Neues aus dem Nebel

Der neue «Nebelspalter» geht in den Countdown; der Newsletter erwacht zum Leben.

Eines ist sicher: Was immer auch die Online-Wiedergeburt des «Nebelspalter» sein wird, Häme und Kanonade aus allen Rohren ist ihr sicher. Das fing schon vor Geburt an; dass im Print-«Nebelspalter» eine Doppelseite mit gehörig-ungehörigen Karikaturen über den neuen Chefredaktor Markus Somm erschien, wurde nicht etwa als Beweis für Liberalität gewertet, sondern man entblödete sich nicht, zu schreiben: «Nebelspalter verspottet Somm».

Kaum je vor einem Relaunch, nicht einmal bei der «Weltwoche», war man sich allgemein so sicher: das wird grauenhaft. Das wird rechtspopulistisch. Das wird eine neue Hetzschrift aus dem ganz rechten Lager. Das dreht allen aufrechten Freunden des «Nebelspalter» den Magen um. Mehrfach.

Es geht nichts über das Hegen von Vorurteilen

Mit den gleichen Vorurteilen hatte Markus Somm auch während seiner gesamten Zeit als Chefredaktor der «Basler Zeitung» zu kämpfen. Ich gebe zu, ich bin da Partei, aber ich bin glücklicherweise nicht der Einzige: völliger Unsinn. Somm ist meinungsstark und im Zweifelsfall sicher eher Rechtsausleger. Aber niemals konnte sich jemand beschweren, von der Redaktion oder von aussen, dass er Zensur ausübe, unliebsame Meinungen unterdrücke.

All die besorgten BaZ-Redaktoren, die unter Absingen schmutziger Lieder von Bord und dann mit der «TagesWoche» untergingen, niemand konnte ein Beispiel erwähnen, wie Somm ihm eine Meinungsäusserung in der BaZ abgeklemmt hatte. Niemand. Ich auch nicht.

Also mangelnde Liberalität wird sicher nicht das Problem des neuen «Nebelspalter» sein. Ganz im Gegensatz zu den heulenden Mainstream-Medien; wo bei Tamedia, bei CH Media und auch bei der NZZ klare Grenzen existieren, was im Rahmen des Gesinnungsjournalismus erlaubt ist, was nicht. Selbst Redaktoren wie Kurt Pelda, der sich in diesem Thema etwas auskennt, ist dort untersagt, seine fundierte Meinung zur Verschleierung der Frauen im fundamentalistischen Islam zu sagen.

Wer also unkt und tobt, dass da ein rechtsgewickeltes, einseitiges Meinungsorgan geschaffen wird, sollte vielleicht mal zuerst vor seiner eigenen Türe kehren. Aber das gibt natürlich die verzweifelte Arroganz der um ihre Stelle fürchtenden Wendehalsjournalisten nicht her.

Was er wohl nicht ist, wissen wir. Was wird aber der neue Nebi?

Damit wäre mal klar definiert, was der «Nebelspalter» alles nicht ist. Weiterhin sehr im Nebel bleibt, was er denn sein soll. So etwas wie «Le canard enchaíné» oder «Private Eye»? Das kann nur behaupten, wer die beiden Magazine nicht kennt. 80 Prozent Politik und Wirtschaft, 20 Prozent Humor? Online? Geleitet von einem Chefredaktor und Initiator, der ungefähr gleichviel vom Internet wie von Humor versteht?

Offenbar ist ausreichend Geld zusammengetrommelt worden, aber schon die «Republik» hat bewiesen, wie schnell das auch wieder verröstet werden kann. Mit Konrad Hummler wurde sicherlich ein begabter VR-Präsident gefunden, aber ob er den Sack der Mitinvestoren wirklich gut hüten kann? Und ob seine Ansage, dass er selbst gerne noch ein paar Hühnchen publizistisch rupfen will, so furchtbar clever ist?

Wann erfahren wir etwas über das nicht ganz unwichtige Geschäftsmodell?

Und wie steht’s denn mit der Mannschaft, mit dem Businessmodell, der Finanzflussplanung, dem Return on Investment? In vier Jahren soll Break-even erreicht sein, sagte Hummler in einem Interview. Die vielleicht etwas wichtigere Frage: wie denn, die liess er aber unbeantwortet. Abo, Reichweite, Bezahlschranke, Inserate, Gönner-Abos, pay per click, pay per view, was soll’s denn sein? Wird man sich auch wie alle anderen von Google und Facebook & Co. die Butter vom Online-Werbebrot nehmen lassen? Man weiss nichts.

Nun hat Somm den guten alten Newsletter aktiviert, um etwas für Stimmung zu sorgen und den Countdown herunterzuzählen. Immerhin: Mit 2100 Anschlägen ist der erste NL schlank und rank, im Vergleich zum Sprachdurchfall, den die «Republik» seit Anfang serviert.

Nicht gerade atemberaubend: der erste NL des neuen «Nebelspalter».

Und was will uns der Chefredaktor sagen? Dass er nun so alle drei Tage über Inhalt, Mitarbeiter, Kolumnen, Aufbau usw. informieren will. Zudem für jede, aber wirklich jede Kritik, jeden Einwand, jede Anregung offen sei. Und gleich die ersten zwei Mitarbeiter vorstellt. Dominik Feusi, langjähriger Begleiter Somms bei der BaZ, der es dann erstaunlich lange bei Tamedia aushielt. Ebenso wie der einzig weitere bekannte Redaktor des «Online»-Nebi sozusagen die Hausmannschaft. Neu hingegen Gioia Porlezza als «Video Kolumnistin». Dazu kommt noch als Talkmaster Reto Brennwald.

Weiterhin bleiben mehr Fragen offen als Antworten geschlossen

Dann war der Disput zwischen ihm und Somm bei der letzten Ausgabe von «Sonntagszeitung Standpunkte» offensichtlich nur ein Stunt, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Ob Tamedia allerdings liberal genug ist, an Brennwald festzuhalten, muss sehr bezweifelt werden.

Soweit die erste umfangreichere Wortmeldung. Sagen wir mal so: Es bleiben so viele Fragen offen, dass es auch einen täglichen Newsletter bis zum genauen Erscheinungstermin, der auch noch nicht enthüllt wurde, vertragen könnte.

Ausländer als «Metastasen» bezeichnet

Der Tages-Anzeiger bietet Oberrichter mit ausländerfeindlichen politischen Ansichten eine «lustige» Plattform.

SD-Politiker Christoph Spiess ist seit einigen Tagen der breiteren Öffentlichkeit ein Begriff. Er und seine Frau Justyna Spiess haben einige Filmchen aufs Netz geladen, die originell sein sollen.

Ins Rollen brachte die Story Tamedia-Redaktorin Lisa Aeschlimann. Sie stellt die Frage aller Fragen: «Man stelle sich vor: Am Morgen verurteilt Spiess Straftäter, am Abend hält er für ein lustiges Video mit seiner jüngeren, lebenslustigen Frau her. Darf sich ein Richter – eine Magistratsperson – in den sozialen Medien so zeigen?»

Langer Rede, kurzer Sinn. Man darf, auch wenn man knapp am guten Geschmack vorbeischrammt.

Ausländer als «Metastasen»

Was den Tagi-Lesern vorenthalten wurde. Alt-Gemeinderat Christoph Spiess (61) darf in seiner Freizeit auch üble rassistische Thesen verbreiten. So schrieb er 2015 in Zusammenhang mit der erleichterten Einbürgerung von Ausländern dritter Generation, dass sie sich zwar so weit «integrieren», dass sie nicht ständig anecken. Im Herzen bleiben sie aber mit der Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Sie bilden eigentliche Parallelgesellschaften, sozusagen «Metastasen» fremder Kulturen. Dass ein Oberrichter Teile der Gesellschaft als sinngemäss als Krebstumor, als bösartigen Geschwulst, bezeichnet, ist speziell.  Verbürgt ist laut der «NZZ», dass Christoph Spiess bereits 1975 der Nationalen Aktion beigetreten ist, die damals vor allem gegen Italiener Stimmung machte. 20 Jahre lang war Spiess Gemeinderat in der Stadt Zürich, für die Rechtsaussen-Partei Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat, die sich später in Schweizer Demokraten umtaufte.

Laut dem «NZZ»-Artikel von 2015 ist Spiess «unter Juristen geschätzt, aber für viele ein politisches Schreckgespenst, ein rechtsextremer Fremdenfeind, dem man allerlei niedere Instinkte zutraut». Immerhin, so nochmals die «NZZ»,  sei der stramme Schweizer Demokrat vor Gericht kein Ausländerschreck. Vielmehr gelte als besonnener Jurist, der alle Angeklagten mit Respekt behandle und auch gerne einmal eine mildere Strafe verhänge als die Vorinstanz.

ZACKBUM hat nachgefragt bei Christoph Spiess.

Herr Spiess, wie waren die Reaktionen auf den grossen Artikel im Tages-Anzeiger?

Die Reaktionen auf den von Ihnen erwähnten Artikel gingen mit einer sehr grossen Mehrheit (ich schätze so um die 80 %) dahin, dass die im Artikel thematisierten Videos auf dem TikTok-Account meiner Ehefrau völlig unproblematisch seien, offensichtlich nichts mit meiner Amtstätigkeit zu tun hätten, und dass die daran geübte Kritik deshalb unberechtigt sei.

Hatten Sie früher auch schon Reaktionen/Reklamationen Ihres Arbeitgebers auf Ihre privaten Aktivitäten, etwa die Parteiarbeit für die SD/NA?

Nein, wieso denn auch? Ich war fast 20 Jahre im Zürcher Stadtparlament und bin auch heute noch, wenn auch nicht mehr so intensiv wie damals, politisch aktiv. Das steht mir genau so zu wie jedem anderen Stimmbürger. Es ginge nicht an, mich wegen dieser Aktivität im Berufsleben zu kritisieren, und das geschieht richtigerweise auch nicht. Meine Amtstätigkeit als Richter ist demgegenüber nicht politischer Natur. Hier geht es um die korrekte Anwendung der geltenden Gesetze auf Einzelfälle. Dabei dürfen politische Meinungen keine Rolle spielen, und sie tun dies auch nicht. Im Gerichtshaus hat die Politik nichts verloren.

In einem Text von Ihnen aus dem Jahr 2015 bin ich auf eine diskutable Passage gestossen. Sie argumentieren in Zusammenhang mit der erleichterten Einbürgerung von Ausländern dritter Generation, dass sie sich zwar so weit «integrieren», dass sie nicht ständig anecken. Im Herzen bleiben sie aber mit der Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Sie bilden eigentliche Parallelgesellschaften, sozusagen «Metastasen» fremder Kulturen. Würden Sie das heute noch unterschreiben?

Viele junge Immigranten integrieren sich voll und identifizieren sich dann auch wirklich mit unserem Land. Leider gibt es aber auch viele, die zwar unsere Sprache lernen und im beruflichen und sozialen Leben gut eingegliedert sind, innerlich aber nicht die Schweiz, sondern ihr Herkunftsland (bzw. dasjenige der Eltern und Grosseltern) und dessen Kultur als Heimat empfinden. So bilden sich in der Tat «Parallelgesellschaften» fremder Kultur. Das geschieht nicht nur bei uns in der Schweiz, sondern noch viel ausgeprägter in gewissen Quartieren von Grosstädten in anderen europäischen Ländern (Paris, London, Marseille, Berlin, Brüssel-Molenbeek usw.). Leider gibt es sogar Länder, deren Regierung das gut findet und ihre ausgewanderten Bürger aktiv dazu ermuntert, sich ja nicht zu assimilieren. Konkret erinnere ich mich an derartige Äusserungen des amtierenden türkischen Staatspräsidenten.

«Parallelgesellschaften» passen also nicht in Ihr Weltbild?

Diese Nicht-Assimilation und Bildung von «Parallelgesellschaften» kann zu erheblichen gesellschaftlichen Spannungen führen, die sich in Zukunft wohl eher noch akzentuieren werden. So etwas ist meines Erachtens in niemandes Interesse. Im Rahmen der politischen Debatte – ich glaube, dass der von Ihnen erwähnte Text in der Zeitung «Schweizer Demokrat» erschien – darf (und soll meiner Meinung nach) auf diese Problematik hingewiesen und postuliert werden, eine Einbürgerung erst nach erfolgter Assimilation vorzunehmen. Nichts anderes habe ich getan.

Dann finden Sie Ihre Aussage mit den Metastasen also nicht diskutabel?

«Diskutabel» ist das nur in dem Sinne, dass andere Stimmberechtigte – vielleicht auch Sie – diese Auffassung nicht teilen müssen und ihre andere Ansicht in die politische Diskussion einbringen dürfen (und das in einer lebendigen Demokratie hoffentlich auch tun). Das Berufsleben der an der politischen Debatte teilnehmenden Bürger betrifft das nicht, auch nicht bei einem Richter. Denn wie schon gesagt: In der Gerichtsarbeit haben politische Meinungen nichts zu suchen und spielen sie auch keinerlei Rolle. Demgemäss gibt es da auch nichts zu beanstanden.

Uih, lange Antworten, Herr Spiess. Aber danke trotzdem.

Noch dies als Abrundung: Gesetzt der Fall, Christoph Spiess wird 2022 wieder für den Stadtzürcher Gemeinderat und – wer weiss – sogar für die Exekutive kandidieren, einige Stimmbürgerinnen und Stimmbürger werden sich vielleicht an den lustigen Oberrichter erinnern, wie er ihnen vom Tagi präsentiert wurde.

Gesicherte Erkenntnisse über Kuba

Das ist konsequent: Die NZZ setzt ihre Quatsch-Berichterstattung über die letzte Insel des Surrealismus fort.

Die erste Bresche in die Glaubwürdigkeit der Kuba-Berichterstattung hat Sandra Weiss geschlagen. Als Ferndiagnostikerin aus Mexiko Stadt behauptete, sie, dass kubanische Ärzte versklavt seien und das Regime Multimilliarden durch ihre Vermietung im Ausland einnehme.

Beides völliger und belegbarer Unsinn. Aber die Leitung der NZZ-Auslandredaktion ist zu arrogant, um auf einen schüchternen Hinweis ihres ehemaligen NZZ-Korrespondenten mit Wohnsitz Havanna auch nur zu antworten.

Die Strafe folgt auf dem Fuss. Der freie Journalist Knut Henkel aus Hamburg rührt im Ressort Reisen die Werbetrommel für die Feriendestination Kuba. Ziemlich faktenfrei, und bei der Lektüre fragt man sich, ob es vielleicht noch eine andere Insel gibt, die zufällig auch Kuba heisst.

Vielleicht gibt es noch ein zweites Kuba

Denn die letzte Insel des Surrealismus kann Henkel eigentlich nicht meinen. «Seit Mitte Oktober ist Kuba wieder für internationale Touristen offen», behauptet er kühn. In der Tradition von Radio Eriwan: im Prinzip ja. Ab und an. Mehr oder weniger. Je nachdem.

Erst Mitte November öffnete der Flughafen von Havanna wieder, obwohl die Öffnung auf 1. November fest versprochen war. Das liess ein paar tausend Reisende auf ihren wertlosen Tickets sitzenbleiben. Und weil das die Attraktivität der Feriendestination ungemein steigert, reduziert Kuba die Anzahl Flüge nach Lust und Laune.

Der reale kubanische Traum.

Was dazu führt, dass zeitweise Tausende von Kubanern aus dem Exil, deren Rückflüge in die USA gestrichen wurden, auf Kuba festsassen. Genau gleich ging es auch Kubanern über ganz Zentral- und Lateinamerika verteilt. Hin kamen sie, aber der Rückflug war dann nix.

Als weitere Abschreckungsmassnahme hat Kuba nicht nur einen gültigen und negativen Corona-Test für obligatorisch erklärt. Sicher ist sicher, also muss zusätzlich jeder Tourist zunächst mal in Quarantäne in ein Staatshotel. Freie Wahl für freie Touristen? Aber nein, er wird zugeteilt, den Zimmerpreis plus Verpflegung und medizinische Betreuung hat er natürlich auch zu zahlen.

Testen, testen, testen. Aber die Resultate?

Eigentlich war ein Aufenthalt bei einer kubanischen Familie geplant? Aber nein, das wäre ja gesundheitsgefährdend. Früher gab es noch die Möglichkeit des Hausarrests. Also die ersten sieben Tage mussten ohne Freigang innerhalb einer Wohnung verbracht werden. Alles nur zur Sicherheit. Dazu dient auch ein gleich am Flughafen durchgeführter (und zu bezahlender) Test. Dessen Resultat sollte dann dem im Hotel oder früher in vier Wänden eingesperrten Touristen innerhalb der Quarantänezeit bekannt gegeben werden.

Im Prinzip ja. Es gibt aber Fälle, die fröhlich wieder aus Kuba ausreisten, ohne das Resultat erhalten zu haben. Wobei auch für Touristen die Rückreise nicht ganz hindernisfrei ist, da auch die wenigen europäischen Airlines, die Flüge nach Kuba anbieten, diese zwar grossartig in ihren Flugplänen ankündigen, gerne auch die Kohle für eine definitive Buchung kassieren – sie dann aber auch nach Lust und Laune wieder absagen.

Nur zufällige Übereinstimmung von Statistik und Realität

Von all diesen kleinen und grösseren Hindernissen schreibt Henkel nur sehr, sehr wenig. Dafür zitiert er ausführlich offizielle Statistiken über die Anzahl von Corona-Fällen oder von Toten. Sicher, es gibt keine andere Quelle dafür, aber bei solchen staatlichen Angaben kann man sicher sein: jede Ähnlichkeit mit der Realität wäre rein zufällig. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die wirkliche Anzahl viel höher. Das sowieso schon verlotterte Gesundheitssystem ist vor allem im Südosten der Insel nahe am Zusammenbruch.

Denn in Wirklichkeit ist Kuba von einem perfekten Sturm getroffen. Mangels Transport- und Überweisungsmöglichkeiten ist die Devisenquelle Nummer eins, die rund 4 Milliarden Dollar von Exilkubanern, die dann in den Monopolstaatsläden abgeschöpft werden, vom Strom zum Getröpfel vermindert. Deviseneinnahmequelle Nummer zwei, der Tourismus, war von Mitte März bis Ende Oktober völlig lahmgelegt. Was unter anderem dazu führte, dass eine der wenigen florierenden Wirtschaftszweige für Privatunternehmer abgewürgt wurde.

Auch das ist real in Havanna.

Privathotels, Restaurants, Transportdienste und alles, was mit Tourismus zu tun hat, da hatte sich eine ernsthafte Konkurrenz zu den oftmals sehr realsozialistischen und im Vergleich schweineteuren Staatsinstallationen entwickelt. Abgeräumt, bankrott, weg.

Einnahmequelle Nummer drei, die Vermietung von Fachpersonal ins Ausland, lief auch schon mal besser. Inzwischen sind in vielen vormals verbündeten Staaten wie Bolivien oder Brasilien rechtskonservative Regierungen am Gerät. Und der grosse Bruder Venezuela pfeift selber aus dem letzten Loch.

Der überlebensgrosse, charismatische Fidel Castro ist tot, sein Bruder und die letzten überlebenden Guerilla-Führer sind 90 oder älter, der neue Präsident hat ausser einem provokativ dicken Bauch keine nennenswerten Eigenschaften. Gleichzeitig zwang der Devisenmangel das Regime, etwas zu tun, was es mit heiligen Eiden versprochen hatte, niemals zu machen.

Schon wieder ein revolutionäres Versprechen gebrochen

Es wurden wieder Devisen-Shops eingeführt, in denen man ausschliesslich in MLC, moneda libremente convertible, bezahlen kann. In den Peso-Läden oder in den Bodegas, wo sich der Kubaner bis heute die ärmlichen Reste auf seiner Rationierungskarte abholt, gähnen leere Regale, das gilt auch für viele Staatsapotheken. Ein Rezept bekommen, ist der einfachere Teil. Schlimmer noch, auch in den Devisenshops gibt es immer weniger Angebot, aber immer mehr Nachfrage.

Resultat: unübersehbare Schlangen, kilometerlang, oftmals beginnt das Warten am Vortag, und endet nicht immer glücklich am Folgetag vor Ladenschluss. Statt sich um eine bessere Belieferung zu kümmern, erfand das Regime eine Massnahme nach der anderen, um diese hässlichen Bilder, die nur zur feindlichen Propaganda dienen, zu vermeiden.

Aktuelle Lösung: Es werden pro Laden Tickets ausgegeben. Maximal 50 am Tag. Nun gibt es zwar lange Schlangen vor den Ausgabestellen, aber nicht mehr vor den Läden. Kleine Nebenwirkung: der Schwarzmarktpreis für so ein Ticket beträgt von 10 Dollar aufwärts. Nach Schwarzmarktkurs 500 Pesos. Ein kleines Vermögen nur für den Eintritt. Und wenn’s das gewünschte Produkt nicht hat: Pech gehabt.

An 60 Jahren landwirtschaftlichem und wirtschaftlichem Totalversagen gestählt, nimmt der Kubaner auch diese Herausforderung an, was bleibt ihm auch anders übrig. Und dass er wieder mindestens den halben Tag, jeden Tag, in einer Schlange verbingt, stört auch nicht weiter. Die einheimische Produktion ist sowieso schon lange im Keller, so muss die tropische und fruchtbare Insel über 80 Prozent ihrer Nahrungsmittel importieren.

Macht ein Impfstoff Hoffnung?

Aber, so endet Henkel hoffnungsfroh, Kuba entwickle Soberana 2, Souverän 2. Das könnte die Impfung gegen Covid19 werden, behauptet das Regime. Vorherige Ankündigungen, ein Mittel gegen HIV und Krebs und überhaupt fast alles entwickelt zu haben, lassen daran zweifeln.

Vorsichtshalber soll es klinisch an Iranern ausprobiert werden. Da kann man nur hoffen, dass die ayatollen Führer als erste drankommen.

Natürlich ist Kuba trotz alledem eine mögliche Feriendestination. Land und Leute, Mojito und Puro, Sonne und Strand, Musik, unzerstörbare Fröhlichkeit. All das gibt’s weiterhin, als geballte Ladung nur für Touristen. Die nicht enttäuscht werden, wenn sie all das wissen. Aber sicher sind, dass Henkel ein Paralleluniversum beschrieben hat, wenn sie einen persönlichen Augenschein nehmen.

Einen Fehler machen kann jeder. Aber beratungsresistent einfach den nächsten zum gleichen Thema machen, das ist sehr beunruhigend.

 

Witze zum Totlachen

Der Tagi schmeisst sich kichernd weg, aber wer in fundamental-irren Ländern keine Burka trägt, wird gesteinigt.

Wenn Philipp Loser in die Tasten greift, bleibt keine Auge trocken. Öfter auch seins. Der Loser hat das wohl übelste Stück an Konzernjournalismus zu verantworten, das in den letzten Jahren erschien – und wieder gelöscht wurde.

Über dem «Alten vom Berg» sollen «Geier kreisen», aus dem «Palast Lebrument» sei ein «MausoLöum» geworden, kalauerte Loser, dass es dem Leser die Fussnägel hochrollte. Ein hübsches Stück Rufmord und Kreditschädigung am Somedia-Verleger und Patriarch Hanspeter Lebrument. «Auf der Strecke bleibt: Lebrument und seine Somedia.» Sie sei zu klein, um eine entscheidende Rolle zu spielen. Ob Loser mit dem Titel auf den auch so genannten mittelalterlichen Assassinenführer anspielen wollte, oder auf den Beatles Song «The Fool on the Hill»? Wahrscheinlich nicht, das gibt sein Bildungsniveau nicht her.

Ein sauberer Blattschuss, der allerdings schnell zum Rohrkrepierer wurde. Denn nicht nur, dass der Artikel über «Peter Lebrument» angekündigt wurde. Auch sonst wurde passend gemacht, was nicht ins Narrativ passte. Fürchterliche finanzielle Situation, alles knirsche und knacke im Somedia-Verlagshaus. Aber: keine einzige Zahl konnte Loser liefern, alle Anschuldigungen kamen von anonymen Quellen, als wär’s ein Stück der «Republik».

Als Sahnehäubchen konnte man Lebrument leider keine Stellungnahme anbieten, der sei unerreichbar in den Ferien gewesen. Sicherlich auch sein CEO, seine Familienmitglieder oder jeder andere, der dem Unsinn von Loser hätte widersprechen können. Der Artikel nahm schnell das erwartete Ende: Er wurde gelöscht; Loser musste persönlich bei Lebrument zu Kreuze kriechen.

Der inzwischen gelöschte frühere Missbrauch der «Seite Drei».

 

Aufarbeitung, Qualitätsstandards bei Tamedia?

Wie üblich versprach Tamedia damals, den «Fall intern aufzuarbeiten», weil so etwas natürlich nicht den «Qualitätsstandards des Hauses» entspreche. Spätestens heute kann man sagen: Aufarbeitung null, Qualitätsstandards weiterhin unterirdisch, Loser ungehindert am Gerät.

Diesmal hat er sich das Thema Burka-Initiative vorgenommen, unterstützt vom Gender-Sternchen Salome Müller. Man ahnt es: Das kann nur grauenhaft ins Gebüsch fahren. Eine ganze «Seite 3» verschwendet Tamedia für ein Stück unter dem Titel: «Ist alles nur ein Witz?» Eigentlich müsste es sich die Süddeutsche verbitten, dass dieses von ihr erfundene Gefäss dermassen zu Schanden geschrieben wird.

Scherz lass nach. Frauenquälen ist doch lustig, finden Loser und Müller.

Ein Witz? Gute Frage, wenn sie sich auf den folgenden Schmerztext bezöge. Allerdings wäre auch da die Antwort: nein, das ist überhaupt nicht witzig. Denn die beiden Tiefflieger fragen sich ernsthaft, ob die Initiative nicht schlichtweg ein Witz sei. Beziehungsweise, dass man ihr gar nicht anders als witzig begegnen könne, denn ernst nehmen, also wirklich, wer kommt den auf so eine absonderliche Idee?

Zwei renommierte «Satiriker» machen sich lustig, nein, lächerlich

Also was meinen ausgewählte Berufswitzler dazu? Der «Satiriker» Gabriel Vetter behauptet, dass er keine Witze darüber machen könne, «ich habe schliesslich auch meinen Berufsstolz». Der hindert ihn nicht daran, hier sein Versagen einzugestehen. Allerdings: Ich zwinge alle Leser, die ihn für einen Satiriker halten, sich diesen Auftritt bei «Deville» anzuschauen. Garantie: man bekommt sofort den gleichen Gesichtsausdruck wie Sibylle Berg, nämlich etwas zwischen peinlich berührt und «wie kann ich schnell und unauffällig verschwinden?»

Aber es gibt ja noch «seine Kollegin» Patti Basler. Die riskiert den Brüller «Next-Level Realsatire». Versteht zwar keiner, aber leider könne sie dieser «Pointe» als «Satirikerin» nichts hinzufügen. Dann tut sie es doch, hätte das aber lieber gelassen: «Eigentlich müsse man doch verbieten, dass Männer Frauen Kleidervorschriften machen dürfen. «Aber stattdessen will man Frauen verbieten, wie sie sich kleiden»», sagt sie völlig sinnbefreit.

Ein Professor für «Sozialpsychologie» an der Uni Zürich, der leider nichts mit Corona zu tun hat, ergreift die Gelegenheit, wenigstens ein, zwei Schwafelsätze unterzubringen: «Die Bildsprache der Initiative verfolge ein anderes Thema als der eigentliche Wortlaut.» Die armen Studenten.

Was halten die Tagi-Redaktoren von Mehrheitsentscheidungen? Nichts

Als Beweis, dass diese Initiative doch wirklich ein Witz sei, wird dann noch das Intellektuellen-Blatt «watson» zitiert, natürlich darf auch das Magazin der anonymen Quellen nicht fehlen, die «Republik». Am Schluss versucht das Autorenduo Infernal noch etwas Optimismus zu versprühen: «Eine Abstimmungsniederlage ist einfacher zu verdauen, wenn man den Inhalt der Initiative nie richtig ernst genommen hat

Abgesehen davon, dass das tief blicken lässt, was die beiden von demokratischen Mehrheitsentscheiden halten – nichts, wenn sie nicht damit einverstanden sind –, ist es eine Geschmacklosigkeit sondergleichen, diese Thematik als Anlass für schlechte Witze zu nehmen.

Sicher, der ins zweite Glied zurückgestutzte und verzwergte Co-Chefredaktor des Tagi hatte schon in einem «Leitartikel» die Marschroute vorgegeben: die Initiative sei abzulehnen. Und Loser ist es sich gewohnt, auf his master’s voice zu hören. Beiss den Lebrument, und er sagt wuff. Burka-Initiative ist SVP, blöd, kann man nicht ernst nehmen: Witz komm heraus, du bist umzingelt, folgt der Schreibbüttel der Anleitung.

Als Methode zur Arbeitsplatzsicherung könnte man das noch menschlich verstehen. Aber: Niemand bringt das ganze Elend dieser schmerzhaften Scherzparade besser auf den Punkt als Basler. Man wolle Frauen «verbieten, wie sie sich kleiden». Echt jetzt? Darf man so einen Schwachsinn im Tagi unwidersprochen sagen? Wo bleiben da die Qualitätsstandards?

Sollen wir das Banner des fanatisch-fundamentalistischen Islams tolerieren?

Ich war auch etwas hin und her gerissen, wie ich abstimmen soll. Passt das zu einer freiheitlichen Gesellschaft? Aber jeder, der dieses Argument ins Feld führt, übersieht, dass es niemals totale Freiheit geben kann. Erst Grenzen machen sie sozialverträglich. Zudem ist diese Art der Verhüllung von Frauen weder die Erfüllung religiöser Vorschriften, noch Ausdruck einer «freien Wahl». Wie Alice Schwarzer, die schon für die Rechte der Frauen kämpfte, als Loser noch in den Windeln lag und Müller nicht mal als Idee existierte, bringt es auf den Punkt: Das ist das Banner des fundamentalistischen Islam.

Wo er herrscht, setzt er diese mittelalterliche Absurdität mit drakonischen Mitteln durch. Mit Bestrafung, Schlägen, Steinigungen, Folter gegen Frauen, die sich eben nicht verbieten lassen wollen, wie sie sich kleiden möchten. Zum grossen Tort dieser religiösen Wahnsinnigen können sie ihre absurden Herrscherfantasien über Frauen als Stückgut, Eigentum und rechtloser Sklave, in der Schweiz nicht durchsetzen. Für Fanatiker wie Nicolas Blancho sind Steinigungen «für mich als Muslim ein Bestandteil, ein Wert meiner Religion». Schmerz- und scherzfrei begeben sich die Autoren in das Umfeld solcher Vollpfosten. Müller sollte man die Sternchen-Taste sperren; für Loser würde ich anregen, ihm endlich einen Maulkorb zu verpassen.

Denn einen Loser in seinem Lauf hält weder Nikab noch Burka auf. Im «Magazin» schreibt er sich gleich nochmal den Frust von der Seele, bei der Abstimmung höchstwahrscheinlich zu den Losern zu gehören. Duftmarken: «Direkte Demokratie im Nichts», «grundsätzlich absurd», «manchmal muss direkte Demokratie wie die Fasnacht funktionieren. Als Ventil. Als Triebabfuhr. Als «Zeichen».» Mit dieser Einstellung zu Demokratie könnte Loser problemlos unter einem fundamentalistischen Regime leben. Unvorstellbare Zustände bei Tamedia.

 

 

Maske raus, Maulkorb runter

Den Jungmillionären und «Masken-Schnöseln» muss man eins lassen: ihre Lernkurve ist sehr steil.

«Zürichberg-Kids machen Millionen mit Masken.» Wie so oft bringt «Inside Paradeplatz» mit seinem unermüdlichen Aufdecker Lukas Hässig als erster diese Meldung. Und legt eine Woche später, am 18. Juni 2020, nochmal nach, als sich die beiden zwei Luxusschlitten kaufen.

Der böse Verdacht: Zwei Jungunternehmer machen das Geschäft ihres Lebens mit dem Import und überteuerten Verkauf von Gesichtsmasken. Dabei nützen sie die übliche Unfähigkeit von staatlichen Behörden aus, die panisch Schutzmasken kaufen wollen. Ist ja das Geld des Steuerzahlers, daher bietet zum Beispiel die Schweizer Armeeapotheke bis zu 10 Franken. Für eine Maske.

Durch diese Verkäufe, in der Schweiz, aber auch in Europa, vor allem nach Deutschland, sollen die beiden Dutzende von Millionen verdient haben. Pro Nase. Also wie auf dem Serviertablett: zwei moralfreie Dealer verdienen sich am Schutzbedarf für die Bevölkerung zwei goldene Nasen. Skrupellos, rücksichtslos.

Leid schamlos ausgenutzt?

Am 30. Juli vermeldet der «Blick»:

«Brandanschlag gegen SVP-Masken-Millionäre».

Linksradikale bekennen sich dazu: «Damit bestrafen wir die dort ansässige Emix Trading und ihre Besitzer dafür, das Leid vieler schamlos ausgenutzt zu haben, indem sie durch überteuerte Maskenverkäufe an den Bund dick Kasse gemacht haben

Ende Januar 2021 stochert der «Tages-Anzeiger» nach: «Schweiz zahlte Millionen für nutzlose Masken». Auf der Packung steht «FFP2», das Gütezeichen für bessere Schutzmasken. Nur: der ägyptische Hersteller sagt auf Anfrage, dass er niemals solche Masken hergestellt habe und auch kein Zertifikat einer italienischen Prüfstelle beantragt hätte.

In der offensichtlichen und nicht falschen Annahme, dass öffentliche Gegenwehr zuerst gut organisiert werden muss, sollte sie etwas bewirken, gehen die beiden Inhaber der Handelsfirma Emix nun in eine sorgfältig geplante Offensive.

Zuerst CH Media, dann die NZZ

Zuerst kam Henry Habegger zum Handkuss. Er schreibt heute für CH Media, nachdem er bei Ringier gefeuert wurde, als Opfer eines der ganz wenigen Machtkämpfe, die Frank. A. Meyer verlor. Habegger erzählten die beiden die Geschichte ihrer Firma. Eine typische Tellerwäscher-zum-Millionär-Story.

Parallelimporte von Coca-Cola, Verteilung an Pizzerien und Döner-Buden im Kleinwagen. Dann Kontakte nach China, Exporte von Schweizer Produkten. Es ging Schritt für Schritt aufwärts. Schliesslich die Pandemie, die beiden setzten alles auf eine Karte. Bauten eine Lieferkette auf, mieteten ganze Frachtmaschinen für den Transport in die Schweiz.

Mr. Corona Daniel Koch sagte damals zuerst tapfer, dass die Verwendung von Schutzmasken in der breiten Bevölkerung nichts bringe, ihre Wirkung sei nicht erwiesen. Eine letzte Schrecksekunde, denn hätte Emix die Masken nicht verkaufen können, wären sie pleite gewesen.

Natürlich seien sie zutiefst betroffen von der Anschuldigung, auf Kosten der Not der Menschen einen Riesengewinn gemacht zu haben. Natürlich war der Kauf von Luxusauto eine jugendliche Übersprungshandlung, verständlich, aber von der Wirkung her fatal. Aber: sie seien schliesslich voll ins Risiko gegangen, hätten als fast einzige liefern können, und was da für ein Stress dahinter gestanden sei, unvorstellbar. Habegger notierte und berichtete, als alter Boulevard-Hase, mit dem Titel: «Jetzt reden die «Masken-Schnösel»».

Die NZZ rollt den ganz breiten Teppich aus

Nicht gerade ein voller Erfolg, aber man kann ja nachlegen. Dazu bietet sich – who else – die NZZ an. Riesenstory im Blatt mit Riesenfoto, online ohne Bezahlschranke lesbar. «Sind sie Helden, Schurken oder einfach nur clevere Unternehmer?», fragt sich das NZZ-Team Linda Koponen und Jan Hudec. Sie Jungredaktorin, er schon länger im medizinischen Themenbereich unterwegs.

Kommentierte Chronologie, also die CH-Media-Story nochmals ausführlicher ausgebreitet, und dann natürlich noch das Interview. Rund 300 Millionen Masken hat Emix nach Europa verkauft. Bei einer behaupteten Marge von 20 bis 30 Prozent und Verkaufspreisen von bis zu knapp 10 Franken, man rechne.

Aber ihr Geld haben sie nicht nur für Luxusautos rausgeworfen; diesmal empfangen sie die NZZ in ihrem Hauptquartier in Zug, wohin die Firma natürlich gezügelt ist. So wie ihre Inhaber nach Freienbach, zwei Niedrigsteuergebiete. Sie sind von gleich zwei Anwälten umrahmt. Der eine ist der Wirtschaftsanwalt Peter Ackermann, der die beiden 23-Jährigen schon länger begleitet und juristisch berät.

Der jammert über die Medien, dass deren «Berichte meinen Ruf wahrscheinlich unwiderruflich zerstört» hätten. Nur: Was für einen Ruf? Laut seiner Berufserfahrung ist er seit 2021 «Investor und Verwaltungsrat», bei Emix natürlich. Weitere rechtliche Beaufsichtigung des Gesprächs ist die Aufgabe der Medienanwältin Rena Zulauf.

Sportliche Honoraransätze treffen auf tiefe Taschen

Sonst für ihre Feldzüge beispielsweise in Sachen Jolanda Spiess-Hegglin bekannt, für die sie vor Kurzem beim Zuger Obergericht eine gewaltige Klatsche einfing. Aber Zulauf ist auch für ihre sportlichen Honoraransätze bekannt, und das dürfte bei Emix überhaupt kein Problem sein. Im Gegensatz zu ihrer Mandantin Spiess-Hegglin. Zulauf sieht weder Widerspruch noch Problem: «Ich vertrete Personen und Unternehmen bei erfolgten oder drohenden medienrechtlichen Grenzüberschreitungen.»

Zulauf tut auch energisch etwas für ihr Geld. Als «Inside Paradeplatz», schliesslich der Aufdecker dieses Falles, sich mit ein paar Fragen an die beiden Jungunternehmer wendet, bekommt der Blog einen Feuerstoss als Antwort. Aber Lukas Hässig ist sich garstige Reaktionen von Finanzhäusern gewohnt. Wobei Zulauf hier schon an die Grenze der putativen Notwehr geht:

«Meine Klientschaft behält sich zivil- und strafrechtlich Schritte aus unlauterem Wettbewerb und Persönlichkeitsrecht, insbesondere – aber nicht ausschliesslich – Schadenersatzansprüche wegen entgangenem Gewinn, gegen Inside Paradeplatz GmbH und Sie persönlich ausdrücklich vor und wird rechtliche Schritte gegebenenfalls ohne Vorankündigung einleiten», so die Anwältin auf Fragen an die Emix-Leute. Es ging darum, wie viel genau die Emix-Unternehmer mit der Schweizer Armee eingenommen hatten und wie viel mit Deutschland.

Auch das sieht Zulauf anders: «Die rechtliche Belehrung stand im Kontext vorangehender fehlerhafter Berichterstattung, bei der neben einer verlangten (und publizierten) Gegendarstellung auf rechtliche Schritte verzichtet worden war.»

Inzwischen ist eine Strafuntersuchung eingeleitet

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Zürich ein Strafverfahren gegen Unbekannt im Zusammenhang mit Schutzmaskenverkäufen der Emix Trading eröffnet. Dabei dürfte auch die Strafanzeige wegen Wuchers eines Luzerner Anwalts eine Rolle spielen.

Die NZZ listet aufrecht alle Vorwürfe auf, die zurzeit um die beiden Jungmillionäre schwirren. Die dürfen sich selbst in einem möglichst guten Licht präsentieren: «Wenn wir die Masken ohne Risiko nach Europa gebracht und mit hoher Marge durch überhöhte Preise verkauft hätten: Dann könnte ich die Kritik nachvollziehen. Führt man sich jedoch vor Augen, dass unser Gewinn durch vorausschauende Verhandlungen bei Einkauf und Logistik und durch das riesige Volumen zustande gekommen ist, habe ich keine Sekunde ein schlechtes Gewissen», lässt sich einer der Beiden zitieren. Aber:

«Wir haben uns alles selbst erarbeitet und auf Freunde und Freizeit verzichtet, um an diesen Punkt zu kommen

An welchen Punkt? Man merkt dem Artikel deutlich an, dass sich die beiden Autoren nicht wirklich entscheiden können. Eben: Helden, Schurken oder clevere Unternehmer? Man weiss nicht, ob man es im heutigen Gesinnungs- und Positionsjournalismus begrüssen oder bedauern soll, dass die Antwort der NZZ ist: Das kann man so oder so oder so sehen.

Wenn zwei Frauen in Champagnerlaune geraten

Dann erreicht der Kulturteil von Tamedia einen neuen Tiefpunkt. Denn es handelt sich um die neue Literaturchefin und eine «watson»-Kolumnistin.

 

«Sowas wie das RTL-Dschungelcamp 2021 hast du noch nie gesehen»

«Die dänische Sex-App ist gut gemeinter Schwachsinn»

«Ist Bill Kaulitz dauerspitz? Seine Autobiografie klingt ganz danach …»

«Der aufwühlende Dokfilm «Framing Britney Spears» und der Tod des Models Kasia Lenhardt sind beispielhaft für die Demütigung von Frauen in den Medien.»

Die Kolumne «Glamour, mon amour»: «Die Weihnachtsbeleuchtung hing noch, leuchtete aber schon lange nicht mehr, Regen begann zu fallen, und die erblindeten Leuchtkörper schimmerten von oben herab wie erstarrte Tropfen. Der silberne Schlangenkopf der Medusa, die neben dem Eingang von Versace auf der nassen Mauer prangte, blickte uns so hart ins Gesicht, dass wir fürchteten zu versteinern.»

Früher einmal gab es Literaturkritik

Ich weiss, das war ein Stahlbad für die Leser, aber da muss man durch. Eine kleine Auswahl aus dem aktuellen journalistischen Schaffen von Simone Meier. Um eines Gags willen kennt sie nichts. Wenn sie über Cancel Culture schreibt, dann hält sie es für einen passenden Geschichtsausflug, dass im Dritten Reich «die Juden gecancelt» wurden.

Früher einmal, ist gar noch nicht so lange her, gab es Literaturkritik. Wo ein flamboyanter Marcel Reich-Ranicki mit jeder Buchbesprechung bewies, ob mündlich oder schriftlich, dass Literaturkritiker Beruf und Berufung ist, die unter anderem sehr viel Bildung voraussetzt.

In der Schweiz prägten Hanno Helbling, Werner Weber und bis heute wache Geister wie Manfred Papst in der NZZ die Literaturkritik, bei der der Kritiker dem Schriftsteller mindestens auf Augenhöhe begegnet. Ich kann’s beurteilen, ich habe bei Weber Literaturkritik studiert.

Zwei Frauen zeigen, was sie können

Das schafft Nora Zukker auch. Ob sie über einen Liebesroman von Herzogin Fergie berichtet oder sich mit Simone Meier auf dem Friedhof Sihlfeld mit «einer Flasche Rosé-Champagner» die Kante gibt. Was für ein Einstieg: «Simone Meiers Romane sind Rosé-Champagner: Sie lesen sich leicht, man merkt kaum, wenn man nachschenkt, und zum Schluss ist man verzückt tipsy

Wie lautet schon wieder mein Lieblingstitel im «Blick», viele Jahre her: «Frauen, Alkohol, Wahnsinn». Wie wahr, denn auf 7100 Anschlägen zeigt die neue Literaturchefin von Tamedia, was sie kann. Gleich viel wie Simone Meier. Also eigentlich nichts. Meier versucht nicht ganz erfolglos, sich als eine Mischung zwischen Charlotte Roche (Feuchtgebiete) und Martin Suter (Allmen) zu verkaufen. Also als Gebrauchsliteratin mit noch weniger Tiefgang als Lukas Bärfuss, aber viel mehr Sex in ihren Werken.

In ihren Kolumnen bei CH Media und bei «watson» greift sie gelegentlich so was von daneben, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt. Dass sie vom abgetakelten «Schweizer Journalist» zur Kulturjournalistin des Jahres ernannt wurde, wird es zukünftig jedem Kulturjournalisten schwer machen, diesen Preis anzunehmen.

Mit welchem Alkoholpegel hat Zukker was geschrieben?

Was passiert, wenn Zukker ihr literaturkritisches Besteck auspackt?

«Die Dialoge sind nie meta, sondern nahe an der Alltagsrealität.»

Hä? Hier vermisse ich zum ersten Mal eine Angabe über die Promille, mit denen das geschrieben wurde. Vor den nächsten beiden Flachsätzen muss aber sicherlich ein grosser Schluck aus der Pulle erfolgt sein: «Meier kann Popkultur. Ihre Kritiken sind die wirkliche Unterhaltung. Echte Satire mit beinahe persiflierendem Charakter.» Hä? Was wäre dann unechte Satire, und wo genau liegt der Unterschied zu einer Persiflage? Oder was wäre Satire ohne persiflierenden Charakter?

Kann Zukker noch mehr? Locker: «Ob journalistisch oder literarisch: Ihre Texte sind sinnlich, sehnend und schlau.» Hicks. «Wenn in Meiers neuestem Buch «Reiz» ein Google-Street-View Männchen auftritt oder Herz-Emojis verschickt werden, ist das stilistisch konsequent.» Ich muss nun selber eine Flasche Dom Pérignon öffnen.

Gibt es denn kein Entkommen? Doch, dem Wettergott sei Dank und Preis: «Plötzlich regnet es frontal unter das Vordach.» Hä? Wie das wohl geht? Aber egal, das zwingt die beiden Wortschmiede (Pardon, Wortschmiedinnen) in die Flucht, wofür der Leser ausgesprochen dankbar ist.

Die Tragödie ist nicht, dass Meier sich bei CH Media bejubeln lässt: «Eine Schriftstellerin, die dank ihrer pointierten Formulierungslust sowohl das erschreckend Ruppige wie das Verträumte in Szene setzen kann. Immer im Auge: unsere Gegenwart, die sie in einem Panoptikum spiegelt.» Man kann nur hoffen, dass das weit jenseits von 0,8 Promille geschrieben wurde.

Eigentlich müsste man Schmerzensgeld verlangen

Die Tragödie ist, dass nicht Meier, aber Zukker schmerzlich zeigt, dass auch die Literaturkritik bei Tamedia erschreckend tiefergelegt keinerlei Orientierung dem nach Lektüre suchenden Leser gibt. Wer aufgrund dieser angetüterten Lobeshymne Lebenszeit verschwendet und den Roman wirklich liest, müsste eigentlich bei Tamedia Schmerzensgeld verlangen. Leider: In den USA stünden die Chancen nicht mal schlecht. In der Schweiz wäre das aussichtslos. So wie die Zukunft der Literaturkritik bei Tamedia.

Wer möchte nach Meier den Preis «Kulturjournalist des Jahres» entgegennehmen? Wer möchte sich von Nora Zukker rezensieren lassen? Vielleicht liegt die Rettung darin, dass beide wohl kaum einen Thomas Pynchon, Marcelo Figueras, einen Martin Cruz Smith, einen George Packer, einen Ismael Kadare kennen. Vielleicht haben sie von Hilary Mantel gehört, aber das sind verdammt dicke Wälzer. Alle diese Autoren dürften sowohl einem Schlammbad in Meiers Kolumnen wie auch einem Alkoholbad von Zukker entgehen. Darauf einen kräftigen Schluck Krug Rosé!

 

Heile Welt mit Stöhninseraten

Das Tierwelt-Heftli lebt von Kleininseraten. Doch die Erträge daraus «sind nun endgültig am Versiegen», wie es vom herausgebenden Verband «Kleintiere Schweiz» heisst.

Die Tierwelt ist wohl die einzige Vereinszeitschrift, die am Kiosk erhältlich ist. Sie ist eines der ältesten Heftli der Schweiz. Schon 1891 erschien die erste Ausgabe. Bis heute stehen dahinter Kleintierzüchter, respektive deren Verein. In Journalistenkreisen spricht man oft verächtlich über Chüngelizüchtervereine. Doch der Dachverband bringt jede Woche ein Heft mit beachtlichen gut 80 Seiten heraus. Der Preis ist mit 6 Franken moderat. Normalerweise agiert das Blatt unter dem Radar der breiteren Öffentlichkeit, ausser letzthin, als im Kleinreport der Abgang des Chefredaktors vermeldet wurde. Doch nun scheint wieder Ruhe eingekehrt. Zeit für eine Blattkritik (der Ausgabe vom 4. Februar), aber auch einen Blick auf das Rumoren hinter den Kulissen.

Zum allgemeinen Thema passt das weissbraune Chüngeli auf der Titelseite. Dank dem Anriss «Katzen: die häufigsten Todesursachen» werden auch Tierfreunde abgeholt, die nicht unbedingt aufs Züchten aus sind. Das Layout kommt, etwa beim Inhaltsverzeichnis, modern und luftig daher. Wenn nur nicht diese kursive Schrift wäre. In der Rubrik «Hallo was gibt’s» beweist die Redaktion durchaus Humor und Sinn für Ästhetik. Auch die Panoramaseite mit Kurzfutter aus der ganzen Welt lässt den vermeintlichen Vereinsmief hinter sich. Die Titelgeschichte, selbstredend über Kaninchen, spricht den Profi sicher an. Als Laie hört man schon bei den Belgischen Riesen (Idealgewicht 7-9 Kilo) auf, spätestens aber bei der «offiziellen Anerkennung als Schweizer Eulach-Scheckenkaninchen» am 10. Mai 1984.

Schmuser landen nicht in der Küche

Die nächste Geschichte handelt von der Selbstversorgung dank Kaninchen. Etwas, was etwa für die Weltkriegsgeneration ganz selbstverständlich war. Später war der Begriff Selbstversorger für den Staatsschutz ein Alarmzeichen, die Parole Moskau einfach herauszugeben. Der Artikel zeigt, dass die Redaktion erfrischend unverkrampft an die Themen herangeht. Und falls mal ein Kaninchen den Artikel in die Pfoten bekommen sollte, bitte besonders auf diesen Passus achten: «Schmuser landen sicher nicht in der Küche. Wer eher distanziert auftritt, hat schlechtere Karten, weil die Bindung zu ihnen weniger stark ist.»

Nun kommt ein solides Portrait über den neuen Co-Präsident der Schweizer Jungbauern. Daniel Hasler ist ein klassischer Jungunternehmer, der mit seiner Direktvermarktung von Hofprodukten Erfolg hat. Konkret liefert er den Kunden Gemüse, Milch, Joghurt und Käse in seinem auffälligen «Dänumobil». Der Artikel erfüllt sein Ziel. Das Klischee vom trägen, subventionshangenden Bauern abzuschwächen. Einzig der Titel «Der Bauer von morgen» schreit förmlich nach der Ergänzung PUBLIREPORTAGE.

Und dann die Büsigschicht. Obwohl das Foto etwas anderes erahnen lässt, sind nicht plattwalzende Autos, sondern eher unspektakulär chronische Nierenleiden als Todesursache Nummer eins aufgezählt.

Die Rubrik «Zum Verwechseln ähnlich» erinnert an die verwandte Rubrik «Bei der Geburt getrennt». Hier geht es aber nicht um Fussballer wie im Fanheft «11 Freunde», sondern natürlich um Tiere. Diesmal um den Bolonka Zwetna und den Havaneser. Das Auseinanderhalten falle sogar Besitzern schwer, schreibt Carmen Epp. Die Autorin weckt Erinnerungen an «Was macht eigentlich?». Epp hat eine Zeitlang in der Medienwoche geschrieben und bei der Urner Zeitung gearbeitet.

Von tiefgefrorenen Embryonen und Oberwalliser Schwarznasen

Der Artikel über das Walliser Schwarznasenschaf befasst sich mit dem Jöööh-Effekt dieser auffälligen Tiere. Dank einen BBC-Bericht scheinen die Wesen nun in Neuseeland und in den USA der Renner zu sein. Dass wegen dem Einfuhrverbot lebender Schafe  tiefgefrorene Embryonen per Post verschickt und nachher in Mutterschafe anderer Rassen eingesetzt werden, tönt nach Science Fiction. Auf jeden Fall wäre das eine heisse Story auch für den Blick. Auffällig der Infokasten am Artikelende mit den Infos über den Oberwalliser Schwarznasen-Zuchtverband. Einerseits ist das schon interessant, andererseits wertet es den lesenswerten Artikel ab. So wirkt er wie bestellt.

Der Artikel über Fassadenschindeln ist irgendwie fehl am Platz. Ein bezahltes Firmenportrait? Dass Holzschindeln vielleicht Lebensraum sein könnten für Kleinst-Insekten (Themenbezug!), findet man nirgends.

Doch weil nun ein Artikel folgt über die vernachlässigten Seitenbeete links und rechts von Wohngebäuden, dämmert es dem ZACKBUM-Kritiker langsam. Tatsächlich: In der Oberzeile zur Tierwelt steht: Die Schweizer Zeitschrift für Tier und Natur.

Der berüchtigte Personalshop-Preis

Die eingeheftete Werbebeilage mit Kleidern und Schuhen taucht immer mal wieder auf in Vereinsheften, etwa auch in jenem des VPOD.  Der Firmen-Name «Personalshop» soll wohl Nähe zu den Lesern und Verbandsmitgliedern suggerieren. Die knalligen Preisvorteile (-25% für Sie, Personalshop-Preis gegenüber UVP-Preis) wertet die Tierwelt ab. Doch noch sind wir nicht bei den Kleinanzeigen. Und ja, von irgendwas muss ein 80-Seiten-Magazin finanziert werden.

Also vor den Kleinanzeigen zuerst noch der kürzere Text darüber, «dass sich der Klimawandel auch auf den heimischen Garten auswirkt». Nein, die Tierwelt packt durchaus auch heisse Eisen an. Eher schwierig wir der nun folgende Veranstaltungsteil. Das heimtückische Coronavirus macht fast allen Events einen Strich durch die Rechnung. Dafür sind die Tierschnappschüsse aus der Leserschaft ein Aufsteller.

Nun wird’s wieder richtig expertig. Das A und O der Zuchtvorbereitung bei Geflügel. Für vertiefte Gespräche rund um Eier kann so ein Text enorm wertvolle sein. Einfach nur faszinierend, aber auch sehr schräg.

Präsident schlägt Alarm: Erträge versiegen

Langsam steigt die Spannung. Denn nun folgt der eigentliche Inserateteil. Und damit sind die legendären Kleinanzeigen gemeint. Ja, darum ist doch die Tierwelt berühmt. Zumindest vor 20, 30 Jahren galt die Tierwelt als eher kleinbürgerliches Pendant zum handgestrickten A-Bulletin. Heute sind es immerhin noch gut 18 Seiten Kleininserate. Das ist mehr als die halbe Miete für die Heftfinanzierung. Doch Urs Weiss, Präsident von Kleintiere Schweiz schlägt im Rahmen einer auf der Vereinswebsite aufgeschalteten Statutenreform Alarm: «Die Erträge aus der Tierwelt sind nun endgültig am Versiegen und eine Besinnung auf das tatsächlich Notwendige ist geboten». Ein Thema ist auch die Vereinsgrösse: «Was hat der zunehmende Mitgliederschwund für einen Einfluss?», schreibt Weiss weiter. Er lobt das Sekretariatsteam in Zofingen und stellt selbstkritisch fest, dass «ein Miteinander aller Beteiligten die Kosten besser im Griff hat als unzählige dezentrale, individuelle Lösungen».

Nicht günstig ist wohl die zur Tierwelt parallele Herausgabe des Verbandsorgan «Der Kleintierzüchter», quasi die Expertenausgabe der Tierwelt.

Die Vernehmlassung der neuen Statuten von Kleintiere Schweiz läuft noch bis am 30. Juni 2021.

Pumpfass und Radikalkur

Nun aber endgültig eingetaucht in den Mikrokosmos der Kleinanzeigen. Als erstes Inserätli fällt jenes der JVA Pöschwies auf. Handgemachte Nistkästen (32.-) und Futterhäuschen (38.-)  für Vögel. Des Rätsels Lösung: JVA heisst Justizvollzugsanstalt. Die Hüsli werden also im Pöschwies gebaut, von Sträflingen. Eine Metzgerei in Safenwil kauft laufend Schlachtlämmer, während jemand für die «sehr liebe, zahme und gesunde» Pfauenziege Daisy «einen neuen Lebensplatz» sucht. Im technischen Teil kann man wählen zwischen einem «Güllenfass mit Triebachse, einem Ladewagen Mengele 310 und einem Pumpfass zu Schilter LT2». Wie wär’s mit einem Kompostwender für 32000 Franken? Im Immobilienteil wird ein «grosses Haus für WG» angeboten. Preis 2,5 Mio, Region Rottal. Wem das zu teuer ist, kann zwei Luftrevolver Smith&Wesson kaufen, je 120 Franken. Grund des Verkaufs: «Nichtgebrauch». Die Käserei Neudorf veräussert einen «Sachentransportanhänger» für 9000 Franken. Ein Suzuki Jimny 30 km/h sucht einen neuen Käufer. Anscheinend wichtig: laut Inserat wurde der Wagen «von einer Frau gefahren». Dann wechseln sich die Inserätli immer kurzweiliger ab. Eine Firma Gerber preist sich fürs «Absaugen Festmaterial aus Jauchegruben an», während sich daneben unter dem Titel «Männer ruft an» Frauen von jung bis alt anbieten für Freundschaft und Heirat. Auf der drittletzten Seite geht’s dann zur Sache. Was im Tages-Anzeiger vor einigen Jahren mangels Inserenten fast ganz eingestellt wurde, blüht hier noch einigermassen. Das Geschäft mit dem Sex. «Er verwöhnt reife Sie»,  «Allein mit Katze! Suche Mann! Paulina, attraktiv!», «Bäuerin 38, will manchmal Sex». Dazu passt dann die letzte Seite mit viel Kleingedrucktem und einem «Leser-Angebot»: Radikalkur Prostaphytol-Elixier CHF 126.- anstatt regulär CHF 316.-

Die Tierwelt hat eine beglaubigte Auflage von 46641 Exemplaren und eine Reichweite von 218000 Leserinnen und Lesern. Es gibt 51 Ausgaben pro Jahr. Die Tierwelt ist ein Exotikum im Kiosk-Angebot, durchaus mit Potenzial zum Kultstatus.

Corona: Nächste allgemeine Verunsicherung

Die Corona-Einheitsbrei-Berichterstattung löst sich in Einzelteile auf. Nach Mainstream nun allgemeine Kakophonie.

Die Zeiten, als die Leitmedien der wenigen verbleibenden Konzerne stramm auf Linie der Task Force, des Bundesrats und im Zweifelsfall für Verschärfungen, Restriktionen und gegen verantwortungslose Fahrlässigkeit waren, sind vorbei.

Mit einem gewissen Restgespür für die Stimmung in der Bevölkerung und unter den Lesern werden viele fuchtelnde Zeigefinger eingefahren, machen sich Laienjournalisten nicht mehr mit drakonischen Forderungen aus dem wohlbeheizten Homeoffice lächerlich.

Tamedia ist mild und friedlich gestimmt

So meldet Tamedia zur Corona-Lage in Genf: «Mutierte Viren dominieren – doch die dritte Welle bleibt aus». Milde gestimmt titelt der Konzern zudem «Berset deutet Lockerung von Corona-Massnahmen an». Das hätte noch vor wenigen Wochen einen scharfen Kommentar abgesetzt, in dem die Worte unverantwortlich, Wackelpudding und «jetzt muss dringend» eine wichtige Rolle gespielt hätten.

Gemischte News hält der «Blick» parat. Aber neben der Entdeckung eines furchtbar ansteckenden Virus-Mutanten im Amazonasgebiet, einem Schockerfoto von schwärtlichen Fingern, die wegen Corona amputiert werden müssen, ist die Aufmacherstory: «Deutscher Virologe widerspricht Task Force». Auch das hätte noch vor Kurzem einen hämischen Kommentar und einen strengen Verweis abgesetzt. Jetzt wird ein ehrfürchtiges Interview mit dem Fachmann geführt.

Gemischte News, aber ein deutscher (!) Epidemiologe darf der Task Force Saures geben.

Auch «blue-news» nimmt Bersets Andeutung in den Ticker, erschreckt aber mit der Frage, ob in Zukunft ein doppelter Mund-Nasen-Schutz nötig sei. Als Zahlenquelle wird hier weiterhin die US-Privatuni Johns Hopkins verwendet; auch so ein Skandal, an den sich alle gewöhnt haben.

Milchzähne, Krokodilkot, Sex und Angriff der Kängurus

Und was hat uns das Katzenvideo-Portal «watson» aus seinem Millionengrab heraus zu sagen? Keine solchen Vorurteile, in seiner Serie «Lustige Tierbilder Episode II» kommt nun «Angriff der Kängurus». Ob da jemand die Anspielung auf «Star Wars» merkt? Nun, es wird mit folgendem Müll bespasst: «Let’s talk  about real good Sex, Baby» von «Emma Amour», «Milchzähne am Anus, Krokodilkot und Niesen: So verhütete man früher», «Mann baut E-Gitarre aus dem Skelett seines toten Onkels» und schliesslich noch ein Titel, der wohl 99 Prozent aller «watson»-Leser ratlos macht: «Palindrom-Tag: Warum ist der 12. 02. 2021 so besonders?»

Kleiner Knaller von «20 Minuten», Knallfrosch von der NZZ

Corona? Ach ja, wen interessiert das schon bei «watson». Das gewinnbringende Gratisblatt «20Minuten» kann dagegen mit einem kleinen Knaller aufwarten, der den Bezahlmedien gut angestanden wäre: «Russland bot der Schweiz Impfstoff Sputnik an – BAG reagierte nie». Sagt immerhin der russische Botschafter in Bern.

Die NZZ widmet sich, so gehört sich das, den tieferen Fragen: «Der Mensch kommt zu kurz – wie die Corona-Isolation die Kultur unseres Zusammenlebens schädigt». Gleich zwei Geistesriesen braucht es, um altbekannten Flachsinn zu verzapfen: «Der persönliche Kontakt kommt zu kurz», «das Unmittelbare geht verloren». Vor allem in der Kultur, aber natürlich auch in der Politik hinter Plastikscheiben. Gibt es wenigstens Rettung, Lösungen? Aber sicher, die Pandemie nicht einfach aussitzen, «sondern aktiv gestalten», fordert die Kunsthaus-Direktorin Ines Goldbach. Nur sagt sie nicht, wie das gegen im Artikel konstatierte Depressionen, Einsamkeit, Existenzangst oder gar die Zunahme häuslicher Gewalt helfen soll.

Kleiner Tipp: manchmal ist aussitzen viel besser als schreiben. Aber, das rettet Ruf und Ehre, «Wer sagt, Schuldenmachen sei heute gratis, gibt zu viel Geld am falschen Ort aus. Die Staaten steuern dadurch immer tiefer ins Schlamassel.» Die NZZ gibt Reiner Eichenberger und David Stadelmann Gelegenheit für einen intelligenten Gastkommentar.

CH Media und «Republik»: Alarmsirene und Sendepause

Welchen Beitrag leistet schliesslich CH Media zur allgemeinen Verunsicherung? «Ansteckungen in der Schule: Zahl der Infektionen hat sich im Januar im Aargau mehr als verdoppelt». Berichtet der Konzern aus dem Stammland seiner Zentralredaktion. Allerdings: Es handelt sich seit Anfang Januar um eine Steigerung von 149 auf 324 – in fünf Wochen. Zudem sagt bekanntlich ein positiver Test nichts über eine mögliche Erkrankung aus.

Wollen wir es zum Schluss wagen, was sagt uns die «Republik» heute zu Corona? Heiliger Strohsack: nichts. Null. Keinen einzigen Buchstaben gönnt sie uns zu diesem brennenden Thema. Wie sollen wir so orientierungslos ins Wochenende stolpern?

Wie beginnt man ein Interview? (Teil 2)

Interviews sind die Billy-Regale des Journalismus.

«Einfach und schnell zusammengebaut, wenig Fachkenntnisse erforderlich, kein bleibender Wert», schrieb Beni Frenkel auf ZACKBUM vor Monaten. Die wenigen Interview-Perlen erkenne man an der Einstiegsfrage. Hier scheitern die meisten Journalisten, zum Teil kolossal. Die erste Frage sei deswegen so schwierig, weil der Interviewer eine ganze Menge reinpacken muss: Interesse, Distanziertheit, Vorwissen, Neugierde. Der Leser muss gleich zu Beginn gefesselt werden. «Die erste Frage ist so wichtig wie die Anmachfrage in einem Club», weiss Womanizer Frenkel.

Im Teil 2 geht es um eine Text-Bild-Schere, um das Geliebt-Werden und um die Krux schriftlich gestellter Fragen.

Packungsbeilage: die in loser Folge präsentierten guten und schlechten Fragen gelten als Beispiele. Nie geht es darum, Journalisten an den Pranger zu stellen. Für Beispiele in beiden Richtungen sind wir dankbar: redaktion@zackbum.ch.

 

Einschleimen I

Quelle: Weltwoche (4. Februar 2021)

Journalist: Thomas Renggli

Gesprächspartnerin: Heinz Tännler (Regierungsrat Zug)

Einstiegsfrage:

Herr Tännler, kommen Sie noch zum Schlafen?

Kritik: Diese Allerweltsfrage kann man natürlich jeder einigermassen engagierten Person stellen. Aber man punktet beim Interviewten, weil er weiss, dass es nun ein Wohlfühlinterview gibt. Doch nicht wenige Leser steigen schon aus.

Was beim Text noch auffällt: Nirgendwo geht Thomas Renggli im Gespräch auf das spezielle Portraitfoto mit dem Tennisschläger ein – abgehandelt wird das Thema in der kurzen Fotolegende «Harter Aufschlag: Regierungsrat Tännler». Ist Tännler ein zweiter Nick Kyrgios, der die Schläger gerne zerstört? Möchte Tännler manchmal das Krisenmanagement des Bundes mit einem As ausstechen? Wäre er lieber ein zweiter Roger Federer anstatt ein Regierungsrat? Man wird es nie erfahren.

Einschleimen II

Quelle: Lokalinfo (15. Januar 2021)

Journalist: Lorenz Steinmann

Gesprächspartner: Marco Cortesi (Ende Januar pensionierter Polizeisprecher)

Marco Cortesi, drehen wir das Rad ins 1986 zurück. Sie waren bei der Stadtpolizei als Streifenwagenfahrer im Kreis 4 im Einsatz. Was ist Ihnen von damals geblieben?

Auch so eine Wohlfühlfrage, die nicht wertet. Es ist eine Frage, die sofort in den Erzählmodus lenkt. Aber soll man zum Abschluss einer Karriere mit der Tür ins Haus fallen? Auffällig war, dass auch sonst bei keinem Interview ein richtig kritisches Wort fiel. Die Ausnahme war die SRF-Doku. Dort kritisierte ein Gemeinderat der Grünen Cortesis Hang zur Selbstdarstellung. Doch auch diese Aussage war eingebettet in eine 40-minütige Huldigung.

Gefragt ist gefragt

Quelle: ZACKBUM (2. Februar 2021)

Journalist: Lorenz Steinmann

Gesprächspartnerin: Beat Glogger (Wisenschaftsjournalist, Unternehmer)

Einstiegsfrage:

Im Doppelpunkt bei Roger Schawinski zeichneten Sie die Zukunft Ihrer Firma eher düster. Zudem erfolgte ein ziemlich negativer Artikel in der NZZaS mit dem Titel «Glogger bald am Ende». Wie waren die Reaktionen darauf? 

Ich habe bei Schawinski nicht über meine Firma gesprochen. Sie verwechseln da wohl was.

Kritik: Die längliche Frage prallt an Beat Glogger ab. Auch wenn es bewiesen ist, dass Glogger im Doppelpunkt über seine Firma gesprochen hat. Weil das Interview schriftlich geführt wurde, kann man nicht nachträglich nochmals anfragen, umschreiben, herumstreiten. Schriftliche Interviews können bequem sein für den Interviewer und in Arbeit für den Interviewten ausarten. Doch ein mündliches Interview können sie selten toppen.

Fortsetzung folgt

(Anmerkung zur Leserbindung: ZACKBUM.ch freut sich über positive wie negative Beispiele, wobei keine Garantie besteht, dass diese auch erwähnt werden)

Fast nur fröhliche Nachrichten

Das heutige Tagblatt der Stadt Zürich macht auf positiv. Das führt zu amüsanten Inhalten.

Schon Pippi Langstrumpf sang:

Widdewiddewitt

und Drei macht Neune !!

Ich mach‘ mir die Welt

Widdewidde wie sie mir gefällt ….

Nun also das Tagblatt der Stadt Zürich. Das Stadtzürcher Amtsblatt präsentiert in seiner Ausgabe von heute Mittwoch auf 84 Seiten einen «anderen Blick auf Zürichs aktuelles Stadtleben. Ein Themenmix, der den Leserinnen und Lesern ein paar beglückende und zuversichtliche Momente schenken und ab und zu ein Lächeln aufs Gesicht zaubern soll», wie es in einer Mitteilung heisst. Persoenlich.com titelt dazu: «Die Zeitung lässt alles Negative weg». Der Kleinreport formuliert es noch fröhlicher: «Gegen Corona-Koller: Tagblatt der Stadt Zürich druckt nur Good News».

Momente des Glücks

Und wie sieht das Resultat aus? «Momente des Glücks», schreibt Chefredaktorin Lucia Eppmann in ihrem Editorial. Sie habe immer stärker den Wunsch gehabt, einmal eine ganze «Tagblatt»-Ausgabe mit positiven News umzusetzen. Da kommt einem der Tages-Anzeiger in den Sinn, der wohl vor gut zehn Jahren jeweils am Montag bewusst eine «Positiv-Story» im Blatt hatte. Das Experiment wurde dann still wieder begraben. Doch in der Corona-Krise ist Lucia Eppmanns Idee durchaus wirkungsvoll. Gut 30 Menschen beschreiben ihre persönlichen Glücksmomente. Mit Humor sind die Portraits erträglich bis unterhaltend. Etwa, wenn Stadtpräsidentin Corine Mauch erklärt, wie sie dank Corona ein neues Kochrezept ausprobieren kann oder einfach mal Zeit zum Lesen hat. Auch ganz lehrreich: Das Portrait über Mahan Safadoust, Guest Relations Officer beim Casino Zürich. «Wenn sich der Einsatz auszahlt», lautet der Titel. Wenn deswegen nur niemand das Tagblatt belangt. Aber genug gemäkelt. Alles in allem ist das aktuelle Tagblatt gelungen. Auch wenn man sich bei den Amtlichen Nachrichten ein wenig mehr Bezug zum Leitthema «Good News» gewünscht hätte. Ein Bauprojekt, das den Abbruch des ach so schönen Seewasserwerks in Wollishofen vorsieht? Ein Halteverbot für Autos an der Walchestrasse bis 2024? Zwei Konkurseröffnungen und Besichtigungen von städtischen Wohnungen, die man nur übers Internet vereinbaren kann. Das Leben ist und bleibt nicht nur positiv, trotz dem Tagblatt. Hier der Link.

P.S. ZACKBUM möchte hiermit den Beweis antreten, dass bei uns auch positive Meldungen Platz finden – allen Unkenrufen zum Trotz.