Ringier entschuldigt sich!

«Wir wollen uns trotzdem entschuldigen bei Jolanda Spiess-Hegglin.»

In einer Medienmitteilung nimmt es der CEO der Ringier AG selbst auf sich, sich im Namen der gesamten Ringier AG, der «Blick»-Redaktion und auch im Namen des Chefredaktors Christian Dorer, zu entschuldigen.

Marc Walder schreibt weiter, dass es zwar nicht die Absicht gewesen sei, aber Spiess-Hegglin durch die Berichterstattung «verletzt wurde». Und obwohl das Gericht in beiden Instanzen ihre Forderung nach einer Entschuldigung ablehnte, tue das nun der Verlag freiwillig.

Walder ist sich im Klaren: «Jolanda Spiess-Hegglin wird die Klagen gegen Ringier weiterführen und aufgrund dieser Zeilen nicht fallen lassen. Das ist auch nicht die Absicht, die wir mit dieser Entschuldigung verfolgen.»

Natürlich könne Ringier das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, sagt Walder abschliessend: «Wir können aber Tag für Tag dazuzulernen und immer und immer wieder versuchen, es besser zu machen.»

Eine aufrichtige Entschuldigung

Diese «aufrichtige Entschuldigung» kontrastiert deutlich mit den Kommentaren, die Spiess-Hegglin gegenüber ihrem Sprachrohr Pascal Hollenstein, dem publizistischen Leiter der CH Media, abgegeben hat.

Sie sind schon vor Ablauf der Sperrfrist bekannt geworden, weil sich das journalistische Aushängeschild Peter Wanners nicht daran gehalten hat. So flackert sein Artikel «Jolanda Spiess-Hegglin gewinnt gegen den «Blick» seit Sonntagmorgen immer wieder durch die vielen Kopfblätter von CH Media. Um dann wieder gelöscht zu werden und anderswo aufzutauchen.

So steht beispielsweise in der «Luzerner Zeitung» seit Montagmorgen, 5 Uhr, der Verweis auf diesen Artikel online. Der Artikel selbst aber nicht. Zum zumindest unanständigen Brechen einer gerichtlich festgelegten Sperrfrist kommt also noch Unfähigkeit hinzu:

In diesem an Parteilichkeit nicht zu überbietenden Machwerk darf sich Spiess-Hegglin natürlich, im Gegensatz zu Ringier, zum Urteil äussern:

«Das Urteil zur Persönlichkeitsverletzung könnte nicht deutlicher sein», sagt Spiess-Hegglin. «Ich bin so froh, dass ich das durchgezogen habe. Wir haben nun eine perfekte Grundlage für alles, was noch kommen wird.» Sie bedauere lediglich, dass sich Ringier, die Herausgeberin des «Blick», nicht «freiwillig und ohne Bedingung bei mir und meiner Familie entschuldigen kann», fügt Spiess-Hegglin an.»

Das kommt davon …

Das kommt halt davon, wenn man sich mit einer Partei in einem Rechtsstreit gemein macht. Eine Todsünde für jeden seriösen Journalisten. Vor allem dann, wenn er auf der Jagd nach einem Primeur schon 24 Stunden vor Ablauf der Sperrfrist damit herausplatzt.

Dann gesellt sich zu fehlendem Anstand, zu Inkompetenz auch noch die Peinlichkeit, dass Hollenstein das Bedauern kolportiert, dass sich Ringier nicht entschuldigen könne. Das nennt man noch eine Bauchlandung zu allem zu.

Peinlich, bis der Arzt kommt

Das ist von einer Peinlichkeit, dass es weh tut. Nobel hingegen muss man die Entschuldigung des Hauses Ringier nennen. Auch deswegen, weil CEO Walder klarstellt, dass er mit weiteren Klagen von Spiess-Hegglin rechne und diese mit seiner Entschuldigung auch gar nicht verhindern wolle.

Da liegt nun der Ball bei Spiess-Hegglin, ob sie trotz erfolgter Entschuldigung weiterhin glaubt, eine «perfekte Grundlage» für alles zu haben, was noch komme. Der mehrfach gescheiterte Online-Guru Hansi Voigt will für Spiess-Hegglin ausgerechnet haben, dass Ringier mit allen Klicks auf Online-Artikel zum Thema «mehr als eine Million Franken Gewinn» gemacht habe.

Geht es ums Geld oder nicht?

Darauf will Spiess-Hegglin offenbar zukünftige Forderungen auf Gewinnherausgabe stützen. Andererseits hat sie immer betont, dass es ihr nicht um Geld gehe, sondern darum, dass Ringier sein Fehlverhalten eingestehe und bereue. Nachdem das der Verlag getan hat, ist nun die Frage, ob Spiess-Hegglin auch einlenkt. Oder ob sie die Honorarforderungen ihrer Anwältin dazu zwingen, weiterzuprozessieren.

Spiess-Hegglin: Der Hauptvorwurf bleibt

Das Zuger Obergericht verurteilt den «Blick» ebenfalls.

Die Mühlen der Justiz haben die Ereignisse rund um eine feuchtfröhliche Feier am 20. Dezember 2014 fein gemahlen und zu einem Brei verrührt.

So schreibt das Obergericht Zug zum Sachverhalt: «Nach dem offiziellen Teil dieser Feier kam es zwischen Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann zu einem Sexualkontakt.» Das ist unbestritten; der Streit beginnt am 24. Dezember.

An diesem Tag berichtet der «Blick» darüber, unter Namensnennung und mit der Frage: «Hat er sie geschändet?» Es ist von der Verabreichung von k.o.-Tropfen die Rede, weswegen der SVP-Politiker schon eine Nacht in Untersuchungshaft verbrachte.

Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte

Drei Jahre später reichte Spiess-Hegglin Klage beim Kantonsgericht Zug ein. Sie sah sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt, verlangte eine vorformulierte Entschuldigung des Ringier-Verlags, wollte eine zukünftige Berichterstattung untersagen und forderte schliesslich eine «Genugtuung» in der Höhe von Fr. 25’000.-, plus 5 Prozent Zinsen.

Im Mai 2019 fällte das Zuger Gericht einen Entscheid im Wesentlichen für Spiess-Hegglin. Dagegen gelangten beide Parteien an das Obergericht des Kantons. Das fällte am 18. August 2020 sein Urteil und begründete es auf 66 Seiten.

Unzulässige Berichterstattung, aber …

Auch die zweite Instanz hielt daran fest, dass mit der damaligen Berichterstattung in Ringier-Organen ein rechtswidriger Eingriff in die Privatsphäre von Spiess-Hegglin stattgefunden habe. Unabhängig davon, was sich genau abgespielt haben möge, auch unabhängig davon, dass es sich um zwei lokal prominente Politiker handle und auch unabhängig davon, dass sich das Techtelmechtel teilweise in aller Öffentlichkeit abgespielt habe: die Berichterstattung war unzulässig.

In diesem Punkt hat also Spiess-Hegglin weiterhin Recht bekommen. Allerdings: Ihre Forderung nach einer Entschuldigung wiesen beide Instanzen zurück; es sei nicht Aufgabe eines Gerichts, eine solche einzufordern.

Schmerzlicher dürften die Entscheidungen finanzieller Natur für Spiess-Hegglin und ihre Anwältin Rena Zulauf sein. Schon die erste Instanz hatte die Genugtuungssumme gekürzt; die Gerichtskosten hingegen vollständig dem beklagten Verlag auferlegt.

Bei den Zahlungen wurde gestrichen

Da arbeitete die zweite Instanz nochmal nach; sie kürzte die Genugtuung noch einmal und legte der Klägerin auch einen Teil der Gerichtskosten auf.

Laut dem Urteil der ersten Instanz hätte Ringier, neben den eigenen Prozesskosten, insgesamt rund 53’000 Franken zahlen müssen. Davon eine reduzierte Genugtuung von Fr. 20’000 und Fr. 21’000 für den gegnerischen Anwalt.

Das Obergericht kürzte die Genugtuungs-Summe nochmals massiv, ebenso die Zahlung an die gegnerische Anwältin, sodass Ringier nun nach zwei Instanzen nur noch rund 47’000 Franken zahlen muss.

Die gegnerische Anwältin erhält vom Gericht nun insgesamt Fr. 21’000 zugesprochen, also für die Arbeit für beide Prozesse. Obwohl sich Zulauf schon früher geweigert hat, auf Anfrage die Höhe ihrer Honorarnoten bekannt zu geben, muss man angesichts des Aufwands wohl mit einem Gesamtbetrag von bis zu 200’000 Franken rechnen.

Wer soll das bezahlen?

Damit erhebt sich natürlich die Frage, wer oder was die Differenz zwischen der vom Gericht festgelegten Entschädigung und der gesamten Honorarnote bezahlt.

Das Gericht hat zudem nicht darüber entschieden, ob die Darstellung des Skandals in den Ringier-Medien korrekt oder falsch war. Sondern die zweite Instanz hat lediglich bestätigt, dass es sich dabei um einen nicht erlaubten Eingriff in die Intimsphäre der Klägerin gehandelt habe. Aber von fünf eingeklagten Forderungen wurden nur zwei, die finanziellen auch nur zum Teil, anerkannt.

Das ändert natürlich nichts daran, dass der «Blick» sozusagen im wichtigsten Punkt verloren hat. Spiess-Hegglin hat sich weitere Schadenersatzforderungen und Prozesse ausdrücklich vorbehalten und auch schon eine Crowdfunding-Aktion durchgeführt, um die dafür nötigen finanziellen Mittel einzusammeln.

Damit wird das Geschehen einer Nacht zu einer ewigen Affäre. Ob damit irgend jemandem gedient ist, sei dahingestellt.

Verein Netzcourage: Der Blickbuster von 2020

Der Verein Netzcourage von Jolanda Spiess-Hegglin wird vom Bund und Kanton finanziell unterstützt. Zahlen  will der Verein nicht offenlegen.

Im Oktober 2016 gründete Jolanda Spiess-Hegglin den Verein «Netzcourage». Der Verein kämpft für «Anstand und einen menschenwürdigen gegenseitigen Umgang», wie es auf seiner Homepage steht, und geht juristisch gegen Personen vor, die sich öffentlich abfällig über Spiess-Hegglin oder andere Menschen äussern.

Jolanda Spiess-Hegglin wird in der Schweizer Medienwelt angefasst wie eine heisse Kartoffel. Das hat natürlich mit der «Zuger Sexaffäre», aber vor allem mit der Nachgeschichte, zu tun. Bekanntheit verdankt sie der Berichterstattung über einen Vorfall, den sie zunächst als Sexualdelikt eines SVP-Parlamentskollegen darstellte. Kaum war die Sache aber zu dessen Gunsten erledigt, wechselte sie den Täter aus: Fortan galt sie als «Blick»-Opfer.

Zuerst wurde die Frau von den Medien kritisch beäugt. Dann aber geschah etwas sehr Schweizerisches. Spiess-Hegglin trat als Medien-Opfer auf und wehrte sich gegen die Berichterstattungen, vor allem des «Blicks» und der «Weltwoche». Heute schreibt sie im bajour.ch, Das SRF widmete ihr sogar einen «Medienclub».

Im September 2019 erschien in der Frauenzeitschrift «Brigitte» ein Porträt über Spiess-Hegglin. Ihre Finanzlage wurden kurz angesprochen. Mit ihrer Tätigkeit als Geschäftsleiterin des Vereins verdiene sie kaum Geld, «ihre Familie kommt mit dem Gehalt ihres Mannes gerade so über die Runden.» Der Verein finanziere sich «fast nur» über Spenden.

20’000 Franken vom Kanton Basel-Stadt

Ob das stimmt, ist eine ungeklärte Frage. Auf mehrmalige Nachfrage wollte weder Spiess-Hegglin noch die Präsidentin Irina Studhalter den Geschäfts- oder Jahresbericht herausrücken. Ein Insider sagte, dass der Verein nur schon von Stiftungen und Organisationen 50’000 Franken pro Jahr erhalte. Recherchen von ZACKBUM.ch zeigen, dass der Betrag wohl stimmt: Von der Fachstelle Diversität und Integration des Kantons Basel-Stadt erhielt der Verein im letzten Jahr 10’000 Franken. 2020 wurde der Betrag auf 20’000 Franken verdoppelt.  Von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Bundes gab es 12’000 Franken, vom Kanton Zug 9000 Franken und auch die Ernst-Göhner-Stiftung schüttete einmal Geld aus, weigert sich aber, Details zu nennen. Gemäss einer Quelle handelt es sich um 5000 Franken. Unbekannt ist, wie viel die anderen Vereine und Organisationen spendeten.

Unklar ist auch, wie viele Mitglieder der Verein zählt. In einem SRF-Interview von Ende Dezember 2019 nannte Spiess-Hegglin die Zahl 500. Wenn diese Angabe korrekt und aktuell ist, fliessen nochmals etwa 50’000 Franken in den Verein, da «Normalverdiener» aufgefordert werden, 100 Franken im Jahr zu zahlen. Das macht zusammen 100’000 Franken. Gemäss Vereinsstatuten von Netzcourage kriegt Jolanda Spiess-Hegglin einen «branchenüblichen» Lohn, wenn Kapital vorhanden. Dass das vorhanden ist, davon darf man ausgehen.

Wanners Wunschkonzert

Der Verleger von CH Media kritisiert geplante Medienförderung.

Peter Wanner hat das Wort ergriffen – und eine ganze Weile nicht losgelassen. Auf einer Zeitungsseite gibt er seine Meinung zur geplanten staatlichen Medienförderung bekannt. Er konstatiert eine Reihe von «Ungereimtheiten».

Insbesondere stört sich Wanner an der geplanten Unterstützung digitaler Medien. Der Entwurf wirke «überhastet und nicht zu Ende gedacht», beschwert sich Wanner. Denn es ist vorgesehen, nur digitale Bezahlmedien zu fördern. Damit werden «Reichweitenmedien» wie «20Minuten», «Blick», «Watson» und «Nau» aussen vor gelassen.

Eigenleistung und Service public

«Grossverlage wenden mehr auf und setzen auf eigen Journalisten», schreibt Wanner, damit würde auch CH Media einen «wichtigen Service public» erbringen. Das müsse auch bei der Unterstützung im Online-Bereich berücksichtigt werden. Es gebe zudem zwei «pure Onlineplayer», die es aus eigener Kraft geschafft hätten: «die «Republik» und «Watson», «zwei der aufsehenerregendsten Neugründungen im digitalen Bereich in den letzten Jahren».

Mit Verlaub: Die «Republik» muss alle Jahre wieder ihre Leserschaft um Millionen anbetteln, um sich ihren Wasserkopf und ihr Randgruppenprogramm leisten zu können. Und auf die Zukunft von «Watson» setzt das Joint Venture von AZ Medien und NZZ so sehr, dass dieses aufsehenerregende Millionengrab aus dieser Kooperation herausgehalten wurde.

Wer soll das bezahlen?

Was genau an der «Republik» oder an «Watson» Service public wäre, müsste dann erst noch begründet werden, bevor man Anspruch auf staatliche Unterstützung erhebt. Dass Wanner zudem bei seiner Aufzählung von Neugründungen «Die Ostschweiz» unerwähnt lässt, kann man wohl nur so erklären, dass die inzwischen dem «Tagblatt» von St. Gallen kräftig Konkurrenz macht.

Aber neben der Frage, wie Nachrichtenlieferanten zukünftig rentabel bleiben können, wie und mit welchen Mitteln ihnen mit Steuergeldern unter die Arme gegriffen werden soll, gibt es noch ein viel wichtigeres Thema: die Qualität des Gebotenen.

Der Fisch stinkt vom Kopf

Wanner ist stolz darauf, dass CH Media «rund 300 Lokaljournalisten» beschäftige. Bei dieser Anzahl fragt man sich natürlich, wieso die Beschwerden aus der Leserschaft, dass früher eigenständige Zeitungen einerseits mit Einheitssauce aus der Zentralredaktion in Aarau abgefüllt werden, andererseits die Lokalberichterstattung immer mehr vernachlässigen, immer lauter werden.

Aber Wagners grösstes Problem sind seine führenden Schreibkräfte. Seine Allzweckkolumnistin Simone Meier belästigt die Leser mit Unverständlichem und erlaubt sich die unglaubliche Geschmacklosigkeit, die Ermordung von 6 Millionen Juden durch Nazideutschland so zu beschreiben, dass sie halt «gecancelt» wurden.

Und sein publizistischer Leiter Pascal Hollenstein, bezeichnet Lokalausgaben als «alte Milchkühe» und Printausgaben als «Abfallprodukt», die man noch solange melken solle, bis die letzten Abonnenten der Printausgaben ausgestorben seien.

Publikumsbeschimpfung und Parteinahme

Diejenigen, die mit ihren Abonnenten auch das Gehalt von Hollenstein finanzieren, übel zu beschimpfen, ist sicher nicht die Vorbildfunktion, die ein publizistischer Leiter ausüben sollte. Sich zudem zum Sprachrohr einer Partei in einem langwierigen Rechtsstreit zu machen, noch viel weniger.

Nur Hollenstein kann das noch steigern; allerdings nach unten. Um seiner Funktion als Büttel einer Partei nachzukommen, hält er sich nicht einmal an eine gerichtlich angeordnete Sperrfrist. Damit will die Justiz vermeiden, dass einseitig und blitzschnell über Urteile berichtet wird. Durch das Ansetzen einer Sperrfrist und die allgemeine Veröffentlichung des Urteils zu diesem Zeitpunkt wird sichergestellt, dass alle Medien gleich lange Spiesse haben.

Primitivster Anstand fehlt

Dass man sich, auch wenn man als Partei natürlich schon vorher das Urteil kennt, daran hält, das verlangt der primitivste Anstand. Selbst die Boulevardzeitung «Blick», Partei in diesem Rechtsstreit, hält sich selbstverständlich daran. Die andere Partei, und ihr Megaphon Hollenstein, haben sich nicht daran gehalten. Sie wollten die Oberhoheit über die öffentliche Meinung mit einer Vorabmeldung erobern.

Wenn das ein übereifriger Jungjournalist machte – und nicht schon von seinem direkten Vorgesetzten zur Räson gerufen würde –, dann wäre das schon sehr peinlich. Wie soll man es bezeichnen, wenn das der publizistische Leiter des Medienkonzerns CH Media macht?

Anders gefragt: Wie kann Verleger Wanner ernsthaft auf die Qualität seiner Produkte hinweisen – bei diesem Personal?

Büttel Hollenstein bricht Sperrfrist

Ein «Leiter Publizistik» als Sprachrohr für eine verfolgende Unschuld.

Der Fall Jolanda Spiess-Hegglin ist im wahrsten Sinne des Wortes altbekannt. Aus einem Techtelmechtel in Zug entwickelte sich eine Story ohne Ende.

Immer wieder nahm der «Leiter Publizistik» von CH Media in Kommentaren Partei für Spiess-Hegglin, die sich vor allem durch die Ringier-Medien und durch die «Weltwoche» in ihrer Privatsphäre verletzt sieht.

Neben anderen Folgewirkungen führte das zu gerichtlichen Auseinandersetzungen mit verschiedenen Medienorganen, unter anderem der «Blick». In erster Instanz wurde in Zug festgehalten, dass die Boulevardzeitung mit der Frage, ob Spiess-Hegglin während einer feuchtfröhlichen Feier geschändet worden sei, in schwerwiegender Weise in deren Intimsphäre eingegriffen habe.

Urteil mit Sperrfrist

Beide Seiten zogen das Urteil ans Obergericht weiter. Das fällte letzte Woche sein Urteil. Die Urteilsverkündung wurde den Parteien mitgeteilt, aber mit einer Sperrfrist bis Montagmorgen, 9.00 Uhr belegt.

Das sollte dazu dienen, dass beide Beteiligten und natürlich auch die Medien sozusagen gleichlange Spiesse bei der Berichterstattung und Interpretation des Urteils haben, das ab diesem Zeitpunkt öffentlich vorliegt.

Aber wenn man schon Büttel in Sachen Spiess-Hegglin ist, und als «publizistischer Leiter» auch keine Reputation mehr zu verlieren hat, kümmert man sich um solche Anordnungen natürlich einen feuchten Kehricht.

Denn nur so konnte Pascal Hollenstein bereits am Sonntag trompeten: «Jolanda Spiess-Hegglin gewinnt gegen den «Blick»».

Wie tief kann man als publizistisches Vorbild sinken?

Abgesehen davon, dass das so nicht stimmt: Wie tief kann ein angebliches publizistisches Aushängeschild eines grossen Schweizer Medienkonzerns eigentlich sinken? Solche Sperrfristen, das weiss im anständigen Journalismus jeder, sind zu respektieren. Natürlich fände es jeder toll, wenn er sie bricht und daher eine News als Erster hätte. Aber das tut man nicht.

Ausser, man heisst Pascal Hollenstein. Dann stellt man einen Jubelartikel zuerst ins Netz, zitiert auch bereits Spiess-Hegglin, die natürlich ihrem Pressesprecher gegenüber sofort ein Statement abgibt, und dann zerrt man den Artikel wieder aus dem Netz heraus. Offenbar gibt es bei CH Media doch noch Instanzen, die wissen, was journalistische Benimmregeln sind.

Angekündigt, dann gelöscht – aber nicht überall

Allerdings: Wenn man so ungeschickt-triumphal wie Hollenstein ist, dann vergisst man natürlich, den Artikel auch aus der Mediendatenbank SMD zu löschen.

Man fragt sich schon, wie lange dieser Herr in dieser Funktion noch tragbar ist. Sein Verleger Peter Wanner füllte gerade am Samstag eine ganze Seite mit einem Kommentar, in dem er die wichtige Funktion seiner Qualitätsmedien als Service public betonte.

Was dieses Verhalten seines publizistischen Leiters mit Qualität oder Service public zu tun hat, ist schleierhaft. Wir werden hier selbstverständlich auf das Urteil des Zuger Obergerichts und die Hintergründe dazu eingehen. Morgen ab 9 Uhr, wie das der Anstand gebietet.

Constantins neue Kolumne

Die ADHS-Kolumne, Folge 11 – wie übersteht man die Deadline?

«Schatz, woran denkst du?» Wir lagen im Bett, sie unter mir. Meine Gedanken kreisten um das Swissair-Grounding. Morgen um zehn Uhr musste ich den Text abliefern. 8000 Zeichen. Den Lead und einen möglichen Titel hatte ich schon.

Es war eine verrückte Zeit, damals beim Tagi. Peter Hartmeier, Chefredaktor, lotste mich von der Woz ins neue Recherche-Team. Warum ich ging? Ich verdiente mit einem Schlag 6000 Franken mehr.

We just saw it from a different point of view,

Tangled up in blue (Bob Dylan, Tangled Up in the Blue)

 

Die neuen Kollegen behandelten mich wie Rasputin. Koni Geier sagte mir Jahre später: «Am liebsten hätten wir dich vom fünften Stock runtergestossen. » Mein Glück: Ich arbeitete im dritten. Nein, eigentlich arbeitete ich im Café Royal, in der Nähe des Hardturms.

Ich vertiefte mich in die Liquidationsscheisse der ehemaligen Staatsairline. Ein Onkel war in den 1980er Jahren Swissair-Pilot, ein anderer war Stewart. Oder, wie auf allen Familienfesten einander zugeraunt wurde: «Achtung, Schwuchtair im Anflug.»

Hartmeier wollte jede Woche einen Text in der Samstag-Ausgabe. Bis Mittwoch rührte ich in der Regel keinen Finger. Soff mich ins Halbkomma, fickte meine damalige Freundin. Donnerstagmorgen erstes Kribbeln, gegen Nachmittag Herumfluchen.

But all I know is that she left you,

And you swear that you just don’t know why,(Janis Joplin, Cry Baby)

 

Damals lernte ich die wichtigste Lektion im Journalismus: Beginne in der Mitte. Die ersten fünf Abschnitte liess ich leer, dann setzte ich an. Mein dritter Text schlug ein wie Bombe. Ein Bekannter eines Bekannten einer Freundin steckte mir zu, dass die Swissair ab den 1990er-Jahren – also während der Hunter-Strategie – ein Konto in Übersee äufnete. Ich recherchierte eine Nacht durch, bescherte Tamedia Telefonkosten in dreistelliger Höhe, und lieferte am nächsten Tag die Story ab.

14. Februar, 2002. Montag, um 10 Uhr. Blattkritik im «Foyer blanche». Hartmeier, sekundiert von René Dachs, damals Wirtschaftschef, blaffte mich an: „Scheisse, Constantin, scheisse! Woher hast du diesen Müll? » Ich cool: «Von einem Bekannten eines Bekannten einer Freundin. » Weil die Swissair eh keinen Rechtvertreter mehr hatte, flutschte alles durch, ohne Folgen.

 

I don’t think you understand

What I’m trying to say

I’ll be your operator baby

I’m in control (Depeche Mode, Times)

 

Jahre später erklärte mir der Hausarzt, was bei ADHS-Journalisten falsch läuft: Die Neurodermitis der Botenstoffe färben ab einer Zeit die Gehirnsynapsen . Was bei anderen Stress bedeutet, läuft bei mir unter Erektion, also Unterversorgung des Kleinhirns. Darum kann ich die Nacht an einem einzigen Thema mich verbeissen, während andere schon früher schlappmachen.

 

Hätte ich diese Erkenntnis doch schon früher gehabt!

Betrüger Bannon

Wie Köppels Liebling in die Bredouille geriet.

Man kann US-Präsident Donald Trump viel vorwerfen, aber nicht, dass er ein Ideologe ist. Wahrscheinlich weiss er nicht mal, was das ist. Am Anfang seiner Präsidentschaft war dafür Steve Bannon zuständig.

Bannon hatte nach einer Karriere als Investmentbanker die vormals unbekannte Webseite «Breitbart News Network» mit Hilfe des Milliardärs Robert Mercer zum Sprachrohr der Rechtskonservativen in den USA gemacht. Als der Gründer Andrew Breitbart 2012 überraschend starb, übernahm Bannon die Leitung.

Er hatte auch seine Finger drin bei Cambridge Analytica, die später in einen Skandal um die Verwendung von Daten bei der Präsidentschaftskampagne Trumps verwickelt war. Bannon hatte als Wahlkampfleiter und später als Chefstratege im Weissen Haus bedeutenden Einfluss auf die ersten Monate der Präsidentschaft von Trump.

Er beförderte sich selbst in den Nationalen Sicherheitsrat der USA, wo die ganz geheimen Dinge verhandelt werden. Aber nach nur einem Jahr wurde er von Trumps Schwiegersohn aus dem Machtzentrum hinausbugsiert und kehrte zu Breitbart zurück. Schon bei seinem Ausscheiden wurde bekannt, dass er trotz grossen Einnahmen über 2 Millionen Dollar Schulden hatte.

Von ganz oben nach ganz unten

Im Januar 2018 endete auch seine Karriere bei Breitbart, nachdem er dem Enthüllungsjournalisten Michael Wolff Munition für dessen Buch «Fire and Fury» über die Chaostage im Weissen Haus geliefert hatte.

Anschliessend begab sich Bannon nach Europa, wo er von Roger Köppel zu einem denkwürdigen Auftritt in Zürich eingeladen wurde. Um grosse Worte nie verlegen, kündigte Bannon an, die nationalistischen Bewegungen in Europa vereinen zu wollen und bei der nächsten Europawahl ein Drittel der Abgeordneten zu stellen. Als wichtigste Gegnerin machte er Angela Merkel aus, die er als «komplette Schwindlerin« beschimpfte.

Am Donnerstagmorgen um 7.15 Uhr klickten aber die Handschellen um seine Gelenke; Steve Bannon wurde auf der 50-Meter-Yacht eines mit ihm befreundeten, flüchtigen chinesischen Milliardärs verhaftet und nach New York gebracht. Anklage wegen Verschwörung zu Betrug und Geldwäscherei.

Nun auch noch Anklage wegen Betrug und Geldwäscherei

Gegen eine Kaution in der Höhe von 5 Millionen Dollar wurde er am Nachmittag wieder auf freien Fuss gesetzt. Die Anklageschrift gegen ihn und seine Mitverschwörer liest sich wie ein drittklassiges Drehbuch für einen Hollywood-Thriller.

Der schwer verwundete und behinderte Army-Veteran Brian Kolfage hatte auf einer Crowdfunding-Plattform zu Spenden aufgerufen für eine Non-Profit-Organisation namens «We The People Build the Wall». Sie sollte Präsident Trump dabei unterstützen, die von ihm versprochene Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen.

Nachdem bereits 17 Millionen Dollar zusammengekommen waren, kamen der Crowdfunding-Organisation 2018 Zweifel an deren ordnungsgemässer Verwendung; sie drohte damit, das Geld den Spendern zurückzuzahlen.

Rettungsaktion für viel Geld

Da rief Kolfage Bannon und den Financier Andrew Badolato zu Hilfe. Die gründeten flugs die neue Organisation «We Build the Wall», organisierten den Transfer der 17 Millionen dorthin und sammelten bei Hunderttausenden von Kleinspendern weitere 8 Millionen ein.

Dabei versicherten alle Beteiligten, dass weder Kolfage noch sonst jemand auch nur «einen Penny» der Spenden für sich verwenden würde, «100 Prozent» der Einnahmen gingen direkt an die Errichtung von Teilen der Mauer.

Wie die Strafermittlungsbehörden aufgrund beschlagnahmter E-Mails und Textnachrichten beweisen wollen, wurden aber insgeheim über eine Non-Profit-Organisation Bannons und eine Briefkastenfirma schon mal «100 k upfront» und «20 monthly» an Kolfage überwiesen. Also 100’000 Vorkasse und 20’000 monatlich. Um es zusätzlich zu verschleiern, erfolgten diese Zahlungen an seine Frau.

Insgesamt kassierte Kolfage so von Januar bis Oktober 2019 laut Anklageschrift 350’000 Dollar. Ein Klacks gegen Bannon selbst; der räumte eine runde Million ab. Die brauchte er laut der Anklage für die Begleichung von Kreditkartenschulden und seinen aufwendigen Lebenswandel.

Hektische Vertuschungsmanöver

Im Oktober 2019 erfuhren die Betrüger, dass gegen sie eine Strafuntersuchung laufe. Hektisch versuchten sie daraufhin, alle Spuren zu verwischen und stellten auch die Zahlungen an Kolfage ein.

Aber heutzutage hinterlässt jeder digitale Spuren. Das ist der Fluch des Internets; nichts ist jemals ganz weg. Schon nach dem Bekanntwerden seiner Beteiligung am Enthüllungsbuch von Wolff twitterte Trump, dass Bannon nicht nur seinen Job verloren habe, sondern auch «seinen Verstand». Da scheint Trump für einmal richtig zu liegen.

Typisches Grossmaul

Bannon ist ein typischer US-Angeber, der mit starken Worten, Kurzaussagen, den berüchtigten One-Liner, immer wieder ein Publikum einseifen kann, das auf solchen Quatsch steht. «Finsternis ist gut. Dick Cheney. Darth Vader. Satan. Das ist Macht.» Solches Gebrabbel verquickte Bannon mit einer kruden Ideologie, indem er provokative Anleihen von überall her nimmt: «Lenin wollte den Staat zerstören, und das ist auch mein Ziel. Ich will alles zum Einsturz bringen.»

Aber, Künstlerpech, nachdem Bannon alle seine Positionen verloren hatte, nichts Neues auf die Beine stellen konnte, ist er nun als billiger Betrüger angeklagt, der Spendengelder veruntreut. Auch eine Karriere, aber nach unten. Natürlich gilt auch für ihn die Unschuldsvermutung.

Die Promi-Macher

Wir basteln uns einen Promi.

Geschieht etwas Schlimmes, ist es eine Story. Ist ein Prominenter darin verwickelt, ist es eine viel bessere Story. Deshalb gilt: Hast du keinen Promi, machst du aus einem der Beteiligten einen.

Der aktuelle Fall ist tragisch: Zwei Jugendliche werden in einem Haus in Zollikerberg tot aufgefunden. Details sind noch nicht bekannt, es dürften illegale Substanzen im Spiel gewesen sein. In der kleinräumigen Schweiz reicht diese Ausgangslage bestens für fette Schlagzeilen.

Bekannt ist relativ

Aber es kam noch dicker: Einer der Toten sei der Sohn eines bekannten Rappers, wussten 20min.ch, «Blick» und auch der «Tages-Anzeiger».  Das war, bevor es opportun schien, mit dem Namen zu hantieren. Als man das dann ruhigen Gewissens durfte, waren die meisten Leser vermutlich ein wenig ernüchtert. Denn sie hatten nach einem Namen gelechzt, den sie regelmässig hören, wenn sie das Radio einschalten. Leider nein. «ZH Beats» ist der Künstlername des Rappers, den man angeblich kennen muss. Jetzt tut es fast jeder, aber vor der Tragödie? Dass der Musiker in der regionalen «Szene» einen Namen hat, will niemand bestreiten. Aber wenn Medien den Begriff «bekannt» verwenden, geht man davon aus, dass die Allgemeinheit auch weiss, von wem die Rede ist. Und das, bei aller Liebe, ist hier kaum der Fall.

Ein besonders schonungsloses Beispiel der Disziplin «wir basteln uns einen Promi» liegt fast 30 Jahre zurück. Kurz vor Weihnachten 1992 verschwand der Chefkassier der Raiffeisenbank Münchwilen (TG) mit einer Million im Gepäck Richtung Phuket. Der «Blick» nannte den vollen Namen des Mannes und bezeichnete ihn als «Fussballstar». Das war am Kioskaushang ein ziemlicher Hingucker.

Star mit Nebenjob

Bei näherer Betrachtung war es aber eine ziemlich spontane Beförderung. Denn R.H. kickte vor seinem Verschwinden beim FC Wil. Der war zwar damals unter Trainer Christian Gross in einer Aufwärtsspirale, gehörte aber zu jenem Zeitpunkt der Nationalliga B (heute Challenge League) an. Jede Wette, dass kaum jemand auch nur drei Spieler der zweithöchsten Spielklasse aufzählen kann. Und warum ein «Fussballstar» es nötig haben soll, hauptberuflich an einem Bankschalter zu stehen, bleibt ebenfalls ein Geheimnis der Redaktion.

Aber den Mechanismus muss man sich merken: Wer nebenbei etwas kickt, vor dem verdienten Wochenende eine Million aus der Kasse nimmt und ins Flugzeug steigt, der wird zum Star. Auf der Überholspur.

 

Von Stefan Millius. Er ist Chefredaktor bei «Die Ostschweiz».

 

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert regelmässig auf «Die Ostschweiz».

Der Abschreiber

Was macht Andreas Tobler, Kulturredaktor ohne Kultur?

Tamedia hungert ihr Kulturressort aus. Kostet bloss, bringt nichts, geht bald mal auch ohne. Die «Weltwoche» baut derweil ihren Kulturteil aus und holt sich dafür den ehemaligen Chefredaktor des ehemals angesehenen NZZ-Folios.

Das ist natürlich für Andreas Tobler keine Erwähnung wert. Aus zwei Gründen: er will’s nicht loben, das käme bei Tamedia sicher nicht gut. Er will’s auch nicht kritisieren, denn wer weiss, ob er auch die nächste Sparrunde überlebt – und eine neue Stelle bräuchte.

Allerdings, obwohl er die nötige Flexibilität mitbringt, die heutzutage ein Redaktor auf dem Schleudersitz Kultur braucht: völlige Rückgratlosigkeit findet niemand wirklich toll.

Ohne Rückgrat, aber mit Feigheit

Besonders, wenn sie mit Feigheit gepaart ist. Vor Kurzem haben wir hier mal kurz den roten Faden beschrieben, der sich durch das Werk von Tobler zieht. Er beisst zu, aber er ist ein Angstbeisser. Wird er zum Dialog eingeladen, kneift er.

Wird er vorgeführt, und es gibt leider kein Gegenargument, keift er. «Kann bitte mal jemand nachschauen, ob es dem Mann gut geht», jammert er seiner Filterblase auf Twitter vor. Verzweifelt versucht er, eine Diskussion in Gang zu bringen, aber auf mehr als fünf Tweets bringt er es nicht. Wobei zwei weitere von ihm selbst sind.

Das ist nun ziemlich erbärmlich. Lässt sich das noch steigern? Aber sicher; er bekommt die persönliche Vorlage, vielleicht doch argumentativ etwas abzuliefern. Aber, alte Gewohnheit bei ihm, er kneift.

Abschreiben geht über studieren

Was macht Tobler eigentlich sonst so, um zu begründen, dass sein Gehalt nicht schlichtweg rausgeschmissenes Geld ist? Nun, er schreibt ab. Denn abschreiben ist immer einfacher als selber recherchieren. So wie ankläffen und dann den Schwanz einziehen einfacher ist, als sich einer Debatte zu stellen.

Also schreibt er die WOZ ab. Es geht um die Sammlung Bührle, die im Neubau des Kunsthauses Zürich zu sehen sein wird. Ein Thema mit Sprengkraft, denn Emil Bührle war bekanntlich Waffenhändler und verkaufte seine Produkte natürlich auch an Nazi-Deutschland.

Das ist nun alles seit Jahrzehnten bekannt und durchgeackert. Aber der Zürcher Stadtrat wollte mal wieder ein Zeichen setzen und bewilligte 180’000 Franken dafür, dass die Geschichte dieser Kunstsammlung nochmals aufgearbeitet werde.

Der Meister der Nacherzählung

Da hat die WOZ ein paar Eingriffe festgestellt, obwohl der Stadtrat versprochen hatte, dass es keine Einflussversuche geben werde. Die Veränderungen sind, mit Verlaub, nur mit viel Fantasie zu einem Skandal hochzuschreiben. Aber immerhin, Chapeau, die WOZ hat das recherchiert und alle Beteiligten um Stellungnahme gebeten.

Nun könnte Tobler einfach schreiben «lest die Story in der nächsten Ausgabe der WOZ». Das reicht aber nicht für 4700 Anschläge, also erzählt er die Story nach. Mehr Kunst kann man von einem Kunstredaktor ohne Kunst nicht erwarten.

Kann Tobler sonst noch etwas, ausser abschreiben, hinter vorgehaltener Hand keifen und jedem offenen Schlagabtausch aus dem Weg gehen? Oh ja. «Instagram löscht SVP-Video», verbellt er.

Hat er wenigstens hier selber eine Story ausgegraben? Leider nein, diesmal schreibt er «watson» ab. Und reichert seine Nacherzählung noch mit dem billigsten Zusatzstoff des modernen Magerjournalismus an: «Ein Experte gibt Antwort.» Worauf? Auf das Offensichtliche: Dass eine gesteuerte Denunzierkampagne Instagram dazu bewegte, das SVP-Video zu löschen. Das aber auf Facebook oder anderen Kanälen bei Instagram weiterhin zu sehen ist.

Also eigentlich eine Story, von der man früher, als es nicht um die Restenverwertung von jedem Furz ging, als zu Tode recherchiert abgehakt hätte. Heutzutage ist das aber dem Katzenvideo-Kanal «watson» eine Meldung wert. Und dem Tagi-Redaktor Tobler eine Abschrift.

Missglückte Retourkutsche

Wie versuchte er, eine Retourkutsche auf unsere Kritik zu landen? «Wenn er Texte schreibt, können wir wenigstens davon ausgehen, dass seine Vitalfunktionen intakt sind», holperte er auf Twitter. Leider können wir dieses Kompliment nicht zurückgeben. Aber vielleicht ist Tobler auch entschuldigt. Seit 2015 versucht er, an der Uni Bern zu promovieren. Als Dr. phil. I kann ich nur sagen: üben. Noch viel üben. Noch ganz viel üben.

Denn der Anspruch ist da: «Damit soll die geplante Dissertation einen Beitrag zur Ästhetik und Geschichte des Gegenwartstheaters leisten.» Wir können es wirklich kaum erwarten, welcher Plagiatsskandal sich da entwickeln wird.

«Anliegen werden heruntergespielt»

Warum Dambah Fofanah wegen seiner Hautfarbe oft seine Schweizer Herkunft abgesprochen wird.

Rassismus, Hautfarbe, Herkunft. Oft beschreiben Leute das Thema, die das Ganze nur vom Hörensagen kennen. ZACKBUM.ch hat bei Dembah Fofanah nachgefragt, dem Mitbegründer des Kollektivs VODA. Ein Fazit des 28-Jährigen: «Redaktionen sollten dem Abbild der Gesellschaft entsprechen.»

Dembah Fofanah, was könnten Journalisten besser machen?

Ich denke der Job des Journalisten bzw. der Journalistin hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. So müssen die wichtigen Informationen für einen Artikel oftmals aus einer schier unendlichen Menge von Daten gefiltert werden. Weil die Zeit leider häufig fehlt, werden manchmal Informationen beigezogen, die möglichweise nicht die Tiefe einer Gegebenheit oder eines Sachverhalts korrekt wiedergeben.

Also entstehen Fehler?

Zumindest Missverständnisse oder Trugschlüsse. Besonders bei emotional geladenen Themen wie Rassismus kann es vorkommen, dass so rasch Missverständnisse entstehen oder gewisse Perspektiven leider völlig ausser Acht gelassen werden, was für jene, die bereits von Ausgrenzung und Benachteiligung betroffen sind, sehr verletzend sein kann. Dadurch werden ihre Anliegen heruntergespielt, was wiederum folgenschwere Konsequenzen für ihren Alltag bedeuten können.

Sie sprechen von «folgenschweren Konsequenzen für den Alltag». Welche zum Beispiel?

Unser Anliegen ist es, dass niemand diskriminiert wird – wie das die Schweizer Bundesverfassung ja auch so vorschreibt. In unserer Arbeit legen wir den Fokus auf die «rassistische Diskriminierung». Das heisst, wenn eine Person beispielsweise aufgrund ihrer (zugeschriebenen) Herkunft oder der vermeintlichen «Rasse» eine Anders- bzw. Schlechterbehandlung erfährt.

Und noch konkreter?

Persönliche Erfahrungen sowie auch Studien belegen, dass dies zum Beisiel bei der Job- oder Wohnungssuche der Fall sein kann. Weiter berichten Betroffene von überproportional häufigen, anlasslosen Polizeikontrollen und falscher Verdächtigungen, die auf der Stigmatisierung ihres «andersartigen» Aussehens beruhen. Diese Praxis nennt sich „Racial Profiling“ und ist rechtswidrig.

Was würden Sie den Schweizer Medien für eine Note geben in Bezug auf Ihre Anliegen?

So generell, kann und möchte ich das nicht beurteilen oder bewerten. Als das Thema Rassismus aufgrund der weltweiten Proteste kürzlich medial eine grosse Aufmerksamkeit bekam, erhielten auch wir zahlreiche Medienanfragen und entsprechend wurde stellenweise über unsere Anliegen berichtet. Das freute uns natürlich.

Flaut das Thema denn schon wieder ab?

Was die Präsenz in den Medien betrifft, leider ja. Für Betroffene aber natürlich keineswegs. Es gehört ungewollt zu ihrem Alltag und ist ständiger Begleiter. Rassismus und andere Formen von Diskriminierung sollten deshalb immer und immer wieder thematisiert werden, solange sie bestimmte Leute in unserer Gesellschaft benachteiligen und nicht nur, wenn es gerade im «Trend» liegt.

Haben Print- und elektronische Medien unterschiedlich reagiert?

Die Menge der Anfragen an uns ist zu klein, um hier grundlegende Unterschiede zwischen den beiden auszumachen. Zudem erscheint vieles ja zuerst online und später dann noch im Print.

Also spielt der Zeitfaktor eine Rolle.

Grundsätzlich ist es so, dass es bei vielen der Anfragen immer sehr schnell gehen muss und der Artikel oder das Interview innert kürzester Zeit erscheinen sollte. Bei Print-Medien scheint dieser Zeitdruck tendenziell ein wenig geringer zu sein, so der Eindruck.

Was unternehmen Sie, dass Ihre Anliegen präsent bleiben in der Öffentlichkeit?

Das Kommunikationsinstrument unseres Kollektivs ist unser Online-Magazin. Zudem sind wir auf Social Media aktiv und veröffentlichen dort regelmässig Beiträge rund um das Thema Diskriminierung und Rassismus in der Schweiz. Unsere Zielgruppe ist eher jünger (18 bis 45 Jahre) und lässt sich daher im Internet sehr gut erreichen.

Diskriminierung und Rassismus kennt aber keine Altersgrenze nach oben, im Gegenteil.

Wir arbeiten daran, dass auch die ältere Generation von unseren Fällen vermehrt erfährt. Wir erhalten ausserdem viele Hinweise aus unserer Community, die uns auf rassistisch diskriminierende Sachverhalte aufmerksam machen oder diese gar selbst erlebt wurden. Wir benennen diese in unseren Artikeln, um dadurch eine Auseinandersetzung damit in unserer ganzen Gesellschaft – jung und alt – anzustossen.

Wie fest hat Ihre Herkunft wohl den Umgang der Journalisten mit Ihnen beeinflusst?

Meine Herkunft liegt in der Schweiz. Dass mir aber häufig eine andere Herkunft zugeschrieben wird bzw. mir die schweizerische abgesprochen und jene meines Vaters zugewiesen wird, bekomme ich aufgrund meiner Hautfarbe regelmässig zu spüren.

Warum ist das so?

Die Gründe dafür sind u.a. darauf zurückzuführen, dass leider in den internalisierten Denkmustern vieler Leute Schwarze Menschen keine Schweizerinnen und Schweizer sein oder als Mitglieder der Wohnbevölkerung auch nur schon als der Schweiz zugehörig betrachtet werden können. Ein solche Auffassung ist eine Folge davon, dass wir alle rassistisch sozialisiert wurden. Medienschaffende sind hier logischerweise auch miteingeschlossen.

Wie äussert sich das konkret?

Es ist beispielsweise wiederholt vorgekommen, dass ich Journalistinnen und Journalisten erklären musste, dass ich und andere Rassismusbetroffene ebenfalls Schweizerinnen und Schweizer sind und sie darum bat, entsprechenden Vermerk im Artikel zu korrigieren.

Kritisiert wird an der Journalistenzunft oft, dass sie sich in einer Blase bewegt. Wie könnten Medienschaffende repräsentativer für die multikulturelle Gesellschaft agieren?

Das eigene Umfeld hat einen prägenden Einfluss auf die subjektive Wahrnehmung der Welt. Hat man als Nicht-Betroffene*r beispielsweise keine Person im Freundeskreis, die selbst von Rassismus betroffen ist, einem genug nah steht und sich wohl fühlt, das Thema zu besprechen, kann es sein, dass man die Lebensrealität von Diskriminierungs- und Rassismusbetroffenen völlig falsch einschätzt oder wahrnimmt.

Nicht jeder hat aber jemanden im Freundeskreis, der/die von Rassismus betroffen ist.

Entsprechend ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema essenziell, denn es geht uns alle etwas an und wirkt entweder in der Form von Privilegien oder Belastungen, die uns unberechtigterweise in die Wiege gelegt wurden. Demzufolge sollten auch Medienschaffende sich mit der Thematik befassen und Redaktionen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeitenden dafür gut sensibilisiert sind.

Oft sind Redaktionen nicht repräsentativ für die Gesellschaft. Sprich, alle haben studiert, fast alle sind weiss.

Das stimmt wohl. Weil freie und glaubwürdige Medien zu den Grundsteinen einer Demokratie gehören, sollten wir darum bemüht sein, dass sie von einer Gruppe von Leuten geschaffen bzw. deren Inhalte bestimmt werden, die weitestgehend dem Abbild unserer Gesellschaft entspricht.