Die Wüste lebt

Lena Bueche leistet dem Lokaljournalismus einen Bärendienst.

«Lokaljournalismus lebt» ist der Titel zu einem längeren Artikel von Lena Bueche in der «NZZ». Was löblich tönt, beginnt schon mit einem kreuzfalschen Einstieg. «Viele Lokalzeitungen sind in den letzten Jahren verschwunden – entweder wurden sie eingestellt oder von einem der grossen Medienhäuser einverleibt. Denn wie auch der Rest der Medienbranche stehen sie unter wirtschaftlichem Druck: Die Werbeeinnahmen gehen zurück, Nachrichten werden gratis im Netz konsumiert, online verdrängt Print.»

Erstaunlicher-, ja erfreulicherweise, sind in den letzten Jahren praktisch keine Lokalzeitungen eingegangen. Als negative Ausnahme gilt die Rhonezeitung im Wallis, ein Gratisblatt mit immerhin über 40000 Exemplaren wöchentlich. Sie erschien im März 2020 zum letzten Mal. Schon 2018 erwischte es den Rigi-Anzeiger. Einige Wochen später barfi.ch, ein Basler Onlineportal. Auch die Waadtländer Gratis-Wochenzeitung Le Régional verschwand, im Mai 2020. Den als Print nicht mehr erscheinenden «Le matin» in der Westschweiz hingegen kann man nicht als Lokalzeitung bezeichnen, ebenso wenig wie die 2018 Knall auf Fall eingestellte Tessiner Tageszeitung «Giornale del Popolo».

Die vielen Quartier- und Lokalzeitungen gedeihen prächtig

Das sind alles Ausnahmen, welche die Regel bestätigen: Die vielen Quartier- und Lokalzeitungen gedeihen erstaunlich prächtig. Auch die Coronakrise kann ihnen vorderhand wenig antun. Lokale Inserenten sind zumeist sehr treu. Warum also kommt Lena Bueche auf so ein schräges Fazit? Zugegeben, es tönt gut. Und bildet die Legitimation, damit Bueche nachher die üblichen Verdächtigen in Sachen «Lokale Onlineportale» aufs Podest schreiben kann. Sie tut dies mit der rührenden Bemerkung, damit würde «der Lokaljournalismus wiederbelebt und zukunftstauglich gemacht». Wiederbelebt? Ist er klinisch tot? Nur weil die «NZZ» ihre lokalen Seiten stetig zusammenkürzt, muss das noch nicht für die ganze Branche gelten. Ebenso nicht, wenn Tamedia wie von ZACKBUM.ch schon im November gemeldet, ihre kantonalen Redaktion der Landzeitungen Zürichsee-Zeitung, Landbote und Zürcher Unterländer zusammenlegt.

Es gibt eine enorme Menge an Quartier- und Lokalzeitungen, die den Mikrokosmos der Schweiz repräsentieren. Es mag für Aussenstehende nicht besonders interessant sein, wenn der Chorleiter von Döttigen sein 30-Jahr-Jubiläum feiert. Wenn die GLP ihre Kandidaten für die Schulpflege in Oberrohrbach nominiert. Wenn die Feuerwehr Zollikon ein neues, nicht gerade günstiges Multifunktionslöschfahrzeug vorstellt. Und wenn 124 Unterschriften zur Rettung des Restaurants Frieden in Unter-Affoltern gesammelt wurden. Aber es interessiert im Dorf oder in der Kleinstadt. Vielleicht mehr als die xte Analyse über Donald Trump.

Kreuzverkehrte Analyse, kreuzverkehrtes Lob

Darüber schreibt Lena Bueche aber keine Zeile. Lieber verklärt sie Portale wie «Tsüri», «Bajour» und «Kolt» (aus Olten) zu Rettern des Lokaljournalismus. Dabei sind die Mitgliederzahlen, herkömmlich Abonnenten und in der Republik-Sprache «Verleger» genannt, oft erstaunlich tief. «Tsüri.ch» zum Beispiel hat deren 1200. Allein der Verband Schweizer Regionalmedien umfasst 25 Blätter mit einer Leserschaft nach Wemf von 1,5 Millionen. «Bajour» behauptet, knapp 2500 «Member» zu haben. Die Höngger Zeitung in Zürich zum Beispiel gibt es seit 1926. Jenem Redaktionsteam muss man nicht unbedingt sagen, wie Lokaljournalismus geht. Die Auflage dieses Quartierblattes: 13200.

«Tsüri» hingegen ging kürzlich nach Schwamendingen, einem Aussenquartier von Zürich. Der Artikel beginnt so: «Schwamendingen hat es nicht einfach. Googelst du danach, schlägt dir die Suchmaschine automatisch Schwamendingen Ghetto vor.» Dann folgt die Aufzählung aus Google: «Der Kreis 12 im Norden von Zürich setzt sich aus den Quartieren Saatlen, Schwamendingen-Mitte und Hirzenbach zusammen. Er zählte 2019 rund 33’000 Einwohner*innen. Der Anteil Ausländer*innen liegt mit 35,9 Prozent ein paar Prozent über dem städtischen Durchschnitt von 32,2 Prozent». Undsoweiterundsofort. Das soll also der neue Lokaljournalismus sein. Frau Bueche, schreiben Sie doch nächstes Mal über die wahren Lokalzeitungen.

Ex-Press XVI

Blasen aus dem Mediensumpf

Wir beginnen mit einer guten Nachricht: In dieser Ausgabe gibt es kein Wort über Corona. Ausser ein positives: Immerhin haben wir es diesem Virus zu verdanken, dass Donald Trump nicht wiedergewählt wurde.

Oder, wie er es bis heute sieht: ihm sein Erdrutschsieg mit Betrug und Schummelei gestohlen wurde. Deshalb hat er als erster – und hoffentlich letzter – US-Präsident seine Anhänger aufgefordert, zum Capitol zu marschieren und dort Stärke zu zeigen.

Wie verarbeitet das nun die Schweizer Presse? Nützt sie die bekannte Bedächtigkeit, Neutralität, das Abwägen, werden die selbsternannten Qualitätsmedien ihrem Anspruch gerecht, für Mehrwert mehr verlangen zu dürfen?

Das Zentralorgan der professionellen Berichterstattung

Fangen wir beim Zentralorgan für differenzierte Berichterstattung an. Der «Blick» verfügt über einen Hobby-Korrespondenten in den USA. Der 25-Jährige MAZ-Absolvent beobachtet messerscharf die politischen Ereignisse in den USA. Vom seinem Wohnsitz San Diego aus, im Süden Kaliforniens. Da ist Washington 3656 km entfernt, oder fast 5 Flugstunden.

Ausser, der «Blick» spendiert seinem Korrespondenten ein Ticket. Aber den Sturm aufs Capitol hat Nicola Imfeld, «USA-Korrespondent der Blick-Gruppe» in seinem sicheren Wohnzimmer seiner WG erlebt. Da hat er – wie alle anderen im 6647 km von Washington entfernten Zürich – die Ereignisse in der Glotze verfolgt.

Aber, diesen Vorteil hat man in Zürich natürlich nicht, er kann sofort eine erste Reaktion aus den USA anbieten; die seines «total unpolitischen Mitbewohners». Das ersparte ihm eine erste Strassenumfrage, und die Reaktion ist bedeutungsschwanger: Denn der «legte seine Arbeit im Homeoffice nieder. Für Stunden! Ungläubig sass er vor dem TV-Bildschirm im Wohnzimmer. «Warum habt ihr uns zur Weltmacht werden lassen?», fragte er und stellte gleich fest:

«Wir verdienen es nicht!»

Ein erstes, erschütterndes Zeugnis aus San Diego. Weltexklusiv! Lässt sich das noch toppen? Schwierig, aber Imfeld macht’s möglich: «Es war ein trauriger Tag. Ich habe neben meinem Mitbewohner auf der Couch eine Träne verdrückt. Er hat sich geschämt.»

Einordnung und Analyse? Was ist das

Bevor wir auch zum Taschentuch greifen, was hat der USA-Korrespondent des immerhin grössten Medienhauses der Schweiz an Analyse und Einordnung zu bieten? Leider nicht viel, ausser einem guten Ratschlag für die Republikaner: «Die Partei muss eine starke Alternative bieten, die die berechtigten Sorgen ihrer Wähler ernst nimmt. Aber keine Frau oder keinen Mann, die Amerika in eine Diktatur verwandelt.»

Hoffentlich hören die Amis auf die Schweizer Stimme der Vernunft, wenn auch syntaktisch nicht ganz sattelfest, aus dem fernen San Diego.

 

Der trumpelnde Tages-Anzeiger

Sicherlich auf ganz anderem intellektuellen Niveau wird sich doch die Analyse und Einordnung des Tamedia-Konzerns bewegen, der mit seinen Blättern immerhin die halbe Deutschschweiz beschallt.

Nun ja, da hat Tamedia gleich zwei Probleme. Die intellektuelle Schwerarbeit nimmt ihm bekanntlich das Korrespondentennetz der «Süddeutschen Zeitung» ab, der man nun wirklich nicht vorwerfen kann, dass sie jemals unparteiisch über Trump berichtet habe. Im Gegenteil, schon unzählige Male sah die SZ die US-Demokratie in Gefahr. Was immer besonders lustig ist, wenn das eine Zeitung aus einem Land sagt, dem die USA vor 75 Jahren die Demokratie aufzwingen mussten – gegen den erbitterten Widerstand der Deutschen.

Das ist ja kein Schweizer Problem. Das zweite von Tamedia ist aber, dass der Konzern faktisch kaum mehr eigene Auslandberichterstattung hat, aber immer noch einen Auslandchef. Der musste natürlich seinem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser kommentarmässig den Vortritt lassen, aber endlich durfte dann Christof Münger auch.

Nun ist das Thema leider auch auf seiner Flughöhe ziemlich durch, erledigt, zu Tode kommentiert. Ausser, jemandem fiele etwas Neues ein. Dafür ist Münger aber nicht zu haben. Er hält sich ans Bewährte. Vom Titel «Brandstifter Trump und seine Biedermänner» (Achtung, Bildungsalarm, Anspielung auf Max Frisch), über den «Tag der Schande» und natürlich zum Schlussakkord in D-Moll:

«Es geht ums grosse Ganze, um Demokratie oder Diktatur.»

(Artikel hinter Bezahlschranke.)

Schon wieder, kann man da nur gelangweilt weiterblättern. Schon wieder rausgeschmissenes Geld für News und Meinungen, die man sich gratis bei CNN und vom Nachbarn holen kann.

 

Die «Weltwoche» in Verteidigungsmodus

Interessanter ist natürlich, wie sich das Hauptquartier der Schweizer Trump-Versteher, durchaus auch Trump-Lobhudler, Trump-Bewunderer, sogar Fans des vollirren und vielfach gescheiterten Steve Bannon, auf den Rückzug begibt. Der darin seinem ehemaligen Chef nicht unähnlich ist. Sowohl Roger Köppel wie der Trump-Groupie Urs Gehriger, bekannt für copy/paste-Journalismus, müssen online das Weite suchen, weil die jüngsten Ereignisse ihres gefallenen Lieblings mal wieder nach Redaktionsschluss stattfanden.

Beide probieren es mit dem eingesprungenen Doppelaxel. Man erhebt sich in die Luft, dreht und wendet sich, gibt Trump die Schuld am Wahldebakel in Georgia und weist nun streng darauf hin, dass er hier eine rechtsstaatliche Grenze überschritten habe. Aber ein Doppelaxel besteht aus zwei Drehungen, also muss natürlich der Objektivität halber auch darauf hingewiesen werden, dass diese Spaltung der US-Gesellschaft von Brandstiftern hüben und drüben verursacht worden sei. Und dass es selbstverständlich Wahlbetrug und Manipulationen gab, einfach nicht so arg, wie Trump behauptet.

Ob die beiden nach diesem Sprung auch sicher wieder landen – oder ob sie auf dem Eis ihrer vorherigen Rhetorik kräftig auf die Schnauze fallen, das wird sich noch weisen.

 

Telegene CH Media

Wenn einem schon die meisten Privat-TV-Sender der Schweiz gehören, sollte man das doch auch ausnützen. Also lässt CH Media im hauseigenen «Talk täglich» ihren Auslandchef Samuel Schumacher gegen das Einmann-Orchester Roger Köppel antreten. Das dürfte den zweiten real existierenden Auslandredaktor der zwei Dutzend Kopfblätter im CH Media-Reich recht ins Schwitzen gebracht haben. Aber Schumacher schlug sich tapfer, während Köppel doch den Eindruck erweckte, dass er noch am Üben ist, wie er sich aus dieser selbstverschuldeten Peinlichkeit wieder herauswinden will.

Netterweise stellt CH Media ein «Best of» zur Verfügung, länger möchte man das auch nicht aushalten müssen. Was bietet dieses Haus der publizistischen Qualität sonst? Wenig, sehr wenig.

In letzter Verzweiflung staubt es den beinahe 85-jährigen Erich Gysling ab und widmet ihm als «US-Experten» sogar eine Sondersendung, deren Erkenntnisgewinn schon im Titelzitat aufblitzt: «Die Trump-Bewegung wird auch unter Biden weitergehen.»

Zudem ist die Bezeichnung US-Experte eigentlich eine Beleidigung für Gysling. Er ist schlichtweg Experte für alles, was ausserhalb der Schweiz stattfindet. Die arabische Welt, Afrika, China, Asien, USA, Amerika, wo es einen Experten braucht, da ist Gysling. Seit Peter Scholl-Latour tot ist, hat er diese Position auch unangefochten als Einziger.

 

Was nichts kostet, ist nichts wert?

Da ist in der Schweiz die interessante Antwort: jein. Nachdem «watson» im ersten Schock die USA schon wieder am Rande des Abgrunds sah, hat es sich wieder gefangen und kehrt zu den Listicals zurück. Im Falle von Trump und USA zu «Hier gibt’s 27 lustige Tierbilder». Oh, Pardon, verrutscht, ich meine natürlich «30 Bilder und Videos, die «Trumps Amerika» auf den Punkt bringen»:

Wer mir erklären kann, was daran lustig ist, gewinnt ein Gratis-Abo von ZACKBUM.ch.

Der hoffnungsvolle Jungredaktor, der diesen Schrott zusammengestellt hat, zählte offenbar auf überwältigende Reaktionen und weist vorsichtshalber darauf hin, dass allenfalls Tweets zunächst in der Queue steckenbleiben könnten. Da hat er sich vergblich Sorgen gemacht, Tweets 8 Stunden nach Veröffentlichung: null.

Von 0 auf 20

Von dieser Nullnummer nun zu «20Minuten». Man hat es wohl noch nie als so segensreich empfunden, dass sich das Blatt konsequent jeden Kommentars enthält. So hat Chefredaktor Looser, nicht zuletzt in unserer Preisverleihung für Journalisten des Jahres dekoriert, im Gegensatz zu ziemlich allen Kollegen auf der Welt und in der Schweiz darauf verzichtet, seine Leser davon in Kenntnis zu setzen, dass auch er sehr indigniert ist über diesen US-Präsidenten, das Schlimmste befürchtet, aber das Beste hofft.

Bravo.

 

Die gute, alte NZZ

Wurde die alte Tante auch durchgeschüttelt, sieht sie die USA am Abgrund oder über genügend Selbstheilungskräfte verfügend? Verurteilt sie, schämt sie sich wenigstens? Distanziert sie sich, wagt auch sie schräge Vergleiche zwischen dem Sturm aufs Capitol und der Besetzung des Bundesplatzes, die gerade einem FDP-Mann den (wohl erwarteten) Shitstorm bringen?

Auch auf die Gefahr hin, als deren ehemaliger Korrespondent der Parteilichkeit bezichtigt zu werden: Nö, sie versucht das, was alle anderen in der Schweiz nicht mal im Ansatz liefern: eine differenzierte Berichterstattung mit Manpower:

Keine einfachen Beschreibungen: Das ist NZZ at its best.

Aber eben, was ist das schon gegen die Feuerkraft der selbsternannten Bezahl- und Qualitätsmedien, die ja nicht nur einfach das schreiben, von dem sie hoffen, dass es bei ihrem Publikum am besten ankommt. Sondern auch, sich damit noch mehr Staatsbatzeli zu erschreiben.

Aufgefallen II (Samuel Schumacher)

Schumacher ist ein kleiner Tausendsassa. Allerdings nicht ganz sattelfest.

Zunächst eine kurze Würdigung von Mann und Werk. In seinem noch jungen Leben war Schumacher bereits Mitbegründer der Quatsch-Zeitschrift «Das Lamm», Reporter und nun Leiter Auslandredaktion bei CH Media. Da sind seine leitenden Funktionen allerdings überschaubar, bei einem weiteren Mitarbeiter.

Deshalb pumpt er sich bei Linkedin mächtig auf: «Als Auslandchef bei CH-Media koordiniere ich die Zusammenarbeit mit 40 KorrespondentInnen rund um den Globus. Dazu kommen gelegentliche Auftritte in TV-Diskussionssendungen.»

Unglaublich, dass ihm zudem nicht nur Zeit dafür bleibt, über die USA, China und den Nahen Osten zu schreiben. Ein wirkliches Multitalent, dessen wahre Fähigkeiten nur dann zu ermessen sind, wenn man weiss, dass er auch noch «als Trekking-Guide beim Wanderreise-Anbieter Imbach Reisen regelmässig zweiwöchige Touren durch China, das Königreich Bhutan und Palästina/Israel» leite.

Eine Nicht-Glosse zu einem Nicht-Thema zu einem Nicht-Moment

Wahrscheinlich braucht der Mann keinen Schlaf, denn selbst an Weihnachten rafft er sich dazu auf, sich mit einem brandaktuellen Thema zu beschäftigen, über das allerdings schon so ziemlich alles gesagt und geschrieben wurde. Aber nicht von allen, also muss sich auch ein Ausland-Chef noch zu Wort melden, mit einer «Glosse zu Donald Trump». Wahnsinn, darauf hatte die Welt so lange vergeblich gewartet.

Er will zwar seinen Mitbürgern mehr als das Parlament helfen, aber das wäre wohl eine Fake News.

Nun fangen aber seine Probleme schon beim ersten Wort an. Entweder weiss bei CH Media keiner, was eine Glosse ist, oder man hält seinen Beitrag tatsächlich für komisch oder satirisch. Der erste Satz mag da vielleicht noch durchgehen:

«Donald Trumps Unterschrift sieht ein bisschen aus wie die zittrige Aufzeichnung eines Seismographen nach einem mittelschweren Erdbeben.» Nach diesem Brüller wischen wir uns die Lachtränen aus den Augen und erwarten mehr. Das ist aber im heutigen Elendsjournalismus fast immer die falsche Einstellung. Denn es kommt nichts mehr an Glosse.

Nach starkem Anfang stark nachlassen

Sondern die übliche Latte an Vorwürfen. Trump habe doch tatsächlich 204 Executive Orders in seiner Amtszeit unterzeichnet. Damit könne er jeweils den Gesetzgebungsprozess im Parlament umgehen. Man muss allerdings sagen, dass Trump auch hier eher faul war; sein Vorgänger Obama unterzeichnete 276. Okay, der wurde auch wiedergewählt.

Aber wir wollen ja auf Glosse machen. Also pickt sich Schumacher eine «zunehmende Abstrusität» zeigende Order heraus: Die fordert, dass US-Stadtplaner zukünftig nur noch «schöne Amtsgebäude» bauen dürfen. Wer schon mal in den USA war und monströs hässliche Amtsbunker gesehen hat, kann diese Forderung durchaus verstehen.

Wer allerdings – sicherlich im Gegensatz zu Schumacher – diese Executive Order vom 18. Dezember liest, kann sich durchaus der Meinung der National Civic Art Society anschliessen. Die Non-Profit-Organisation spendet uneingeschränkt «Applaus» für diesen Versuch, Regierungsgebäude weniger Vertretern von Brutalismus oder anderen Modeströmungen zu überlassen.

Zahlreiche Begnadigungen durch Trump, aber an seinen Vorgänger kommt er bei Weitem nicht heran

Dann habe Trump auch noch «zahlreiche weitere Begnadigungen» unterschrieben. Wieso «weitere»? Hat er denn vorher Amtsgebäude begnadigt? Aber item, sein Vorgänger Obama hat an seinem letzten Amtstag noch schnell 330 Knastinsassen begnadigt, Rekord. Das waren mehr als durch seine 12 Amtsvorgänger zusammen. Plus die Reduktion von Haftstrafen bei weiteren 1715 Sträflingen während seiner Amtszeit.

Unvergessen auch die Begnadigung von Marc Rich durch Bill Clinton; der Hasardeur und Händler hatte sich vor der US-Strafjustiz in die Schweiz geflüchtet, aber mit einer kräftigen Spende gut Wetter gemacht. Also eigentlich business as usual, weder aussergewöhnlich, noch eine Glosse. Sondern reines Gewäffel. Aber, das weiss Schumacher aus seinen vielen Jahren journalistische Tätigkeit, nicht nur eine Glosse, eigentlich alles im Journalismus braucht eine Schlusspointe. Soweit richtig, aber bei einer Glosse sollte wenigstens die etwas lustig oder satirisch sein.

Trekking, Führung, Schreibe, Wirtschaft: Nichts ist vor Schumacher sicher

Auf der anderen Seite, so weit unten im Text erinnert sich Schumacher vielleicht nicht an die Kategorie, in der er angeblich schreibt. Aber er bleibt immerhin seinem Leitmotiv treu, der Unterschrift. Die verweigere Trump nämlich unter das 900-Milliarden-Hilfsprogramm, das die «gebeutelte US-Wirtschaft so dringend bräuchte», lässt Schumacher auch noch profunde ökonomische Kenntnisse aufblitzen.

Dann wagt er noch abschliessend den Blick in die Zukunft, dass Trump weiterhin seinen Stift zücken werde, um «weitere Freunde aus dem Knast zu holen und absurde Executive Orders zu unterschreiben».

Das würde man einem Volontär um die Ohren hauen

Wir finden, das ist eine Glosse, die man einem Volontär um die Ohren hauen würde, mit der Ansage: Lern erstmal, was eine Glosse ist, dann schreib eine. Aber weder die 40 Korrespondenten, verteilt über den ganzen Globus, noch sein einsamer Mitarbeiter würden es wagen, dem Auslandchef des Mitglieds des Tageszeitungsduopols CH Media anzudeuten, dass das weder eine Glosse, noch originell, noch interessant, sondern schlichtweg Schrott ist.

Daher hoffen wir, dass Schumacher mehr seine Kernkompetenz Trekking ausbaut, sich nur noch um das Redigieren von Korrespondenten-News kümmert und so dem Ausland eine kleine Chance gibt, einigermassen unbeschädigt in die Spalten von CH Media zu kommen.

 

 

Die Westentaschen-Philosophin

Barbara Bleisch tut etwas, was man unbedingt vermeiden sollte: In der falschen Gewichtsklasse boxen.

Nun gut, sie ist keine Boxerin, sondern prügelt auf die Philosophie ein. Die musste zwar schon vieles ertragen, aber wieso sie alle paar Wochen in den Organen von Tamedia misshandelt wird, bedürfte wohl einer tiefenphilosophischen Analyse.

Aber machen wir es banal-verständlich, denn Banalisierungen sind Bleischs Steckenpferd. In ihrer neusten Kolumne gründelt sie über der Frage, ob impfen vernünftig sei oder nicht. Das Ergebnis ist absehbar: «Sich impfen zu lassen, ist sicher vernünftig. Und wer will schon mit Zwang zur Vernunft gebracht werden, wenn er aus eigenen Stücken vernünftig sein kann?»

Das ist eine gute Frage; versuchen wir, sie am Beispiel Bleisch zu beantworten. Allerdings ist sie weder aus eigenen Stücken vernünftig, noch dürfte es Sinn machen, sie mit Zwang zur Vernunft zu bringen.

Ein Paradoxon aus der Spieltheorie: Gehen Sie ins Gefängnis. Gehen Sie nicht über Los.

Denn sie verheddert sich auf dem Weg zu dieser Schlussfolgerung einmal mehr rettungslos in halb verstandenen, halb verdauten philosophischen Begriffen. Sie behauptet kühn, dass der Einzelne das geringste Risiko trage, wenn sich alle anderen impfen und er von der Herdenimmunität profitieren könne, ohne sich selbst der Gefährdung einer Impfung auszusetzen.

Aber wenn alle so denken würden, gäbe es keine Herdenimmunität. Soweit banal trivial richtig. Nun ist das aber noch viel zu kurz, um die Kolumne zu füllen. Daher muss Bleisch noch ein paar Raketen steigen lassen. Die Impfung sei «der klassische Fall eines Paradoxons, das aus der Spieltheorie bekannt» sei.

Eigentlich ist das nicht bekannt, es ist auch kein Paradoxon, und die Spieltheorie befasst sich nicht mit banalen Dingen wie «Mensch ärger dich nicht». Sondern sie befasst sich mit Situationen, in denen verschiedene Subjekte miteinander interagieren, kooperativ oder nicht-kooperativ. Das wird dann ziemlich schnell sehr mathematisch und sehr komplex.

Natürlich darf Immanuel Kant nicht fehlen

Also nichts für Bleisch. Die kann sich offenbar dunkel daran erinnern, dass die Entwicklung der Spieltheorie mal etwas mit dem «homo oeconomicus» zu tun hatte, also mit dem postulierten Wirtschaftssubjekt, das rundum informiert zweckrational nur die besten Entscheidungen für sich fällt. War zwar nur Quatsch, damit der Faktor Mensch in die schönen Algorithmen passte, mit denen die Voodoo-Meister der Ökonomie alles erklären wollten.

Ist längst als Schwachsinn entlarvt und ad acta gelegt. Nur nicht für Bleisch. Die behauptet: «Die Spieltheorie baut auf einen Vernunftbegriff, der sich gänzlich am Eigeninteresse orientiert.» Das ist leider so falsch, dass nicht mal das Gegenteil richtig ist. Der Spieltheorie geht es vielmehr darum, an Beispielen wie dem berühmten Gefangenendilemma aufzuzeigen, dass kooperatives Verhalten erfolgreicher ist als nicht-kooperatives.

Nachdem Bleisch einen unsinnigen Vernunftbegriff eingeführt hat, fällt es ihr nicht schwer, ihm Unsinn, bzw. ein «schweres Defizit» vorzuwerfen: Er halte «uns für ausschliesslich eigeninteressierte Individuen». Das sei natürlich falsch. Das sage übrigens nicht nur Bleisch, sondern, in solchen Zusammenhängen immer gern genommen, das sage auch Immanuel Kant.

Der – schüttel – «moralische Impf-Imperativ»

Nun hat Kant tatsächlich ziemlich viel gesagt, und das auch nicht gerade leicht verständlich formuliert. Er hat es aber ganz sicher nicht verdient, dass Bleisch aus seinem grossartigen kategorischen Imperativ einen «moralischen Impf-Imperativ» macht. Spätestens damit hat sie den Boxkampf gegen die Philosophie nicht nur nach Punkten, sondern durch k.o. gewonnen.

Wo soll das alles enden? Tamedia stellt eine neue Literaturleiterin ein, die wohl Günter Grass nicht von Heinrich Böll unterscheiden kann, die keine Ahnung hat, wer Gregor von Rezzori oder Robert Neumann war, wie viele Pseudonyme Tucholsky benützte, wie man den Unterschied zwischen Heinrich und Thomas Mann auf den Punkt bringen könnte oder welche Schreibtechnik Alfred Döblin verwendete. Nein, «Berlin Alexanderplatz» ist nicht von Rainer Fassbinder.

Und dann schlägt eine Westentaschenphilosophin eins ums andere Mal die Philosophie nieder, als sei sie ein Punchingball für Flachdenker. Woraus das Publikum den falschen Schluss zieht: Literatur und Philosophie, das kann man doch vergessen, wer braucht schon solchen Quatsch.

Emma ist immer für Euch da

Ein abschreckendes Interview reicht nicht. Da muss ein zweites her.

Über 500 Treffer in den letzten sechs Monaten zeigt die Datenbank SMD, wenn man Emma Hodcroft als Suchbegriff eingibt. Das letzte Mal wurde sie bei Tamedia als Antwort auf ein Interview des völlig unbekannten WHO-Sondergesandten in Sachen Corona von CH Media in Stellung gebracht.

Die Erkenntnisse hielten sich aber in sehr überschaubaren Grenzen. Auf der anderen Seite ist dieser Auftritt schon fast einen Monat her, und Hodcroft steht seit Ende November in scharfer Konkurrenz. Denn seither arbeitet sie als Postdoktorandin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern.

Da schiebt sich Christian Althaus in die öffentliche Poleposition; als Twitter-King aller Corona-Unken, als jemand, der 2000 Tweets später gelernt hat: Sag’s einfach, sag’s aufregend, sag’s düster. Und zähle drauf, dass du damit in die Medien kommst; welchen neuen Quatsch du erzählt hast, interessiert morgen keinen mehr.

Da muss Hodcroft, die (noch) nicht Mitglied der grossartigen Taskforce to the Bundesrat ist, natürlich antreten. Aber Twitter ist ziemlich besetzt, da können es nur zusätzliche, regelmässige, lange, langfädige, langweilige Interviews tun.

Während die anderen erschlaffen, grätscht Hodcroft rein

Nun gibt es scheint’s eine – völlig übliche – Mutation des Corona-Virus, und irgendwie haben sowohl Salathé wie Althaus wie die Taskforce den Einsatz verpasst. Da grätscht natürlich Hodcroft hinein.

Denn die bange Frage ist: Gibt’s die Mutation auch schon in der Schweiz, oder kommt sie demnächst? Leider weiss auch Hodcroft nichts Genaueres, aber immerhin ist sie Epidemiologin, das reicht doch, um mit einer neuen Nullaussage in die Medien zu kommen: die neusten Genomanalysen in der Schweiz stammten vom 19. November und umfassten nur eine kleine Auswahl an Covid-Patienten.

Dennoch vermutet Hodcroft, dass das Virus

«möglicherweise bereits in der Schweiz» sei.

Mit dieser Hammer-Erkenntnis schafft sie es immerhin in so ziemlich alle Medien; von SRF über «watson», «20 Minuten», NZZ und immer wieder ins Newsnet von Tamedia. Denn die Thematik «impfen, und wenn ja, warum nicht oder so?» braucht natürlich auch fachmännischen Ratschlag.

Die Taskforce verteidigt ihre Stellung – mit 100 Tweets

Und wer mal in der Pole-Position sitzt, wenn spätestens der Chefredaktor verlangt: Da muss noch eine Expertenmeinung her, bei dem klingelt es ständig in der Mailbox. Und da weder Hodcroft noch ihre Genfer Konkurrentin Isabella Eckerle in der Taskforce sitzen, twittern auch sie, was das Zeug hält.

Denn obwohl sich die Taskforce eigentlich jeder öffentlichen Stellungnahme – ohne Rücksprache mit dem BAG – enthalten sollte, twittern ihre Mitglieder munter drauflos; fast 100 Tweets – pro Tag. Dagegen versucht Hodcroft, mit Emotionalität anzukämpfen; so bemerkte die NZZ in einer grossen Untersuchung des Twitterverhaltens von Wissenschaftlern bei ihr spitz: «Emma Hodcroft klärt uns unter anderem über ihre Pläne für den Weihnachtsrummel auf, und sie lässt uns am Schicksal ihres Laptops teilhaben.»

Dass jeder Wissenschaftler – und auch jede Wissenschaftlerin – einen Platz an der wärmenden Sonne medialer Aufmerksamkeit sucht, ist menschlich verständlich. Karriere, Forschungsgelder, Wichtigkeit. Wieso angebliche Qualitätsblätter ihnen aber immer wieder Gelegenheit zum Luftbacken geben, das ist unverständlich.

Wir holen uns ein paar Nullaussagen ab

Janine Hosp, die aktuelle Interviewerin, ist seit 25 Jahren bei Tamedia. Mehr Qualifikation für ein Epidemie-Interview ist nicht zu erkennen. Aber Hodcroft macht es ihr auch leicht. Denn sie sagt mit wissenschaftlicher Klarheit:

«Niemand will einen harten Lockdown. Aber wenn das mutierte Virus tatsächlich in der Schweiz entdeckt wird und sich rasch ausbreitet, dann werden wir wohl keine andere Wahl mehr haben.»

Das schafft nur eine Postdoktorandin: Ein Satz mit drei Konjunktiven oder Relativierungen. Damit ist er ungefähr so aussagekräftig wie dieser Satz: Wenn morgen Wolken entdeckt werden und sich rasch ausbreiten, dann werden wir wohl keine andere Wahl haben, als die Regenschirme aufzuspannen.

Liebe verzweifelte Redaktoren: Man muss auch mal den Mut zur Lücke haben. Dank 25-jähriger Karriere kann sich Hosp sicher noch erinnern: Es gab mal Zeiten, da wurde ein unergiebiges Interview einfach gespült, dem Leser erspart. Heute wird er lieber damit gequält; Leistung, Output, Klickzahlen.

Keine deutsche Wertarbeit

Eine Qualitätszeitung braucht Qualitäts-Korrespondenten. Theoretisch.

Eigentlich ist das grosse Unternehmen Tamedia in den USA mit eigenen Korrespondenten nicht schlecht bestückt. Umso erstaunlicher, dass es auch hier deutsche Dummschwätzer von der «Süddeutschen Zeitung» in die eigenen Spalten lässt.

«So sterben Demokratien», raunte Hubert Wetzel noch vor einem Monat, der grosse Analytiker der SZ (und damit auch von Tamedia) in Washington. Das ist glücklicherweise dummes Geschwätz von gestern: «Die USA sind im Grossen und Ganzen eine erfolgreiche, stabile Demokratie», säuselt er inzwischen.

Leichte Unsicherheiten zeigt aber der Tagi bei der Titelsetzung. Hiess es noch in der ersten Version «Die US-Demokratie besiegt Donald Trump – und die Republikaner», ist das Qualitätsblatt inzwischen auf den Titel der SZ eingeschwenkt: «Die Demokratie funktioniert doch». Auch die Oberzeile «Analyse» sorgte offensichtlich für so viel Gelächter, dass sie durch ein neutrales «Wahlen in den USA» ersetzt wurde.

Ein deutscher Oberlehrer erklärt den Amis die Demokratie

Es ist immer wieder erfrischend, wenn ein deutscher Oberlehrer, der neben dem Untertan in jedem Teutonen steckt, den Amis mit erhobenem Zeigefinger erklärt, wie Demokratie so geht – und wie nicht. Nur 75 Jahre, nachdem die Amis, zusammen mit der UdSSR, den Deutschen mal wieder Demokratie einbläuen mussten – wogegen sich die Reichsbürger bis zum Letzten wehrten.

Seinen übrigen unangenehmen Eigenschaften hat Wetzel eine weitere hinzugefügt: Er ist auch noch Hellseher. Denn um mit seiner «Analyse» vorne dabei zu sein, ging er Montagmittag davon aus, dass die Wahlmänner mehrheitlich für Biden gestimmt hätten – obwohl diese Formalie noch bis am Abend in vollem Gang war. Man sollte Wetzel hören, wenn Venezuelas Maduro oder Russlands Putin ohne – das sowieso schon vorher feststehende – Wahlresultat abzuwarten, es verkünden würden, bevor der Wahlprozess beendet wäre.

Aber Wetzel hat alle Hände voll zu tun, den USA zu erklären, was demokratisch geht und was nicht. So habe Trump versucht, «durch Tricks im Amt zu bleiben, die vielleicht legal waren, aber auf keinen Fall legitim». Nun ja, Trump ist mit all seinen Versuchen gescheitert, das Wahlergebnis auf dem Rechtsweg anzufechten. Das zeigt einmal mehr, dass er ein Loser, aber gleichzeitig ein schlechter Verlierer ist. Aber dass ihm ein Deutscher Bescheid stösst, was legal und was legitim sei, das hat er nicht verdient.

Crescendo gegen die Republikaner

Wetzel neigt dazu, sich zuerst warmzuschreiben, um damit ein geradezu wagnerianisches Finale con tutti einzuleiten. Da Trump ja bald Geschichte ist, konzentriert Wetzel seinen analytischen Muskel auf die Republikaner. «Schamloser Angriff auf einen Eckpfeiler der amerikanischen Demokratie, ein blanker parteipolitischer Stunt», schäumt Wetzel auf.

Dabei haben sich bloss ein paar republikanische Parlamentarier einer völlig legalen (aber wohl nicht legitimen) Klage in Texas gegen das Wahlergebnis angeschlossen. Was sowohl ihr politisches, wie auch juristisches Recht ist. Ob es schlau ist, wäre eine andere Frage.

Das führt Wetzel, mit einem Zwischenschritt, zum üblichen Crescendo am Schluss. «Demokratie überlebt nur, wenn es genügend Demokraten gibt.» Ein grossartiger Satz von einem Deutschen, in dessen jüngerer Vergangenheit es mehrfach nicht genügend Demokraten gab. Im Gegensatz zu den USA, dort ist die Tradition seit 1776 ungebrochen.

Huldigen die Republikaner einem Möchtegernautokraten?

Nun sei aber nicht mehr ganz klar, ob die «Republikaner noch eine demokratische Partei sind». Oder doch nur «ein Führerkult, der einem Möchtegernautokraten huldigt». Gut, das Wort Führer habe ich reingeschmuggelt, weil es sich Wetzel nicht zu schreiben traute.

Mal für Mal keine deutsche Wertarbeit, sondern die Wiederbelebung des hässlichen Deutschen. Rechthaberisch, überheblich, formt die Realität nach seiner Vorstellung. Als Korrespondent sollte man – dafür ist man vor Ort – dem Leser seine Umgebung verständlich machen, erklären, einordnen. Da ist Wetzel ein Vollpfosten, rausgeschmissenes Geld. Hier gäbe es bedeutendes Sparpotenzial. Zumindest, was die Belästigung durch sein Gefuchtel in Schweizer Medien betrifft.

Ätzend, neutral, anbiedernd

Nachrufe à la Tagi, NZZ und Blick über Lucien Favre.

Der Bundesligafan aus der fernen Schweiz hatte es am Wochenende wieder mal ziemlich schwer. Zwar holte sich Union Berlin mit Trainer Urs Fischer aus Zürich-Affoltern einen Punkt gegen den Ligakrösus Bayern München. Aber am Sonntagmittag wurde Lucien Favre bei Borussia Dortmund entlassen. Die 1:5-Pleite gegen den Aufsteiger VfB Stuttgart war eine zu viel, wie es jeweils heisst. Wie so oft, wussten natürlich alle Sportjournalisten sofort, warum die sofortige Trennung die beste Lösung für den Malocherclub aus dem Ruhrpott ist. Oder wie es wir Schweizer bezeichnen: «Es ist der Totomat, der zählt», frei nach dem FC-Sion-Präsident Christian Constantin.

Eismeister Klaus Zaugg

Sportjournalisten sind ein spezielles Völkchen. Redaktionsintern stehen sie knapp über dem Autojournalisten, aber weit unter dem Ausland, der Wirtschaft und sogar der Kultur. Immerhin: Weil nichts älter ist als eine Sport-Vorschau nach dem Rennen, dem Match, dem Lauf, kann man sich viel erlauben. Paradebeispiel ist natürlich Doyen Klaus Zaugg. Er hat seine Sporen beim «Sport» abverdient und bekommt heute sein Gnadenbrot bei «Watson». Zwar schreibt er oft originell. Aber oft auch einen solchen Stuss, dass er nicht mehr ernst genommen wird in der Sportcommunity, geschweige denn von den Medienchefs in den Eishockeyvereinen. «Warum der SCB-Trainer gehen musste» oder «Warum sich Florence Schellings Wahl bis 2025 auszahlen wird» sind typische Arbeitsproben von «Bandengeneral und Eismeister» Zaugg.

Doch zurück zur Entlassung von Lucien Favre, dem international erfolgreichsten Schweizer Fusssballtrainer. Wie berichten die NZZ, der «Tagi» und der Blick? Interessanterweise höchst unterschiedlich.

Vorbildlich die NZZ. Stefan Osterhaus, seit vielen Jahren verlässlicher Bundesliga-Korrespondent der NZZ, schrieb am Montag einen differenzierten Nachruf. Er skizzierte die Ambivalenz der Klubführung und der Fans zum Thema Favre. Sein Fazit: Immerhin hatte man die vergangenen zwei Saisons unter Favre so viele Punkte geholt wie nie zuvor. Aber man wurde «nur» Zweiter. Am Dienstag folgte eine launische, aber faire Aufstellung über den Trennungsschmerz, den Favre bei seinen Abgängen seit dem Jahr 2000 ausgelöst hat. Etwa bei Yverdon, dem FCZ, Hertha Berlin und bei Mönchengladbach.

Ganz anders und viel ungnädiger der Tages-Anzeiger. Der Sonntagsdienst bediente sich schnöde bei der «Süddeutschen» und rückte den bösartigen Verriss eines Freddie Röckenhaus ins Batt. Röckenhaus, 64-jährig und in Dortmund geboren, zog über Favre her, wie das nur ein eingefleischter «Schwarz-gelb»-Fan tun kann. «Ein letzter Gruselschocker», so der Titel des Favre-Verrisses. Es ist immer sehr einfach, Entscheidungen zu kommentieren. Noch ein Beispiel: Endlich weg, «nun muss der sportliche Scherbenhaufen zusammengekehrt werden». Kein nettes Wort über den feinfühligen Romand. Nur «Stagnation und Verwirrtheit», so Röckenhaus. Für ihn als BVB-Fan ist die Sache sowieso einfach. Er wird wohl nie wieder zu tun haben mit Lucien Favre.

Das mit dem «aus den Augen, aus dem Sinn»  ist beim Blick nicht ganz so sicher. Fussball-Chef Andreas Böni würdigte Favre denn auch so: «Was Favre mit Spielern wie Jadon Sancho, Erling Haaland oder Giovanni Reyna gemacht hat, verdient grossen Respekt und Anerkennung. Auch wenn der BVB nun nach dem 1:5 gegen Stuttgart die Reissleine gezogen hat: Favre kann den Ruhrpott erhobenen Hauptes verlassen.»  Böse Zungen sagen nun aber, dass Favre ja dereinst Basel, YB oder seinen Stammverein Servette übernehmen könnte. Und dann muss man es als Blick gut haben mit dem Trainer in der kleinen Schweiz. Ausser er heisst Artur Jorge.  Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

In einer ersten Version war der Nachname von Andreas Böni (Blick) falsch geschrieben.

Von der Parteipresse zum Medienmonopol

Der Bündner Journalist Hansmartin Schmid hat die Churer Presse historisch aufgearbeitet.

Mit seinem kantigen, bündnerdeutsch eingefärbten «Hauchdeutsch» ist er den älteren TV-Zuschauern noch ein Begriff. Der aus Chur stammende Hansmartin Schmid. Er startete seine Karriere als Printjournalist und war dann viele Jahre für SRF als Korrespondent aus Graubünden, Rom, Bern und Bonn (damals noch Hauptstadt der BRD) im Einsatz. Sein Markenzeichen: Die Schirmmütze. Nun hat der 81-jährige Historiker ein besonders für Medienschaffende interessantes Werk herausgegeben. «Die Geschichte der Churer Presse – von 1797 bis zur Gegenwart». Das handliche, 80-seitige Büchlein ist auch darum speziell, weil es zu jeder der 28 beschriebenen Zeitungen seit 1797 ein abgedrucktes Titelblatt gibt. Für den Schnellleser, eine Spezies mit wachsender Ausbreitung, ist das besonders spannend. Die Titelblätter geben einen Überblick über die jeweiligen Stile der Zeitungssetzer. Das Buch ist aber auch eine Ehrerbietung an all die mutigen Zeitungsmacher der letzten 220 Jahre. Man findet quasi Eintagsfliegen, die schon um 1800 ähnlich lange wie kürzlich die Basler «Tageswoche» (2011-2018) durchhielten. Etwa die Churer Zeitung (1799-1806) oder der Volksfreund (1878-1885). Bis in die 1930er Jahre war die aus heutiger Sicht nur schwer lesbare Frakturschrift Standard. Dafür wurde noch selber in die Tasten gehauen, oft vom Verleger persönlich. Später machte man es sich einfacher.

Viele Agenturmeldungen prägten die Titelseite der Bündner Zeitung in den 1970er Jahren.

So sind die Texte des Bündner Tagblatts von 1987 auf Seite 1 allesamt von der Schweizerischen Depeschen- oder der Deutschen Presseagentur. Das ist bei der Bündner Zeitung von 1975 nicht anders. Dort kommen die Artikel von Reuter und von der DDP.

Eigentlich erstaunlich, ist doch jene Ausgabe vom 3. Januar 1975 die erste gemeinsame Ausgabe der bisherigen Konkurrenten «Neue Bündner Zeitung» und «Der Freie Rätier». Waren damals die Redaktionen so klein oder so faul? Oder wollte man die grosse Welt markieren, hatte aber keine Korrespondenten?

Braver Verlautbarungsjournalismus

Hanspeter Lebrument, heutiger Quasi-Monopolist der Churer Medienwelt, hat durchaus recht, wenn er im Nachwort davon schreibt, dass bis weit in die 1970er Jahre die Zeitungen parteipolitisch gefärbt waren. «Die Zeitungen transportierten die jeweilige Parteimeinung, übten sich in bravem Verlautbarungsjournalismus und huldigten ansonsten der Aussenpolitik», so Lebrument (79). Ob die heutigen Monopolisten auf dem Platz Chur – die Südostschweiz und das Bündner Tagblatt aus dem Haus Lebrument – wirklich kritischer sind? Wenn Frau Martullo-Blocher ruft, wird pariert. Die Ems-Chemie ist die grösste private Arbeitgeberin des Kantons. Auch der Konkurs einer Sägerei, die den Steuerzahler gut 23 Millionen Franken kostete, wurde vor einigen Jahren nicht kritisch beleuchtet. Zu sehr hing die Kantonsregierung im Schlammassel mit drin.

Viva war der Stachel im konservativen Chur

A propos kritische Zeitungen. Eine in den wilden 70er und 80er Jahren erscheinende Zeitung ist bei der Aufstellung vergessen gegangen, wie Hansmartin Schmid auf Anfrage sagt. Es war das «Viva». Zwischen 1972 und 1988 hatte ein linkes Redaktionskollektiv 71 Ausgaben mit durchschnittlich 12 Seiten im A3-Format herausgebracht. Rund um das «Viva» entwickelte sich die «Linke Alternative», die den «Viva»-Redaktor, Rechtsanwalt Andrea Bianchi, ab 1980 in die Politik brachte und der neuen Partei Stimmenanteile bis 10 Prozent. Das Projekt «Viva» ging dann unter, weil «der Generationenwechsel misslang», so Fredi Lerch in einem Editoartikel.

Alles in allem hat Hansmartin Schmid aber einen sehr aufschlussreichen Überblick über die Churer Medienlandschaft abgeliefert. Ein kurzweiliges Werk gegen das Vergessen längst aufgegebener Blätter. Und eine Zusammenstellung, die aufzeigt, wie es zum aktuellen  Medienmonopol in Chur kam.

Hansmartin Schmid wohnt heute in Domat-Ems und schreibt noch regelmässig Kolumnen im «Bündner Tagblatt».

Somedia Buchverlag: Die Geschichte der Churer Presse von 1797 bis zur Gegenwart
ISBN: 978-3-907095-19-5
Erschienen: Oktober 2020
Preis: 25 Franken

 

Das «Päckli» von Gilles Marchand und Nathalie Wappler

Die SRG schweigt Sexismusdebatte im eigenen Magazin tot.

«link» heisst das Mitarbeiter- und Mitgliedermagazin von der SRG Deutschschweiz. Der Namen ist wohl abgeleitet vom englischen «link» für Verknüpfung. Oder «Das Glied einer Kette». In der aktuellen Dezemberausgabe ist das «Glied» – um diese zugegebenermassen mittel originelle Brücke zu schlagen – aber in keinerlei Hinsicht ein Thema. Obwohl die SRG-Führung wegen dem Star-Moderator Darius Rochebin vom Westschweizer Fernsehen (RTS) und seinen im Raum stehenden sexuellen Übergriffen arg unter Druck steht. Was viele SRG-Mitarbeitende beschäftigt, wird totgeschwiegen. Doch der Reihe nach.

«Keine Kenntnis gehabt»

Rochebin soll seine berufliche Stellung und sein Ansehen ausgenutzt haben, um zu Sex zu kommen. Ein weiterer Kadermitarbeiter sei ebenfalls übergriffig geworden, und «alle hätten davon gewusst». Darum forderten 550 Mitarbeitende von RTS, immerhin gut ein Drittel der ganzen Belegschaft, in einer Petition die Absetzung der beiden Kaderleute und eine externe Untersuchung. Und was hat das mit der SRG zu tun? Der heutige SRG-Generaldirektor Gilles Marchand war von 2001 bis 2017 RTS-Direktor. Gegenüber watson.ch sagte die SRG-Medienstelle, Marchand habe von den falschen Facebook-Profilen Rochebins, nicht jedoch den Vorwürfen der sexuellen Belästigung Kenntnis gehabt. Sein Nachfolger als RTS-Direktor habe im Herbst 2017 «Massnahmen gegen Rochebin bezüglich der Einhaltung der Berufsregeln» ergriffen, über die Marchand informiert worden sei. Nun fordern kritische SRG-Angestellte und Mediengewerkschaften gar den Rücktritt von Marchand.

Ladina Heimgartner als Nachfolgerin?

Felix E. Müller gab kürzlich in der NZZaS noch einen drauf und brachte Ladina Heimgartner als Nachfolgerin ins Spiel. Sie ist seit gut einem Jahr bei Ringier, vorher arbeitet sie lange bei der SRG. Sie hat einige Vorteile gegenüber Marchand. Sie ist eine Frau, sie ist in der rätoromanischen Schweiz aufgewachsen. Und sie ist erst 40-jährig. Das ideale Alter, um den angestrebten «Transformationsprozess» der SRG auch durchzuziehen. Sprich, mehr digital, weniger Gewicht auf linear ausgestrahlte Sendungen.

«Lassen Sie mich das erklären»

Aber was hat das nun mit dem SRG-Heftli zu tun? Viel und nichts. Denn das Thema Rochebin-Sex-Marchand ist auch in Leutschenbach allgegenwärtig. Viele Mitarbeitende sind sauer, wie die SRG und demzufolge auch SRF das Problem angehen. Man bekommt den Eindruck, wie wenn die Chefs einander decken wollten. Aussitzen lautet die Devise. Dass in den nächsten Wochen Kündigungen anstehen, spielt dem Kader sicher in die Karten. Wer will schon aufmucken, wenn seine Stelle in Gefahr ist? In diese Strategie des Schweigens und Aussitzens passt nun eben die neuste Ausgabe von «link». Kein Wort über das Rochebin-Thema. Kein Wort. Dafür schreibt SRF-Direktorin in salbungsvollen Worten viel und doch wenig Konkretes über das «Transformationsprojekt SRF 2024». «Lasen Sie mich das Prinzip der Transformation am Beispiel der Volksmusik erklären», schreibt die Chefin etwa. Gestelzter geht fast nicht. Und das in einem Mitarbeiterheft, einem internen Produkt von und für Mitarbeitende. Theoretisch. Immerhin erfährt der Laie nebenbei, dass bei SRF heute weniger als 10 Prozent «unserer Mittel ins Onlineangebot fliessen, in einem Jahr sollen es etwa 20 Prozent sein.» Der Verlegerverband wird sich freuen.

Wie eine Programmzeitschrift

Was bleibt sonst vom «link»? Das Heft wirkt wie eine Programmzeitschrift. Der Text «Play Suisse» könnte auch im «Tele» stehen. Ebenso wie die Rubrik «Neu im Programm». Dafür kommen porträtierte Mitarbeiter eher zu kurz. Das Heft wirkt ziemlich unpersönlich, ja fernab von der Basis. Da ist das von zackbum.ch auch schon kritisierte Ringier-Blatt Domo noch um einiges menschlicher. Doch hier wie dort zeigt sich, dass die Chefs das letzte Wort haben. Darum ist im «link» kein Wort zum Thema Sexismus und Darius Rochebin zu finden.

In einer ersten Version wurde «link» als Mitarbeitermagazin bezeichnet. Das stimmt nicht ganz. Es richtet sich neben den Mitarbeiteiterinnen und Mitarbeitern auch an die Mitglieder der SRG. Die Auflage beträgt gut 16000 Exemplare.

Redak-Torin* Salome *Müller*In*

Rastlos und übergriffig setzt sie sich für die Sache der Frau ein. Leistet ihr dabei eine Bärinnendienstin.

Zunächst: Ich entschuldige mich Ausdrücklich für das «der» vor Frau, auch beim Genitiv hat der Sprachfeminismus noch Arbeit vor sich.

Aber fangen wir mit einer guten Nachricht an. Wie teilte mir ein aufmerksamer Leser so richtig mit: «Fortschritt. Der Stern wandert.» Natürlich, es handelt sich um einen noch nicht durchfeminisierten, männlichen Leser, der die wunderliche Marotte beobachtet, dass Salome Müller ihre Funktion als gelegentliche Tagi-NL-Autorin dafür missbraucht, vor allem die dafür auch noch bezahlenden Abonnenten (männlich) mit einem fröhlichen «Guten Morgen, liebe Leserinnen*» zu begrüssen.

Mit diesem Genderstern an ungewohntem Ort wolle sie ihren «Respekt» gegenüber all denen bezeugen, die sich nicht in das banal-binäre Raster Männlein/Weiblein pressen lassen wollen. Aber, bei Minerva, wo ist der Respekt geblieben? Die neue Variante lautet: «liebe Leser*innen». Ob das wirklich ein Fortschritt ist?

Der wandernde Stern. Aber der Dutt ist unverrückbar.

Es geht um Menschenrechte, bitte schön

Aber sprechen wir nicht länger von solchem Pipifax (der, maskulin, blöd). Inzwischen geht es der Dame mit dem komischen Wurmfortsatz auf dem Haupt um grössere Dinge. Um nichts weniger als die Menschenrechte.

Kämpferinnen für die Menschenrechte zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie sie in weit entfernten Gegenden einfordern. Das ist auch hier der Fall. Denn gegen die Schweizer Doppelbürgerin Natallia Hersche wurde im fernen Weissrussland ein «wuchtiges Urteil» gefällt. Zweieinhalb Jahre Gefängnis, weil sie dort «für die Einhaltung der Menschenrechte auf die Strasse ging».

Allerdings wurde sie nicht deswegen, sondern wegen «gewalttätigem Widerstand gegen einen Polizisten» (Art. 363, Absatz 2, Strafgesetzbuch) verurteilt. Sie räumte das indirekt auch beim Prozess ein; sie habe Todesangst gehabt und gedacht, wenn sie dem Polizisten seine Sturmhaube vom Kopf reisst und ihm in die Augen schaue, dann würde der sicher Mitleid empfinden und sie laufenlassen.

Wurde sie zum Lächeln gezwungen? Herrsche beim Prozess. (Foto: spring96.org)

Wer sich in der Schweiz gegen eine Verhaftung wehrt, bekommt einen Orden

Da Müller – in Gegensatz zu mir – das ganze Urteil gelesen und verstanden hat, kommt sie ihrerseits zu einem klaren Verdikt: «Es ist ein politisches, ein willkürliches Urteil» gegen eine «zweifache Mutter aus St. Gallen». So unmenschlich geht’s in Lukaschenkos Reich zu und her. Eine Mutter wird von ihren Kindern getrennt, nur weil sie als Doppelbürgerin nach Weissrussland fuhr, um an Demonstrationen teilzunehmen.

Sie soll sich angeblich gegen die Verhaftung gewehrt haben, womit sie natürlich auch nur ein Menschenrecht einforderte. Wenn sich in der Schweiz jemand gegen die Verhaftung wehrt, besonders bei einer illegalen Manifestation, wird er umgehend mit einem Orden für Zivilcourage ausgezeichnet.

Denn, merke auf, die Schweiz sei – im Gegensatz zu Weissrussland – ein «sicherer Rechtsstaat», weiss Staatskundlerin Müller. Es läge mir fern, das Regime in Weissrussland als Rechtsstaat zu bezeichnen. Es ist eine der typischen post-sowjetischen Diktaturen mit einem Häuptling, der seine Halbwertszeit überschritten hat. Aber was empfiehlt denn Müller der Schweiz als rechtsstaatliche Mittel? Diplomatische Betreuung, eventuell Unterstützung, Bezahlung eines Anwalts?

Der Rechtsstaat muss Druck aufsetzen gegen einen Unrechtsstaat

Ach was, Pipifax (männlich, blöd), da muss mit massiveren rechtsstaatlichen Mitteln durchgegriffen werden. «Aussenminister Cassis kann Druck aufsetzen. Oder der Bundesrat baut mit Sanktionen Druck auf.» Welche rechtsstaatlichen Mittel hätte er denn da? «Die Regierung könnte die Konten des weissrussischen Staatsoberhaupts Alexander Lukaschenko und seiner Familie einfrieren und Visa-Beschränkungen erlassen.» Habe die EU schon lange getan, worauf wartet die Schweiz?

Nehmen wir mal spasseshalber an, ein Weissrussin nähme in der Schweiz an einem Plausch des Schwarzen Blocks teil. Ein wenig Sachschaden, ein paar verletzte Bullen, das Übliche halt. Nehmen wir an, sie würde im Rechtsstaat Schweiz dafür verurteilt. Nehmen wir weiter an, Lukaschenko würde deswegen toben, seinen Botschafter einbestellen, mit Sanktionen gegen die Schweiz drohen, Einreiseverbote aussprechen.

Da würde man sicherlich auch bei Müller das Halszäpfchen sehen, so erregt würde sie diese Einmischung, dieses Verhalten eines Unrechtsstaats, diesen eklatanten Verstoss gegen die heilige Gewaltenteilung – und die Menschenrechte – verurteilen.

Was wäre, wenn sich Lukaschenko das trauen würde?

Was masst sich der an, unsere Urteile als politisch und willkürlich zu verunglimpfen. Soll doch lieber mal bei sich aufräumen. Dem sollte man eine Antwort geben, dass er nur noch Sternchen sieht, würde die Sternchen-Feministin vielleicht fordern.

Menschenrechte sind Grundrechte, weiss Müller am Schluss ihres rechtsstaatlich durchaus durchwachsenen Kommentars. «Sie gelten auch für Natallia Hersche.» Wohl auch im Rechtsstaat Schweiz. Aber nicht für Müller, wenn sie fordert, mit unrechten Mitteln ein mögliches Fehlurteil zu bekämpfen.

Kleine Rechtskunde über Doppelbürger (ja, auch Doppelbürgerinnen*)

So nebenbei: Die Doppelbürgerin mit oder ohne Stern kann sich im einen ihrer Heimatstaaten nicht auf die Zugehörigkeit zum andern berufen, sondern ist erst einmal Inländer/In*+#. So viel zum Schutz der Schweizer Staatsbürgerin. Und bei aller Abscheu gegen Lukaschenko: Das Frauenstimmrecht wurde in Belarus, so wie in der gesamten UdSSR, 1917 eingeführt. Im Fall. Aber Feminismus und Logik, nun ja, ich sage nichts mehr, so als Mann.