Zackbum hat jetzt auch eine Kirche

Welche Lehren zog der «Spiegel» aus Relotius?

Mal genau genommen: Wie akkurat sind heute Faktenangaben?

Der «Spiegel» und die USA, das  ist ein schwieriges Thema. Das Blatt hatte bei seiner Geburt 1947 amerikanische Zeitschriften als Vorbild. Wie er ist, und wie er schreibt, lässt sich nur verstehen, wenn man auch die US-Pendants liest.

Und dann kam Relotius. Der «Spiegel» versuchte gar nicht, den Fälscher-Skandal zu verniedlichen. Eine unglaubliche Kette an missbrauchtem Vertrauen, schludriger Kontrolle und überheblicher Arroganz haben zum Entstehen von Relotius geführt, diesem angeblich so bezirzend schreibendem Reporter.

Auch Guido Mingels ist ein hervorragender Schreiber – aus dem luzernischen Dagmersellen. Nicht im entferntesten soll eine Analogie zwischen Relotius und Mingels geschaffen werden. Nur die Unvereinbarkeit zwischen Pointe und Fakten soll aufgezeigt werden.

Und zwar geht es um Mingels Text «Wenn die Ölmänner gehen». Im Zentrum steht das Städtchen Carlsbad in New Mexiko. Die Einwohner, so Mingels, leiden unter dem niedrigen Ölpreis. Firmen gehen Pleite, weil sich die Fracking-Methode unter einem gewissen Ölpreis nicht mehr lohnt. Es ist eine alte Geschichte. Amerikas Ölindustrie erlebt das immer wieder. Steigt der Preis wieder, gehen die Firmen wieder an den Start.

Kurzer Abschnitt mit Fragezeichen

In schöner Spiegeltradition wird die Geschichte an einem Individuum aufgezogen. Und zwar um Freeman. Ein wirklich kurzer Abschnitt soll nun zeigen, dass der «Spiegel» nicht die entscheidende Lehre aus dem Relotius-Skandal gezogen hat. Dass es nicht nur um die Person geht, sondern um einen Schreibstil, der nicht mehr zeitgemäss ist.

Hier ist unser Abschnitt:

«Nichts ist los hier», sagt Freeman, der nie in die Innenstadt geht. Bars gibt es wenige, dafür 58 Kirchen für die verbleibenden 30 000 Bewohner. Offenbar braucht man viel Beistand von oben, um es in dem Ort auszuhalten.

58 Kirchen. So viele soll es in Carlsbad geben. Die Information stammt vermutlich von der Website churchfinder.com, die 58 Kirchen auflistet. Seit heute sind es 59 (siehe Screenshot). Wir haben nämlich die Kirche Zackbum eingetragen. Bei unserer Methodisten-Kirche handelt es sich um ein geistliches Abklingbecken für Abtrünnige. Dass es wahrscheinlich noch andere Jux- oder nicht existierende Kirchen innerhalb der 58 Gotteshäusern Carlsbads gibt, ist nicht auszuschliessen. Wir hoffen, dass Mingels entweder alle 58 Kirchen akribisch abklapperte oder diese Mühe dem vielbeschworenen Doku-Team überreichte.

Die andere Frage ist drängender. Mingels schreibt, dass es in Carlsbad «wenige Bars» gäbe. Mit dem bösen Nebensatz: «Dafür 58 Kirchen …» wird dem Leser das Bild vermittelt, dass es mehr Kirchen als Bars in Carlsbad gäbe. Nur, stimmt das? Gibt es tatsächlich «wenige» Bars dort? Tripadvisor weist aktuell 70 Bars, Restaurants und Schnellimbissen in Carlsbad auf.

Und wenn man streng nach Anzahl Bars geht: In Dagmersellen gibt es drei Kirchen – und nur zwei Bars (die Härzbluet Bar und das Appaloosa Pub). Zum Glück gilt auch in Dagmersellen: Das Dorf befindet sich im Aufwärtstrend, trotz Kirchenübermacht und Bar-Misere.

Und wenn Mingels schreibt: «für die verbleibenden rund 30‘000 Bewohner» vermittelt er dem Leser das Bild eines trostlosen Städtchens, dass von den Einwohnern verlassen wird. Gemäss United States Census Bureau lebten in der Stadt allerdings seit der Zählung noch nie so viele Einwohner wie 2019 , nämlich exakt 29810.

Und wie sehr trifft die Zusage wohl zu: «sagt Freeman, der nie in die Innenstadt geht»? Wirklich, «nie»? Oder, vielleicht doch «selten», «fast nie», «manchmal»?

Diese Anhäufung von Unstimmigkeiten, aber auch Fehlern, vermiesen mir immer mehr die Lektüre meines Lieblingsmagazins, des «Spiegels». Die Pointe stimmt im Leben nur in Ausnahmefällen; deswegen sollte sie seltener gezogen werden.

Mingels nahm zu den Vorwürfen keine Stellung.

 

Endlich! Edito!

Das «Schweizer Medienmagazin» schafft wieder Durchblick.

Immerhin die dritte Ausgabe in diesem Jahr, unterstützt von der «Stiftung für Medienvielfalt» und der «Oertli-Stiftung» und «zahlreiche Spenden» von begeisterten Lesern.

Natürlich, um dieses Argument gleich aus dem Weg zu räumen: wir sind neidisch. Wir schreiben uns hier einen Ast, haben mehr Leser als bajour oder Edito, und keiner zahlt was. Dabei haben wir in den knapp zwei Monaten unserer Existenz schon 165 Artikel veröffentlicht.

Aber genug des Gejammers, es soll gelobt werden. Das neue «Edito» ist mal wieder randvoll mit News, Anregungen, Einblicken und Durchblicken. Nun ja, was halt auf 16 A4-Seiten Platz hat. Aber dafür in Farbe.

Wir blättern kurz, sehr kurz um

Obwohl schon das Cover eher düster daherkommt, und wer versteht schon «Las vidas de la gente negra importan». Aber sei’s drum, auch auf so wenig Seiten kann man einen «Fokus» machen, überraschungsfrei natürlich zum Thema «Rassismus».

Da blättern wir doch kurz, sehr kurz um, und schon sind wir auf Seite 4 der Ausgabe. Hier präsentiert das Schweizer Medienmagazin zwei Tänzerinnen vor einem Denkmal des Generals Robert E. Lee in Richmond.

Ich begebe mich jetzt auf ganz dünnes Eis und behaupte, dass es sich um zwei ausnehmend hübsche Schwarze handelt. Pardon, um zwei Afro-Amerikanerinnen. Oder so. Ihre Attraktivität kontrastiert stark mit dem Hintergrund. Denn auf dem Denkmal hat sich die «Black lives matter»-Bewegung mit ein paar originellen Graffiti verewigt: «Fuck cops», «Fuck pigs», «black lives murder» oder schlichtweg «Fuck». Das ist mal eine Ansage, ein Angebot zum Dialog wahrscheinlich.

Interview mit einer ungeeigneten Person

Aber gut, noch viel interessanter ist auf Seite 5 das Interview mit der «Berliner Publizistin Ferda Ataman». Sie wird dem unschuldigen «Edito»-Leser als «Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen vorgestellt; der grössten Vereinigung von Journalist*innen aus Einwandererfamilien».

Leider unterlässt es das Medienmagazin, den Leser darüber aufzuklären, dass Ataman auch Muslimin ist. Das wäre ja nicht weiter schlimm, wenn sie nicht – als «Spiegel»-Kolumnistin – den Kopftuchzwang im Iran verteidigt. Beziehungsweise sich über die deutschen Zuschauer der «Tagesschau» echauffiert, die nicht verstehen, wieso die ARD-Korrespondentin in Teheran ein Kopftuch trägt, tragen muss.

Genauso um Dialog bemüht ist Ataman, wenn sie fordert, man müsse den Begriff «Migrationshintergrund» abschaffen, schliesslich seien Menschen mit diesem Hintergrund in Deutschland «längst in der Mehrheit». Aufsehen erregte Ataman auch mit ihrer Meinung zum Höhepunkt der Corona-Krise, dass sie angeblich eine Ahnung habe, «welche Bevölkerungsgruppen in Krankenhäusern zuerst behandelt werden», wenn die Beatmungsgeräte knapp würden. Nämlich die «Kartoffeln». So werden in diesen Kreisen Deutsche ohne Migrationshintergrund genannt.

Also eine absolut ideale Person, um über strukturellen und anderen Rassismus zu sprechen. Aber leider nicht über ihren eigenen, islamistisch unterfütterten.

Noch ein paar Duftmarken

Wir sind schon fast durch, aber noch ein paar weitere Duftmarken: «Der Effekt, dass aus öffentlichen Geldern private Gewinne finanziert werden, sollte theoretisch nirgends vorkommen», sagt Urs Thalmann, Geschäftsführer von «impressum»; dem Verband, den auch ich mit meinen Mitgliederbeiträgen unterstütze.

Vielleicht könnte sich Thalmann mal energischer dafür einsetzen, dass es mal wieder einen Gesamtarbeitsvertrag in der Medienbranche gibt, wenn ich das als kleiner Selbständiger ganz uneigennützig einwerfen darf. Vielleicht könnte er auch mal einen Moment darüber nachdenken, dass private Gewinne ihrerseits eine wichtige Quelle für öffentliche Gelder sind. Denn die fallen nicht, wie häufig vermutet wird, einfach vom Himmel oder aus den Taschen von sowieso viel zu Reichen.

Wo bleibt denn das Positive?

Wo bleibt das Positive, das Lob? Bitte sehr; das Interview mit dem Leiter des «Interaktiv-Teams von Tamedia», das das Dashboard mit den jeweils neusten Zahlen zur Pandemie betreibt, ist erhellend. Besonders, was die Unfähigkeit des Bundesamts für Gesundheit betrifft, bis heute spezifische Zahlen zu liefern oder Schnittstellen zum Datenausgleich einzurichten.

Allerdings: das Interview fand am 10. August statt. Zum Interview mit der Professorin Monika Bütler von der HSG, Mitglied der «Swiss National COVID-19 Science Task Force» sage ich lieber nichts, sonst bleibt’s nicht positiv. Ausserdem habe ich schon einiges zu ihr gesagt.

Tja, und schon sind wir auf Seite 18; spiegelbildlich auf den Kopf gestellt ist rechts nochmal die Seite 18; auf Französisch.

War’s das? Das war’s. Braucht’s das? Nein das braucht’s nicht. Kann das weg? Das kann weg. Wegen mangelnder Qualität und Professionalität.

Der leise Niedergang der Schweizer Illustrierten

Die Schweizer Illustrierte wird von der Glückspost auflagenmässig hart verfolgt. Inhaltlich hat das Flaggschiff von Ringier-Axel Springer weniger Swissness, dafür mehr Frauenthemen.

Die «SI» vom 18. September hat ein untypisches Titelbild. Die Köpfe von Schlagersänger Marc Trauffer und seiner Brigitte sind nur passfotogross abgebildet. Grund: Brigitte Traufers riesiges Hochzeitskleid. Für den Spontankäufer am Kiosk eher ein Ablöscher. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig: als weitere Titelthemen gibt’s nur noch einen Minianriss über den «TV-Star Fabienne Bamert» und den Hinweis aufs «Extra zum Zurich Film Festival». Diese Zurückhaltung lässt das Cover dafür edel erscheinen. 4 Franken 90 für 84 Seiten sind ok. Allein schon Sonntagszeitungen sind oft teurer.

A propos Preis. Als ich die «SI» im Coop Pronto kaufen wollte, gab es einen kleinen Stau. Grund: der Verkäufer fand den Strichcode nicht auf dem Heft. Ich fand ihn auch nicht. Er scheint irgendwie vergessen gegangen zu sein. Der Verkäufer tippte dann die Fr. 4.90 ein und machte ein Handyfoto vom Heft. «Für die Buchhaltung», brummelte er. Zum Glück war’s kein Sexheftli. Ich wäre gestorben vor Scham.

Nun beginnt das Blättern

Wie schon in der Glückspost setzt sich der Chefredaktor auf Seite 3 in Szene. Immerhin schreibt Werner de Schepper Pro zwei Wochen Vaterschaftsurlaub (Abstimmungstermin am 27.9.). Darüber, dass er in höherem Alter nochmals eine Familie gründete, verliert er aber keine Silbe. Dafür über das Flüchtlingselend. Immerhin. Das ist löblich.
Übrigens ist De Schepper Co-Chefredaktor. Er teilt sich den Job mit Nina Siegrist. Co-Leitungen sind im Trend, die Sozialdemokraten lieben dieses Führungsmodell. Ich habe gemischte Gefühle. Wenn’s heiss wird, ist immer das «Co» zuständig. Obwohl: bei ZACKBUM.CH sind wir sogar zu dritt.

Nachschub für die Kakteenzucht

Die Seiten 6 und 7 bieten ein buntes Potpurri mit Promis und Sternchen. Stefan Schmidlin, Ex-Schmirinski und heute Holzbildhauer, posiert mit Auto-Unternehmer Walter Frey im neuen Skulpturenpark in Glattfelden. Was die beiden miteinander zu tun haben, bleibt zwar offen. Aber das Bild ist ziemlich gut. Ebenfalls auf der Doppelseite: der Klassiker mit der Rose und dem Kaktus. Wer lieb war aus Sicht der «SI», bekommt eine Rose, wer weniger lieb war, einen Kaktus. Es soll Leute gegeben, die im Laufe dieser Jahrzehntetradition schon eine Kakteenzucht betreiben können.

Auf Seite 9 schreibt Peter Rothenbühler wie jede Woche einen offenen Brief an irgend jemanden. Diesmal an die Waadtländische Regierungspräsidentin. Er kritisiert ihre lasche Haltung wegen Corona. Ist das relevant für die Deutschschweiz? Man zuckt mit den Schultern. Herr Rothenbühler hat halt seinen Zweitwohnsitz im Jura, das scheint der Grund zu sein. Rothenbühler ist übrigens jener Chefredaktor, der in den 1990er Jahren das damals hochpolitische, aber erfolglose Heft zum Schweizer Promiblatt Nummer 1 trimmte. Das sollte für viele Jahre das Erfolgsrezept der «SI» bleiben.

Nun kommt die Doppelseite «Meine Woche». Einer Art Fragebogen für ZeitgenossInnen wie Sina, Bastien Girod und Katharina Locher. Ich kenne drei von fünf aufgeführten. Damit liege ich wohl im Leserschnitt. Der etwas bemühende Link in die Digitalwelt: Die Spalte «Mein Handybild».

Jetzt folgt die 8-seitige Bild- und Textstrecke über Marc Trauffer und seine Gattin. «Klammheimlich gaben sie sich das Jawort». Wahnsinn! Nur die SI war dabei. Der Klassiker. Ein Exklusivvertrag. Vielleicht hat sich aber auch niemand sonst interessiert?

Achtung, es wird literarisch. Immerhin 6 Seiten lang wird der Schriftsteller Thomas Hürlimann porträtiert. Er ist 70 geworden und musste eine schwere Krankheit durchstehen. Der Text ist sehr gut. Aber ob er wirklich in die SI passt und nicht eher in die NZZ am Sonntag oder in dessen Folio? Nicht ganz klar ist, ob er nun noch mit seiner Freundin zusammen ist oder nicht. «Seine Partnerschaft mit Schriftstellerin Katja Oskamp fiel nach 20 Jahren der Krankheit zum Opfer.» Tönt kompliziert! «Gesund, aber wieder Single», hätte Peter Rothenbühler als Überschrift wohl ins Blatt gerückt. Der Titel unter dem studierten Theologen De Schepper: «Das Schreiben rettete mich». Amen.

Näher bei den Stars und Sternchen

Nestlé. Vevey. Die Reportage über eine Fotoausstellung steht unter dem Motto: «Eine Herzensangelegenheit für Mark Schneider, CEO von Nestlé». Ein Text, der die traditionelle Nähe der SI-Journalisten zur Wirtschaft bestätigt. Aber Nestlé ist nun mal ein Weltkonzern und hat seinen Sitz in der Schweiz. Dass der Autor der Nestlé-Story, Onur Ogul, auch anders kann, zeigt sein berührendes Interview mit einer Frau, die im abgebrannten Flüchtlingslager auf Moria (Lesbos) hilft. Doch vielleicht einen Tick zu anteilnehmend und zu wenig auf die junge Schweizer Helferin fokussiert. Das wäre eigentlich die Stärke der «SI».

Ja, genau wie auf den folgenden Seite, wo Fabienne Bamert zeigt, wie sie ihre an MS erkrankte Mutter pflegt – neben ihrem Job als Samschtig-Jass-Moderatorin! Man erfährt zudem, dass Bamert bald «SRF bi de Lüüt – live» moderieren wird. Das wurde doch perfekt eingefädelt vom SRF-Mediendienst. Good job!

«Jetzt reden die Väter!» Das ist eigentlich klassisch «SI». Zehn «prominente Papis» zeigen sich zuhause – mit ihren Kindern. Doch man muss die Texte schon sehr genau lesen, um herauszufinden, wer nun für und wer gegen die Vorlage zum Vaterschaftsurlaub ist. Ein klares Ja oder Nein findet man fast nicht. Eine steife Sache.

Klarer drückt sich dafür Tatjana Haenni ab Seite 50 aus. Die ehemalige Natispielerin im Fussball ist heute Frauen-Chefin beim Schweizer Fussballverband. Eine ideale Markenbotschafterin. Und ein guter Text, der die Veränderung der Frauenrolle in der Praxis aufzeigt. Und wo liegen die Probleme? «Bei Entscheidungsträgern und sportpolitischen Gremien».

Nun wird die SI «stylischer». Kaufen, reisen, schön sein, essen. Hautcrèmes, BH’s, das Luxus-Hotel in Lugano, noch eins auf Madeira. Werbeseiten nochundnoch. Und natürlich voll nicht deklariert als Publireportagen. Gut zu wissen, dass der Presserat nur reagiert. Und wohl die SI sowieso nicht beachtet.

Mmh, fein. Die Themen Kulinarik und Kochen. Während in der «Glückspost» die Lebensmittelädeli von Volg als Köche agierten, ist es nun Betty Bossi. «BB» war eine Zeitlang Teil des Ringierkonzerns, da macht eine Partnerschaft durchaus Sinn. Dann folgt die obligate GaultMillau-Seite mit Spitzengeköchel in Vevey. Eine Herzensangelegenheit von Urs Heller (67). Das Ringier-Urgestein entwickelte Zeitschriften wie SI Style und Landliebe. Im Nebenamt ist er nach wie vor Chefredaktor des Gourmetführers GaultMillau Schweiz. Wohl bekomm’s.

Umrahmt von Inseraten über Biomed-Brausetabletten und Burgerstein Nahrungsergänzungsmittel lernt man mehrere Seiten weiter einiges über das eigene Selbstbewusstsein. Man muss nur an sich glauben.

Urgesteine und alte Traditionen

Und dann jubelt das Herz jedes kritischen Beobachters. Die Doppelseite über eine Kämpferin gegen Food-Waste, also Lebensmittel wegschmeissen, ist schulbuchmässig mit «Publireportage» angeschrieben. Warum? Weil die porträtierte Anastasia Hofmann einen Toyota fährt. Also. Geht doch. Die Doppelseite scheint ein regelmässiges Format zu sein «12 Frauen, 12 Fragen». Bemerkenswert: im Interview kommen Autos und vor allem Toyota nicht vor. Die Brücke muss sich der Leser selber zimmern. Das ist durchaus clever.

Nun folgen die Rätselseiten und – ach nein. Peter Hürzelers «Willi», der Schweizer Nationalheld, der jede Woche ein aktuelles Thema ironisch kommentierte, wurde 2015 abgesetzt. Er erschien seit 1972, die Ermunterung kam durch den damaligen Chefredaktor Hans Jürg «Fibo» Deutsch. Womit wir noch ein Ringier-Urgestein erwähnt hätten.

A propos Urgestein: Chris von Rohr, auch schon 68, doziert nun in seiner Kolumne über Grenzen und lobt Neuseeland und Kanada. Er plädiert für den goldenen Schnitt und gegen eine staatenlose Welt. Auf gut Deutsch: Ich bin gegen die EU. Geschrieben hat das von Rohr, nicht Gölä. Da haben sich aber zwei Musiker gefunden. Rührend.

Applaus – endlich die Promiseite. Dafür stand die «SI» jahrelang. Sehen und gesehen werden. Die Schönen und die Reichen. Diesmal: Der neue Schoggi-Tempel von Lindt in Kilchberg (ZH). Roger Federer war auch dabei, diesmal in feinem Tuch und mit schwarzen Lederschuhen. Seine ON-Treter liess er zuhause. Es hätte wohl wieder ein Gezeter bei SRF gegeben. Schleichwerbung! Moderiert wurde die Eröffnungsfeier von Sandra Studer (Sandra Simo, Canzone per te). Roger Federer und seine Gattin Mirka werden in der «SI» so zitiert: «Wir sind vom Home of Chocolate tief beeindruckt».

Wird die SI die Nase vorn behalten?

Abgerundet wird die Schweizer Illustrierte von der Rubrik «so mache ich das». Antonia Kälin, Miss August im Bauernkalender, wird in der Ich-Form beschrieben. Kurze Sätze, klare Ansagen. Lesenswert. Sogar sehr gut. Eigentlich wird damit die Tradition des Magazin (Tamedia, Ein Tag im Leben von…) perfekt umgesetzt. Besser als im Original. Original? Seit letztem Samstag weiss man, dass die Kultrubrik «Ein Tag im Leben von …» abgesetzt und durch  «Zu hause bei» ersetzt wurde. Schade.

Noch ein Wort zur Beilage: Diesmal sind es satte 76 Seiten über das Zurich Film Festival. Solide, informativ, zum Teil gar originell. Etwa die Reportage über ein Auto des Hauptsponsors mit einem herrlich überdrehten Fabian Cancellara als Regisseur. Autor des Textes: David Schnapp. Man kennt ihn als Autotester für die Weltwoche. Zudem arbeitet er für GaultMillau von Urs Heller. Die «SI», eine ganz besondere Familienbande.

Fazit: Der SI-Inhalt wirkt ein bisschen orientierungslos. Aber es ist auch ein schwieriges Umfeld. Denn Promigeschichten findet man auch in «20 Minuten» oder auf SRF in «Glanz & Gloria». Auflagemässig dümpelt das ehemalige Promi-Flaggschiff der Schweiz mit sinkender Auflage (aktuell ca. 131000) herum. Nur noch gut 9000 Exemplare mehr als die Glückspost werden von der SI verkauft. Das scheint irgendwie typisch. Die SI erinnert je länger je mehr an einen Abklatsch der Schweizer Familie. Daher bald an dieser Stelle: Eine Blattkritik über jenes Tamedia-Erzeugnis.

Zahlen zählen: Die FinCEN-Leaks

Ein paar Fragen zum neusten Datenleck.

Wieder einmal wurde ein hübscher Datenberg dem eigentlichen Besitzer entwendet. Diesmal handelt es sich um sogenannte SARs, «Suspicious Activity Reports». Mit dieser Meldung einer verdächtigen Transaktion wenden sich Banken weltweit an das US-Schatzamt.

Genauer an dessen Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN). Diese Behörde ist spezialisiert auf die Verfolgung krimineller Aktivitäten wie Geldwäsche, das Verschieben von Geldern aus Drogen- und Menschenhandel, aus dem Verkauf von Blutdiamanten, oder das Verstecken von Geldern, die von Diktatoren, Potentaten, Oligarchen ihren Völkern abgepresst wurden.

In der Schweiz schlachtet Tamedia die aufbereiteten Daten aus

Das US-Newsportal BuzzFeed News bekam vor einem Jahr diesen Datenschatz zugespielt und machte sich zusammen mit dem einschlägig bekannten International Consortium of Independent Journalists (ICIJ) daran, ihn auszuwerten. Anschliessend übernahmen die schon in anderen Fällen zusammenarbeitenden Redaktionen aus vielen Ländern die spezifische Aufbereitung.

In der Schweiz gehört Tamedia zu diesem Netzwerk, was sich schon in der Publikation diverser Leaks niederschlug. Es gehört ebenfalls zu den Gebräuchen, dass weltweit auf einen Schlag zum gleichen Zeitpunkt Artikel erscheinen.

Jeder Dollar weltweit macht einen Abstecher in die USA

Zum Verständnis: Alle Banken der Welt müssen solche Meldungen an die USA machen, wenn es sich um eine Transaktion in US-Dollar handelt, immer noch die Weltwährung Nummer eins. Und im Besitz der USA, die deshalb verlangen, dass ihnen jede Transaktion gemeldet werden muss. Falls nicht, drohen empfindliche Strafen.

Ebenfalls müssen verdächtige Geldflüsse gemeldet werden. BuzzFeed News hat rund 2100 dieser SAR-Meldungen mit «200’000 Transaktionen» zwischen 1999 und 2017 ausgewertet. Die «Süddeutsche Zeitung», mit der Tamedia in der Auslandberichterstattung kooperiert, hat es eher einfach. Denn mit Abstand die meisten geleakten Meldungen erfolgten durch die Deutsche Bank; fast 1000. Weit abgeschlagen kommen dann US-Banken oder die Bank of China.

Nur Brotkrumen für Tamedia

Eher Brotkrumen fallen bislang für den «Tages-Anzeiger» und seine Kopfblätter ab. In einem ersten Artikel (hinter Bezahlschranke) beschreibt er, wie Geld, das für eine Armensiedlung in Venezuela bestimmt war, stattdessen teilweise auf Schweizer Bankkonten abgezweigt wurde. Diese Siedlung hätte mit Hilfe der staatlichen «Che Guevara Mission» in einen menschenwürdigen Zustand versetzt werden sollen. Stattdessen bunkerte die Unternehmerfamilie Ceballos mindestens 30 Millionen auf ihren Privatkonten in der Schweiz.

Das hätte sich auch Che Guevara gefragt

Ähnliche Fälle sind schon länger im Zusammenhang mit der staatlichen Ölfirma PDVSA bekannt, die sich in einen Selbstbedienungsladen für korrupte Funktionäre des Maduro-Regimes verwandelt hat.

Aus all diesen Gründen ist natürlich ein solches Leak durchaus interessant. Allerdings stellen sich doch ein paar Fragen, die sich auch Che Guevara als ehemaliger Präsident der kubanischen Notenbank gestellt hätte.

So schreibt der «Tages-Anzeiger»: «Das Leck besteht aus über 2100 Geldwäschereimeldungen von US-Banken.» Das wird die Deutsche Bank aber wundern, dass sie im Besitz der USA ist. Sie machte zudem mit 982 SARs über 1,3 Billionen Dollar mit weitem Abstand die meisten Meldungen. Auch HSBC oder gar die Bank of China wüssten es wohl, wenn sie inzwischen von den Amis aufgekauft wurden.

Nächste Frage: BuzzFeed News spricht zwar von über 200’000 Transaktionen, aber von 2100 SARs-Meldungen. Bei einem Gesamtvolumen von 2 Billionen wäre das pro SAR eine Anzeige von fast einer Milliarde?

Gnadenlos gut aufbereitet von BuzzFeed News

In der Datenbank von BuzzFeed News, die mal wieder zeigen, wie man internetbasierten Journalismus betreibt, nämlich auf einem Niveau der Darstellung, das im deutschen Medienbereich keiner kann, sind die Transaktionen pro Land abrufbar.

Bei der Schweiz sind es 2051 Transaktionen, mit denen rund 3,75 Milliarden Dollar in die Schweiz transferiert wurden, und 4,2 Milliarden aus ihr heraus. Noch spezifischer sind dann die Transaktionen auf einzelne Banken heruntergebrochen.

Nur die USA selbst könnten durchgreifen, aber …

Auch hier ist es in der Darstellung des «Tages-Anzeigers» nicht klar, wie das aus lediglich 2’100 SARs insgesamt herausgelesen werden konnte. Aber auf jeden Fall könnte dieses Leak den US-Behörden Beine machen. Denn nur sie können hier durchgreifen. Und für einmal ist die Schweiz nur unter ferner liefen. Dass die Deutsche Bank so herausragt, hat seinen Grund. Es ist längst bekannt, dass Deutschland – neben Frankreich und England – zu den grössten Geldwäschereianlagen der Welt gehört. Und sich in der EU mit aller Kraft dagegen stemmt, mehr Transparenz im Finanzwesen zu ermöglichen.

Die weltweite Nummer eins in Sachen Geldwäsche sind aber ausgerechnet die USA selbst.

Ist «Das Magazin» bescheuert?

Eine Nonsense-Frage wie: «Ist Trump ein Faschist?»

Man darf doch nach vier Jahren den gleichen Fehler nochmal machen, muss sich die Schrumpf-Redaktion des Schrumpf-Magazins gedacht haben. Also verwendet sie rund 25’000 Anschläge auf genau diese Frage. Nein, nicht auf die erste, die ist schon beantwortet.

Dafür bringt es eine sogenannte Reportage von Jan Christoph Wiechmann. Der war bis vor Kurzem Lateinamerika-Korrespondent des «stern» mit Wohnsitz Rio de Janeiro. Seit 2020 wieder US-Korrespondent in New York.

Wer einen Artikel kennt, kennt alle

Dieser kurze biographische Ausflug ist nötig, denn Wiechmann schreibt auch immer wieder über ein Thema, in dem ich mich etwas auskenne: Kuba. Wer den Titel seines letzten Werks kennt, kennt eigentlich den Inhalt aller Artikel: «Kuba kafkaesk». Das ist, so wie seine Reportage über Exilkubaner «Miami nice», schon ab dem Titel rezykliert; Erkenntnisgewinn für den Leser: nahe null. Und wer in einem langen Stück über Kuba nur zwei spanische Begriffe verwendet, offenbar nicht weiss, dass «estornudo» hatschi heisst und die selbständigen Kubaner arbeiten auf cuenta propia, nicht auf «propia cuenta», der lässt die Vermutung aufkommen, dass er mit einem Übersetzer unterwegs war. Wenn überhaupt.

Aber zurück zum Thema. Das Thema ist: Vor vier Jahren war für alle US-Kenner, Fachleute, Spezialisten, Analysten, Korrespondenten und Zukunftsdeuter eines klar: Trump wird nie Präsident. Ausgeschlossen. Unmöglich. Undenkbar. Wir können jetzt schon der ersten Präsidentin gratulieren. Diese krachende Fehlanalyse hielt sich sogar bis in die späte Wahlnacht, als zum Beispiel im Schweizer Farbfernsehen immer noch verzweifelt nach Möglichkeiten gesucht wurde, wieso Trump vielleicht doch nicht gewählt wurde.

Daran schloss sich betretenes Schweigen an, dann markige Worte, dass man vielleicht doch mal den Elfenbeinturm in der eigenen Gesinnungsblase verlassen müsse und den Leuten wieder besser zuhören, auch ausserhalb des intellektuellen Klüngels.

Grotesk gescheiterte Expeditionen in die Wirklichkeit

Das führte dann zu teilweise grotesk gescheiterten Expeditionen in die Wirklichkeit, so wie beim Fälscher Claas Relotius. Oder beim mit Fehlern und Vorurteilen gespickten Reportageversuch zum Start der «Republik». Viel weiter ist man allerdings beim Versuch zu verstehen, wieso die Amis so bescheuert sind, einen so bescheuerten Präsidenten zu wählen, auch nicht gekommen.

Nun steht seine Wiederwahl an, und wie in der unsterblichen Neujahrsklamotte «Dinner for One» heisst’s: gleiches Vorgehen wie jedes Mal. Mit einer kleinen Akzentverschiebung. Man möchte die peinliche Blamage nicht wiederholen, deshalb wird als denkbar angenommen, dass Trump tatsächlich die Wiederwahl schaffen könnte.

Nein, es wird nicht als denkbar angenommen, es wird befürchtet. Und schon wieder fragt man, also genauer fragt sich der Hamburger Journalist Wiechmann in New York, wie schlimm es denn werden könnte. Denn zu seinem Erstaunen ist Trump immer noch im Amt, dabei hatte Wiechmann doch schon 2018 per Ferndiagnose «eines der bekanntesten Psychiater der USA» festgehalten, dass Trump zwar nicht krank sei, «aber er hat psychische Störungen der gefährlichsten und destruktivsten Art».

Fehldiagnosen, Fehldiagnosen, Fehldiagnosen

Ja furchtbar, und was schloss der Psychiater daraus: «Ich glaube nicht, dass er das Ende der ersten Legislaturperiode erreicht.» Wir haben also in Wiechmann einen Reporter, der mit der nötigen Objektivität und ergebnisoffen an die Analyse der nächsten Wahlen herangeht.

Das merkt man schon am Lead: «Ist Trump ein Faschist? Nein, sagt die ehemalige US-Aussenministerin Madeleine Albright.» Das ist schon von einer bodenlosen Demagogie. Deren warnendes Buch von 2018, mit dem Wort «Faschist» nicht inflationär umzugehen und es nicht auf missliebige Politiker zu verwenden, indirekt auf Trump zu münzen, da wäre selbst Trump beeindruckt.

Aber vielleicht stammt der Lead nicht von Wiechmann. Aber der erste Satz: «Kyle Murphy hat sich den impulsiven alten Mann mit dem gefärbten Haar oft genug aus der Nähe angeschaut.» Nach seinem Abgang sorgte Murphy für Schlagzeilen, indem er behauptete, Trump bewundere Putin und den kleinen Dicken in Nordkorea; also zwei gefährliche Autokraten.

Der Beginn einer langen Geisterbahnfahrt

Das ist dann nur die Einleitung für eine wahre Geisterbahnfahrt. Zufälligerweise «alle interviewten Politologen, Juristen und Philosophen» (wir verzichten auf das Idioten-Binnen-I) sind besorgt, beunruhigt. Raunen, warnen, autokratische Tendenzen, faschistische Methoden, Rassismus sowieso. Der Leser kann sich den Spass machen, mal kurz alle negativen Charakteristika zu notieren, die ihm zu einem Politiker einfallen. Er wird alle, und noch mehr, in diesem Artikel wiederfinden.

Die Sabotage der Briefwahl, die Verhinderung der Stimmabgabe, die frühzeitige Erklärung Trumps, dass er die Wahlen gewonnen habe, nichts fehlt. Natürlich auch der nicht: «Milizionäre wie Phil Robinson, 43, drei Kinder, langer Bart, ausgerüstet mit einem Sturmgewehr AR-15, mit Handschellen, einer Pistole und Metallplatten.»

Wo gibt es Hoffnung? In Afrika

Gibt es denn noch Hoffnung in der Verzweiflung? Wenig; der ehemalige Mitarbeiter Murphy, der seine Adresse nicht nennen will, haucht ins Telefon: «Burkina Faso, wo das Volk erfolgreich gegen den früheren autoritären Herrscher protestierte, und Gambia.»

Echt jetzt, die USA sollten von Burkina Faso und Gambia lernen? Wie würde das wohl der berühmte US-Psychiater per Ferndiagnose nennen? Galoppierender Realitätsverlust? Schlimmeres?

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Wie kann einer Faschist sein, der nicht mal weiss, was Faschismus ist? Um zur besseren Frage zu gelangen: Wieso schaufelt sich der Journalismus mit solch stumpfsinnigen Bedienungen von Vorurteilen sein eigenes Grab immer tiefer?

Weiss man, wieso Trump gewählt wird?

Weiss man nach einem solchen Schwachsinn einen Deut besser, wieso vielleicht die US-Stimmbürger Trump nochmals wählen werden? Nein, der Reporter war in einem fiktionalen Trip ins Abseits, ins Nonsense-Land, wo nur sehr, sehr wenig mit der Realität zu tun hat.

Wenn er das immer wieder mit Kuba macht, wo er die ewig gleichen Klischees nochmals durch den Wortwolf dreht, die Insel wird’s überleben. Aber warum müssen Journalisten das Publikum wieder mit einem Horrokabinett schrecken, mit einem Gang durch die alte Jahrmarktsattraktion, wo Zerrspiegel die Besucher erschauern lassen?

Gefilterte Weltsicht wie in Parteizeitungen

Es gibt den schönen Straftatbestand «Schreckung der Bevölkerung». Den erfüllt Wiechmann in seiner Expedition ins Nowhereland vollständig. Das Absurde daran ist: Seine gefilterte Weltsicht unterscheidet sich eigentlich in nichts von der der Parteizeitung «Granma» auf Kuba. Nur sind verschiedene Filter vor die Realität gestellt.

Wie gefährlich sind Büstenhalter?

«20 Minuten» klärt uns auf: nicht so.

Uns wird immer wieder vorgeworfen, wir würden alles madig reden. Alle Journalisten: schlecht, alle Medien: schlimm. Heute ein positives Beispiel. Und zwar ein Artikel, der uns allen gefällt, da er spannend geschrieben ist.

Es geht im Text um die beiden folgenden Fragen: Werden Frauenbrüste schlaff, wenn sie in Büstenhalter versteckt werden? Und: Verursachen BHs Krebs?

«20 Minuten» ist am Donnerstag auf die Suche gegangen. Drei Wissenschaftler kommen zum gleichen Ergebnis: Nein und nochmals nein. Schlaffe Brüste haben drei Ursachen: Alter, Brustgrösse, genetische Veranlagung. Und auch ein «schlecht sitzender BH» verursacht kein Brustkrebs, das sagt Frau Dr. Hiltebrand.

«Viele Mythen ranken sich um das Thema BH», schreibt die Journalistin Johanna Senn. Wir geben ihr Recht. Ab heute sind es aber zwei weniger.

Die Glückspost, das Bravo für Erwachsene

Die Glückspost ist der Schweizer Illustrierten auflagemässig dicht auf den Fersen. Trotzdem hat sie es in der öffentlichen Wahrnehmung viel schwerer. Eine Blattkritik des offiziellen Schweizer Klatschheftli.

Es gibt «Die neue Welt», die «Freizeit-Revue», die «Frau mit Herz» – und es gibt die «Glückspost». Während erstere deutscher Provenienz sind, ist die «Glückpost» das erste und einzige Klatschheftli der Schweiz. «Erste», weil es die Glückspost seit sage und schreibe 136 Jahren gibt. Gut, zuerst hiess sie Schweizerische Allgemeine Volkszeitung, erst 1977 erhielt sie den treffenden Namen «Glückpost». Aber immerhin.

«Einzige», weil sich keine Konkurrentin länger halten konnte. Und das etwas edlere Gala? Es hat eine Auflage in der Schweiz von etwas über 30’000 und einen speziellen Schweizteil, aber nur wenige Seiten. Zudem erscheint die Gala nur alle zwei Wochen, im Gegensatz zur «GlüPo». Keine ernste Konkurrenz also. Doch genug mit Vorspiel. Jetzt geht’s zur Sache, zur Glückspost.

Von der Titelseite des respektabel dicken Hefts (74 Seiten, Ausgabe vom 17.9.) strahlen einen gleich vier Menschen an. So sieht Glück aus. Doch aufgepasst: Zum Bild von Mike Shiva heisst es: «Die grosse Trauer seiner Mama». Und auch beim zweiten Anriss geht’s um ein Mutter-Tochter-Verhältnis: Das erwachsen gewordene Meitli von Entertainer Vico Torriani hat «Papa immer noch im Herzen».

Die Titelstory gehört Komiker Jonny Fischer. Er hat sich «mit der schweren Vergangenheit versöhnt». Dazu kommt unten ein Textbalken: «Viele Rätsel und Schicksalsgeschichten!». Fazit: alle Zutaten sind da, dass man oder besser frau für 3 Franken 90 einen Gegenwert für viele Stunden Unterhaltung hat.

Chefredaktor Leo Lüthy schreibt in seinem Editorial salbungsvolle Worte über Mike Shiva (gestorben mit 56). Kein Wunder, war Shiva einer der wenigen schillernden CH-Promis, die immer mal für eine Schlagzeile gut sind.

Für Lüthy ist und bleibt  klar: «Der Basler Mike Shiva war der lebende Beweis, dass einander zuhören (…) viel wertvoller sein kann als Fr. 4.50 pro Minute». Sprich, Shiva war seine Abzocke wert.

In der Rubrik «Leute heute» kommen vor allem Uralt-Promis vor. Al Bano, Peter Maffay, Costa Cordalis, Heino. Die Glückspost scheint sich dem Alter des Publikums anzupassen. Doch genug geschnödet. Nun folgt die Titelgeschichte über Jonny Fischer – und seinem Partner Michi Angehrn. Ein Geschmäckle hat der Bericht aber: Er kommt passend zur Premiere von Fischer als Moderator einer neuen SRF-Spielshow (Game of Switzerland) gestern Abend. Aber so läuft das halt. Ein neues Buch, eine neue Show. Schon ist man in den Schlagzeilen.

Die nächste Doppelseite bietet Platz zum Schwelgen. Blättern «im ganz privaten Familienalbum» von Nicole Kündig-Torriani. Grund: Vater Vico wäre am 21. September 100-jährig geworden.

Und noch eine Rühr-Story: Franco Marvulli schreibt einen offenen Brief an die eben verstorbene Tele-Bärn-Moderatorin Anne-Cécile Vogt (39). Sie erlag einer schweren Krankheit, viel zu früh.

Tobias Heinemann scheint ein berühmter Gedankenleser zu sein. Jedenfalls geht seine «eindrückliche Show» nach der Corona-Pause am 14.10. wieder weiter. Fast eine Doppelseite widmet die Glückspost dem Mystiker. Definitiv eine der Zielgruppen der Glückspost, wenn man kurz in den hinteren Teil des Hefts blättert. Denn dort wimmelt es von Inseraten ähnlicher Richtung: Kartenlegen, keltisches Baum-Tarot, Kontakt mit Engeln, Zukunfstorakel, hellfühliges Orakel, Pendel, Hilfe bei Liebes-Aus, Kaffeesatz lesen. Mike Shivas Erbe lebt! Na gut, die meisten Telefonnummern kosten zwischen 1 Franken 99 und 2.50. Also nicht 4 Franken 50. Aber es ist halt auch nicht das Original.

Doch zurück zum redaktionellen Teil. Nach den Schweizer Promis folgt nun Hollywood (als Rubrik) mit Sharon Stone. Sie hatte traumatische Erlebnisse zu verkraften. Zuletzt mehrere Corona-Todesfälle in der Familie. Ganz nach dem Motto: Schaut her, Promis geht’s auch verschissen, obwohl sie vermeintlich glücklich über den roten Teppich schweben.

Auffällig: erst auf Seite 19 folgt das zweite Inserat nach einem «Allergiker-Inserat» von Migros weiter vorne. Erstens: Was will uns Migros über seine Glückspost-Leser-Einschätzung sagen? Zweitens: Das erwähnte Inserat ist Werbung für Blick-TV. Blick-TV wie die Glückspost gehören zum Ringier-Konzern.

Nun wird die Glückpost noch ernster. Schicksale, Liebesbetrüger, Asperger-Syndrom. Die Welt scheint es nicht gut zu wollen mit gewissen Leuten. Doch zum Glück gibt’s die nun folgende Glückspost-Rubrik «Spass & Spannung». Acht Seiten Sudoku und Kreuzworträtsel. Klever: die Lösungen findet man immer ein Heft später. Eine perfekte Leserbindung!

Doch es kommt noch perfekter: 24 Seiten über die Gesundheit, Beauty und Reisen. Der Rubrik  Doktor Sommer im Bravo nachempfunden ist jene von einem Infektiologen. Er sagt, dass man vom Küssen krank werden kann. Immerhin nicht schwanger.

Ein ganz bisschen politisch wird die Glückpost nun mit der Tier-Seite. Grund: eine Reportage über die gefährdeten Auerhühner. Da muss man am 27. September doch Nein stimmen zum neuen Jagdgesetz! Das scheint irgendwie durchgerutscht zu sein bei der Blattplanung. Denn es ist ein eiserner Gesetz. Die Glückpost ist neutral.

Beim Reisebericht über die südsteirische Weinstrasse vermisst der kritische Leser einen Hinweis, dass die Reise der Reporterin (und freien Reisejournalistin) Barbara Blunschi irgendwie mitfinanziert wurde. Und zwar von der sehr positiv porträtierten Gegend und dem erwähnten «Boutique-Hotel Wurzenberg». Aber das Foto mit der Herbstimmung ist wirklich gelungen.

Bei der Rubrik «Genuss» kommt Volg zum Handkuss. Ich wusste nicht, dass Volg auch eine Kulinarik-Abteilung hat, ähnlich wie Betty Bossi. Aber das ist irgendwie authentisch. Rezepte und ein Portrait einer Nusstörtli-Bäckerin, die ihre Produkte im Dorfladen verkauft. Bei 3000 Lieferanten schweizweit scheint das mehr als ein Marketingtrick. Aber dass die vier Seiten nicht als Publireportage gekennzeichnet sind, das geht eigentlich gar nicht.

Positiv dafür die Doppelseite über das Rote Kreuz mit anderer Schrift und deklariert als Gute-Tat-Story («Unterstützen Sie das SRK»).

Dass beim Impressum auf Seite 56 der Titel vergessen ging, hat wohl nur der pingelige ZACKBUM.CH-Kritiker bemerkt.

Aufgefallen ist bei der dreiseitigen Rubrik «Rendez-Vous, Finde mich!» der hohe Preis fürs Anrufen. Bei den Kleininserätli («Sie sucht ihn», Männer suchen offensichtlich nicht) läuft das so, dass man Fr. 3.13 pro Anruf und dann Fr. 3.13 pro Minute bezahlen muss. Da ist zu hoffen, dass einem der potenzielle Partner nicht gefällt. Sonst geht so ein Telefon brutal ins Geld. Gut für die Glückspost: Das lusche Geschäft ist an die Firma Datapoint ausgelagert. Dort soll man auch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen finden. Auf www.datingpoint.ch kommt aber nur die Meldung «Error, Database activation falled». Pech gehabt. Vielleicht mal was für den Kassensturz oder das Saldo.

Auf Seite 69 strahlt einen nun Luca Hänni entgegen. Er findet trotz abgesagter Tour Trost bei seiner neuen Freundin Christina. Kein Wort mehr , dass er sich von seiner Michèle getrennt hat. Aber das gehört wohl zum Promijournalismus in Klatschheftlis. Lieb und nachsichtig sein, dann bekommt man sicher wieder mal eine Homestory.

Auffällig: eine der raren Inserate hat Tamedia geschaltet, also die Konkurrenz. Thema: Feuerstellen online finden. Lerne: Die Glückspost scheinen auch Familien zu lesen. Oder sind es die Grossmütter?

In der Rubrik «in letzter Minute» darf Brigitte Nielsen nicht fehlen. Das Busenwunder bringt ein ganz klein wenig Erotik ins sonst stockprüde Heft.

Einigermassen versöhnlich punkte Abzocke ist dann das Inserat auf der zweitletzten Seite. Wenn man die Beauty-Linie («mit Blattgold!») bestellen will, ist der Anruf kostenlos. Und der Preis für die «2 x Tagescreme + 2 x 7 Ampullen» ist mit Fr. 69.90 für GlücksPost-Leser statt Fr. 134.80 wirklich verlockend. Da bezahlt man auch die Versandkosten von Fr. 9.95 gerne.

Doch genug kritisiert. Mit 3 Franken 90 bekommt man wirklich viel fürs Geld. Viel Swissness, viele Lebenstipps, dazu Rätsel für einsame Stunden. Und wenn man einen Partner sucht, einen der Finger juckt und man bei «Rendez-Vous» anruft? Wie schon der verstorbene Mike Shiva sagte, bei den Ausgaben ist alles klar deklariert.

Mit einer Auflage von 121532 Exemplaren jede Woche ist die Glückspost solide unterwegs. Ja sie ist dem Ringier-Flaggschiff, der «Schweizer Illustrierten», sogar dicht auf den Fersen. Diese hat eine Auflage von nur noch 130843. Grund, die «SI» demnächst unter die Lupe zu nehmen.

Corona-Leugner gegen Zeugen Coronas

Eigentlich sind sogar Zeitungen farbig. Ausser bei Corona.

Der Medienchoral, der unablässig Hosianna sang, wenn die BAG-Schlafpille Daniel Koch oder der fach- und sachfremde Gesundheitsminister Alain Berset etwas von sich gaben, hat sich aufgelöst.

Die eine oder andere Kritik an der Weisheit von Beschlüssen der Obrigkeit oder an mit wissenschaftlichem Gestus vorgetragenen Befürchtungen sind erlaubt. Aber ansonsten sind die Meinungen in den Leitmedien gemacht.

Gibt es wirklich Corona-Leugner?

Drei Dinge sind sicher auf dieser Welt: Donald Trump ist auch bei der Pandemie ein Vollversager. Der «schwedische Weg ist gescheitert», wusste schon Ende Juni der Corona-Kenner aus dem Hause Tamedia. Also eigentlich der Auslandredaktor Sandro Benini.

Aber wenn darüber vielleicht noch diskutiert werden könnte, allerdings nicht ergebnisoffen, bitte schön, eines ist unumstösslich: Es gibt Corona-Leugner. Und die haben einen Sprung in der Schüssel. Tragen zu Hause oder sogar öffentlich einen Aluhut. Glauben daran, dass es eine weltweite Verschwörung der Reichen gibt. Oder an UFOs.

Neigen auch durchaus zu Rechtsradikalismus, glauben auch an Homöopathie und andere obskure Heilungswege. Aber sie leugnen, dass es eine Pandemie namens Corona gibt. Sie sind allerdings auf ihrem Irrweg brandgefährlich. Deshalb ergibt das Suchwort «Corona-Leugner» in den letzten sechs Monaten sagenhafte 330’000 Treffer im Medienarchiv SMD.

Mehr Treffer für Corona-Leugner

Selbst «COVID-19» stinkt mit 213’000 Treffern dagegen ab. Was komisch ist: Ich kenne keinen einzigen Corona-Leugner. Ich kenne auch keinen, der einen kennt. Ich kenne nicht mal einen, der einen kennt, der einen kennt.

Aber vielleicht kann ich diese Lücke am Samstag schliessen. Da ist anscheinend eine Demonstration der «Corona-Skeptiker» angekündigt, wie der «Tages-Anzeiger» etwas abtemperiert schreibt. Das ist immerhin ein neuer Begriff, nachdem auch Tamedia das idiotische Wort vom Corona-Leugner in den letzten 6 Monaten über 4500 Mal verwendte.

Also ist das nun gut, ein Ausdruck demokratischer Meinungsvielfalt, das Ausüben eines Grundrechts, indem man demonstriert? Nun ja.

Framing ist auch bei Corona alles

Es besteht doch Anlass zur Sorge. Denn zunächst einmal gibt es zwei «Stargäste» an dieser Demo. Zum einen Comedian Marco Rima, der sich allerdings schon «bei Schawinski selbst demontierte».  Und Andreas Thiel, der sich «auch mit Talkmaster Schawinski öffentlich gestritten» habe. Dass damals das Thema überhaupt nichts mit Viruserkrankungen zu tun hatte, was soll’s.

Was Tamedia aber von den deutschen Kollegen gelernt hat, die fast die gesamte Auslandberichterstattung bestreiten: Framing ist alles, wer den Luftkampf um die verbale Etikettierung gewinnt, ist Sieger. Deshalb wird in Deutschland bei jedem Bericht über eine Demonstration gegen die Corona-Politik der Regierung darauf hingewiesen, dass sich unter den oft hunderttausend Teilnehmern auch Rechtsradikale, Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker und überhaupt verantwortungslose Irre befänden.

Zweifelhafte Organisatoren, zweifelhafte Absichten

Organisiert wird die Demonstration in Zürich vom «Bürgerforum Schweiz», zusammen mit «weiteren Corona-skeptischen Gruppen und Impfgegnern». Schlimmer noch: Dessen Präsident Daniel Regli sei «als Gemeinderat mit homophoben Aussagen aufgefallen» und tue sich ebenfalls bei «Antiabtreibungs-Demos» hervor, weiss der «Tages-Anzeiger».

Das mag ja alles so sein, nur: Was hat das mit dem Ausüben eines urdemokratischen Rechts zu tun? Nämlich gegen eine vermeintlich falsche, schädliche Regierungspolitik zu demonstrieren? Wieso sind das dann Corona-Skeptiker, gar Leugner? Das ist so absurd wie der Begriff Kreml-Kritiker. Oder Umweltsünder. Oder Klimaleugner.

Eine ganze Nomenklatur falscher Begriffe

Niemand, der alle Tassen im Schrank hat, ist skeptisch, dass es ein COVID-19-Virus gibt. Geleugnet wird es erst recht nicht. Wenn ein Oppositioneller in Russland ein Kreml-Kritiker ist, wieso gibt es dann in der Schweiz keine Bundeshaus-Kritiker? Oder in Deutschland Reichstags-Kritiker? Ist jede Form von unachtsamem Umgang mit der Umwelt gleich eine Sünde? Bedeutet jede abweichende Meinung zu Klimafragen, dass da jemand das Klima leugnet?

Werden sich also am Samstag in Zürich nur homophobe, sich selbst schon öffentlich bei Schawinski demontiert habende Verschwörungstheoretiker, Corona-Skeptiker, gar Corona-Leugner, allenfalls auch Abtreibungsgegner, Fremdenfeinde, Rassisten, Hetzer, mit einem Wort: Vollirre versammeln?

Und muss nicht jeder, der nicht in diese Gesellschaft geraten will, die Teilnahme tunlichst meiden? Oder ganz einfach gefragt: Ist das die Art von Berichterstattung, die einer Monopolzeitung ansteht, die doch behauptet, mangels anderen Plattformen offen für Divergierendes zu sein, zudem nach hohen Standards des journalistischen Handwerks zu berichten?

Aber vielleicht ist man dann ein Zeitungsleugner, wenn man nur schon diese Frage stellt.

Copy/paste bei der «Weltwoche»

Ein Wiederholungstäter kann’s nicht lassen.

Schon 2015 wurde es ziemlich eng für den Auslandchef der «Weltwoche». Schlag auf Schlag wurden ihm Plagiate aus dem englischen «Telegraph», der FAZ und dann noch der «Welt» nachgewiesen.

Chefredaktor Roger Köppel liess es dabei bewenden, sich dafür zu entschuldigen und «Massnahmen und Sanktionen» anzukündigen. Neben Urs Gehriger bekam auch der Kummerbub des Journalismus «eine zweite Chance» in der «Weltwoche». Die Tom Kummer natürlich wie alle vorherigen versemmelte.

In diesem Reigen darf Claas Relotius nicht fehlen, der den «Spiegel» in eine Glaubwürdigkeitskrise stürzte und auch in der «Weltwoche» diverse Stücke veröffentlichte. Hier wurde eine genaue Untersuchung angekündigt.

Die Häme in der Branche ist gross

Als vor vielen Jahren eine Edelfeder im «Vogue»-Konzern überführt wurde, kräftig abgeschrieben zu haben, meinte der Chefredaktor des betroffenen Blatts nur: «Abschreiben? Na und. Was ich ihm vorwerfe: Er hat den Text nicht mal so durchgeschüttelt, dass man es nicht merkt.»

Bei aller Sorgfalt, mit oder ohne Dokumentationsabteilung, es kommt im Journalismus immer wieder vor, dass Redaktionen mit teilweise abgeschriebenen, erfundenen oder deutlich an der Realität vorbeigeschriebenen Texten reingelegt werden. Die Häme in der Branche ist ihnen jeweils gewiss.

Wobei jede Redaktion, ob gross oder klein, wohldotiert oder schmal aufgestellt, immer Schiss davor hat, einem Hoax, einer Ente, einer Erfindung aufzusitzen. Besonders, wenn es sich um unterhaltsame Blödsinnstücke handelt. So wie das vom Taxipassagier, der in Zürich zum Flughafen, der damals «Unique» hiess, gefahren werden wollte, im Taxi einnickte und ein paar Stunden später vor dem Flughafen Munich aufgewacht sein soll.

Die Story gab’s in verschiedenen Varianten und Abfahrtsorten, sie hatten nur eines gemeinsam: alles erfunden, Quatsch, Unsinn.

Bei Dissertationen ist Titel und Ansehen futsch

Solche Veräppelungen der Medien kann man noch als eine lässliche Sünde betrachten; so wie Fake-Anrufe, um den Gesprächspartner aufs Glatteis zu führen. Etwas anders sieht es allerdings aus, wenn der eigene Redaktor, zudem noch Auslandchef, zum wiederholten Male kopiert, ohne das auszuweisen.

Bei Doktorarbeiten kostet das schnell einmal, modernen Textsuchprogrammen sei Dank, Titel und Ansehen. Gehriger überlebte diese Plagiate und revanchierte sich dafür mit einer lobhudelnden Berichterstattung über Donald Trump, bei der es einem regelmässig ganz anders wird. Wer seine Fast-Begegnung mit Trump in dessen Angeber-Ressort Mar-a-Lago gelesen hat, musste anschliessend unter die Dusche.

Nun ist ein neues Plagiat von Urs Gehriger ans Licht befördert worden. Allerdings eines der besonderen Art: Wer bei anderen abschreibt, kann das auch bei sich selbst nicht lassen.

Neu diesmal ein Eigenplagiat

So will Urs Gehriger im April 2016 den Philosophen, Autor und Anwalt Nicolas Baverez in Paris besucht haben. Und gibt ehrfurchtsvoll dessen Philippika gegen das politische System, gegen den damals aufsteigenden Star Macron und gegen die Fehler linker Regierungen wieder.

«Staatsausgaben ohne Grenzen: Auf die Wirtschaftskrise der Blasen und den Einbruch des Wachstums auf Kredit 2008 habe Frankreich mit einer beispiellosen Beschleunigung der Staatsausgaben und -schulden reagiert. Die Staatsausgaben schrauben sich seither in schwindelerregende Höhen. 53 Prozent des Bruttoinlandprodukts betragen sie heute, mehr als in jedem anderen Land in der entwickelten Welt.»

Gehriger am 21. April 2016, Ausgabe 16 der «Weltwoche». Weil’s so schön war, gleich nochmal:

«Staatsausgaben ohne Grenzen: Auf die Wirtschaftskrise der Blasen und den Einbruch des Wachstums auf Kredit 2008 habe Frankreich mit einer beispiellosen Beschleunigung der Staatsausgaben und -schulden reagiert. Die Staatsausgaben schrauben sich seither in schwindelerregende Höhen. 57,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts betragen sie heute, mehr als in jedem anderen Land in der entwickelten Welt.»

Gehringer am 25. April 2019, Ausgabe 17 der «Weltwoche». Man beachte allerdings den feinen Unterschied in der Prozentzahl.

Auch die Tradition des Sonnenkönigs Louis XIV lebt bei Gehringer fort und fort:

«L’etat c’est moi.» «Als Louis starb, sagte er: «Ich sterbe, aber der Staat bleibt»», erwähnt Baverez. Anders als das Vereinigte Königreich – eine mit demokratischen Institutionen ausgestatte Klassengesellschaft – sei Frankreich eine von monarchistischen Institutionen regierte Ständegesellschaft geblieben. Die extreme Zentralisierung Frankreichs habe zu einer starken Konzentration der Eliten geführt. All das habe Frankreich in eine Starre versetzt, die Reformen verunmögliche.»

So fasst Gehriger in seinem Artikel von 2016 zusammen. Offenbar ist aber auch Baverez zwischen 2016 und 2019 in eine Starre verfallen; denn wortgleich paraphrasiert ihn Gehringer auch in seinem Stück vom April 2019.

Schon 2016 wusste Baverez:

«Mit der Ära Mitterand habe das das Malaise begonnen, das sich grob in vier Stufen des Niedergangs einteilen lasse. 1. Die Entgleisung. «1981 hat Frankreich entschieden, dem Ende der Keynes-Ära mit einer Strategie der wirtschaftlichen Belebung (stratégie de relance) zu begegnen und mit kapitalistischen Wirtschaftsordnungen zu brechen.» Davon hätten sich der französische Produktionsapparat und die Staatsfinanzen nie wieder erholt.»

Auch 2019 ist Baverez im Artikel von Gehriger noch  derselben Ansicht; allerdings gibt es einen klitzekleinen Unterschied; nach dem wortgleichen Text heisst es dann:

 

«Auf diese «Entgleisung» sei Frankreich über drei Stufen in den Hades abgesunken.»

Aber eigentlich sind es ja doch, inklusive «Entgleisung», immer noch vier Stufen. Lassen wir es bei diesen Beispielen bewenden.

Entweder ist dem Autor Baverez oder Gehriger selbst in diesen drei Jahren nicht viel Neues eingefallen. Denn rund 30 Prozent der beiden Texte sind identisch oder inhaltlich sehr ähnlich.

Eine unselige Tradition

Nun könnte man sagen: Na und, ich darf doch bei mir selbst abkupfern, wo ist da das Problem? Das Problem ist, dass es sich eben in eine unselige Tradition einreiht. Aus diesem Grund soll 2019 Gehriger dazu veranlasst worden sein, seinen Rücktritt einzureichen. Die Redaktionsleitung fürchtete einen Reputationsschaden, wenn das herauskäme.

Bis heute kam es nicht heraus, und auch der Abgang von Gehriger blieb aus. Warum?  Chefredaktor Roger Köppel lobt Gehriger auf Anfrage als «ausgezeichneten Journalisten» und fährt fort: «Den besagten Artikel habe ich mit ihm besprochen, aber über den Inhalt meiner Mitarbeitergespräche führe ich keine öffentliche Korrespondenz.»

Was meint der Autor?

Urs Gehriger selbst kann die Vorwürfe «nicht nachvollziehen»: «Ich habe zweimal ausführlich mit Herrn Nicolas Baverez über den Sanierungsfall Frankreich gesprochen. Die von Ihnen erwähnten Passagen beziehen sich ausdrücklich auf frühere Aussagen, die Herr Baverez mir gegenüber genauso so gemacht hat und die ich wiederhole.»

Die «weiteren Spekulationen», also sein Abgang, der dann stillschweigend gestrichen wurde, «kann ich nicht bestätigen». Wie man sich doch täuschen kann. Also hat Köppel beim Mitarbeitergespräch über diese beiden Artikel nur gelobt, dass die «Weltwoche» angesichts ihres alternden Publikums auf die Sorgen von mit Alzheimer Geschlagenen eingeht und deren Vergesslichkeit durch Wiederholung begegnet?

Doppelter Reibach für SRG-Serien


Nur noch wenige Tage kann man den gelungenen SRG-Krimi-Mehrteiler «Helvetica» gratis im Netz anschauen. Dann kostet er trotz Gebührenmitfinanzierung.

Serienfans aufgepasst. Lediglich noch bis zum 22. September kann man den Sechsteiler Helvetica gratis im Netz anschauen. Nachher verschwinden alle je gut 50 Minuten langen Teile aus dem kostenlosen SRF-Replay-Angebot. Dann muss man sie als DVD kaufen oder via Teleclub und Swisscom-TV kostenpflichtig herunterladen. Dabei ist Helvetica eine der besten von SRG produzierten Serien, da sind sich Kritiker einig. Auch der ZACKBUM-Chronist findet die Serien erfrischend unterhaltend und ziemlich spannend. Ursina Lardi als Bundespräsidentin zeigt eine Magistratin mit Schwächen und Launen, die Hauptdarstellerin ist eine Wucht. Flonja Kodheli spielt ihre Rolle noch besser als Sara Spale in Wilder.

Roland Vouilloz agiert überzeugend als Antiterrorchef.

Roland Vouilloz (der mit der Glatze) hat als Angestellter des Bundesnachrichtendienstes eine nuancierte, untypische Staatsdiener-Funktion. Die kritisierte Synchronfassung finde ich übrigens nicht missglückt. Sogenannte Filmkritiker aus der Deutschweiz können offensichtlich mit Bäärndüütsch einfach nichts anfangen.

Die Synchronfassung ist besser als in Kritiken dargestellt.

Doch der Krimi spielt nun mal in der Bundeshauptstadt. Die Handlungsstränge sind durchaus fesselnd, auch wenn die Geschichte wie bei der zweiten Staffel von Wilder allzu klischéhaft im kosovo-albanischen Milieu spielt.

ARD und ZDF können’s schon

Doch warum nimmt das durch grösstenteils öffentliche Gebühren finanzierte SRF Serien wie eben Helvetica so rasch vom Netz? Auf ARD und ZDF findet man alle deutschen Eigenproduktionen online. Schon die Medienwoche mokierte sich anfangs Jahr über den Schweizer Sonderfall: «Man würde es für eine Selbstverständlichkeit halten. Was die Öffentlichkeit über die Medienabgabe finanziert, steht ihr auch jederzeit, umfassend und unbeschränkt zur Verfügung. Dem ist aber nicht so. Filme und Serien, welche die SRG mitproduziert, verschwinden mehrheitlich nach kurzer Zeit aus dem Online-Angebot. Wer zu spät kommt, guckt in die Röhre. Oder muss noch einmal Geld in die Hand nehmen und die Werke auf kostenpflichtigen Plattformen erwerben».

Komisch mutet das vor allem dort an, wo SRG die Serie mitproduziert und grösstenteils finanziert. So kassiert der – pseudoprivat, weil allermeistens vom Staat, respektive via Lotteriefonds finanzierte – Hauptproduzent gleich doppelt. Für die SRG ist und bleibt trotzdem klar: «Die SRG ist am Erlös aus der kommerziellen Auswertung beteiligt und kann dieses Geld in neue Produktionen investieren.»

Doch im Leutschenbach und am Hauptsitz in Bern hat man selber gemerkt, dass das Ganze nicht ganz koscher ist. Schon anfang Jahr präsentierten die SRG und die Filmbranche eine neue Vereinbarung,  der die Kooperation bei Film- und Serienproduktion für die kommenden Jahre regelt. «So können wir Serien künftig bis zu sechs Monate lang zugänglich machen», sagte SRG-Filmchef Sven Wälti gegenüber der Medienwoche. Bezogen auf Helvetiva muss man freilich feststellen: Die SRG-Mühlen arbeiten eher langsam.

Bald in Originalsprache

Immerhin: Die SRG ist darüber hinaus über die Bücher gegangen. «Play Suisse», heisst die nationale Streaming-Plattform der SRG, die im November lanciert wird. Das Projekt fungierte intern bislang unter dem Projektnamen «Rio». Die neue Plattform wird ab Herbst Inhalte aus allen Sprachregionen mehrsprachig anbieten.
Die neue Plattform der SRG ersetzt zwar nicht die Player der Unternehmenseinheiten (wo man wie beschrieben zwischenzeitlich Serien wie Helvetica findet). «Play Suisse» ist laut SRG vielmehr eine Plattform mit Inhalten aus allen Spracheregionen. So biete «Play Suisse» eine Auswahl aus Eigen- und Koproduktionen der Unternehmenseinheiten, also Filme, Serien, Dokumentarfilme, Reportagen und Archivperlen. Einzigartig an «Play Suisse» ist laut SRG-Website, dass die Nutzerinnen und Nutzer die Inhalte über die Sprachgrenze hinweg entdecken können: Alle Inhalte sind in der Originalsprache mit Untertiteln in Deutsch, Französisch und Italienisch verfügbar, ausgewählte Titel auch auf Rätoromanisch. Aktuelll läuft ein SRG-interner Test. Im Oktober erfolgt dann der Pre-Launch mit rund 5000 externen Anwenderinnen und Anwendern, bevor im November der offizielle Startschuss fällt. Viva la Grischa! Forza Ticino! Allez les Romands!

Hier der kostenlose Link zur Serien Helvetica (bis 22.9.)