Wenn das Lokale geopfert wird

Über Printzeitungen als Abfallprodukt. Ein Leidensbericht ohne Larmoyanz.

Dies ist keine Anklage, sondern ein Ausdruck des Kummers. Kummer darüber, was geschieht, wenn Lokalzeitungen sich in den Windschatten eines grossen Medienkonzerns begeben und hoffen, der Atem möge länger reichen. Bis sie eines Tages merken, dass der Sog sie fortgetrieben hat von dem, was einst ihre Stärke war: Nähe zum Leser.

Als Redaktor der «Obwaldner Zeitung» habe ich am eigenen Leib erlebt, wie es sich im Windschatten eines Medienkonzerns fährt. Wie eine vormals kräftige und gesunde Lokalredaktion durch Fremdbestimmung und Sparmassnahmen zugrunde gerichtet wird. Es zerriss mir das Herz. So sehr, dass ich meine neuen Vorgesetzten – selbst gezeichnet von Überforderung und Ohnmacht – mit Kritik eindeckte, bis ihnen kaum mehr etwas anderes übrigblieb, als mich auf die Strasse zu stellen.

Früher brütete man über Recherchen

Was bleibt, ist Nostalgie. Die Erinnerung daran, wie es früher war. Wie Redaktoren mit messerscharfem Verstand und Leidenschaft über Recherchestücken brüteten. Wie die Artikel auf der Redaktion kritisch gegengelesen wurden, bis jeder Satz im Sattel sass. Wie Titel und Lead nochmals begutachtet wurden, auch wenn man bereits 10 Stunden im Büro verbracht hatte. Wie danach ein professionelles Korrektorat die letzten Falten ausbügelte und bei Unklarheiten am späten Abend hartnäckig nachfragte.

Publizierte Artikel ohne Nachprüfung

Heute? Die Redaktionsräume in Sarnen haben neue Mieter gefunden. Medienmitteilungen aus Obwalden werden ausserhalb des Kantons von Studenten und Praktikantinnen eiligst zu Artikeln zusammengeschustert und ins Netz gestellt. Nichts gegen junge Arbeitskräfte. Aber wenn sie einzig eingestellt werden, weil erfahrene Redaktoren zu teuer geworden sind, darf man sich nicht wundern, wenn niemand dafür zahlen mag. Das Korrektorat: 1000 Kilometer entfernt in Banja Luka. Die automatische Duden-Korrektur ist verlässlicher. Heute landen Artikel in der Zeitung und im Netz, deren Inhalt auch der Redaktionsleiter nicht genau versteht – wenn er sie überhaupt noch liest.

Die Zeitung ist zu einem Abfallprodukt geworden

Unlängst hiess es auf ZACKBUM.ch, der publizistische Leiter des Medienkonzerns bezeichne die Zeitung intern als «Abfallprodukt» und die Abonnenten als «Milchkühe», die noch solange gemolken werden, bis sie sterben. Oder selbst merken, dass Qualität und Preis in keinem Verhältnis mehr stehen. Ich darf solche Aussagen weder bestätigen noch dementieren. Dabei wäre es nur die Wahrheit: Die Zeitung ist zu einem Abfallprodukt geworden. Die Abonnenten haben dies allerdings längst bemerkt. Sie sind nicht dumm.

Kein Mensch abonniert eine Lokalzeitung – oder auch deren digitale Angebote –, weil er an internationaler und nationaler Berichterstattung interessiert ist. Wer die Obwaldner Zeitung abonniert, will über Obwalden lesen. Doch statt den Regionalteil zu stärken, wird er mit Sparmassnahmen erstickt, während den Abonnenten vorgegaukelt wird, dass dank «Umstrukturierungen» und der «Nutzung von Synergien» die Berichterstattung näher zum Leser rückt. Das Gegenteil ist der Fall.

Nicht Rettung, sondern Untergang

Darf man von einem Medienkonzern, der sich TV-Sender wie 3+ ins Portfolio holt und obendrein noch Champions-League-Rechte sichert, überhaupt erwarten, dass irgendwo ein Herzschlag übrigbleibt für die Abonnenten und Redaktoren einer Lokalzeitung? Natürlich nicht. Macht und Geld regieren hier die Medienwelt. Einen Vorwurf machen kann man höchstens jenen, die sich in den Windschatten des Medienkonzerns begaben und bis heute nicht einsehen wollen, dass er nicht Rettung bedeutet, sondern Untergang.

Kritisieren ist einfach. Kann denn Lokaljournalismus heute überhaupt noch eigenständig und rentabel bleiben? Ich glaube ja. Doch dafür bräuchte es Leidenschaft, Kreativität, Lesernähe, Bereitschaft und Mut, neue Wege zu gehen und bis zum Umfallen für eine Sache zu kämpfen, für die es sich zu kämpfen lohnt. Nur eines ist gewiss: Wenn die treusten Leser als alternde Milchkühe angesehen werden, ist das Spiel schon längst verloren.

 

Von Adrian Venetz, ehemals Chefreporter bei CH Media.

Die unbefleckte Schändung

Das wahre Opfer eines Medienskandals ist ein Mann.

Über Jahrhunderte zerbrachen sich viele Denker den Kopf über der Frage, wie eigentlich eine unbefleckte Empfängnis möglich sei. Unbefleckt von der Erbsünde, eine Jungfrauengeburt, die Jungfrau Maria gebar Jesus, empfangen durch den Heiligen Geist.

Nein, zu dieser kniffligen Frage gibt es nichts Neues beizutragen. Aber es dauerte rund 2000 Jahre, bis ein neues Wunder geschah: das Wunder der unbefleckten Schändung.

Zu Bethlehem gab es damals noch keine Zeitungen

Auch hier gibt es einige Unklarheiten. War es eine Vergewaltigung, eine Schändung, ein sexueller Missbrauch? Gab es Falschbeschuldigungen, wurde das eigentliche Ereignis durch die Medien perpetuiert? Glücklicherweise gab es ja zu Bethlehem noch keine Zeitungen, man stelle sich vor, was da alles herumgeboten worden wäre.

Im neuzeitlichen Fall ist es aber so, dass die, nun ja, dass das Opfer gerade wieder einmal betont hat, dass sie den als mutmasslichen Täter herumgebotenen Mann «ausdrücklich und zum wiederholten Male nicht» beschuldige. Das muss das Opfer einer unbefleckten Schändung auch sagen, denn es hat sich verpflichtet, «sich ab sofort in keiner Weise mehr so zu äussern, dass daraus bei Dritten irgendwelche Vermutung entstehen oder impliziert werden kann, dass sie je Opfer eines strafbaren Verhaltens, begangen durch P.K.*, geworden sein könnte».

Das eine Opfer war naiv

Mit diesem Vergleich entging das eine Opfer einer weiteren Verfolgung durch das andere Opfer in Sachen Ehrverletzung und so.

Nun haben es Märchen, mit Logik und Rationalität eigentlich nicht zu erklärende Vorkommnisse, so an sich, dass sie mit viel Gehirnschmalz und gewaltigen Anstrengungen mit einer ganzen Wolke von möglichen Erklärungen, Theorien, mit Rabulistik, Vermutungen und Strapazierung von Logik und Schlüssigkeit umhüllt werden.

So sagt Opfer P.K. bitter: «Vielleicht war es einfach naiv von mir, zu glauben, dass ein Ehrenwort etwas gelten sollte.» Denn es hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass das andere Opfer sich zwar an den Teil «begangen durch P.K.» hält. Das hindert es aber nicht daran, sich als Opfer «eines strafbaren Verhaltens» zu sehen. Wobei in diesem Zusammenhang mittelalterliche Sophisten, ja ein Thomas von Aquin vor Neid erblassen würden.

Ohne Täter auch kein Opfer

Denn die Formulierung, dass hier P.K. ausdrücklich nicht beschuldigt werde, ist ungefähr so sinnvoll wie der schöne Satz: «Ich sage ja ausdrücklich nicht, dass Sie ein Idiot sind.» Denn es hilft ja nichts; wo es ein Opfer gibt, muss es einen Täter geben. Wenn jemand sexuell missbraucht wurde, geschändet wurde, einen Übergriff erleiden musste, einen Verstoss gegen seine körperliche Integrität, dann ist etwas unabdingbar nötig: ein Täter.

Ohne Täter kein Opfer. Ohne Schänder keine Schändung. Ohne Vergewaltiger keine Vergewaltigung. Ohne Übergriffigen kein Übergriff. Ohne K.-o.-Tropfen keine Willenlosigkeit. Ohne Missbraucher kein Missbrauch. Ohne Filmriss kein Dunkel über Ereignissen.

War’s Zeus oder gar der Heilige Geist?

Wenn hier notwendig der Logik gehorchend «tertium non datur» gelten muss, also etwas Drittes gibt es nicht, dann kann, ausserhalb von Wunderglauben, unbefleckter Schändung und Zauberkräften nur ein Entweder-Oder gelten: Wenn P.K. ausdrücklich nicht beschuldigt wird, aber die Beschuldigung aufrechterhalten wird, dann muss es jemand anders gewesen sein. Nur: wer? Es gibt bekanntlich keine Anhaltspunkte, die auf einen bislang noch nicht entdeckten Täter hinweisen. Daraus folgt, wenigstens für Gläubige, nur eine mögliche Erklärung: Es war entweder der einschlägig bekannte Zeus – oder der Heilige Geist.

*Name der Redaktion bekannt.

Die Mär vom linken Tagi

Die politischen Ausrichtungen der Zürcher Platzhirsche «Tages-Anzeiger» und «NZZ» gleichen sich immer mehr an. Der Streit ums neue Hardturmstadion zeigt dies exemplarisch.

Die Fronten in der öffentlichen Wahrnehmung sind seit Jahrzenten klar. NZZ rechts, Tagi links. Dabei sind es oft Schlüsselerlebnisse, die zur persönlichen Meinungsbildung beitragen. Ältere Semester erinnern sich wohl an den Inserateboykott der Autoimporteure gegen den Tages-Anzeiger. Grund des Boykotts: Damals, Ende 1979, zeigte der Tages-Anzeiger recht unaufgeregt auf, welcher National- und Ständerat mit welchem Verband verbandelt ist. Seither ist der Tagi für viele Leser, oder besser gesagt, Nicht-Leser, links. Dem gegenüber ist die NZZ seit ewig für die Armee, wirtschaftsfreundlich und für die freie Fahrt. Während die Stossrichtung der NZZ in den letzten Jahren und unter Eric Guyer («Nach der Coronakrise braucht es weniger Staat», 17.4.2020) eher noch libertärer geworden ist, ist die Lage beim Tagi vordergründig undurchsichtig. Wobei: Ausnahmen bestätigen die Regel. Nimmt man Komiker Marco Rima als Massstab, ist der Tagi so unglaubwürdig – sprich links – geworden, dass er ihn abbestellt hat, im Gegensatz zur NZZ. So jedenfalls moserte Rima unwidersprochen bei Roger Schawinski im Doppelpunkt auf Radio 1.

Bedienung des bisher eher bürgerlichen Klientels

Spass beiseite: Wenn es nicht gerade um das Abschiessen des Geschäftsmanns Jean-Claude Bastos geht, ist der Tages-Anzeiger ganz schön bürgerlich geworden. Einerseits passiert das durch den regen einseitigen Austausch mit der «Süddeutschen», sprich, man übernimmt gerne welterklärende Texte aus München. Andererseits sieht man sich gezwungen, das bisher von eigenen Redaktionen bediente Klientel von Berner Zeitung, Basler Zeitung, Zürichsee Zeitung und Landbote durch politisch gemittete Texte der Zentralredaktion abzuholen. Dafür spricht eine aktuelle Untersuchung des Forschungszentrums fög der Uni Zürich. Diese zeigt, dass sich die Anzahl gleicher Texte in den Verbundzeitungen verdoppelt hat, auf gut 21 Prozent. In der Berichterstattung über die nationale Politik stieg der Wert gar von 21 Prozent (2017) auf 41 Prozent (2019).

Gegen die Abstimmungsempfehlungen von SP, Grüne und AL

Linkstendenzen, Rechtstendenzen? Sind das nicht nur subjektive Einschätzungen? Ein schönes Fallbeispiel ist der Leitartikel «Zürich braucht ein Fussballstadion» im Tagi vom Samstag. Darin lobt Pascal Unternährer das Projekt über den Klee und empfiehlt ein Ja –  gegen die Abstimmungsempfehlung von SP, Grüne und AL. AL, das ist eine eher linksaussen operierende Partei in Zürich, die aber mit Richard Wolff einen Vertreter in der Exekutive hat.

Dieser erwähnte unausgewogene Artikel («Es entstehen ein spielfeldgrosser Rasen, begrünte Dächer und weitere Grünräume») ist darum spannend, weil er wie bestellt erscheint. Denn hinter der Pro-Kampagne steht KMES. Die renommierte PR-Agentur mit Sitz beim Paradeplatz orchestriert den Abstimmungskampf. Partner des Büros ist etwa der smarte Hans Klaus (ex-Fifa, ex-Sprecher von Ruth-Metzler Arnold). Mit dabei auch Markus Spillmann. Der ehemalige Chefredaktor der NZZ und heutige Präsident des Stiftungsrates des Schweizerischen Presserates mischt beim umstrittenen Abstimmungskampf ebenfalls mit und scheut sich nicht, kritische Journalisten persönlich zu kontaktieren. Spillmann ist ein Journalist, der die Fronten gewechselt hat und heute im PR-Business seine Brötchen verdient. Dass er im Nebenjob Presseratspräsident ist, ist eine schräge, aber andere Geschichte. Nun geht’s mal darum, ein Ja zum Hardturm-Projekt am 27. September durchzuboxen. Dank positiven Artikeln im «linken» Tages-Anzeiger.

Geschlechterkampf

Wissen Sie, wie viele Gender es gibt? Zwei? Drei? Viele?

Im Mittelalter beschäftigte man sich unter anderem mit der Frage, wie viele Engel eigentlich auf einer Nadelspitze Platz haben. Oder wie es sein kann, dass der allmächtige und überall anwesende Gott doch nicht in sich ruht, sondern die Welt geschaffen hatte.

Oder woher wir die Sicherheit nehmen, dass in der Bibel das geoffenbarte Wort steht, wo wir doch in unserer Unzulänglichkeit Gottes Allmacht gar nicht begreifen oder formulieren können. Das war kein Spass; wer die falsche Antwort sagte, konnte ohne Weiteres auf dem Scheiterhaufen landen.

Das ist glücklicherweise vorbei, also zurzeit und auch nur in den aufgeklärten Inseln auf der Welt. Also im Wesentlichen in den USA, in den meisten Teilen Europas und in einigen Staaten Asiens.

Freiheit macht Angst

Hier wird man als Ungläubiger nicht automatisch zum Freiwild, hier bestimmt auch nicht irgendeine Religion das Strafgesetzbuch. Soweit, so gut. Aber Meinungsfreiheit macht auch Angst, wie jede Freiheit. Deshalb müssen möglichst feinmaschige Koordinatensysteme über die Welt gelegt werden.

Besonders wichtig ist dabei die Geschlechterfrage. Warum? Nun, damit es an Universitäten Genderlehrstühle geben kann. Nein, Scherz, wer bislang meinte, es gäbe zwei Geschlechter, also Männlein und Weiblein, wobei die sich gegenseitig attraktiv finden oder auch diese Gefühle zum eigenen Geschlecht entwickeln, und das wär’s, hat sich getäuscht.

Moderner greift immer mehr um sich, dass man beispielsweise bei der Frage nach dem Geschlecht nicht zwei Möglichkeiten zur Auswahl hat, sondern mindestens drei. Neu dazugekommen ist der Begriff «divers».

Wer nun meint, das umfasse wohl Transvestiten und Transsexuelle oder so, zeigt, dass er/sie/es absolut nicht auf der Höhe der Zeit und auch nicht der Zeitin oder des Zeites ist. Aber die Verwechselung zwischen Sexus und Genus wäre ein anderes Thema.

Eine unvollständige Aufzählung

Divers steht nämlich für ziemlich viel. Für sehr viel. Hier einmal – wir holen tief Luft – eine unvollständige Aufzählung:

  • androgyner Mensch, androgyn, bigender – männlich und weibliche Merkmale verbindend
  • weiblich
  • Frau zu Mann (FzM)
  • gender variabel – zwischen bzw. ausserhalb der Geschlechter
  • genderqueer, nicht-binär, weitere – Geschlechtsidentität nicht ausschließlich männlich oder weiblich
  • männlich
  • Mann zu Frau (MzF)
  • weder noch, geschlechtslos
  • Pangender/Pangeschlecht – keine fixe Geschlechtsidentität, zwischen bzw. alle Geschlechter parallel
  • trans, transweiblich, transmännlich, Transmann, Transmensch, Transfrau, trans*, trans* weiblich, trans* männlich, Trans* Mann, Trans* Mensch, Trans* Frau, transfeminin, Transgender, transgender weiblich, transgender männlich, Transgender Mann, Transgender Mensch, Transgender Frau, transmaskulin, transsexuell, weiblich-transsexuell, männlich-transsexuell, transsexueller Mann, transsexuelle Person, transsexuelle Frau
  • Intersexuell, Inter*, Inter* weiblich, Inter* männlich, Inter* Mann, Inter* Frau, Inter* Mensch, intergender, intergeschlechtlich, zweigeschlechtlich, Zwitter, Hermaphrodit – beide Geschlechtsmerkmale biologisch vorhanden
  • Two Spirit drittes Geschlecht – eher im US-amerikanischen Kontext relevant: zwei in einem Körper vereinte Seelen (Nachfahren der US-amerikanischen Ureinwohner)
  • Viertes Geschlecht – kein Geschlecht
  • XY-Frau – Intergeschlechtlichkeit
  • Butch – maskuliner Typ in lesbische Beziehung
  • Femme – femininer Typ in lesbischer Beziehung
  • Drag, Transvestit – zeitweise Änderung der äußeren Erscheinungsform (z.B. Make-up, Kleidung), Geschlechtswechsel
  • Cross-Gender – Erscheinung und/oder Verhalten entgegen der kulturell spezifischen Geschlechterdefinition

Ich entschuldige mich schon mal ausdrücklich bei allen Genders, die ich hier übersehen haben sollte. Ich werde das bei der nächsten Sitzung in meinem Sensibilisierungskurs ansprechen.

Mitsamt der bislang unbeantworteten Frage, wie angesichts dieser Vielfalt der Gang zur Toilette diskriminierungsfrei gestaltet werden kann. Zwei Möglichkeiten sind offensichtlich viel zu wenig und schwer diskriminierend. Der schon praktizierte Einbau einer dritten Möglichkeit unter «Divers» vermag auch nicht zu überzeugen. Also was tun? Das ist eine Frage, die eigentlich neben dem Kampf gegen Rassismus unbedingt beantwortet werden muss.

Das Private und das Öffentliche, Teil drei

Es bleiben nur Opfer zurück. Mit einer Ausnahme.

Hier geht’s zu Teil eins und Teil zwei.

Ein zum Helfer von Jolanda Spiess-Hegglin gereifter Boulevard-Journalist will auf abenteuerlichen Wegen ausgerechnet haben, dass «Blick» alleine online über eine Million Franken an seiner Berichterstattung über Spiess-Hegglin verdient habe. Lassen wir die Frage beiseite, wieso derselbe Helfer aus seiner Erfindung «watson» ein Millionengrab machte, wenn man dermassen einfach Geld im Internet scheffeln kann.

Eine Nebenfront als Bedrohung der Pressefreiheit

An einer Nebenfront ist es Spiess-Hegglin auch gelungen, eine superprovisorische Massnahme einstweilen durchzusetzen, die einer Journalistin präventiv verbietet, diverse Themenkomplexe um diese Landammannfeier publizistisch abzuhandeln. Das ist der wohl massivste Angriff auf die Schweizer Pressefreiheit seit dem Zweiten Weltkrieg.

Anstatt dieser Bedrohung für jeden investigativen Journalisten entgegenzutreten, wird dieses Urteil sogar bis in leitende Positionen von Medienkonzernen, zum Beispiel bei CH Media, begrüsst. Obwohl es bedeuten würde, dass jeder Journalist, der sich schon einmal über eine Person oder eine Firma kritisch geäussert hat, befürchten muss, dass er aufgrund eines Fragenkatalogs an dieses Objekt seiner Berichterstattung sofort mit einer Superprovisorischen überzogen werden kann. Was aus Angst um die Folgekosten die Lähmung der investigativen Tätigkeit bedeuten würde.

Das unschuldige Opfer ist allen Besorgten egal

Fast sechs Jahre nach dieser Feier bleiben eigentlich nur Verlierer und Opfer zurück. Zunächst P.K.*, der sich nichts zuschulden kommen liess, im wahrsten Sinne des Wortes unschuldig war und ist. Vielleicht könnte man sein Verhalten moralisch verurteilen, aber dass er gewaltige Kosten hatte, seine politische Karriere beenden musste, Ruf und soziales Ansehen verlor, das hat er sicherlich nicht verdient.

Es gehört zu den Perversionen dieses Falls, dass das völlig unschuldige Opfer allen Anhängern der Verteidigung von unschuldig in die Klauen der Sensationspresse geratenen Menschen schlichtweg schnurzegal ist.

Es gibt noch viel mehr Opfer

Ein weiteres Opfer ist das Ansehen der Zuger Justiz. Schon vorher nicht wirklich hoch, hat sie sich mit der hemdsärmeligen Auslegung des Umfangs der Privatsphäre einer öffentlichen Person an einer öffentlichen Feier nicht mit Ruhm bekleckert. Noch viel weniger mit dem Betreten von rechtlichem Neuland in Form einer präventiven und putativen Zensur von noch gar nicht Geschriebenem. Das ist die zum Leben erwachte Gedankenpolizei Orwells, die Umsetzung des Science-Fiction-Knallers «Minority Report».

Dann natürlich alle als Mitbeschuldigte oder Zeugen in diese Affäre geratenen Gäste, die doch eigentlich nur vor Weihnachten etwas ausgelassen feiern wollten. Dann die Angehörigen der beiden Hauptbeteiligten, die Kinder der Protagonistin, die Familie des unschuldig Beschuldigten.

Nach der Entschuldigung geht’s nur ums Geld

Alleine bei einer Beteiligten fällt es schwer, sie auch und ausschliesslich als Opfer zu sehen. Nachdem sie die von ihr selbst als moralisch wichtigstes Ziel bezeichnete öffentliche Entschuldigung von Ringier bekommen hat, und nun nur noch um Geld streitet, ist sie doch zumindest Opfer und Täterin. Indem sie ihr wohlgesinnte Journalisten exklusiv mit Informationen und Dokumenten anfüttert, wird ihre Behauptung, dass sie eigentlich nur in Ruhe gelassen werden möchte, sehr fragwürdig.

Hansi Voigt rechnet unlängst einen möglichen Gewinn von über einer Million Franken beim «Blick» aus, der mit Artikeln über Spiess-Hegglin erzielt worden sei. In seinem ausführlichen Interview mit Spiess-Hegglins Ehemann, das er im Juli 2017 auf «watson» veröffentlichte, ging er noch von «einem Bruttoumsatz der 19 Top-5-Geschichten von 80- bis 100’000 Franken» aus. Wie er von dieser Zahl inzwischen auf einen siebenstelligen Gewinn kommen will, ist schleierhaft. Aber Faktentreue, die Bestätigung von Aussagen, die er selbst gerade erfunden hat, Widerspruchsfreiheit, das war noch nie seine Stärke.

Luftnummern und realistische Einschätzungen

Nimmt man dagegen eine realistische Schätzung, begründet in Werbeeinnahmen und Erfahrungswerten, kommen Online-Marketingspezialisten auf einen denkbaren Gewinn von – alle erschienenen Artikel berücksichtigt und mit den jeweils obersten Annahmen – maximal 25’000 Franken. Diese Zahl würde auch mit dem damals von Voigt angenommen Bruttoumsatz von lediglich 19 Artikeln über Spiess-Hegglin korrelieren.

Faktenschwäche gilt auch für die von ihm damals vertretene Theorie, dass alle Indizien für die Anwendung von K.-o.-Tropfen bei Spiess-Hegglin, eventuell bei beiden Beteiligten, sprächen. Sie ist völlig aus der Luft gegriffen und widerspricht diametral dem extra erstellten «Plausibilitätsgutachten» eines ausgewiesenen Fachmanns.

Die absurde Logik eines negativen Verdachts

Da angeblich niemand weiss, was sich genau hinter verschlossenen Türen im Restaurant Schiff vor beinahe sechs Jahren abspielte, weil die Beteiligten einen Filmriss geltend machen, weil man hingegen weiss, dass es zu keinerlei strafbaren Handlungen dabei kam, verdichtet sich der unappetitliche Verdacht, dass hier jemand aus einem Filmriss ein Geschäftsmodell gemacht hat.

Denn es ist mit aller Rabulistik nicht möglich, einen sozusagen negativen Verdacht zu behaupten. Also eine Opferrolle mit der Behauptung zu konstituieren, dass es zwar keinen beweisbaren sexuellen Übergriff gegeben habe. Aber damit ja nicht erstellt sei, dass keiner stattgefunden hätte.

Das ist absurde Logik, nach dem Schema: Keine Katze hat zwei Schwänze. Eine Katze hat einen Schwanz mehr als keine Katze. Daher haben alle Katzen drei Schwänze.

*alle Namen der Redaktion bekannt.

In domo padre

Ringier ist später dran als jede Frau. Und verhält sich auch so.

«Domo», so heisst das Ringier-Unternehmensmagazin. Es ist toll geschrieben und beleuchtet den Konzern von innen. Für Medienjournalisten ist das Magazin ein Muss und ein Genuss. Wer das Heft gut studiert, erfährt Neuigkeiten, die sonst nirgendwo stehen. Im  letzten «Domo» wurde zum Beispiel die bisher einzige offizielle Zahl zu Blick TV genannt.

Das «Domo» erscheint dreimal im Jahr. Die zweite Ausgabe hätte Mitte Juli erscheinen müssen. Zackbum fragte im August nach. Damals hiess es, die Ausgabe werde geschoben. Die nächste Ausgabe würde aber noch in diesem Monat erscheinen, also im Monat August. Jetzt haben wir September. Wann kommt das nächste «Domo»? Kommt es überhaupt noch?

Die Medienstelle will sich diesmal nicht auf die Äste wagen: «Die jeweiligen Erscheinungsdaten sind nicht fix und obliegen der Entscheidung von Ringier – um eine «Verspätung» handelt es sich hier also nicht.»

Ich weiss nicht recht. Das hört sich gar nicht gut an.

Gehören Staumeldungen am Radio abgeschafft?

Navis haben Staumeldungen am Radio längst abgelöst. Doch SRF will an diesem alten Zopf festhalten. Einer der Gründe: Die Sicherheit.

Wie das Amen in der Kirche werden auf Radio SRF 1 und 3 jede Stunde, oft sogar jede halbe Stunde, Staumeldungen verlesen, die niemanden interessieren oder die alle Betroffenen eh schon kennen. Wie die Zeitungen von CH Media kürzlich meldeten, «verbringen Autofahrer nirgends so viel Zeit wie in der Zürcher Gemeinde Weiningen». Freiwillig tun sie das nicht. Aus dem Limmattal kommend quält sich die Blechschlange dort auf der A1 in Fahrtrichtung St. Gallen über das Limmattaler Kreuz, bevor sie im Gubristtunnel verschwindet. Ähnlich lang stehen die Autofahrer auch auf der A3 vor dem Limmattaler Kreuz. Weitere Stauorte sind die A2 vor dem Schweizerhalle-Tunnel in Basel und die A1 zwischen Oensingen und Härkingen. Der Krux: Diese Staus sind Normalität, jeder Autofahrer weiss, was ihm dort blüht. Und wenn was Spezielles zu vermelden ist, meldet das jedes Auto-Navigationsgerät rasch und zuverlässig. Warum also hält Radio SRF an einem Uraltzopf fest? Denn die erwähnten Staumeldungen hört man nicht nur im Büro in Zürich-Schwamendingen. Auch der Bauer im Bündnerischen Safiental wird nicht davor verschont, ebenso wenig wie der Altersheimbewohner in Heerbrugg und die Pflegefachfrau in Interlaken. Fazit: Voll die Zielgruppe verfehlt.
Relevanteste Einschaltgründe
Andrea Di Meo, Mediensprecher vom Schweizer Radio und Fernsehen, sieht das anders. Für ihn ist klar: «Staumeldungen gehören zum Grundversorgungsauftrag eines Service Public Unternehmens und sind in den hörerreichweitenstärksten Programmen von Radio SRF 1 und SRF 3 unbestritten.» Laut Umfragen gehörten «Verkehrsmeldungen am Radio zu den relevantesten Einschaltgründen.» Dafür spreche, dass auch neue Privatradios Verkehrsmeldungen in ihr Programm aufnehmen. eine Aussage, die nicht gerade für die Qualität der Radioprogramme spricht.
Die Kritik, dass Navis dem Radio schon längst den Rang abgelaufen haben, kontert Di Meo mit einem spezielle Argument:
«Beim Autoverkehr ist es auch eine Frage der Sicherheit: Navigationsgeräte oder mobile Apps lenken den Blick weg von der Strasse, bei Radiomeldungen können die Automobilisten den Blick stets auf der Strasse halten. Zudem verwenden viele Autofahrende auf ihnen bekannten Strecken wie zum Beispiel beim Arbeitsweg kein Navi und sind entsprechend auf Verkehrsmeldungen angewiesen.» Zudem liege der Info-Fokus längst nicht mehr auf den alltäglich wiederkehrenden Staus sondern vielmehr auf den speziellen Situationen wie Gefahrenmeldungen, Unfällen, Sperrungen oder schwierigen Strassenverhältnissen.
Tendenzöse Staumeldungen?
Und die Variante,  dass Staumeldungen nur in den entsprechenden Regionen gesendet werden, analog den Regionaljournalen? «Regionale Verkehrsmeldungen werden bereits von den Lokalradios übernommen. Um nicht in eine direkte Konkurrenzsituation mit den Privatsendern zu gelangen, wurde auf eine Realisierung von regionalen Verkehrssendungen verzichtet», so der Sprecher. Dass in den allermeisten Fällen nur über Strassenstaus berichtet wird und nicht über allfällige Zugsausfälle, will Di Meo nicht gelten lassen: «Störungen im Bahnbetrieb werden gemeldet.» Gefühlt ist dies freilich nie der Fall, was für ein stabiles Bahnnetz zu sprechen scheint. Im Umkehrschluss suggerieren die täglichen Staumeldungen, dass das Strassennetz völlig am Anschlag ist.
Experten finden, dass etwa die Abstimmung über eine zweite Gotthardröhre nur wegen diesen Meldungen gewonnen wurde. Die Kritik aus dem linksgrünen Lager lautet, dass SRF somit unausgewogen, ja tendenzös berichtet. Der SRF-Sprecher sieht das anders: «SRF berichtet darüber, was sich auf den Strassen abspielt und orientiert sich dabei an den publizistischen Leitlinien, welche für die gesamte Berichterstattung gelten. In den publizistischen Leitlinien ist klar festgehalten, dass unser Programmangebot sachgerecht und unabhängig ist.»
Firma mit SRG, TCS und SBB im Rücken
A propos unabhängig. Wer steht organisatorisch eigentlich hinter den Verkehrsmeldungen? Es ist die Viasuisse AG. Laut Di Meo sind die drei wichtigsten Hauptaktionäre der Viasuisse AG für die Redaktion der Verkehrsmeldungen zuständig. SRG SSR (36%), TCS (36%) und SBB (20%). «Eine Vereinbarung sieht vor, dass SBB und TCS als Leistungsträger vereinzelt im Rahmen der «Verkehrsinseln» auf Radio SRF 1 genannt werden – allerdings nur, wenn die Rubrik nicht von einem anderen Sponsor gebucht ist», so Di Meo. Anderer Sponsor im offiziell werbefreien Radio SRF? Ein Beispiel, wie die Vorgaben scheinbar legal geritzt werden, ähnlich wie Alkoholwerbung am Fernsehen (alkoholfrei geniessen). Aber das ist wieder ein anderes Thema.
Bald das 60-jährige Bestehen
Radio SRF will also am «alten Zopf» mit den Verkehrsmeldungen festhalten. Das Bedürfnis sei nach wie vor sehr hoch. Zudem seien die Publikumsreaktionen, wenn eine Meldung fehlt, ein starkes Indiz, dass die Hörerschaft an Staumeldungen durchaus interessiert sei.
Also besteht durchaus die Möglichkeit, dass im Jahr 2022 das 60-jährige Bestehen der Verkehrsmeldungen gefeiert werden könnte. Dann jährt sich der Start im Jahr 1962. Damals begleitete Radio DRS mit der Sendung «Autoradio Schweiz» die Autofahrer (bis 1973), dazu kam die abendliche Sendung «Chömed guet hei». In den 70er Jahren begann das Schweizer Radio, infolge des zunehmenden Verkehrsaufkommens, nach den Nachrichten Verkehrsmeldungen zu verbreiten.

 

 

Das Private und das Öffentliche, Teil zwei

Wie eine verfolgende Unschuld ein Geschäftsmodell entdeckt.

Hier geht’s zum Teil eins.

Hier beginnt die Geschichte nochmal. Denn Spiess-Hegglin wehrte sich gegen diesen von ihr so empfundenen Übergriff in ihre Privat- und Intimsphäre. Und begann einen juristischen und publizistischen Feldzug gegen alle, die sie, wenn schon nicht als Schändungsopfer, dann doch als Medienopfer skandalisieren und lüsterne Leser mit Details aus ihrem Privatleben verköstigen wollten.

Spiess-Hegglin führte und führt bis heute als verfolgende Unschuld einen Kampf darum, dass man sie endlich in Ruhe lasse und ihre Privatsphäre respektiere. Damit bleibt beides dem öffentlichen Interesse ausgesetzt. Das Medienarchiv SMD verzeichnet über 3000 Treffer, wenn man den Suchbegriff Spiess-Hegglin eingibt.

Es entwickelte sich ein weltanschaulicher Grabenkampf

Verschärft wird diese Auseinandersetzung dadurch, dass sich aus Rechtsstreitigkeiten mit einer Zeitung und einigen Journalisten ein weltanschaulicher Grabenkampf entwickelt hat. Hier die angeblich aufs Sexuelle reduzierte Frau, auf deren Kosten sich Skandalblätter einen schönen Tag machen, ein Opfer, das sich weigert, Opfer zu sein und, unterstützt von einigen Hilfstruppen, unermüdlich den Feldzug gegen unerträgliche Übergriffe in ihr Privatleben fortführt.

Dort die scheinbar übermächtige Phalanx von Grossverlagen, die eine einzelne Widerstandskämpferin fertigmachen wollen. So lautet das Narrativ, das Spiess-Hegglin unermüdlich verbreitet. Auf allen Kanälen, mit einem eigenen Verein, mit Crowdfunding für Prozessfinanzierung.

Das Obergericht Zug schmetterte die Berufung von Spiess-Hegglin ab

Nachdem auch die zweite Instanz in Zug festgehalten hat, dass es tatsächlich zu einer Persönlichkeitsverletzung durch eine nicht mit öffentlichem Interesse begründbare Berichterstattung kam, verlieren Spiess-Hegglin und ihre Unterstützerschar etwas den Kontakt mit der Realität und feiern das als weiteren triumphalen Sieg über das Boulevardblatt «Blick». Dabei ist ihrer Aufmerksamkeit offenbar entgangen, dass das Obergericht die von Spiess-Hegglin gegen das erstinstanzliche Urteil eingereichte Berufung vollumfänglich abgeschmettert hat. Hingegen der ebenfalls von Ringier eingelegten Berufung weitgehend entsprach, zum Beispiel mit einer weiteren Reduktion der ursprünglich geforderten Genugtuung von 25’000 Franken auf nur noch 10’000.

Auch mit ihrer Forderung, dass sich der Ringier-Verlag bei ihr entschuldigen müsse, kam sie vor Gericht nicht durch. Ihr Medienbüttel veröffentlichte flugs, dass sie das sehr bedaure. Um dieses Bedauern und das Urteil exklusiv melden zu können, brach er sogar die gerichtlich angeordnete Informations-Sperrfrist. Peinlich dann, dass sich der CEO von Ringier nach Ablauf der Sperrfrist freiwillig «aufrichtig und in aller Form» entschuldigte.

Entschuldigung ist nicht gleich Entschuldigung

Nach einem kurzen Moment der Sprachlosigkeit machte Spiess-Hegglin sich dann über diese Entschuldigung bei ihrer Twittergemeinde lustig, die sei doch gar nicht ernst gemeint. Aber zu ihrem Bedauern ist damit natürlich eine Kernforderung ihres Feldzugs weggefallen.

Obwohl Spiess-Hegglin sich mit ihrem Verein «Netzcourage» gegen «Hassrede im Internet» stellen will, gelegentlich auch schon mal anbietet, eine Strafanzeige zurückzuziehen, wenn dafür eine Spende gemacht werde, teilt sie selbst auch weit unter der Gürtellinie aus. So ernennt sie einen ihr missliebigen Journalisten zum Favoriten des «Wettbewerbs um das Arschloch des Monats», einen anderen rempelt sie an, ob der in der Schule überhaupt lesen gelernt habe. Wer ihren Twitterverlauf verfolgt, der sieht sich mit einer unter Luftabschluss verfaulenden Gesinnungsblase konfrontiert, mit einer Art Veitstanz, in dem sich Spiess-Hegglin und weitere Teilnehmer immer mehr gegenseitig aufschaukeln.

Geht sie einmal für zu viele zu weit, dann fängt sie das mit einer larmoyanten Entschuldigung wieder ein, wie im Fall des Favoriten in ihrem Arschloch-Wettbewerb. Das wird dann von ihrer Ingroup auf Twitter mit stehenden Ovationen bedacht, während die Entschuldigung des CEO von Ringier verlacht wurde.

Erforschung der Grenzen der Gewinnherausgabe

Was bleibt, sind ihre Forderungen nach Gewinnherausgabe. Damit ist gemeint, dass Opfer einer Medienberichterstattung verlangen können, dass der mit ihnen erzielte Gewinn, gemessen an höherer Auflage usw., herausgegeben werden muss. Damit betritt Spiess-Hegglin allerdings juristisches Neuland.

 

Fortsetzung folgt.

Folio: voll teurio

12.60 Franken – wer soll das bezahlen?

Im April hätte die erste Folio-Ausgabe nach dem Relaunch erscheinen müssen. Wegen der Werbeflaute hat die NZZ die Erstausgabe bis September verschoben. Ein halbes Jahr mussten Folio-Abonnenten also auf die neue Nummer warten. Trotzdem blieb es in der Schweiz relativ ruhig.

Nun ist die Ausgabe seit ein paar Tagen im Kiosk erhältlich. Der Inhalt ist so geil wie Militärbiscuit. Das Heft klebt in den Auslagefächern wie Leim. Ein möglicher Grund: Die NZZ hat den Preis angehoben, und zwar empfindlich.

Vor dem Relaunch kostete eine Einzelausgabe 9.80 Franken. Neu beträgt der Verkaufspreis 12.60 Franken. Das ist viel für 74 Seiten. Die FAZ kostet 5.10 Franken, die Zeit 8.20 Franken. Die Weltwoche 9 Franken.

Wer bezahlt 12.60 Franken für ein dünnes Heft, das – seien wir ehrlich – vor allem von seiner Vergangenheit zehrt? Früher schrieben die Besten im Folio: Wolf Schneider, Martin Suter – und Constantin Seibt.

Und wer schreibt heute exklusiv im Folio? Eben.

Wer schützt vor Schutzbach?

Eine «Geschlechterforscherin» auf Abwegen.

Ich habe bislang die Fokussierung auf Gender- oder Frauenfragen, Untersuchungen zu «Antifeminismus» oder einer «maskulistischen Szene» für etwas merkwürdig, aber harmlos gehalten.

Schliesslich gibt es auch Menschen, die sich der Erforschung der Sitten der Andamanen, dem Balzverhalten der kleinen Wüstenspringmaus oder der deutschen Lautverschiebung widmen.

Wenn das der Zerstreuung oder der geistigen Erbauung dient, wohlan. Vielleicht ergeben sich sogar Erkenntnisse daraus, die wir alle in unserem Alltag verwenden können.

Schutzbach als Antidemokratin

Franziska Schutzbach fiel das erste Mal öffentlich unangenehm auf, als sie behauptete, dass man sogenannte rechtsnationale Kräfte in Europa, insbesondere die SVP in der Schweiz, nicht auf «formal-demokratischem Weg zurückdrängen» könne. Die Antidemokratin Schutzbach empfahl zivilen Ungehorsam, der sich zum Beispiel so äussern sollte, dass andere Parlamentarier den Nationalrat verlassen, wenn ein gewählter Volksvertreter «der extremen Rechten den Mund aufmacht».

Als das nicht wirklich gut ankam, versuchte sie, ihre Äusserungen als Ironie wieder einzufangen. Es wundert auch nicht, dass sich Schutzbach lebhaft im Twitter-Kanal von Jolanda Spiess-Hegglin äussert. Was sich dort abspielt, ist eine gruppenpsychologisch interessante gegenseitige Rückkoppelung bis zur argumentativen Bewusstlosigkeit.

Wiedereinführung von Inquisition und Gedankenpolizei

Mit merkwürdig, putzig oder harmlos hört es aber doch schnell auf, wenn man ihr Plädoyer für die Wiedereinführung von Inquisition, Gedankenpolizei und präventiver Zensur in der neusten Ausgabe der «WoZ» (Artikel hinter Bezahlschranke) liest.

Hier versteigt sich Schutzbach zur Kenntlichkeit eines voraufklärerischen Verständnisses von einer freien Debatte. Sie behauptet: «Ein Buch über Jolanda-Spiess-Hegglin darf nicht wie geplant erscheinen. Richtig so: Jene, die laut rufen, das sei ein «Angriff auf die Pressefreiheit», verteidigen in Wahrheit misogyne Grundstrukturen.»

Schlimmer noch: «Verteidigt wird der Anspruch, über die Intimsphäre von Frauen zu verfügen.» Eine Frau, die «traditionell männliche Güter» beanspruche, werde «dafür nach wie vor in die Schranken verwiesen». Und schliesslich komme «eine Grundstrategie frauenfeindlicher Agitation zum Einsatz: die Opfer-Täter-Umkehrung. Die Frau wird zur Gefahr stilisiert, hier zur Gefahr für die Pressefreiheit.»

Keine gefährliche Frau, aber gefährlicher Schwachsinn

Aus all diesen Gründen sei Spiess-Hegglin eine «gefährliche Frau», so der Titel dieser Ansammlung von geschütteltem Schwachsinn. Nein, von gefährlichem Schwachsinn. Zunächst, für Leser, die des Griechischen nicht mächtig sind: Misogynie heisst Frauenhass.

Seitdem sich eine Misogynie-Forschung entwickelt hat, unterscheidet man hier eine ganze Pyramide von angeblichen Erscheinungsformen. Von harmloseren wie «fehlende Unterstützung von Frauen» über «Verächtlichmachung von Frauen» bis hin zum «Femizid», also der Tötung von Frauen nur wegen ihres Geschlechts.

Frauenhass haben nicht nur Männer; er ist als «Mittäterschaft» und durch soziologische Prägung auch bei Frauen vorhanden. Und jetzt kommt der Clou: strukturelle Misogynie äussere sich in allem, was Männer tun oder beherrschen. Also eine einseitige, von männlichen Philosophen, Wissenschaftlern und Theoretikern beherrschte Gesellschaft.

Das Geschlecht definiert Täter und Opfer

Sorry, Jungs, das Geschlecht definiert Herrscher und Opfer. Eigentlich wussten wir es ja schon lange: Männer sind Schweine, Väter sind Täter, Misandrie existiert nicht. Wie in jedem voraufklärerischen Theoriegebäude, wo absurde Letztbegründungen für die Richtigkeit von Glaubenssätzen herangezogen werden, sei das das geoffenbarte Wort Gottes, sei das die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht, oder sei das schlicht und einfach das Geschlecht.

Gleichzeitig ermächtigt diese absurde Zuweisung von Wahrheit und Rechthaben, dass der Priester als Meister der Auslegung der Bibel, der Angehörige einer herrschenden Kaste als einzig Vernunftbegabter über das dumme Pleps herrschen oder eben eine Frau durch ihr Frausein angeblichen strukturellen Frauenhass definieren und denunzieren kann.

Zensur unter diesem Banner?

So weit, so absurd. Richtig gefährlich wird es aber, wenn unter diesem Banner das aufrechterhaltene Verbot, über ein frei gewähltes Thema zu recherchieren und zu publizieren, als völlig richtig verteidigt wird.

Man kann nun über das Buchprojekt von Michèle Binswanger durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Man kann sich seiner angeblich potenziell persönlichkeitsverletzenden Macht ganz einfach entziehen: Indem man es nicht liest.

Zu den grösseren Schätzen meiner Bibliothek gehört eine der letzten Ausgaben des «Index librorum prohibitorum». Also das Verzeichnis der verbotenen Bücher, deren Lektüre jedem Katholiken bei Strafe der Exkommunikation oder gar Schlimmerem untersagt war. Dieser Schutz des Seelenheils existierte von 1559 bis 1962.

Rückfall in voraufklärerische Zeiten

Gott sei Dank bewirkte die Aufklärung, dass solche Buch- und Denkverbote weitgehend aufgehoben wurden. Unter welchem Banner auch immer. Rückfälle in voraufklärerische Zeiten mit verbotenen Büchern waren immer die Begleiterscheinung nicht nur einer Diktatur, sondern auch eines Zusammenbruchs des Rechtsstaats und der Zivilisation.

Wer also kräht, all die, die in diesem absurden präventiven und putativen Verbot eines Zuger Richters den massivsten Angriff auf die Schweizer Pressefreiheit seit dem Zweiten Weltkrieg sehen, seien Verteidiger einer Gesellschaftsstruktur, die auf Frauenhass aufgebaut sei, ist ungefähr so bei Trost wie die Inquisitoren, denen es ja auch nur um die Rettung des Seelenheils ging, sei es auch unter Hinnahme unsäglicher Qualen vor der Verbrennung.

Gegen Schutzbach muss das freie Wort verteidigt werden

Schutzbach unterscheidet sich leider von Andamanen-Forschern und anderen leicht verschrobenen Wissenschaftlern dadurch, dass sie zutiefst antidemokratisch ist, am liebsten voraufklärerische Herrschaftsstrukturen wieder einführen möchte und sich dazu aufschwingt, nur legitimiert durch ihr Geschlecht bestimmen zu können, was frauenfeindlich, gar frauenhasserisch sei und was nicht. Was geschrieben oder gedacht werden darf – und was nicht.

 

Dagegen, auch wenn dieser Versuch lächerlich erscheint, müssen die Errungenschaften der Aufklärer verteidigt werden. Von Männern und Frauen. Und auch für Schutzbachs Recht, ihren Unsinn publizieren zu dürfen.