Frauen, aufgepasst: Lebensgefahr!

Neben den Redaktionen von Tamedia, dunklen Nebenstrassen und selbst in der eigenen Wohnung gibt es eine neuentdeckte Gefahrenquelle.

Zungenverknotung beim richtigen Aussprechen des Wortes Opfer*In**? Nein, das Thema ist ernst, die Gefahr gross, bislang noch nicht richtig im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen.

Aber, wer sonst, Tamedia benennt Ross und Reiter. Nun gut, vielleicht nicht das richtig passende Bild. Aber nachdem der interne, nach aussen getragene Protest offenbar verröchelt ist – sagt da jemand wankelmütige Frauen? –, kann man sich mit frischer Energie anderen potenziell tödlichen Formen des patriachalischen Sexismus widmen. Denn der tobt nicht nur im gläsernen Hauptquartier von Tamedia an der Werdstrasse.

Es gibt eine noch viel allgemeinere Form; bedauerlich, dass Tamedia dafür den Input einer Journalistin der «Süddeutschen Zeitung» braucht; wie konnte das den über 100 Frauen entgehen, die das Protestschreiben unterzeichneten – statt vielleicht mal ihrer Arbeit nachzugehen?

Lebensgefahr, titelt Tamedia, «Autos oder Klimaanlagen werden immer noch für Männer gebaut», weiss SZ-Journalistin Laura Weissmüller. Genauer gesagt, sie weiss es nicht, hat’s aber gelesen. Denn eine gewisse

«Rebekka Endler ist wütend. Sehr, sehr wütend. Kaum eine Seite in ihrem Buch kommt ohne Ausrufezeichen aus, gerne auch in der Variante eines Interrobangs, der Mischung zwischen Ausrufe- und Fragezeichen. Sie schreibt in Versalien, um ihren Erregungszustand zu verdeutlichen».

Ja was bringt die arme Frau denn so in Wallungen? Hormonelle Unausgeglichenheit? Aber nein: «Weil der Mann, schreibt sie, genauer der weisse Cis-Mann, das Mass aller Dinge sei: «Männlich ist die Norm, weiblich die Abweichung von der Norm.»»

Wir stellen vor: das Interrobang. Wird sich auch nicht durchsetzen.

Was kann man da tun, ausser richtig wütend werden? Auch da weiss Endler Abhilfe: «Wenn die Nasenscheidewand so schief ist, dass der Mensch nicht mehr atmen kann, muss die Nase erst gebrochen werden, bevor es besser wird.» Da sage ich doch als Mann mit gerader Nasenscheidewand: au weia. Wenn das ein Mann als Metapher bei einem Frauenthema verwenden würde… Mit etwas Pech müsste er sich um eine gebrochene Nase keine Gedanken mehr machen.

Männliche Dummys ignorieren die Hälfte der Menschheit

Denn die Auswirkungen, dass Auto-Dummys lange Jahre nur in männlich zu haben waren, sind leider nur in toten Frauen zu messen. Wussten sie: «Wenn eine Frau unter 50 einen Herzinfarkt erleidet, ist ihre Sterbewahrscheinlichkeit doppelt so hoch wie für einen Mann aus der gleichen Altersgruppe.» Warum denn das? «Weil bei ihr die Symptome anders seien», was aber häufig nicht richtig diagnostiziert werde.

Autofahren, Herzinfarkt haben, überhaupt die Medizin. Aber es ist natürlich noch schlimmer: «In den Städten fehlt es an Sitzgelegenheiten zum Ausruhen genauso wie an öffentlichen Toiletten – gerade für all diejenigen, die kein Pissoir benutzen können.» Sind denn Frauen wenigstens am Arbeitsplatz einigermassen geschützt, also ausserhalb von Tamedia? Ein klares Nein, denn so weiss frau,

«auch Raumtemperatur ist sexistisch».

Dabei ist sie doch gendermässig eindeutig weiblich. Aber in den USA sei die Standardbürotemperatur 21 Grad. Frauen haben’s aber, weiss man, lieber kuschelig wärmer. Bei 21 Grad gilt: «Kreative Arbeit, lernen, sprechen, alle intellektuellen Fähigkeiten sind quasi auf Eis gelegt, wenn Menschen frieren.» Wenn Frauen frieren.

Das ist nun wahrhaft diabolisch; was ergeben eigentlich Temperaturmessungen bei Tamedia? Etwa auch 21 Grad? Gut, das wäre eine Erklärung  für die auf Eis gelegten intellektuellen Fähigkeiten. Sind damit die Abgründe der zutiefst menschenverachtenden männlichen Perspektive im Design, in der Herstellung von Gebrauchsgegenständen, schon ausgeleuchtet? Fast. Denn nach schlimm kommt immer schlimmer.

 

«Es ist die klar feministische Perspektive auf das Design und all seine Verästelungen, die diese eklatante Fehlstellung, den blinden Fleck auf dem Skizzenblock der Gestalter zutage fördert. Wobei ja nicht nur Frauen ausser Acht gelassen werden, wenn nur ein gesunder, mittelalter weisser Mann als Ausgangspunkt für den Entwurf genommen wird. Alte und Kranke fallen nicht darunter, Menschen mit anderer Hautfarbe und Transgender auch nicht.»

Design nur für den mittelalten gesunden Mann

Genau. Meinen die männlichen Designer eigentlich, mit einer Schere für Linkshänder sei es getan? Wo bleibt der Schlagbohrer für einarmige uralte Transgender? Das Springseil für Rollstuhlfahrer? Trainingseinrichtungen für Bettlägerige?  Farbfernseher für Blinde? Autos, wo der Schminkspiegel nur hinter der linken Sonnenblende steckt? Tastaturen mit allen weiblichen Sonderzeichen?

Das fordere ich vehement. Als gesunder, mittelalter weisser Mann, der sich dafür schämt, so privilegiert zu sein. Ich bin gerade meine Gallenblase losgeworden, gilt das wenigstens als mildernder Umstand? Oder hätte ich mich beschweren müssen, dass es sicherlich keine Operationswerkzeuge speziell für Frauen gibt. Und der Chirurg war auch ein Mann. Die Krankenschwester hingegen entweder weiblich oder mindestens Transgender. Aber als Mann war ich wenigstens nicht in Lebensgefahr.

 

NZZaS Magazin: kleines Zwischenhoch

ZACKBUM kann auch nichts dafür, wenn neben dem Kulturbund auch das Magazin gelobt werden will und muss.

Das bedeutet nicht, dass wir diverse Rubriken nicht weiterhin schmerzvoll vermissen. «Stammesrituale», «Beziehungsverhalten» oder «Perfekt», das war eine neue feuilletonistische Lockerheit, wie sie nur die NZZ kann.

Wie sie dann nur die NZZ konnte, als sie in den letzten Sommerferien das Magazin schmerzlich einschrumpfte. Zusammenhakte. Auf Unter-Normal absenkte. Tieferlegte. Schrecklich. Christoph Zürcher beweist weiterhin seine Existenzberechtigung im «Kanon». Aber sonst? «Selbstbetrachtungen», von Zuza Speckert ausgewählte Personen, deren Bedeutung, Wichtigkeit ihrer Ansichten – ohne ihnen zu nahe treten zu wollen – nicht erkennbar ist.

Oder möchte jemand ernsthaft wissen, dass eine Sommelière für sich alleine lieber Tee als Wein trinkt und eine Reise durch die Wildnis für sie wichtig war? Auch alle anderen überlebenden oder neuen Gefässe zeichnen sich durch eine gepflegte Beliebigkeit aus, eine Glätte wie das Hochglanzpapier, auf das sie gedruckt werden. Stilberatung ist ja gut und schön, aber brauchen wir das zu Fragen wie der, ob man als Besitzer eines E-Bikes bergauf keuchende Velofahrer beim Überholen grüssen soll oder nicht?

Hier kommt das Lob

Gut, aber wo bleibt das Lob? «Trinken kann eine Lösung sein», wussten wir das nicht alle, so insgeheim? Nun gibt es sogar einen Film darüber, den Oscar-Gewinner «Drunk» aus Dänemark. Mit dem einzigen Superstar des Landes, dem eigentlich immer grossartigen Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Aber das ist ein Zitat aus dem Interview mit dem Regisseur des Films. Und das ist eine seltene Sternstunde, in der sowohl die Fragen wie die Antworten interessant, intelligent, spannend sind.

Auch das ein seltener Lichtblick im Vergleich zu der Dutzendware «Was fühlten Sie in dem Moment, als Sie den Oscar bekamen?» Das fängt schon mit der ersten Frage an, über die Bedeutung eines Kierkegaard-Zitats (Nora Zuckker, nur googlen, wobei: vergessen Sie’s, zu schwierig), das dem Film vorangestellt ist:

«Was ist Jugend? Ein Traum. Was ist Liebe? Der Inhalt des Traums.»

Als Regisseur Thomas Vinterberg darauf die intelligente Erklärung liefert, die ihm seine Frau geschenkt habe, muss man einfach weiterlesen. Dass der Interviewer dann locker mit weiteren Zitaten des bedeutendsten dänischen Philosophen fortfährt, auch nicht schlecht. Zum Beispiel noch der hier: «Zu wagen bedeutet, für einen Moment den Halt zu verlieren. Nicht zu wagen bedeutet, sich selbst zu verlieren.»

Søren Kierkegaard (1813 – 1855).

Also vier grossartige Seiten, die durchaus noch hätten weitergehen können. Aber sie werden leider durch zehn Seiten abgebrochen, die sich der Frage widmen, wer denn die nächste Präsidentin der Zürcher Kunstgesellschaft werden soll. Genau, es gibt eine Kandidatin und einen Kandidaten. Wobei Mark van Huisseling, sonst eher im mittleren bis unteren Society-Bereich unterwegs – sozusagen die männliche Ausgabe von Zuza Speckert –, keinen Zweifel daran lässt, wen er für «die erste Wahl» hält. Da das auch zufällig die erste Wahl von Walter Kielholz ist, dem langsam abtretenden grossen Mischler – und immer wieder durch Fehlgriffe auffallenden letzten Tycoon – des Zürcher Daigs, wird das van Huisselings Schaden nicht sein.

Wer sich in die Sonnenstrahlen von Kielholz legen kann …

Himmels willen, nicht pekuniär. Aber die Sonne von Kielholz scheint immer noch so hell, dass es einem in seinen Strahlen nie ganz schlecht geht. Nun ist es fotografisch herausfordernd, den noch leeren Neu- und Anbau des Zürcher Kunsthauses zu bespielen. Das ist aber nichts dagegen, einen leeren Text über das Offensichtliche abzuliefern, dass Anne Keller in jeder Beziehung die Wahl des Establishments ist, stinkreich und durchaus auch kompetent.

Es aber einen Frechdachs gibt, viel jünger, nicht die Wahl des Establishments, der ebenfalls antritt. «Florian who?», wie van Huisseling in aller gebotenen Neutralität schreibt. Florian Schmidt-Gabain, 39, Anwalt aus Lengnau im Kanton Bern, spezialisiert auf Kunstrecht, Lehrbeauftragter an den Unis Basel und Zürich, Präsident und Gründer des «Zentrum für Künstlerische Nachlässe (ZKN)».

Wie soll man nun «Florian who?» einordnen? Da hilft van Huisseling: «Ein gut 15 Jahre älterer Collega, er darf als der Anwalt in Zürich für Kunstangelegenheiten bezeichnet werden, hat allerdings weder vom ZKN noch von Rechtsanwalt Schmidt-Gabain jemals zuvor etwas mitbekommen», weiss der Autor.

Wieso er allerdings den Namen des Kunstanwalts nicht nennen mag? Hat sich das Dr. Andreas Ritter wohl ausbedungen? Nur echt mit Künstlermähne, lieber Heckenschütze als offener Gegner? Nun, das ist nun leider alles kein Niveau, das einer NZZaS würdig wäre.

Aber, wir wollen auch diesen Artikel versöhnlich ausklingen lassen; die Woche ist noch jung, es war ein sonniger Sonntag. Auf der nächsten Doppelseite widmet sich Michèle Roten dem weiblichen Körper. Das ist nun nicht nur für unheilbare Sexisten oder Machos ein spontaner Grund, sofort umzublättern.

Auch der weibliche Körper kann interessieren

Das wäre hier und ausnahmsweise ein schwerer Fehler. Denn Roten nähert sich diesem Thema, über das sie natürlich auch ein Buch geschrieben hat, mit so viel Witz, doppelbödiger Ironie und einer durchaus lesenswerten Anamnese der Besonderheiten des weiblichen Körpers, dass es zudem interessant ist.

Schon für den Satz

«Um nicht an dieser Stelle schon alle männlichen Leser wütend zu machen, möchte ich festhalten, dass der weibliche Körper nicht interessanter ist als der männliche. Das kann ich leider aber nicht, denn er ist es»,

möchte man mindestens drei Gendersterne geben. Für die Begründung nochmals zwei.

Dass dann das Magazin wieder völlig absackt, indem es einen angeblich corona-tauglichen «schmackhaften Zeitvertreib» lobt: «zu Hause Pilze züchten», sei ihm noch verziehen. Dass aber anschliessend wieder mal die völlig ab- und durchgenudelte «Asiatische Kokossuppe» in der veganen Ausfertigung (frischer Ingwer! Zitronengras! Limettensaft! Limettenblätter!) dem Leser aufs Auge gedrückt wird, das ist dann wieder unverzeihlich. Dieses Wunderwerk der asiatischen Küche wurde schon gelobt, als Jackets sowohl für Frauen wie auch für Männer dicke Schulterpolster hatten. Und das ist schon ein Weilchen her.

Es darf gelacht werden: Diesmal zum Muttertag

Er ist – wie der Valentinstag – im Kalender aller Floristen rot angestrichen. Und die arme Journaille muss sich jedes Jahr aufs Neue einen abbrechen.

Denn es ist doch so: Wir alle haben Mütter. Die meisten von uns kennen sie sogar. Bei Vätern ist das schon so eine Sache. Und denen (einen Vatertag gibt’s natürlich auch) gedenkt man weltweit am zweiten Sonntag im Mai. Ausser in England, die wollen halt immer einen Sonderzug, da ist’s der vierte Sonntag in der Fastenzeit. Weil die Mütter da nicht kochen müssen? Die spinnen, die Engländer.

Aber zurück zu ernsteren Würdigungen. Zur Verteidigung des Tages als solcher wirft sich die NZZ in die Bresche, in die Schlacht: «Jetzt gehen sie auf die Mutter los». Aber nicht mit uns, sagt die alte Tante rabiat und kampfeslustig wie selten.

Was brechen sich die anderen Sonntagsblätter ab, nachdem der Blattmacher melancholisch in die Runde fragte: Also, wer will sich den Pulitzerpreis holen, indem er eine neue Story zum Muttertag erfindet?

Ein bunter Strauss zum Muttertag …

Die Ergebnisse sind durchaus vielfältig, wenn auch nicht alle originell. Die «Sonntagszeitung» probiert’s mit:

«Wenn man Kinder mehrheitlich ohne Partner grosszieht, bleibt das Liebesleben oft auf der Strecke. Vier Single-Mütter erzählen, was sie beim Dating erleben»

Kann man machen, muss man nicht. Hat man schon. Kann man auch wieder machen. Machen andere auch (siehe weiter unten).

An eine andere Lösung des Dating-Problems erinnert das Schweizer Farbfernsehen SRF: «Vor zwanzig Jahren wurde das erste Babyfenster der Schweiz eröffnet.»

Der «Sonntags Blick» (auch mit Regenrohr) erteilt seiner Kolumnistin Milena Moser das Wort, das kann nicht gutgehen: «Seit einem Jahr drehen sich meine romantischen Fantasien um die Ankunftshalle im Zürcher Flughafen und meine Söhne. Jetzt hat sich dieser Wunsch erfüllt.»

Öhm. Der Wunsch einer romantischen Fantasie hat sich erfüllt? Das hat auch noch niemand der Ankunftshalle dargeboten. Leider versteht das weder der Flughafen Zürich, noch der Leser. Vielleicht die romantischen Fantasien, die sich um ihre Söhne drehen? Müssen wir da an Oedipus denken (Frau Zukker, das war, aber lassen wir das)? Na, wir verlassen den SoBli so schnell wie möglich.

Und retten uns in den «Berner Oberländer»: «So vieles ist derzeit anders – und doch bleibt eines gleich: Die erblühende Natur sorgt für ein schönes Stück Vertrautheit, schreibt Martin Leuenberger.» Das ist so unfassbar wahr und tief. Das geht nur in einem «Wort zum Sonntag», das dem «Maien- und Muttertag» gewidmet ist. Denn auch Gottesmänner haben eine Mutter. Auch katholische; die haben allerdings keine Frau, aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Noch mehr welke Blumen aus dem Muttertagsstrauss

Was macht «watson.ch» aus diesem Thema? Soll das eine ernstgemeinte Frage sein? «Weil wir alle das beste Mami der Welt haben: Die 18 lustigsten Mutter-Tweets». Zum Beispiel? Nein, das kann definitiv keine ernstgemeinte Frage sein.

Prosaischer geht es «20 Minuten» an: «Bis zu 28 Grad erwartet – Perfektes Wetter für den Muttertags-Brunch auf der Terrasse.» Wir fragen uns nur: wer keine Terrasse hat, was macht denn der? Noch neutraler ist nur nau.ch: «Sommerliches Wetter: Schweiz knackt am Muttertag die 25-Grad-Marke.»

Nun ja, allerdings lässt es nau.ch nicht bei einem Sonntagsbrunch oder Blumensträussen bewenden; das Online-Organ hat sein Ohr ganz nah am weiblichen Unterleib:

«Umfrage zum Muttertag: Schweizer Single-Mamis wollen Sex-Abenteuer».

Na, das war in den Anfangszeiten des Muttertags aber noch anders, da wäre die Heilsarmee energisch eingeschritten.

Echten Lokaljournalismus betreibt hingegen der «Landbote»: «Run auf Blumen in Wiesendangen: Aus Liebe zum Mami standen manche schon sehr früh auf».

Besinnliches am Schluss; kath.ch wirft eine weitere, entscheidende Frage auf:

«Der Muttertag ist kein katholischer Feiertag. Soll ihn die katholische Kirche in den Gottesdiensten trotzdem aufgreifen?»

Es erteilt, der Herr ist gross, zwei Katholikinnen dazu das Wort, obwohl die in den Gottesdiensten doch ruhig bleiben müssen. Obwohl sie fordern:

«Der Muttertag soll ein Tag der Umkehr sein.»

Was immer sie uns damit sagen wollen. Wir haben fertig.

 

 

 

 

 

Hilfe, mein Papagei onaniert VIII

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch. Heute: weniger Kontrolle, mehr Stuss.

 

Fragen hat der Tagi …

Ein Astronaut, ein Raumfahrtkenner. Mehr braucht es nicht, um einen Raketenabsturz zu erklären. Besonders gespannt ist der Laie auf die Beantwortung der Frage, was denn ein «missglückter Raketenabsturz» sein mag. Aber noch wichtiger: was ist dann ein geglückter Absturz?

 

Echter Nutzwert mit «Blick»

Die einzige Zeitung mit Regenrohr im Titel ging der Frage nach, wie gespart werden kann. Reporter und Wirtschaftsspezialist Marc Iseli recherchierte gnadenlos. Fand aber heraus, dass er nichts herausfand. Nun gäbe es drei Möglichkeiten. Die Story wird gespült, war nix. Iseli wird nochmal losgeschickt. Oder aber, Variante drei:

Problem gelöst. Passt der Artikel nicht zum Titel, muss einer von beiden weichen. Artikel umfangreich und schwierig, Titel leicht und einfach. Klare Sache.

Auch die NZZ …

Das Blatt der tiefen Nachdenke und der zurückhaltenden Sprache, das gerne ein Erdbeben als tektonische Verwerfung bezeichnen möchte, wird doch langsam lockerer im Gelenk. Und schreibt über die Verwendung des «N-Worts» in den USA: «Wer als Weisser «Nigger» sagt, ist erledigt.» In der schwarzen Hip-Hop-Szene werde das «explosivste Wort Amerikas» aber «geradezu obsessiv» verwendet. Was soll da der arme «Black lives matter»-Unterstützer in der Schweiz damit anfangen? Der hat «Nigger» gesagt, dieser Rassist, Unmensch, Hetzer. Oh, es handelt sich um einen schwarzen Hip-Hop-Performer? Ähm, dann ist es eine offensive Aneignung, um ein Schimpfwort zu entwaffnen. Oder so.

Rechtzeitig zum Muttertag macht sich die NZZ für diesen Begriff stark. Muss sie das? Aber sicher, denn wenn der Sprachreinigungswahnsinn endemisch wird, dann ist nichts mehr vor ihm sicher. Nicht mal Mama.

 

Sprachschule mit «20 Minuten»

Die gute Nachricht ist: Dieser Donnerstag war doch eher ereignisarm. Abgesehen davon, dass «exklusive Nacktfotos» geleakt wurden. Immerhin waren es diesmal keine Geschäftsgeheimnisse. Und die Bestohlene reagiert auch cool:

Zumindest ZACKBUM lernt ein neues Wort, das wir aber auch gleich wieder vergessen wollen.

Hier die neuste Fortsetzung bei «watson»

Nach all den Serien mit «-Porn» am Schluss, ist man hierfür natürlich dankbar:

So cute das auch sein mag (schnell Hand hoch: wer versteht den Begriff? Aha, und wie viele verstehen ihn, wenn wir uns den «watson»-Leser vorstellen? Aha), was ist hier schon wieder der Newswert? Der Nutzwert? Überhaupt ein Wert? Ach so, «watson» ist gratis, stimmt.

Nach «watson» kann nur noch die «Republik» kommen

Wir sind ja verständig und geben eins ums andere Mal zu, dass 50 Nasen und 6 Kisten im Jahr viel zu knapp dafür sind, jeden Tag wie versprochen drei Artikel rauszuhauen. Oder wenn, dann kann das natürlich nicht alles die Redaktion leisten. Glücklicherweise gibt es genügend Gastautoren, die gerne in die klaffenden Lücken springen.

Hier sehen wir ein idealtypisches Zusammentreffen für das Online-Magazin. Das rasend spannende Thema «Muttertag». Das einen jedes Jahr aufs Neue aus dem Hinterhalt anspringt. Ein Gastautor (rechts unten im Bild), der nostalgisch 50 Jahre zurückgeht (als das Frauenstimmrecht endlich eingeführt wurde!). Das nennt man dann «persönlicher Essay». Persönlich mag’s ja sein, aber Essay? Die Bemerkung «heiss heute», bezeichnet man wohl auch nicht als meteorologische Analyse.

Aber völlig unakzeptabel ist: Der Schreibende, also der/die/das Autor*In** ist ein Mann. Roland Jurczok ist sein Name, er soll «zu den Spoken-Word-Pionieren der Schweiz» gehören. Schon wieder ein literarischer Muskel, der ZACKBUM völlig entgangen ist. Bislang. Was wir aber weiterhin so halten wollen. Denn für das Lesen einer schnarchlangweiligen Beschreibung eines Besuchs bei Mama ist das Leben eigentlich zu kurz. Obwohl der Essay mit 13’561 Anschlägen geradezu ein Kurzsprint ist.

Blöd, blöder, Community

Der Leser, das scheue Reh, wird mit allen Mitteln gejagt. Unfair, billig, verlogen? Na und?

Jeder Werber weiss: ein Produkt überzeugt schon lange nicht mehr mit seinen Qualitäten. Noch ein Waschmittel? Gähn. Noch ein Energy-Drink? Schnarch. Noch ein «vergessen Sie alles, was Sie bisher, Blabla, die ultimativen Tipps, damit Sie Blüblü?» Tiefschlaf.

Die Produktwerbung hat langsam damit aufgehört, mit emotionalen Übertragungen oder unglaubwürdigen Verbindungen zu arbeiten. Fährst du diese Automarke, legst du alle Girls flach. Rauchst du diese Zigarette, bist du so männlich wie ein Cowboy. Kaufst du diese Fertig-Pizza, setzt sich an deinen Tisch eine fröhliche Runde, die dich bewundert. Usw., auf allen Ebenen durchdekliniert.

Dabei gibt es nur ein Problem: wenn sich Realität und Werbewelt zu sehr unterscheiden, dann wird der Konsument irgendwann sauer. Ständig die neuste Karre gekauft. Aber weder ist der Nachbar neidisch oder zumindest bewundernd, noch knicken reihenweise Frauen ein, wenn der stolze Besitzer den Auspuff röhren lässt. Dass die Gattin unbeeindruckt sagt: «tja, die Ersatzsymbole für versiegende Potenz, traurig», hilft auch nicht wirklich.

Nachdem das alles jahrzehntelang durchgenudelt wurde, erfinden die Medien dieses Rad nochmal neu. Der Leserreporter war früher, heute ist «Community». Was das ist? Gemeinschaft, du bist Teil von etwas Grösserem, du bist nicht allein. Es gibt auch noch andere, die unter Fussschweiss leiden, mach dir nichts draus. Das ist die Idee. Die Umsetzung?

Die Idee ist klar, wie setzt man sie um?

Nun, das einzige Boulevardorgan auf der Welt, das sich ein Regenabflussrohr in seinen Titel mechen liess und nicht einmal merkte, dass es für viel Geld verarscht wurde, sieht das so: «Würdest du die Ex-Freundin deines Kollegen daten?» Mit dieser tiefschürfenden, noch nie endgültig beantworteten Frage überfällt «Blick» seine «Communitiy».

Wie man in diesen erlauchten Kreis kommt? Na, indem man eine ganze Menge persönlicher Daten bekannt gibt, wie denn sonst? Danach wird man mit folgender Ausgangslage beglückt: Du hast dich in eine Ex verguckt, aber:  «Wäre da nicht dieser Kollege oder diese Kollegin, der oder die dir das nie verzeihen würde, wenn du etwas mit seiner Ex-Freundin oder ihrem Ex-Freund anfängst.»

Um dieses «Dilemma» zu begründen, muss der «Blick» sehr weit in die Zeiten zurückgreifen, als der Sieger einer Schlägerei das Weibchen über die Schulter werfen und begatten durfte:

«Wir alle kennen den Freundschaftskodex: Die Ex-Partner und Ex-Partnerinnen der Freunde und Freundinnen sind eigentlich tabu – eigentlich.»

Also häufig sind nicht einmal die aktuellen Partner tabu, aber lassen wir das.  Was kann nun ein Mitglied der «Blick-Community» tun? Na, zuerst einmal «voten», das ist er von den Social Media gewohnt, Daumen rauf oder runter, retweeten oder nicht, und so weiter.

Wer in der Lage ist, ein paar Buchstaben hintereinander zu setzen, ohne sich völlig lächerlich zu machen, darf dann auch seine Wahl «in der Diskussion unten begründen». Natürlich ist diese Form, um Leser ans Medium zu binden, weder neu, noch originell. Nun wissen die Medienhäuser aus bitteren Erfahrungen, dass schon der ungehemmte Kommentarschreiber ein gewaltiges Risiko darstellt.

Aufbau einer Gemeinschaft mit dem Leser

Aber seitdem der Begriff «Leser-Blattbindung» seinen unseligen Siegeszug antrat, geben selbst sonst einigermassen zurechungsfähige Medienhäuser Unsummen für «community building» aus. Absurde Bemühungen, so sucht «Die Zeit» seit Jahren nach «Freunden». Leserreisen, Begegnungen mit wichtigen Zeitungsmachern, selbst die Kaffeemaschine oder die Wärmedecke haben nicht ausgedient.

Wie immer springen immer mehr Medienhäuser auf den Trend. Wir liefern immer weniger Content und erhöhen dafür die Preise, das geht im Kapitalismus nicht. Das ist so blöd wie die Corn-Flakes-Packung, die auf den Kopf gestellt beweist, dass sie aus einem Drittel Luft besteht.

Aber bei Corn Flakes war das eigentlich immer so, bei Medien ist das neu. Aber bei all diesem Community Building übersehen die wohlbezahlten Medienmanager mal wieder die Basics ihrer Branche: content is king. Alles andere ist Firlefanz. Aber damit geraten sie in drei Schusslinien. Gleichzeitig.

Die privaten Besitzer der  grossen Medienkonzerne in der Schweiz sind gerne bereit, mit herzerweichenden Gejammer Staatssubventionen zu erbetteln. Dieselben Besitzer denken nicht im Traum daran, auch nur einen Rappen der über die Jahrzehnte aufgehäuften Multimillionen in Zeiten der Krise zu reinvestieren.

Auch die wohlbezahlten Manager jammern, fallen auf jeden neuen Quark wie Community rein und werden nur eher schweigsam, wenn man die ständig sinken Auflage- und Einnahmezahlen abfragt. Was tun, Auswege, neue Ideen? Ach, lieber die Kaffeefahrt mit modernen Mitteln wiederholen.

Schlechter Scholl-Schwurbel

Nicht viel Ahnung, aber ganz viel Gesinnung: daraus entsteht Sophie-Scholl-Schauen.

«Gefasst trat Sophie Scholl in den Hinrichtungsraum», titel Guido Kalberer von Tamedia ergriffen. Denn vor 100 Jahren wurde diese «Widerstandskämpferin gegen Naziregime» geboren.

Und solche Jahrestage – ohne weiteren Anlass – sind für B-Klasse-Journalismus immer willkommen. Vor allem, wenn schon andere Blätter, so am 29. April der «Spiegel», auf dieses Datum aufmerksam machten. B-klassig ist dieser Journalismus auch, weil alle Falten, Widersprüchlichkeiten aus einem Bild herausgebügelt werden, mit dem Kalberer eine idealtypische Widerstandskämpferin gegen den Hitlerfaschismus aus Scholl machen will.

Die Gebrüder Scholl (links) mit einem weiteren Mitglied der «Weissen Rose».

Was sie nicht war. Genauso wenig, wie Claus Graf von Stauffenberg der edle Attentäter gegen Hitler war. Er war zuvor als überzeugter Nazi und Offizier der Wehrmacht begeistert von den Feldzügen gegen die Untermenschen im Osten. So schrieb er seiner Frau während des Überfalls auf Polen:

«Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk welches sich nur unter der Knute wohlfühlt.»

Erst als es ihm und anderen hohen Tieren der Naziarmee 1944 klar wurde, dass die Niederlage Deutschlands nicht mehr zu verhindern ist, und einem Separatfrieden mit den westlichen Alliierten und dem Angebot, gemeinsam der UdSSR den Todesstoss zu versetzen, die Person Hitlers im Wege steht, entschloss man sich zum Attentat. Läppisch vorbereitet, untauglich durchgeführt.

Alles keine Lichtgestalten

Sophie Scholl war lange Jahre im «Bund deutscher Mädel», einer Nazi-Jugendorganisation als Pendant zur Hitlerjugend. Ab 1938 blieb sie freiwillig dabei und sang bis 1941 noch aus vollem Hals Lieder wie: «Deutschland erwache, Juda den Tod. Volk ans Gewehr.»

Ihr Bruder Hans war der Gründer der romantischen Widerstandsgruppe «Weisse Rose», die vor allem mit anonymen Schreiben und Flugblattverteilen gegen das Hitlerregime opponierten. Bei einer solchen Verteilaktion wurden sie gefasst und nach kurzem Prozess noch am gleichen Tag enthauptet.

War dieser Buchtitel Vorbild? Nora Zukker vor: wer war Traven?

Scholls Mythos wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem von der überlebenden Schwester Inge befödert; mit ihrem Buch «Die Weisse Rose», das 1952 erschien. Neben den (wenigen) männlichen Widerstandskämpfern, die im Westen Deutschlands gefeiert wurden, endlich auch eine Frau. Jung, schön, mit 21 Jahren gestorben.

Mit kleinen Erfindungen nachgeholfen

Dagegen sprach damals, dass auch die DDR von Anfang an die Gebrüder Scholl als antifaschistische Widerstandsgruppe vereinnahmt hatte. Aber vor allem die unermüdliche Arbeit von Inge Scholl hat bewirkt, dass Sophie heute die strahlende und reine Widerstandskämpferin ist. Vieles wurde dabei von Inge erfunden, so auch die Behauptung, dass die Gebrüder Scholl «gefasst» in den Hinrichtungsraum traten.

Das macht den Mut, die Unbedingtheit nicht geringer, es gibt auch keinen Anlass, die geradezu selbstmörderische Fahrlässigkeit zu kritisieren, mit der die Gruppe ihre Protestaktionen durchführte.

Nur sind die Motive, die kurze Biographie der Scholls viel widersprüchlicher, als dass man das so oberflächlich abhandeln könnte, wie das Kalberer tut. Er erwähnt zwar die Mitgliedschaft von beiden in den Nazi-Jugendorganisationen, aber der Drill zu Gebärmaschinen sei ihr schon bald suspekt geworden.

Widersprüchlichkeiten ausgemerzt, ausgeblendet, stören nur

«Bald» stimmt nicht, und ihre latente Homosexualität, wie die ihres Bruders, hat genauso eine Rolle in der Distanzierung von der Nazi-Ideologie gespielt, genau wie ihre tiefe Religiosität, die beide aus dem Elternhaus mitnahmen.

Dermassen über eine letztlich kurzlebige, erfolglose, dilettantische Widerstandsgruppe zu schwärmen, verstellt zudem – wie bei Graf Stauffenberg – den Blick auf den eigentlichen Widerstand in Deutschland gegen den Hitlerfaschismus.

Die Rote Kapelle, die Eiserne Front der Sozialdemokraten, auch verschiedene bürgerliche Widerstandsbewegungen wären viel bedeutender als die «Weisse Rose». Ganz zu schweigen vom kommunistischen Widerstand, der unter Hitler und Stalin zwischen Hammer und Amboss geriet, aber immer wieder unermüdlich bis in die KZ hinein versuchte, Gegenwehr in jeder Form zu organisieren. Mit dem höchsten Blutzoll von allen. Mit einer Tapferkeit, die zumindest eine Erwähnung verdient hat, wenn von Widerstand gegen das Hitler-Regime die Rede ist.

Aber spätestens seit dem Untergang der DDR wird dieser Opfergang vergessen.

Am Schluss macht sich der Autor unsterblich lächerlich

Richtig lächerlich macht sich Kalberer mit seinem Schlusssatz: «Dass sich heute einige Kritiker der Corona-Massnahmen auf Sophie Scholl beziehen und ihren Widerstand vereinnahmen, ist beschämend –

und ein Zeichen zunehmender Geschichtsblindheit.»

Das mag sein, aber hier urteilt ein Blinder über Blinde. Ein Autor, der Scholl genauso für sein Geschichtszerrbild vereinnahmt. Was kann man von jemandem erwarten, der schon mit Simone Meier zusammen ein Buch über Dialekte geschrieben hat. Viel besser bringt das der «Spiegel» auf den Punkt, da hätte sich Kalberer bedienen sollen.

Die «Spiegel»-Autorin des Scholl-Artikels erzählt einer jungen «Fridays for Future»-Aktivistin von den Widersprüchlichkeiten in Scholls kurzem Leben. Die antwortet: «Sie selbst mache die Erfahrung, dass Widersprüche eigentlich immer dazu verhelfen würden, genauer nachzudenken und eine bessere Lösung zu finden.»

Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen, was all diesen Anti-Muschg-Schreihälsen abgeht, diesen Blöd- und Flachdenkern, die wie Muschg völlig richtig diagnostiziert hat, durch die völlige Unfähigkeit zum Aushalten eigener Widersprüche bedenklich und beängstigend sind.

Göring, Dimitroff, John Heartfield, und wie hiess schon wieder sein Verteidiger?

Dass man Scholl, meinetwegen auch Stauffenberg, zum Idol nehmen kann, ist erlaubt. Dann aber auf jeden Fall auch Georg Elser, das Nationalkomitee Freies Deutschland, die KPD im Untergrund, die Rote Hilfe, die Transportkolonne Otto, kriegsentscheidende kommunistische Spione wie Richard Sorge oder das tapfere Auftreten des Kommunisten Georgi Dimitroff beim Reichtagsbrand-Prozess, den man den Kommunisten in die Schuhe schieben wollte. Was Dimitroff vor Medienvertretern der ganzen Welt ad absurdum führte – und sogar überlebte.

Was, die geschichtsblinden Banausen ohne Ahnung, aber Gesinnung satt, kennen keinen dieser Namen? Oder nur einen, zwei? Wie erbärmlich. Raul Hilberg kennen sie dann sicher auch nicht.

 

 

Blasen, Blähungen, Geblubber

Die Credit Suisse hat ihre GV abgehalten. Die NZZ bringt ein grosses Interview – mit dem UBS-CEO.

Das ist ganz grosses Kino, für einmal aus der NZZ. Wie kann man zum Ausdruck bringen, dass es über die Credit Suisse wirklich nichts zu berichten gibt, obwohl dort diverse Verwaltungsräte zurückgetreten sind, der neue CEO bereits ums Überleben kämpft?

Mit harscher Kritik, mahnenden Worten, die über einen «ordnungspolitischen Zwischenruf» hinausgehen? Nein, das wäre nicht die feine Art. Die feine Art ist: die NZZ bringt ein grosses Interview mit UBS-Chef Ralph Hamers.

Das ist auch schon die gute Nachricht. Denn Hamers hat sich mit einer Videobotschaft an seine Untergebenen gewandt. Das sieht «Inside Paradeplatz» so:

Kindergarten, Märchenstunde, dazu noch falsch gekleidet. Setzen, Schnauze. Sagt Lukas Hässig. Das sieht die NZZ nun entschieden anders: Hamers habe «erste Eckwerte der künftigen Strategie seiner Bank präsentiert».

Aber erfahrende NZZ-Leser wissen: Wenn das Titel-Quote lautet: «Wir wurden schon dafür kritisiert, zu konservativ zu sein», dann muss man sich auf das Schlimmste gefasst machen. Auf gähnende Langeweile. Und so ist es dann auch.

Wir fragen, was Sie wollen. Sie antworten, was Sie wollen

Wie ist es denn so nach 8 Monaten UBS? Diese Frage wird gestellt, die Fortsetzung nicht: in denen man von Ihnen nichts hörte, ausser das Gurgeln von vielen Millionen, die in Sie hineingeflossen sind. Deshalb kann Hamers auch ein Märchen aus 1001-Nacht erzählen:

«Von aussen professionell, solide, manchmal vielleicht etwas kühl», wirke die Bank, «von innen strahlt sie viel mehr Wärme aus.»

Echt jetzt?

Spricht Hamers von seinen Erfahrungen in der Männergruppe «lernen zu weinen?» Oder von einer Grossbank, die nur sagen kann: den Kollegen drüben von der CS geht’s noch dreckiger? Und die haben immerhin einen neuen VR-Präsidenten gekriegt. Unserer nimmt nur an Umfang zu, nicht an Bedeutung.

Wie sieht’s denn technologisch bei der UBS aus, fragt die NZZ. Und fügt nicht hinzu, wie die Bank denn das in der Finanzbranche übliche Problem schaukle, dass so viele Systeme nebeneinander laufen, aneinander genäht wurden, dass längst pensionierte Programmierer sich ein nettes Zubrot verdienen, weil ausser ihnen uralte Sprachen nicht mehr beherrscht.

Deshalb kann Hamers aus dem Stehsatz, Pardon, aus dem Stehgreif antworten: «Operativ gut unterwegs, Digitalisierung Schritt für Schritt voranbringen, stehen nicht unter Druck.» Nun kommen sicher Nachfragen. Block Chain, Cryptowährungen, eigene Währungen von Grosskonzernen, teure Flops mit eigenen, kontaktlosen Zahlungssystemen? Kniefall vor Apple Pay? Ach was, die NZZ möchte doch nicht, dass Hamers gegelte Langhaarfrisur in Unordnung gerät.

Konkrete Ziele? Was ist das, kann man das essen?

Stattdessen giesst die Zeitung die Tatsache, dass Hamers keine einzige Zahl in seinem ersten Auftritt nannte, in die vornehme Frage: «Warum haben Sie sich bisher mit konkreten Finanzzielen zurückgehalten?» Pandemie, «Strategie weiter konkretisieren», und nun kommt wirklich ein Satz, den man unbedingt in die eiserne Reserve von Nonsens-Gequatsche aufnehmen sollte:

«Wir wissen zwar, dass wir das, was wir bereits heute tun, auch morgen tun wollen – aber besser.»

Statt sich vor Lachen auf die Schenkel zu klopfen und mal nachzuhaken, fragt die NZZ nur scheu, was denn noch an Plänen fehle. «Wenn Sie beispielsweise in Asien schneller wachsen wollen, spielt China eine wichtige Rolle.» Auch ein Satz von monumentaler Flachheit. Wenn sie gross und stark werden wollen, spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Und dafür kriegt man wirklich Millionen nachgeschmissen?

Dann geht die NZZ gnadenlos an die heissen Themen. Archegos? «Wir sind von dieser Situation auch enttäuscht.» Was ging denn schief? «Das schauen wir uns jetzt genau an. Offensichtlich ging etwas schief.» Das Offensichtliche gelassen aussprechen, das muss man auch erst mal bringen.

Modern, gebürsteter Stahl, gegelte Haare, Pochettli statt Krawatte. Aber der Inhalt?

So plätschert es dahin, gehen Ruf und Reputation von Hamers und der NZZ gemeinsam in den Orkus. Ganz am Schluss erlaubt sich das Blatt noch «eine persönliche Frage». Wie stehe es denn mit der Wiederaufnahme des Geldwäschereiverfahrens in Holland? Da war Hamers immerhin CEO einer Bank, die die grösste Busse aller Zeiten in Holland zahlen musste. Und will von nichts gewusst haben. In der Bio-Box «Der digitale Niederländer» wird seine Tätigkeit für die ING ausführlich geschildert, dieses kleine Detail grosszügig ausgelassen. Die ING musste ja nur eine Busse von 775 Millionen Euro auf den Tisch legen. Peanuts für die UBS.

Blasen, Blähungen, Geblubber. Aber Werte.

Was sagt Hamers? «Voll und ganz zusammengearbeitet, nach bestem Wissen und Gewissen, konzentriere mich auf meine Arbeit bei der UBS». Einfühlsam will die NZZ dem durch diese unverschämt kritische Frage vielleicht angefassten Hamers noch die Gelegenheit für ein goldenes Schlusswort geben; was werde denn in fünf Jahren gleich sein wie heute?

«Die Swissness. Swissness steht für Stärke, für Vertrauen, für Zuverlässigkeit. Diese Werte sind und bleiben Kern der UBS.»

Da kann man für die Interviewer nur hoffen, dass sie sich anschliessend in der UBS-eigenen Tränke «Widder» auf Kosten des Hauses ein paar Single Malts hinter die Binde gegossen haben. Zum Weggurgeln.

 

 

Alles wird gut: Zukker greift ein

Immerhin durfte Adolf Muschg 86 Jahre alt werden, bevor er dieser «Literaturchefin» in die Hände fiel.

Wenn sich – wie immer in der Welt der blubbernden Blasen namens Social Media – die Blaser einer neuen Themenblase zuwenden, kommen die Erwachsenen und ordnen ein, fällen das endgültige Urteil.

Nachdem so ziemlich alle etwas zur Verwendung des Wortes Auschwitz durch Adolf Muschg gesagt haben, ist es natürlich höchste Zeit, dass die Literaturchefin von Tamedia immerhin rund eine Million Leser damit beschallt, was ihr noch zu diesem Thema einfällt.

Dabei haben sich doch schon Geschichtsprofessoren lächerlich gemacht, CH Media überraschte sogar mit einer differenzierten Darstellung, nun kommt Nora Zukker mit ihrer «Analyse zur Rechtfertigung von Adolf Muschg». Leider kann sich weder das Wort Analyse noch Muschg dagegen wehren.

«Twitter richtete. Dass der Schweizer Intellektuelle die Cancel Culture mit Auschwitz verglich, löste harsche Kritik aus.»

Schon hier möchte man Zukker, zu ihrem eigenen Besten, zurufen: halte ein, bevor dich Lächerlichkeit tötet.

Denn Twitter richtet sicherlich nicht. Auf Twitter zwitschern – meist wie ein Schwarm Spatzen im Baum – viele schräge, dumme, kurzatmige, dauererregte Verfasser von Kurzgedanken vor sich hin. Die Relevanz ihres Zwitscherns ist meist schon verklungen, bevor jemand die Textlein gelesen hat. Fängt ein Spatz an zu tschilpen, stimmen sofort Hunderte ein – und eine Sekunde später haben alle alles vergessen.

Ob Zukker jemals etwas von Muschg gelesen hat?

Nein, Frau Zukker, der Schweizer Schriftsteller Muschg (schon mal was von ihm gelesen? Was? Und was davon behalten?) hat das nicht getan. Das versucht er seither unermüdlich zu erklären, was überhaupt nichts mit einer Rechtfertigung zu tun hat. Sonst hat Zukker aber bisher alles richtig verstanden und wiedergegeben. Zum Beispiel? Ähm, also der Name des Intellektuellen ist richtig geschrieben. Ist doch was.

Wie steht es nun mit der Verwendung des Synonyms für den Plan der deutschen Faschisten, alle Juden Europas auszurotten?

«Das Wort «Auschwitz» ist nicht verhandelbar.»

Sagt wer? Sagt Zukker. Mit Verlaub: wer wollte denn darüber verhandeln? Niemand; also was soll der Quatsch? Sie nimmt einen zweiten Anlauf: «Wird es in einen neuen Kontext gesetzt, relativiert und verharmlost es den Holocaust.»

Hört sich irgendwie apodiktisch-richtig an. Ist aber hanebüchener Unsinn. «Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch», dekretierte Theodor W. Adorno 1949. Wikipedia kann allen weiterhelfen, die keine Ahnung haben, wer das war. Adorno relativierte dann immerhin 1966 in seiner «Negativen Dialektik»: «Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben.»

Perennierend bedeutet «durch die Jahre dauernd», «ausdauernd». Den Rest versuche der Leser selbst zu verstehen. Das gilt auch für Zukker, ist dort aber wohl aussichtslos. Denn ob mit oder ohne Champagner, da herrscht im Oberstübchen ziemlich Sonnenfinsternis. Das ist übrigens der Titel eines Romans von Arthur Koestler, aber das würde hier wirklich zu weit führen.

Die sowjetischen Befreier vor den Verbrennungsöfen in Majdanek.

Wenn das Wort Auschwitz nicht «in einen neuen Kontext gesetzt» werden dürfe, wie steht es dann mit Treblinka? Sobibór? Majdanek? Belzec? Bloss weil Zukker diese Namen von Vernichtungslagern vielleicht nicht kennt, dürften die dann «in einen neuen Kontext» gesetzt werden? Oder auch nicht? Wie steht es dann mit dem Wort «Endlösung»? Mit dem ganzen Vokabular der Nazi-Verbrecher?

Wenn Zukker nicht eine Frau wäre, hätte sie für die folgende Ungeheuerlichkeit eins hinter die Ohren verdient: «Dieses Wort lässt keinen spielerischen Umgang zu.» Entweder weiss sie auch hier nicht, was sie schreibt, oder sie unterstellt Muschg, er habe das Wort Auschwitz «spielerisch» verwendet.

Eigentlich erübrigt diese Schmähung jede weitere Auseinandersetzung mit dieser Literaturchefin. Aber nur eines noch: «Dass der Schriftsteller in den 1990er-Jahren ein Büchlein mit dem Titel «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt» veröffentlichen konnte, macht die Sache nicht besser.»

Keine Ahnung von nichts, so wird man Literaturchefin

Aus dieser Formulierung geht eindeutig hervor: Zukker hat das «Büchlein» weder gelesen, noch weiss sie etwas über seinen Kontext. Kurz «recherchiert», also Wikipedia, diesen Titel gefunden, aha gesagt, losgeschrieben. Peinlich, ist das peinlich.

Fast so peinlich, wie dass die Literaturbanausin zwar zitiert, dass SRF von Muschg ein «klärendes Statement» verlangte, das er auch sofort geliefert habe. «Ich war naiv genug zu glauben, dass es auch publiziert würde.» Mit anderen Worten: es wurde gecancelt. Das wäre nun eigentlich ein Skandal, dem nicht nur Literaturchefs nachgehen sollten. Tun sie aber nicht.

Stattdessen, wenn Twitter schon urteilt, kann das Zukker doch auch: «Die Stellungnahme des 86-Jährigen bleibt zwischen Entschuldigung im Dienste anderer und trotziger Beharrlichkeit hängen.»

Geschätzte Frau Zukker, ihre «Analyse» hängt zwischen Unwissen, Unverständnis und Unverschämtheit. Es wäre ein Zeichen trotziger Beharrlichkeit, wenn sie sich dafür nicht wenigstens bei Adolf Muschg entschuldigen würden. Finden Sie nicht auch?

 

Es darf gelacht werden: Über den Bauchnabel

Der entwickelt sich immer mehr zum wichtigsten Organ des Journalisten. Sein eigener, natürlich.

 

Tagi: Über die neuen 40

30 werden war früher, heute wird man 40. Hä? Muss man nicht verstehen. Aber man darf sich wundern, wieso Tamedia kein Extrablatt herausgebracht hat. Wir halten deshalb ein ganz heisses Thema für fürchterlich unterverkauft.

Denn: Haltet die Druckmaschinen an, die Seite eins kommt neu! Priska Amstutz, the one and only, hat ein Buch geschrieben. Das wurde auch gedruckt! Vom Knesebeck-Verlag in München, die Adresse für Buntes und Lebenshilfe. «Das neue 40» heisst das Meisterwerk. Unter Mithilfe einer Co-Autorin, mit vielen bunten Bildern und furchtbar interessanten Gesprächen mit schrecklich unbekannten Frauen – nur einer der Lieblinge von ZACKBUM ist dabei, die unvermeidliche Patrizia Laeri – lotet Amstutz aus, wie man sich denn so fühlt, ab 40. Als Frau.

«Das neue» oder «die neuen»? Ist doch egal

Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass diese Altersschallgrenze ja erst seit Kurzem immer wieder von Frauen durchbrochen wird. Man könnte nun entscheiden, ob man für die 240 Seiten stolze 39.90 bei Orell Füssli ausgeben will, oder 29.50 bei Exlibris. Oder ob man sich dafür nicht lieber einen neuen Lippenstift kauft. Ich als Mann würde Lippenstift wählen.

Kann nichts, muss weg.

Nun ist Amstutz (1977) auch noch Co-Chefredaktorin des «Tages-Anzeiger». Davon merkt man weiter nix, ausser, dass sie deswegen natürlich im eigenen Blatt von einer Untergebenen interviewt wird. Da gibt Silvia Aeschbach alles, um nicht ganz direkt zu sagen:

liebe Chefin, was wolltest du schon immer über dein tolles, neues Buch sagen?

Nein, natürlich wird zum strengen Sie gewechselt, und Amstutz werden Erkenntnisse von ewiger Gültigkeit und grosser Tiefe entlockt. Zum Beispiel; wie war’s denn so beim 40. oder 41. von Amstutz? «Ich realisierte plötzlich, dass ich am Anfang eines neuen Lebensjahrzehntes stand.»

Meiner Treu, ich gestehe plötzlich, dass ich diese Erfahrung auch schon machte. Sogar mehrfach. Aber deswegen schreibe ich doch kein Buch drüber. Und veranstalte auch nicht die Peinlichkeit, mich als Chef in meinem eigenen Blatt interviewen zu lassen. Selbst dann nicht, wenn sonst keiner von meinem Buch Notiz nimmt …

 

Eingeschlafene Füsse

Apropos niemand nimmt Notiz; was macht eigentlich die Kultur-Journalistin des Jahres? Simone Meier hatte doch auch ein Buch geschrieben, das immerhin auf Verkaufsrang 774 bei books.ch steht. Ach ja, das liebedienerische Interview auf «watson» ist schon durch, was gibt’s Neues?

Nun, als Kulturjournalistin muss man heute Allrounder sein, also hat Meier einen Film angeschaut. Der heisst «Sami, Joe und ich». Genau, drei Freundinnen aus der Agglo, ein wunderbarer Sommer, der dann doch nicht so wunderbar wird.

Das Werk hat nun nur ein – unverschuldetes – Problem. Es spielt 2019. Genau, seither hat sich auch bei Coming-of-Age-Filmen die Umwelt ein bitzeli verändert, was man nicht nur an den hier fehlenden Masken bemerkt. Nun hat sich Meier den Film aber angeschaut, dieses Erlebnis kann sie doch nicht einfach wegschmeissen. Gut, «warum nicht?» wäre eine Frage, die dem Leser viel Qual ersparen könnte. Also grübelte Meier lange, wie sie einen Film aus anderen Zeiten in die Gegenwart transportieren könnte. Glücklicherweise erinnerte sie sich an die Sentenz: dem Redaktör ist nichts zu schwör. Und da der Kampf gegen Sprachsexismus gerade Pause hat, bezog sie das auch auf sich.

Daraus entstand dann der wunderprächtige Titel: «Jugend ohne Corona ist auch ein Alptraum – im neuen Schweizer Teenie-Film».

Im nicht mehr so neuen Teenie-Film, während sich die Jugend heutzutage eher mit dem Problem rumschlägt, wie man dem Alptraum mit Corona entfliehen könnte. Aber vielleicht liegt es daran, dass Meier selbst diese Zielgruppe doch seit Kurzem verlassen hat.

Die NZZ und die letzten Fragen

Wie es sich für das Intellellenblatt für die geistig gehobenen Stände gehört, beantwortet die NZZ problemlos auch die letzten Fragen der Menschheit. Also zumindest in der Welt der Banker.

Denn, Überraschung, auch die UBS hat durch den Bankrott des Archegos-Fonds eine Stange Geld verloren. Aber die NZZ weiss Trost:

«800 Millionen sind nicht 5 Milliarden.»

Da sieht man mal wieder, was ein Black Belt in Accounting wert sein kann: auf diese messerscharfe Analyse kämen wir Banausen niemals. Aber die NZZ kann noch nachlegen: «Sie leichtfertig zu verspielen, ist dennoch nicht ratsam.»

Schade aber auch, nachdem ich gelernt hatte, dass schlappe 800 nicht 5 Mia. sind und gerade damit zum Casino aufbrechen wollte, erklärt mir die NZZ, dass das doch nicht ratsam sei. Gibt es denn sonst noch Fragen, vor denen wir wie der Ochs am Berg stünden, wenn die NZZ nicht Durchblick verschaffen würde?

Jein, muss man hier sagen. Denn schon der Titel dieses Ratgebers verwirrt: «Einmal keinen No Shrimp, bitte!». Leider reist die Autorin hier mit erkenntnistheoretisch eher leichtem Gepäck: «Wenn man ist, was man isst, was ist man dann, wenn man eine Nicht-Garnele isst? Oder ein Nicht-Ei, ein Nicht-Schwein oder ein Nicht-Chicken? Die vegane Küche konfrontiert uns mit verwirrenden Fragen.»

Wirklich? Das tut doch nicht erst die vegane Küche. Die Fragen waren damals auch überhaupt nicht verwirrlich, wenn der DDR-Bürger bei der Nahrungsaufnahme eine Sättigungsbeilage erhielt, zum damit gereichten Formfleisch. Der Name ist immerhin schon schöner als «Klebefleisch». Das bedeutete zum Beispiel, dass das «Jägerschnitzel» so wenig mit einem Jäger wie mit einem Schnitzel zu tun hatte. Es bestand aus zusammengeklebten Fleischstücken, die einfach in die Form eines Schnitzels gebracht worden waren.

Alte Erfahrungen, neu serviert: kalte Küche bei der NZZ

Das galt für viele Leckereien aus dem Nahrungsmittelfundus; auch für Fische, Wild, selbst für Mutters Klopse (Hamburger). Die bestünden ja schon aus gewolftem Fleisch, aber zum Strecken wurden gerne Produkte verwendet, die mit Fleisch eigentlich nichts zu tun hatten. Wenn sie auch farblich anders gestaltet waren, half die Lebensmittelchemie mit ein paar Farbtröpfchen nach. Das galt natürlich auch für die Delikatesse «Broiler» (Brathähnchen).

Steckte er am Drehspiess, konnte man einigermassen auf ein Originalprodukt vertrauen. Kam er aber in Einzelteilen auf den Teller, sah das schon ganz anders aus.

Also hier muss man leider sagen: NZZ, ungenügend. Das muss doch besser gehen. Der alte Scherz mit der Nicht-Existenz und deren existenzialistischen Folgen, da war ja Jean-Paul Sartre schon weiter.

 

«Blick» schickt Klartext durchs Rohr

Die einzige Zeitung der Welt mit einem Regenrohr im Titel verkünstelt sich nicht und überliefert glasklare Antworten. So ballert ein Titel: «Vanessa Mai platzt wegen der Kilo-Frage der Kragen». Weil der dann geplatzt ist, verwendet «Blick» ein Foto der Sängerin ohne Kragen, aber mit Einblick.

Wie äusserte sich denn das Platzen? Ziemlich ruppig:

«Geht Euch einen Scheiss an!»

Klare Frage, klare Antwort, völlig sinnbefreit. So lieben wir den Boulevard. Gibt er noch mehr Antworten? Aber hallo, jeden Menge. «Das sagen die Sterne». Exklusiv: Alpha Centauri plaudert im «Blick» aus dem Nähkästchen. «Die wichtigsten Grundsätze für den Roulette-Erfolg». Endlich, für alle Skeptiker, die immer noch meinen, dass nur die Bank gewinnt. Oh, ich sehe gerade, das ist ja eine «bezahlte Promotion mit jackpots.ch». Da kommt man doch ins Grübeln, wie objektiv diese Ratschläge sind.

Ein letztes Beispiel? Sicher, der «Blick» gibt ja nicht nur geistige Nahrung, er kümmert sich auch um die leibliche. «Das sollten Sie nicht täglich zum Frühstück essen», warnt Sonja Zaleski-Körner. Was denn nicht, und warum? Zum Beispiel «Pancakes mit Ahornsirup». Da werden Millionen von Schweizern aufhorchen, die sich das täglich gönnen. Aber es wird noch schlimmer: «Weissbrot oder Toast sättigen nicht lange und machen schnell dick.» Ob das Vanessa Mai weiss?

Aber wie steht es dann mit dem Inhalt einer brutzelnden Speckpfanne? «Wegen dem Fett und vielen Salz ist dieses Gericht leider nicht gesund.» Fett, was für Fett? Echt jetzt, das sollte man nicht zum Frühstück trinken? Wenn wir den «Blick» nicht hätten, wären viele von uns schon nach dem Z’morge halbtot.

 

Mythos «Dickpic»

Wir müssen uns eines sehr unappetitlichen Themas widmen. Das ist bei Jolanda Spiess-Hegglin unvermeidlich.

Vielleicht wissen das viele Leser, Leserinnen und alles Diverse dazwischen nicht. Aber es geht in der Schweiz eine widerliche Unsitte um. Ein unerträglicher Ausdruck dieser sexistischen, männerbeherrschten, frauenfeindlichen Gesellschaft, in der wir hier und heute leben.

Täter sind, das ist hier naturgegeben, ausschliesslich Männer. Opfer sind fast ausschliesslich Frauen, es könnten aber auch Männer darunter sein. Aber das sollen die unter sich ausmachen. Hier geht es immerhin um die Mehrheit in unserer Gesellschaft. Die leidet.

Unter uns Männern. Also unter mir nicht, aber ich muss hier ein Zeichen setzen. Ich muss mich distanzieren. Solidarisieren. Ich kann nicht länger schweigen. Denn es gibt ein Thema, das noch wichtiger ist als der Rahmenvertrag. Noch bedeutender als der Klimawandel.

Männer sind Heuchler, Frauen Opfer

Mit Abscheu tippe ich dieses Wort hin: Dickpics. Nein, Ihr heuchlerischen, lesenden Männer: tut nicht so, als ob ihr das nicht kennt. Das kann nicht sein. Denn schon die Hälfte aller Frauen in der Schweiz hätten so ein Dickpic erhalten. Darunter versteht man die unaufgeforderte Zusendung eines Fotos des männlichen Geschlechts.

Genau, das, was der Stadtammann von Baden gerne von seinen Amtsräumen verschickte. Die Hälfte aller Frauen? Ach was, das Recherchierorgan «zentralplus» ist, nun ja, tiefer in das Thema eingedrungen.

Isabelle Dahinden, die laut Selbstauskunft «Vorurteile bekämpfen möchte, mit Klischees brechen. Minderheiten & Schwachen eine Stimme geben», hat auch mit diesem Vorurteil gebrochen. Denn die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer:

«Dickpics waren bei vielen Mädelsabenden schon Thema. Wohl jede Frau hat schon einmal ein Dickpic – ein Bild eines Penis – bekommen, ohne dass sie danach gefragt hätte. Manche könnten schon ganze Alben damit füllen. Das irritiert, lähmt, hemmt – und löst auch Ekel aus.»

Allerdings. Nicht zuletzt deswegen, weil es noch in der Bildlegende zum Artikel heisst: «Studien zufolge hat fast jede zweite Frau schon einmal ein Dickpic bekommen.» Nun klafft doch zwischen «fast die Hälfte» und «wohl jede Frau» ein Abgrund, den nicht mal das längste Glied zu überspannen vermöchte, wenn ich das so formulieren darf.

Eine umrepräsentative Umfrage

Aber wie auch immer, das ist natürlich eine Sauerei. Allerdings: eine völlig unrepräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat ergeben: kein einziger Mann hat gestanden, schon mal ein Foto seines Gemächts ungefragt verschickt zu haben (angefragt wurde auch keiner). Nun wissen wir ja, dass Männer lügen. Aber auch alle befragten Frauen haben bestätigt, dass ihnen der Anblick eines unverlangt zugestellten Penis-Bildes noch nie den Tag versaut hat.

Aber das muss dann einfach die andere Hälfte gewesen sein. Auf jeden Fall hat die Kämpferin gegen Hassreden im Internet (ja, die gleiche, die einen Wettbewerb um «das Arschloch des Monats» ausrief und gleich auch ihren Lieblingskandidaten bekannt gab), also die nicht ganz widerspruchsfreie Jolanda Spiess-Hegglin hat die Webseite «netzpickcock.ch» gebastelt. Dabei handle es sich um «einen Service vom Verein «#Netzcourage».

Der Service besteht darin, dass diese Webseite einen Anzeigengenerator enthält, mit dem von diesem üblen Männerbrauch betroffene Frauen «innert 60 Sekunden» eine Anzeige herstellen können. Sogar das Porto fürs Einreichen wird grosszügig übernommen. Es braucht nur die Tatwaffe, Angaben zum Besitzer, und ab geht die Strafanzeige.

Unter dem Kleingedruckten im Impressum findet man allerdings diesen Satz:

«Ebenso lehnt sie (#netzcourage, R.Z.) jede Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich durch die Benutzung von netzpigcock.ch ergeben, ab

Verantwortungslose Bombe gezündet …

Das ist ein wohl nicht unnötiger Hinweis, denn auch Falschbeschuldigung ist strafbar. Aber reden wir von den Erfolgen: «Das Tool schlug ein wie eine Bombe. Erst einen Monat im Einsatz, wurden bereits 1178 Anzeigen generiert, wie Spiess-Hegglin auf Anfrage sagt.»

Und zentralplus exklusiv vermelden darf. Wir wollen den Freudentaumel ja nicht mutwillig in Frage stellen; aber rund 1200 Anzeigen nach 30 Tagen? Also rund 40 am Tag? Laut neusten erhältlichen Zahlen leben 4,25 Millionen Frauen in der Schweiz. Und 4,17 Millionen Männer.

Wenn nun bereits jede Frau so eine Schweinerei zugeschickt bekam, muss es offensichtlich unter den Männern Mehrfachtäter geben. Hat nur die Hälfte aller Frauen, da ist die weibliche Wissenschaft noch unsicher, so einen Schweinskram erhalten, dann wären das immer noch mehr als 2 Millionen Betroffene.

Wie man angesichts dieser Zahl behaupten kann, gekleckerte 40 Anzeigen am Tag sei der Beweis, dass das Tool richtig eingeschlagen habe, zeigt die Abgründe zwischen männlicher und weiblicher Logik, die ebenfalls nicht vom längsten …, aber das sagten wir schon.

Wie häufig ist dieses Phänomen nun in der Realität?

Anstatt ein Denunziationstool ins Netz zu stellen, für seine Benützung jede Verantwortung abzulehnen, wäre es doch eine gute Idee, die Häufigkeit dieses Phänomens mal ernsthaft zu eruieren. Denn offensichtlich haben weder alle, noch die Hälfte aller Frauen schon mal unverlangt ein Penisbild zugeschickt erhalten.

Aber das ist natürlich nur eine sexistische, diskriminierende, frauenfeindliche, rechthaberische Ansicht eines unbelehrbaren Machos. Der tatsächlich noch nie im Leben ein solches Foto verschickt hat, ja seines Wissens nicht mal so eins knipste. Aber das salviert ihn natürlich nicht.