer von 30 Tagen: «Das scheint mir sehr lange zu sein.»

Messerschärfer könnte man das nicht formulieren. Der Professor ist zudem verwundert, dass das Rayonverbot für die ganze Stadt St. Gallen inklusive Aussenquartiere ausgesprochen wurde. Dass es in diesem Fall eine ordentliche Anhörung des Betroffenen bräuchte, ist ihm aber keine Bemerkung wert.

Dafür macht er auf das absurde Mittel des Rekurses aufmerksam. Bitte schriftlich ans Sicherheits- und Justizdepartement richten. Da die Einsprache keine aufschiebende Wirkung hat und es dem Betroffenen wahnsinnig viel nützt, wenn am Tag 31 entschieden wird, dass in diesem Einzelfall das Rayonverbot zu Unrecht ausgesprochen wurde, ist das Pipifax.

Im Übrigen zeigt hier die Verödung der Schweizer Medienlandschaft wieder ihr hässliches Gesicht. Die Gratisportale berichten so neutral wie möglich. Tamedia und CH Media stellen sich eindeutig hinter die Massnahme. «Blick» und NZZ eiern.

Nur «Die Ostschweiz» bezieht klar Stellung: «Der Rechtsstaat ausser Rand und Band», leitartikelt der Chefredaktor. Immerhin ein klar Liberaler.

 

Packungsbeilage: René Zeyer publiziert auf «Die Ostschweiz» und hat sich dort schon selbst zu den Ausschreitungen geäussert.

 

Onanieren mit Parisern

Pardon, das ist nicht vulgär, sondern ein Zitat vom grossen Bertolt Brecht. Gut, den kennen die heutigen Kindersoldaten des Journalismus auch nicht. Aber man kann ja googeln.

Es war eines der Lieblingszitate meines Streitgenossen Niklaus Meienberg (auch googeln, bitte): «Es gibt Menschen, die onanieren. Es gibt Menschen, die vögeln mit Parisern. Und es gibt Germanisten, die onanieren mit Parisern.»

Das hat mich als studierten Germanisten hart getroffen, aber natürlich hatten Brecht und Meienberg völlig recht. Dieses Zitat kann man auch prima auf die aktuelle Journaille anwenden.

Die geht da sogar noch einen Schritt weiter, sozusagen. Sie greift sich reihum in den Schritt und massiert das Gemächt. Ohne Rücksicht darauf, wie peinlich das für die Zuschauer ist. Ein aktuelles Beispiel dafür, denn mehr würden bei Autor und Lesern wohl Würgereflexe auslösen.

Da schreibt der Leiter der Bundeshausredaktion der ehemaligen Qualitätsmedien aus dem Hause Tamedia eine sogenannte «Analyse zu St. Gallen». Für diesen Tiefflug über unbekanntem Gelände sollte man Fabian Renz die Verwendung des Wortes Analyse für seine Restlaufzeit als Journalist verbieten.

Unbelegtes Gefasel, eine Dummheit auf die nächste gestapelt. Sein Tagi-Kollege Marc Brupacher hatte schon zuvor auf Twitter etwas in die Debatte gerülpst. In seiner üblichen strahlenden Dummheit.

Journalisten loben Journalisten – öffentlich

Lässt sich das noch steigern? Locker. Kaum ist diese Schwachstrom-«Analyse» erschienen, dieser in Buchstaben gefasste Wackelkontakt mit der Wirklichkeit, enblöden sich andere Tagi-Mannen nicht, ihrem Kollegen an den, nein, so wollen wir das nicht formulieren. Obwohl, wie sollte man diesen Tweet von Sandro Benini sonst bezeichnen:

Man kann sich winden und wegdrehen, mehr nicht.

Häufig? So Kommentare von Laura de Weck, Barbara Bleisch, Peter Burkhardt und vielen anderen? Ein Tiefpunkt nach dem anderen. Während sich sogar das Kummer gewohnte Lesepublikum darüber lustig macht, setzt Brupacher noch ein kleines Highlight:

Du rubbelst mich, ich rubble dich, wir rubbeln uns.

Daraus kann man ableiten, dass Brupacher nicht der Ansicht von Benini ist. Aber wer alles Dumm-Kommentare schreibt, das verrät uns der leitende Tagi-Redaktor leider nicht.

Man muss sich schon fragen, welches Niveau hier noch nach unten durchbrochen werden kann. Tamedia gleicht immer mehr einem tiefergelegten Auto. Bodenabstand kaum mehr vorhanden, jede kleine Bodenwelle lässt das Blech wegfliegen.

Ex-Press XXXIV

Blüten aus dem Mediensumpf.

 

Diesmal die Ostereier-Spezial-Ausgabe mit viel Eierlei.

Milde gestimmt am Tag der Auferstehung wollen wir diesmal nur lustige Eier vorführen, die die Schweizer Medien ausgebrütet haben. Wobei wir wohlwollend berücksichtigen, dass es schon ziemlich blöd ist, dass wegen Corona so viele lieb gewonnene Seitenfüller an Ostern wegfallen.

Zunächst aber ein Höhepunkt aus dem journalistischen Schaffen des grossen deutschen «Nachrichtenmagazins», des einzigen und wahren «Spiegel»:

«Wer sehr häufig auswärts isst, hat ein höheres Risiko, an Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Das zeigt eine Studie. Durch richtige Wahl der Speisen lässt sich die Gefahr auch mindern.»

Früher war das die Rettung für Boulevard-Medien, wenn es nun überhaupt nichts zu skandalisieren gab. Dann half eine «Studie» ungemein. Das Zaubertrick heisst: Korrelation mit Kausalität verwechseln.

Glatzköpfige werden schneller impotent; eine besonders hohe Zahl von schwarzen Katzen bewirkt häufigere Todesfälle durch vom Dach stürzende Ziegel. Wer von roten Tellern isst, bekommt schneller Magengeschwüre. Usw.

Dafür braucht es nur zwei Dinge: die Korrelation von zwei möglichst zusammenhangslosen Phänomenen und irgend etwas, das sich als Studie bezeichnen lässt. Es gibt sogar die grossartige Institution des Ig-Nobelpreises (ig für ignoble, unwürdig, schändlich).

Gemischte Signale aus dem Hause Tamedia

Man soll auch loben können; vom Titel bis zur letzten Zeile ist das mal ein gelungenes Interview mit grossem Spassfaktor, obwohl der Tamedia-Streichelzoo auch hier das Thema «sexuelle Belästigung» hochziehen muss. Aber die Antworten von Tana Douglas entschädigen auch dafür.

Sie war der erste weibliche Roadie, sieht auch noch mit 63 spannend aus und hält mit ihren Antworten, was das Titelquote verspricht: «Ich trank jeden Mann unter den Tisch.»

 

Screenshot SonntagsZeitung.

Hinzuzufügen wäre, dass es die einzige Ausnahme nicht überlebte.

Eigenwilliger Oberchefredaktor

Etwas eigenwillig versucht der Oberchefredaktor von Tamedia die karge Osterzeit zu überstehen. Arthur Rutishauser erzählt einfach die Titelstory der «Handelszeitung» über eine nun schon drei Jahre zurückliegende Machtkampfposse bei der grossen Revisionsgesellschaft EY nach. Er reichert sie lediglich mit einem Namen an; das Original sei aber allen empfohlen, die einmal einen Blick in die Innereien einer Chefetage nehmen wollen. Sehr interessant ist dabei auch, wie die Medien benützt werden; mit Anfüttern und Durchstechen; diesmal spielte allerdings «Inside Paradeplatz» dabei keine gloriose Rolle.

Wo Eier gelegt werden, gibt es auch faule Exemplare darunter. Denn die SoZ bewirtschaftet weiter ihr Lieblingsthema, ob und wie Bundesrat Berset eine Schweizer Impfproduktion für die Schweiz in den Sand gesetzt habe. Erkenntnisstand heute: Genaueres weiss man nicht wirklich.

Das hindert aber den Wirtschaftschef nicht daran, den Zweihänder zu schwingen: «Lonza-Debakel: Bersets Rechtfertigung fällt in sich zusammen», wütet Peter Burkhardt. So nachtragend sind Journalisten, wenn sie eine Richtigstellung einrücken mussten, die eine Falschmeldung korrigierte.

Zumindest originell ist das Ei, das die SoZ dem designierten Post-Boss und ehemaligen Parteipräsidenten der SP schenkt: «An der Spitze der Post braucht es nicht einen schnittigen, auf Shareholder-Value getrimmten Manager, sondern eine Integrationsfigur. Eine, die dem Service public verpflichtet ist.» So schleimt sich Bundeshausredaktor Mischa Aebi ins bald erfolgende erste Exklusiv-Interview mit Christian Levrat. Unbeschadet davon, dass es sich um einen weiteren, übelriechenden Fall von Beziehungskorruption handelt.

 

Der Untergang der Sternchen?

Eigentlich hatten wir uns ein einstweiliges Schweigeglöbnis zum Thema Genderstern und Proteststernchen auferlegt. Aber das hier ist stärker als die besten Vorsätze. Der Tagi hat den groben Fehler gemacht, in einer Umfrage wissen zu wollen, wie es denn die lieben Leser mit dem Asterisk, auch berüchtigt als Gendersternchen, hielten.

Am Himmel, da leuchten die Sterne …

Immerhin über 18’000 Leser nahmen daran teil. «Lediglich 5,5 Prozent stimmten dabei für den viel diskutierten Genderstern. Schlechter schnitt nur das generische Femininum ab.» Tschakata. Da ist guter Rat teuer. Sind die Leser einfach noch nicht so weit, zu träge oder gar zu ungebildet? So weit will der Autor nicht gehen, aber bevor auch Linus Schöpfer in Gefahr gerät, als übler Sexismus-Macho in Fadenkreuz zu geraten, schreibt er tapfer:

«Ist die Umfrage also ein Plädoyer für den Status quo, fürs generische Maskulinum? Nein. 

Denn von den sieben Möglichkeiten vereinte die etablierte, lange von allen ganz selbstverständlich genutzte Variante bloss 47 Prozent der Stimmen auf sich.»

Da lachen selbst die Sterne Tränen. Obwohl sie generisch männlich sind.

Ein Interregnum ist immer Saure-Gurken-Zeit

Die NZZaS dümpelt im Interregnum bis zum Antritt von Jonas Projer so vor sich hin. Das «Magazin» inhalts- und blutleer, aber immer für einen Aufmacher auf der Front gut, wenn sonst nichts los ist. Eine Protestnote zur absurden Tatsache, dass über Ostern die Impfzentrum Pause machen und ein eher samtpfotiges Porträt über den abtretenden Credit-Suisse-VR-Präsidenten Urs Rohner.

Es wird knallhart recherchiert, dass man Rohner vieles vorwerfen kann, aber nicht, auch noch Rassist zu sein, wie der über einen Bespitzelungs-Skandal gestolperte Tidjane Thiam über die «New York Times» verbreiten liess.

Aber ansonsten hätte eigentlich die Entwicklung des Aktienkurses während seiner Amtszeit (minus 70 Prozent) und die Ausgaben für Strafzahlungen und Rechtskosten (dabei war Rohner zuerst Chief Legal der Bank) von 13 Milliarden Franken für ein Porträt völlig ausgereicht.

Natürlich fragt sich die NZZaS, wie «weisse Weste» Rohner das alles überleben konnte und sich nun zum Ablauf seiner maximal möglichen Amtszeit schleppt. Aber diese Frage wird auch hier nicht beantwortet; genauso wenig wie bei «gespannte Weste» Axel Weber bei der UBS.

Wir diskriminieren den SoBli nicht. Niemals.

Bevor sich der Sobli über Diskriminierung beklagt: Hier zwei Duftmarken:

«Che Guevara hängt auf halbmas».

«Diagnose nach Puck-Treffffer war ein Schock für Nico Hischier.»

Das Geschoss scheint auch die f-Taste getroffen zu haben.

Ansonsten: Ei, Eier, Eierlei. Dazu die Frage: wo ist Frank A. Meyer? Beim Eiersuchen verloren gegangen?

 

Frage in den Nebel

Über zwei Wochen seit dem Neustart des Nebi: Was ist genau neu?

Bei jedem Relaunch eines Mediums helfen zwei Faktoren. Interessanter Inhalt im Allgemeinen, ein Primeur oder zwei, damit man zitiert wird.

Natürlich auch der Lockstoff, mit dem Inhalt Unentschiedene zu überzeugen, ein Abo abzuschliessen, also Geld in die Hand zu nehmen. In diesem Punkt kennt der neue «Nebelspalter» nichts. Gratis ist nicht, alles, was mit Buchstaben zu tun hat, kostet, bevor man es lesen darf.

Interessanter Inhalt? Ich als Zahlungs-Leugner kann nur einen im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlichen Eindruck wiedergeben. More of the same, würde der Ami sagen; Themen, Autoren, Inhalte: das hat alles so einen Geruch nach eingeschlafenen Füssen und und dem Gestus: Wir haben’s schon immer gesagt, deshalb sagen wir’s hier nochmal.

Neue Entwicklungen sollen doch nicht den Trott stören

Dafür sendet der «Nebelspalter» das Pausenzeichen, wenn es um den wohl grössten Schweizer Krisenfall dieses Jahres, wenn nicht dieses Jahrzehnts geht. Zwar darf der abgehalfterte Eric Sarasin, der noch so schön Akquise nach alter Herren Sitte machte, über «Vom Vehikel zum Megatrend Elektroauto» labern, was einen Newsgehalt nahe beim absoluten Nullpunkt hat.

Aber nachdem Sarasin auch dem deutschen Milliardär Carsten Maschmeyer Cum-Ex-Gebastel angedreht hatte, was der gar nicht komisch fand, hat Sarasin genügend Zeit für Musse und Besinnung.

Was kümmert uns die Credit Suisse?

Man fragt sich allerdings: Und die Credit Suisse? War da nicht was? Gibt’s da nicht ein, zwei kleine Probleme? Oder sogar grosse Probleme? Möglicherweise existenzbedrohende Probleme? Bei einer der beiden übrig gebliebenen Schweizer Grossbanken? Die in den letzten zehn Jahren nach der Finanzkrise eins weiter zu Schanden geritten wurde? Von weissen Westen und schwarzen Hoffnungen? Die den Aktionär mit einem Wertzerfall von 70 Prozent erfreute?

Aber was ist das schon gegen «Die Gurke der Woche»? Oder «Schuh kompliziert»? Oder die gähnlangweilige Abrechnung mit Christian Levrat, der selbstverständlich nicht wegen seinen unternehmerischen Fähigkeiten zu seinem Ruhepöstchen kam? Ex-Banquier Konrad Hummler weist auf eine «gefährliche Kurspflege» der US-Notenbank hin. Aber dass der Aktienkurs der CS mal wieder einstellig geworden ist, das ist kein Thema?

Der umständlich verzettelte Aufbau der Webseite erleichtert es dem Lesewilligen auch nicht gerade; kommt halt davon, wenn der eigene Geschäftsführer auch noch CEO und Gründer der Bude ist, die das Content Management System für den «Nebelspalter» entwickelte. Der findet überraschenderweise sein Produkt ziemlich toll und weigert sich im Übrigen, auf Fragen zu antworten. Weil Hochmut bekanntlich vor dem Fall kommt.

Gab’s denn noch keinen Brüller vom neuen «Nebelspalter»?

Also hat der Nebi bislang keinen einzigen Brüller produziert, einen richtigen Hammer, etwas, das die anderen Medien aufnehmen mussten, das für Aufmerksamkeit sorgte? Jein, muss man da sagen.

Der Ansatz war da: «Breaking News» lärmte der NL am Donnerstag. War zwar nicht ganz der richtige Begriff, aber so in der Eile … Die News war: «Toni Brunner will ins Parlament zurück.» Die Spekulation: «Bundesratsambitionen»? Brunner als Brückenbauer und SVP-Retter und Garant für eine bürgerliche Corona-Bekämpfung, das wär’s.

Hat er Grund zum Grinsen? Toni Brunner.

Aber wieso sollte er das ausgerechnet dem «Nebelspalter» verraten? Einschaltquote kaum messbar, also eine schlechtere Plattform hätte er sich nicht aussuchen können. Dafür wäre ihm nicht nur die WeWo, sondern natürlich auch die NZZ offen gestanden. Oder wollte der Nebi damit klarstellen, dass er die Nachfolgelösung für Christoph Blocher hat, und die heisst nicht Roger K.? Und auch nicht Magdalena M.?

Aber gut, vielleicht war Brunner ja dem Witz und Charme des Chefredaktors Markus Somm erlegen. Immerhin, das wäre tatsächlich mal ein Knaller gewesen. Solange, bis die von vielen schon erwartete Auflösung im zweiten NL des Tages kam: «April, April.» Danach wird es wieder etwas holprig, wenn der Nebi versucht, witzig zu sein.

Er verkündet seinen Lesern, dass der Donnerstag der 1. April sei, was denen ja auch mal gesagt werden musste. Um fortzufahren:

«Toni Brunner, der Charismatiker aus dem Toggenburg, wird nicht in die Politik zurückkehren, wie er uns in einem exklusiven Interview im Nebelspalter versprochen hat. For the record: Er hat das Interview vergangene Nacht um 2 Uhr 03 autorisiert, nachdem wir uns diesen Aprilscherz einige Stunden zuvor ausgedacht hatten. Er war bei Verstand, ich auch.»

Ach ja? Zu dieser nachtschlafenden Zeit entsteht noch schnell ein Aprilscherz beim «Nebelspalter»? Weil der 1. April einen zwar jedes Jahr, aber immer wieder so unerwartet anspringt? Ui, ui. Also weiter nach der Devise: Scherz lass nach.

1939: Das waren noch ganz andere Zeiten – und ein anderer «Nebelspalter».

Ex-Press XXXIII

Blüten aus dem Mediensumpf.

 

Die Ringier-Frauen

Zunächst muss ZACKBUM ein Geständnis machen. Räusper, hüstel, kopfkratz. «Der geheime Aufschrei der Ringier-Frauen» ist so geheim, dass er nicht stattfand. Es gibt auch kein Protestschreiben, noch viel weniger ein Gespräch mit Ladina Heimgartner. Vielmehr wurde das tatsächlich nicht autorisiert. Weil es nicht stattfand. Genauso wenig, wie sie mit Marc Walder über das Thema Belästigung spricht.

Das Foto der aus dem Untergrund durchbrechenden U-Bahn ist nicht echt. Aber auch keine Fake News, es ist Kunst.

April, April. Tun wir nur an diesem Tag, weder vorher noch nachher. Niemals nicht. Sonst ist alles die volle Wahrheit, die reine Wahrheit, was hier steht. Echt jetzt, ungelogen. Die reine Wahrheit und die reine Meinung von René Zeyer. Nichts mehr. Auch nichts weniger.

 

Die Tagi-Lüge

Man muss das so grob formulieren. Denn das ehemalige Qualitätsorgan erteilt einem Gastkommentator das Wort. Der Jung-Jurist Loris Fabrizio Mainardi arbeitet sich am Thema Meinungsfreiheit ab. Die Vorlage liefert – Überraschung – die Protestbewegung gegen die Corona-Massnahmen der Schweizer Regierung, insbesondere die – erlaubte – Demonstration in Liestal.

Titel: «Meinungsfreiheit ist heilig – in klaren Grenzen». Auf das Wort heilig kommen wir noch zurück. Das ist eine Binsenwahrheit. Es gibt keine absolute Freiheit, gäbe es sie, wäre es absolute Willkür, die Freiheit des einen auf Kosten der Freiheit der anderen. An dieser Widersprüchlichkeit argumentiert Mainardi recht differenziert entlang.

Offensichtlich viel zu differenziert für den Tagi. Denn der haut dem Kommentar diesen Lead in die Fresse: «Von den Demonstrationen der Corona-Lügner geht eine unmittelbare Gefahr aus. Sie werden zu Recht verboten.»

Grenzenlose Freiheit beim Lead.

Das stammt nun eindeutig aus der untersten Schublade des Werkzeugkastens für Demagogie. Mainardi ist differenziert genug, das Wort «Corona-Lügner» nicht zu verwenden. Nicht zuletzt, weil es sich höchstens als inhaltsleere Abqualifikation eignet. Nicht mal als Aprilscherz ist das brauchbar.

Das ist meine Meinung, meint der Tagi

Die «unmittelbare Gefahr» nimmt der Tagi aus dem Urteil des obersten Bundesgerichts der USA – von 1919. Propaganda gegen Kriegsrekrutierung sei nicht durch die Verfassung geschützt, zitiert Mainardi. Sobald von einer Meinungsäusserung eine «clear and present danger» ausgehe, müsse sie verboten werden.

Das Gericht nahm als Beispiel einen Theaterbesucher, der ohne Grund «Feuer» schreit und damit eine Panik auslöst. Ob die kühne Brücke hält, auf der Mainardi  von den «Verteidigungsmassnahmen im Kriegsfall» zu den «staatlichen Bekämpfungsmassnahmen» gegen die Pandemie balanciert, wäre sehr die Frage.

Genauso, ob er deshalb alle Manifestationen gegen diese staatlichen Massnahmen verbieten möchte. Zumindest sieht er Protest dagegen kritisch; anderswo zieht er die Grenzen der Meinungsfreiheit weiter:

«Wenn Bill Gates, Putin oder andere Potentaten als Verursacher der Krise gebrandmarkt werden, ist es Sache derer Anwälte, dagegen vorzugehen.»

Es ist zumindest originell, Gates als Potentaten zu bezeichnen und auf eine Ebene mit Putin zu heben. Aufgrund seines Glaubens ist Mainardi bei einer anderen Institution mit einem Potentaten an der Spitze lockerer in der Grenzziehung der Meinungsfreiheit. Zur uralten Debatte über die Teilnahme der katholischen Kirche in politische Auseinandersetzungen hat er eine klare Auffassung: «Eine kirchliche Einmischung in die politische Diskussion ist demnach bisweilen theologisch geboten wie demokratisch zulässig, wird sich aber auf ethische und moralische Grundsatzfragen zu beschränken haben.»

Das Läutwerk des Katholizismus.

Das ist seine freie Meinung zu heiligen Ansichten, die er ungeniert äussern darf. Was hingegen der «Tages-Anzeiger» als Lügen-Lead über seinen Kommentar gestellt hat, ist nicht nur handwerklich aschgrau.

 

Wenn sich der «Blick» den Strick gibt

«Hass-Opa fordert Christa Markwalder zum Selbstmord auf», blökt der «Blick» am Karfreitag.  Ganz üble Sache? Ganz übler PR-Stunt der Dame, der man einen grossen Drang in die Medien nicht absprechen kann.

Der «Blick» macht’s ihr aber auch kinderleicht. Denn diese Drohung erreichte sie – letztes Jahr am 24. Dezember. Öffentlich beklagt über zunehmend garstigere Drohungen gegen Politiker hatte sie sich damals auch schon.

Aber warum nicht nochmal. Also darf der «Blick» den handschriftlichen Drohbrief samt dem beigelegten Strick abbilden. Und den Rentner Willi Z. mit vollem Namen, Adressangabe und Foto als Urheber vorführen. Der 83-Jährige darf sich rühmen: ««Ich habe Freude, dass die Sache bekannt geworden ist», feiert der pensionierte Metzger seine pietätlose Aktion.»

Hart recherchiert: Brief und Strick.

Schlaumeierisch will er sich zudem herausreden; «der Strick war nur ein Angebot an Frau Markwalder und in keinem Fall als Drohung gemeint», behauptet er.»

Dem «Blick»-Ostschweiz-Korrespondenten Marco Latzer gelang es sogar, den Wut-Rentner in seiner Stube zu fotografieren. An der Wand Säbel, ein Katzenfoto und ein Porträt von

General Guisan, «über den Willi Zürcher ebenso ehrfürchtig spricht wie über SVP-Übervater Christoph Blocher (80)».

Aha. Latzer wurde schon vom Presserat wegen fehlender Autorisierung von Quotes und identifizierender Berichterstattung in einem anderen Fall gerügt. Auch Witwenschütteln gehört zu seiner Berufsausübung. Hier hätte er einen verwirrten alten Mann, der seine Drohung zudem wegen einer missverstandenen Äusserung von Markwalder ausstiess, vor sich selbst schützen müssen. Aber he, wie da der «Blick» sagen würde, es ist Karfreitag, kaum was los in der Schweiz. Oder wie Latzer schon in einem Bericht über die mehrfache Vergewaltigung einer 15-Jährigen zum Motiv des Täters sagte: «Das Witzige daran ist, also es ist natürlich ein tragischer Fall.» Ein Gemütsmensch.

«Medienwoche»: Vom Delirium ins Koma

«Edito», «Schweizer Journalist», persoenlich.com, «Medienwoche». Das Elend der Medienbranche spiegelt sich im Elend der Medienkritik.

Die «Medienwoche», vom strammen Medienkenner Nick Lüthi (ehemals «Klartext», das waren noch Zeiten) gemacht, wurde bislang dadurch verhaltensauffällig, dass sie aus Spargründen Tieffliegern mit wenig Kompetenz, aber viel Gesinnung Platz zum Austoben bot.

Das vorletzte Beispiel des Niedergangs war ein «wir sind alle so betroffen und haben uns furchtbar lieb»-Gespräch mit unter anderen der Mitverfasserin des Tagi-Protestschreibens Aleksandra Hiltmann. Nur wer Streicheleinheiten, unterbrochen vom Klagechor über die garstige Welt, für erquicklich hält, konnte sich das antun.

Lüthi selbst versuchte wenigstens, noch einigermassen an das Niveau von früher zu erinnern. Das hat er nun aber auch aufgegeben. In der Sammelsurium-Rubrik «The Good, the Bad & the Ugly» zieht er als der Gute über die Bösen und Hässlichen bei nau.ch her.

In einer Art, bei der man sich fragt, ob es Böswilligkeit oder schlicht Unfähigkeit ist. «Bei nau.ch ist das Mass voll», nimmt er schon im Titel den Mund ziemlich voll. Bei der «Medienwoche» ist hingegen «Flasche leer».

So sieht Delirium im Bild aus; gleich folgt’s als Text.

Denn ein solches Stück perfider Realitätsumordnung verdient es, vollständig serviert zu werden:

«Eine so prominente Plattform kriegt man nur selten gratis und franko, erst recht nicht als junges und politisch randständiges Grüppchen. Doch «Mass-voll», ein Verein radikaler rechts-libertärer Corona-Massnahmengegner, konnte dieser Tage auf die publizistische Unbedarftheit von «Nau.ch» zählen.

Innerhalb von drei Wochen erhielten gleich zwei Exponentinnen von «Mass-voll» eine Carte blanche auf der Nachrichtenplattform. Ungefiltert und reichhaltig illustriert mit Propagandabildern durften sie ihren Verein vorstellen. Sie dankten es mit fleissiger Verlinkung auf Social Media. Eine kritische, journalistische Einordnung durch die Redaktion fand nicht statt. Es war an einem Gastautor, das nachzuholen.

Kolumnist Reda El Arbi knöpfte sich «Mass-voll» vor und wies unter anderem auf die Affinität einzelner Mitglieder zu Verschwörungstheorien hin. Inzwischen hat «Nau.ch» El Arbis Kolumne gelöscht. Aus juristischen Gründen, wie eine Sprecherin mitteilt. Weiterhin online steht dagegen ein Artikel, in dem ein «Mass-voll»-Vertreter ohne Belege behaupten darf, Juso-Mitglieder hätten bei Kundgebungen von Massnahmengegnerinnen «vermummt ältere Menschen hinterrücks angegriffen».

Im Umgang mit «Mass-voll» hat «Nau.ch» kläglich versagt.

Wie die MEDIENWOCHE vernommen hat, ist sich die Chefetage dessen durchaus bewusst. Man stehe an einem Wendepunkt und werde die Vorgänge der letzten Wochen vertieft analysieren müssen, heisst es. Es kann nur besser werden.»

Diese Hoffnung muss man aber bei der «Medienwoche» fallen lassen. Obwohl die Kniffe von Lüthi durchaus in jedes Demagogie-Lehrbuch gehörten. Sie sind allerdings nur für Uninformierte nicht durchschaubar.

Demagogie-Lehrbuch für Anfänger

Der erste Kniff ist so banal wie blöd. Eine Umkehrung der Reihenfolge. Lüthi tut so, als ob ein unbedarftes nau.ch der Gruppe jugendlicher Gegner der Corona-Politik aus reiner Blödheit «carte blanche» gegeben habe, wo die dann ohne Einordnung ihre völlig verquere Weltsicht ausbreiten konnten. Daraufhin habe dann immerhin «Kolumnist Reda el Arbi sich «Mass-voll» vorgeknöpft» und auch «auf die Affinität einzelner Mitglieder zu Verschwörungstheorien hingewiesen».

Immerhin, will Lüthi damit sagen, einer hat’s gemerkt. Aber das soll nur auf die Zielgerade führen, denn: «Inzwischen hat nau.ch El Arbis Kolumne gelöscht.» Haha, unter welchem Vorwand? «Juristische Gründe.» Ihr Pfeifen, ruft Lüthi der nau-Redaktion zu, «kläglich versagt».

Nein, lieber Nick, das musst Du Dir schon selbst auf die Brust kleben. Mit diesem Schmierenstück, in dem du die Realität passend machen willst. Denn in Wirklichkeit war es so: El Arbi hatte eine Zeitlang bei nau.ch eine «carte blanche» als einziger Kolumnist. Wie schon bei anderen Organen tobte er sich so hysterisch aus, dass er diese Vereinigung als «eine antidemokratische, in Verschwörungstheorien verfangene Rattenfängerbande» beschimpfte.

So sieht eine durchschnittliche El-Arbi-Kolumne aus.

Die einzige Unbedarftheit von nau.ch bestand darin, ihm diese Verleumdung durchgehen zu lassen. Nach ähnlichen Vorfällen und diesem völligen Ausraster zog man El Arbi tatsächlich den Stecker, löschte die Kolumne und liess ihn sogar noch eine säuselnde Abschiedskolumne schreiben.

Wie es sich gehört, durfte nach dieser Schlammdusche «mass-voll» Gegenrecht halten und sich selbst vorstellen. Da dabei nicht der Bereich der Strafbarkeit betreten wurde, kamen die Texte genauso unzensiert wie die von El Arbi zuvor. Aber ein solches normales und anständiges Vorgehen ist für Lüthi völlig unverständlich.

Dabei hätte er die wahre Story auch auf ZACKBUM nachlesen können. Aber weil er ähnlich gestrickt ist wie El Arbi, will er sich doch nicht von der Realität eine saftige Polemik kaputtmachen lassen.

Dass er so nicht nur durch die Beschäftigung von journalistischen Bruchpiloten, sondern nun auch durch eigenes Versagen seinen und den Ruf der «Medienwoche» verspielt, ist bedauerlich.