Ringiers rassistische Kinderbücher

Als der Neger noch der Neger war.

Die Geschichte geht so: Ringgi, der Abenteurer, und Zofi, sein Hund, retten in Afrika einem Negerkind das Leben (eine Riesenschlange wollte es verzehren). Schon steht aber das nächste Problem an. Die beiden Abenteurer kommen bald in ein Negerdorf. Zofi hat Angst vor den Negern: «Wenn es nun Menschenfresser sind?» Zofi, aber vor allem Ringgi, haben Glück: Die Neger sind gerade satt und gelüsten nicht nach Menschenfleisch. Dafür bietet ihnen ein alter Neger ein schickes Eselfell feil. Ringgi ist scharf darauf. Der dumme Neger will dafür natürlich Bares. Ringgi kramt aus seinem Portemonnaie nicht etwa Geldscheine hervor, wir sind ja in Afrika, sondern zwei Schweizer Briefmarken. «Der Neger sieht sie und ist hell begeistert. Nach zehn Sekunden ist der Tausch vollbracht. Frohlockend trägt der Neger seine Briefmarken in die Hütte.»

Beliebte Kinderbücher aus dem Hause Ringier

Ältere Semester kennen die Geschichten von Ringgi und Zofi noch aus ihrer Kindheit. Der Ringier Verlag gab über Jahrzehnte die beliebten Kinderbücher heraus. Die oben beschriebene Episode stammt aus dem Band «Ringgi + Zofi – Abenteuer in aller Welt». Erstauflage war 1973. Im Buch wimmelt es von Ausdrücken wie «Negerkind», «Negerlein», «Negerdorf» oder «Negerpolizei». Mohrenkopf ist nichts dagegen. Doch nicht nur die Ausdrücke irritieren den Leser, sondern auch die Beschreibungen, die Comics und leider auch die Reimkünste:

Der Freund und Sudanneger gar
Tanzt wie ein wilder Jaguar.

Dieser Band stellt kein Einzelfall dar. Auch in den späteren Ringier-Büchern wimmelt es von rassistischen Beschreibungen. Das Thema Menschenfresser fasziniert Ringier auch in der Geschichte «Ringgi und Zofi am Amazonas». Diesmal sind es aber nicht gefährliche Neger, die die beiden Ringier-Angestellten kochen wollen, sondern Indianer:

Schon sitzen sie im Suppentopf
doch Ringgi wahrt den kühlen Kopf
Er sagt zum Häuptling: «Eine Schande
ist Gast zu sein wohl hierzulande!»

Heute ist der Verlag in Afrika dick im Geschäft. «Pulse Ghana» soll gemäss Ringier Ghanas beliebteste Online-Nachrichtenplattform sein. Elf weitere Seiten decken Länder wie Kenia oder Tansania ab.

Ringier hat mit seinen rassistischen Kinderbücher auch heute kein Problem. «Zur Zeit ihrer Erstellung galten sie keineswegs als diskriminierend», meint die Mediensprecherin. Als Vergleich zieht sie den Klassiker «Emil und die Detektive» herbei. Der Vergleich irritiert etwas. Erich Kästner schrieb seinen Emil im Jahre 1928. Zudem verzichtete Kästner in seiner Detektivgeschichte auf menschenfressende Neger oder Analogien zur Kolonisation. Auch die «Papa Moll»-Bände, die die Mediensprecherin als Vergleiche erwähnt, beinhalten keine rassistischen Zitate; höchstens bessere Reime.

Die eidgenössische Fachstelle für Rassismusbekämpfung FRB findet für die Aussagen im Kinderbuch von Ringier deutliche Worte: «Diese Aussagen sind  rassistisch.»

Keine Aufarbeitung, kein «sorry»

Auf eine Aufarbeitung will Ringier genauso verzichten wie auf eine Distanzierung. «Würden wir «Ringgi und Zofi» neu auflegen – was nicht geplant ist – würden Passagen, die heute diskriminierende Inhalte vermitteln würden, selbstverständlich korrigiert.» Der Verlag würde es «aufrecht bedauern», wenn «sich Menschen von Aussagen oder Abbildungen in «Ringgi und Zofi»-Büchern diskriminiert fühlen». Wenn ein Schwarzer also Ringiers Kinderbücher liest und sich dabei verletzt fühlt, hätte er Ringiers Ehrenwort, dass der Konzern seine Enttäuschung bedauert.

Die Verlegersgattin Ellen Ringier ist bekannt durch ihr Engagement gegen Rassismus und ihren Einsatz für Kinder. Eigentlich die perfekte Ansprechperson. Auf Anfrage von ZACKBUM.ch teilt sie aber mit: «Meine persönliche Einstellung zu Rassismus ist seit bald einem halben Jahrhundert bekannt, aber auch dieses langjährige Engagement gestattet es mir nicht, Ihnen im Namen des Verlags – übrigens: zu welchem Thema auch immer – zu antworten.»

Im Gespräch erwähnt die Mediensprecherin alte Globi-Bücher, die ebenfalls daneben hauten. Das stimmt, der Schweizerische Nationalfonds hat 2012 die alten Globi-Bücher analysiert und ist dabei auf die wenig überraschende Erkenntnis gestossen, dass «Globi’s Weltreise» aus dem Jahr 1935 rassistische Elemente aufweist. Die kritisierten Texte sind allerdings weniger deftig als die im Ringier-Buch, knapp 40 Jahre später.

Die Fake-Meisterschaft

Der Ball ist rund. Für die Gebrüder Schifferle und den Ringier-Konzern.

Corona-Alarm beim FC Zürich, bei Neuenburg Xamax und beim FC Basel. Trotzdem wird die Meisterschaft fortgesetzt. Auslaugende zwei bis drei Spiele pro Woche sorgen dafür, dass Teams mit Tempofussball wie der FC St. Gallen immer häufiger verlieren. Niemand hinterfragt, warum man dem Trauerspiel nicht einfach ein Ende setzt und die Saison abbricht. Es fehlt offensichtlich die Distanz, eigentlich ein Corona-Gebot der Stunde.

Doch im Schweizerischen Fussball ist das Gegenteil der Fall. Fast alle sind miteinander verbandelt und voneinander abhängig. Ringiersports.ch, das wie der «Blick» zum Ringier-Konzern gehört, vermarktet die Werberechte der Swiss Football League. Kein Wunder, will die Sportredaktion des «Blick» die ordentliche Meisterschaft durchpeitschen. Da spielt sogar der temperamentvolle Ancillo Canepa, der FCZ-Präsident, artig mit. Er lässt ein Nachwuchsteam antreten, um keinen Meisterschaftsabbruch zu riskieren. Und Thomas Schifferle, einflussreicher Sportredaktor bei der TX Group, schreibt als Bruder des umstrittenen Liga-Präsidenten Heinrich Schifferle oft über Fussball und Vereinsbelange. Und selten kritisch.

«Wohl nicht mehr über Fussballbelange schreiben»

A propos Schifferle. Blenden wir zurück. 20. November 2011: Heinrich Schifferle lädt zum Gespräch. Im «Hotel Banana City» in Winterthur, wie die «NZZ» damals vermeldete. Heinrich Schifferle, seit 1999 im Swiss Football League-Vorstand, will in einer Kampfwahl das Präsidium des damaligen Ligapräsidenten Thomas Grimm übernehmen. Und versichert gegenüber der NZZ: Künftig werde Thomas Schifferle, sein Bruder, wohl nicht mehr über Liga-Belange schreiben.

Heinrich Schifferle gewann die Wahl wenige Tage später. Hauptamtlich blieb der neue Präsident Geschäftsleiter der Immobilien-Holding Siska mit einem Immobilienbestand von gegen einer Milliarde Franken. Doch hinter den Kulissen rumorte es gewaltig.

«Unverfroren und selbstherrlich»

Juli 2020: Heinrich Schifferle ist immer noch Präsident der Swiss Football League und will es gemäss Interview mit Radio SRF bis 2021 auch bleiben. Aber er ist mittlerweile verurteilt wegen mehrfacher ungetreuer Geschäftsbesorgung. Bestraft wurde er mit einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 800 Franken (was happige 144 000 Franken ausmacht). «Er agierte unverfroren und geradezu selbstherrlich», heisst es in der Urteilsbegründung. Schifferle war 2014 fristlos entlassen worden als Geschäftsführer der Siska. Siska, das ist das Familienunternehmen Heuberger aus Winterthur mit gut 2000 Wohnungen im Portfolio. Und der Aktienmehrheit von Radio und Tele Top. Die Anklagepunkte lassen auf eine gewisse kriminelle Energie von Heinrich Schifferle schliessen. Oder zumindest auf ein abgehobenes Weltbild à la Sepp Blatter. Einfach zwei Ligen tiefer. Schifferle hat private Fahrzeugversicherungen für seinen Aston Martin über die Firmenkasse abgerechnet. Zudem hat er «einen dubiosen Deal» (NZZ) mit seinem Zahnarzt abgeschlossen. Im Stil von: «Ich mach Dir die Buchhaltung, Du mir die Zähne». Dumm nur, dass Schifferle diese Arbeit von der Siska-Buchhaltung erledigen liess. Das erstinstanzliche Urteil hat Heinrich Schifferle nun ans Obergericht weitergezogen. Damit kommt es zu einem zweitinstanzlichen Prozess – frühestens nach den Sommerferien. Bis zu einem rechtsgültigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.

Reputationsschaden wegen Verurteilung?

Das Blätterrauschen zu diesem Gerichtsurteil vom Herbst 2019 war lau – verdächtig lau. Die NZZ stellte immerhin die Frage in den Raum, ob Heinrich Schifferle noch tragbar sei oder nicht in den Ausstand treten soll, bis das Verfahren beendet sei. Stichwort Reputationsschaden für den Schweizer Fussball. Derweil dozierte Redaktor Thomas Schifferle im Tagesanzeiger vom 30. April 2020 frischfröhlich darüber, ob Geisterspiele – also Meisterschaftsspiele ohne Zuschauer – sinnvoll seien. Sein Fazit: wegen der Finanzen (die vierte Finanztranche an die Clubs in der Höhe von 7,5 Millionen Franken) ist der Saisonabschluss nötig. Und das sollen keine Ligabelange sein?

Die Fussballmeisterschaft in der Schweiz gleicht seit Wochen einer Operettenliga, um das Lieblingswort von Sportjournalist Klaus Zaugg zu benutzen. Aber es hängt zu viel Geld am Meisterrennen. Die letzte Tranche à 7,5 Millionen Franken für die Übertragungsrechte bekommen die Clubs nur, wenn die Meisterschaft zu Ende gespielt wird. Kein Wunder, will sich auch von den Medien, zumindest von den Sportressorts, beim Thema Schweizer Fussball niemand die Finger verbrennen.

Globalisierter «Schweizer Journalist»

David Sieber hat auch ein Pech. Und dann kommt noch Ungeschick dazu

Eigentlich könnte David Sieber sich selbst als Beispiel nehmen. Für das Elend des aktuellen Bezahl-Journalismus. Denn nach immerhin sechs Jahren gab er angeblich auf eigenen Wunsch die Chefredaktion der Südostschweiz ab. Anschliessend gab er nach nur zwei Jahren nicht auf eigenen Wunsch die Chefredaktion der Basellandschaftlichen Zeitung ab.

Und dann als Nachfolger von Kurt W. Zimmermann in doch eher grössere Fussstapfen als neuer Chefredaktor des «Schweizer Journalist». Ach, der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Sieber stolzer Besitzer der Texterei Sieber GmbH ist. Hier hat er «auf Mandatsbasis» dieses Blatt übernommen.

Nun wollte es das ungnädige Schicksal, dass auch am «Schweizer Journalist» die Pandemie nicht spurlos vorüberging. Als Sparmassnahme gab es eine sozusagen globalisierte Ausgabe für Deutschland, Österreich und die Schweiz insgesamt. Das war Pech.

Dr. Media hat sich entleibt

Ungeschickt war es aber, die gern gelesene Rubrik «Dr. Media» weiterzuführen. Die ist inzwischen gespült, in der neusten Ausgabe Nr. 3/2020 kommt sie nicht mehr vor. Dafür aber eine Berichtigung und Entschuldigung. «Dr. Media» muss einräumen, dass er trotz Dementi ein blödes Gerücht über die Gründe des Abgangs des stellvertretenden Chefredaktors der «Weltwoche» verbreitet habe.

Da das zudem «mutmasslich persönlichkeitsverletzend» sei, «entschuldigt sich Dr. Media in aller Form für die Falschmeldung». Offenbar hat sich der Medienkenner auch gleich noch selbst entleibt, weil er vielleicht mit dieser Schande nicht mehr weiterleben wollte.

Aber nach der Spar-Ausgabe 2 ist nun Nummer 3 wieder randvoll mit Schweizer Inhalt. Könnte man meinen. Bei genauerer Betrachtung sind aber von den 98 Seiten Heftumfang rund ein Dutzend über Schweizer Themen; das meiste in der billigsten journalistischen Form, dem Interview.

Medienlandschaft in Ostfriesland

Auf den übrigen Seiten bringen uns Journalisten aus Deutschland und Österreich fremde Gebräuche und Sitten bei; wir wollten im Schweizer Journalist zum Beispiel schon immer gerne etwas über die Medienlandschaft in Ostfriesland lesen.

Ach, dann gibt es noch fünf Seiten über Schweizer Tourismus. Sauber aufgeteilt in drei Seiten Interviews und eine Doppelseite «Entgeltliche Einschaltung». Also ein Inserat, das täuschend ähnlich wie redaktioneller Text daherkommt. Es ist auch eher selten, dass der gleiche Journalist, der auf dem Cover abgefeiert wird, dann auch noch selber einen Zweiseiter zum Blatt beiträgt.

Denn wenn dir gar nichts einfällt, dann mach eine Auswahlstrecke. 10 Journalisten ohne dritte Zähne. 20 Sportjournalisten, die überlebten. Oder eben: «30 unter 30, junge Talente 2020». Es sei schwierig gewesen, auszuwählen, behauptet Sieber, fast 100 seien zur Auswahl gestanden. Verzeihlich, dass auch einer reinrutschte, der die 30 schon überschritten hat. Oder zwei «Autodidakten», die ohne Rücksicht auf Verluste oder journalistische Standards eine Miniplattform für Hardcore-Linke herausgeben.

Aber um solche Details ging es natürlich nicht; es ging einfach darum, 9 Seiten abzufüllen. Ob allerdings der Schweizer Medieninteressierte weiterhin bereit ist, 15 Franken dafür auszugeben, dass ihm mediale Blickpunkte aus Deutschland oder Österreich nähergebracht werden, garniert mit ein paar Seiten Belangloses aus der Schweiz, muss bezweifelt werden.

Wir nehmen, was wir kriegen

Werbende Redaktion: die durchlöcherte Trennung.

Völlig unabhängig: Links die Lieblingsbrote der «Watson»-Redaktion. Rechts: reiner Zufall?

Die Erklärungen werden immer abenteuerlicher. Der Chefredaktor von «watson» räumt ein, dass seine Journalisten auch Werbetexte absondern müssen. Vornehm umschrieben als «Paid Content», «Publireportage», «native Ad» oder wie auch immer.

Dadurch sei keine Beeinflussung des redaktionellen Inhalts möglich, da die Redaktoren nicht wüssten, für welche Firma sie als Werbetexter in die Tasten griffen, behauptet er. Da lachen ja die Hühner. Bei diesem Beispiel hier haben kritische und völlig unabhängige «Watson»-Schreibknechte ihre Lieblingsbrote vorgestellt, mitsamt Rezept. Wunderbar, wir wussten doch, dass «Watson» was mit Teig zu tun hat. Und rechts? Nett von der Migros, noch ein paar Backtipps zu geben.

Der Laie und der Fachmann fragt sich: Wie nennt man denn das? Eingebackene Werbung? Altes Brot? Wer keine Ahnung hat, fragt den Chefredaktor von «Watson», Maurice Thiriet. Der weiss es: «Dieses Produkt heisst Content Bridge.» Wunderbar. Wenn also James Bond das nächste Mal auf seine Omega schaut oder einen Bollinger bestellt, dann kann man kennerisch murmeln: Ah, eine Inhaltsbrücke. Dabei hatte Dom Pérignon viel mehr Stil, aber da scheint die Inhaltsbrücke zusammengebrochen zu sein. Denn Bond säuft, wofür er bezahlt wird.

Das Versprechen einer Zeitungsredaktion – ob online oder im Print – lautet: Lieber Leser, du bekommst hier nach allen journalistischen Regeln erarbeitete Artikel serviert, die den Kaufpreis wert sind. Stichwort Qualitätsjournalismus.

Da leider dein Abonnement oder dein Kauf eines Exemplars nicht ausreicht, um alle unsere Unkosten zu decken, servieren wir dir auch Werbung. Die kannst du lesen, überlesen oder dich von ihr verführen lassen.

Treuherziges Geschwurbel

Aber dann legt die Redaktion die Hand aufs Herz, übt ihren besten, treuherzigen Blick und sagt: Aber niemals vermischen wir redaktionellen Inhalt und Werbung. Niemals lassen wir uns von Werbung dazu verführen, unsere strikte Objektivität im redaktionellen Teil aufzugeben. Niemals servieren wir dir Werbung als redaktionellen Inhalt. Auch da lachen die Hühner.

Schon ein einziges Mal einen kritischen Bericht über ein neues Auto gelesen? Zur Kenntnis genommen, dass Autoimporteure, neben Detailhändlern, die letzten grossen Inserenten sind? Schon mal geglaubt, dass die von der Beauty-Redaktion ausgewählten Cremes und Wässerchen völlig unabhängig vom Inserat eines Beauty-Discounters empfohlen werden?

Früher nannte man es Schleichwerbung

Nun kann man sagen, dass der Kaufentscheid für eine Antifalten-Creme oder einen Neuwagen nicht wirklich von umwerfender Bedeutung ist. Auch wenn die Glaubwürdigkeit der redaktionellen Unabhängigkeit angekratzt ist. Genauso wie durch Reiseberichte, die man nicht Reportage nennen sollte, weil verschämt am Schluss erwähnt wird, dass er durch Airline XY und Hotelkette YZ ermöglicht wurde.

Richtig abgründig wird es allerdings mit immer neuen Formen der Werbung, die man nicht mal mehr als Schleichwerbung bezeichnen kann. Und bei der es auch um politische Entscheidungen geht. Zum Beispiel bei der Konzernverantwortungsinitiative. Das ist etwas anderes, als dass bei Tamedia beispielsweise Kochseiten täuschend ähnlich wie redaktionelle Beiträge daherkommen. Aber bezahlte Werbung sind.

So flatterte neben einem redaktionellen Beitrag zur Initiative rechts eine Ankündigung, die versprach, nach der Lektüre zu «unserem Faktencheck» innerhalb eines «Dossiers» zum Thema zu leiten. Faktencheck, Dossier, das sind Begriffe, die Redaktionen gerne verwenden.

Was ist Kontextuelles Zielen?

Nur handelte es sich hier um ein bezahltes Inserat, von einer PR-Agentur aufgesetzt. Im Dienste von Gegnern der Initiative.

Das sei «Contextual Targeting», schwurbelte Tamedia zur Verteidigung, ausserdem sei es dem Leser doch klar, dass Tamedia niemals ein «animiertes Werbebanner» als Verweis zu einem selber gebastelten Inhalt verwenden würde.

Dennoch rügte der Presserat den Konzern zum wiederholten Male, er sei «beunruhigt über die zunehmend feststellbare Verschleierung von kommerziellen Inhalten». Das hat natürlich auch damit zu tun, dass immer mehr Journalisten die Flucht in PR oder Firmenkommunikation antreten. Bevor sie auch noch weggespart werden.

Der Vorwurf, dass der redaktionelle Inhalt auf der Rückseite von Inseraten stattfindet, ist so alt wie die Newsmedien. Daran hat auch das Internet nicht viel geändert. Richtig ist, dass mit solchen Unschärfezonen der überschaubare finanzielle Ertrag mit einem gewaltigen Verlust an Glaubwürdigkeit und Vertrauen erkauft wird. Wenn das fehlt, ist das Organ zum Untergang verurteilt.

Und hat natürlich jeden Anspruch verwirkt, als angeblich unverzichtbare vierte Gewalt Staatssubventionen zu kassieren.

Der Agent im Dienste ihrer Majestät und von Labels und Marken darf das. Er wird dafür bezahlt. Wer dann so blöd ist, einen Bond-Champagner für 185 Franken zu bestellen, ist selber schuld. Okay, wer «Watson» liest, auch. Ist immerhin gratis.

 

Blabla hat eine meditierende Wirkung

Zappelseibt

 

Ich rutschte sofort in den Geburts­kanal, meine Mutter musste ohne Wehen weiter pressen (aus Folge 8, ADHS-Kolumne)

Ein grosses Stück Mutterkuchen für  die «Republik» : Der Starjournalist Constantin Seibt hat eingewilligt, eine regelmässige Kolumne zu schreiben. Vielen Abonnenten der Republik war Seibt der eigentliche Grund, das Abo zu erneuern. Zu ihrem Glück befindet sich der Maestro gerade in der Spätphase der Geschwätzigkeit.

Losgelöst von jeder Aktualität schreibt Seibt nun so lokal, wie es nur geht, nämlich über sein Gehirn, und warum das nicht so gut funktioniert. Seibt hat nämlich von Onkel Doktor die Diagnose ADHS erhalten. ADHS, auch bekannt als Zappelphillipp-Syndrom, ist eine gefährliche Krankheit. Wie überhaupt alle Krankheiten mit vier Buchstaben: AIDS, ABBA, Kopf(weh).

Wer unter ADHS leidet, wird selten 100 Jahre alt. Leute mit ADHS fahren in Kontinentaleuropa häufig rechts auf der Strasse und nicken bei Texten über 5000 Zeichen ein. Ausser, sie schreiben selber Zeichenungetüme.

Krankheit ADHS

Seibt, vor Kurzem Vater geworden, leidet aber nicht nur unter ADHS. Er leidet auch unter einem falschen Körper. Normalerweise schreiben eher Frauen Blogs über ihren Körper. Zum Beispiel, wenn sie unter Schwangerschaft oder Menopause leiden.

Schon zehn Folgen hat er geschrieben, und es kommen noch viele mehr, hoffentlich. Seibt schreibt, was ihm durch den Kopf geht. Und das ist ziemlich viel. Zum Beispiel, wie er durch den Geburtskanal vom Mami durchgeflutscht ist und dass er beim «Tagi» mehr verdient hat als 99 Prozent der Menschheit.

Eigentlich gibt es bei der «Republik» bereits diverse Kontrollinstanzen. Für die Artikel von Seibt bräuchte es aber noch einen Papagei im Redaktionszimmer, der alle zehn Sekunden kräht: «Nicht lustig, nicht spannend, nicht relevant.» Denn was mit Seibt geschehen ist, macht nur traurig. Der ehemals nicht untalentierte Autor hat keinen Rahmen mehr. Der Esprit ist verloren gegangen. Wenn Seibt heute schreibt, ist das nur noch ein zäher Monolog mit ein paar Aphorismen.

Nun, ich wünsche Seibt viel Geduld mit seiner Krankheit und rate ihm zu Computerspielen, Schnapps oder Ritalin. Die beruhigen ungemein. Ich weiss das, weil ich auch ADHS habe. Seit 43 Jahren.

Das grosse Bibbern im Internet

Endlich Profit im Jahr 2020. Das war die Ansage. Millionenverluste ist die Realität.

News-Plattformen im Internet. Keine Distributionskosten, überall auf der Welt gibt es Zielpublikum, das muss doch laufen. Schaut Euch nur die Huffington Post an. Als persönlicher Blog von Ariane Huffington gestartet, dann zu einer einflussreichen Stimme in den USA gereift, schliesslich für Multimillionen verkauft.

The sky is the limit, wie der Ami gerne sagt, bei dem die Träume immer sehr hoch steigen. Meistens aber vor der Bruchlandung. Die deutsche Ausgabe der HuffPost wurde 2013 zusammen mit Burda Medien mit viel Trara gestartet, 2019 ohne grosses Begräbnis beendet.

BuzzFeed und Vice Media gehören auch zu den grossen Internet-Stars mit vielen Ablegern in verschiedenen Sprachen. Sie erhofften sich 2020 endlich schwarze Zahlen. BuzzFeed kündigte – zum ersten Mal seit Gründung – einen Gewinn von 30 Millionen Dollar an für dieses Jahr. Inzwischen, schreibt die «Financial Times» (Artikel hinter Bezahlschranke), hofft man, die Verluste auf unter 20 Millionen zu drücken.

Geld verdienen statt verbrennen

BuzzFeed und Vice hatten schon 2019 tiefe Einschnitte in die Kosten gemacht und rund 15 Prozent der Mitarbeiter entlassen. Wir sprechen hier von Hunderten von Stellen weltweit. In diese beiden Platzhirsche wurden bereits Milliarden investiert, in der steten Hoffnung, dass doch irgendwann einmal nicht mehr Geld verbrannt, sondern verdient werden kann.

Das sind Giganten, gegen die alles, was in der Schweiz im Internet kreucht und fleucht, selbst unter der Lupe nur Zwergengrösse erreicht. Vice machte letztes Jahr einen Verlust von 50 Millionen Dollar, bei Einnahmen von 600 Millionen. Dabei ist völlig klar, dass es im Werbemarkt nur einen Gewinner gibt: online. Einnahmen aus Online-Marketing steigen und steigen, in den nächsten fünf Jahren wird ein weiterer Sprung von 300 auf 400 erwartet. Milliarden Dollar.

Print, TV, Radio, Plakate und Direct Marketing dagegen stagnieren oder schrumpfen und schrumpfen. Auch in den USA passiert das Gleiche wie in der Schweiz. Die Einnahmen kommen nicht in erster Linie bei den Content Providern an. Sondern bei den Platzhirschen Google und Facebook. Die schneiden sich zusammen 54 Prozent vom Werbekuchen ab.

Google, Facebook, dann lange nichts

Dann folgen schon abgeschlagen Amazon, YouTube, Twitter und Snapchat. Die Pandemie hat nun noch für eine weitere Verschärfung der Lage gesorgt. Querbeet sind die Werbeeinnahmen eingebrochen. Nur Qualitätsmedien wie die «New York Times» (oder die «Financial Times») mit konsequenter Bezahlschranke im Internet können sich zurzeit einigermassen halten.

Keine good news für «Watson» in der Schweiz. Das einzige grössere Online-Only-Magazin, das sich nur aus Werbung finanziert. Alle übrigen, von der «Republik» aufwärts und abwärts, bedienen jeweils nur eine verschwindend kleine Randgruppe. Wer dabei – wie die «Republik» – auf Werbeeinnahmen verzichtet, ist dafür dem Wohlwollen seiner Klientel völlig ausgeliefert. Wird deren Filterblase nicht bedient, straft der Abonnent schnell mit Abbestellung.

Also sind die News ohne Blabla oder Bullshit auch in der Schweiz: Wer kein tragfähiges Finanzierungsmodell hat, wer sich von Google & Co. die Werbebutter vom Brot nehmen lässt, ist zum Untergang verurteilt. Das gilt für Grosse und Kleine, aber natürlich nicht für ZACKBUM.ch.

SRF-Shop-Flop

Die SRG muss sparen. Zuerst müsste sie lernen, wie man Geld verdient.

Wer denkt, dass DVDs heutzutage fast nichts mehr kosten, irrt sich. «Unterm Dirndl wird gejodelt» kostet auf Amazon 45,34 Euro. «Geh, zieh dein Dirndl aus» ist mit 15,38 Euro etwas günstiger. So betrachtet, ist an den Fr. 39.80 nichts auszusetzen, die der SRF-Film «Es geschah am… Der Geisterzug von Spiez» im SRF-Shop kosten.

Seltsam ist aber, dass dieser Film seit letzten September gratis auf Youtube läuft. Und zwar ziemlich erfolgreich: Über 260’000 Mal wurde der Film bereits angeklickt. Auch andere SRF-Filme kosten im SRF-Shop knapp 40 Franken und laufen zugleich auf der Plattform; und das schon seit Jahren. Hochgeladen wurden die Filme von SRF höchstpersönlich.

Geheimsache Umsatz

SRF erklärt dieses seltsame Geschäftsmodell damit, dass es sich bei diesen Filmen überwiegend um Lizenzprodukte handle, die mit dem «Programmvorhaben von SRF» nichts zu tun hätten.

Spannend wäre nun die Frage, wie viel SRF mit seinem Shop überhaupt verdient. Aber das wird nicht beantwortet. Der bundesnahe Betrieb darf aus «vertraglichen Gründen» keine Angaben zum Umsatz machen. Seit 2005 übernimmt nämlich die Migros-Tochter Ex Libris die Abwicklung. 2021 soll es zu einer Neubeurteilung des SRF-Shops kommen, so die Medienstelle.

 

 

 

 

 

 

 

Wenn der Staat Recherchen killen will

Recht haben ist gut. Aber teuer. Musste die WoZ erfahren.

Die Wochenzeitung (WoZ) musste dem Bund 5458 Franken zahlen, obwohl ihr die Unterlagen gemäss Öffentlichkeitsgesetz zustanden. Damit bremst die Verwaltung ungeliebte Nachforschungen.

In einer jüngeren Ausgabe der Wochenzeitung (WoZ) wird der Abwehrreflex des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) kritisiert. Das Seco, das zum Departement von Bundesrat Guy Parmelin (SVP) gehört, rückte die verlangten Unterlagen nur nach langem Gerichtsverfahren und unter Verrechnung von 5458 Franken Gebühren heraus. Lang bedeutet fünf Jahre und den ultimativen Entscheid im Sinne der WoZ durch das Bundesgericht. Für die WoZ war die Gebühr zahlbar, für freie Journalisten und kleine Verlage sind solche Beträge aber ein Grund, auf die Recherche zu verzichten. Genau das, was Ämter offensichtlich damit bezwecken wollen.

«Wohltuende Deutlichkeit»

Konkret ging es bei der umfangreichen Recherche der WoZ um Dokumente verschiedener Schweizer Waffenexporteure. Die WoZ klopfte dafür beim Seco an und verlangte die Namen sämtlicher Rüstungsexporteure. Die WoZ berief sich auf das Öffentlichkeitsgesetz. Dank dieses Gesetzes sollen alle Informationen und Dokumente der Bundesverwaltung öffentlich zugänglich sein. So zumindest die Theorie. Doch laut Regula Bähler, der Hausanwältin der WoZ, weigerte sich das Seco, die Daten herauszugeben. Doch erst nach dem Bundesgerichtsentscheid von 2019 «musste das Seco nachholen, was es von allem Anfang hätte tun sollen». Abklären, ob die betroffenen Firmen an den herausverlangten Dokumenten überhaupt ein Geheimhaltungsinteresse geltend machen. Dazu komme eine Güterabwägung. «Die involvierten Gerichte haben je in wohltuender Deutlichkeit entschieden, dass dabei das Interesse an einer Veröffentlichung schwerer zu gewichten ist», so Regula Bähler in der WoZ. Wie willkürlich, ja sauer das Seco auf das Bundesgerichtsurteil reagiert hat, zeigt die «Verrechnung von 28 Arbeitsstunden für die Auswertung von Fragebogen», wie Bähler im von Susan Boos geführten WoZ-Interview sagt.

Tipps für freie Journalisten

Journalistin Boos erkundigt sich, was freie Journalistinnen und Journalisten machen sollen, die sich weder Gebühren noch Anwaltskosten leisten können. Ein Gesuch um Gebührenerlass sei möglich, erklärte Bähler, Hausanwältin der WoZ. Wenn das nicht klappe, bleibe nur die Möglichkeit, eine Redaktion zu suchen, welche die Kosten übernimmt, Geldgeber suchen also – oder auf diesen Teil der Recherche zu verzichten.

Geschäft kommt erst 2021 in den Nationalrat

Regula Bähler fordert im Artikel, dass das Öffentlichkeitsgesetz nachgebessert werden solle: «Auf jeden Fall wäre verbindlich festzulegen, dass für den Zugang zu amtlichen Dokumenten grundsätzlich keine Kosten erhoben werden.» Eine parlamentarische Initiative von Edith Graf-Litscher (SP), eingereicht 2016, verlangt dies. Die Staatspolitische Kommission des National- und Ständerats ist mit der Idee einverstanden. Das Geschäft muss aber erst bis in der Frühjahrssession 2021 im Nationalrat behandelt werden. Berns Politmühlen mahlen langsam.

Verwaltung soll umdenken

Für Regula Bähler ist dieser langwierige Polit-Prozess aber nicht das Hauptproblem. «Die Mitarbeitenden der Verwaltung oder von öffentlichen Institutionen sollen mit einer anderen Grundhaltung auf Zugangsgesuche reagieren. Gesuchsteller haben nicht einfach Böses im Sinn. Es braucht das Bewusstsein, dass Transparenz in einem Rechtsstaat etwas Selbstverständliches ist», so Bähler.

Ach ja, und wer sind nun diese Rüstungsfirmen, über die das Seco nicht Auskunft geben wollte? Neben den üblichen Verdächtigen wie Rheinmetall Air Defence AG in Zürich Oerlikon und der SIG Sauer AG in Schaffhausen auch Firmen wie Nammo MTH AG im Wallis und die Sauter Bachmann AG in Netstal, Glarus. Alles nachzulesen (ohne Bezahlschranke) im Rüstungsreport der Wochenzeitung.

Wenn das Sommerloch gähnt

Und sich noch nicht mal die Hand vor den Mund hält …

Wenn Reportagen über Badeanstalten erscheinen, Leser aufgefordert werden, ihre schönsten Ferienfotos einzusenden, dann weiss man: Das Sommerloch erhebt sein hässliches Haupt.

Obwohl die Journalisten eigentlich die Einzigen sind, die darüber froh sind, dass es das Virus und die Pandemie gibt, immerhin ein Dauerbrenner, füllt das natürlich auch nicht alle Löcher.

Da kommt es wie gerufen, dass der alte Profi Kurt. W. Zimmermann mal wieder zeigt, wie man mit einem kleinen Tweet für Aufregung sorgen kann, als wär’s einer von Donald Trump. Also zwitschert er munter am 28. Juli:

«Ich habe gehört, ich sei ein Mitarbeiter eines Medienportals namens «Zackbum». Davon weiss ich nichts.» 15 Wörter, 7 Satzzeichen, und schon machen einige Männchen und verbellen einen Riesenskandal.

Keine Story ist auch eine Story

Der Chefredaktor eines Branchenblattes bittet um Aufklärung, mitsamt Deadline für die Antwort. Und auch persoenlich.com gerät ins Hyperventilieren und bittet um Klärung des Sachverhalts.

Die Sache verhält sich so, dass es keine Sache, keinen Skandal, keine Verwirrung, schlichtweg gar nichts gibt. Überhaupt nichts. Ausser dem Sommerloch. Und wenn sich das nicht die Hand vors Maul hält, dann entsteht ein Aufmacher mit dem Titel: «Verwirrung um neue medienkritische Plattform». Himmels willen, wer ist da verwirrt, sie selbst? Gibt es sie gar nicht? Ist sie schon wieder eingestellt? Hat sie mit Fake News von sich reden gemacht?

Auf jeden Fall sorge sie «schon für Aufsehen, kaum lanciert», weiss persoenlich.com. Oh, Potzblitz, megakrass, genau das will doch wohl ein neues Medium. Oder doch nicht?

Nichts von alledem. Das bekam der gewaltig recherchierende Enthüllungsjournalist von persoenlich.com auch haarklein erklärt. Dann machte er den uralten Trick: Eigentlich wäre die Story damit gestorben. Aber he, es ist Sommerloch, also bringen wir die Erklärung – in einer Story. Und da wir ja schlecht «Das ist keine Story» drüberschreiben können, zudem nicht Magritte heissen, aber eigentlich kein anderer Titel möglich ist, nehmen wir doch das gute alte «Verwirrung».

Dann versucht sich Loric Lehmann in Ironie, was aber leider nur was für Könner ist. Er kopiert einen Abschnitt aus dem Q&A von ZACKBUM.ch und fügt maliziös hinzu: «Offenbar hat aber jemand der drei im Impressum ausgewiesenen Journalisten versäumt, Kurt W. Zimmermann über seine neue Stelle als Gastautor zu informieren.»

Schenkelklopf, prust, kicher. Aber der wirkliche Lacher kommt erst. Denn Zimmi, der alte Profi, weiss, wie man mit kleinstem Aufwand grösste Wirkung erzielen kann. Er kennt doch seine Kollegen von der schreibenden Zunft, deren durchschnittlichen IQ und deren Bedarf, im Sommerloch alles zu verarbeiten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Also twittert er nonchalant, dass er nix von seiner Mitarbeit bei «Zackbum» wisse. Das ist nun, wie formuliere ich das höflich, im breiteren Streubereich der Wahrheit. Denn, der Fluch des modernen Mailverkehrs, man hat fast alles schriftlich.

Kleiner Sabber-Test

Zum Beispiel, dass ich vergangenen Samstag um 7.38 Uhr, mitten in den letzten Handgriffen für den Launch, noch die Zeit fand, Zimmi ein Mail zu schreiben, in dem ich ihn darüber informierte, wie sein Name in die «Schweiz am Wochenende» geraten sei. Er wünschte dann artig viel Erfolg, und eigentlich nahm ich an, dass damit die Sache erledigt sei.

Bis Zimmi mal wieder die pavlovschen Reflexe der Journalisten testen wollte. Kleiner Scherz-Tweet, grosse Wirkung, es wird gesabbert.

Randnotiz: Aufhebens um unsere zweite Medienmitteilung zu machen, dass wir schon im ersten Tag der Existenz von der «SonntagsZeitung» das Eingeständnis einer Falschmeldung erwirkten, die in der nächsten Ausgabe richtiggestellt wird? Aber nein, «Relevanz?», mokiert sich der gleiche Journalist, der diesen Pipifax hier für ungeheuer relevant hält.

Es ist ja leider so: Das Umfeld, die Einnahmen, die Zukunft, alles etwas eingetrübt im Journalismus. Aber es ist ja nicht nur exogen; viele Journalisten betätigen sich zudem als Totengräber ihrer Zunft.

Die geilste Blick-Geschichte

Viel Wein um nichts.

Wir leben in atemberaubenden Zeiten. Oder, wie jeder zweite Journalist gerne schreibt: Die Welt nach Corona wird nicht mehr die Welt vor Corona sein. Gewiss. Beruhigend ist aber, dass die Schweiz erstaunlich krisenfest ist. Manchmal erkennt man das erst in der Rückblende. Zum Beispiel vor exakt 12 Wochen. Damals, am 6. Mai, geschah nämlich ein bislang ungeahndetes Verbrechen.

Und zwar folgendes: Mehrere National- und Ständeräte hatten nach einer 14 Stunden-Session zwei, drei Gläschen Wein getrunken und waren sich dabei zu nahe gekommen. Tatort war das «Henris», ein Lokal, das in der Berner Expo-Halle extra für die Parlamentarier offen hatte.

Aufgedeckt hat das die mutige Blick-Journalistin Sermin Faki. «Mindestens 50 Parlamentarier (…) trafen sich nach 22.30 Uhr in der Beiz.» Es könnten sogar 100 gewesen sein. Faki weiss, beziehungsweise, sie vermutet stark, dass die zwei Meter Abstand nicht immer eingehalten wurden. Fotos der Weinseligen hat sie leider keine, Namen der Saufkumpanen auch nicht.

Wer, was und wie viel getrunken hat, ist unklar. Faki hat aber recherchiert, dass mehrere Fraktionen am Gelage teilgenommen haben. Das hätten ihr Quellen gesagt, oder war es eher gelallt?

Wer ist eigentlich Faki? Faki ist Blick-Politikchefin. Der «Schweizer Journalist» hat sie auf das Cover der Januar-Ausgabe gehievt. Die Begründung ist etwas kompliziert. Faki stehe für Diversität, und Diversität fehle im Schweizer Parlament. Ausserdem wolle das lächelnde Covergirl gar kein Vorbild sein. Wie gesagt, es ist alles etwas kompliziert.

Wo gibt es denn hier Alkohol?

Zurück zum Skandal. Faki war an der Session anwesend. Dabei habe sie «persönlich mehrfach beobachtet», schreibt sie auf Anfrage, «wie Parlamentarier den Mindestabstand von zwei Meter nicht einhielten.» Fakis Anliegen: «Die Politiker an ihre Verantwortung und Vorbildfunktion zu erinnern.»

Als vorbildliche Politikchefin spinnt sie im Artikel darum weiter: «Spätestens nach zwei, drei Gläsern Wein dürften sich die kontaktfreudigen Politiker näher gekommen sein.» Was sie leider nicht schreibt: «Nach vier, fünf Gläser Wein lagen sich die Politiker verschiedener Fraktionen bestimmt in den Armen und nach sechs, sieben Gläser Wein zogen sich – 100 Prozent! – die ersten SVP-Parlamentarier aus.» Ist das noch verantwortungsvoll, liebe Politiker?

Zwei Tage später wird die schöne Geschichte noch schöner. Chefredaktor Christian Dorer legt nach. Er nennt das grossartige Recherche-Stück passend eine «Blick-Enthüllung» und haut auf den Tisch: «Nicht wenige Parlamentarier trieb offenbar vor allem eine Frage um: Wo gibt es hier Alkohol?»

Ja, wo gibt es den? Früher zumindest in den Schubladen einiger, ziemlich guter, Blick-Journalisten. Die hätten diese Geschichte wahrscheinlich nicht einmal im Vollsuff geschrieben. Warum nicht? Zu abgestanden halt.