30 Franken für den tollen Leichentransport

Wohin mit der Leiche?

Nach den Journalistenlöhnen sinken auch die der «Leser-Reporter». Da hilft auch keine Leiche.

Welchen Wert hat das Video eines Leichentransports? «20 Minuten» kennt die Antwort: 30 Franken.  Am Freitag musste das Pendlermagazin einmal seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Es bedankte sich überschwänglich bei seinen Lesern für die «tollen Videos», die es zugeschickt bekommt: «Unsere Leser sind die besten Video-Reporter.» So ein tolles Video sei zum Beispiel am Sonntag der Rega-Einsatz wegen eines verunfallten Badenden gewesen. Ein 18-Jähriger ertrank und verstarb trotz Reanimationsmassnahmen. Des einen Pech, des anderen Glück. Ein «Leser-Reporter» filmte das Ganze und erhielt von «20 Minuten» 30 Franken überwiesen. Der glückliche Reporter kriegte ausserdem 100 Franken Prämie, weil die Zeitung am nächsten Tag ein Video-Screenshot im Print abdruckte. Und wenn der Film über eine halbe Million Mal angeklickt wird, regnet es 1000 Franken.

Die zentrale Frage lautet: Hätte der Leser sein tolles Video lieber dem «Blick» schicken sollen? Nein. Die stärkste Zeitung der Schweiz bezahlt nur 25 Franken pro publiziertes Video. Der «Leserreporter des Monats» kriegt immerhin 600 Franken, der «Leserreporter des Jahres» 1500 Franken. Die Messlatte ist aber ziemlich hoch. In die Kränze der besten Videos kommen zum Beispiel: Schiessereien in der Langstrasse oder ein brutaler Skiunfall, bei dem ein 5-jähriges Mädchen verletzt wird.

25 Franken oder 30 Franken – nicht nur Journalisten werden immer schlechter bezahlt. Wer früher «Tele Züri» einen guten Tipp gab, kriegte etwas Schickes und Unbrauchbares von «Bang & Olufsen», heute gähnt die Whistleblowern nur noch eine Eingabe-Maske an: «Mit dem Hochladen des Materials gewähren Sie uns das Recht zu dessen Nutzung und Weiterverbreitung.»

ZACKBUM.ch geht andere Wege: Unsere Leser-Reporter werden zu einem geselligen Abend eingeladen, mit Rot- und Weisswein, Whiskey, Rum und tollen Geschichten.

 

Sommerpause – unangemeldet

Wer beim Medienkonsum nicht genau aufpasst, wird ganz schön an der Nase herum geführt.

Print, Radio und Fernsehen machen Sommerpause. Das war schon immer so und ist trotz der Coronakrise nicht anders geworden. Das Tagi-Magi erscheint wochenlang nicht. Radio-1-Chef Roger Schawinski lässt seine vergangenen Talks zusammengeschnitten ausstrahlen. Fernsehen SRF verzichtet mehr als zwei Monate auf Sendegefässe wie die Arena, die Rundschau oder Einstein. Blick konstatiert dazu: Ausgedünnte Konservenkost. Und kritisiert – nach der verunglückten Admeira-Partnerschaft Ringier-SRF-Swisscom – ­ in alter Frische: «Gerade in Zeiten von Corona ist das Bedürfnis nach informativen Struktursendung auf öffentlich-rechtlichen Sendern gross.»

Schawinski «live»

Da kommt einem das gute alter Radio SRF gerade gut gelegen. Denn dort wird unverdrossen gesendet. Regionaljournal, Mittagsjournal, Tagesgespräch, Echo der Zeit sind nur einige der informativen Struktursendungen. Vorbildlich! Doch auch Radio SRF leistet sich den einen oder anderen Schnitzer. So strahlte Radio SRF 1 vergangenen Sonntag um 10 Uhr die Talk-Sendung «Persönlich» mit dem Ehepaar Schawinski Sontheim aus. Typisch Schawinski erklärte Roger zu seinem neuen Buch: «Ich will weitergeben, warum mir so viel gelungen ist im Leben.» Kurz darauf dann die Frage von Moderatorin Daniela Lager: «Noch zwei Talks und dann ist Schluss mit Fernsehen, wie gehst Du damit um?»
Nun dämmerts dem Zuhörer langsam. Das Gespräch muss doch schon älter sein. Und tatsächlich. Es handelt sich um eine Aufzeichnung der Sendung vom 15. März 2020. Das ist an und für sich nicht so tragisch. Aber dass Radio SRF vor der Wiederholung am 9. August 2020 nicht darauf hingewiesen hat, ist eine spezielle  Art von Irreführung.

Moderatorin Angélique Beldner

Immerhin: Nächsten Sonntag schaltet die seit bald 45 Jahren bestehende «Persönlich»-Sendung wieder auf den Live-Modus. Mit dabei dann der Musiker und Komponist Christian Häni, sowie Angélique Beldner. Man kennt sie von der  Quizsendung «1 gegen 100» und als Moderatorin der «Tagesschau» am Mittag und um 18 Uhr. Ein bisschen Schleichwerbung für die SRG-Familie darf auch im grundsätzlich werbefreien Radio SRF nicht fehlen.

Die WeWo dreht auf

Roger Köppel weiss, was antizyklisch bedeutet.

Ganze 218 Gramm bringt die aktuelle Ausgabe Nr. 33 der «Weltwoche» auf die Küchenwaage. Für das Gewicht eines anständigen Entrecôtes legt man am Kiosk 9 Franken hin.

Eigentlich könnte man den Kalauer wagen «frisch gestrichen». Aber der wäre etwas irreführend. Denn die WeWo ist tatsächlich grafisch neu aufgemöbelt worden. Allerdings mit Anleihen an das im Archiv vorhandene Mobiliar, und das ist gut so.

Die WeWo kommt klassischer daher, eleganter, arbeitet mit Freiraum und nur dezent eingesetzten Bildern oder Illustrationen. Da sie ein Blatt des Wortes ist, macht auch das völlig Sinn.

Der Heftumfang ist eine erste Ansage

Aber sie hat sich nicht nur aus dem eigenen Archiv bedient. Natürlich will jedes Wochenmagazin, das etwas auf sich hält, auch ein paar Anleihen beim New Yorker oder dem Atlantic machen. Hier ist es die Marotte des New Yorker, über das ganze Heft kleine Cartoons zu verstreuen, Witzzeichnungen, die ja nicht den geringsten Zusammenhang mit dem sie umgebenden Artikel haben dürfen.

Kann man machen, muss man nicht machen. Aber, das Heft umfasst 82 Seiten, und wenn das nicht nur den Gratulationsinseraten geschuldet ist, ist das schon mal die erste Ansage, die über Formales hinausgeht. Also frisch gestrichen und ausgebaut. Ein klares Signal in den Jammer- und Elendsjournalismus hinein.

Es ist nicht das einzige. Neben einem neuen Design verspricht der Herausgeber, sicher in enger Absprache mit dem Besitzer und dem Chefredaktor, «mehr Kultur und neue Autoren». Ausserdem soll auch eine gute Portion gute Laune mit an Bord sein. Das ist lobenswert, denn manchmal kam die WeWo doch etwas verkniffen daher, vor allem, wenn sie in den politischen Infight geht.

Köppel als Trüffelschwein des Journalismus

Aber, das war und ist das Wichtigste, die WeWo ist ein Autorenblatt. Nur wenige bornierte Autoren wollen auf keinen Fall in diesem Magazin erscheinen und fürchten Köppel und seine Mannschaft als die dunkle Seite der Macht, der man sich ja nicht hingeben dürfe.

Und hier hat Köppel mal wieder einen guten Treffer gelandet. Er holte sich schon von der «Basler Zeitung» die beiden quirligsten Schreiber, als das Blatt Bestandteil des Einheitsbreis aus dem Hause Tamedia wurde. Und nun kann er stolz die Verpflichtung von Daniel Weber vermelden.

Der ehemalige Chefredaktor von NZZ Folio figuriert neu als Herausgeber von mindestens zwölf Seiten Literatur und Kunst. Unterstützt wird er dabei neu vom Jungredaktor Anton Beck. Als hätte der Zufall die Feder geführt, startet Weber den neuen Kulturteil gleich mit einer Rezension des biografischen Gewaltswerks über Karl Kraus. Der mit seiner «Fackel» bis heute das unerreichte Mass aller Dinge ist, wenn man sich nicht einfach als Handwerker versteht. Musik, Kino, Kunst und Klassik, ein starkes, neues Stück in der WeWo.

Auch das Gefäss «Leader» wurde wiederbelebt, ein Dossier für Führungsfragen. Schliesslich auch mehr «Leben heute», also Anregungen für Genuss und Spass im Konsumrausch.

Es ist und bleibt ein Autorenblatt

Treu bleibt sich die WeWo mit ihrer Fähigkeit, den richtigen Autor fürs Thema zu finden und zu überzeugen.

Daher ist es völlig klar, dass nur Peter Rothenbühler über den Wechsel des Anchorman des Westschweizer Fernsehens nach Paris schreiben sollte. Jan Fleischhauer ist der richtige Mann für ein Porträt von Markus Söder. Nur Thilo Sarrazin kann in eigener Sache über seinen Rauswurf aus der SPD räsonieren.

Dazu die üblichen Fundstücke, wer weiss schon, dass auch der Sohn von Peter Ustinov ein hellwaches Multitalent ist. Linus Reichlin ist die richtige Wahl, wenn «Blick TV» kritisch gewürdigt werden soll. Nur die WeWo kommt auf die Idee, mal zu fragen wer eigentlich dieser Vermögensverwalter und Aktionär ist, der dem Murdoch-Sprössling den Einstieg in die Messe Schweiz verweigern will. Und wenn Peter Rüedi zum Nachruf auf Werner Düggelin ansetzt, dann kommt das Stück bei Tamedia noch armseliger als vorher schon daher.

Gut, das war die Lobhudelei, wo bleibt das Kritische? Nun, zunächst: Roger Köppel ist der einzige mir bekannte Chefredaktor deutscher Zunge, der es zulässt, dass man ihm in seinem eigenen Blatt an den Karren fährt. Ich weiss das, ich hab’s schon gemacht.

Widerstand regt an, nicht auf

Auch das macht sicherlich den Charme der WeWo aus. Die politischen Präferenzen des SVP-Nationalrats Köppel sind ja nicht unbekannt. Aber er lässt auch die Gegenrede zu, vorausgesetzt, sie hat ein gewisses Niveau. Das ist kein Feigenblatt vor finsteren, rassistischen, hetzerischen Absichten. Denn was viele missverstehen: Köppel ist ein Mann mit Wumm und Energie, ein überdurchschnittlicher Formulierer, ein Chefredaktor, der mehr Antworten als Fragen hat.

Letzteres ist bedauerlich, aber: Köppel ist kein Ideologe. Sicherlich hat er eine Mission, aber er sieht sich nicht im Besitz der einzigen Wahrheit, er meint nicht, dass nur er zwischen richtig und falsch, gut und böse unterscheiden könnte. Trifft er auf Widerstand oder Widerspruch, dann regt ihn das an. Andere regt das auf, sie wollen nicht verunsichert werden.

Also insgesamt eine kleine Oase, keine Wohlfühloase, sondern eine das Hirn anregende Oase. Knirscht irgendwo der Sand zwischen den Zähnen beim Durchblättern? Nun, mit Verlaub, der Ausbau der Kolumnitis, musste das wirklich sein? Schon länger war man froh, dass Tamara Wernli immer der Hinweisgeber war, dass das Heft nun fertig ist und man es wohlgemut zuschlagen kann.

Aber jetzt auch noch «Zeitzeichen» eines Werbers, eine wöchentliche Kolumne des Wirtschaftschefs, dem noch nie jemand eine elegante Schreibe vorgeworfen hat. Und dann auch noch Katharina Fontana; also die Stelle der Quotenfrau ist doch schon vergeben und gleich doppelt besetzt.

Hält die WeWo die Pace?

Was beunruhigt: Mit dieser Neugeburt hat die WeWo den Ball ganz schön weit ins Spielfeld geworfen. Köppel ist bekanntlich kein Kurzstreckenläufer, aber man fragt sich schon, ob es gelingen wird, das Woche für Woche einzulösen. Als Leser wünscht man es sich.

 

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert gelegentlich in der «Weltwoche».

Die Sparmassnahme auf Papier

Vor einer Woche fehlte die «Schweiz am Wochenende» in der Blattkritik. Jetzt folgt sie.

19,7 Gramm. So viel bringt die «Schweiz am Wochenende» auf die Küchenwaage. Nimmt man den Werbeflyer raus, verringert sich das auf 17,7 Gramm. 56 Seiten umfasst die Wochenend-Ausgabe, die den «Sonntag» abgelöst hat. Online ist das Meiste hinter einer Bezahlschranke.

Mit der «Schweiz am Sonntag» wollte das Wanner-Imperium dem alteingesessenen Trio «SonntagsZeitung», «NZZamSonntag» und «SonntagsBlick» das Fürchten lehren. Was auch längere Zeit gelang; nicht zuletzt deswegen, weil der Wirtschaftsredaktor Arthur Rutishauser ausgezeichnete Quellen in der Swissair und dann der Swiss hatte. Und weil Chefredaktor Patrik Müller einen flotten Kurs fuhr.

Das Gemächt von Baden

Wohl ein Höhepunkt war die Affäre um den Badener Namensvetter vom Chefredaktor, dem es gefiel, Selfies seines Gemächts aus den Amtsräumen des Stadtammanns seiner Freundin zu schicken. Daraus entwickelte sich ein ziemliches Schlamassel, aus dem niemand unbeschädigt herauskam.

Nicht nur die direkt Beteiligten bekamen etwas ab; auch der PR-Mensch Sacha Wigdorovitz machte seinem Namen als Katastrophen-Sacha alle Ehre, allerdings in eigener Sache. 2017 war dann Ende Sonntagszeitung.

Arthur Rutishauser ist schon längst als Oberchefredaktor zu Tamedia abgeschwirrt, und obwohl der Verlag tönt, dass mit der «Schweiz Am Wochenende» der Sonntag halt schon etwas früher anfange, handelt es sich um eine Sparmassnahme. Denn so ersetzt die ehemalige Sonntagszeitung alle Samstag-Kopfblätter im Hause, und das sind seit dem Joint Venture mit der NZZ immerhin zwei Dutzend.

Saubere Aufteilung in drei Bünde

Mit Fr. 3.90 ist die SaW immerhin mit Abstand die günstigste Wochenendzeitung, der Leser kann also auch sparen. Was bekommt er dafür geboten? Wir haben die Ausgabe vom 8. August gewogen – und für leicht befunden.

Die SaW ist relativ sauber in drei Bünde aufgeteilt. Der erste Bund ist der Mantelteil, hier werden Inland, Ausland, Wirtschaft, der Geldonkel und die Kommentare abgefeiert. Je nachdem können im Inland auch lokale Themen von überregionaler Bedeutung reingehebelt werden, was ganz schön Koordinationsaufwand erfordert.

Sozusagen gesetzt war an diesem Wochenende das Thema «Schulstart». Hier kommt die SaW nicht über eine Pflichtübung hinaus. Riesiges Aufmacherfoto auf Seite eins, dann eine Doppelseite mit einem weiteren Bildanteil von mindestens ein Viertel. Lauftext, Interview mit dem Fachmann, der Blick ins Ausland. Dann beteiligt sich die SaW am obligatorischen Ratespiel, welche neuen Akzente wohl der SVP-Präsident aus dem Tessin setzen könnte, sollte er gewählt werden.

Wir überblättern das Ausland – und die Wirtschaft

Wir gönnen uns einen kräftigen Schluck doppelten Ristretto und überblättern das Ausland (Weissrussland, Kommentar zu Beirut und der abgängige Ex-König von Spanien). Dann auf einer Doppelseite ein Beitrag zum Thema «Journalisten interviewen Journalisten». Sprung über den Röstigraben, hat das der Blattmacher sicher genannt; also wird der Deutschschweizer Leser mit den Ansichten eines TV-Nachrichtensprechers aus der Welschschweiz in den Schlaf gewiegt. Anlass ist die welterschütternde News, dass er zu einem französischen Privatsender wechselt.

Auch die Wirtschaft leidet sichtbar unter der Hitze, Corona und Impfstoff, Glaceketten, bei der SBB regnet es in die Züge, na ja. Auf der Kommentarseite zeigt der Chefredaktor des St. Galler «Tagblatt», dass er mühelos in der Lage ist, so inhaltsleer, dabei aber so arrogant vor sich hin zu blubbern wie der publizistische Leiter Pascal Hollenstein.

Wespen und Verschweizerung

Nach mageren drei Seiten Sport beginnt im zweiten Bund der Teil «Regionen». Hier wird schön nach Kantonen verteilt abgefüllt, was da so anfiel. Wie schlimm es um die Nachrichtenlage steht, merkt man deutlich am Titel einer mit grossen Bildanteil auf mehr als eine Seite aufgeblasenen Story: «Wespen beschäftigen die Aargauer Feuerwehren». Auch einem als «Essay» angepriesenen Text «Basel verschweizert» wäre eigentlich nach einer Seite der Schnauf ausgegangen (und das wäre gut so gewesen). Aber mit einem über die Doppelseite gezogenen, riesigen roten Balken, sauber im Falz platziert das Kreuz, wird auch hier eine Doppelseite rausgeschunden.

Ein wunderbares Bildthema ist dann auch «Der Coronaleere auf der Spur». Eine Bilderreise zu, genau, leeren Orten und Plätzen. Wahnsinn, die Doppelseite zum Meditieren, ruhen und oooohm sagen.

Schliesslich noch sozusagen das Spielbein, der letzte Bund. Man merkt, dass es hier darum geht: Muss weg, erreicht sonst das Verfallsdatum. Also überrascht uns die SaW hier mit einem Dreiseiter über den US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden. Mann und Werk, ein fabelhafter Ausflug ins SMD, in Google und in ein paar Archive von US-Medien. Leicht geschüttelt und eiskalt serviert.

Wird das Wochenende länger?

Auch wenn die Salzburger Festspiele dieses Jahr nur ein reduziertes Programm anbieten; wenn man schon den Kulturredaktor ins Ausland lässt, Eintritte und Hotelaufenthalt zahlt, dann ist es klar, dass auch daraus mindestens eine Riesenstory werden muss. Und sonst, fällt etwas auf, bleibt etwas hängen? Ehrlich gesagt: nein. Selbst die Reise-Seite mit Tipps für schöne Schweizer Wasserlandschaften, nun ja. Immerhin: Es sieht so aus, als wären hier die eigenen Kräfte bemüht worden, ohne Sponsoring.

Wird also mit der «Schweiz am Wochenende» der Sonntag wirklich länger, beginnt er schon am Samstag, ersetzt sie den Inhalt der Samstagsausgaben, plus Mehrwert für den Sonntag? Sagen wir mal so: Nicht unbedingt. Das Wochenende kommt einem einfach länger vor, wenn man sich langweilt. Auf der anderen Seite hat man auch dieses Blatt relativ schnell durchgeblättert. Ohne dass man durch herausragende Artikel dabei behindert würde.

Das Ende der glücklichen Zeiten

Dem Internet sei Dank: Jeder kann Zeitung.

Da liegt es nahe, mit einem Gegenprogramm aufzutrumpfen: Nur positive Nachrichten statt des ewigen Protokoll des Elends. Die schlechte Nachricht: Lesen will das niemand. Ein Schweizer Portal hat gerade erst aufgegeben.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der medialen Lawine an schlechten Nachrichten, die uns täglich überrollt und der Zunahme psychischer Erkrankungen? Mit Sicherheit wurde das bereits untersucht. Aber auch Laienpsychologen können zum Schluss kommen: Der Seele tut es nicht gut, dauernd zu lesen, dass alles schlechter wird. Und das ist ja so, wenn man den angestammten Medien glauben will. Es will eben einfach keiner lesen, wie viele Flugzeuge heute nicht abgestürzt sind. Es ist die Ausnahme, die das Lesevergnügen bereitet.

Dennoch gibt es Verleger – wir sind grosszügig mit dem Begriff -, die finden, dass es ihre Aufgabe ist, positive News zu verbreiten, sich also auf das bisschen Stoff zu konzentrieren, der uns das Gefühl gibt, es sei noch nicht alles verloren. Allein im deutschsprachigen Raum sind es einige Dutzend Onlinezeitungen, die sich das zur Aufgabe gemacht haben.

Labor statt Fleisch

Wie sieht das konkret aus? Zum Beispiel bei nur-positive-nachrichten.de? Da erfahren wir, wie viele Tonnen Plastik kürzlich aus dem Meer gefischt wurden. Das Problem: Um sich darüber richtig zu freuen, muss man auch darauf hinweisen, wie viele Tonnen da immer noch drin liegen. Positiv ist anders. Oder dass der Fastfoodriese KFC Hühnerfleischzellen aus dem Labor testet: Auch das klingt vielversprechend. Es fehlt allerdings der sanfte Hinweis, dass es vermutlich Jahre gehen wird, bis daraus etwas wird, und auch dann wird KFC den Teufel tun und dem echten Fleisch abschwören. Schlicht, weil der typische Kunde gern richtiges Fleisch isst.

In der Schweiz war es happytimes.ch, das diesem Konzept folgte. War. Denn just im vergangenen Juli haben die Macher nach über zehn Jahren die Segel gestrichen. Dass die Idee solange Bestand hatte, ist beachtlich und vermutlich einem Engagement nahe an der Selbstaufgabe zu verdanken. Denn wirklich einträglich ist das Geschäft mit good news nicht. Ausser, man macht es wie «Happy times», das unter positiven Meldungen auch klar als verkaufte Werbung erkennbare Autotests verstand.

Nackt am Mäher

Mehr als 10’000 Artikel habe man in dieser Zeit publiziert, heisst es im eigenen Abgesang. Und macht auch gleich klar, was wirklich gut lief: Die «Kornkreis-Fotostorys mit exklusiven Fotos direkt aus den sagenumwobenen Kornkreisen sowie bunte, fröhliche Foto-Reportagen von der Streetparade Zürich.» Was für Klicks sorgte, waren also besoffene Studenten, die sich nachts als Mutprobe an der Mähmaschine vergriffen und Bildergalerien von halbnackten Leuten. Klingt plausibel.

Vielversprechender ist vielleicht der Ansatz einiger eingesessener Medien, die sich eine Rubrik mit positiven Meldungen leisten. focus.de zum Beispiel führt einen «Gute-Nachrichten-Ticker». Das ist eine billige Lösung: Beiträge, die ohnehin publiziert werden, weist man mit einem Klick dieser Rubrik zu, erledigt. Wobei man darüber diskutieren kann, ob das Porträt eines Mannes, der seinem Vater die Ermordung der Mutter verzeiht, besonders stimmungsaufhellend ist. Es muss ja zuerst jemand ermordet werden, bevor man verzeihen kann.

Die meisten dieser «Alles ist gut»-Zeitungen finanzieren sich durch Werbeeinblendungen, die nur einschenken, wenn die ganze Welt plötzlich wissen will, wie toll das Leben doch eigentlich ist. Und einige verkaufen Mitgliedschaften, mit denen sich diese Werbung ausblenden lässt. Bei nur-positive-nachrichten.de kann man das für ein Jahr mit Summen zwischen 24 und 100 Euro erledigen, je nach Spendierlaune. Dafür erhält man dann einen Titel wie «Chenoa» (Friedenstaube) oder Macawi, was bei den Sioux so viel wie Grosszügigkeit bedeutet.

Dumm ist das nicht. Vermutlich spricht die Zielgruppe der Positivdenker drauf an.

 

Von Stefan Millius. Er ist Chefredaktor «Die Ostschweiz».

 

Packungsbeilage: Der ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert auf «Die Ostschweiz».

Bla Bla Blattkritik

Die Sonntagspresse im Test. Wer ist top, wer Flop?

Zugegeben, es mag unfair sein, ausgerechnet den 2. August als Testgrundlage zu nehmen. Samstag 1. August, Sommerloch, Höchststrafe für die Redaktoren, die sich dennoch genügend Themen aus den Fingern saugen müssen.

Auf der anderen Seite verlangen die drei Sonntagsblätter ja nicht weniger Geld für weniger Inhalt. Da schwingt der «SonntagsBlick» (SoBli) obenaus. Für Fr. 4.90 gibt es 39 Seiten Politik, People und Vermischtes, 39 Seiten Sport und 35 Seiten Magazin. Allerdings im Tabloid-Format, also werden die auf 56,5 Seiten umgerechnet. Die Verlagsbeilage 20/20 mit einigen sehr interessanten Formen von Schleichwerbung läuft ausser Konkurrenz.

Es gibt keine Primeurs oder Skandale

Die «SonntagsZeitung» (SoZ) will Fr. 6.- für 60 Seiten, die NZZamSonntag (NZZaS) gar Fr. 6.50 für ganze 48 Seiten. Obwohl deren Magazin «Sommerpause macht» und sich erst Mitte August zurückmeldet. Alle drei Blätter sind erschreckend-angenehm inseratefrei.

Gut, das ist die quantitative Analyse, viel wichtiger ist natürlich der Inhalt. Zunächst fällt auf, was es nicht gibt. Primeurs, Skandale, Enthüllungen. Das war früher das Geschäft von SoBli und SoZ, selbst die NZZaS war sich nicht zu schade, mal für Gesprächsstoff zu sorgen. Alle drei Blätter profitieren davon, dass Samstag weitgehend gegendarstellungsfreier Raum ist. Da kann man ungeniert holzen und dazu schreiben: War für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Diesen Sonntag aber ist der SoBli eindeutig das staatstragende Organ; er macht mit einem Interview mit Aussenminister Ignazio Cassis auf. Inhalt? Unwichtig, Interview mit Bundesrat ist immer gut. Die SoZ will Mut machen und behauptet «Die Schweiz trotzt der Krise», die NZZaS verlangt «Ruhe!» in der Natur und beklagt, dass der Bund «Impftests verschläft».

Der SoBli sorgt für Aufreger

Für die einzigen Aufreger sorgt der SoBli; er zwirbelt die unterschiedlichen Auffassungen von Bund und Kantonen zum «Corona-Chaos» hoch. Dann hat er sich den ehemaligen Immobilien-Chef der SBB zur Brust genommen. «Filz nach Schweizer Art» schimpft er, denn der ehemalige Chef der zweitgrössten Immobilienfirma SBB sammelt nach seinem Ausscheiden fleissig VR-Mandate – logisch bei Baufirmen und anderen Unternehmen, die mit den SBB zu tun haben.

Obwohl die SoZ den grössten Umfang hat, muss man sich bei der Lektüre durch energisches Umblättern wachhalten. «Velofahrer ärgern sich über die SBB», «Feuer unterm Zeltdach», «Die erste Madam President», alles Artikel mit hohem Schnarchpotenzial. Einzig ein munteres, aber nicht ganz taufrisches Stück, «Wie Schweizer Mafiosi ihr Geld gewaschen haben», unterbricht die Monotonie. Allerdings traut sich der Autor nicht, die Namen der darin involvierten Banken zu nennen. Oder er hat sie nicht rausgekriegt.

Die NZZaS lässt einen Taliban sprechen

In der guten alten NZZ-Tradition, auch Mikronesien nicht auszulassen, wenn es dem zuständigen Redaktor beliebt, informiert sie den Leser auf einer Seite darüber, warum sich der afghanische Bauer Abdul Maruf den Taliban angeschlossen hat. Im «Hintergrund» glänzt Daniel Meier mit einem kenntnisreichen Stück über Kermit, den Frosch. Es ragt auch deswegen heraus, weil  Werweisen über die Frage, ob Trump freiwillig das Weisse Haus nach einer Wahlniederlage räumt und die Erinnerung an 75 Jahre Abwurf der Atombomben auf Japan zur Gattung gehören: Kann man machen, muss man nicht machen.

Sonst? Sagen wir so: Wirtschaft plätschert so vor sich hin, und dass der auch schon 75-jährige Bassist von Deep Purple im Aargau wohnt, ist an kulturellem Gehalt kaum zu überbieten. Bei der SoZ war früher einmal das grosse Interview als Auftakt des «Fokus»-Bundes ein Markenzeichen. Diesmal darf der neue Zoodirektor Lebensweisheiten unter die Leute streuen wie «Bei einem Tiger kommt man leider selten davon».

Dann der Notnagel, eine Doppelseite «Wie war denn der 1. August», auf Seite 19, neben den Leserbriefen ein bemerkenswertes Korrigendum über ZACKBUM.ch. Auch die Wirtschaftsredaktion der SoZ hat eigentlich nichts zu melden; eine interessante Abhandlung über die Entwicklung der Zinsen seit 1317 entpuppt sich als Zusammenschrieb aus einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Thema.

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Vom gleichen Autor, der schon mit der Mafia-Geldwäsche etwas für Unterhaltung sorgte, noch ein Stück über Schmiergeldzahlungen beim Bau der U-Bahn von Panama City. Nicht gerade überraschend, und auch nur ein Zusammenschrieb aus einem Bundesgerichtsurteil vom Mai. Dass Migros jetzt Schoggi von Coop verkauft, schafft es auch nur in der Saure-Gurken-Zeit zu fast einer Seite. Dass Frauen inzwischen offen dazu stehen, dass sie menstruieren; nun, das wollten wir Männer auch schon immer mal wissen.

Zur Abrundung entlässt einen die SoZ mit einer Seite redaktionelle Werbung für ein Töff und mit der Schmonzette, dass Bugatti eine Seifenkiste für Kinder auf edel getrimmt hat und für bis zu schlappen 60’000 Euro verkauft. Was darauf hinweist, dass der Artikel, wie viele andere auch, von der «Süddeutschen Zeitung» übernommen wurde und der bearbeitende Redaktor erschöpft war, nachdem er alle ß durch ss ersetzt hatte.

Dann folgen noch drei Seiten, die das Elend des Reisejournalismus bestens illustrieren. Lust auf Malta, eine Wandertour im Tirol oder patriotisch auf den Aletschgletscher? Die SoZ hat’s ausprobiert und findet’s grossartig. Super. Spitze, toll. Keinesfalls liegt das daran, dass bei allen drei Ganzseitern am Schluss verschämt steht «Die Reise wurde unterstützt durch …». Mit anderen Worten: bezahlte Werbung, die als redaktionelle Leistung daherkommt.

Eine überraschende Reihenfolge

Kassensturz am Schluss? Es fällt auf, dass die SoZ, aber auch zunehmend die NZZaS, mit übergrossen Fotos arbeiten. Der SoBli pflegte schon immer ein Boulevard-Layout mit hohem Bildanteil, knalligen Titeln, bunten Elementen. Bei der SoZ sind die bis zu halbseitigen Fotos, links und rechts von Textriemen umrandet, aber offensichtlich Platzhalter. Platzfüller.

Was erhält man also für insgesamt Fr. 17.40 (Einzelverkaufspreis)? 165 Seiten bedrucktes Papier. Natürlich rein subjektiv inhaltlich gewichtet: Die NZZaS hat mit dieser Ausgabe extrem enttäuscht. Kaum Lesenswertes, kaum Interessantes, kaum Hintergründiges, und das Magazin, kaum eingeführt, macht schon mal Pause.

Der SoBli zeigte sich interessanterweise staatstragend und sorgte mit dem Multi-VR für einen hübschen Aufreger. In der SoZ fielen nur zwei Stücke vom gleichen Autor über Gelwäsche und Schmiergelder positiv auf.

Es war also ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aber zur eigenen Verblüffung ist die Rangordnung: 1. SoBli, 2. SoZ, 3. NZZaS.

 

 

Packungsbeilage: Der Autor war lange Jahre Auslandkorrespondent der NZZ, publiziert noch gelegentlich in der NZZ, hat aber in der NZZaS bislang ein einziges Mal einen Kommentar veröffentlicht.

Teure Lehrstunde für tsri.ch

Wie man Spendengelder rausballert.

Die Welt von heute ist beherrscht von skrupellosen Börsenspekulanten und finsteren Firmen, die vom Staat das Blut abzapfen und raffgierig ihr Geld bunkern oder unter ihresgleichen verteilen. Sie schwindeln Kurzarbeit vor, halten aber geizig an ihrer Dividenden-Ausschüttung fest.

Die ganze Welt? Nein, irgendwo in Zürich gibt es noch ein paar Journalisten, die gegen diese Abzocker ankämpfen. Dafür brauchen sie aber zuerst einmal Geld, und zwar ziemlich viel.

Tsri.ch ist ein seltsames Medium, dass zwischen Maturazeitung und Musenalp-Express oszilliert. Wer manche Titel nicht versteht, muss leider zugeben, dass er alt geworden ist: «Warum fehlen BIPoC in der Pride?».

In den Texten geht es um die Probleme der Kurden, die besten Velomechaniker, Lesbenprobleme oder die feinsten Milchkaffees in der Stadt Zürich. Wir wollen nicht harsch über tsri.ch schreiben. Wir kritisieren keine Kinder.

17’755 Franken-Recherche

Nur ein bisschen. Es geht nämlich um das erfolgreiche Crowdfunding von tsri.ch. 17’755 Franken haben die Jungen gesammelt. Das Geld sollte ihnen eine breit angelegte «Corona-Recherche» ermöglichen. Die jungen Macher stören sich nämlich daran, dass viele Firmen zwar Kurzarbeit beantragt haben, ihren Aktionären aber trotzdem eine Dividende auszahlen wollen oder dies schon gemacht haben.

tsri.ch sind nicht alleine in ihrer Empörung. Der Nationalrat und der Ständerat haben einer Motion zugestimmt, die eine Dividendenauszahlung bei Kurzarbeit verbieten will. Die Medien haben ausgiebig darüber berichtet. Das Thema ist – durch.

Yes. Ziel erreicht

Trotzdem sind also 17’000 Franken in das Konto von tsri.ch geflossen. «Yes. Ziel erreicht», jubelten die Journalisten. Mit dem vielen Geld könne man nun «einen Monat lang investigativ recherchieren», «einige Firmen genauer unter die Lupe nehmen», mit Rechtsexperten sprechen und sogar versuchen, «via Öffentlichkeitsgesetz vom Kanton Zürich an jene Firmennamen zu kommen, welche Kurzarbeit bewilligt bekommen haben. Diese überprüfen wir dann auf Dividendenzahlungen.»

Uff, ganz schön viele Ziele. Herausgekommen sind dann zehn Texte. Drei von ihnen erhalten von uns knapp das Prädikat «Recherche», bei den anderen gaben sich die Autoren immerhin Mühe. So gesehen sind 17’755 Franken ziemlich viel Geld. Darauf angesprochen reagiert der Chefredaktor Simon Jacoby natürlich pikiert: Einem Recherche-Ergebnis einen finanziellen Wert zuzuordnen, das sei nicht seriös. Sein Team habe einen super Job gemacht, die Leser und insbesondere auch die Teilnehmenden des Crowdfundings seien sehr zufrieden mit der Recherche gewesen.

Eine gute Investition

Von den vielen Versprechungen konnten einige nicht eingelöst werden. Interviews mit Rechtsexperten hätten zum Beispiel keinen Sinn gemacht, da die juristische Frage schnell beantwortet war: Dividenden sind trotz Kurzarbeit natürlich erlaubt. Sie beziehen sich ja auf das abgelaufene Geschäftsjahr. Pech hatte die motivierte Truppe auch mit ihrem Einsichtsgesuch. Da wurden sie von einer Stelle zur nächsten Stelle verwiesen, bis sie eine ablehnende Antwort erhielten. Immerhin: Ab Herbst soll wieder das Öffentlichkeitsgesetz bemüht werden. Tsri.ch will nämlich die abgerechneten Stunden der Zürcher Firmen veröffentlichen. Wie spannend ist das wohl?

17’755 Franken sind so gesehen eine gute Investition in angehende Journalisten. Die erste Lektion ist nämlich immer: Auf jede gute Idee kommen mindestens zwei Niederlagen. Und das lernt man nur im Alltag.

Globalisierter «Schweizer Journalist»

David Sieber hat auch ein Pech. Und dann kommt noch Ungeschick dazu

Eigentlich könnte David Sieber sich selbst als Beispiel nehmen. Für das Elend des aktuellen Bezahl-Journalismus. Denn nach immerhin sechs Jahren gab er angeblich auf eigenen Wunsch die Chefredaktion der Südostschweiz ab. Anschliessend gab er nach nur zwei Jahren nicht auf eigenen Wunsch die Chefredaktion der Basellandschaftlichen Zeitung ab.

Und dann als Nachfolger von Kurt W. Zimmermann in doch eher grössere Fussstapfen als neuer Chefredaktor des «Schweizer Journalist». Ach, der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Sieber stolzer Besitzer der Texterei Sieber GmbH ist. Hier hat er «auf Mandatsbasis» dieses Blatt übernommen.

Nun wollte es das ungnädige Schicksal, dass auch am «Schweizer Journalist» die Pandemie nicht spurlos vorüberging. Als Sparmassnahme gab es eine sozusagen globalisierte Ausgabe für Deutschland, Österreich und die Schweiz insgesamt. Das war Pech.

Dr. Media hat sich entleibt

Ungeschickt war es aber, die gern gelesene Rubrik «Dr. Media» weiterzuführen. Die ist inzwischen gespült, in der neusten Ausgabe Nr. 3/2020 kommt sie nicht mehr vor. Dafür aber eine Berichtigung und Entschuldigung. «Dr. Media» muss einräumen, dass er trotz Dementi ein blödes Gerücht über die Gründe des Abgangs des stellvertretenden Chefredaktors der «Weltwoche» verbreitet habe.

Da das zudem «mutmasslich persönlichkeitsverletzend» sei, «entschuldigt sich Dr. Media in aller Form für die Falschmeldung». Offenbar hat sich der Medienkenner auch gleich noch selbst entleibt, weil er vielleicht mit dieser Schande nicht mehr weiterleben wollte.

Aber nach der Spar-Ausgabe 2 ist nun Nummer 3 wieder randvoll mit Schweizer Inhalt. Könnte man meinen. Bei genauerer Betrachtung sind aber von den 98 Seiten Heftumfang rund ein Dutzend über Schweizer Themen; das meiste in der billigsten journalistischen Form, dem Interview.

Medienlandschaft in Ostfriesland

Auf den übrigen Seiten bringen uns Journalisten aus Deutschland und Österreich fremde Gebräuche und Sitten bei; wir wollten im Schweizer Journalist zum Beispiel schon immer gerne etwas über die Medienlandschaft in Ostfriesland lesen.

Ach, dann gibt es noch fünf Seiten über Schweizer Tourismus. Sauber aufgeteilt in drei Seiten Interviews und eine Doppelseite «Entgeltliche Einschaltung». Also ein Inserat, das täuschend ähnlich wie redaktioneller Text daherkommt. Es ist auch eher selten, dass der gleiche Journalist, der auf dem Cover abgefeiert wird, dann auch noch selber einen Zweiseiter zum Blatt beiträgt.

Denn wenn dir gar nichts einfällt, dann mach eine Auswahlstrecke. 10 Journalisten ohne dritte Zähne. 20 Sportjournalisten, die überlebten. Oder eben: «30 unter 30, junge Talente 2020». Es sei schwierig gewesen, auszuwählen, behauptet Sieber, fast 100 seien zur Auswahl gestanden. Verzeihlich, dass auch einer reinrutschte, der die 30 schon überschritten hat. Oder zwei «Autodidakten», die ohne Rücksicht auf Verluste oder journalistische Standards eine Miniplattform für Hardcore-Linke herausgeben.

Aber um solche Details ging es natürlich nicht; es ging einfach darum, 9 Seiten abzufüllen. Ob allerdings der Schweizer Medieninteressierte weiterhin bereit ist, 15 Franken dafür auszugeben, dass ihm mediale Blickpunkte aus Deutschland oder Österreich nähergebracht werden, garniert mit ein paar Seiten Belangloses aus der Schweiz, muss bezweifelt werden.

Blattkritik: Das «Spiegel»-Bild heute

Hat sich das Nachrichtenmagazin von Relotius erholt?

Das Objekt der Blattkritik ist die «Spiegel»-Ausgabe vom 18. Juli 2020. Die Titelstory knüpft an bessere Zeiten an: «Der Wirecard Thriller» nimmt sich des wohl grössten deutschen Wirtschaftsskandals an.

Der ehemalige Börsenliebling und als deutsches IT-Wunderkind gehandelte Konzern erwies sich als Betrugsmaschine, es fehlen rund 2 Milliarden Euro in der Bilanz. Seine Nummer zwei ist abgetaucht, und den Spuren dieses Jan Marsalek geht ein Team von 18 Redaktoren auf etwas mehr als neun Seiten nach. Launig illustriert und knackig betitelt mit «Auf der Jagd nach Dr. No».

Tatsächlich fördert der «Spiegel» hier Neues und Erstaunliches zu Tage. Es geht um Libyen, Russland, Spionagesoftware und wirklich knackige Anekdoten wie aus einem Bond-Film. Sauber chronologisch aufgearbeitet, hier spielt das Blatt seine Manpower und seine Fähigkeit, ein Recherchepuzzle süffig aufzubereiten, voll aus.

Rechthaber statt Recherche

Weniger glorios ist allerdings noch vor der Titelstory das erste Meinungsstück. Seit einiger Zeit leistet sich der «Spiegel» einen «Leitartikel». Hier erhebt der deutsche Oberlehrer sein hässliches Haupt: «Es reicht jetzt», kanzelt er Ungarns Premier und seine «illiberalen Freunde» ab. «Höchste Zeit», «Wesenskern würde beschädigt», hier wird mit dem Zeigefinger gefuchtelt, als würde irgend jemand auf die Ratschläge eines Journalisten hören.

Dem Zeitgeist geschuldet ist auch, dass jedes der klassischen Ressorts, zuerst «Deutschland», mit inzwischen fünf Seiten Kurzfutter eingeleitet wird. Ebenfalls den Mantel in den Wind hängt der «Spiegel» mit einem länglichen Stück über die Politik als Männerdomaine. Dann kommt etwas, was es seit Jahren nicht mehr gegeben hat, ein neues Ressort: Reporter.

Das beinhaltet, Überraschung, Reportagen. Offensichtlich die Wiedergutmachung für den Schaden, den der Fake-Reporter Claas Relotius anrichtete. Dessen Reportagen entsprachen zwar genau den Wünschen und der Gesinnung der Redaktion, hatten aber den kleinen Nachteil, dass sie über weite Strecken schlicht erfunden waren.

Das klassische «Spiegel»-Gespräch»

Im grossen Wirtschaftsstück «Masslose Macht», dem Aufmacher einer Serie über die zunehmende Dominanz des Staates in der Wirtschaft, merkt man deutlich, wie zwischen Kritik an staatlichen Monopolbetrieben und an «übertriebenen» Privatisierungen geeiert wird. Besonders hier zeigt sich, dass der «Spiegel» nun beileibe nicht in erster Linie ein Nachrichtenmagazin ist. Sondern ein Meinungsblatt. Es will nicht spiegeln, allenfalls einordnen und analysieren, es will nicht nur erklären, sondern richten.

Ein schönes Stück alter «Spiegel»-Kultur ist das Interview mit dem ehemaligen Sicherheitsberater des US-Präsidenten, John Bolton. Der hatte schon mit einem Enthüllungsbuch mit Trump abgerechnet. Im Gespräch erweist sich die alte Kriegsgurgel als schlagfertiger und gebildeter Mensch. Wunderbar seine Sottise, als er gefragt wird, ob dem Präsidenten eine Rede Merkels über Multilateralismus auf die Nerven gegangen sei: «Trump weiss wahrscheinlich gar nicht, was Multilateralismus ist.»

Politisch korrekt ist dann aber das Interview mit den beiden Journalistinnen, die den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein wegen seinen sexuellen Übergriffen zu Fall brachten. Und nach 130 Seiten, auch das ist dem Zeitgeist geschuldet, ist dann Schluss.

€ 5.50 kostet das, in der Schweiz unverschämte Fr. 8.10. Früher war Montag obligatorischer «Spiegel»-Tag für sehr viele Deutsche, auch für mich. Seit 1995 ist die Auflage von über einer Million auf 700’000 zurückgegangen, und Erscheinungstag ist Freitag.

Im deutschen Sprachraum unerreicht

Von Fake Journalismus scheint sich das Magazin gut erholt zu haben, und wenn es wie bei dieser Titelgeschichte seinen journalistischen Muskel anspannt, ist es zumindest im deutschen Sprachraum unerreicht. Auch dem Zeitgeist geschuldet ist die immer grosszügigere Bebilderung mit auch ganzseitigen Fotos. Das hatte das Blatt früher nicht nötig, ein Gewinn ist’s nicht.

Überhaupt nicht erholt hat sich der «Spiegel» aber von seiner krachenden Fehleinschätzung, dass Donald Trump keine Chance habe, US-Präsident zu werden. Seither verfolgt ihn das Blatt hasserfüllt, beschimpft ihn als «Brandstifter» ruft «Das Ende der Welt» aus und tut so, als wäre es seine Aufgabe, den Präsidenten wegzuschreiben. Wie meist, wenn Journalismus Gesinnung zeigen will, ein Zeichen setzen, warnen, aufrufen, wird’s schal und unerträglich. Würde der «Spiegel» wieder vermehrt versuchen, dem Motto seines Gründers zu folgen, «sagen was ist» statt «sagen, wie’s sein sollte», dann wäre er wieder geniessbar.

Aber bei all seinen Schwächen, bei allen Zerrbildern, die er aus der Realität widerspiegelt: Natürlich bleibt er unverzichtbar für die politische Debatte im deutschen Sprachraum. Bis heute kann ihm kein anderes Blatt das Wasser reichen. Was ein Lob und auch ein Armutszeugnis ist.

«Ist das so korrekt?»

Premiere im «Schweizer Journalist»: Der Chefredaktor verunglimpft einen Medienschaffenden

Und muss sich dafür im Blatt entschuldigen. Eine Nachlese.

 Am 10. Februar hatte David Sieber ein Problem. Der ziemlich neue Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» hatte fast alle Artikel für die erste Nummer von 2020 zusammen. Ein Porträt über die Politikchefin beim Blick, eine Geschichte über eine Journalistin auf Weltreise und ein paar alte Kamellen über Beförderungen. Sachen, die in einem Branchenblatt halt so vorkommen. Was dem 57-Jährigen noch fehlte, war eine spannende Geschichte für das 15 Franken teure Heft.

Sieber setzte sich am Nachmittag des 10. Februars nochmals an den Rechner hin und schrieb eine E-Mail an Philipp Gut, Ex- stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche. Er habe vernommen, so Sieber, dass der Grund für Guts Abgang bei der Weltwoche ein Verhältnis mit Köppels Sekretärin sei. «Ist das so korrekt?» Eine Deadline fehlte. Gut antwortet ihm am 13. Februar, um 12:41 Uhr: «kompletter Unsinn.»

Die Geschichte war klinisch gesehen also tot. Moralisch gesehen, schon früher. Niemand interessiert sich ernsthaft dafür, ob zum Beispiel die Mutter von David Sieber Sex mit dem Gärtner hatte oder nicht. Man nennt so etwas altmodisch «Privatsphäre».

Leider zu spät

Sieber antwortete Gut: «Danke. Leider sind Sie zu spät. Das Heft ist gedruckt, das Gerücht drin, inkl. Köppels Dementi.» In der Nummer 1/2020 frotzelte dann Sieber alias «Dr. Media» genüsslich, dass nicht nur Gut, sondern auch die Sekretärin entlassen worden seien. Der Haken: Die Sekretärin arbeitete zu diesem Zeitpunkt weiterhin bei der «Weltwoche».

Zackbum wollte von Sieber wissen, wann die Antwort von Gut hätte erscheinen müssen, um das Fiasko zu verhindern. Drei Stunden früher, so Sieber. Wahrscheinlich stimmt das auch nicht. Sieber hätte den Artikel verhindern können. Wie sehr er das wollte, ist eine andere Geschichte. Das Heft wurde erst am 14. Februar gedruckt. Sieber hätte den Artikel darum problemlos verhindern können, indem er die entsprechende Druckseite ausgewechselt hätte.

«Da ist mir der Gaul durchgegangen.»

Gut verlangte ein Dementi in der nächsten Nummer. Sieber realisierte langsam, dass er Blödsinn gemacht hat. «Da ist mir der Gaul durchgegangen», schreibt er Gut. In der nächsten Nummer erscheine das Dementi, verspricht er ihm. In der Nummer 2/2020 steht aber nichts. Sieber rechtfertigt sich gegenüber Gut. Wegen der «internationalisierten» Nummer von 2/2020 sei das Korrigenda nicht erschienen. «Ich hätte Sie informieren müssen, was mir leider unterging.»

Fake News sind überall

Gut hatte langsam die Faxen satt. Er wendet sich an den Presserat und nimmt einen Anwalt. Und nun geht alles plötzlich schnell. Man findet einen Kompromiss: Gut lässt die Beschwerde fallen, Sieber frisst dafür Kreide. In der Nummer 3/2020 entschuldigt er sich «in aller Form für die Falschmeldung».

Das Ganze wirft aber ein schiefes Licht auf den Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» und ehemaliges Mitglied des Stiftungsratsausschusses des Schweizer Presserates. In einem Interview antwortete er auf die etwas dämliche Frage, ob Fake News eine Gefahr oder eine Chance für die Medien darstellten, mit «Eine Gefahr. Weil Medien immer mal wieder auch Fake-News-Lieferanten sind. Leider.» Ja, leider.